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Full text of "Geschichte der Serben"

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ALLGEMEINE STAATENGESCHICHTE. 

Herausgegeben von KARL LAMPRECHT. 

I. ABTEILUNG : GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN STAATEN. — II. ABTEILUNG : GE- 

SCHICHTE DER AUSZEREUROPÄISCHEN STAATEN. — III. ABTEILUNG : DEUTSCHE 

LANDESGESCHICHTEN. 



Erste Abteilung: 




Herausgegeben 

von 

A. H. L. HEEREN, F. A. UKERT, 
W. V. GIESEBRECHT UND K. LAMPRECHT. 



Achtunddreifsigstes Werk : 

JIRECEK, GESCHICHTE DER SERBEN. 
I. Band. 




GOTHA 1911. 
FRIEDRICH ANDREAS PERTHES A.-G, 



GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN STAATEN. 

Herausgegeben von 

A. H. L. HEEREN, F. A. UKERT, W. v. GIESEBRECHT 

UND K. LAMPRECHT. 

Achtunddreifsigstes Werk. 



GESCHICHTE DER SERBEN. 



VON 



CONSTANTIN JIRECEK. J^ 

/ 

Erster Band. 
(Bis 137 1.) 




GOTHA 1911. 
FRIEDRICH ANDREAS PERTHES A.-G. 



Vorwort. 



Die Serben sind seit der Einwanderung der Slawen in das 
alte Illyricum stets eine hervorragende Nation der Balkanhalbinsel 
geblieben. Ihre Geschichte zerfällt in zwei Perioden ; in der ersten 
stehen im Vordergrunde die Berührungen mit dem oströmischen 
Kaisertum, in der zweiten die mit den osmanischen Türken. 

Im Mittelalter waren die Serben zu verschiedenen Zeiten 
Bundesgenossen, Vasallen, Rivalen und Gegner der Byzantiner, 
nie aber direkte Untertanen der Kaiser von Konstantinopel, 
wie einmal ihre Nachbarn, die Bulgaren von 971, teilweise von 
1018 bis 1186. Dabei wurden sie treue Anhänger der orienta- 
lischen Kirche, die äußersten im Nordwesten gegen die in Dalma- 
tien, Kroatien und Ungarn herrschende römische Kirche und die 
in Bosnien heimisch gewordene Sekte der Patarener (Bogomilen 
oder Babunen). Der Wechsel der Machtstellung brachte Ände- 
rungen des politischen Mittelpunktes des Serbentums mit sich, 
welcher sich in verschiedenen Jahrhunderten im Limtal, am See 
von Skutari, an den Ufern der Raska bei dem jetzigen Novipazar, 
in Skopje im nördHchen Makedonien, zuletzt in Belgrad und Sme- 
derevo an der Donau befand. Die serbische Nationalkirche hatte 
indessen im 13. bis 18. Jahrhundert ihren Mittelpunkt stets in Pec 
(türkisch Ipek), nahe an der Ostgrenze des heutigen Montenegro. 
Die Herrscher der Serben nannten sich Fürsten oder Herzöge, 
Großzupane, Despoten, Könige, im 14. Jahrhundert sogar Kaiser 
(Zaren), als das serbische Reich unter dem „Kaiser der Serben 
und Griechen" Stephan Dusan (1331 — 1355) den größten Teil der 
Halbinsel in sich schloß. Bald darauf begann der Kampf gegen 



YI Vorwort. 

die Türken, mit den Schlachten an der Marica (1371) und auf dem 
Amselfelde (1 389). Eingeengt zwischen Ungarn und Türken, leisteten 
die Serben dem Vordringen der Osmanen hartnäckigen Widerstand. 
Der Untergang des altserbischen Staates hatte eine starke Emi- 
gration nach Norden und Nordwesten, nach Ungarn, Kroatien und 
Dalraatien zur Folge, zugleich aber auch einen bedeutenden Rück- 
gang des serbischen Elementes im Innern der Halbinsel, in den 
jetzt „Altserbien" genannten Gebieten. Diese Emigration brachte 
es mit sich, daß der Nachfolger der alten serbischen Erzbischöfe 
oder Patriarchen von Pec jetzt in Karlowitz an der Donau auf 
dem Boden des „dreieinigen Königreiches" von Kroatien, Slawonien 
und Dalmatien in der österreichisch-ungarischen Monarchie resi- 
diert. Während des Verfalles des osmanischen Reiches beteiligten 
sich die Serben an allen Türkenkriegen der Österreicher, Vene- 
zianer und Russen. Ihre Freiheitskriege führten zur Entstehung 
von zwei neuen serbischen Staaten, der heutigen Königreiche von 
Serbien und Montenegro. 

Die Literatur über die serbische Geschichte ist an Umfang nicht 
gering. An der Grenzscheide zwischen der mittelalterlichen und mo- 
dernen Historiographie steht ein Ragusaner, der Benediktiner Mauro 
Orbini mit seinem aus schriftlichen und mündlichen Quellen bunt zu- 
sammengestellten „IlRegno degli Slavi" (Pesaro 1601). Die ein- 
heimischen Arbeiten eröffnet im 18. Jahrhundert das vierbändige Buch 
des Archimandriten Rajic (1794). Das 19. Jahrhundert hat kein 
großes nationales Geschichtswerk hervorgebracht, etwas in der 
Art, wie die bändereichen Werke über russische Geschichte von 
Karamzin und Solovjev, wohl aber eine große Anzahl von wich- 
tigen Detailstudien. Dabei gab es unter den einheimischen Histo- 
rikern zum Schluß des 19. Jahrhunderts große Kämpfe. Eine 
Partei ließ die Aufzeichnungen der jüngsten Zeit, besonders die 
in den letzten hundert Jahren gesammelten epischen Volkslieder 
und Volkssagen als Geschichtsquellen für das Mittelalter gelten, 
voran Panta Sreckovid (f 1903). Die Gegenpartei, geführt vom 
Archimandriten Ilarion Ruvarac (f 1905), dem die serbische 
Kirchengeschichte viel zu verdanken hat, und von Ljubomir 
Kovacevid, bemühte sich, die moderne historische Kritik in der 
vaterländischen Geschichtsforschung zur Geltung zu bringen. Neben 



Vorwort. vn 

der Geschichte des Despoten Georg und der Dynastie der Balsidi 
hat Cedomil Mijatovid die ökonomischen Verhältnisse der Ver- 
gangenheit beleuchtet, der unermüdliche Stojan Novakovid neben 
einer Menge von Fragen der gesamten serbischen Geschichte bis 
in die neueste Zeit besonders die Kultur- und Rechtsgeschichte. 
Als Sammler und Herausgeber altserbischer Denkmäler haben 
Georg Danicid, Stojan Novakovid und Ljubomir Stojanovid eine 
große Tätigkeit entfaltet, zumeist in den Schriften der einstigen 
Serbischen Gelehrten Gesellschaft von Belgrad (im Glasnik) und 
der unter König Milan gegründeten Königlich Serbischen Akademie 
der Wissenschaften (im Glas, Spomenik, Zbornik). Groß ist die 
Zahl der Publikationen über die Geschichte des 19. Jahrhunderts, 
eröffnet von den Zeitgenossen des serbischen Aufstandes der Jahre 
1804 bis 1815, besonders von dem Begründer der neuserbischen 
Literatur Vuk Stefanovic Karadzid und von Lazar Arsenijevid- 
Batalaka. Von hohem Wert sind für den Historiker die von dem 
Ragusaner Bogisid (f 1908), dem Verfasser des neuen montene- 
grinischen Gesetzbuches, begonnenen Sammlungen der teilweise 
noch lebenden Rechtsgebräuche. Weite Ausblicke in die Ver- 
gangenheit bietet das Sammelwerk über die serbischen Siedlungen 
(Naselja) unserer Zeiten, begründet (1902) und geleitet von den 
Geographen Professor Dr. Jovan Cvijid, in den Schriften der 
Belgrader Akademie (bisher sechs Bände). Die einheimischen 
Monographien über politische, Rechts-, Kultur- und Literatur- 
geschichte oder Archäologie aus den letzten 50 Jahren sind auf 
den folgenden Seiten oft erwähnt: von Dragovid, dem Archiman- 
driten Nikephor Ducid, Gavrilovic, Viadan Gjorgjevic, Ivic, 
Ljubomir und Slobodan Jovanovid, Nikola Krstid, Milicevid, Ge- 
neral Miskovid, Konst. Nikolajevid, Ostojid, Pavlovid, Bozidar Pe- 
tranovid, V. und N. Petrovic, P. Popovid, Radonid, von Resetar, 
Jovan Ristid (dem serb. Ministerpräsidenten), Dimitrije Ruvarac 
(Ilarions Bruder), SkerHd, Stanojevid, Georg von Stratimirovid , 
Johannes Safarik, Tomid, Vasid, Valtrovid, Trojanovid, Vilovski, 
Vitkovid, dem Grafen L. Vojnovid, Vujid, Vukidevid, Vukomanovid, 
Vulid und vielen anderen. Das unbestrittene Verdienst dieser 
Untersuchungen ist für die ältere Zeit die kritische Erörterung 
zahlreicher chronologischer, genealogischer, geographischer und 



VIII Vorwort. 

rechtshistorischer Fragen, für die neuere die eifrige Sammlung und 
Sichtung des archivaHschen Materiales. Von Gesamtdarstellungen 
folgt nach der des Russen Majkov (1857), serbisch übersetzt von 
Danicic (2. A. 1876), und den Schulbüchern von N. Krstic (2. A. 1868) 
und von Lj. Kovacevic und Lj. Jovanovic (Belgrad 1890 — 1891, 
2 Bde.) ein für einen großen Leserkreis bestimmtes Handbuch : 
„Geschichte des serbischen Volkes" (bis auf unsere Tage) von 
Professor Dr. Stanoje Stanojevic (Istorija srpskoga naroda, 2. Aufl., 
Belgrad 1910, 8*^, 385 S., politische Geschichte, ohne Kultur- 
geschichte und ohne Belege in Anmerkungen). 

Die Historiker des stammverwandten Kroatiens haben sich 
durch Sammlung von Materialien auch um die serbische Geschichte 
nicht geringe Verdienste erworben, vor allem Kukuljevic, Racki, 
Ljubic und Smiciklas, besonders in den Publikationen der Süd- 
slawischen Akademie der Wissenschaften in Agram, den „Monu- 
menta spectantia historiam Slavorum meridionalium ", den „Monu- 
menta historico-juridica Slavorum meridionalium", den alte Texte 
enthaltenden „Starine" und dem neuen „Codex diplomaticus " des 
dreieinigen Königreiches. Für die Slawisten hatte das serbische 
Mittelalter seit den Anfängen der slawischen Philologie eine große 
Anziehungskraft, von welcher die Untersuchungen und Editionen 
von Dobrowsky, Vostokov, Kopitar, Paul Jos. Safafik, Miklosich, 
Sreznevskij und Jagic Zeugnis geben. Bei ihren Studien über 
Byzanz, das orthodoxe Slawentum, die slawischen Sprachen und 
Literaturen und die Geschichte des russischen Reiches in der Neu- 
zeit haben sich die Russen viel mit den Denkmälern und der Ver- 
gangenheit der Serben beschäftigt, seit den ersten Reisen zu den 
Bibliotheken des Athos, welche der Philologe Grigorovic und der 
spätere Bischof Porfyrij Uspenskij in den vierziger Jahren des 
19. Jahrhunderts unternommen haben: Bezsonov, Budilovic, der 
Metropolit Filaret, Florinskij, Golubinskij, K. Grot, Hilferding, 
Jacimirskij, Jastrebov, Kocubinskij, Kondakov, Kulakovskij, La- 
manskij, Lavrov, Lavrovskij, der Archimandrit Leonid (Kavelin), 
Majkov, Makusev, Miljukov, Petrovskij, A. Pogodin, Nil Popov, 
Pypin, Rovinskij, Speranskij, Syrku, Theodor Uspenskij, Zigel 
und viele andere. Nachbarliche Verhältnisse erweckten in Ungarn 
ein reges Interesse für serbische Geschichte; voran stehen die 



Vorwort. IX 

bekannten, auch in deutschen Ausgaben zugänglichen Werke von 
Källay und von Thalloczy, In deutscher Sprache hat Johann 
Christian von Engel, ein Beamter der siebenbürgischen Hof kanzlei 
(t 1814), mit Benützung des Werkes von Rajic, sowie lateinischer 
und griechischer Quellen ein umfangreiches Buch veröflfentlicht : 
„ Geschichte von Serwien und Bosnien ", Halle 1801, 4'^ (Geschichte 
des ungrischen Reiches und seiner Nebenländer, HI. Teil). Das 
Werk wurde bei dem Mangel neuerer Handbücher bis auf unsere 
Tage von Nichtserben immer noch zu Rate gezogen. Einer der hervor- 
ragendsten deutschen Historiker unserer Zeit, Leopold von Ranke 
(t 1886), widmete der Geschichte des serbischen Aufstandes ein 
viel gelesenes Buch (1829), zu welchem ihm Vuk Karadzic das 
meiste Material geliefert hat; in der letzten Bearbeitung bietet es 
eine Fortsetzung bis zum Frieden von St. Stefano : „ Serbien und 
die Türkei im neunzehnten Jahrhundert" (Leipzig 1879). 

Hundert Jahre nach dem Erscheinen des Werkes von Engel 
wurde dem Verfasser des vorliegenden Buches von der Leitung 
der „ Allgemeinen Staatengeschichte " der ehrenvolle Auftrag zuteil, 
wieder eine vorzugsweise für abendländische Leser bestimmte Ge- 
schichte Serbiens zu bearbeiten. Bei seinen Studien über die 
Balkanländer war er seit Jahren stets in Verbindung mit dem 
Gegenstande geblieben, seit seiner Ausgabe (1874) des Typikons 
des vom Großzupau Stephan Nemanja im 12. Jahrhundert ge- 
gründeten Klosters Studenica (im Glasnik Bd. 40), durch Arbeiten 
über die historische Geographie und die Geschichte des Handels 
und der Bergwerke des mittelalterlichen Serbiens, durch verschie- 
dene Monographien, eine Urkundensaramlung (im Spomenik Bd. 
11), Rezensionen neuerer Werke u. dgl., so daß die Bausteine zu 
einem größeren Werke schon zum Teil vorbereitet waren. Den- 
noch war die Aufgabe nicht leicht. Das Material zur Geschichte 
der Serben ist reichhaltiger, als z. B. über die Geschichte der Bul- 
garen, die der Verfasser einmal bearbeitet hat (1876), aber es ist 
besonders für das frühere Mittelalter sehr fragmentarisch und sehr 
ungleich erhalten. Alle bisherigen Quellensammlungen sind nur Vor- 
arbeiten. Es gibt keinen „Codex diplomaticus" und keine Regesten 
zur serbischen Geschichte, keine „Fontes rerum serbicarum", ja 
nicht einmal eine Quellenkunde oder eine historische Bibliographie. 



X Vorwort. 

Für die Geschichte der Neuzeit vermißt man vor allem eine voll- 
ständige Publikation der Korrespondenzen und Akten über die 
Freiheitskämpfe 1804 — 1815. Meine Bemühungen, die sehr zer- 
streute Literatur aufzutreiben, hatten bei der Seltenheit vieler ser- 
bischen und russischen Drucke nicht immer den gewünschten 
Erfolg. Von ungedruckten Quellen sind außer einzelnen Hand- 
schriften herangezogen die seit dem 12. Jahrhundert so reich- 
haltigen Archive der Republik Ragusa auf Grund von Studien, 
die ich dort in den Jahren 1878—1879 und 1890—1904 zu 
wiederholten Malen noch vor dem Erscheinen der „Monumenta 
Ragusina" der Südslawischen Akademie und der Sammelwerke 
von Gelcich und Thalloczy, sowie von Jorga betrieben habe. 
Benutzt sind die geringen Reste des Archivs von Cattaro, ebenso 
einiges aus dem Statthaltereiarchiv von Zara und dem Archiv der 
einstigen Republik von Venedig. 

Als meine Hauptaufgabe betrachtete ich eine quellenmäßig 
beglaubigte, zusammenhängende, nüchterne Darlegung der wich- 
tigsten Ereignisse in der Geschichte dieser Gebiete. Einzelheiten, 
welche einem einheimischen Historiker und seinen Lesern näher 
liegen, mußten vermieden bleiben. Im Vordergrunde steht 
das Mittelalter, der altserbische Staat mit seiner politischen Ge- 
sellschaft und seinen wirtschaftlichen Verhältnissen. Neben dem 
serbischen Reich ist aber auch allen Nachbarländern gebührende 
Aufmerksamkeit gewidmet worden, vor allem dem mittelalterlichen 
Bosnien, welches eine religiöse Sonderstellung hatte und ein Rivale 
Serbiens war, sowohl zu Lebzeiten des Stephan Dusan, wo der 
bosnische Ban Stephan H. die Serben von der adriatischen Küste 
zu verdrängen begann, als in der Periode der serbischen Despoten 
des 15. Jahrhunderts, welche mit den bosnischen Königen fort- 
während Grenzkriege zu führen hatten. Auf Wunsch der Redak- 
tion der „Allgemeinen Staatengeschichte" wurden die inneren 
Verhältnisse mehr in Betracht gezogen, was manche Schwierig- 
keiten mit sich brachte, denn es mußten zahlreiche dunkle 
Fragen besprochen werden, die bis jetzt nur wenig oder gar nicht 
erforscht sind. In bezug auf viele Details, z. B. über die Ge- 
schichte der alten Geschlechtsverfassung, verweise ich auf meine 
Studien über Staat und Gesellschaft im mittelalterlichen Serbien, 



Vorwort. XI 

welche in den Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissen- 
schaften in Wien 1911 erscheinen sollen, begleitet von dem mit- 
unter sehr umfangreichen Beweismaterial; in dem vorliegenden 
Buche beschränkte ich mich auf die Mitteilung der Resultate 
dieser Untersuchungen. Bei einer Literatur, in welcher neben 
wertvollen Daten so viele Hypothesen und Kombinationen mit- 
gehen, hielt ich die genaue Angabe der Quellen jederzeit für not- 
wendig, mag das Buch dadurch mit Anmerkungen nicht wenig 
belastet sein. 

Den zweiten Band soll eine Darstellung der inneren Verhält- 
nisse unter der Dynastie der Nemanjiden eröffnen, auf welche die 
Darstellung des Zeitalters der Despoten des 15. Jahrhunderts uiid 
schließlich die Neuzeit folgen wird, in demselben Ausmaße gehalten, 
wie das Mittelalter. Den Abschluß des Werkes werden einige 
Beilagen bilden: eine Übersicht der Abkürzungen (zugleich auch 
ein Verzeichnis der benutzten Sammelwerke und Zeitschriften), 
die Reihenfolge der Herrscher und der kirchlichen Oberhäupter, 
einige genealogische Tafeln usw., sowie ein alphabetisches Register. 

Die Drucklegung des Werkes hat sich durch große Unter- 
brechungen in der Arbeit sehr verzögert; das Glück, welches ich 
bei früheren schriftstellerischen Unternehmungen hatte, hat mich 
diesmal verlassen, infolge von großen Einschränkungen der freien 
Zeit durch periodisches Anwachsen der Berufsgeschäfte. 

Wien, Neujahr 1911. 

Der Verfasser. 



Anmerkung über die Sclireibung der Namen, 

Die serbokroatischen Namen und Worte sind in den landesüblichen 
Formen wiedergegeben. Die Transskription ist, um ein wissenschaftlich 
brauchbares, konsequent durchgeführtes System zu befolgen, die in Kroatien 
seit 1835 übliche, aufgenommen auch in den philologischen Werken von 
Miklosich, Jagic, Leskien usw. und auf den österreichischen militärischen 
Karten. Die neue, von Danicic 1878 eingeführte Schreibweise des Wörter- 
buchs (Rjecnik) der Südslawischen Akademie ist für philologische Zwecke 
genauer, hat aber noch nicht überall Boden gefaßt. 

K ist stets k, c aber tz (Cer lies Tzer, Golubac lies Golubatz, Studenica 
lies Studeuitza); z lautet wie deutsch s in lesen, s dagegen ist ein scharfes 
s wie- in deutsch lassen, essen. C ist tsch (Caslav lies Tschaslaf, Cacak 
lies Tschatschak, Macva lies Matschwa, Branicevo lies Branitschewo) , s ist 
seh (Sabac lies Schabatz, Uros lies Urosch, Dusan lies Duschan), z das 
französische j, magyarisch zs (Zica lies Schitscha, franz. Jitcha, Zarko lies 
Scharko), dz (im Rjecnik g) ein dsch, wie italienisch ge, gi in gente, giallo 
(Karadzic lies Karadschitsch\ Das dem Serbokroatischen eigentümliche « ist 
ein tj, in der Aussprache von tsch für Fremde schwer zu unterscheiden 
(altserbisch als k wiedergegeben): Pec lies Petsch, Obrenovic lies Obreno- 
witsch. Dj (im Rjecnik 3) ist ein weiches d oder g-, magyarisch gy: Djuradj 
oder Gjuragj (Georg), medja oder megja; iij (im Rjecnik u) ist ein weiches 
n wie spanisch ii, italienisch gu, magyarisch iiy (Nemanja wäre ital. Nemagna), 
Ij ein weiches 1, ital. gl (im Rjecnik 1). H ist sowohl h als ch, da beide 
Laute im Serbokroatischen in der Neuzeit zusammenfließen und in den Dialekten 
ganz verschwinden: der Feldherr Hrelja, ital. Creglia, griech. XQiXrjg, neuserb. 
meist nur Relja ausgesprochen. V ist das deutsche w, im Auslaut f (Vojislav 
lies Wojislaf). 

In altserbischen Worten ist das cyrillische l (in der älteren kroatischen 
Orthographie e) ein Halblaut, wie englisch u in but, church; neuserbisch 
ist es meist durch a ersetzt (kazntc Schatzmeister, jetzt kaznac lies kasnatz). 
Das Kirchenslawische hatte zwei Halblaute: i. (u) und i> (Y). Kirchenslawisch 
e lautete wie ea, ja, ebenso wie neubulgarisch, altserbisch wie e, je; im 
Russischen ist es ein e mit Erweichung des vorangehenden Konsonanten. 

Altserbisch ist 1 zwischen Konsonanten vokalisch : Vlk , in lat. Texten 
als Velcus , Volchus , Vulchus wiedergegeben , neuserbisch durch ii ersetzt : 
Vuk. Vokalisch bleibt r zwischen Konsonanten auch im Neuserbischen : trn 
Dorn (teru), Prvoslav (lat. Pervosclavus), Srbin (^Serbin) der Serbe. 

Rumänische und magyarische Worte werden in der nationalen Ortho- 
graphie wiedergegeben, die albanesischen nach der Schi-eibuug von Gustav 
Meyer (f ein Halblaut wie 'B ; d , ^ wie im Neugriechischen). Osmanisch- 
türkische Namen und Worte sind nach der Umschreibung in der Grammatik 
von Wahrmund (Gießen 1869) aufgenommen (y ein dumpfer Laut, dessen 
Aussprache zwischen i und ü in der Mitte liegt). 



Inhalt. 

Seite 

Erstes Bach. Die rorslawische Zeit 1 

Erstes Kapitel: Die Natur des Landes und ihr Einfluß auf 

die Geschichte 3 

Die Balkanhalbinsel, ihre Gestalt und Gliederung, S. 3. Die histo- 
risch wichtigen Verbindungswege, S. 7. Die Wohnsitze der Ser- 
ben und die territoriale Entwicklung der serbischen Geschichte, 
S. 9. 

Zweites Kapitel: Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten. . 12 
Die Eiszeit, S. 12. Wald und Tierwelt zu Beginn der historischen 
Zeit, S. 13. Die Illyrier, ihre Völkerstellung, Stamm- und Gau- 
verfassung, Wohnsitze und Burgen, Götterkulte und Nekropolen, 
S. 17. Die Thraker und ihre sozialen und politischen Verhältnisse, 
S. 24. Der thrakische Stamm der Triballer im jetzigen Königreich 
Serbien, S. 26. Hellenische Kolonien und Kultureinflüsse, S. 27. 
Vorstoß und Eroberungen der Kelten; die Skordisker im Morava- 
gebiet, S. 28. 

Dritt es Kapitel: Die Römer und das Zeitalter der Völker- 
wanderungen 30 

Die Eroberung der Hämusländer durch die Römer, vollendet unter 
Augustus, S. 30. Die Sarmaten jenseits der Donau, S. 32. Die 
römischen Provinzen ; die Donauarmee und Donauflotte ; die Lager- 
kaiser aus Illyricum, S. 33. Bevölkerungsverhältnisse; Gauver- 
fassung und Stadtrechte, S. 36. Die Sprachen: Latein, Griechisch, 
Illyrisch und Thrakisch ; Romanisierung und Hellenisierung, S. 38. 
Wirtschaftliche Zustände; Bergbau, Verkehrswege und Handels- 
leben, S. 39. Heidentum und Christentum; Kunst und Literatur, 
S. 43. Abnahme der Bevölkerung, besonders durch die Invasionen 
fremder Völker; der Markomannenkrieg und die Gotenkriege, S. 
46. Die neue Reichshauptstadt Konstantinopel (325) und die Tei- 
lung des römischen Reiches (395), S. 48. Die Hunnen des Königs 
Attila und die pontischen Hunnen (Bulgaren) , S. 49. Dalmatien 



XIV Inhalt. 

Seite 
unter Patricius Marcellinus und Kaiser Julius Nepos (f 480), später 
ein Teil des ostgotischen Reiches des Königs Theoderich, S. 51. 
Kaiser Justinian I. (527 — 565), seine Kriege und Bauten, S. 52. 
Das Ende der germanischen Völkerwanderung, S. 56. Die römi- 
schen Kaiser (Trajan, Diokletian, Konstantin der Große) in der 
Sage der Balkanländer, S. 57. 

Zweites Buch. Die Besiedlung lUyricnms durch die Slawen ... 59 

ErstesKapitehDieSlawen 61 

Völkerstellung und Urheimat der Slawen, S. 61. Namen der Slo- 
venen, Anten und Spori, S. 65. Älteste Geschichte, S. 66. Die 
slawischen Stämme im jetzigen Rumänien und Ungarn im 6. — 7. 
Jahrhundert; ihre Wohnsitze, Stämme, Verfassung, Wirtschaft und 
Kriegswesen, S. 69. Slawische Söldner im kaiserlichen Heer unter 
Justinian S. 78. 

Zweites Kapitel: Die Einwanderung der Slawen in die Hä- 

musländer 81 

Slawische Invasionen in das oströmische Reich im 6. Jahrhundert, 
S. 81. Das Khanat des türkischen Volkes der Awaren, S. 83. Der 
Fall von Sirmium (582), S. 87. Bemühungen des Kaisers Mauri- 
kios (582 — 602) um die Verteidigung der Donaugrenze , S. 88. 
Überflutung der Hämusländer durch die Awaren und Slawen unter 
den Kaisern Phokas (602-610) und Heraklios (610 — 641), S. 93. 
Die Belagerungen von Thessalonich und der Fall von Salona, S. 94. 
Die Awaren und Slawen vor Konstantinopel (626), S. 98. Blei- 
bende Besiedlung der Halbinsel durch die Slawen ; Ausgangspunkte, 
Richtungen und verschiedene Intensität der Kolonisation, S. 100. 
Die Urheimat der Serben, S. 103. Restauration der byzantinischen 
Oberhoheit über die Hämusländer; slawische Truppen in den ost- 
römischen Heeren gegen die Araber, S. 104. Jüngere Sagen über 
die Urheimat und über die Art der Ansiedlung der Slawen in lUy- 
ricum, S. 107. 

Drittes Buch. Die Serben im froheren Mittelalter (7. — 12. Jahr- 
hundert) 111 

Erstes Kapitel: Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert, ihre 
Landschaften, Fürsten, Stamm- und Familien- 
verfassung 113 

Sclavonia {^ZxXaßt,vCcu) als Gesamtname, S. 113. Antike Namen: 
die Serben bei den Byzantinern als Dalmater und Triballer, S. 114. 
Landeseinteilung in Zupen (Gaue) und Landschaften, S. 115. Die 
Küstengebiete : Dioklitien (später Zeta) , Travunien , Zachlumien 
(Chelmo), die Territorien der Narentaner und Kroaten, S. 116. Die 
eigentlichen Serben im Binnenlande, S. 120. Bosnien, Usora und 



Inhalt. Xy 

Seite 
Sol, S. 122. Morava und die Tiinocauen, S. 123. Südslawische 

Fürsten und Dynastien ; Thron und Residenzen ; Hof und Hofbeamte, 
S. 123. Die Zupane (erbliche Gaufürsten), Satnici (Hundert- 
männer) und Kaznaci (Schatzmeister), S. 127. Landtage und Zu- 
penversammlungen , S. 130. Recht und Gericht, S. 131. Adel, 
Bauern und Sklaven, S. 132. Geschlechtsverfassung: Sippschaften 
(pleme) und Bruderschaften (bratstvo), S. 133. Die grofse, unge- 
teilte Familie (Zadruga), S. 138. Wahlverbrüderung (pobratimstvo) 
und Gevatterschaft (kumstvo), S. 142. Besiedlung, Burgen und 
Dörfer, Formen des Grundbesitzes ; Viehzucht, Ackerbau und Jagd, 
S. 143. Gewerbe; Bronzen und anderer Schmuck; Viehgeld und 
Münze, S. 149. Kriegswesen, S. 151. Die Reste der älteren Ein- 
wohner: Albanesen, Rumänen (Wlachen) und dalmatinische Ro- 
manen, S. 152. 

Zweites Kapitel: Heidentum und Christentum 160 

Slawische Götter und Idole, S. 1(J0. Feen (Vila) und Berggeister; 
Werwölfe (Vukodlak) und Vampire, S. 161. Verehrung der Him- 
melskörper und Reste des Tierglaubens, S. 166. Priester, Zauberer 
und Wahrsager; heidnische Opfer und Opferplätze, S. 167. Toten- 
bestattung und Gräber, S. 169. Romanische und griechische Ein- 
flüsse durch Sagen und Märchen, S. 170. Verbreitung des Christen- 
tums im 7. — 8. Jahrhundert aus den Städten Dalmatiens, verstärkt 
unter Kaiser Basilios I., S. 171. Die Slawenapostel von Thessa- 
lonich, Konstantin (Kyrill) und Methodios, und die slawischen 
Kirchenbücher, S. 174. Die serbische Feier der Schutzpatrone der 
Sippschaften oder Familien (Slava), S. 180. 

Drittes Kapitel: Die byzantinische Oberhoheit und der 
Kampf gegen die Bulgaren im 9. und 10. Jahrhun- 
dert 183 

Die byzantinischen Provinzen am Adriatischen Meere; ihre Städte 
und Beamten; Flotte, Landheer und die befestigten Grenzlinien, 
S. 183. Tribute und Truppenkontingente der Slawenfürsten imd 
ihr Verkehr mit dem Kaiserhof, S. 187. Die Bulgaren, S. 189. 
Das Ende des Awarenreiches (796) und die Eroberungen Karls des 
Großen in Istrien und Dalmatien, S. 190. Die südslawischen Für- 
stentümer um das Jahr 820, S. 192. Vorstoß der Bulgaren an der 
mittleren Donau und in Makedonien im 9. Jahrhundert und der 
Widerstand der Serben, S. 193, Verfall der byzantinischen See- 
herrschaft; Verwüstung Dalmatiens durch die Araber und Naren- 
taner , bis zur Erneuerung des byzantinischen Einflusses in Dalma- 
tien und Unteritalien durch Kaiser Basilios I. (867—886), S. 195. 
Symeon von Bulgarien (893? — 927) und sein Kaisertitel; Wett- 
kampf einer byzantinischen und einer bulgarischen Partei unter 



XVI Inhalt. 

Seite 
den serbischen Fürsten, bis zum vollständigen Zusammenbruch Ser- 
biens (um 924), S. 197. Erneuerung Serbiens durch den Fürsten 
Caslav (um 931), S. 201. Das westbulgarische Reich und sein 
Vorstoß gegen Durazzo und Dalmatien unter den Zaren Samuel 
und Vladislav; Ermordung des hl. Vladimir, des serbischen Fürsten 
von Dioklitien (um 1015), S. 203. Eroberung des bulgarischen 
Reiches durch Kaiser Basilios II. (1018), S. 208. 

Viertes Kapitel: Die Könige von Dioklitien und dieGroß- 
zupane von Ras im Kampfe gegen Byzanz im 11. 

bis 12. Jahrhundert 210 

Drückende Oberhen'schaft von Byzanz nach 1018, S. 210. Zwei 
Dynastien der Serben : die Fürsten , später Könige des Küsten- 
gebietes und die Großzupane des Binnenlandes, S. 211. Die latei- 
nische Kirche im Westen : die neuen Erzbistümer von Antivari und 
Ragusa, S. 216. Die orientalische Kirche im Osten: das autoke- 
phale Erzbistum von Ochrid und das Bistum von Ras, S. 219. Die 
Sekte der Bogomilen (Patarener) in^Bulgarien, Serbien und Bos- 
nien , S. 222. Kultur und Literatur : Inschriften , das Evangeliar 
des Fürsten Miroslav und das lateinische Buch des Presbyters Dio- 
cleas, S. 225. Beziehungen zu den Byzantinern, dem deutschen 
Reich, den Venezianern, Normannen und Ungarn, S. 227. Kroatien 
vereinigt mit Ungarn; Bosnien unter ungarischem Einfluß, S. 229. 
Die Dioklitier im 11. Jahrhundert: Stephan Vojislav, sein Sohn 
König Michael und sein Enkel König Bodin, S. 231. Großzupan 
Vlkan und Kaiser Alexios Komnenos (1081 — 1118), S. 238. Der 
Durchzug der Kreuzfahrer (seit lÜ9t!), S. 239. Verfall Dioklitiens 
im 12. Jahrhundert, S. 242. Die Kriege der Kaiser Johannes Kom- 
nenos (1118—1148) und Manuel Komnenos (1143—1180) gegen die 
serbischen Großzupane Uros I., Uros II. und Desa, S. 244. Vor- 
stoß des Desa gegen die Dioklitier zum Adriatischen Meer, S. 251. 
Erneuerung der byzantinischen Herrschaft im Küstengebiet von 
Dioklitien und Dalmatien (um 1164), S. 253. Der Großzupan Ti- 
homir, S. 254. 

Fünftes Kapitel: Der Großzupan Stephan Nemanja. . . 255 
Nemanja wird durch eine Revolution zum Großzupan erhoben (1170?), 
kämpft im Bund mit Venedig gegen Byzanz , muß sich aber 
(1172) Kaiser Manuel unterwerfen, S. 255. Nemanjas Brüder Sra- 
cimir und Miroslav als Teilfürsten, S. 262. Nach Kaiser Manuels 
Tod (1180) Offensive der verbündeten Serben und Ungarn gegen 
das griechische Reich, S. 263. Nemanja erobert Antivari und Cat- 
taro; Ende des dioklitischen Fürstentums, S. 265. Ragusa be- 
hauptet sich gegen die Serben unter dem Schutz der Normannen, 
S. 267. Das neue Bulgarenreich an der unteren Donau (1186), 



Inhalt. Xvn 

Seite 
S. 269. Der dritte Kreuzzug (1189); Kaiser Friedrich I. begrüßt 

von Nemanja in Nis; Bund der Kreuzfahrer mit den Serben und 
Bulgaren gegen die Griechen, S. 270. Nemanja wird nach dem 
Durchzug des Kreuzheeres vom Kaiser Isaak Angelos zum Frieden 
gezwungen (1190); territorialer Gewinn Serbiens, S. 273. Kirch- 
liche Verhältnisse und Klostergründungen, S. 275. Nemanjas Sohn 
Rastko flieht auf den Athos und wird Mönch als Sava; ein an- 
derer Sohn Vlkan führt den dioklitischen Köuigstitel, S. 276. Ab- 
dankung des Nemanja (1196): als Mönch Symeon gründete er das 
Kloster Chilandar auf dem Athos (f 1199?), S. 277. 

Viertes Buch: Serbien eine Großmacht der Halbinsel unter den 

Nachkommen des Nemauja (1196—1371) 281 

Erstes Kapitel: Die Söhne und Enkel des Nemanja während 
des lateinischen Kaisertums. Erwerbung der 
Königskrone und Gründung der serbischen Natio- 
nalkirche durch Stephan den Erstgekrönten 
(1196 — 1228). König StephanUtos I. (1243 — 1276). 283 
Die internationale Stellung Serbiens unter den Nemanjiden, S. 283. 
Stephan der Erstgekrönte (1196 — 1228), Nemanjas Sohn, als Groß- 
zupan und später als König, S. 284. Während des vierten Kreuz- 
zugs in Serbien der Bruderkrieg zwischen Stephan und Vlkan 
(1202 — 1203), S. 289. Beziehungen zu den Venezianern, Ungarn, 
Bulgaren, den Lateinern von Konstantinopel und den Griechen von 
Epirus und Nikaia, S. 290. Erwerbung der Königskrone (1217) 
und Errichtung des serbischen Erzbistums unter dem ersten Erz- 
biscbof Sava I. (1219), S. 296. Die Schicksale Zachlumiens, S. 301. 
König Stephan Eadoslav (1228—1234) und sein Sturz, S. 303. 
König Stephan Vladislav (1234—1243, als zweiter König bis um 
1264), S. 305. Durchzug der Mongolen durch Serbien (1242), S. 
308. König Stephan Uros I. (1243 — 1276), anfangs im Bund mit 
den Nikäern, S. 310. Der ßusse Rostislav als Herzog in der Macva; 
Bosnien unter Ban Ninoslav und seinen Nachfolgern, S 311. Krieg 
der Serben gegen die verbündeten Bulgaren und Ragusaner (1252 bis 
1254), S. 312. Konstantin Aben, ein Verwandter der Nemanjiden, 
wird Zar von Bulgarien (1257), S. 316. Anschluß Uros' I. an die 
Epiroten und Frauken gegen die Nikäer (1258) ; seine französische 
Gattin Helena, S. 317. Bund mit König Bela IV., S. 320. Uros I. 
verbündet mit Kaiser Michael Palaiologos, wird aber von den 
Ungarn in der Macva geschlagen und gefangen (1268), S. 321. 
König Karl I. von Anjou und seine Verbindungen mit Serbien und 
Bulgarien gegen die Griechen , S. o23. Neue Feindseligkeiten 
zwischen Uros I. und Ragusa, S. 324. Sturz Uros' I. durch seinen 
Sohn, den ,, jüngeren König" Stephan Dragutin, S. 326. 



xvin Inhalt. 



Seite 



Zweites Kapitel: Offensive gegen Byzanz. Aufschwung 
Serbiens unter den Königen Stephan Dragutin 
(1276 — 1282, in Norden bis 131G), Stephan Uros IL 
Milutin (1282 — 1321) und Stephan Uros IIL 

(1321-1331) 327 

König Stephan Dragutin (1276—1282), später herrschend nur im 
Norden (f 1316), S. 327. Sein Bruder König Stephan Uros II. 
Milutin (1282—1321), S. 330. Langjährige Oflfensive gegen die 
Byzantiner in Makedonien und Albanien , S. 333. Verhältnis zu 
den Tataren als Oberherren Bulgariens, S. 335. Beziehungen zu 
den letzten Arpäden und den ersten Anjous in Ungarn, S. 337. 
Serben , Franken , Epiroten und Byzantiner in Albanien ; Uros IL 
im Besitz von Durazzo (1296), S. 338. Friedensschluß des Königs 
Uros IL mit den Griechen und seine Heirat mit Simonis, Tochter 
des Kaisers Andronikos IL (1299), S. 339. Konflikte mit ßagusa, 
S. 341. Bosnien unter den Bauen Stephan L, dem Schwiegersohn 
Stephan Dragutins , und Stephan IL ; zugleich führen auch die 
Baue des küstenländischen Kroatiens, Paul und Mladen Subic 
(1299—1322), den Titel eines Bans von Bosnien, S. 342. Bund 
zwischen Uros IL und dem lateinischen Titularkaiser Karl von 
Valois (1308), S. 344. Erneuertes Bündnis mit Andronikos IL; 
serbische Hilfstruppen bei den Griechen gegen die Türken in 
Kleinasien , S. 346. Bruderkrieg zwischen den Königen Stephan 
Dragutin und Stephan Uros IL, S. 347. Uros IL läßt seinen Sohn 
Stephan gefangen nehmen und halb blenden, S. 348. Krieg Uros' IL 
gegen König Karl Robert von Ungarn, Bau Mladen von Kroatien 
und die Neapolitaner in Albanien (1318—1320), S. 350. Kampf 
der drei Prätendenten nach Uros' IL Tod (1321); Untergang des 
Königs Konstantin, Sohnes des Uros IL, Vertreibung des Königs 
Vladislav, Sohnes des Stephan Dragutin, und Sieg des halbge- 
blendeten Stephan Uros III. (1322—1331) und seines Sohnes und 
Mitregenten Stephan Dusan, S. 354. Gleichzeitiger Vorstoß der 
Bosnier durch das Narentatal zum Meere ; die Nemanjiden verlieren 
Zachlumien, nach dem Aufstand der Söhne des Branivoj S. 356. 
Krieg mit Bulgarien und Byzanz ; Sieg der Serben über den 
bulgarischen Zaren Michael bei Velbuzd (1330), S. 361. Kampf 
zwischen Vater und Sohn; Sieg des Stephan Dusan, Absetzung 
und Tod des Uros III. (1331), S. 364. 

Drittes Kapitel: Serbien unter Stephan Dusan (1331 bis 
1355) als König, seit 1346 als Kaiser, die größte 
Macht der Halbinsel. Eroberung von Makedonien, 

Albanien, Thessalien und Epirus 367 

Persönlichkeit und Politik des Stephan Dusan, S. 367. Krieg mit 
Bosnien; die Eagusaner als Friedensvermittler gewinnen die Halb- 



Inhalt. xiT 

Seite 

insel von Stagno (1333"), S. 372. Krieg mit Kaiser Andronikos III. 

und Friedensschluß vor Thessalonich (1334), S. 373. Erster Krieg 
mit Ungarn unter König Karl Robert, S. 375. Kaiser Andronikos III. 
erobert Thessalien und das Despotat von Epirus; Abfall des 
serbischen Feldherrn Hrelja zu den Griechen, S. 376. Wirren 
im griechischen Reiche nach des Andronikos III. Tod (1341), S. 
379. Der Gegenkaiser Johannes Kantakuzenos als Flüchtling am 
serbischen Hofe (1342—1343), S. 382. Eroberungen der Serben 
in Makedonien und Albanien , S. 385. König Stephan gekrönt in 
Skopje zum Kaiser der Serben und Griechen (134G\ S. 386. Des 
Räuberhauptmanns Momcilo, des Herrn der Rhodope, Glück und 
Ende, S. 389. Johannes Palaiologos und Johannes Kantakuzenos 
beide Kaiser von Konstantinopel nebeneinander (1347), S. 390. 
Zweiter Krieg mit Ungarn, unter König Ludwig I.; Freundschaft 
der Serben mit Venedig, S. 392. Zar Stephan besetzt Epirus und 
Thessalien (1348), S. 394. Feldzug des Zaren Stephan gegen 
Bosnien und sein Besuch in Ragusa (Herbst 1350), S. 397. Gleich- 
zeitige Offensive der Byzantiner gegen die Serben in Makedonien 
und die Kaiserbegegnung vor Thessalonich (Ende 1350), S. 399. 
Stephans Gesandtschaft zum osmanischen Emir Orchau nachBrussa 
(1351), S. 403. Wiederausbruch des byzantinischen Bürgerkrieges; 
Kaiser Johannes Palaiologos , unterstützt von Zar Stephan und 
dem bulgarischen Zaren Alexander, wird bei Dimotika von Suleiman, 
Orchans Sohn und Parteigänger des Kantakuzenos, geschlagen 
(1352), S. 404. Festsetzung der Türken auf dem Boden Europas 
in Kallipolis (1354), S. 406. Verhandlungen des Zaren Stephan 
mit dem Papst in Avignon , um Anerkennung als „ Capitaneus " 
der Christenheit gegen die Türken, S. 407. Vereitelt durch den 
dritten Krieg mit Ungarn, S. 410. Des Zaren Stephan Tod (1355), 
S. 412. 

Viertes Kapitel: Verfall des serbischen Reiches unter 
dem Kaiser Uros (1355 — 1371). Kaiser Symeon 
in Thessalien (1356 — 1370?). König Vlkasin 
(1366 — 1371) und die Türkenschlacht au der 

Marica (1371) 413 

Um das Erbe des Stephan Dusan kämpfen sein Bruder Zar Symeon 
und sein Sohn Zar Stephan Uros (bis 1358), S. 413. Mißlungener 
Versuch des Nikephoros, das epirotische Despotat zu erneuern, S. 
416. Kaiser Matthaios Kantakuzenos von den Serben geschlagen 
und bei Philippi gefangen (1357), S. 418. Der Friede von Zara 
(1358) zwischen Ungarn und Venedig und seine Folgen, S. 419. 
Symeon bleibt in Thessalien; sein Schwiegersohn Despot Thomas 
in Epirus, S. 420. Feldzug des ungarischen Königs Ludwig I. 
gegen den Zaren Uros (1359), S. 421. Die Ragusaner, nunmehr 



XX Inhalt. 

• 1 TT 1 • 1 Seite 

unter ungarischer Hoheit, bedrängt von den Serben, S. 422. Vojislav 
(t 1363) und nach ihm Vlkasin die einflußreichsten Männer am 
Hofe des Zaren Uros, S. 423. Die drei Brüder Baisici als Statt- 
halter in der Zeta, S. 424. Karl Topia, Fürst von Albanien, und 
Alexander, Herr von Valona, S. 425. Vlkasin wird König neben 
dem Zaren Uros (1366); sein Bruder, der Despot Ugljesa, Wächter 
der Südostgrenze gegen die Türken mit dem Sitz in Serrai, S. 
430. Zar Uros verliert allen Einfluß; Cattaro unterwirft sich dem 
König von Ungarn (1371), S. 432. Die Statthalter von Makedonien 
als Teilfürsten: Kesar Novak , Despot Dragas u. a., S. 433. Der 
mächtige Zupan Nikola Altomanovic in der jetzigen Herzegowina 
im Kampf mit allen Nachbarn, S. 434. Knez Lazar, Herr von 
Kudnik (1370), S. 435. Mißlungene Off"ensive des Königs Vlkasin 
und des Despoten Ugljesa gegen die Türken von Adriauopel und 
ihr Tod in der Schlacht an der Marica (September 1371), S. 437. 
Zar Uros stirbt natürlichen Todes (Dezember 1371); der letzte 
Nemanjide, der Kaiser Johannes Uros Palaiologos in Thessalien, 
Sohn Symeons, geht ins Kloster als Mönch Joasaph (f 1410), S. 440. 



Berichtigungen uud Ergänzungen. 

S. 20, Z. 24 lies: um 350 nach Chr. 

S. 51, Z. 16 lies: Erztafel mit Silberschrift, gefunden in Belgrad, einst ver- 
wahrt im ungarischen Nationalmuseum, führt usw. 

S. 279 zu A. 1: D. N. Anastasijevic, Das Jahr des Todes des Nemanja, 
Glas 86 (1911) 135—140 meint, daß der tvytvtaTUTos fi^ya; 
Covnavog rfjg Zf()ßiag 6 Ntf/xdv als Mönch Symeon zur Zeit 
der Ausstellung der zweiten Urkunde des Kaisers Alexios IH. 
für das Kloster Chilandar im Juli 1199 noch lebte und erst 
im Februar 1200 gestorben ist. Das Todesjahr 1199 ver- 
teidigt Jovan Radonic im Letopis 275 (1911) 64—67. 



Erstes Buch. 
Die vorslawisclie Zeit. 



Jirecek, Geschichte der Serben. I. 



Erstes Kapitel. 

Die Natur des Landes und ihr Einfluß auf die 
Geschichte. 

Der iSchauplatz der serbischen Geschichte befindet sich auf 
der östlichsten der drei großen Halbinseln von Öüdeuropa. Diese 
Halbinsel unterscheidet sich in der Gestaltung ihrer Oberfläche 
und in ihrer ethnographischen und politischen Entwicklung nicht 
wenig von den beiden anderen, der Pyrenäischen und Apennini- 
schen. Obwohl ihre höchsten Gipfel nicht die Höhe der Sierra 
Nevada oder des Ätna erreichen, ist sie viel gebirgiger und un- 
wegsamer als Italien und Spanien und hat keinen natürlichen 
Mittelpunkt, der in der Geschichte zur Geltung käme. Sie hat auch 
keinen einheitlichen, allgemein anerkannten Namen und hat auch nie 
einen gehabt; man nennt sie die illyrische oder griechische, Hämus- 
oder Balkanhalbinsel. Nie bildete sie eine politische oder sprachliche 
Einheit ; nur die Römer haben sie ganz beherrscht, die Byzantiner 
und Osmanen nur mit Ausnahmen. Physisch besteht sie aus zwei 
ungleichen Teilen. Die nördliche, massive Hälfte, vom Quarnero 
bis zur Mündung der Donau an 1200 Kilometer breit, von der 
Moravamündung bis Salonik 475 lang, hat im Bezug auf Klima, 
Pflanzenwelt und Kulturverhältnisse einen mitteleuropäischen Cha- 
rakter. Von dem übrigen Europa ist sie durch kein hohes Ge- 
birge in der Art getrennt, wie Spanien durch die Pyrenäen und 
ItaUen durch die Alpen. Die Stelle der hohen Gebirgsketten ver- 
treten als Nordgrenze große Flüsse, die Save und die untere 
Donau, welche bei den Völkerzügen leicht überschritten werden 
konnten. Diese mehr kontinentale Nordhälfte ist gegenwärtig 
meist von Slawen bewohnt. Die südhche Hälfte ist von der an 

1* 



4 Erstes Buch. Erstes Kapitel. 

300 Kilometer langen Linie zwischen der Bucht von Valona und 
dem Golf von Salonik abwärts um mehr als zwei Drittel enger 
als der Norden, aber au der Küste viel reicher gegliedert. Das 
ist die eigenthche griechische Halbinsel , welche in allen histo- 
rischen Perioden eine vorwiegend griechische Bevölkerung besaß ^). 
Aber auch die breite, nördliche Hälfte der Balkanhalbinsel 
ist in ihrer Bodengestaltung und Bevölkerung keineswegs gleich- 
artig. In der Westhälfte wohnen die Serben mit den stammver- 
wandten Kroaten, im Südwesten ein Rest der antiken Bewohner, 
die Albanesen; in der Osthälfte sitzen die Bulgaren. Der Westen 
hat bei weitem schlechtere Verbindungswege als der Osten. Die 
Wohnsitze der Kroaten und Serben befinden sich zum großen 
Teil in dem Berglande des Dinarischen Systems. Die Gebirgs- 
züge dieser längs des Adriatischen Meeres gelagerten Gruppe be- 
halten von der Gegend zwischen dem Quarnero und den Quellen 
der Kulpa, in welcher sie mit den Ostalpen in unmittelbarem Zu- 
sammenhang stehen, angefangen bis zum „Golfo dello Drino" der 
Venezianer, dem Mündungsgebiet der Bojana und des Drim, die 
Hauptrichtung von Nordwest nach Südost -). Es sind Gebirge der 
Kreideformation, mit dichtgedrängten, engen Ketten. Die Ge- 
schichte des Landes gruppiert sich um die zwischen steilen Fels- 
gebirgen tief eingeschnittenen Flußtäler und die großen, krater- 
förmigen Kesseltäler (serbokroat. polje, Feld), alte Seebecken, deren 
Sohle im Sommer meist trocken bleibt, im Winter aber sich pe- 
riodisch mit Wasser füllt (blato, Sumpt), mit unterirdischen , mit- 
unter verstopften Abflüssen (ponor, ponikva, in Griechenland /Mxa- 



1) J. Cvijic, Oblik Balkauskog poluostrova: Glasnik der kroat. 
Naturforschergesellschaft, Bd. 10 (Agram 1899) = La forme de la peniusule 
des Balcans: Le Globe t. 39 (Genf, Okt. 190Ü). 

2) Serb. Drim, alb. Drin, Drymon der Anna Komnena, im Mittelalter 
ital. Drino, Lodrin, Ludrino ist der Drinius der Römer (Dirino des Plinius), 
Drilon der Hellenen. Mit ihm ist nicht zu verwechseln die Drina zwischen 
Serbien und Bosnien, Dreinos des Ptolemaios, Drinus der Römer ^Tab. 
Peut.), als dessen Oberlauf im Altertum wahrscheinlich der Lim galt, da 
nach Ptolemaios der Dreinos und der nördliche Quellfluß des Drilon (der 
Weiße Drim) nahe beieinander entspringen. Die Namen sind nach Tomaschek 
desselben Ursprungs (Stamm avestisch dar, griech. dfo, slaw. der, spalten, 
reißen). 



Die Natur des Landes und ihr Einfluß auf die Geschichte. 5 

ßöd-ga). Es gibt hier Landschaften, welche mit ihren vegetations- 
losen, verwitterten Karsttelsen kahl sind wie der Mond. Im Sommer 
erscheinen diese Berge bei grellem Sonnenlicht oft wie ein blaß- 
graues, durchsichtiges Trugbild. Solche öde Steinwüsten kann 
man auch an den großen Verbindungswegen sehen, z. B. bei 
Njegusi an der Straße von Cattaro nach Cetinje, in den Bergen 
zwischen Ragusa und Trebinje, oder bei der Station Labin an 
der Eisenbahn von Spalato nach Drnis. Das vom Meere weiter 
entfernte Binnenland bilden dagegen gut bewaldete Gebirge älterer 
Formationen mit Erzlagern, deren Ausbeutung über die historische 
Zeit hinaus zurückreicht. Das Waldtal des Lim mit seinen ma- 
lerischen Felsen bietet schon einen viel freundlicheren Anblick, 
als die traurigen Karstgebiete des Küstenlandes. Über den grünen 
Wäldern des Lim- und Ibargebietes erhebt sich auf der Westseite 
im Hintergrund, wie ein Leuchtturm, das weiße Profil des Dur- 
mitor (2606 Meter), des höchsten Berges des Dinarischen Systems. 
Sanfte waldige Abhänge haben die erzreichen Gebirge Serbiens, 
der Kopaonik (2106 Meter) und die Berge von Rudnik (Gipfel 
Sturac 1104 Meter). Das Waldland der Sumadija erinnert nach 
einer Bemerkung von Ami Boue an die Ardennen, den Harz und 
das Innere des Wiener Waldes. 

Bei der Bucht von S. Giovanni di Medua, gerade gegenüber 
den tiefsten Stellen des Adriatischen Meeres (an 1600 Meter), 
wendet sich die Fortsetzung des Dinarischen Systems teils gegen 
Nordost, wie die Gebirge des östlichen Montenegro und die „ Al- 
banesischen Alpen '^ (die Prokletja), teils nach Süd und Südost, 
wie die Berge Albaniens, welche den Übergang zu dem albanesisch- 
griechischen Gebirgssystem bilden. An der Küste von Alessio bis 
Valona erstreckt sich eine warme, in den Mündungsgebieten zahl- 
reicher Flüsse sumpfige Ebene, in ihrer Natur ganz verschieden 
von den felsigen, von steilen Bergmassen überragten und von 
Hunderten von Inseln und Khppen aller Größen begleiteten Ge- 
staden Dalmatiens. 

Ganz anders sind die Bergzüge der Osthälfte der Halbinsel. 
Sie streichen vorwiegend von West nach Ost, besonders die lange 
Kette des Balkans, des Hämus des Altertums und der Stara 
Planina (des „alten Berges") der Bulgaren, und die aus Urgestein 



6 Erstes Buch. Erstes Kapitel. 

bestehende gewaltige, weitverzweigte Masse der Rhodope. Die Ge- 
birgs^ietten dieser Länder sind breit, massiv, mit weiten Becken 
dazwischen ^). Eine große Ausdehnung haben die thrakische 
Ebene zwischen Hämus und Rhodope und die Steppen Donau- 
Bulgariens zwischen Hämus und Donau. Auch an der Grenze 
zwischen der Ost- und Westhältte der Halbinsel liegt eine Reihe 
breiterer, fruchtbarer Täler: das Tal der vereinigten Morava, das 
Becken von Nis, im Zentrum der Halbinsel das berühmte Amsel- 
feld (Kosovo polje) und das benachbarte Becken des Weißen Drim 
mit den Städten Pec (türk. Ipekj und Prizren am Nordfuß des 
antiken Scardus, der majestätischen Sar Planina. Südlich vom 
Sar folgen die großen ringförmigen Becken Makedoniens. Einige 
davon besitzen schöne Seen, wie die von Ochrid, Prespa, Kastoria, 
Ostrov, andere aber nur Reste alter Sümpfe, wie die von Skopje 
und Bitolia Die Landschaften des alten Thrakiens im Südosten- 
der Halbinsel vermitteln die Verbindung zwischen beiden Welt- 
teilen, Europa und Asien, die hier nur durch zwei Meerengen, 
nicht viel breiter als ein großer Fluß, voneinander geschieden 
werden. 

Der Norden der Balkanhalbiusel hat infolge seines gebirgigen 
Charakters ein viel kälteres Klima als Griechenland, Italien oder 
der größte Teil der Pyrenäischen Halbinsel. Die Grenze zwischen 
dem kälteren mitteleuropäischen Klima und dem wärmeren des 
Mittelmeergebietes bilden die Küstengebirge von Dalraatien und 
Montenegro, der Sar und der Balkan. Im Narentatal und im 
Becken des Sees von Skutari, des größten Sees der Halbinsel, 
reicht die immergrüne, mediterrane Flora tiefer landeinwärts. Das 
Binnenland gehört der mitteleuropäischen Flora an. Eine Zone 
großer Laubwälder, nach Grisebach vorwiegend eine Eichenzone, 
erstreckt sich vom zentralen Rußland über Siebenbürgen, Serbien, 

1) Einen direkten Zusammenbang der Alpen mit den Bergen Illyriens 
und dem Hämus behaupteten seit Aristoteles die geographischen Theorien 
des Altertums, des Mittelalters, der Humanistenzeit vCatena mundi) und der 
Neuzeit bis um 1840. Vgl. meine Gesch. der Bulgaren 2—3 und meine 
Heerstraße von Belgrad nach Konstantinopel 139. Die Karten von Ortelius 
bis 1846 mit der angeblichen Zentralkette bei Cvijic, Geolog. Atlas von 
Makedonien (serb., Belgrad 1903), Bl. 8. 



Die Natur des Landes und ihr Einfluß auf die Geschichte. 7 

Bosnien und Nordalbanien bis zur Adria, analog den Waldregionen 
Nordamerikas i). In dem Gebiet der mediterranen Flora ist da- 
gegen der Wald in der historischen Zeit sehr stark zurückgegangen, 
ebenso wie in Italien und Spanien. In der Wirtschaftsgeographie 
ist bemerkenswert der Unterschied zwischen den kalten Gebirgs- 
landschaften ohne Weinbau und den wärmeren Küsten und Tälern 
mit Weingärten. Weinlos sind die Gebirge Bosniens, der Herze- 
gowina, von Montenegro, Nordalbanien und Westserbien. Längs 
der Donau reicht in den waldfreien Ebenen die Steppenflora aus 
der pontischen Niederung bis nach Ungarn hinein, so weit, als sich 
auch die Wanderungen der Reitervölker verschiedener Zeiten west- 
wärts zu erstrecken pflegten. 

Für die Geschichte eines jeden Landes sind die natürhchen 
Kommunikationen von größter Bedeutung. Die Verbindungen 
zwischen der Adriatischen Küste und dem Stromgebiet der Donau 
führen alle durch unwegsame Gebirgsländer. Bis in die neueste 
Zeit waren sie mehr für Karawanen von Saumtieren, als für den 
Wagenverkehr geeignet. Die steilen und kahlen Bergzüge des 
Dinarischen Systems schließen das Binnenland oft mauerartig vom 
Meere ab. Die Wege steigen wiederholt von hohen Jochen in 
tiefe, enge Fiußtäler hinab und winden sich dann abermals ins 
Gebirge hinauf. Dieser Art sind die uralten Straßen von Spalato 
zur Save, ebenso die von der Mündung der Narenta über die 
Ivan Flanina (lOlO Meter) in das Bosnatal und weiter gegen 
Osten. Schwierig ist der Weg von Ragusa durch die Gebirge der 
Herzegowina über den Berg Cemerno (137^ Meter) zur Drina, 
ebenso seine Fortsetzung über Plevlje und Novipazar, am Südfuß 
des Kopaonik vorüber, durch das Tal der Toplica nach Nis. 
Ungleich gröfsere Hindernisse hatte der Saumpfad von Cattaro 
nach Onogost (jetzt Niksici) und zum altserbischen Markt Brskovo 
an der oberen Tara zu überwinden, mit Anschluß an den Ragu- 
saner Karawanenweg. Diese beiden Routen durchzogen ein Ge- 
biet pittoresker Dolomiten, mit steilen Spitzen, großartigen Riesen- 
toren und den eigenartigen, tief eingeschnittenen Caüons der Piva, 
Tara und Sutjeska. Erst südlich vom Drim werden die Berge 

1) Grisebach, Vegetation der Erde 1 (1872), 158, 260. 



8 Erstes Buch. Erstes Kapitel. 

niedriger und weniger steil. Die verhältnismäßig leichteste Ver- 
bindung führt aus der Landschaft um den See von Skutari über 
die Berge von Nordalbanien (Joch von Cjafa Malit 1107 Meter) 
in das Becken des Weißen Drim und weiter über eine niedrige 
Hügelkette in das benachbarte Amselfeld. Von Skutari nach 
Frizren rechnet man auf diesem Wege 33 Stunden. Es folgt 
dann die „via Egnatia" der Römer aus Durazzo und dessen Um- 
gebung über Ochrid nach Salonik und von dort durch die Küsten- 
gebiete des Agäischen oder, wie es die Balkanvölker nennen, des 
Weißen Meeres zum Hellespont oder Bosporus. In der Römerzeit 
bildete diese Straße die wichtigste Verbindung Roms mit dem 
ferneren Orient, in der byzantinischen Periode den kürzesten Weg 
von Konstantinopel nach Unteritalien. Nicht schwierig ist auch 
die Route von Valona durch das Gebiet des oberen Devol nach 
Kastoria und in die umhegenden Landschaften von Makedonien 
und Thessalien. 

Gangbarer als alle transversalen Kommunikationen von West 
nach Ost waren stets die longitudinalen Wege von Norden nach 
Süden, welchen gegenwärtig auch die neuen Eisenbahnen folgen. 
Es ist bemerkenswert, daß die Römer die untere Donau zuerst 
von Makedonien, nicht von Dalmatien aus erreicht haben. Auf 
demselben Wege bewegten sich die Invasionen der Kelten nach 
Griechenland, der Goten und der Slawen in das byzantinische 
Reich. Die wichtigste Linie führt von der Donau in der Gegend 
der Moravamün düng durch das Tal dieses Flusses aufwärts, dann 
entweder über das Amselfeld und den Paß von Kacanik (634 Meter) 
zwischen dem Sar und der Crna Gora, oder über den niedrigeren 
Sattel von Presevo bei Vranja (43Ü Meter) in das Tal des oberen 
Vardar bei Skopje und dem Laufe dieses Flusses abwärts folgend 
bis Salonik, im ganzen an 475 Kilometer lang. Die Täler an 
diesem Wege sind breiter, die Pässe niedriger und kürzer, die 
Landschaften fruchtbarer als auf den schwierigen Pfaden vom 
Adriatischen Meere landeinwärts. Ein wichtiger Kreuzpunkt der 
Kommunikationen ist Nis, welches neben dem Moravatal auch 
durch das Timoktal eine Verbindung mit der unteren Donau hat. 
Bei Nis zweigt von dem Weg, welcher die Donau mit dem Golf 
von Salonik verbindet, eine zweite Straße ab, welche durch das 



Die Natur des Landes und ihr Einfluß auf die Geschichte. 9 

Becken von Sofia nach Philippopel, Adrianopel und zu den Meer- 
engen führt. Das ist die historisch so bekannte große Heerstraße 
von Belgrad nach Konstantinopel, die Hauptverbindung zwischen 
Westeuropa und dem näheren Orient. Die Flußtäler des Ibar 
und der Drina sind zu eng und zu gewunden, um groI5e Korarau- 
nikationslinien bilden zu können ; gangbarer ist das Tal der Bosna. 
Zu erwähnen ist noch eine in der Kriegsgeschichte wichtige Quer- 
straße teils von Sofia, teils von Scres nach Skopje am Vardar, 
und von dort durch das Amselteld und über Novipazar nach 
Bosnien. Von den zur Adriatischen Küste parallelen Wegen ist 
der bedeutendste die schon von einer Römerstraße benutzte Route 
von Skutari durch das Tal der Zeta aufwärts nach Niksici und 
weiter über Gacko und Nevesinje ins Narentatal. 

Von geringer Bedeutung sind die Wasserwege der Halbinsel, 
wegen des starken Gefälles der meisten Flüsse. Neben der Donau 
und Save besteht heute eine größere Schiffahrt nur auf der Bojana 
und der unteren Narenta. Einmal gab es einen Verkehr von 
Booten und Flößen auch auf der unteren Drina, der vereinigten 
Morava, dem unteren Drim, Vardar, Struma und Marica. 

Die Landschaften zwischen den Felsbergen von Montenegro 
und dessen Umgebung und dem Stromgebiet der Morava ^) sind 
die älteste und ständigste Heimat des serbischen Volkes. Es ist 
ein kühles, armes Bergland, im Westen ein Karstgebiet, im Osten 
ein Waldgebirge mit hochgelegenen Alpentriften, größtenteils nur 
zur Viehzucht geeignet, welches für fremde Eroberer wenig An- 
ziehungskraft besaß. Es bot aber zu jeder Zeit alle Vorteile des 
Hirtenlebens. Die Beschaffenheit des Landes beförderte die Ent- 
wicklung einer kräftigen, kriegerischen, expansiven Bevölkerung, 
welche sich in ihren von Natur aus festen Bergen und Tälern 
gegen Angriflfe fremder Völker gut verteidigen konnte, daneben 
aber auch offensiv in die adriatische Küstenebene und in die Täler 
und Becken des Ostens und Südens vorzudringen pflegte. Die natür- 
lichen Verhältnisse brachten es mit sich, daß diese Bergländer stets 
einen Überschuß ihrer Einwohner den durch historische Umwäl- 
zungen entkräfteten, tiefergelegenen Landschaften abtreten konnten. 



1) Von Belgrad bis Medua rechnet man in der Luftlinie 340 Kilometer. 



10 Erstes Buch. Erstes Kapitel. 

Nach neueren Untersuchungen sind bei den Verschiebungen der 
Bevölkerung in unseren Zeiten aktiv die Herzegowina, Montenegro, 
die Bergländer Nordalbaniens und Makedoniens. Ungleichartig 
sind Bosnien und die Landschaft von Novipazar. Passiv ist Dal- 
matien und das Königreich Serbien in seinen heutigen Grenzen; 
beide erhalten eine Verstärkung ihrer Bevölkerung durch einen 
langsamen Zuzug neuer Einwohner aus den Bergländern in der 
Mitte zwischen beiden Gebieten ^). Ebenso werden in Bulgarien 
die Ebenen an der Donau und in Thrakien allmähhch neu besiedelt 
von der Gebirgsbevölkerung des Balkans und der Rhodope 2). 

Denselben Entwicklungsgang finden wii' in der älteren Ge- 
schichte dieser Länder. Unter den slawischen Stämmen, welche 
sich in den Balkanländern niedergelassen haben, waren die eigent- 
lichen Serben ursprünglich ein Binnenvolk, das abseits von der 
Donau und dem Meer in den Tälern des Lim, Ibar und der west- 
lichen Morava hauste. Von dort erweiterten sie ihre Macht in 
der Richtung zur adriatischen Küste und hatten einige Zeit ihren 
Schwerpunkt in den Landschaften von Dioklitien (oder Zeta) am 
See von Skutari. Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts begann 
der führende Teil der Nation einen Vorstoß gegen Osten, zu den 
Straßen, die von der Donau zum Agäischen Meere führen. Ein 
neues Zentrum des Volkes wurde die Landschaft bei der Burg 
Kas am Flusse Raska, einem Nebenfluß des Ibar, die Gegend des 
heutigen Novipazar, ein hochgelegenes Gebiet (an 550 Meter), am 
Kreuzpunkt wichtiger Wege in der IVIitte der waldigen Bergländer 
zwischen Tara und Morava gelegen ^). Die Autorität der Könige 
von Dioklitien mußte bald der Macht der „großen Zupane^' von 
Ras weichen, der Familie des Nemanja. Die Eroberung der bei- 
den fruchtbaren Becken gerade in der Mitte des nördlichen Teiles 
der Halbinsel, des Beckens des Weißen Drim mit den Städten 
Pec und Prizren und des Amselfeldes, verschob den Mittelpunkt 
weiter gegen Süden. Ped wurde für fünf Jahrhunderte der Sitz 
des Oberhauptes der serbischen Nationalkirche. 

1) Cvijic, Naselja 1 (1902) S. CCX. 

2) Mein Fürstentum Bulgarien 48 f. Miletic, Das Ostbulgarische 
(Wien, Baikaukommission der Kaiser!. Akademie 1903) 10 f. 

3) Altserb. Ras, mask., 'Püaov der Byzantiner. 



Die Natur des Landes und ihr Einfluß auf die Geschichte. 11 

Im 13. Jahrhundert folgte eine neue Offensive der Serben. 
Gegen Norden wendeten sie sich in das untere Moravatal, um 
dessen Besitz zuvor Ungarn und Bulgaren miteinander gestritten 
haben, und weiter abwärts zur Donau, in der Gegend zwischen 
der Savemündung und den Engen des Eisernen Tores. Gegen 
ISüden machten sie bei dem raschen Verfall des nach der Ver- 
treibung der Lateiner restaurierten byzantinischen Reiches große 
Fortschritte in Makedonien. Stephan Dusan, welcher sich 1346 
zum Kaiser der Serben und Griechen krönen ließ, besetzte während 
der Bürgerkriege zwischen den Griechen ganz Makedonien (außer 
Thessalonich), Albanien, Epirus und. Thessalien. Innere Wirren 
erleichterten aber bald darauf das Vordringen eines neuen stär- 
keren Eroberers, der osmanischen Türken, sowohl gegen die 
Griechen, als auch gegen die Serben. Der serbische Staat der 
Despoten des 15. Jahrhunderts hatte seine Basis wieder im Nor- 
den, an der Donau, in Belgrad und in Sraederevo (bis 1459). 
Am längsten jedoch behaupteten sich gegen die Macht der Osmanen 
von den einheimischen Fürsten die Crnojevici in den gewaltigen 
Gebirgen oberhalb des Golfes von Cattaro und des Sees von 
Skutari. 

Als in neueren Zeiten die Grenzen des osmanischen Welt- 
reiches wieder zurückgingen, erfolgte die Bildung neuer serbischer 
Staaten gerade auf dem Boden der letzten politischen Gebilde des 
IMittelalters : in den unwegsamen Bergen von Montenegro bei dem 
von den Crnojevidi im Jahre 1485 gestifteten Kloster von Cetinje 
und im Waldland der Sumadija, nicht weit südlich von Belgrad 
und von der Burg der Despoten in Smederevo. 



Zweites Kapitel. 

Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten ^). 

Noch unlängst glaubte man, die Balkanhalbinsel habe nie 
eine Eiszeit gehabt. Neuere Untersuchungen seit 1896, besonders 
von Professor Cvijic in Belgrad, haben nachgewiesen, daß in der- 
selben Zeit, in welcher die Gletscher der Südalpen in die Po-Ebene 
herabreichten und dadurch die jetzigen oberitalischen Seen ent- 
standen sind, auch die Gebirge der Balkanhalbinsel Gletscher be- 
saßen -). Spuren dieser glazialen Periode wurden nachgewiesen 
auf den höchsten Bergen von Bosnien, der Herzegowina, Monte- 



1) Die prähistorischen Altertümer der südslawischen Länder sind am 
besten erforscht in Bosnien von M. Hoernes, V. Radimsky, F. Fiala, 
C. Truhelka u.a. Über Serbien die Arbeiten von M. Valtrovic, S. Tro- 
janovic und M. Vasic. Das meiste in Zeitschriften: Glasnik bos., Wiss. 
Mitt., Vjesnik arheol., Starinar, Glas. Ein Handbuch vom Berghauptmann 
V. Radimsky, Die prähistorischen Fundstätten, ihre Erforschung und Be- 
handlung, mit besonderer Rücksicht auf Bosnien und "die Hercegovina, 
Sarajevo 1891 mit 3.37 Abb. (auch in serbokroat. Ausgabe). Wilhelm 
Tomas chek. Die alten Thraker, eine ethnologische Untersuchung, Wien 
1893—1894, 3 Hefte (aus den SB.W.Akad. Bd. 128, 130, 131). Über die 
Illyrier gibt es bisher keine erschöpfende Darstellung. Die Sprachen: 
Paul Kretschmer, Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache, 
Göttingen 1896 (Kap. VII Die Thraker, VIII Die illyrischen Stämme^ 
Wichtig für die Völkerkunde Illyriens sind die zahlreichen Abb. von Dr. 
C. Patsch in den Wiss. Mitt. 

2) A. Penck, Die Eiszeit auf der Balkanhalbinsel: Globus Bd. 78 
(1900) 183 f. J. Cvijic, L'epoque glaciaire dans la p^ainsule des Balcans: 
Annales de geographie 9 (1900) 359—372. Derselbe, Neue Ergebnisse 
über die Eiszeit auf der Balkanhalbinsel: Mitteilungen der k. k. geograph. 
Gesellschaft in Wien, Bd. 47 (1904) 149 f. 



lllyrier, Thraker, Helleneu. Kelten. 13 

negro und Nordalbanien, ebenso auf dem Sar, dem Peristeri in 
Makedonien und auf der Rila in Bulgarien. Die Gletscher be- 
fanden sich meist nur auf der Nord- und Nordostseite der Gebirge, 
mit kurzen Gletscherzungen, selten in die Täler hinabsteigend. Am 
tiefsten lag die glaziale Schneegrenze an der Adria im Dinarischen 
Küstengebirge, ungefähr 1400 Meter über dem Meere, demnach 
so tief, wie gegenwärtig an der norwegischen Küste in der Gegend 
von Bergen ; sie stieg landeinwärts, ebenso wie heute in Norwegen, 
von West nach Ost allmähhch empor. Auch die Kälte und Regen- 
menge war im Diluvium im Westen größer als im Osten. Unter- 
halb der Gebirge befanden sich zahlreiche Seen, aus denen sich 
bei dem sinkenden Wasserstand die heutigen Becken der Karst- 
poljen entwickelten ^). Auch die zwischen riesigen Steilwänden 
tief eingeschnittenen Durchbruchstäler, die großartigen Canons der 
oberen Narenta, der Tara (an 800 bis 1000 Meter tief) und der 
Piva zeugen von einer mächtigen Erosion in einer Periode mit 
größeren Wassermengen. Die nördliche, seichte, nur bis 200 Meter 
tiefe Hälfte der Adria mag (nach Cvijic) schon damals bestanden 
haben, bis auf die Küsteninseln und Klippen Dalmatiens, die erst 
bei der fortschreitenden Senkung des Adriatischen Küstenlandes 
als Reste des eingesunkenen Festlandes stehen geblieben sind. Diese 
Senkung des dinarischen Systems schreitet auch in der historischen 
Zeit fort. Sie ist bemerkbar am See von Skutari, dessen Grund seit 
dem Diluvium unter das Meeresniveau gesunken ist, und an einigen 
Bauten der römischen und frühmittelalterlichen Zeit an den Küsten 
Istriens und Dalmatiens. Im Osten der Halbinsel hat man dagegen 
eine Hebung des Landes beobachtet. 

Nach der Eiszeit trat in den Balkanländern ein wärmeres, 
feuchtes Klima ein, mit einer reichen Vegetation und großen Ur- 
wäldern. Aber noch in der historischen Zeit galten die nördlichen 
Gebiete der Halbinsel bei den Griechen und Römern als rauh und 
unwirtlich. Bei einem Winterfeldzug im heutigen Strandzagebirge, 
nordwestlich von Bjzanz, litten die Griechen Xenophons im tieten 
Schnee arg unter der Kälte, bei welcher Wein und Wasser ge- 



1) Cvijic, Die Karstpoljen: Abhandlungen der k. k. geogr. Gesell- 
schaft in Wien 3 (1901) 81 ff. 



14 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

fror, und beneideten die Thraker um ihre warmen Pelzmützen 
und Mäntel ^). Die Römer kannten den frühzeitigen, rauhen und 
schneereichen Winter der Berge von Illyricum, der Täler des 
Hämus und der Provinzen an der unteren Donau -). Prokopios 
schildert die furchtbaren Winterstürme in Dalmatien. Niemand 
gehe dabei aus dem Hause, denn der Windstoß vermöge einen 
Reiter samt Roß in die Lüfte zu heben und wieder zum Boden 
zu werfen, wo er den Tod finde ^). Die Nachricht ist übertrieben, 
aber in unseren Tagen haben Bora und Scirocco auch Züge der 
neuen schmalspurigen Eisenbahnen vom Damm heruntergeschleu- 
dert, 1904 bei Clissa oberhalb Salona und bei Ostrozac an der 
oberen Narenta. 

In den Wäldern der ältesten Zeit hauste eine Fauna großer 
Tiere. Löwen gab es zwischen den Flüssen Nestos (Mesta) in 
der Rhodope und Acheloos (Aspropotamo) in Atolien. Auf dem 
Durchmarsch des Königs Xerxes durch das Küstenland Make- 
doniens beunruhigten sie, wie Herodot erzählt, in den Nächten 
die Kamele des Lagers. Abgebildet sind sie auf den thrakischen 
Skulpturen, Jagd- und Reiterbildern. Aus der Römerzeit stammen 
die vielen steinernen Grablöwen in den Nekropolen der Donau- 
städte. 

Wilde Rinder zweifacher Art belebten die Waldwiesen noch 
im Mittelalter. Als der Stammvater einiger Varietäten unseres 
Hausrinds gilt der jetzt ausgestorbene Ur oder Auerochs, urus 
der Römer (Bos primigenius). Herodot erwähnt diese wilden Stiere 
(ßosg äyQioi) in der Nähe des Golfes von Salonik. Ihre langen 
Hörner dienten den thrakischen Fürsten, ebenso wie den Germanen 
in der Zeit Cäsars, als Trinkgefäße. Der Dakerkönig trank aus 
einem mit Gold eingefaßten Hörn {ßoög ocqov ytegag), welches 
Kaiser Trajan aus der Kriegsbeute dem Zeus Kasios widmete *). 
Varro kennt in Cäsars Zeit eine wilde Art der Hausrinder (boves 



1) Xenophon, Anabasis VII cap. 4. 

2) Strabo VII p. 317. Vellejus Paterculus II cap. 113. 
Tacitus, Annales IV cap. 51. Geographi lat. minores ed. Riese p. 12L 

3) Prokopios ed. Haury V cap. 15 (de belle goth. I, 15). 

4) Anthologia Palatina VI, 332 (ein Gedicht Hadrians). 



Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten. 15 

perferi) in Dardanien , im Lande der Maden und in Thrakien ^). 
Auch im Mittelalter war der Auerochs in Osteuropa wohlbekannt, 
slawisch tur (fem. turica), rumänisch bouru (daher Ortsname 
Boureni) genannt. Zahlreiche Ortsnamen in Krain, Dalmatien, 
Bosnien, iSerbien, Makedonien und Bulgarien sind von tur ab- 
geleitet: Landschaft Turopolje (das „Auerochsenfeld'') bei Agrara, 
Dörfer Turovo, Tuija, Turica, Turici, Turjane u. a. '-). Auer- 
ochsen jagten noch die heidnischen Bulgaren, wie an den Knochen- 
funden im Lager von Aboba zu sehen ist, in den Wäldern Ost- 
bulgariens. Als der serbische König Stephan der Erstgekrönte 
(um 1215) solche Tiere (tari i turice) von König Andreas IL von 
Ungarn zum Geschenk erhielt, dürften sie in Serbien schon eine 
Seltenheit geworden sein ^). Daraals war der Auerochs noch ver- 
breitet im Karpathengebiet, wo die Moldau, ebenso wie der Kanton 
Uri, einen Stierkopf im Wappen führt. Verschieden vom Auer- 
ochsen war der behaarte Wisent (Bison europaeus), die „iubati 
bisontes" des Plinius, mit verhältnismäßig kleinen, nach rückwärts 
gewendeten Hörnern, in unseren Tagen noch bei Bialystok in 
Litauen und im Kaukasus gehegt. Im Altertum war er in großer 
Zahl vorhanden in den Wald wüsten der Hämusländer, besonders 
im Stromgebiete des Strymon und Axios ^). Noch in der Kaiser- 
zeit pflegte man in Rom den päonischen Wisent b< i den Tier- 
hetzen des Amphitheaters vorzuführen. Im Mittelalter war er 
südlich der Donau selten geworden. Paulus Diaconus im 8. Jahr- 
hundert erwähnt die „bisontes ferae" in den Bergen von Friaul 
und in Pannonien. Im Kirchenslawischen hieß das Tier z^br-L 
(zombrü, daraus rumänisch zimbru), serbisch zubr. Während in 
den nord slawischen Ländern seine Spur in den Ortsnamen recht 
häufig ist, sind in den Balkanländern nur wenige Beispiele vor- 
handen: der „Wisentfluß'' Zubrova Reka, ein Nebenfluß der 
Ravanica in Serbien, und die „Wisentberge" Zuber Planina bei 

1) Varro II, 1, 5 ed. Keil. 

2) Tur und zubr: xMiklosich, Slaw. Ortsnamen aus Appellativen 2 
(Denkschr. W. Akad. 23) S. 250, 260. Jirecek, Arch. slaw. Phil. 15 
(1893) 89. Cvijic, Naselja 1, S. GL. 

3) König Stephan ed. Safaiuk, cap. 20, p. 29. 

4) Tomaschek, Die Thraker 2, S. 5—6 (bonasus, fxövanos, ß6Xivd-og)._ 



16 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

Trn (zwischen Nis und Sofia) und Zuberovo Brdo bei Gradacae 
in Bosnien. Die Byzantiner kannten das Tier unter dem slawi- 
schen Namen (tov/urtgog) als ein in Rußland vorkommendes großes 
Jagdwild ^). 

Reste des Steinbocks fand man in den Pfahlbauten an der 
Una, Überreste des Elentieres, welches noch in der Zeit des 
Albertus Magnus (f 1280) in den Wäldern von „Sclavonia" in 
Menge lebte, in den Pfahlbauten an der Save ^). Verschollen ist 
heute auch der Biber (bulg. bebr, serb. dabar), nach welchem 
der „Bibersee" von Kastoria in Makedonien benannt war. Seine 
Spur ist nur mehr in Ortsnamen bemerkbar ^). Die intensivere 
Besiedelung des Landes, die Ausbreitung der Agrikultur und die 
Jagdfreiheit führten zur Ausrottung der alten Waldfauna. In 
unseren Tagen ist selbst der Hirsch in Bulgarien und Serbien 
eine Seltenheit geworden, in Bosnien und der Herzegowina ganz 
verschwunden. Dasselbe Schicksal naht den Bären und Gemsen. 
Eine Mischung von Sagen über ausgestorbene Tiere, von Märchen 
über unheimliche, in stehenden Gewässern hausende Geschöpfe und 
von physikalischen Beobachtungen über das Geräusch, welches 
periodisch sich füllende und wieder entleerende Seen verursachen, 
ist die von Cvijic untersuchte Sage von dem Wasserstier (vodeni 
bik), überall verbreitet bei Seen und Sümpfen in Bulgarien, Ser- 
bien, Montenegro, Bosnien und Dalmatien. Es soll ein schwarzes, 
drachenartiges Tier sein, das nachts am Ufer der Gewässer weidet, 
die Rinder der Ortseinwohner verfolgt und durch sein Brüllen die 
Umgebung erschreckt ^). 

Überreste des „paläolithischen^' Menschen der Eiszeit fand 



1) Niketas Akominatos (um 1200) ed. Bonn. 433. Die byz. 
Glosse CöfißQog als roay^Xacfog and Qoaxrjg ik&civ erklären Lagarde und 
Tonaaschek (a. a. 0. 2, 12 nro. XVI) als slawisches (nicht thrakisches) 
Wort. 

2) Woldfich, Wiss. Mitt. 5, 98: 9, 162. 

3) Ai^vT], r] KciOTOQta djvöuaaiat, Prokopios ed. Bonn. 3, 273 bei 
Diokletianopolis (j. Kastoria, slaw. Kostur). In Serbien wurde nach Pancic 
(Glasnik 26, S. 85 — 86) ein Exemplar noch um 1850 bei Smederevo ge- 
fangen. 

4) Glas 54 (1897) 98—100. 



Illyrier, Thraker, Helleneu, Kelten. 17 

man jüngst bei den Thermen von Krapina in Kroatien. Der 
„neolithischen" Periode gehören die Funde des Dr. Vasic in der 
Umgebung von Belgrad an, verwandt mit den Resten der ältesten 
Kultur von Griechenland. Es sind Grubenwohnungen mit Gerät 
aus Knochen, Hörn und Stein, sowie Tongeschirr, noch ohne Me- 
talle. Dabei fanden sich bemalte Idole aus Ton, besonders einer 
weiblichen Göttin. Die Höhlenfunde bei Valjevo und Nis und 
die Ausgrabungen im unteren Moravatal und in Sobunar am 
Berge Trebevid bei Sarajevo, mit Stücken der Steinzeit neben 
Gegenständen der Bronze- und ersten Eisenzeit geben Zeugnis 
von einer längeren Dauer der Ansiedlungen an derselben Stelle. 
Bei Anbruch der historischen Zeit erscheinen auf der Halbinsel 
drei indogermanische Völker: die Illyrier, Thraker und Hellenen. 

Die Jllyrier wohnten in der westlichen Hälfte der Halbinsel, 
von der mittleren Donau bis nach Epirus. Im Zentrum der Halb- 
insel gehörten zu ihnen auch die Dardaner und die Paionen, an 
der Ostküste Italiens die Veneter und die Messapier mit anderen 
Küstenstämmen Apuliens. Die Personennamen auf den Inschrif- 
ten der Römerzeit, die einzigen Denkmäler des Altillyrischen, 
sind selten aus zwei Nomina zusammengesetzt (z. B. Epicadus 
oder Pladomenus), wie die Namen der Thraker, Hellenen, Ger- 
manen, Slawen oder Perser. Die Mehrzahl, bestehend nur aus 
einem Nomen mit Suftix, erinnert vielmehr ganz an die Namen 
der Römer und anderen Italiker: Dazas, Plares, Tito, Tato, Verzo, 
Piator, Lurus u. a Für die sozialen Verhältnisse sind merkwürdig 
Namen, die in unveränderter Form sowohl von Männern als Frauen 
geführt werden, besonders auf den Inschriften von Plevlje (Panto, 
Tritano, Vendes, Vandano u. a.). Auf den Denkmälern der Land- 
schaft Lika führen Mann und Frau dieselben Namen mit ver- 
schiedener Endung (Öplus und Öpla, Stennas und Stennato). Die 
Sprache der Albanesen, welche Nachkommen der alten Illyrier 
sind, bietet nur ein unvollkommenes Material zur Kenntnis des 
Illyrischen, da sie von romanischen Elementen ganz durchsetzt ist. 
Dagegen behaupten sich zahlreiche Ortsnamen der illyrischen 
Periode in mehr oder weniger veränderter Gestalt bis zum heu- 
ligen Tage. 

Die Namen der Stämme dieses Volkes befanden sich in fort- 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 2 



18 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

währendem Wechsel, durch Verschiebungen der Wohnsitze und 
innere Fehden, An den Ufern der unteren Save saßen die Breuker. 
Durch die Funde von Dr. Patsch sind bekannter geworden die 
Japoden im nordwesthchen Bosnien bei Bihad und in der Lika. 
Ihre Nachbarn an der Küste und auf den Inseln waren die in 
der Schiffahrt geübten Liburner. Als ein führender Stamm er- 
scheinen zur Zeit der römischen Eroberung die Delmater oder 
Dalmater, mit dem Hauptort Delminium (jetzt Zupanjac) und dem 
Hafenplatz Salona. Auf beiden Seiten der gewaltigen Berge von 
Makarska wohnten die Ardiaioi (lat. Vardaei), einst die berüchtigtsten 
Piraten des Adriatischen Meeres. Die Daorser (lat. Daversi) an der 
Narenta prägten später Kupfergeld mit dem Bild eines Schiffes und 
der Aufschrift Juoqgwv. Die Wohnsitze der Dokleaten umfaßten 
den größten Teil von Montenegro, sowohl bei Podgorica, als bei 
Grahovo, wo jüngst im Dorfe Viluse in den Ruinen des römischen 
Kastells Salthua lateinische Inschriften iln^er Häuptlinge (in Versen) 
gefunden wurden ^). Ihre Nachbarn waren die Labeaten am See 
von Skutari und die des Bergbaus kundigen Pirusten. Von den 
südlichen Stämmen waren von Bedeutung die Dassaretier im Berg- 
land bis zum See von Ochrid, neben ihnen die bei Ptolemaios 
genannten Albaner (ylXßavoi) mit der Stadt Albanopolis, dort, wo 
im Mittelalter die Landschaft Arbanum in den Bergen von Kroja 
bestand. Im Binnenlande waren einst die Autariaten das vor- 
nehmste Volk, Feinde der Ardiäer, zuletzt von den Kelten zer- 
sprengt. Der Name Tara mag von ihnen stammen; so heißt einer 
der Quellflüsse der Drina und ein Berg an den Quellen der Raca 
im Kreis von Uzice. Zur Zeit der römischen Eroberung waren 
mächtig die Daesitiates, wahrscheinlich im Innern Bosniens, neben 
ihnen im Norden die Mäzeer, die Ditiones, die Sardeaten und 
andere, deren Wohnsitze sich bei dem Mangel an Inschriften nicht 
genau bestimmen lassen. In der Landschaft von Uzice wohnten 
die Parthini, die den Jupiter Partinus als Schutzgott verehrten, 
nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Stamm im Küsten- 
lande bei Durazzo -). Am oberen Vardar, am Weißen Drim, auf 

1) N. Vulic, Vjesuik arheol. N. S. 8 (1905) 172f. Rovinskij, 
Cernogorija : Sbornik russ. Akad. 86 (1909) S. 84 f. 

2) Ladek, v. Premerstein, Vulic, Antike Denkmäler in Serbien: 



Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten. I9 

dem Amselfelde und in der Landschaft von Nis war die Heimat 
der Dardaner, welche erst seit 284 v. Chr. erwähnt werden als 
tapfere Feinde der Makedonier und später der Römer. 

Diese Stämme waren geteilt in Sippschaften, welche Plinius 
als „decuriae" bezeichnet; z. B. die Delmatae zählten ihrer 342 
die Daesitiates 103, dagegen die von den Römern fast aufgeriebenen 
Vardaei nur mehr 20. Gemeinsame Grabstätten der Geschlechter 
fand man in den Taniuli von Glasinac. Strabo berichtet, daß bei 
den Dalmatern das Land alle acht Jahre neu verteilt werde wohl 
innerhalb eines Gaues oder einer Sippschaft. Aus den Schriften 
der römischen Agrimensoren ist das Feldmaß von Dalmatia be- 
kannt, der „versus", 8640 Quadratfuß groß; 3| „versus" ent- 
sprachen einem römischen „iugerum" i). Die Frauen genossen eine 
große Achtung. Die historischen Nachrichten berichten von Kö- 
niginnen, die zeitweilig an der Spitze der Völker standen. Der 
Periplus des sogenannten Skylax von Karyanda und Nikolaos von 
Damaskus fabeln von einer mit einer Art Polyandrie verbundenen 
Frauenherrschaft im Lande der Liburner. Varro, ein Zeitgenosse 
des Cicero, rühmt die kräftigen und arbeitsamen Weiber der 
Illyrier, welche unverdrossen Vieh weiden, Holz zur Feuerstelle 
schleppen, Speisen bereiten und daneben noch Kinder mit Leich- 
tigkeit gebären und säugen. Daß die jungen Illyrierinnen (quas 
virgines ibi appellant) unbegleitet (incomitatae) große Freiheiten 
genossen und auch Kinder haben durften, erinnert an Herodots 
Schilderungen der Sitten der Thraker 2). Neben den Freien gab 
es eine untertane, leibeigene Bevölkerung, in der Art der Heloten 
von Lakonien und der Penesten von Thessahen, besonders im 
Lande der Ardiäer und der Dardaner. An der Spitze der Stämme 
standen Häuptlinge oder erbliche Könige. Nie waren alle Illyrier 
vereinigt zu einem Reich. Das einzige größere Königreich um- 
faßte im 3. und 2. Jahrhundert v, Chr. die adriatische Küste 

Jahreshefte des österr. arch. Inst. 4 (1901) Beiblatt 158—160. Vgl. Vulic 
im Glas 72 (1907) 7. 

1) Strabo VII cap. 5 p. 315. Gromatiei veteres; die Schriften der 
röm. Feldmesser, herausg. von Blume, Lachmann, Eudorff (Berlin 
1848) 2, 282. 

■2) Varro ed. Keil II cap. 10, 7—9. 

2* 



30 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

ungefähr von Alessio bis Sebenico, aber es war mehr ein Bund, 
als ein Reich; die nördlichen Stämme fielen bald ab. Als Resi- 
denz wird Skodra (Skutari), als Hauptfestung Rhizon (Risano) ge- 
nannt. Theopomp und Polybios schildern die fröhlichen Gelage 
dieser Illyrier, von welchen die Frauen ihre angeheiterten Gatten 
nach Hause zu fuhren pflegten. Ganz unmäßig aßen und tranken 
täghch die Ardiäer; auch die Könige Agron und Gentius bezechten 
sich in arger Weise. 

Die Berge und Wälder erleichterten die Verteidigung des 
Landes. Die „fast uneinnehmbaren" Wohnsitze der Pirusten und 
Däsitiaten schildert Vellejus Paterculus, Legat im dalmatinischen 
Kriege unter Augustus. Die endlosen Fehden und Raubzüge be- 
förderten das Eotstehen großer Waldwüsten. Eine solche absicht- 
lich unbewohnt gemachte Wüstenei befand sich an der Grenze 
der Makedonier gegen die Dardaner, später um das Land der 
keltischen Skordisker herum. Das sind die noch in der spät- 
römischen „ Dimensuratio provinciarum " erwähnten „Wüsten Dar- 
daniens" (deserta Dardaniae) ^). Diese Wälder konnten mit ihrer 
Tierwelt Jägern und Fischern den ganzen Lebensunterhalt ge- 
währen. Die Hauptbeschäftigung blieb aber die Viehzucht, mit 
Herden von Schafen und Ziegen. Plinius findet die hiesige Schaf- 
wolle etwas zu rauh, lobt aber den Käse der Dokleaten (caseus 
Docleas) in den „Alpes Delmaticae". Eine Reichsbeschreibung 
um 350 V. Chr. nennt den Käse von Dardanien und Dalmatien. 
Zum Ackerbau war das Land, nach einer Bemerkung des Strabo, 
wenig geeignet; die Japoden bauten Spelt (ileid) und Hirse (ytcyxQog). 
Als Getränk dienten vor der Verbreitung des Weines verschieden- 
artige prähistorische Biere, bereitet aus Hirse, Gerste, Weizen, 
aus Kräutern und Wurzeln: der ßqvxog der Thraker, die jcaqaßiri 
und das Ttlvov der Paionen, das „camum" der Pannonier, die 
„sabaia" (oder sabaium) der Illyrier '^). Von den Gewerben ist 
vor allen der Bergbau zu nennen. Seine ersten Anfänge waren 



1) Polybios XXVIII cap. 8. Livius XLIII cap. 20. Strabo 
VII p. 318. Geogr. lat. minores ed. Riese p. 11. 

2) Tomas fhek, Die alten Thraker 2, 7 f. 01c k bei Pauly-Wissowa 

3, 1, 461 (Art. Bier). 



Illyrier, Thraker, Helleuen, Kelteo. 31 

das Auswaschen von Metallkörnern aus dem Flußsand : des 
Magneteisens, wie heute noch in Bulgarien und Makedonien, be- 
sonders aber des Goldes. Eine höhere Stute war die trockene 
Arbeit bei den Erzgängen. Spuren uralter Bergmannsarbeit, mit 
Werkzeug der Hallstätter Periode, fand man jüngst in den 
Zinnober und Silber führenden Löchern der Suplja Stena (serb. 
„hohle Wand'') am Berge Avala bei Belgrad, ein verfallenes 
Kupferbergwerk aus der Bronzezeit im Dorfe Bor bei Zajecar ^). 
Die Hausindustrie beschäftigte sich mit der Verarbeitung der Pro- 
dukte der Viehzucht, mit Metallgießerei und Töpferei, der Herstellung 
von Kleidern, Waffen und Gerät für die Jagd, Fischerei und den 
Krieg. Bei der Küstenschiffahrt war die Versuchung zum See- 
raub naheliegend. 

In der vorrömischen Zeit wohnte die Bevölkerung meist in 
höheren Lagen; erst unter der Römerherrschaft wurden die Täler 
dichter besiedelt. Die Nachbarschaft großer Waldtiere und die 
vielen Kriege nötigten schwer zugängliche Behausungen anzulegen. 
Natürliche Höhlen dienten als Wohnungen, Festungen oder als 
gottesdienstliche Räume. Bei dem Zug des Crassus (29 v. Chr.) 
schlössen sich die Mösier samt ihren Herden in der großen Höhle 
Keiris ein und mußten von den Römern belagert und ausgehungert 
werden. Nach Strabo, der unter Kaiser Tiberius schrieb, wohnten 
die Dardaner, die bei den Griechen als ein äußerst unreines, un- 
gewaschenes Volk galten, in Höhlen unter Düngerhaufen und 
unterhielten sich in diesen Verstecken mit Flöten und Saiten- 
instrumenten. Paulinus von Nola sagt in einem Gedicht an den 
Bischof Nicetas von Remesiana (um 40ü), daß die thrakischen 
Bessen in Höhlen wohnen (in antris viventes). In den Steppen 
an der mittleren und unteren Donau bedingte der Mangel an 
Stein und Holz die Errichtung von Grubenwohnungen, seit dem 
Altertum bis auf unsere Tage. Sehr verbreitet waren Pfahlbauten 
auf Seen und Flüssen, so anschaulich beschrieben von Herodot 
bei den von Fischfang lebenden Paionen auf dem See Pra- 
sias im südlichen Makedonien. Die Pfahldörfer der Daker mit 
ihren kegelförmigen Hütten sind abgebildet auf den Reliefs der 



1) Vasic, Godi§njak 19 (1905) 263 f. 



33 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

Trajanssänle. Reste der Ansiedlungen von Fischern und Jägern, 
die auch etwas Ackerbau trieben und in Hütten auf einem Pfahl- 
werk von Eichen- und Ahornstämmen wohnten, fand man in der 
Save auf dem bosnischen Ufer bei Bosnisch Gradiska, auf dem 
kroatischen bei Novigrad in der Nähe von Brod, und in der Una 
bei Ripac. Das reichhaltige Inventar reicht von Lanzenspitzen 
aus Hirschhorn und steinernen Pfeilspitzen bis zur Eisenzeit; die 
Zeit bestimmen barbarische Nachahmungen der Tetradrachmen 
des makedonischen Königs Philipp H. , an der Una römische 
Münzen der Kaiserzeit ^). Zu Verteidigungs- und Kultuszwecken 
waren die hochgelegenen Wallburgen errichtet, meist in kreisrunder 
oder elliptischer Form, wie z. B. die zahlreichen Umwallungen 
auf der Hochebene von Glasinac, die große Wallburg auf dem 
Berge Vrsnik zwischen Ötolac und Ljubinje mit vier konzentri- 
schen Ringen, die zusammen an 35 000 Quadratmeter einschließen, 
die Burg auf dem Berge Kicin bei dem mittelalterlichen Schloß 
von Blagaj an der Narenta -). Andere Burgen hatten schon Stadt- 
mauern nach hellenischem und römischem Muster. Im Karstgebiete 
dienten einige von der illyrischen Zeit bis auf unsere Tage stets 
als Festungen, wie Medeon im Gebiet der Labeaten, wo der Legat 
Perperna die Königin Etleva mit den Söhnen des illyrischen Königs 
Gentius gefangen genommen hat, Medione des Geographen von 
Ravenna, Medonum in den Urkunden des 15. Jahrhunderts. Es 
ist das heute noch wohlbekannte Medun, ein hochgelegenes Kastell 
mit Resten kyklopischer Mauern und uralter Felseutreppen auf 
einem weißen Kalkfelsen im Gebiete des Stammes der Kuci, im 
Osten von Montenegro ^). Im Innern der W^allburg von Kicin 
fand man eine Anzahl kreisrunder Hütten aus trocken zusammen- 
gelegten Steinblöcken mit engem Eingang. Im Waldgebiete sahen 
die illyrischen Dörfer wohl nicht anders aus, als die thrakischen 
in den Zeiten des Xenophon: weit voneinander zerstreute Holz- 



1) Radimsky, Truhelka u. a.: Wiss. Mitt. 5 (1897) und 9 (1904). 
BruQsmid. Vjesnik arheol. N. S. 4 (1900). 

2) Radimsky, Die prähist. Fundstätten 96f., 117f. Wiss. Mitt. 2, 
20, 52 f. 

3) Evans, Illyricum I— II, 84—86; Kretschmer a. a. 0. 257; meine 
Rom. Dalm. 1, 58; Rovinskij, Sbornik russ. Akad. 86 (1909) S. 81. 



Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten. 33 

häuser, bei Nacht, auch im Winterschnee schwer auffindbar, ein 
jedes ringsherum umschlossen von einem Zaun aus hohen Pfählen ^). 
Die Götter der Illyrier werden noch auf den Inschriften der 
Römerzeit abgebildet und genannt: der eine Waffe schwingende 
Kriegsgott Medaurus auf feurigem Roß, der Wasser- und Quellen- 
gott Bindus bei den Japoden, die Göttinnen Latra im Lande 
der Liburner, Sentona, Iria und Ica in Istrien usw. Merk- 
würdigerweise fehlt jede Erwähnung von Priestern -). In der 
Römerzeit wurden die einheimischen Götter durch die ähnlichen 
römischen verdrängt, besonders durch Silvanus (Pan), Diana, Liber 
und Libera. Schon früher fanden hellenische Götter- und Heroen- 
kulte Eingang ins Küstengebiet. Ein Sohn des Kadmos und der 
Harmonia, deren Giäber man bei Rhizon zeigte, lUyrios genannt, 
erscheint in griechischen Quellen als mythischer Stammvater des 
einheimischen Königsgeschlechtes ^). Eine andere Genealogie bei 
Appian macht Illyrios zum Sohn des Kyklopen Polyphem und 
der Nymphe Galateia; von ihren Söhnen und Töchtern führen die 
illyrischen Stämme ihre Namen, von Autarieus, Dardanos, der 
Parthö, Daorthö, Dassarö usw. ^). Reste von Schlangen- und 
Drachenglauben gab es, wie aus der vom Kirchenvater Hiero- 
nymus verfaßten Biographie des heiligen Hilarion von Gaza er- 
hellt, noch um 365 bei Epidaur (Ragusa vecchia); ein Drache 
(boa) soll Menschen und Vieh gefressen haben, bis der Heilige das 
Ungeheuer durch Feuer tötete. Vom einheimischen Aberglauben 
ist bei Plinius eine Notiz über das todbringende böse Auge bei 
den lUyriern und Triballern erhalten. Die Toten pflegte man 
unter Grabhügeln zu bestatten, die im Karstgebiet aus Steinen, 
im Binnenlande aus Erde errichtet wurden. Sie enthalten aus 
derselben Zeit teils Skelette, teils Brandgräber. Im alten Thraker- 
lande sieht man die höchsten Tumuli in tieferen Lagen, in Tälern, 
Ebenen und Steppen. Bei den lUyriern befinden sich dagegen 

1) Xeuophon Anabasis VII cap. 4. 

2) Tomaschek in Bezzenbergers Beiträgen zur Kenntnis der 
indogernti. Sprachen 9 (1884). Dr. C. Patsch in den Wissensch. Mitt., 
Band 5—7 und den Jahresheften 6 (1903) 72—73 (Medaurus). 

3) Geographi graeci min. 1, 31. 

4) Appian, lUyr. cap. 2. 



34 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

große Nekropolen meist auf öden Bergen; wahrscheinlich wollte 
man die Toten recht hoch, in der Nähe des Himmels, der Sterne, 
des Mondes und der Sonne zur ewigen Ruhe bestatten. Alle 
bisher untersuchten großen Grabfelder stammen aus der ersten 
Eisenzeit, mit wenigen Spuren griechischen Einflusses, vor allem 
die von Hoernes und anderen gründlich erforschte riesige Nekro- 
pole von Glasinac in den Bergen östlich von Sarajevo. An Gla- 
sinac erinnern die Funde auf dem „Berg der Gräber" bei dem 
Dorf Komana in Albanien, in den Engpässen des Drim östlich 
von Skutari. Dasselbe gilt von einem Gräberfeld mit ungefähr 
200 Tumuli in den Bergen zwischen Cacak und Arilje im König- 
reich Serbien, bei den Dörfern Negrisor und Markovica i). 

Die östlichen Nachbarn der Illyrier waren die Thraker, ver- 
breitet von den siebenbürgischen Karpathen über die Donau und 
den Hämus bis über die Meerengen hinüber nach Kleinasien, wo 
die Phrygen, Mysier und Bithynen zu ihnen gehörten. Die Orts- 
namen ihrer Burgen (-diza, -dizos), Dörfer (-dava, -para) und 
Thermen (germ-) sind in großer Anzahl bekannt. Die thrakischen, 
meist zweistämmigen Personennamen, die noch in Justinians Zeit 
vorkommen, sind ganz verschieden von denen der Illyrier und 
erinnern an die der Armenier und Perser: Auluporis, Bithitralis, 
Dinikenthos, Mukaporis, Rhaiskuporis usw. Selten sind einstämmige 
Namen oder Kurzformen, wie Kotys , Bithys oder Seuthes. Auf- 
fällig war den Fremden die thrakische Sitte der Tätowierung, die 
Strabo auch bei den Japoden in Illyricum erwähnt. Je vornehmer 
ein Thraker oder eine Thrakerin war, desto zahlreicher waren 
die waschechten, mühsam mit Nadeln eingeätzten Zeichnungen, die 
Antlitz und Glieder zierten. Die Kleidung bestand im Norden 
aus Schafpelzen und weiten Hosen, im Süden aus Fellen und 
feinem, sehr bunt gefärbten Hanfzeug. Allgemein verbreitet waren 
die aus den Bildern der Trajanssäule bekannten und noch gegen- 
wärtig in den Ostkarpathen, auf der Balkanhalbinsel, im Kaukasus 
und in Persien landesüblichen Pelzmützen. Die soziale Stellung 
des Weibes war, im Gegensatz zu den Illyriern, eine untergeordnete. 
Die Vornehmen lebten in Vielweiberei ; je reicher der Mann war, 

1) Trojanovic, Starinar 9 (1892) 1—23. 



Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten. 35 

desto mehr Frauen durfte er sich kaufen. Oberhäupter der Stämme 
waren erbhche Könige; bei den Bessen, Mosern und Geten übten 
die Priester einen großen Einfluß aus. Größere Bundesstaaten 
bildeten sich zwei: im Süden unter der Führung der Odryser, 
welche in der Landschaft von Adrianopel ihre Heimat besaßen, 
im Norden unter den Königen der Daker. Es war eine kriegerische 
Nation, deren Tapferkeit von den Zeiten der Perserkriege bis zur 
Regierung Justinians weltbekannt blieb. Der Odryserkönig Si- 
talkes konnte nach Thukydides 150000 Mann ins Feld stellen. 
Strabo schätzt die Mannschaften Thrakiens auf 215 000 Mann. 
Herodot schildert die Thraker als ein faules Volk. Nel-'en der 
Viehzucht, besonders Pferdezucht, und dem Fischfang war der 
Ackerbau schwach, begleitet vom Weinbau. Die Urheimat der 
Weinkultur sucht man überhaupt am Schwarzen Meere, wo die 
Rebe noch wild wachsend vorkommt, sei es in Thrakien oder in 
Mingrelien. Von den Gewerben ist der Bergbau zu erwähnen, 
nicht nur Gold- und Eisensandwäscherei, sondern auch die von 
Vegetius in der Theorie des Belagerungskrieges erwähnten unter- 
irdischen Stollen (cuniculi) der Bessen. Berüchtigt war die Trunk- 
sucht der Thraker. Es gab aber auch in dieser weiteutfernten 
Zeit eine Abstinenzbewegung. Wie Strabo berichtet, fand man 
bei den Mosern Asketen, welche kein Fleisch aßen und von Honig, 
Milch und Käse lebten; ebenso traf man neben der herrschenden 
Polygamie fromme Thraker, die ohne Weiber lebten. Der Daker- 
könig Burebistas hat, um seine Truppen nüchterner und folgsamer 
zu machen, das Volk überredet, die Weingärten auszurotten. 

Bei den thrakischen Götterkulten ^) fehlte es mitunter nicht 
an Menschenopfern. Der bärtige Licht- und Donnergott Zbel- 
thiurdos wurde später identifiziert mit Zeus. Bendis, die thrakische 
Artemis, ist auf den Bildwerken mit Bogen und Pfeil auf einem 
Hirsch reitend dargestellt, begleitet von Jagdhunden. Die meist- 
genannten Götter waren aber Savadios oder Sabazios und der 
ihm verwandte Dionysos, dessen Verehrung mit lärmenden Trink- 
gelagen und Orgien ihren Mittelpunkt bei dem Bergtempel der 
Bessen in den Koniferenwäldern der Rhodope hatte. Auf Stein- 



1) Dobrusky, Sbornik bulg. 16-17 (1900) 1—146. 



36 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

tafeln aller Größen, gefunden von Konstantinopel bis Belgrad, ist 
abgebildet der thrakische Herosgott oder der „thrakische Reiter", 
begleitet von Hunden, Ebern, Hirschen oder Löwen. Abseits 
stehen die Geten mit ihrem Naturgott Salmoxis, dessen Hohepriester, 
der Ratgeber des Königs, nach Strabo in der Höhle eines heiligen 
Berges hauste. Wie der vornehme Thraker begraben wurde, ist 
bei Herodot zu lesen : die Lieblingsfrau wurde getötet und mit- 
begraben, Kampfspiele gefeiert und ein hoher Grabhügel (x^fxa) 
aufgeschüttet. 

Von den Stämmen des Binnenlandes erscheinen im Goldland 
Siebenbürgens zuerst die Agathyrsen , später die Daker , die man 
als ihre Nachkommen betrachtet, verwandt mit den benachbarten 
Geten an der unteren Donau und der pontischen Küste ^). Die 
ältesten in der Geschichte erwähnten Bewohner des heutigen König- 
reichs Serbien waren die mächtigen und kriegerischen Triballer. 
Herodot kennt in diesem Lande zwei Flüsse: Angros, der aus 
dem Lande der lUyrier kommt, ohne Zweifel die westliche Morava 
samt dem Ibar, und Brongos (Bargos des Strabo, Margus der 
Römer), der in den Istros fließt, wohl die südliche und die ver- 
einigte Morava. Am Zusammenfluß beider befand sich die Ebene 
der Triballer {rtEÖiov rö TgißaHi/Mi'). In der Zeit des Thuky- 
dides wollte der Odryserkönig Sitalkes seine Macht über den 
Fluß Oskios (Isker) gegen Norden ausbreiten, fiel aber in einer 
Schlacht gegen die Triballer, deren Gebiet sich nach Strabo fünf- 
zehn Tagereisen weit vom oberen Strymon bis zur Donau aus- 
dehnte. Später kämpften sie mit den Makedoniern, Philipp H. 
und Alexander dem Großen, dem sich der Tribalierkönig Syrmos 
unterwerfen mußte (334 v. Chr.), worauf eine Schar Triballer an 
dem Zug Alexanders nach Persien teilnahm. Gebrochen wurde 
ihre Macht von den keltischen Skordiskern. TrebalHa hieß nach 
der römischen Eroberung ein Landstrich Westbulgariens, wo der 
Geograph Ptolemaios Oescus an der Iskermündung als Stadt der 



1) Die von Herodot nördlich von den Thrakern im heutigen Ungarn 
erwähnten Sigyuner, ein Noraadenvolk medischea Ursprungs, gehören nach 
Müllenhof f, Deutsche Altertumskunde 3, 2 ans Kaspische Meer, wo sie 
Strabo nennt und beschreibt. 



Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten. 37 

Triballer bezeichnet i). Ihre Erben und Verwandten waren die 
Moser (Moiser und Myser der Hellenen), gleichnamig den Mysiern 
in Kleinasien, am Flusse Timacus (Timok) und weiter gegen 
Osten. Die östlichen Nachbarn der Dardaner waren: die Serden, 
deren Hauptort Serdica sich in der Römerzeit zu einer großen 
Stadt entwickelte (jetzt Sofia), die Danthaleten bei Küstendil und 
die Maiden (Maedi) im Gebiete der Bregalnica. Die Römer über- 
trugen fast auf alle Thraker den Namen der Bessen der Rhodope, 
welche ihnen den größten Widerstand leisteten. 

Von großem Einfluß auf diese Völker war der Verkehr mit 
den Hellenen. An den Gestaden lllyriens war aber die hellenische 
Schiffahrt und Kolonisation nie so intensiv, wie im Pontus. Ko- 
lonien der dorischen Bürger von Korkyra (Korfu), gegründet im 
7. und 6. Jahrhundert v. Chr., waren Epidamnos, später Dyrrha- 
chion genannt (Durazzo), im Altertum und Mittelalter stets eine 
große Stadt, erst seit Ende des Mittelalters infolge der Abschließung 
der benachbarten Lagune verfallen, und Apollonia an der Mün- 
dung des Aoos (Vojussa), verödet seit den Zeiten Justinians durch 
die Versumpfung der Landschaft. Spärlich waren die Ansied- 
lungen auf den dalmatinischen Inseln: Issa (Lissa), Pharos (ital. 
Lesina, kroat. Hvar oder Far) und Schwarz - Korkyra {KcQ/.iqa 
J\IeXaiva, jetzt Curzola). Hellenischen Ursprungs ist z. B. auch 
der Name der allerdings erst seit Cäsars Zeit genannten, nach 
den Inschriften später rein lateinischen Stadt Epidaur (Ragusa 
vecchia). Eine Ansiedlung der Hellenen von Issa war Tragurion 
(Trau) auf einem kleinen Inselchen nahe an der Küste, eine Kolonie 
der Syrakusaner Lissos (Alessio) mit der durch kyklopische 
Burgmauern befestigten Akropole Akrohssos an der Mündung des 
Drilon (Drim). Ein reger Handel entwickelte sich an der Mün- 
dung des Naron (Narenta), wo die Schiffe den Fluß eine Strecke 
aufwärts bis zu einem Handelsplatz hinauffuhren, der Stadt Na- 
rona der Römerzeit. Die Kaufleute brachten den Illyriern Ton- 
gefäße, Schmuckgegenstände, Glaswaren, Waffen, wohl auch Wein 
und Seesalz. Griechische Bronzehelme der korinthischen Form, 
bekannt aus den Funden von Olympia, fand man in Albanien, 



1) Tomaschek, Die Thraker 1, 87—90. Vulic, Klio 9 (1907) 490. 



38 Erstes Buch. Zweites Kapitel. 

Dalmatien, Bosnien und Serbien. Die größte Verbreitung hatten 
im Innern des Landes bis in den Anfang der römischen Kaiser- 
zeit die Münzen von Dyrrhachion und Apollonia, wohlbekannt aus 
den Funden von ganz Albanien, Bosnien, Kroatien, Serbien, Bul- 
garien, Ungarn und Siebenbürgen. Parallel damit sind im Osten 
der Halbinsel die Silbermünzen von Thasos verbreitet über Bul- 
garien und Serbien bis nach Siebenbürgen. Bald begannen auch 
einheimische Herrscher und Gemeinden Münzen mit griechischen 
Aufschriften zu prägen: paionische, thrakische, illyrische Könige^ 
die Städte Rhizon und Skodra, das Volk der Daorser u. a. Eine 
hellenische Großmacht war das Königreich der Makedonier, wel- 
ches sich aus einem kleinen Gebiet westlich von Thessaionich durch 
Eroberungen längs des Weges von Dyrrhachion nach Byzanz zu 
einem großen Staate entwickelte; zeitweihg reichte es aus Thrakien 
nordwärts bis zu den Donaumündungen. Das Quellgebiet des 
Vardar und der Struma mit den Ländern der Paionen und später 
der Dardaner blieb aber meist außerhalb der Grenzen dieses 
Königreichs. Auch den illyrischen Nordwesten der Halbinsel be- 
rührten die Feldzüge der Makedonier nicht. 

Eine große Umwälzung in den ethnographischen Verhältnissen 
der Donauländer brachte der Vorstoß der Kelten, welche bei den 
Griechen meist unter dem Namen der Galater bekannt waren. 
Aus den Ostalpen und aus Pannonien begannen sie in die Hämus- 
halbinsel vorzudringen. Die Japoden bezeichnet Strabo als ein 
„zugleich keltisches und illyrisches" Mischvoik. Der makedonische 
König Ptoleraaios Keraunos fiel im Kampfe gegen die „Galater" 
(280 V. Chr.), welche dann vor den Tempeln von Dodona und 
Delphi in Hellas erschienen. Im heutigen Königreich Serbien ließ 
sich damals der unternehmende und tapfere Stamm der Skordisker 
nieder. Nach Strabo waren sie vei'mengt mit illyrischen und 
thrakischen Einwohnern und zerfielen in zwei Gruppen : die 
„großen" Skordisker westlich von der Morava bis zur Save, die 
„ kleinen " östUch von der Morava bis zu den Grenzen der Moser 
und Triballer. Ihre Burg Singidunum an der Stelle der heutigen 
Festung von Belgrad bewahrte ihren keltischen Namen bis zum 
7. Jahrhundert n. Chr. Kapedunum des Strabo ist nach Patsch 
vielleicht die auf den Inschriften der Kaiserzeit abgekürzt als 



Illyrier, Thraker, Hellenen, Kelten. 29 

Cap . . . bezeichnete Stadt bei Uzice. Nach Tomaschek sind auch 
Naissus (Nis), Remesiana (Bela Palanka) und viele andere Namen 
keltisch^). Ob der Name Danuvius, welcher den älteren thra- 
kischen Istros verdrängte, keltisch oder iranisch ist, bleibt noch 
zu erweisen ^). Die Skordisker bereiteten den Römern nach der 
Eroberung Makedoniens viele Sorgen, bis ihre Kraft vollständig 
gebrochen war und ihre Reste von den Siegern durch Übersiedlung 
in die Ebenen Pannoniens unschädlich gemacht wurden. 



1) Tomaschek, Zeitschr. f. öst. Gymn. 1878, 204; Die Thraker 
1, 90 f. Eine Monographie über die Skordisker fehlt. 

2) Sobolevskij, Arch. slav. Phil. 27 (1905) 243. 



Drittes Kapitel. 

Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen ^j. 

Die Römer wurden von den Hellenen gegen die Illyrier zu 
Hilfe gerufen, als die aus leichten Booten mit je 50 Mann Be- 
satzung bestehenden Piratenflotten des illyrischen Königs Agron 
Korkyra (Korfu) eroberten und die Westküste des Peloponnesos 
plünderten. Eben war Agron gestorben, und für seinen unmün- 
digen Sohn Pinnes regierte dessen Stiefmutter Teuta. Die Kon- 
suln Centumalus und Albinus zwangen mit Flotte und Landheer 
die illyrische Königin zum Frieden, nach welchem ihre Leute süd- 
wärts über Lissa hinaus nur zu Handelszwecken mit unbewaffneten 
Schiffen fahren durften (229 v. Chr.). Das Königreich von Skodra 
wurde in der folgenden Zeit als ein Gegengewicht gegen Make- 
donien unterstützt, bis der junge König Gentius sich mit König 
Perseus verbündete und bei dem Untergang des makedonischen 
Reiches mitgerissen wurde, um als Gefangener den Triumph der 
Sieger in Rom zu zieren (168 v. Chr.). Sein Land wurde in 
Gruppen von autonomen Gemeinden geteilt. Die unmittelbare 



1) Literatur: G. Zippel, Die röm Herrschaft in Illyricn bis auf 
Augustus, Leipzig 1877. J. Jung, Die romanischen Landschaften des 
röm. Reiches, Innsbruck 1881; derselbe, Römer und Romanen in den 
Donauländern , 2. A. eb. 1887. M o m m s e n , Röm. Geschichte , Bd. 5. 
Untersuchungen von A. J. Evans über ganz Illyricum in der Archaeologia 
Bd. 48—49 (1883—1885), C. Patsch über Dalmatien in den Wiss. Mitt. 
Bd. 4fF; über Serbien Premerstein, Vulic und Ladek, Jahreshefte 
Bd. 3 f., serb. Studien von Vulic im Glas Bd. 72 f. und Spomenik Bd. 38 f. 
Völkerwanderungen : die bekannten Werke von Seeck, Güldeupenning, 
Bury, Diehl, Hartmann; serbisch S. Stanojevic, Byzanz und die 
Serben, 2 Bde., Neusatz 1903—1906. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 3 t 

Herrschaft der Römer beschränkte sich in Dabnatien lange Zeit 
nur auf die Küste, an welcher allmählich auch römische Kolonien 
entstanden. Mit den Bergstämmen, besonders den Ardiäern und 
Delmatern, wurde oft gekämpft, nicht immer mit Glück. Unter 
dem ersten Triumvirat war dieses Gebiet Cäsar zugeteilt. Wäh- 
rend des Bürgerkrieges hielten es hier die lUyrier und Griechen mit 
Pompejus, die römischen Ansiedler mit Cäsar. 

Mit dem Innern der Halbinsel wurden die Römer nach der 
Besetzung Makedoniens bekannt (146 v. Chr.). Die Provinz 
Macedonia umfaßte auch das heutige Mittelalbanien mit Dyrrhachion, 
reichte aber im Norden nur bis zur Grenzfestung Stobi (bei 
Gradöko) am Zusammenfluß des Axios (Vardar) mit dem Erigon 
(Cerna). An ihrer Nord- und Ostgrenze wurde fast ununterbrochen 
Krieg geführt, nicht nur mit den unmittelbaren Nachbarn, sondern 
auch mit fernereu Völkern, den Skordiskern und den Bewohnern 
der Karpathen, den Dakern und dem gallogermanischen Mischvolk 
der Bastarnen. Die sehr spärlichen Nachrichten lassen den Cha- 
rakter dieser erbitterten Kämpfe klar genug erkennen. Die Skor- 
disker z. B. schlachteten die römischen Gefangenen ihren Kriegs- 
göttern zum Opfer und tranken angeblich ]\Ienschenblut aus den 
Schädeln, ebenso wie die Priester der keltischen Bojer bei Bologna 
aus dem vergoldeten Schädel eines gefallenen Konsuls i). Die 
einzige Großmacht der Donauländer waren die Daker unter König 
Burebistas, dem sich auch ein Teil der Thraker südHch von der 
Donau unterworfen hatte und der angeblich 200 000 Mann auf- 
bieten konnte. Cäsar begann kurz vor seinem Tode (44 v. Chr.) 
Rüstungen gegen ihn, doch wurde der König bald darauf ermordet, 
worauf sein Land wieder in Teilfürstentümer zerfiel. 

Rom mußte sein Gebiet bis zu einer natürlichen Grenze er- 
weitern, in diesem Teile von Europa bis zur Donau. Die Berg- 
länder von lUyricum unterwarf während des zweiten Triumvirates 
Cäsars Adoptivsohn Octavianus, von Aquileja und Siscia aus, be- 
sonders durch Siege über die Japoden und Delmater (35 — 33 
v. Chr.). Nach Abschluß der Bürgerkriege schlug Crassus als 
Statthalter von Makedonien die Bastarnen am Flusse Cebrus 



1) Ammiauus XXVII cap. 4, 4; vgl. Livius XXIII, 24. 



33 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

(Cibrica) und unterwarf die Moser (29 v. Chr.). Nach neuen 
Feldzügen des Tiberius, des Stiefsohnes des Augustus, wie nun 
Octavianus hieß, war die Donaugrenze erreicht. Bald folgte aber 
der große dalmatisch-pannonische Aufstand, geführt von den beiden 
Batonen aus den Stämmen der Breuker und Däsitiaten , an der 
Spitze von 200000 Fußgängern und 8000 Reitern (6 — 9 n. Chr.). 
Die Sache der lUyrier war bald verloren durch Rivalitäten unter 
den Anführern. Zuletzt wurde Bato der Däsitiate in Andetrium 
(Mud oberhalb Spalato) belagert und zur Unterwerfung gezwungen; 
er schloß sein Leben als Gefangener in Ravenna. Der mißlungenen 
Erhebung folgte kein Wiederholungsversuch. 

An der Donau, ebenso wie früher am Rhein, hielten die römi- 
schen Eroberungen eine beginnende Völkerwanderung zurück. Jen- 
seits der Grenze gingen die Völkerverschiebungen ohne Hindernis 
vor sich. Die iranischen Hirten- und Reitervölker der pontischen 
Steppe bewegten sich langsam gegen Westen. Zuletzt waren es 
die in den Zeiten des Herodot zwischen Don und Wolga hausen- 
den Sarmaten, deren Sprache nicht unbekannt ist. Hunderte ihrer 
Personennamen sind erhalten in den griechischen Inschriften der 
Pontusstädte. Außerdem leben noch Nachkommen eines großen 
Stammes dieses Volkes, der Alanen (altruss. Jasi): die heutigen 
Osseten im zentralen Kaukasus ^). Ein Teil dieser Nomaden, die 
Jazuges oder Jazyges, meist allgemein Sarmaten genannt, zog in 
die Ebene zwischen Theiß und Donau, wo sie zuerst in der Zeit 
des Kaisers Claudius (41 — 54) genannt werden. Als räuberisches 
Steppenvolk mit tätowierten Gesichtern wurden sie den Römern 
oft lästig. Ihre Reiterfiguren mit Halsketten, langem Bart und 
Haar und einer Art phrygischer Mütze sind neben dem Fußvolk 
der germanischen Markomannen und Quaden auf der zu Ehren 
des Kaisers Marcus Aurelius in Rom errichteten Denksäule ab- 
gebildet. Zahlreiche Nachrichten über ihre Könige (reguli) und 
Häuptlinge (subreguli), ihre Panzer aus Hornschuppen, die wie 
Federn auf Leinwand angenäht waren, ihre weiten Ritte mit 



1) Vsevolod Miller über die Spuren der Iranier in Siidrußland in 
Zumal MNP. 188(5 Okt. Desselben Ossetische Studien, russ., Peters- 
burg 1881—1887, 3 Bde. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 33 

Reservepferden, auf die sie rasch umzusteigen pflegten, und ihre 
Schlupfwinkel in den Auen der Theiß liest man bei Ammianus 
Marcellinus. Auch nach den Jazygen zogen einzelne Stämme 
westwärts, so die Serri, welche Plinius noch am Azowschen Meere 
kennt, während Ammian einen Teil der Karpathen als „montes 
Serrorum" bezeichnet ^). 

Das eroberte Land bildete anfangs eine große Provinz Illyri- 
cutn : Obeiillyricum (superior provincia Illyrici) in Dalmatien, 
Unteiillyricum in Pannonia. Nach dem illyrischen Aufstand wurde 
dieses große Verwaltungsgebiet geteilt. Die Provinz Dalmatia mit 
der Hauptstadt Salona umfaßte die Meeresküste vom Flusse Arsia 
(jetzt ital. Arsa, kroat. Rasa) in Istrien bis jenseits Lissus (Alessio) 
ungefähr bis zum Flusse Mat. Im Norden gehörten beide Saveufer 
mit den großen Städten Siscia (Sisak) und Sirmium (Mitrovica) 
zu Pannonien. Im Osten reichte Dalmatia weit in das jetzige 
Königreich Serbien hinein , mit Einschluß von Cacak , vielleicht 
auch von Rudnik. Dort grenzte es an die Provinz Moesia im 
einstigen Lande der Dardaner, Skordisker, Triballer und Moser, 
errichtet nach dem Vorstoß der Garnisonen Makedoniens nordwärts 
zur Donau, an deren Ufern der Hauptort stand, das Lager von 
Virainacium (im Dorfe Kostolac bei Pozarevac) Zu Mösien ge- 
hörte im Süden das Amselfeld und das oberste Tal des Vardar. 
Der Legat von Mösien war auch der militärische Befehlshaber 
des thrakischen Donauufers (ripa Thraciae) bis zum Schwarzen 
Meer. Unter Domitian wurde die Provinz geteilt: Ober- Mösien 
westlich vom Cebrus(Cibrica), Unter- Mösien, eine schmale und lange 
Grenzprovinz, östlich von diesem Flusse bis zum Pontus. Kaiser 
Claudius (46 nach Chr.) zog das thrakische Königreich, das im 
Westen die Landschaften von Küstendil, Sofia und Pirot umfaßte, 
als Provinz ein. Als Kaiser Trajan (107) Dazien eroberte, wurde 
die Reichsgrenze für anderthalb Jahrhunderte in die Karpathen 



1) Bei Plinius 6, 16, 19 Serri oder Serrei neben den Cercetae (Tscher- 
kessen) und Hali (nach Tomaschek Dvali des jetzigen ossetischen Ge- 
bietes\ bei Ptolemaios von einem byz. Abschreiber, der die Serben kannte, 
verwandelt in Zf'oßot neben OidXoi. Vgl. Müllenhoff a. a. 0. 3, 49 A., 
97. Das sind die angeblichen Serben des Kaukasus, von denen noch in 
neueren Büchern die Rede ist. 

Jirecek, Geschiebte der Serben. I. 3 



B4 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

vorgeschoben. Fast drei Jahrhunderte nach Augustus brachten 
die Reformen des Kaisers Diokletian (284 — 305) eine neue 
Organisation der Provinzen. Das ganze Reich wurde in 4 Präfek- 
turen, 13 Diözesen und 116 sehr verkleinerte Provinzen geteilt, 
mit Zivilstatthaltern im Innern, Militärstatthaltern an der Grenze. 
Auf die Balkanhalbinsel entfielen Teile von drei Präfekturen. Zur 
Präfektur Itahens gehörte das „westliche Illyricum'*: Paunonien, 
in vier Provinzen geteilt, und Dalmatien, geschmälert durch den 
Verlust des Südens, der sogenannten Praevahs in der Umgebung 
des Sees von Skutari. Die kleinste Präfektur, nur auf die Halb- 
insel von der Donau bei Belgrad bis nach Kreta beschränkt, war 
die von Illyricum, später in zwölf Provinzen geteilt, mit der Haupt- 
stadt Thessalonich. Nach dem Verlust des transdanubischen Daziens 
wurde darin ein „neues Dazien" südlich der Donau errichtet, 
später in zwei Provinzen geteilt: Uferdazien (Dacia ripensis) von 
Orsova bis zum Isker und das binnenländische Dazien (Dacia 
raediterranea) in den Bergen bei Sofia, Nis und Küstendil ^). Mit 
den sechs Provinzen der Dioecesis Thraciarum begann weiter ost- 
wärts die große Präfektur des Orients. 

Das römische Heer wurde allmählich eine Grenzarmee, ver- 
teilt in den befestigten Legionslagern, neben denen sich Markt- 
viertel (canabae) befanden, und in kleinen Kastellen. Die Legio- 
nen blieben oft durch viele Generationen an einem Platz, z. B. 
in Viminacium die Legio VII Claudia durch vier Jahrhunderte. 
Die ausgedienten Soldaten, denen während der 20 bis 25 Dienst- 
jahre keine Ehe gestattet war, sondern nur ein nachträglich legi- 
timiertes Konkubinat, erhielten nach der Verabschiedung Grund - 
, stücke, Ackertiere, Sklaven und Sämereien. Die Ansiedlungen z. B. 
der Veteranen der genannten Legion reichten von der Donau 
südwärts bis in die Landschaften von Prizren und Skopje. Bald 



1) Die Provinzen von Illyricum mit ihren Hauptstädten: 1. Dacia 
ripensis (Ratiaria , jetzt Arcar bei Vidin) ; 2. Dacia mediterranea (Serdica, 
jetzt Sofia) ; 3. Moesia superior Margensis oder M. prima (Viminacium) ; 
4. Dardania (Scupi bei Skopje"): 5. Praevalis oder Praevalitana (Doclea und 
Scodra) ; 6. Macedonia prima (Thessalonica) ; 7. Macedonia secunda oder M. 
salutaris (Stobi) ; 8. Epirus nova (Dyrrhachium und Lychnidus, jetzt Ochrid) 
9. Epirus vetus; 10. Thessalia; 11. Achaja; 12. Greta. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 35 

waren kaum die Oberoffiziere aus Italien; die Soldaten stammten 
aus den römischen Bürgerschaften der Umgebung. Eine große 
Neuerung war es, als Septimius Severus den Soldaten gestattete, 
zu heiraten und außerhalb des Lagers zu wohnen. Alexander 
Severus machte dann die Soldaten erblich, als Bauern auf nicht 
veräußerlichen, von Steuern befreiten Grundstücken in der Um- 
gebung ihrer Garnison. Eine wichtige Stütze der Grenzbesatzungen 
war die mösische und pannonische Donauflotte. In den Auxihar- 
truppen neben den Legionen waren alle Völker des Reiches ver- 
treten. In Dalmatien stand z. B. eine Kohorte der Lucenser aus 
Hispanien, in Naissus eine Kohorte der Kihker. Die Illyrier 
wurden stark zum Kriegsdienst herangezogen, ihre Kohorten aber 
in ferne Länder gesendet, an den Rhein, nach Nordafrika usw. 
Zahlreiche Illyrier und Thraker selbst aus den Bergstämmen 
dienten auf der Mittelmeerflotte in Ravenna und Misenum. Unter 
Diokletian und Konstantin folgte eine vollständige Neugestaltung 
der Armee, die damals angeblich vervierfacht wurde. Die große 
alte Legion wurde zerschlagen in kleine Legionen, später „numeri" 
genannt, nach Mommsen je 1000 Mann stark. Die Reiterei wurde 
stark vermehrt und in eigenen Abteilungen organisiert. Die Grenz- 
truppen (ripenses, limitanei) galten fortan als minderwertig. Die 
Linientruppen, die eigentlichen „mihtes", waren die „palatini% 
die Elite der Armee, später meist in Konstantinopel und Um- 
gebung aufgestellt. Die Reserve der Grenztruppen bildeten die 
„comitatenses". Die Legionen der „pseudocomitatenses", einer 
Lokaltruppe, wurden zum Teil nach den Städten der Hämusländer 
benannt (Scupenses, Ulpianenses, Timacenses usw.). Dazu kamen 
die „foederati", Barbaren des Grenzgebietes unter Anführung ihrer 
einheimischen Fürsten. Die Glanzperiode der illyrischen Truppen 
war das 3. Jahrhundert. Zahlreiche Kaiser stammten aus diesem 
militärischen Grenzgebiete: Decius aus Pannonien, Claudius aus 
Dardanien, Aurelianus aus Dacia ripensis (nach anderen aus Sir- 
mium), Probus aus Pannonien, Diokletian aus Dalmatien, Galerius 
aus Serdica, Konstantin der Große aus Naissus (Nis), Licinius aus 
dem „neuen Dazien". Im 4. Jahrhundert war Jovianus (363) 
gebürtig aus Singidunum (Belgrad), die Famihe des Valens aus 
Cibalae (Vinkovci in Slawonien). Im 5. Jahrhundert war im West- 

3* 



36 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

reich Konstantins, Mitregent des Honorius, ein Illyrier aus Naissus, 
im Ostreich Marcian, ebenso wie der „Besse" Leo I., ein thra- 
kischer Soldat, Anastasius ein Epirote aus Dyrrhachion. Von 
römischen Kolonisten in Dardanien stammte im 6. Jahrhundert 
die Familie Justinus' I. und seines Neffen Justinian I. mit ihren 
römischen Eigennamen (Marcellus, Dulcissimus, Lupicina, Vigilantia, 
Praejecta usw.). 

Die Bevölkerungsverhältnisse machten in der Zeit von Augustus 
bis Diokletian große Veränderungen durch. Anfangs waren die 
herrschenden römischen Bürger und die unterworfenen Eingebore- 
nen voneinander strenge geschieden. Die römischen Städte zer- 
fielen in zwei Gruppen: älter waren die Küstenstädte Dalmatiens, 
mit Anfängen, die in die Zeiten der Republik zurückreichen, jünger 
die Lagerstädte, die sich allmählich aus den Marktvierteln neben 
den Truppenquartieren an der Donau entwickelt haben, mit Stadt- 
rechten beschenkt erst seit Trajan und Hadrian. Eine ältere 
Organisation hatten die griechischen Städte von Makedonien und 
Thrakien. Die Thraker und lllyrier in ihren Dörfern waren ein- 
geteilt in Gaugeraeinden , welche man in Dalmatia und Moesia 
ebenso wie in Hispanien und Gallien als ,.civitates" bezeichnete, 
in Thrakien griechisch als Strategien. Vorstände dieser Gaue 
waren Zivilbeamte oder Soldaten, teils Einheimische, teils Italiker. 
Auf den Inschriften heißen sie z. B. bei den Japoden, Mäzeern, 
Däsitiaten und Docleaten „praepositus", „princeps" oder ,,prae- 
fectus", in Thrakien oxQaTTqyög. Drei Jahrhunderte später hatte 
die friedliche Entwicklung zu einer weitgehenden Ausgleichung 
aller Gegensätze geführt. Die Gaugemeinden sind langsam in 
Stadtgemeinden verwandelt worden, mit großen Bezirken (regio, 
ywoa), ein Prozeß, der unter Kaiser Vespasian seinen Anfang 
nahm, von Kaiser Trajan nach Erweiterung der Nordgrenze sehr 
gefördert wurde und zu Beginn des 3. Jahrhunderts seinen Höhe- 
punkt erreicht hat. Einen Einfluß darauf hatte die Verleihung 
des römischen Bürgerrechtes an Eingeborene, besonders an Auxi- 
liare bei ihrer Verabschiedung aus dem Kriegsdienst, die dann 
den Gentilnamen des Kaisers zu ihrem einheimischen Kognomen 
setzten, als Julii, Claudii, Flavii, Ulpii, Aelii, Aurelii oder Septimii. 
Endhch wurden alle freien Männer römische Bürger durch das 



Die Eömer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 37 

aus finanziellen Beweggründen erlassene Gesetz des Kaisers Cara- 
calla (212). Damit war der Gegensatz zwischen den Eroberern 
und den Unterworfenen verwischt. Ein Nachkomme illyrischer 
oder thrakischer Häuptlinge, transdanubischer Gefangenen, grie- 
chischer oder syrischer Kaufleute fühlte sich dann ebenso als Römer, 
wie die immer selteneren echten Nachkommen der Landsleute des 
Sulla oder Cäsar. Auf den Thron wurden Kaiser nichtrömischen 
Ursprungs erhoben, wie der punische Afrikaner Septimius Severus 
oder wie ein Gegenkaiser in Mösien, Regalianus (263), angeblich 
ein Nachkomme des letzten Dakerkönigs Decebalus. Bald wurde 
die Gesellschaft überwuchert von Nachkommen von Sklaven ; 
Diokletian, der einzige Kaiser, der aus Dalmatien stammte, war 
nach Eutropius „sehr dunkeln Ursprungs" (vir obscurissime natus), 
ein Freigelassener. Auch die Unterschiede zwischen Städten ver- 
schiedenen Ranges und Rechtes haben Diokletian und Konstantin 
ersetzt durch eine Unifizierung auf finanzieller Grundlage. An 
der Spitze der Gemeinde stand fortan ein erblicher Stadtsenat der 
reich-ten Leute, welche für die Steuern haftbar waren, die „curia" 
(ßovlecTr^Qiov). Im byzantinischen Reiche bestand die Kurie bis 
in das 10. Jahrhundert, noch unter Leo dem Weisen; besonders 
behauptete sie sich in den weit entlegenen Städten, wie in Cherson 
(Sevastopol) und in Dalmatien, mit ihren TtQCOTOTioXlraL oder 
TiQiovevovTeg ^). 

Gegenüber den Holzdörfern und Wallburgen der vorrömischen 
Zeit boten die Römerstädte das Bild einer weit fortgeschrittenen 
Kultur, mit regelmäßig angelegten, gepflasterten Straßen, aus- 
gestattet mit Wasserleitungen und Badeanstalten, Marktplätzen und 
Säulenhallen, Tempeln und öffentlichen Denkmälern, geräumigen 
Theatern für Tierhetzen, Gladiatorenkämpfe, Wettrennen und 
andere Volksbelustigungen, vor den Stadttoren umgeben von aus- 
gedehnten Nekropolen. Die Häuser der Römer, oft geschmückt 
mit Wandmalereien und Mosaiken, waren aus Stein und Ziegeln 



1) Cherson: Theophanes ed. De Boor 1, 378 und Konst. Porph. ed. 
Bonn. 3, 178. Ein nQWTtvihv von Dyrrhachion um 1000: Prokic, Die 
Zusätze in der Hdschr. des Joh. Skylitzes usw. (^München 1906) S. 31 
uro. 22. In Dalmatien übersetzt als „prior" (s. unten). 



58 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

gebaut und für den Winter versorgt mit einer Luftheizung, welche 
man durch bohle Heizkacheln (tubuli) unter dem Fußboden und 
im Innern der Mauern leitete. Die römische Kolonisation war am 
stärksten im adriatischen Küstengebiet und in der militärischen 
Zone an der Donau. In den Landschaften von Naissus (Nis) und 
Remesiana (Bela Palanka) bezeugen die Städtenamen den militä- 
rischen Ursprung der Besiedlung: Castrum Hercuhs, Castra 
Martis (vielleicht im Timoktal), Praesidium Pompei (bei Aleksinac), 
das „Getreideraagazin an der Morava"^ Horreum Margi (Cuprija) 
usw. Lateinisch sind dort bei Prokopios auch die Namen kleiner 
Ansiedlungen : Lupi fontana, Spelunca, Primiana, Longiana, Septe- 
casas usw. Auch das untere Drinatal und das untere Narenta- 
gebiet waren durch römische Veteranen ganz neu kolonisiert. Da- 
neben behauptete sich in vielen Landschaften, wie bei Uzice, bei 
Plevlje, im oberen Tal der Cetina die illyrische Bevölkerung un- 
gestört in dem Besitz altererbter Güter; nach den Untersuchungen 
von Patsch war das Gebiet der Cetina in der Kaiserzeit sogar 
dichter besiedelt als in unseren Tagen. Es ist charakteristisch, 
daß in den altillyrischen Grabfeldern von Glasinac noch immer 
Nachbestattungen vorkamen, nach den Münzen bis ins 4. Jahr- 
hundert. Anderseits haben die blutigen Eroberungskriege die 
Bevölkerung sehr vermindert. Auch der lange, ehelose Kriegs- 
dienst der tüchtigsten jungen Mäoner in fernen Reichsgebieten 
hatte ohne Zweifel eine Verringerung des einheimischen Nach- 
wuchses zur Folge. 

Die ethnographischen Verhältnisse änderten sich durch rasche 
Ausbreitung des Lateins und des Griechischen und den Rückgang 
des Illyrischen, von dem das Albanesische stammt, und des Thra- 
kischen, das nach dem 6. Jahrhundert nicht mehr erwähnt wird. 
Die Grenze zwischen Latein und Griechisch läßt sich nach der 
Sprache der Inschriften, Meilensteine und Stadtmünzen ziemlich 
genau feststellen i). Sie verheß das Adriatische Meer bei Lissus, 
ging durch die Berge der Mirediten und der Dibra in das nörd- 
liche Makedonien zwischen Scupi und Stobi durch, umging Naissus 
und Remesiana mit ihren lateinischen Bürgern, während Pautalia 



1) Meine Rom. Dalm. 1, 13 ff. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 39 

(Küstendil) und Serdica (Sofia) samt der Landschaft von Pirot in 
das griechische Gebiet gehörten; zuletzt wendete sie sich längs 
des Nordabhanges des Hämus zur Pontusküste. Das griechische 
Sprachgebiet stand in unmittelbarem Zusammenhang mit Hellas 
und Kleinasien, das lateinische, welches von der Nordgrenze 
Pannoniens bis Stobi die größte Tiefe hatte, von Ratiaria (Arcar) 
abwärts aber nur wenige Stunden breit war, mit dem romanischen 
Westen. Zum lateinischen Territorium gehörte auch das Traja- 
nische Dazien, nach dessen Räumung aber noch bis in Justinians 
Zeit eine Reihe von Kastellen am linken Donauufer besetzt blieb. 
Außerhalb des geschlossenen Gebietes gab es unter den Lateinern 
nur wenige griechische Kaufleute oder Beamte ; ebenso haben sich 
unter den Griechen, außer der Seestadt Dyrrhachion, die ver- 
einzelten römischen Kolonien (Stobi, Philippi u. a.j nicht auf die 
Dauer behaupten können. Im Mittelalter wurden zwischen Adria 
und Pontus zwei romanische Mundarten gesprochen, deren An- 
fänge in die römische Kaiserzeit zurückreichen: das Rumänische, 
abstammend von der mehr verderbten Sprache der Donaurömer, 
und das altertümliche Altdalmatinische, dessen letzte Reste in 
unseren Tagen auf der Insel Veglia erloschen sind ^). In den 
Bergländern zwischen beiden Gebieten entwickelte sich eine illyrisch- 
romanische Mischsprache, von der das Albanesische stammt, dessen 
Lexikon mehr als ein Viertel romanischer Elemente zählt; infolge 
der Mittelstellung hat es im Wortschatz manche Übereinstimmung 
teils mit dem Rumänischen, teils mit dem konservativen Dialekt 
der mittelalterlichen Romanen von Praevalis und Dalmatia. 

In den wirtschaftlichen Verhältnissen ging das Hirtenleben 
durch Ausbreitung des Ackerbaues zurück. Nach den Schriften 
der römischen Agrimensoren unterschied man in Pannonien Wälder 
mit Eicheln zur Viehmästung, die in Ungarn und Serbien auch 
im Mittelalter und in der Neuzeit sehr geschätzt waren (silvae glandi- 
ferae), und Wälder, die als Viehweide dienten (silvae vulgaris pas- 
cuae) 2), Unzertrennlich von der Hirtenfreiheit war das Räuber- 



1) M. Bartoli, Das Dalmatische, Wien (Balkankomm.) 1906, 
2 Bde. 

2) Gromatici a. a. 0. 1, 205; 2, 318. 



40 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

leben, von welchem die vielen Grabsteine von Leuten Zeugnis 
geben, die von den „latrones" getötet worden waren. Unter Kaiser 
Marcus Aurelius warb man neue Truppen unter den Räubern von 
Dalmatia und Dardania. Die Ackerbauer waren entweder Be- 
sitzer eines eigenen Grundes (fundus) oder Kolonen auf Kron- 
domänen und Privatgütern. Die Grundbesitzer waren teils Ein- 
geborene, teils römische Ansiedler. An der Donau saßen seit dem 
3. Jahrhundert erbhche Grenzsoldaten auf dem Staate gehörigen 
Soldgütern, eine Institution, die im byzantinischen und ser- 
bischen Mittelalter ihre Fortsetzung hatte. Kaiserliche Domänen 
befanden sich bei den Bergwerken und auf den Inseln Dalraatiens. 
Große Güterkomplexe (saltus), wie sie Hierokles im getreidereichen 
Thessalien erwähnt, sind im Norden nicht nachweisbar. In Prae- 
valis und Dalmatia gab es noch im 6. Jahrhundert bedeutende 
Besitzungen (patrimonium) der römischen Kirche. Sklaven kamen 
in den Städten und auf größeren Gütern vor, aber selten im bäuer- 
lichen Besitz. Große Bauernaufstände in der Art, wie in Afrika 
und Gallien, sind in Illyricum unbekannt geblieben. Kaiser Probus 
(276 — 282) hat die Weinkultur in Pannonien und Mösien frei- 
gegeben und Heß von Soldaten Weingärten auf dem Berge Alma 
(Fruska Gora) und in der Umgebung von Aureus mons (bei 
Smederevo) anlegen. Aller Grund und Boden war von den 
Agrimensoren vermessen, die Feldgrenzen mit ihren Grenzsteinen, 
sowie den in Dalmatien übhchen Steinwällen (maceria, unter 
diesem römischen Terminus heute noch wohlbekannt) genau ver- 
zeichnet, die Fruchtbäume und Weinreben abgezählt und die Ein- 
wohner mit Kindern, Sklaven und Vieh in die Steuerbücher ein- 
getragen 1). Neben der Grundsteuer gab es Naturallieferungen für 
die Truppen und Beamten (annona), Kopfsteuer, Gewerbe- und 
Erbschaftssteuer usw. Die Gewerbe waren in den Städten in 
Zünften (collegia) organisiert; einen besonderen Aufschwung er- 
lebte die Steinmetzkunst. 

Von großer Bedeutung war der Bergbau, geleitet von einem 
kaiserlichen „procurator metallorum Pannoniorum et Delmatiorum'', 
um 400 von einem „comes metallorum per Illyricum". Von 

1) Gromatici a. a. 0. 1, 240f. 



Die Römer und das Zeilalter der Völkerwanderungen. 41 

kurzer Dauer war der Ruhm der Goldbergwerke von Dalmatia, 

von Augustus bis Trajan. Nach der Erzählung des Plinius (f 79) 
gewann man dort zur Zeit des Nero an einzelnen Tagen sogar 
50 Pfund Gold, auf der Oberfläche des Erdbodens. Bei den 
Dichtern der Zeit ist Gold bei Statins das dalmatische Metall 
(Dalmaticum metallum), bei Martial Dalmatia das Goldland (auri- 
fera terra). Doch wurden diese Fundstätten bald erschöpft , wie 
die der Insel Thasos und des Berges Pangaios in Makedonien 
und die von Polybios beschriebenen in den Ostalpen, oder wie in 
unseren Zeiten die berühmten Goldfelder von BrasiUen oder Kali- 
fornien. Im neu eroberten Dazien fanden die Römer viel ergie- 
bigere Goldlager, die bis zum heutigen Tage noch Edelmetall 
liefern Geologische Nachforschungen im Innern von Bosnien 
führten in unseren Tagen zur Auftindung von Resten dieser ge- 
waltigen Goldwäschereien an drei Stellen: an den Bächen Fojnica 
und Zeljeznica, im oberen Vrbasgebiet und an der Lasva ^). Kleinere 
Waschwerke gab es in Dardanien, bei Pautalia (Küstendilj und 
in der Rhodope, mühsam betrieben von armen Goldsammlern 
(leguli aurariarum, auri leguli). 

Mittelpunkt der Silber- und Bleibergwerke war die Stadt 
Domavia (Gradina bei Srebrnica), in der antiken Literatur nicht 
erwähnt, erst in unseren Tagen durch zahlreiche Inschriften des 
3. Jahrhunderts bekannt geworden. Unbekannt ist der römische 
Name des Bergwerkes von Rudnik, mit einem von Septimius 
Severus erneuerten Tempel der Mutter Erde (templum Terrae 
Matris), mit kaiserlichen Bergleuten und mit Pächtern (coloni) der 
umliegenden Grundstücke '-). Ein andei'es Blei- und Silberbergwerk, 
mit einem Tempel des Jupiter und Herkules, einer kaiserlichen 
„Villa" und Werkstätten (officinae), sowie Kolonen und Freibauern, 
befand sich bei Guberevci und Stojnik am Berge Kosmaj südhch 
von Belgrad '^). In der Nähe der mittelaltei liehen Bergwerke auf 
der Westseite des Berges Kopaonik liegen am Ufer des Ibar bei 



1) Bruno Walter, Beitrag zur Kenntnis der Erzlagerstätten Bos- 
niens, Sarajevo 1887. Baron von Foulion, Jahrbuch der k. k. geolog. 
Reichsanstalt 42 (1892). 

2) CILat. III nro. 6313 = 8333. Jahreshefte 3 (1900) Beiblatt 166 f. 

3) Jahreshefte 4, 155. 



43 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

dem Dorfe Socanica die Ruinen eines römischen Munizipiums, 
jetzt Trojanov Grad (Trajansstadt) genannt, mit Resten von Stadt- 
mauern, einer steinernen Brücke über den Ibar, Steinsarkophagen, 
Spuren von Schmelzöfen und riesigen Schlackenhalden ^). In 
Nordalbanien sind Reste von angebUchen Silbergruben sichtbar am 
Flusse Fandi und in der Dibra. Kupferbergwerke gab es in 
der Nähe von Viminacium am Flusse Picnus oder Pincus (Pek), wo 
jetzt die Kupfer und Eisenminen von Majdan-Pek liegen. Mit 
dem Bild Hadrians wurden dort Bronzemünzen geprägt, mit der 
Aufschrift „Aeliana Pincensia^' (sc. metalla), ebenso andere seit 
Trajan bei den nicht näher bekannten Kupfergruben von Dar- 
danien und Dalmatien. Eisengruben kennt in Dalmatia noch 
Kassiodor, wohl die bekannten an der Sana, bei Busovaca, Fojnica, 
Vares und Olovo in Bosnien; andere gab es bei Novipazar, bei 
Remesiana und in Makedonien. Der Name Salines bei Konstantin 
Porphyrogennetos zeigt, daß die einzigen Salzquellen der ganzen 
Halbinsel bei dem jetzigen Tuzla in Bosnien den Römern nicht 
unbekannt waren. Die Prägung von Scheidemünzen hat in den 
münzberechtigten Städten in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts 
aufgehört; später gab es nur staatliche Münzämter, auf der Halb- 
insel besonders in Thessalonica, Sirmium und Siscia. Bei der 
Verwertung des Eisens sind auch die zahlreichen ärarischen 
Waffenfabriken zu nennen, im Norden in Naissus, Ratiaria, Hor- 
reum Margi und Sirmium. 

Vorzüglich war das System der militärischen Heerstraßen, 
begründet gleich nach der Eroberung, mit den Ausgangspunkten 
in Aquileja, Salona, Dyrrhachion und Thessalonica. Die Römer- 
straßen waren in der Regel mit großen Steinen gepflastert und 
nach genauer Messung mit Meilensteinen (milliare) bezeichnet, 
deren Inschriften bis ins 4. Jahrhundert reichen, über Flüsse, 
Bäche und Abgründe führten steinerne Brücken ; die größte war 
die Trajansbrücke über die Donau zwischen Kladovo in Serbien 
und Turn-Severin in Rumänien. Die großen Stationen mit Nacht- 
lagern hießen „mansiones^', die kleinen Haltestellen zum Pferde- 



1) Evans a. a. 0. III^IV, 56. Avram Popovic, Godisnjica 25 
(1906) 218f. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 43 

Wechsel „mutationes'' {dXXayri). Noch in der Zeit Justinians be- 
stand die alte Staatspost zur Beförderung von Eilboten oder 
Beamten (cursus publicus, byz. ÖQOi-iog, daraus altserb. drum Land- 
straße), ja noch später wurde in der byzantinischen Zeit der Post- 
minister (Xoyod-eTTig rov ögof-iov) zugleich der Minister des Äußern. 
Auf dem römischen Pflaster reiste man teilweise noch im 16. Jahr- 
hundert. In Einöden stehen Teile der Römerstraßen heute noch 
unversehrt, wie z. B. in Bosnien die in Felsen gehauene (47 — 48 
n. Chr.) Straße über das Dinaragebirge in die Täler des Unac 
und der Sana und weiter nach Siscia, mit 17 Meilensteinen dabei. 
Daneben bestand eine rege Flußschiffahrt z. B. auf der Save. 

Bedeutend war der Handel von Aquileja mit den Donau- 
lär)dern, ebenso der der Städte Dalmatiens besonders mit Sirmiuni 
und dem Trajanischen Dazien. Von fremden Kaufleuten waren 
Syrer überall zu finden ^ z, B wohl des Holzhandels wegen in 
Senia (Zengg). An der Reichsgrenze war der Verkehr an der 
Donau, ebensogut wie an der persischen Grenze oder am Rande 
der Wüsten von Afrika strenge überwacht, nur an bestimmten 
Tagen und Orten unter militärischer Aufsicht gestattet. Die Aus- 
fuhr von Waffen, Eisen, Gold, Getreide und Salz ins Barbarenland 
war überhaupt verboten. Im Zollwesen erstreckte sich der große 
illyrische Zollsprengel (publicum portorii vectigalis Ulyrici) von 
der Ostgrenze des gallischen Sprengeis über die Ostalpen bis zum 
Schwarzen Meer. Die Zollbureaus (stationes) befanden sich an 
wichtigen Durchgangspunkten, nicht an den Provinzgrenzen. Die 
Einhebung des Zolles (2.5<'/o) war anfangs an Gesellschaften ver- 
pachtet; später besorgten sie Regierungsbearate, in der Regel kaiser- 
liche Sklaven oder Freigelassene, meist Griechen. Der Chef der 
Zollämter war später der „comes commerciorum per Illyricum". 
Das spätrömische „commercium'' (y,ovf.i^u6Qy.iov) wurde von den 
Byzantinern und Serben übernommen (altserb. kumerk Zollamt) 
und ist heute noch nicht vergessen (türk. gümrük, neuserb. gjum- 
ruk Zoll). Zur Zeit des Niederganges des Reiches wurde der 
Handel sehr erschwert durch Monopole, amtlich festgesetzte Preise 
der Waren und zuletzt durch die Verkaufsabgabe eines Vierund- 
zwanzigstels (siliquaticum). 

Die Religion der Kaiserzeit bestand aus einem bunten Ge- 



44 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

menge einheimischer Vorstellungen mit griechischen, römischen und 
orientalischen Kulten. Die Gottheiten erhielten lokale Beinamen , 
bei Naissus z. B. finden sich die Dedikationen „Mercurio Naisati", 
„Herculi Naisati". Im 3. Jahrhundert gewannen die orientalischen 
Kulte die Oberhand, vor allem die des Mithras (Sol), der Isis 
und des Serapis; es ist aber bemerkenswert, daß ihre Altäre in 
lUyricum nicht von Eingeborenen, sondern von Soldaten und Be- 
amten aus dem Osten errichtet sind. Orientalischen Ursprungs 
war der seit Augustus eingeführte Kaiserkultus. Dem lebenden 
Kaiser wurden Tempel errichtet (Cäsarea und Augustea) und ihm 
von eigenen Priestern (flamines) göttliche Ehren erwiesen. Einmal 
im Jahre kamen die Abgeordneten der Städte in einem Festort 
zum Landtag (concilium, -/.oiröv) zusammen, wo der Oberpriester 
der Provinz (sacerdos) das Opfer für die Göttin Roma und für 
den Kaiser darbrachte, worauf Festspiele abgehalten, aber auch 
Bitten und Beschwerden an die Regierung beschlossen wurden, 
z. B. in Scardona, Doclea und Remesiana. Überbleibsel dieses 
Kultus behaupteten sich in den Formeln der höfischen Termino- 
logie noch lange im christlichen Mittelalter. In Justinians Gesetzen 
ist beim Kaiser alles göttlich (divinum) oder heihg (.sacrum) , die 
Byzantiner sprechen von der eigenhändigen Unterschrift des „hei- 
ligen" Kaisers (ayiov fjutjüv ßaoL?Jojg), ja noch 125o reden die 
Ragusaner den bulgarischen Herrscher als den „heiligen Zaren" 
an, und 1362 — 1365 fertigt der serbische Kanzler Urkunden aus 
„auf Befehl des heiligen Herrn Kaisers '% des jungen Zaren 
Uros. 

Das Christentum fand frühzeitig Eingang in diesen Ländern. 
Der Apostel Paulus lehrte in Makedonien, in Philippi, Thessa- 
lonica und Berrhöa, sein Schüler Titus in Dalmatia. Dyrrhachion, 
Scodra und besonders Salona gewannen bald eine Bedeutung in 
der Geschichte der Ausbreitung der Lehre Christi. In den Donau- 
ländern werden Märtyrer erst unter Diokletian erwähnt. Merk- 
würdig ist die „Passio quatuor coronatorum", die Geschichte der 
kaiserlichen Steinmetze unter Galerius in der damals blühenden 
Kaiserstadt Sirmium, welche sich weigerten Götzenbilder zu arbeiten.. 
Ebenso wurden in Ulpiana (Lipljan) am Amselfelde die Steinmetze 
Florus und Laurus hingerichtet, weil sie die Idole eines von 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 45 

Kaiser Licinius errichteten Tempels in einer Nacht umgestürzt 
hatten. Eine Reihe von Märtyrern hatte in dieser Zeit Singidu- 
num (Belgrad) aufzuweisen. Unter Kaiser Konstantin fanden die 
Christenverfolgungen ein Ende (313). Es folgten Kämpfe unter 
den Christen selbst, zunächst ein orthodoxes Konzil in Serdica 
(343 — 344) gegen die Arianer, dann arianische Versammlungen 
in Sirmium (358) und Singidunum (366). Im 5. bis 6. Jahr- 
hundert hielten es die lateinisch redenden Provinzialen des Donau- 
gebietes oft mit der Kirche von Rom gegen die Konstantinopler 
Kaiser, vor allem gegen Anastas und Justin ian. Die Kirche der 
ganzen iilyrischen Präfektur war damals dem Papst untergeordnet, 
der sich auf Konstantinopler Konzilen mitunter durch Bischöfe 
von Hellas vertreten ließ. Erst nach Beginn des Kampfes um 
die Bilder hat Kaiser Leo der Isaurier (um 731) Illyricum und 
Unteritalien dem Papst entzogen und dem Patriarchen von Kon- 
stantinopel untergeordnet. Mit den Resten des Heidentums, sowohl 
unter dem Landvolk als unter den philosophisch gebildeten 
höheren Klassen hatte Justinian aufgeräumt. Einzelne Reste kamen 
aber auch später vor, wie die merkwürdigen Baumkulte in Klein- 
asien und überhaupt am Schwarzen Meere oder die unheimlichen 
Menschenopfer in Pergamon 716 beim Anmarsch der Araber. Die 
letzten Götzendiener (:rQoo/.vrj]tal xQv elöibhov) unter den Griechen 
waren nach einer Nachricht bei Konstantin Porphyrogennetos die 
Einwohner von Maina am Taygetos, getauft erst unter Kaiser 
Basilios L (867 — 886). Sonst lührt schon im 6- Jahrhundert eine 
Reihe von Kastellen bei Prokopios die Namen von Heiligen, wie 
die heute noch in Epirus bestehende Burg des heiligen Donatus. 
Neben den berühmten altchristlichen Denkmälern von Salona 
fand man merkwürdige alte Kirchenbauten in Doclea bei Pod- 
gorica ^). Ein in Belgrad gefundenes Grabdenkmal, dessen Skulp- 
turen Szenen aus der Geschichte des Propheten Jonas darstellen, 
erinnert an die Sarkophage von Rom, Ravenna, Arles und Salona 2). 



l)Munro, Anderson, Milne and Haverfield, The Roman 
town of Doclea in Montenegro: Arcbaeologia 55 (1896). Rovinskij im Sbornik 
russ. Akad. 86 (1909) 5—71 (mit Plänen) 

2) Starinar 8 (1891) 130 f.; Arch. epigr. Mitt. 13, 41. 



46 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

Altchristliche Nekropolen fand man in Nis und Sofia. Eine latei- 
nische Inschrift von Remesiana stellt eine Kirche unter den Schutz 
der Apostel Petrus und Paulus und aller Heiligen ^). 

Die Kunstdenkmäler Dalmatiens stehen unter dem Einfluß 
Italiens, die der griechischen Städte von Thrakien und Makedonien 
unter dem der alten hellenischen Kultur, während sie im Donau- 
gebiete den militärischen Charakter der dortigen Zivilisation ver- 
raten. Die Kenntnis der lateinischen Schrift erwähnt in Paunonien 
schon Vellejus. Für den Unterricht in der Schule dienten Ziegel 
mit dem lateinischen Alphabet, für eine höhere Stufe solche mit 
homerischen Versen. Die metrischen Inschriften der griechischen 
Städte Thrakiens enthalten nicht selten gelungene Epigramme; im 
Norden finden sich lateinische Verse verschiedener Güte von dal- 
matinischen und musischen Poeten. Eine eigenartige lateinische 
Provinzialliteratur , wie in Gallien oder Afrika, ist in lilyricum 
nicht zur Entwicklung gelangt. Die meisten Schriftsteller dieses 
Gebietes waren Männer der Kirche : der Kirchenvater Hieronymus 
(j 420) aus dem Grenzgebiet zwischen Dalraatien und Pannonien, 
der Bischof Nicetas von Remesiana (um 400) ^), die arianischen 
Bischöfe Auxentius von Durostorum (Silistria), Palladius von 
Ratiaria, Ursacius von Singidunum u. a. Eine Chronik (für 379 
bis 534) verfaßte Marcellinus, „cancellarius" Justinians, später 
Comes, zuletzt Kleriker, gebürtig aus lilyricum ^). 

Seit dem 2. Jahrhundert ofi'enbarte sich der Niedergang des 
römischen Reiches durch die wachsende Abnahme der Bevölkerung 
Gegenüber den gewaltigen Heeren, welche die Könige Sitalkes 
und Burebistas oder die beiden Batone aufstellen konnten, wurden 
die Streitkräfte von Thrakien und lilyricum immer schwächer. 
Pestkrankheiten, Erdbeben, blutige Gemetzel, wie z. B. in Mösien 
nach dem Sieg des Kaisers Gallienus über seinen Rivalen Ingenuus 
(260), trugen nicht wenig dazu bei. Eine Verstärkung der Ein- 
wohnerzahl erfolgte zeitweise durch Ansiedlung gefangener Bar- 
baren oder dui'ch Flüchtlinge aus mehr exponierten Gebieten, wie 



1) Evans a. a. 0. III-IV, 164. CILat. III mo. 8259. 

2) A. E. Burn, Nicetas of Remesiana, Cambridge 1905. 

3) Vgl. Schanz, Gesch. der röm. Literatur, Bd. 4. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 47 

aus dem Trajanischen Dazien, aber zu einer inneren Kolonisation 
durch Zuwanderung aus anderen Provinzen reichte der Kräfte- 
überschuß und das Wirtschaftssystem des Reiches nicht aus. Den 
größten Schaden verursachten die Invasionen fremder Völker. Seit 
dem Markomannenkrieg (l65 — 180) unter Kaiser Marcus Aurehus 
trat die Defensive an Stelle der Offensive. Rom siegte, aber ohne 
neue Provinzen zu erwerben. Germanen, Sarmaten und freie 
Daker begannen damals den Angriff auf der ganzen Linie von 
Regensburg bis Siebenbürgen und verheerten tief landeinwärts alle 
Grenzprovinzen. Die Kostoboker in den Karpathen, deren Könige 
bisher Geiseln nach Rom senden mußten, unternahmen einen Raub- 
zug bis nach Hellas, wo sie aufgerieben wurden ^). Damals wurden 
auch Salona und Philippopel mit festeren Mauern umgeben und 
innerhalb des Limes z. B. am Berge Kosmaj südHch von Belgrad 
und an den Mündungen der bosnischen Flüsse neue Kastelle ge- 
gründet. Seit diesem Kriege schlichen sich kleine Räuberbanden 
(latrunculi) über die Donau, zwischen den Grenzwachen durch 
und schmälerten durch Vieh- und Menschenraub den ohnehin in- 
folge der schweren Kriegszeiten verminderten Wohlstand der Pro- 
vinzialen, zeitweise abwechselnd mit größeren Invasionen. Eine 
Folge davon war die allmähliche Verödung des offenen Landes 
und die Zusammenziehung der Bevölkerung in die befestigten 
Städte und Burgen. Bald begannen die Einfälle der tapferen 
Goten, welche stufenweise von der Ostsee zum Pontus vorgerückt 
waren. Der erste Kaiser, welcher im Kampfe gegen die Barbaren 
gefallen ist, war Decius in der Gotenschlacht bei Abrittus in 
Untermösien (251). Ein zweites Mai bestürmten die Goten 
Thessalonich und plünderten mit Bootsflotten aus dem Pontus die 
Städte von Hellas, deren fabelhafter Reichtum eine große An- 
ziehungskraft für die nördlichen Völker besaß (267), bis ihnen 
Kaiser Claudius bei Naissus eine schwere Niederlage beibrachte (269). 
Kaiser Aurelian mußte aber nach neuen Siegen das Trajanische 

1) Die Namen der Kostoboker oder Coisstoboci auf den Inschriften 
sind thrakischer Art: Natoporus, Pieporus, Sabituus, Drilgisa usw. Zeuß, 
Tomascliek u. a. hielten sie für einen thrakischen Stamm, Safafik, 
Drinov und Niederle für Slawen (slaw. kost Knochen, bok Seite, 
Flanke). 



48 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

Dazien endgültig aufgeben. Reste der zersprengten Karpathen Völker 
wurden auf römischem Boden angesiedelt, der Bastarnen, Kar- 
pen u. a. 1). 

In dem folgenden Zeitalter der Reformen waren unter Kon- 
stantin dem Großen zwei Neuerungen von weltgeschichtlicher Be- 
deutung: die Annäherung an das Christentum und die Erhebung 
der alten hellenischen Kolonie Byzantion zur Residenz als Con- 
stantinopolis (325), was die Bedeutung der Hämushalbinsel ver- 
stärkte, nachdem sie ohnehin durch die vielen illyrischen Lager- 
kaiser den Vorrang besaß. Eine neue Gefahr brachte ein Völkersturm 
aus dem Innern Asiens, welcher die Europäer zum erstenmal mit 
den türkischen Reitervölkern bekannt machte. Die Hunnen, 
einst Nachbarn von China, zogen langsam gegen Westen, besiegten 
die zwischen dem Don und der Donau angesiedelten Goten und 
drängten sie gegen die römische Grenze. Kaiser Valens fand in 
der großen Gotenschlacht bei Adrianopel ebenso den Tod, wie 
einst Decius (:378). Gratian und Theodosius I. mußten die An- 
siedlung der Goten als „foederati" in den Donauprovinzen zu- 
lassen (382). 

Nach dem Tode Theodosius' I. wurde das römische Reich, 
wie so oft in der letzten Zeit, geteilt (395), jedoch zu einer neuen 
Vereinigung beider Teile kam es nimmermehr. Die Grenze der 
„östhchen" und „westlichen Römer" ging mitten durch Illyricum, 
ungefähr vom Golf von Cattaro nach Belgrad. Moesia superior, 
Dardania und Praevalis gehörten zum Ostreich, Dalmatia und die 
vier Pannonien zum Westreich. Die Nachwirkungen dieser Grenz- 
linie reichen bis in unsere Zeit. Das mittelalterliche und moderne 
Serbien blieb immer an der Grenzscheide zwischen Ost und West, 
zwischen der griechischen und lateinischen Kirche und zwischen 
der lateinischen und griechischen Schrift mit ihren Ableitungen. 
Das Westreich ist noch vor Ablauf eines Jahrhunderts zugrunde 



!) Personennamen der Karpen, welche wahrscheinlich in der Moldau 
wohnten und von neueren Forschern teils als Thraker, teils als Slawen er- 
klärt werden, sind nicht bekannt Der Name des KnonciTtig ögog des Pto- 
lemaios ist sonst in der antiken und mittelalterlichen Literatur unbekannt; 
mit vielen anderen Namen der ptolemäischen Karten hat ihn erst die Hu- 
raanistenzeit in Umlauf gebracht. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 49 

gegangen. Das kleinere, aber besser bevölkerte, mehr wohlhabende 
und gut verwaltete Ostreich hat sich nach der Trennung mehr 
als eintausend Jahre behauptet. Die oströmischen Kaiser des 5. 
und 6. Jahrhunderts stammten meist aus den europäischen Pro- 
vinzen. Es ist merkwürdig, wie sich das Latein im Ostreich im 
Rechtsleben und im Militärwesen lange behauptete, obwohl es vor 
den Eroberungen Justinians eine ethnographische Grundlage nur 
in den Donauländern besaß. Noch in griechischen militärischen 
Werken sind die Kommandoworte lateinisch (cede, sta, move, 
torna usw.). Bis in die Zeiten des Kaisers Maurikios waren die 
Feldherrnnamen vorwiegend lateinisch ^). Die zwei großen Ele- 
mente des Heeres vertraten unter Justinian seine beiden berühm- 
testen Feldherren; Orientale ist der Armenier Narses, Okzidentale 
der Thraker Belisar aus der Thermenstadt Germaneia in der 
Provinz Dacia mediterranea (Saparevska Banja bei Dupnica in 
Bulgarien) "-). Die Formierung eines neuen Heeres unter Kaiser 
Heraklios vorwiegend aus Kleinasiaten, Armeniern, Kaukasiern 
und Syrern führte zum Übergewicht der Orientalen und damit 
auch zur bleibenden Vorherrschaft der griechisch- christlichen Namen 
unter den Feldherren (Georgios, Theodoros, Sergios u. a.). 

Gleich nach der Trennung bereiteten dem Ostreich die Visi- 
goten unter ihrem König Alarich schwere Sorgen, durch einen 
Raubzug bis in den Peloponnes (396). Bald zogen sie aber in 
die Ostalpen und nach Itahen ab, wo sie Rom ausplünderten (410), 
ein Schicksal, das Konstantinopel erst 800 Jahre später durch die 
Kreuzfahrer des vierten Zuges getroffen hat. Im ersten Viertel 
des 5. Jahrhunderts übersiedelte ein Teil der Hunnen aus den 
Steppen nördlich vom Schwarzen und Kaspischen Meere in die 
ehemahgen Sitze der Sarraaten an der mittleren Donau, in viele 
Gruppen geteilt, deren Häuptlinge einander oft befehdeten. Die 



1) Meine Rom. Dalm. 1, 18 f. 

2) Mit Unrecht sahen einige neuere Historiker in Belisar einen Slawen: 
beli-car „der weiße Kaiser" nach Bury; „B^lisaire un Slave peut-etre" bei 
Diehl, Justinien 413. Das neubulg. bjali car, neuserb. bijeli car lautet ja 
in der Sprache der Denkmäler aus dem Osten der Halbinsel noch im 9. bis 
12. Jahrhundert „bjäli cesar". Die Ruinen von Germaneia: Arch.-epigr. 
Mitt. 10, 71 f. 

Jirecek, GescMohte der Serben. I. 4 



50 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

Residenz ihres Königs, ein großes Dorf aus Holzhäusern, bekannt 
aus den anschaulichen Schilderungen des Priscus, befand sich in 
den Pußten an der Theiß, in einer Ebene ohne Stein und ohne 
Baum. Am Hofe sprach man hunnisch , lateinisch und gotisch ; 
der König hatte auch lateinische Schreiber, Römer aus Pannonien 
und Obermösien. Die Oströraer zahlten den Hunnen des Friedens 
wegen Jahrgelder. König Attila (434 — 453) wurde der mächtigste 
und gefahrlichste Nachbar beider römischen Reiche und beschäf- 
tigte sich mit der Idee der Gründung eines großen Staates vom 
Ozean bis Persien. Kaiser Theodosius H. verdoppelte, ohne das 
Kriegsglück zu versuchen, die Jahrgelder, aber die stets wieder 
erneuerte Frage wegen der Auslieferung der hunnischen Überläufer 
führte zum Angriff des Hunnenkönigs (441 — 443). An 70 Städte 
wurden von den Scharen des Attila erobert, ausgeplündert und 
zerstört: Singidunum, Viminacium, Naissus nach heftigem Wider- 
stand und furchtbarem Gemetzel, Ratiaria, Serdica, Phihppopohs 
u. a. Die Hunnen erschienen bis in der Nähe der Meerengen, 
und der Friede konnte nur mit großen Geldopfern erneuert werden. 
Attila verlangte die Abtretung des Donaugebietes bis Novae 
(Svistov) und Naissus. Die alte Grenze wurde zwar behauptet, 
aber Obermösien blieb fortan ein verödetes Land, welches 
unter der römischen Herrschaft nie mehr einen Aufschwung er- 
lebt hat. Nach dem Tode Attilas wurde sein Reich zerstört 
durch die Kämpfe seiner Söhne untereinander und durch eine 
Erhebung der zahlreichen ti'ibutären germanischen Stämme. Die 
geschlagenen Reste der Hunnen zogen zu ihren Stammgenossen 
in die Pontussteppe ab, wo bald eine starke Gruppe hunnischer 
Nomaden (seit 482) in lateinischen, griechischen und armenischen 
Quellen unter dem neuen Namen der Balgaren erscheint. Die 
Germanen bekämpften einander an der mittleren Donau, voran 
die Gepiden im Trajanischen Dazien und die Ostgoten im Gebiete 
zwischen Wien und Belgrad. Die Sarmaten, bedrängt von den 
Goten, überfielen unter der Führung ihrer Könige Beuca und 
Babai Obermösien, besiegten, wie Jordanes erzählt, den römischen 
Feldherrn Camundus und besetzten Singidunum. Aber bald darauf 
schlug sie der ostgotische Prinz Theoderich, tötete den Babai 
und nahm Singidunum für sich ein (um 471). Von dort plün- 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 51 

derten die Goten bis nach Hellas und eroberten Dyrrhachion, 
mit dem Wunsche, sich im warmen Küstenlande des heutigen 
Albaniens niederzulassen. Erst nach langen Kämpfen wurden ihnen 
vom Kaiser Zeno Wohnsitze in Dacia ripensis und Moesia inferior 
eingeräumt; wo Theoderich als gotischer König und römischer 
Feldherr seinen Sitz in Novae (Svistov) aufschlug (483). 

Dalmatien beherrschte damals ein römischer Feldherr, der 
Patricius Marceilinus, wie ein selbständiger Herrscher, gestützt auf 
eine starke Seemacht, angeblich noch ein Heide, bis er als Befehls- 
haber der weströmischen Flotte auf einem Zuge gegen die afrika- 
nischen Vandalen in Sizilien ermordet wurde (468). Darauf wurde 
sein Neffe Julius Nepos, Sohn des Nepotianus und einer Schwester 
des Marcellinus, überdies ein Verwandter der Verina, Gattin des 
Konstantinopler Kaisers Leo I., mit Hilfe der Oströmer west- 
römischer Kaiser in Rom (474). Eine merkwürdige Erztafel mit 
Silberschrift im Belgrader Museum führt den Namen des Kaisers 
Nepos 1). Die Revolution des Basiliskos gegen Kaiser Zeno stellte 
aber bald die Unterstützung der Oströmer ein. Der Feldherr 
Orestes, ein pannonischer Römer, vor einem Vierteljahrhundert Höf- 
ling und Schreiber des Attila, proklamierte in Ravenna seinen 
eigenen Sohn Romulus (Augustulus) zum Kaiser (475). Aber sehr 
bald wurde er vom Söldnerführer Odovacar gefangen und ent- 
hauptet, der kleine Romulus abgesetzt (476). Nepos war indessen 
aus Rom nach Dalmatien entflohen und residierte in Salona immer 
noch als Kaiser, anerkannt auch im südlichen Gallien, bis er (Juni 
480) in seiner Villa vor den Toren von Salona von den Comites 
Ovida und Viator ermordet wurde. Da rückte Odovacar, nun 
König und Herr von Italien, in Dalmatien ein und besetzte das Land. 
Gegen ihn bewog Kaiser Zeno den König Theoderich zu einem 
Zug nach Italien, einer neuen Völkerwanderung, welche dazu 
führte, daß Theoderich (493 — 526) als Sieger seine Residenzen in 
Rom, Ravenna und Verona aufschlug. Im neuen ostgotischen 
Reiche, welches Italien, Dalmatien, Pannonien und die Alpenländer 
umfaßte, bildeten die arianischen Goten die herrschende Krieger- 
kaste, die katholischen Römer die entwafihete Zivilbevölkerung. 



1) CILat. III nro. 6335. 



53 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

Die Verhältnisse in Pannonia Sirmiensis und Pannonia Savia, 
ebenso wie in Dalmatien sind aus der Briefsammlung des Kassiodor 
bekannt. In Dalmatien waren die Goten nur durch Feldherren 
und Garnisonen vertreten und bei den Römern des Landes un- 
beliebt. Über die kirchlichen Verhältnisse geben die Akten von 
zwei in Salona abgehaltenen Pro\'inzial8ynoden (530 und 532) 
Aufschluß. Der pohtische Wetterwinkel war die Landschaft von 
Sirmium, wo die Goten mit den Gepiden und Bulgaren (Hunnen) 
kämpften. Ein Freischarenführer Mundus, nach widersprechenden 
Nachrichten Germane oder Hunne, setzte sich in Obermösien fest, 
schlug den römischen Feldherrn Sabinianus den Jüngern im Mo- 
ravatale, mit Unterstützung der Goten (505), trat aber später in 
römische Dienste ^). Die Reiterscharen der Hunnen überschritten 
(seit 499) wiederholt besonders im Winter die untere Donau und 
durcheilten plündernd die römischen Provinzen, 517 bis nach 
Epirus, Thessahen und zu den Thermopylen. Dieser letzte Zug 
steht in Verbindung mit der Revolution des Donaurömers Vitalianus, 
Sohn des Patriciolus, aus der Provinz Scythia (Dobrudza), welcher, 
wie Marcellinus berichtet, mit fast 60 000 Römern (Romani) und 
Hunnen in dem Gebiet bei Akra (Kaliakra) und Odessus (Varna) 
sich gegen Kaiser Anastas erhoben hatte und dreimal vor Kon- 
stantinopel erschien. Es ist die letzte große Bewegung an der 
unteren Donau, in deren Geschichte die Slawen noch nicht er- 
wähnt werden. 

Kaiser Justinian I. (527 — 565) ging wieder zur Offensive 
über. Seine Feldherren eroberten das Vandalenreich in Nordafrika, 
das Reich der Ostgoten in Italien und Teile des Reiches der 
Visigoten in Spanien. Bis auf eine Lücke zwischen Cartagena 
und Nizza gehörten alle Küsten des Mittelmeeres wieder dem 
römischen Staate an, ebenso alle Inseln. Aber die großen Unter- 
nehmungen überstiegen die Kräfte des Reiches, welches zum Schluß 
finanziell ganz erschöpft und erlahmt war. Für die Donauländer, 
wo man bei der Defensive geblieben war, war die lange Regierung 
des Kaisers eine Zeit des Verfalls. Erobert wurde das gotische 
Dalmatien, wobei um die Hauptstadt Salona viel gekämpft wurde. 



1) Vgl. Hart mann, Gesch. Italiens 1, 152 f., 170 f. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 53 

Mundus, einst Feind des Reiches, jetzt „magister militum per 
lUyricum", besetzte nach einem Siege die Stadt, fiel aber in einem 
neuen Gefechte in der Umgebung (535). Da zog der gotische 
Feldherr Gripas wieder in Salona ein, verließ es aber aus Miß- 
trauen gegen die römischen Bürger und die verfallenen Mauern, 
so daß Konstantianus mit der kaiserlichen Flotte die Stadt abermals 
besetzen konnte (536). Bei einen neuen Versuch wurden die 
Goten unter Uligisal und Asinarius von Salona neuerdings zurück- 
geschlagen, worauf die Hauptstadt Dalmatiens, deren Mauern in- 
dessen ausgebessert und ringsherum dui'ch einen Graben geschützt 
worden waren, den wichtigsten Stützpunkt der Oströmer bei dem 
Angriff auf das Gotenreich in Italien bildete. König Totila, oder 
mit seinem zweiten, auch auf seinen Münzen ersichthchen Namen 
Baduila (541 — 552), plante einen Angriff auf lUyricum, doch wur- 
den von der neuen gotischen Flotte nur zwei kleine Hafenplätze 
zwischen Salona und der Narenta überfallen. In Pannonien wur- 
den die Städte Sirmium und Bassiana vom Reiche wieder besetzt. 
Nach der Unterwerfung Italiens erscheinen dort auf den Inschriften 
/Truppen aus den Härausländern , Illyrier (numerus felicium Illy- 
ricianorum) in Genua, Daker (numerus Dacicus) in Rom usw. ^). 
In Dalmatien haben die Goten nur geringe Spuren hinterlassen. 
Von einem gotischen oder überhaupt germanischen Feldherrn Ana- 
gast ist der Name der Burg von Niksidi in Montenegro abgeleitet, 
in den Archivbüchern der Ragusaner im Mittelalter Anagastum 
genannt, heute noch als Onogost bekannt -). 

Die Verwaltung suchte man durch Vereinigung der Provinzen 
zu vereinfachen. Die Zivilstatthalter im neueroberten Italien ließ 
Justinian von den Vornehmen und dem Klerus der Provinz 
wählen, wobei dem Kaiser die Bestätigung blieb ; Justinus II. dehnte 
diese Wählbarkeit auf alle Provinzen aus (569). Der Niedergang 



1) Die hl, Etudes sur l'administration byz. dans l'exarchat de Ravenne 
(Paris 1888) 198. 

2) Anagast (Anegast) im 5. — 6. Jahrb., noch im 11. Jahrh. in Bayern 
(davon der Ortsname Anegestingin , jetzt Engstingen in Württemberg) : 
Förstemann, Altdeutsches Namenbuch, Bd. 1* (1900) Sp. 101. Ana- 
gastum in ragus. Denkmälern 1272 — 1401. Onogost zuerst 1362 Mon. 
serb. 171. 



54 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

der Hämusländer wurde beschleunigt durch furchtbare Erdbeben, 
besonders im Jahre 518. Nach den Berichten bei Comes Mar- 
celHnus stürzte die Hauptstadt von Dardanien Scupi (Zlokudani, 
nordwestlich von Skopje) ganz ein, jedoch ohne Verluste an 
Menschenleben, ebenso 24 Kastelle der Provinz; zwei sind samt 
den Einwohnern versunken, die anderen mit Verlust der Hälfte, 
eines Drittels oder Viertels der Häuser oder Bewohner. Im Kastell 
Sarnonto stieg aus einem Erdspalt siedender Dampf wie aus einem 
Glutofen empor, worauf ein langer, heißer Regen niederging. 
Gleichzeitig entstand durch Abstürze von Felsen und Waldpartien 
ein 30 röm. Meilen (45 Kilometer) langer und 12 Fuß breiter Erd- 
spalt 1). Nach den Untersuchungen von Evans hat Justinian, aus 
dieser Landschaft gebürtig, Scupi in der Nähe der alten Stadt an 
der Stelle des heutigen Skopje erneuert und diese prächtig aus- 
gestattete Neugründung Justiniana Prima genannt; doch der alte 
Stacitname war stärker als der neue und lebt noch heute (alb. 
Skup, türk. Üsküb). Justiniana Secunda hieß das damals gleich- 
falls erneuerte Ulpiana am Südende des Amselfeldes, doch machte 
sich auch hier die größere Kraft des alten Namens geltend; in 
serbischer Umformung heißt der Ort seit dem Mittelalter Lipljan. 
Während der Grenzkriege bildeten sich in den Hämusländern 
Wald wüsten, wie in der Zeit vor der römischen Eroberung. Pris- 
cus sah 448 nach dem Kriege mit Attila von Serdica bis Vimi- 
nacium nur menschenleere Einöden mit Brandstätten und Ruinen ; 
Naissus war fast ganz verlassen. Die Invasionen der folgenden 
Zeit hatten vor allem Menschenraub zum Ziel, doch übertreibt 
Prokopios in seiner Geheimgeschichte, wenn er erzählt, daß bei 
jedem Einfall mehr als 200 000 Menschen getötet oder wegge- 
schleppt worden seien; so viele Einwohner haben wohl die einzelnen 
Provinzen nicht mehr gehabt. Kaiser Justinian hat in der ersten 
Hälfte seiner Regierung massenhaft Verteidigungswerke aufführen 
lassen. Prokopios zählt in seinem Buche über die Bauten des 
Kaisers (558) 80 feste Plätze an der Donau und an 370 Burgen 

1) Mon. Germ., Auetores antiquissimi 11 (1894) p. 100. Die von Nord 
nach Süd verlaufenden Bruchlinien Dardaniens siehe auf der geologischen 
Karte des Baron Nopcsa in denMitt. der k. k. geogr. Gesell. 51 (1908) 289. 



Die Römer und das Zeitalter der Völkerwanderungen. 55 

südlich von der Grenze bis nach Griechenland auf. Es wurden 
z. B. Singidunum, Viminacium und Naissus erneuert, in der Land- 
schaft von Naissus 7 Burgen ausgebessert und 32 neu gebaut, in 
Dardanien 61 instand gesetzt, 8 neu gegründet. Jeder Gau 
(dyQog) sollte ein Kastell besitzen. Der Typus der Justinianischen 
Bauten ist am besten bekannt in Algier und Tunis, wo es nur 
dreierlei Arten alter Bauwerke gibt: römischen, byzantinischen 
und arabischen Ursprungs, mit zahlreichen Bauinschriften, die in 
den Hämusländern fehlen. Die Befestigungen Justinians in Afrika 
bind in kurzer Zeit in größter Eile aufgeführt, zum Teil unvoll- 
endet, wobei man ältere römische Gebäude als Steinbruch benutzte 
und zwischen Steinen und Ziegeln antike Inschriften, Architrave, 
Säulenstücke, Kapitale und Skulpturen ohne Ordnung zusammen- 
fügte. Kleinere Kastelle haben vier Rundtürme an den Ecken, 
größere Städte drei Stockwerke hohe Türme, rund, vier-, sechs- oder 
achteckig ^). In den Hämusländern ist derselbe Typus leicht zu 
erkennen. Die mit Rundtürmen versehene Nordmauer von Serdica 
ist zusammengeflickt aus altem Material, mit griechischen Inschriften 
der früheren Kaiserzeit, Altären thrakischer Götter und Grab- 
steinen -). Das Kastell (Kulina) von Ravna im Timoktal, mit 
Rundtürmen, ist von den Grundfesten aus aufgebaut aus älteren 
römischen Bausteinen und Inschriften ^). Ebenso fand man die 
meisten Denkmäler von Viminacium nicht in der ursprünglichen 
Lage, sondern eingelassen in dem Gemäuer eines mit den Steinen 
der alten Stadt errichteten großen Kastells ^). Paß- und Isthmus- 
sperren, in der Art der von Kaiser Anastas zum Schutz der Um- 
gebung von Konstantinopel erbauten „Langen Mauer", wurden 
unter Justinian in den Thermopylen, auf der Halbinsel Kassandria 
bei Thessalonich und auf dem thrakischen Chersones errichtet. 
Andere solche Mauern sind in den Quellen nicht erwähnt. Eine 
steinerne, an 30 Kilometer lange Mauer mit einzelnen Türmen 
zieht sich von der Stadt Fiurae bis zum Dorfs Prezid (slaw. 



1) Die hl, L'Afrique byzantine, Paris 1896. 

2) Sbornik bulg. 2 (1890) 3—6. Kacarov, Beitrag zur antiken Ge- 
schichte von Sofia, bulg. (Sofia 1910) 24 f. 

3) Jahreshefte, Beibl. 3, 137f.; 4, 142f. 

4) Ebenda 3, 107 f. 



56 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

Quermauer} am Trifinium zwischen Kroatien, Istrien und Krain i). 
Ein ähnliches Werk, vielleicht einst der oströmische Limes gegen 
die Goten in Dalmatien, ist in Montenegro die sogenannte „Grenz- 
mauer des närrischen Vuk", die sich von West nach Ost angeb- 
lich vier Tagemärsche weit in gerader Linie über Berg und Tal 
zieht, von Risano oder von der Bijela Gora bei Grahovo über 
Ostrog bis zum Kom; es sind Mauerreste ohne Kalk und Erde, 
die beim Volke als unvollendeter Bau gelten -). 

Alle diese Defensivbauten hatten wenig Erfolg. Es fehlte an 
Mannschaften zur Verteidigung. Die Grenztruppen gerieten bei 
den finanziellen Schwierigkeiten stark in Verfall, und die Mobil- 
armee, nach Agathias 150 000 Mann stark, war zerstreut in Gar- 
nisonen von Südspanien bis nach Armenien und Oberägypten. 
Die verfallenden Stadtbevölkerungen hatten mehr Sinn für kirch- 
liche Fragen, als für den Schutz des Vaterlandes. Prokopios er- 
zählt, wie (551) fünf Feldherren an die Donau zogen, um die 
unruhigen Gepiden zu züchtigen, aber nur ein einziger gelangte 
ins Gepidenland; die übrigen mußten in Ulpiana haltmachen, 
wegen eines kirchlichen Aufruhrs. Justinian hatte (535) für den 
lateinischen Norden von Illyricum ein privilegiertes Erzbistum in 
Justiniana Prima errichtet, fand aber während des sogenannten 
Dreikapitelstreites (seit 543) die heftigsten Gegner nicht nur in 
Itahen und Afrika, sondern gerade unter den „Illyriciani episcopi". 
Der Erzbischof Benenatus von Justiniana Prima wurde von einer 
illyrischen Synode als Anhänger des Kaisers sogar abgesetzt (549), 
aber Justinian unterdrückte die Bewegung mit eiserner Hand, 
indem er z. B. den widerspenstigen Erzbischof Frontinus von 
Salona nach Ägypten verbannte (554). 

Indessen vollzog sich der Abschluß der germanischen Völker- 
wanderung an der unteren Donau. Die Heruler, heidnische Ger- 
manen aus Skandinavien, hatte Kaiser Anastas an der Grenze an- 

1) V. Klaic: Vjesnik arheol. N. S. 5 (1901) 169 f. 

2) Vuk Karadzic, Serb. Lexikon unter Vukova medja. Erzählung 
des Vladika Peter II. bei V. D. Lambl, Gas. ces. musea 24 (1850) 530. 
Evans a. a. 0. I— II, 88. IvaniSevic, Wiss. Mitt. 6 (1899) 656. Ro- 
vinskij, Sbornik russ. 86 (1909) S. 86 hat diese „römische" Mauer nicht 
selbst gesehen. 



Die Bömer und das Zeitalter der Vöikerwandeningen. 57 

gesiedelt (512); unter Justinian wohnten sie bei Singidunum und 
Sirmium und zeichneten sich, an 3000 Mann stark, in allen Feld- 
zügen aus. Die Gepiden, unter einem König und mit einem 
arianischen Bischof, saßen nicht mehr in Siebenbürgen, sondern 
im ßanat an der Donau und kämpften zuerst mit den Goten, 
dann mit den Römern um den Besitz von Sirmium, unter fort- 
währenden Raubzügen in die Donauprovinzen. Justinian be- 
günstigte gegen sie die Langobarden, teils arianische Christen, 
teils noch Heiden, die sich eben in Noricum und im nördHchen 
Pannonien niedergelassen hatten. Nach Justinians Tode ver- 
schwinden die Heruler, wahrscheinlich an die Nordgrenze Italiens 
an den Brenner versetzt, die Gepiden wurden aufgerieben und die 
Langobarden zogen ab nach Italien. Zu gleicher Zeit wurden 
die pontischen Hunnen, besonders der westliche Stamm der Ku- 
triguren, immer zudringlicher, durch große Invasionen bis zum 
Hellespont und den Thermopylen. Es waren Rückwirkungen von 
neuen Bewegungen in der pontischen und kaspischen Steppe, be- 
sonders nach der Entstehung des ältesten Türkenreiches am Altai 
und nach dem Auftreten der A waren. Der Höhepunkt war 559 
der Zug des kutrigurischen Fürsten Zabergan im Winter über 
die zugefrorene Donau bis vor die Tore von Konstantinopel, wo 
ihn der alte Belisar besiegte. In dem Zwischenraum zwischen 
den Hunnen und Gepiden erscheinen an der unteren Donau zu- 
erst die Slawen, welche seitdem aus der Geschichte der Hämus- 
länder nicht mehr verschwinden. 

Das Mittelalter kannte die Römerzeit besonders aus den Bau- 
werken. In den sich daran knüpfenden Sagen erhielt sich das 
Andenken an drei Kaiser bis auf unsere Tage. Trajan war durch 
seine Gründungen und seine zahlreichen Bauinschriften so bekannt, 
daß ihn Konstantin der Große das „Mauerkraut" nannte Es 
kam eine Zeit, wo die römischen Provinzialen alle alten Bauwerke 
dem Trajan zuschrieben. Die Straße von Novae (Svistov) über 
den Hämus nach Philippopel, nach den Inschriften vollendet unter 
Kaiser Nero, hieß um das Jahr 600, wie Theophylaktos Simo- 
kattes schreibt, der „Weg des Trajan" (^ Xeyoixevr] Tga'iavov 
TQißog). Bei den Resten dieser Straße steht jetzt im Balkan ein 
Städtchen Trojan. Die Trajanssage wurde von den Slawen über- 



58 Erstes Buch. Drittes Kapitel. 

nommen. Heute noch heißen die gepflasterten Römerstraßen 
„Trajansweg": rumänisch Calea Traianului, slawisch Trojan, 
Trojanov Put oder Trojanski Put, sogar türkisch Trajanjol; alte 
Burgruinen nennt man „Trajansburg", Trojanj Grad oder Trojanov 
Grad, alte Paßsperren „Trajanstor", Trojanova Vrata i). Kaiser 
Trajan gelangte sogar in die slawische Mythologie: der Gott Tro- 
jan in mittelalterlichen Apokryphentexten -). Ein dalmatinischer 
Sagenzyklus schloß sich an Kaiser Diokletian an, bekannt aus 
den Nachrichten bei Konstantin Porphyrogennetos und Thoraas 
dem Archidiakon, besonders in Salona, Spalato und infolge der 
Namensähnlichkeit bei den Ruinen des von Vespasian oder seinen 
Söhnen mit Stadtrechten ausgestatteten Doclea. Konstantin der 
Große galt in der Zeit des Porphyrogenneten als Erbauer eines 
Turmes in Belgrad, bei Leon Diakonos als Gründer von Dory- 
stolon (röm. Durostorum, jetzt Silistria), in der bulgarischen Visio 
des Isaias als der von Vidin, in der neuen serbischen Sage als 
der Stifter von Viminacium. 



1) Meine Heerstraße 5, 156 f.; Arch. epigr. Mitt. 10, 87. 

2) Leger, La mythologie slave (Paris 1901) 124 f. 



Zweites Buch. 
Die Besiedlung Illyricimis durch die Slawen. 



Erstes Kapitel. 

Die Slawen ^). 

In den Steppen auf der Nordseite des Schwarzen Meeres 
wohnten im Altertum iranische Stämme, welche erst seit dem 
Vorstoß der Hunnen durch die aus Innerasien nach Westen vor- 
dringenden türkischen Völker verdrängt wurden. Nördlich von 
der Steppe erstreckt sich von den Karpathen bis zum Ural ein 
gewaltiges Waldgebiet. In der östlichen Hälfte dieser Waldzone 
saßen Finnen, welche ursprünglich weit gegen Südwesten reichten, 
aber langsam von den Ariern nordwärts zurückgedrängt wurden; 
ein Zeugnis alter Nachbarschaft sind heute noch iranische und 
litauische Elemente in den Sprachen der Wolgafinnen. In der 
westlichen Hälfte des waldigen Tieflandes, in dem großen Raum 
zwischen der pontischen Steppe und der Ostsee, wohnten zwei 



1) Literatur: P. J. Safafik, Slovansk^ starozitnosli (Slawische Alter- 
tümer), Prag 1837, 2. A. in dessen Gesammelten Werken, Prag 1862 f. 
Bd. 1—2 (auch deutsch, russ., poln. übersetzt). J. K. Zeuß, Die Deutschen 
und die Nachbarstämme, München 1837. W. Tomaschek, Kritik der 
ältesten Nachrichten über den skythischen Norden : SB.W. Akad. Bd. 106 — 107 
(1886—1888). G. Krek, Einleitung in die slaw. Literaturgeschichte, 2. A., 
Graz 1887. A. L. Pogodin, Aus der Geschichte der slaw. Wanderungen, 
russ., Petersburg 1901. L. Nieder le, Slovansk^ starozitnosti , Prag 1902 
bis 1906 Bd. 1 und 2. St. Stanojevic, Über die Südslawen im 6., 7. und 
8. Jahrhundert: Glas 80 (1909) 124—154. — Slawische Sprachen: ver- 
gleichende Grammatiken von F. Mi kl o sich, 2. A., Wien 1876—1888, 
4 Bde und W. Vondräk, Göttingen 1906—1908, 2 Bde. Etymologische 
Wörterbücher von F. Miklosich, Wien 1886 und E. Berneker, Heidel- 
berg 1908 f. Jagiö, Die slaw. Sprachen: Kultur der Gegenwart, Teil I, 
Abt. IX (1908), S. 1—39. 



68 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

indogermanische Völker, die Litauer und die Slawen. Die Litauer, 
einst ein großes Volk, sind seit dem Mittelalter im Rückgange 
begriffen. Die Slawen, deren älteste Wohnsitze aller Wahrschein- 
Hchkeit nach südlich und südwestlich von denen der Htauischen 
Stämme gelegen waren, haben seit mehr als anderthalb Jahr- 
tausenden die verwandten Litauer durch territoriale Ausbreitung 
weit überflügelt. Gegenüber dem bedeutenden Unterschied zwi- 
schen den einzelnen litauischen oder germanischen Sprachen ist 
es auffallig, daß die slawischen Sprachen einander verhältnismäßig 
viel näher stehen ; daraus könnte man auf einen nicht allzu großen 
Umfang der ältesten Wohnsitze schließen. Allerdings vergrößert 
sich die Differenzierung seit dem 9. Jahrhundert, mit welchem die 
einheimischen Denkmäler beginnen, in wachsendem Maße. 

Altertümlich sind bei jedem Volke die nationalen Personen- 
und Ortsnamen. Die vollständigen Personennamen der Slawen 
bestehen, wie die der Hellenen, Germanen, Thraker oder Iranier, 
aus zwei Nomina, deren Stellung in vielen Fällen vertauscht wer- 
den kann. Daneben gibt es Kurzformen, in denen das zweite 
Nomen durch ein Suffix ersetzt wird oder ganz wegfällt. Die 
Themata sind Substantiva, Adjektiva und Verba von meist be- 
kannter Bedeutung i). Der Sinn entspricht oft ziemlich genau den 
hellenischen Namen, so nach Miklosich z. B. Dobroslav dem 
'^yad-o-/.lfjg, Vladislav ^^Qxi'Afjg, Vsevlad (russ. Vsevolod) TIccvt- 
agxog, Vojislav ^Tqatovilfig usw. Von den iranischen, thrakischen, 
illyrischen, keltischen Namen lassen sich die slawischen leicht 
unterscheiden. Nur mit den germanischen fallen manche Formen 
zusammen, wie -mir und -gost mit germ. -mar und -gast. Die 
Frauennamen sind von den Mannsnamen verschieden, an der vo- 
kalischen Endung kenntlich (Dragomira, Miroslava, Radonega 
usw.). Es fehlen keineswegs die bei allen Völkern beliebten Na- 
men von Tieren, wie Vlk (neuserb. vuk, Wolf), auch in zahl- 
reichen Zusammensetzungen (Vlkoslav, Vlkodrug, Vlkomir), Med- 
ved (Bär), Golub (Taube), Labud (Schwan). Auch Pflanzennamen 



1) F. Miklosich , Die Bildung der slaw. Personennamen: Denkschr. 
W. Akad. Bd. 10 (1860)," jetzt veraltet. T. Maretic, Die nationalen Namen 
und Zunamen bei den Kroaten und Serben: Kad, Bd. 81—82 (1886). 



Die Slawen. 03 

gibt es, wie die Frauennamen Jagoda (Erdbeere) und Perunika 
(Iris). Dazu kommen Nomina mit Präpositionen, wie Preljub, 
Prerad, Predimir, oder mit der Negation (ne), wie Nenad, „der 
nicht Erwartete", sowie Apotropaia, wie das genau dem spät- 
lateinischen Projectus entsprechende altserbische Povrzen (Dimi- 
nutiv Povrsko), „der Weggeworfene". Auf alte soziale Verhältnisse 
weisen Prodan „der Verkaufte" und Kupljen „der Gekaufte". Die 
Bezeichnungen nach Eigenschaften, wie Golem (groß). Mal (klein), 
Beloglav f Weißkopf), Crnoglav (Schwarzkopf); bilden schon den 
Übergang zu den Spitznamen des späteren Mittelalters. Die sehr 
mannigfaltigen Kurzformen sind besonders häufig bei Frauen- 
namen: Goja, Mira, Dobra, Draga, Slavusa usw. In den Orts- 
namen sind, wie bei anderen Völkern, vorherrschend Ableitungen 
von Personennamen und von Pflanzennamen ^j. Die ersteren sind 
Bezeichnungen von Höfen, Häusern und Sennereien nach den 
Stiftern, FamiHenältesten , Stammvätern oder Besitzern, teils Ad- 
jektivformen (-0V, -in), teils Patronymika (-ovac, Plur. -ovci, oder 
-idi), wie Dedojevci, Vojnegovac, Gostiradici von den Eigennamen 
Dedoje, Vojneg, Gostirad. Die letzteren, größtenteils ursprünghch 
Namen fließender Gewässer (Endung -ica), bieten ein anschau- 
hches Bild der alten Waldflora, neben Bezeichnungen nach Obst- 
bäumen und Gemüsen. Seltener sind Orte nach Tieren benannt. 
Dazu kommen Namen nach Terrainformen, nach den Farben des 
Bodens, der Beschäftigung der Einwohner usw. 

Der Landschaftscharakter der Heimat spiegelt sich in der 
topographischen Terminologie einer jeden Sprache. Ebenso wie 
es nach einer Bemerkung von Alexander von Humboldt (in den 
„Ansichten der Natur") im Arabischen und Persischen eine Un- 
zahl charakteristischer Benennungen der verschiedenen Typen der 
Ebenen, Steppen und Wüsten gibt, im Spanischen hingegen eine 
ausgebildete Terminologie für die Physiognomik der Gebirgsmassen, 
ist in den slawischen Sprachen auffallend der Reichtum an Be- 

1) Miklosich, Die Bildung von Ortsnamen aus Personennamen im 
Slawischen: Denkschr. W. Akad. Bd. 14 (,1864), 373 Nros. Derselbe, 
Die slawischen Ortsnamen aus Appellativen, eb. 21 (1872) und 'A3 (1874), 
789 Nros. Maretic, Die Namen der Flüsse und Bäche in den kroat. und 
serb. Ländern: Nastavni Vjesnik 1 (1892). 



04 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

Zeichnungen für fließende und stehende Gewässer, für Quellen und 
Brunnen, Seen und Tümpel, Sümpfe und Moore, für Wälder, Ge- 
büsche und Haine. Dagegen sind die gemeinsamen slawischen 
Ausdrücke für Gebirgsformen selten und die lokale Termino- 
logie in den Karpathen, den Ostalpen, im Karstgebirge an der 
Adria und im Balkan sehr verschieden. Alles weist auf eine Ur- 
heimat in einem waldigen, wasserreichen, ebenen Lande, keines- 
wegs auf waldlose Steppen oder auf Täler und Abhänge eines 
Gebirges. Die reinste und altertümlichste slawische Ortsnomen- 
klatur besteht in Polen und Westrußland : im Stromgebiete der 
oberen Weichsel, des oberen Dnjestr und Bug und im westlichen 
Teil des Dnjeprgebietes. In diesem Gebiet sind die ältesten Wohn- 
sitze der Slawen zu suchen ; dorthin verlegen sie die spärlichen 
Nachrichten des Altertums und die klaren Berichte des früheren 
Mittelalters. Auch die Pflauzennamen der Slawen führen in diese 
Zone Osteuropas ^). Es ist ein Flachland mit unbedeutenden Er- 
hebungen an den Wasserscheiden der Flüsse, mit vielen Seen und 
Sümpfen, voll gewaltiger Wälder mit einzelnen Wiesen, reich an 
Jagdtieren und Fischen, geeignet für Ackerbau, Viehweide und 
Bienenzucht. Die Hauptverbindungen bilden Wasserstraßen, mit 
leichten Übergängen aus einem Stromgebiet ins andere. Nachbarn 
der Slawen in dieser Urheimat waren im Westen die Germanen, 
im Norden die Litauer, im Nordosten finnische Stämme, im Süd- 
osten in den waldfreien Steppen iranische Völker, im Süden in 
den Karpathen Thraker, später durchsetzt durch einzelne keltische 
Stämme. Ein mächtiger Vorstoß der Slawen wendete sich ostwärts 
über den Dnjepr; ein anderer hatte die Richtung westwärts, wo 
die Sprache der Elbeslawen sehr altertümliche Lautformen be- 
wahrt hat. 

Römer und Slawen wurden miteinander bekannt durch die 
Vermittlung der Germanen. In den Quellen der römischen Kaiser- 
zeit heißen die Slawen Venedi (Ovevedai), ebenso wie in Deutsch- 
land im Mittelalter Winidi ; noch jetzt werden sie von den Deutschen 
in Sachsen und in den Ostalpen Wenden, Winden genannt. Bei 



1) Dr. B. Sulek, Blick aus der Pflanzenkunde in die Urzeit der 
Slawen: kroat., Rad 39 (1887) 1—64. 



Die Slawen. 65 

den Slawen selbst war dieser Name, dessen Ursprung und Be- 
deutung nicht bekannt ist, niemals im Gebrauch. Auch die By- 
zantiner kennen ihn nicht. Anderseits bezeichneten die Germanen 
die Kelten und Römer mit dem Namen Walh (Plur. Walhas), 
ebenso wie die Rhätoromanen und Italiener bei den Deutschen 
bis in die Neuzeit Walchen oder Wälsche heißen. Davon stammt 
das slawische Vlach (russ Voloch), im Plural Vlasi, für die Romanen. 
So nennt man heute böhmisch, polnisch, slowenisch die Itahener, 
russisch, bulgarisch und serbisch die Rumänen. 

Einheimisch ist der Name Sl ovenin, im Plural Slovene, 
seit dem 6. Jahrhundert bei den Nachbarn im Westen und Süden 
überall bekannt, bei den Griechen {^/.Xaßr^voi lies Sklavini, 
2-/.X(x{jol zuerst bei Agathias, ^S-XdßoL bei Pisides), Romanen 
(Sclaveni, Sclavini, Sclavi), den westeuropäischen Verfassern latei- 
nischer Texte, bei den Syrern, zuletzt bei den Arabern (Sakähb). 
Er kommt ebensogut bei Thessalonich und in Dalmatien vor, als 
in den Ostalpen und Westkarpathen , bei den Elbeslawen und bei 
Nowgorod. Dobrowsky, Safafik und Miklosich haben ihn dem 
Suffix nach als die Ableitung von einem Ortsnamen erkannt, aber 
die Bedeutung des Themas bleibt, wie bei so vielen Völkernamen, 
dunkel ^j. An den Namen der Winden klingt der Name der 
Anten an, der nur in den Jahren 500 — 650 von Schriftstellern 
aus dem byzantinischen Reiche für die südrussischen Slawen ver- 
wendet wird , von den moldauischen Karpathen und den Donau- 
mündungen bis zum Nordrand der Steppe nordwestlich von der 
Krim {Avvai, Antes, Anti). Jordanes gibt die Wohnsitze der 
Anten, wohl nach einer älteren Quelle, zwischen Dnjepr und 
Dnjestr an und bezeichnet sie als die tapfersten der Slawen. In den 
Berichten aus dieser Zeit besteht ein Gegensatz zwischen den Anten 
und den eigentlichen „Slavinen" ~). Prokopios berichtet, daß die 



1) Da Latein und Griecbisch die Lautgruppe sl vermeiden, ist ein x 
oder .^ eingeschoben. Das a für o im russ. Slavjanin entspricht den neuruss. 
Lautgesetzen. Die alten Deutungen von slovo verbum (seit Pulkava um 
1374) und von slava gloria (seit Dubravius 1052) wurden bis in die neueste 
Zeit wiederholt. 

2) L. Niederle, Antov^: Vestnik der kgl. böhm. Gesellsch. d. Wiss. 
1909, 12 S. 

Jlrecek, Geschichte der Seihen. I. 5 



66 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

Slawen und Anten ursprünglich Spori geheißen haben, welchen 
Namen er oder seine Gewährsmänner, wahrscheinlich Pontus- 
griechen aus der Krim, mit griechisch a/togadriv zusammenstellt. 
Dobrowsky und nach ihm Safafik sahen in den ^jcoqol den durch 
eine Metathese entstellten Namen der Serben. Auf dieser Hypo- 
these ist die von beiden Gelehrten aufgestellte Theorie aufgebaut, 
der Name der Serben sei einmal der Gesamtname aller Slawen 
gewesen ^). Doch hat schon Zeuß auf die „gens Spaloium^' auf- 
merksam gemacht, mit welcher die Goten nach den bei Jordaues 
verzeichneten Sagen bei ihrem Vorstoß von der Ostsee zur Pontus- 
küste, also gerade im Slawenlande, zu kämpfen hatten. Ihren 
Namen kennen auch Diodor und Plinius {^ycäXoi, Spalaei) unter 
den Stämmen angebHch am Don -). 

Die historischen Nachrichten beginnen spät. Die Geographen 
des Altertums hatten keine Ahnung von der großen Ausdehnung 
Europas gegen Nordosten. Strabo meint, der Teil Europas, welcher 
außerhalb der Grenzen des römischen Reiches geblieben ist, sei 
nicht groß, größtenteils eine Ebene, weiter nordwärts vielleicht 
wegen der großen Kälte unbewohnbar '^). Die meerbusenartige 
Abgeschlossenheit der Ostsee war noch nicht entdeckt, Skandi- 
navien galt als eine Insel und das Eismeer, als dessen Golf man 
auch das Kaspische Meer betrachtete, wurde als sehr nahe gedacht. 
Selbst bei Ptolemaios, welcher die wahre Gestalt des Kaspischen 
Meeres und den Lauf der Wolga (Rha) gut kennt, ziehen sich 
die Ufer des Polarmeeres mitten durch das jetzige europäische 
Rußland. Erst im 6. Jahrhundert hatte man einige Kenntnis von 
den riesigen Dimensionen des europäischen Kontinents nach dieser 
Seite. Bei dem anonymen Kosmographen von Ravenna liegt östlich 



1) Dobrowsky, Gesch. der böhm. Sprache, Prag ^1818 S. 9; Sa- 
fafik, Slaw. Altertümer § 9. Von den Beweisgründen entfallen die Spori 
des Prokopios, die augeblichen Serben im Kaukasus (s. oben S. 33), die 
jetzt als Fälschung erwiesenen altböhmischen Glossen des „ Mater verborum '", 
(Sarmatae erklärt als Öirbi) und die bei Konstantin Porph. als Zf\)ßini 
wiedergegebenen Severjane in Rußland. 

2) Vgl. kircheuslaw. sport über, spoiyni multitudo , bulg. spören 
fruchtbar; anderseits vgl. slaw. spolin, ispolin Kiese. 

3) Strabo VII p. 294; XVII p. 839. 



Die Slawen. (J7 

von den Normannen, Dänen und Finnen Özythien, aus welchem 
das Volk der Slawen hervorgegangen sei (unde Sclavinorum exorta 
est prosapia) ^). 

Die Hellenen sind zuerst durch die Gründung der Kolonien 
Tyras und Olbia an den Mündungen des Dnjestr und Dnjepr 
zu diesen Ländern in nähere Beziehungen getreten. Die erste 
Beschreibung gibt im 5. Jahrhundert v. Chr. Herodot. Vou den 
Völkern, die er im waldigen Binnenlande nördHch von der 
Steppenzone aufzählt, waren die von einem König beherrschten, 
als Zauberer verrufenen Neuren am oberen Dnjestr (Tyras) und 
ßug (Hypanis) wahrscheinhch Slawen, ebenso die Budinen, falls 
sie Nachbarn der Neuren waren -). Andere Stämme, die Herodot 
weiter östlich nennt, sind wohl Finnen gewesen. In die Literatur 
der Römer gelangten die ersten Nachrichten über diesen Teil 
Europas durch den von Pannonien aus zur Weichselmündung be- 
triebenen Bernsteinhandel. Die „Venedi" nennt zwischen den 
Völkern östlich von der Weichsel zuerst Plinius (f 79). Das 
ethnographische Tableau von Osteuropa ist vollständig bei Tacitus 
in dem Buch über Germanien (verfaßt 98): Germanen, Daker, 
Sarmaten, Wenden, Astier (Litauer) und Finnen. Die „Veneti" 
schildert ein Miniaturbild in der Art der ethnographischen Episoden, 
in deren Ausführung die antike Historiographie eine merkwürdige 
Virtuosität erreicht hat. Sie durchziehen räuberisch (latrociniis 
pererrant) alle Wälder und Berge einerseits zwischen den Germanen 



1) Ravennatis anonymi cosmographia , ed. Pinter et Parthey I 
cap. 12 p. 28 

2) Daß die Budineu von den Pontusgriechen nicht weit entfernt waren, 
sieht man bei Herodot aus der genauen Beschreibung ihres Waldlandes 
und ihres physischen Typus mit hellblauen Augen und rötlichem Haar. 
Die einzigen Städte des Binnenlandes werden in ihrem Gebiet genannt: 
Gelouos bei Herodot, Kariskos bei Aristoteles. Über fremdartige Tiere eben 
im Laude der Budinen und Neuren hat Aristoteles genaue Nachrichten. 
Die Völker saßen vielleicht nahe bei der hellenischen Kolonie Tyras, deren 
Nachbarschaft bei Herodot nicht näher beschrieben wird, wie denn das 
ganze Gebiet zwischen Donau und Bug bei ihm unklar bleibt. Die Budinen 
erscheinen bei ihm einigemal fem im Osten, ungefähr an der mittleren 
Wolga, einmal aber als Nachbarn der Neuren. Ptoleraaios kennt die Boj- 
Sivoi am Borysthenes (Dnjepr). 

5* 



68 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

und Sarmaten, anderseits zwischen den Bastarnen in den Ost- 
karpathen und dem pferdelosen, nur mit Bogen und Pfeil bewaffneten, 
in Pelze gehüllten Jägervolk der „Fenni". Im Gegensatz zu den 
nomadischen Reitervölkern der Sarmaten bauen sich die „Veneti*' 
Häuser, kämpfen zu Fuß und führen Schilde als Schutzwaffe. Es 
war also ein großes, kriegerisches, offensives Volk, leicht bewaffnet 
und echnellfüßig fpedum usu ac pernicitate gaudent) ^). Manche 
Züge dieser Schilderung des Tacitus stimmen mit den byzan- 
tinischen Berichten des 6. Jahrhunderts überein. Die Erobe- 
rung von Dazien brachte das römische Reich dem Nordosten 
Europas näher, diese Periode hat aber keine Literaturdenkmäler 
in der Art von Cäsars Gallien oder Tacitus' Germanien hinterlassen. 
Der Alexandriner Geograph Ptolemaios im 2. Jahrhundert kennt 
neben den litauischen Galinden und Sudinen auch die Veneder 
unter den „größten Völkern" (l'dyrj fxeyiora) dieser Gebiete 2). 
Die unter dem Namen der Peutingerscheu Tafel bekannte Kopie 
einer römischen Straßenkarte des 4. Jahrhunderts verzeichnet die 
Venedi an zwei Stellen, unmittelbar nördlich von Dazien und im 
Norden der Donaumündungen. Gering sind die Nachrichten in 
den gotischen Sagen bei Jordanes. In einer Art Völkertafel sind 
bei ihm keine Namen russischer Slawenstämme zu erkennen, höch- 
stens die der finnischen Merier und Mordwinen. Klar ist aber 
dabei die Erinnerung an alte Feindschaft, an Kriege der Goten 
gegen die Slawen und Anten. Es ist möglich, daß die ostgerma- 
nischen Völkerzüge den ersten Beweggrund zum Vordringen der 
Slawen gegen Nordosten und Osten, gegen die Litauer und Finnen 
gegeben haben; sicher hat der Abzug der Germanen vom Pontus, 
aus Dazien und von der mittleren und unteren Donau nach Westen 
den Slawen den Vorstoß gegen Süden erleichtert. Wie weit sich 
die Macht der Hunnen Attilas gegen Norden erstreckte, ist nicht 
bekannt; sie umfaßte einen Teil der Slawen, wenn sie schon damals 
südlich der Karpathen im nördlichen Ungarn und Siebenbürgen 
saßen ^). 

1) Tacitus, GeiTnania cap. 46. 

2) Niederle, Slovausk^ starozitnosti 1, 342 — 434. 

3) Statt Wein tranken die Hunnen nach Priscus den fj.idog; vgl. 
deutsch Met, slaw. medi> Honig und Met, lit. medus Honig, midus Met, 



Die Slawen. 6» 

In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts hatten die Slawen 
im Rücken der Gepiden wahrscheinlich schon Siebenbürgen be- 
setzt, in dessen topographischer Nomenklatur sie so viele Spuren 
hinterlassen haben. Von dort, ebenso wie durch die Moldau, be- 
gannen sie zur unteren Donau vorzudringen, die sie zur Zeit 
des Abzuges der Ostgoten nach Italien wohl schon erreicht 
hatten ^), 

Aus den Berichten des Prokopios, Jordanes, Agathias, Menan- 
dros, Johannes von Ephesos, Theophylaktos Simokattes, aus dem 
früher dem Kaiser Maurikios zugeschriebenen, jedenfalls noch vor 
den Kriegen mit den mohammedanischen Arabern verfaßten strate- 
gischen Werk und aus den Quellen über die Zeit des Heraklios 
läßt sich über die Slawen des Donaugebietes in den Jahren 527 
bis 626 eine Reihe von Nachrichten zusammenstellen. Die Wohn- 
sitze der „Slavinen" umfaßten damals nach Prokopios „den größten 
Teil des anderen Ufers des Istros". Die Anten wohnten nördhch 
und nordwestlich von den pontischen Hunnen, geteilt in zahllose 
Stämme {l'ihrj tcc ^AvtQv aj-isvQa), und reichten im Süden bis zu 
den Donaumündungen. Einige Nachrichten betreffen die Slawen 
jenseits der oberen Donau. Ein Teil der Heruler zog von der 
Donau durch das Gebiet zahlreicher Stämme der Slawen bis zu 
den Warnen und Dänen, um in die skandinavische Heimat zurück- 
zukehren 2). Von Slawen, die hinter den Gepiden und Langobarden, 

osset. mid Honig. Bei Attilas Begräbnis erwähnt Jordanes ein Gelage 
„strava". Altpoln. strawa ,,epulae ferales*': Brückner, Bull, der Krakauer 
Akad. 1904 S. 4—5. Die slaw. Wurzel ist dieselbe, wie im kircbenslaw, 
trov^ verzehre, potrava Speise usw. Nach Sobolevskij, Arch. slav. Phil. 
30 (1909) 474 enthält der Volksname Chyn, Plur. Chynove im altruss. 
Igorlied eine Erinnerung an die Hunnen. 

1) Niederle 2, 99, 147f., IGO, 169 nimmt nach dem Vorgange älterer 
Historiker an, daß die Slawen schon seit dem 2. Jahrb. n. Chr. sporadisch 
an der mittleren Donau saßen. Doch sind die Beweise aus dem Anklang 
von Ortsnamen nicht ausreichend. Seit Safafi'k verweist man z. B. auf den 
Namen Dierna, Tsierna, Tierna oder Zernis bei Orsova an dem jetzt Cerna 
genannten Flusse. Auffallend ist bei den Römern die unsichere Wiedergabe 
des Anlautes durch di, ti, tsi, ze und der Wechsel zwischen ie und e, 
während slaw. cri>ni, cerni, „schwarz" im Mittelalter bei den Byzantinern 
stets als TCtQv-, in Dalmatien Gern-, Cirn- wiedergegeben wird. 

2) Prokopios ed. Haury VI, 15; VII, 14; VIII, 4. 



70 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

jenseits der Theiß und der Donau im Norden und Osten von 
Ungarn saßen, ist die Rede in der Geschichte des langobardischen 
Fürstensohnes Ildigis, einer abenteuernden Gestalt dieser Zeit. Er 
flüchtete sich zu den Warnen, dann zu den Slawen, und kam 
später mit langobardischen Flüchtlingen und zahlreichen Slawen 
zu den Gepiden, mit denen er gegen seine eigenen Landsleute 
kämpfte. Nachher begab er sich zum zweitenmal zu den Slawen 
und wollte von dort mit 6000 Mann zu König Totila ziehen, 
wurde jedoch in Venetien vom römischen Feldherrn Lazar zurück- 
geschlagen und ging zum drittenmal über die Donau in das Slawen- 
land Später war er in Konstantin opel Befehlshaber einer Abteilung 
der Palastgarde des Kaisers Justinian, floh aber zu den Gepiden, 
wo er ermordet wurde ^). Am klarsten kennt Prokopios die Slawen 
im jetzigen Bessarabien, der Moldau und der Walachei. Die In- 
vasionen über die Donau bei Durostorum (Silistria) und bei den 
Kastellen von Scythia i Dobrudza) erstreckten sich bis Adrianopel 2). 
Ein anderer Ubergangspunkt lag in der Landschaft von Vidin. 
Auch im Gebiet der Gepiden, die damals Nachbarn von Singi- 
dunum und Sirmium waren, wird eine von Slawen benutzte Über- 
fuhr über die Donau erwähnt. Unter Kaiser Maurikios (582 — 602) 
erscheinen die Hauptsitze der Slawen am linken Donauufer gegen- 
über den Grenzfestungen Durostorum, Novae (Svistov), Securisca 
(bei Nikopol), Asemus (an der Mündung des Osem) und Palatiolum 
(bei der Iskermündung). Die heutige Walachei jenseits der Donau 
wurde damals das „ Slavenland " , die Slavinia genannt 3). Jor- 
danes, bei welchem sich die Gebiete der Slawen von den Donau- 
mündungen und von den Quellen der Weichsel ., durch unermeß- 
liche Räume" (per immensa spatia) gegen Norden erstrecken, 
betont die große Zahl dieses Volkes (natio populosa; ihre numero- 
sitas, multitudo) *). 

1) Prokopios ed. Haury VII, 35, VIII, 27. 

2) Prokopios de aedif. ed. Bonn. 3 p. 293: die Kastelle Palmatis 
(bei Durostorum) und OvX/ui.twv, nach Jakob Weiß, Mitt. der k. k. geogr. 
Gesellsch. 48 (19(i5) 231 „ vicus ülmetum" der Inschrift CILat. ill 14214 
(26) aus Tschat al-Ormau in der Dobrudza. 

3) Zxlavrji'i,- : Theophy laktos Simokattes ed. De Boor VIII, 
cap. 5, 10 (zum J. 602). 

4) Jordaues ed. Mommsen p. 62—63. 



Die Slawen. 7l 

Von einzelnen Gruppen erscheinen im 6. Jahrhundert nur 
die Anten, die aber nach Prokopios wieder iu zahh'eiche Stämme 
{tdvr]) geteilt waren. Es ist verfehlt, die Stammnaraen als etwas 
Uraltes, Unveränderliches zu betrachten. Bei den Germanen tauchen 
die Franken und Alamannen erst im 3., die Bajoaren erst im 
(j. Jahrhundert auf. Bei den russischen Slawen erscheint ein und 
derselbe Stamm unter drei Namen nacheinander, als Duljebi, 
ßuzane (vom Flusse Bug), zuletzt im heutigen Wolhynien als 
Volynjane. In einigen Fällen ist die Bedeutung klar. Die Drevljane 
in Rußland und an der Elbe sind nach der ältesten russischen 
Chronik „Waldbcwohner" (drevo Holz, Baum). Die Smoljane 
bei den Elbeslawen und in der Rhodope führen ihren Namen vom 
Pech oder Harz (smola). Die Poljane bei Kiew und in Polen sind 
Einwohner von Ebenen (polje). Von Personennamen, von zwei 
Brüdern Radim und Vjatko leitet die russische Chronik die Namen 
der Radimici und Vjatici am damaligen Ostrand Rußlands ab. 
Die Bedeutung anderer Benennungen ist unbekannt, z. B. der 
Duljebi in Westrußland, Böhmen und Pannonien, oder der Chor- 
vaten im böhmischen Riesengebirge, im heutigen Ostgalizien und 
im adriatischen Küstengebiet ^). Dunkel ist, allen neueren Deutungs- 
versuchen zum Trotz, auch der Name der Serben, der in der 
Lausitz und in den Balkanländern wiederkehrt -;. Die bei Kelten, 



1) Im Mittelalter Hrvatin, jelzt serbokroat. Hrvat , Plur. Hrvati. 
Verwandte slaw. Verba und Substantiva gibt es nicht. Das r ist vokalisch, 
daher in kirchenslaw. Orthographie als rT>, bei Fremden als or, ar, ro, 
ri wiedergegeben. Das Volk der Kavpen und das Gebirge der Karpathen 
(s. S. 48) fsteheu lautlich nicht ganz nahe (vgl. Jagic, Arch. slaw. Phil. 
23, fiM-X). . Der Name Hrvatin kommt als Personenname vor, nicht nur unter 
den ältesten Stammt'ürsten des Volkes (A'ow,-i«ro,-, Kon.st. Porph. 3, 143), 
sondern auch im 11.— 15. Jahrh. (Belege in Rjecnik); dazu Kurzform Hrvoje. 
A Pogodin, Epigraph. Spuren des Slawentums, Russkij filolog. vestnik, 
Warscliau 1901 macht auf den Namen Xno .ä&og, Xooovu&og in zwei In- 
schriften vonTatiais aus dem 2.- 3. Jahrh. n. Chr. aufmerksam (Latyschew, 
Inscriptiones antiquae orae septentrionalis Ponti Euxini 2 nro. 430, 445), 
bei Vsevolod Miller als iranisch in der Bedeutung „Sounenbett" (osset. 
chor Sonne) gedeutet, bei Justi (Iranisches Namenbuch S. 172) als „seine, 
zugetane. Freunde habend ". Danach wäre der Name Chorvat ein Personen- 
name iranischen Ursprungs 

2) Der Name lautete auf der Balkanhalbinsel im Mittelalter Srblin, 



73 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

Germanen und Slawen oft vorkommende Wiederholung desselben 
Stammnamens in verschiedenen Landschaften führte zur Auf- 
stellung von zwei Theorien. Die eine, vertreten von Safafik und 
Müllenhoff, nimmt einen genetischen Zusammenhang der gleich- 
namigen Stämme an. Die andere, ausgesprochen von Zeuß, meint, 
daß auch untereinander nicht verwandte Sippschaften gleiche Namen 
tragen konnten, wie denn auch verschiedene Personen denselben 
Namen führen ^). Die Beispiele aus den slawischen Ländern geben 
der letzteren Anschauung recht. Die weit voneinander wohnen- 
den gleichnamigen Stämme gehören sprachlich ganz verschiedenen 
Zweigen an. Während z. B. das Serbische in Serbien zur süd- 
slawischen Gruppe gehört, hat die Sprache der Lausitzer Serben 
eine Mittelstellung zwischen Polabisch, Polnisch und Böhmisch. 

Die Verfassung der Slawen im 6. Jahrhundert erinnert an 
die der westlichen Germanen vor den Völkerwanderungen in den 
Schilderungen des Tacitus : viele kleine Stämme , gruppiert nach 
Geschlechtern (familiae et propinquitatesj , mit erblichen Königen 
oder Fürsten ohne große Macht, die nur in kleineren Angelegen- 
heiten verfügen dürfen, während über die wichtigen Fragen die 
Volksversammlung entscheidet. Nur bei den Ostgermanen hatten 
die Könige schon damals mehr Autorität, wie sie denn auch im 
Zeitalter der Völkerwanderungen die Führer der Völker sind. Die 
Slawen und Anten werden nach Prokopios nicht von einem Manne 
beherrscht, sondern leben seit alter Zeit in Demokratie, wobei sie 
die wichtigsten und schwierigsten Angelegenheiten gemeinsam be- 
raten. In den legendären Mirabilien des in derselben Zeit schrei- 



Plur. Srbli, mitunter auch, wie jetzt, ohne 1: Srbin, Srbi; in der Lausitz 
Serb , Adj. serbski , serski. Das vokalische r wird im Süden nach der 
kirchenslaw. Regel ri> geschrieben, von Fremden er; auch im Norden als 
or, ur, ri, Surbi, Sorabi, Sorben u. a. Als Personenname war der Name 
nicht gebräuchlich. Die Wurzel serb erscheint: 1) im poln. und russ. 
paserb, pasierb Stiefsohn, pasierbica Stieftochter; 2) im kirchenslaw. sr^tbati 
schlürfen, das dem lat. sorbei'e entspricht. Von lat. Schriftgelehrten des 
Mittelalters stammt die Zusammenstellung mit lat. servi: Konst. Porph, 
3, 152 (JoiAot), Wilhelm von Tyrus XX, 4, Arnold von Lübeck 1,3. 
1) Safafik, Slaw. Altertümer, besonders § 45. Zeuß, Die Deutschen 
186 Anm. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2, 259, 268 u. a. Vgl. 
Brückner: Arch. slaw. Phil. 22 (1900) 238, 246. 



Die Slawen. 73 

benden Pseudo - Cäsarius sind die Slawen jenseits der Donau 
„autonom" und ,, fuhrerlos" ^). Indessen erwähnt die Gotensage 
bei Jordanes bereits im 4. Jahrhundert einen König der Anten 
(rex Boz) mit 70 Vornehmen (primates), welcher vom Gotenkönig 
Vinitharius besiegt wurde -). Die späteren Nachrichten lassen klar 
die erblichen Stammeshäupter hervortreten, deren Autorität während 
der Offensive gegen die Byzantiner wohl im ^\'achsen war. Bei 
Menandros erscheinen (um 560) in einem genealogischen Zusammen- 
hang genannte, also erbliche Fürsten (aQyovTeg) der Anten als eine 
Art Volksrat, welcher den Mezamir, Sohn des Idarizios und Bruder 
des Kelagastos, als Gesandten aus seiner Mitte zu den Awaren ent- 
sendet. Ebenso bildeten bei den „Slavinen" die Fürsten {rjyEi,{öveg) 
einen solchen Rat, mit dem Dobr^ta an der Spitze ^). In der Zeit 
des Kaisers Maurikios werden bei Theophylaktos Simokattes in 
der jetzigen Walachei drei Gaufürsten (cfvXaQxoi) oder Könige 
(?'/^) genannt. Der Verfasser der Strategica schildert die Slawen 
an der Donau als zahlreiche uneinige Stämme, unter vielen unter- 
einander nicht im Einvernehmen lebenden Königen (Qtjyeg). Die 
Könige an der Grenze sind nach den Ratschlägen dieses Buches 
durch Geschenke und gute Worte zu gewinnen; für das römische 
Reich wäre das gefährlichste eine Vereinigung oder Monarchie bei 
diesen Völkern {sviooig rj fxovaqyja). Ebenso kennt die St. De- 
metriuslegende von Thessalonich (600 — 800) Könige oder Fürsten 
(^Qfjyeg, äoyovreg) der einzelnen Slawenstämme der Nachbarschaft. 
Kaiser Konstantin Porphyrogennetos erwähnt bei den Slawen im 
adriatischen Gebiet (um 950) Fürstengeschlechter, deren traditio- 
nelle Genealogie viele Jahrhunderte zurückreichte Die ältesten 
einheimischen Bezeichnungen der Fürsten und Anführer waren: 
vladika*) (von vlad-, vlasti agyeiv), ursprünglich Herrscher, be- 
deutete später altserbisch eine Edelfrau, in der Neuzeit einen Bischof; 
celnik (eelo Stirne); nacelnik; vojevoda, welches wörtlich 



1) Müllenhoff: Arch. slaw. Phil. 1 (1876) 294. 

2) Jordanes ed. Mommsen p. 121. 

3) Menandros frag. 6 und 48. 

4) Mit Vladika wird in der Vita des hl. Konstantin (Cyrillus) der byz. 
Kaiser und der arabische Kalif bezeichnet. In der Evangelienübersetzung 
ist es für ^tan6rr]Q (auch Gott) und ^yfiiojv gesetzt. 



74 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

dem acQaxiqyoQ, Heerführer, entspricht ; g o s p o d i n oder gospodar, 
Herr. Germanischen Ursprungs ist das bei den Bulgaren, Russen 
u. a. seit dem 9. Jahrhundert vorkommende Kxn^zt (russ. knjaz, 
gerb, knez), von König (altnord. konungr). Dunkel ist das un- 
gefähr seit derselben Zeit bekannte zupan Gaufiirst, Vorstand, 
Beherrscher oder Verwalter eines Bezirkes, neben zupa Gau, 
Landschaft ^). 

Die Slawen erscheinen in den Nachrichten als ein freiheits- 
liebendes, trotziges und übermütiges Volk. Bei Menandros spricht 
der Vertreter der Anten vor dem Awarenchagan stolz und heraus- 
fordernd. Ebenso antworten bei demselben Geschichtschroiber die 
Anführer der Slawen den Gesandten der Awaren, welche Unter- 
werfung und Tribut verlangen: „Wer von den Leuten, welche 
von den Strahlen der Sonne erwärmt werden, ist derart beschaffen, 
daß vY unsere Macht sich unterwerfen könnte? Wir sind ge- 
wohnt über andere zu herrschen und nicht andere über uns." 
Auch die Strategica schildern die Slawen und Anten als freie 
Völker, die man nicht überreden könne, sich zu unterwerfen. Ver- 
träge mit ihnen zu schließen sei nutzlos, wegen der verschiedenen 
Meinungen, die bei ihnen einander widerstreiten; durch Furcht 
sei mehr zu erreichen, als durch Geschenke. Die Existenz von 
Sippschaften ist klar bezeugt von Jordanes, welcher die „per 
varias familias et loca" wechselnden Namen der einzelnen Gruppen 
der „Sclaveni^* und Anten erwähnt. Das Bestehen solcher Gentil- 
verbände ist vorauszusetzen auch bei der Sitte der Blutrache, über 
welche die Strategica berichten. Fremde werden freundlich von 
einem Ort zum andern begleitet; wenn dem Gast ein Leid ge- 
schieht, beginnt der letzte Gastfreuud den Kampf (jiokeuov '/uveI), 
um ihn zu rächen, was mit den Regeln der heutigen südslawischen 
und albanesischen Blutrache ganz übereinstimmt ^). Gefangene 
werden nicht für immer in Sklaverei behalten, sondern können 

1) Auf einem Grabstein der heidnischen Bulgaren um 820: 'O/ffor'vö? 
6 Covnär TaoxHvog bei Uspenskij, Izvestija arch. inst. 6 (1900) 216 und 
10 (1905) 198. Subang' als Stellvertreter des Slaweukönigs auch bei den 
Arabern: Marquart, Osteurop. und ostasiat. Streifzüge 468. 

2) Miklosich, Die Blutrache bei den Slawen (Denkschr. W. Akad- 
Bd. 36) S. 39. 



Die Slawen. 75 

nach einer bestimmten Zeit heimkehren oder ira Slawenlande als 
freie Freunde zurückbleiben ; der letztere Fall beförderte die Ver- 
mischung des Volkes mit fremden Elementen. Nach einer Notiz 
bei Theophylaktos Simokattes reisten die Gesandten der Slawen 
unbewaffnet, mit Musikinstrumenten (yu'f-ccQai) ^). 

Prokopios schildert die Slawen als hochgewachsene, starke 
Männer. Ihre Hautlarbe und ihr Haar sei weder schwarz noch 
blond, sondern rötlich {vrteQv&QOv)-), ihre Lebensweise rauh und 
vernachlässigt, voll Schmutz. Nach den Strategica ertrugen sie 
mit Leichtigkeit Hitze, Kälte und Regen, Blöße des Leibes und 
Mangel an Lebensmitteln, besser als die Franken, Langobarden 
und andere blonde Völker (^av,'/« l'^frij). Ihre Wohnungen waren 
nach Prokopios elende, weit voneinander zerstreute Hütten, deren 
Platz oft gewechselt wurde, wahrscheinlich Lehm- und Holzbauten. 
Die Nachricht erinnert an die Schilderung der Behausungen der 
Germanen bei Tacitus, wo jedes Haus für sich allein bei Quellen, 
V/ä!dern und Feldern stand. Alle diese Nordeuropäer hatten über- 
haupt einen Widerwillen gegen die dichtgedrängten stadtartigen 
Dörfer, wie sie bei den Griechen und Römern üblich waren. Nach 
den Strategica hatte bei den Slawen jedes Haus zahlreiche Aus- 
gänge; alles Wertvolle war vergraben und verborgen. Nach Jor- 
danes dienten ihnen Wälder und Sümpfe als Burgen Aucli nach 
Menandros war dichter Wald ihre Festung, in der Nälie der 
Dörfer und Felder. Die Strategica rühmen den Reichtum an 
Tieren, Korn und Hirse, ein Zeugnis für Ackerbau neben der 
Viehzucht. Sonst sei aber das Land der Slawen unwegsam, voll 

1) Theophylaktos Simokattes VI, 2 (im J. 591). Die Erzählung, 
daß im fernen Slawenlande ungetrübtes Leben ohne Kenntnis drs Eisens 
herrsche und daß dort die Musikinstrumente {kv^jai) die Kriegstrompeten 
vertreten, erinnert an die literarischen Sagen über friedliche Menschen am 
Rande der Welt: die Hyperboräer des Herodot, Ästier des Tacitus u. a. 
Nach Jagic im Rad 37 (1876) 55 konnten diese als Musiker verkleideten 
Gesandten auch — Kundschafter gewesen sein. 

2) Eine „hellbraune Haarfarbe mit einem Stich ins Rötliche" nimmt 
als ältesten Typus der Slawen auf Grund der griechischen und arabischen 
Berichte und neuerer anthropologischen Untersuchungen Niederle an: Zur 
Frage über den Ursprung der Slawen, Prag 1899, 3f. ; Slov. starozitnosti 
1, 97. 



76 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

Wälder und Gewässer. Die Dörfer liegen meist längs der Fluß- 
läufe, wenig voneinander entfernt. Bei dem Angriff auf die ersten 
Ansiedlungen flieht alles in die Wälder und Sümpfe, macht Aus- 
fälle aus dem Dickicht und lockt den Feind hinein, wie in eine 
Falle. Deshalb sei es leichter, im Winter mit ihnen Krieg zu 
führen; da seien die Gewässer zugefroren, der Wald laublos, und 
der Schnee verrate jede Spur. Diesen Vorzug der Winterfeldzüge 
kannte man im Mittelalter ebensogut in Rußland und Litauen, wie 
in den Hämusländern, noch in den Zeiten der Kaiser Basilios IL 
und Manuel Komnenos. Aber der Verfasser der Strategica rät, 
auch den Sommer nicht unbenutzt zu lassen, da die Dichtigkeit 
der Laubwälder den römischen Gefangenen im Slawenlande die 
Flucht erleichtere. Zu operieren sei mit leichtbewaffneten Reitern 
und Fußgängern, mit Pfeilen und Wurfgeschossen, durch rasch 
in aller Stille ausgeführte Märsche und Überfälle in getrennten 
Kolonnen. 

Über die religiösen Anschauungen der Slawen weiß Prokopios, 
daß sie einen Gott, Herrn des Donners und des Weltalls, verehrten, 
dem Ochsen und andere Opfer dargebracht wurden. Daneben 
verehrten sie Flußgötter, Nymphen und andere Dämonen. Idole 
werden nicht erwähnt. Es war ein einfaches Heidentum, wie das 
der Kreter oder Römer in der ältesten Zeit. Nach den Stra- 
tegica töteten sich die Witwen nach dem Ableben des Mannes. 
Der König Musokios wurde, wie Theophylaktos erzählt, bei 
einem Totenmahl für seinen Bruder, berauscht vom Wein, in 
der Nacht von oströmischen Truppen überfallen und gefangen ge- 
nommen. 

Räuberei und Krieg waren alltäglich. Slawen und Anten 
kämpften nicht nur gegen Fremde, sondern auch gegeneinander. 
Die Slawenheere waren nach dem Geschichtschreiber Justinians, 
ebenso wie es schon Tacitus hervorhebt, zu Fuß. Prokopios 
schildert auch die damaligen Franken als Fußvolk, bei welchem 
nur die Könige mit Gefolge zu Pferde saßen, in einer Zeit, wo im 
römischen Kriegswesen die Reiterei schon lange den Vorrang hatte. 
Ebenso bestand das Heer der Russen bei Silistria (971) nach Leon 
Diakonos nur aus Fußvolk. Gegen diese Fußgänger war die 
heranstürmende Kavallerie der Hunnen, Awaren und anderer No- 



Die Slawen. 77 

madenvölker im offenen Felde stets im Vorteil Nach Prokopios 
trugen die Slawen keine Panzer; ihre Bewaffnung bestand aus 
Lanze und Schild, oder aus zwei kleinen Wurfspießen, die auch 
Johannes von Ephesos kennt. Der hölzerne Bogen ist in den 
Strategica die Hauptwaffe, mit kleinen vergifteten Pfeilen, die man 
in den Balkan ländern noch im späten Mittelalter kannte. Nach 
Prokopios, Johannes von Ephesos und den Strategica kämpften 
die Slawen ungern im offenen Felde, am liebsten in unebenem 
Terrain hinter Felsen und Bäumen, in Wäldern und Engpässen, 
geübt in Überraschungen aller Art, in nächtlichen Überfällen und 
als gute Schwimmer gewandt im Kampfe in Gewässern und 
Sümpfen. Bald aber lernten sie auch gemauerte Kastelle zu neh- 
men und Stadtmauern mit Leitern zu stürmen, nach einem Hagel 
von Geschossen. 

Aus der Heimat brachten die Slawen eine große Übung in 
der Flußschiffahrt mit sich, die in den Ebenen von Rußland und 
Polen stets eine große Bedeutung besaß. Auf den Nebenflüssen 
der Donau in der jetzigen Walachei hatten sie nach Theophylaktos 
oft an 150 Boote oder „Einbäumler^' (Monoxylen) beisammen, 
gegen welche auch die oströmischen Flußflotten von der Donau 
aus operierten ^). Den Awaren bauten die Slawen Schiffe zum 
Übergang über die Donau und die Save bei Sirmium , neben 
italienischen Schiffbaumeistern, welche der Langobardenkönig da- 
mals dem Chagan gesendet hatte -). Die Flußschiffahrt erleichterte 
den Übergang zur Seeschiffahrt, ebenso wie die heidnischen Russen 
des 9. und 10. Jahrhunderts und die Kosaken des 17. mit ihren 
Flußbooten das Schwarze Meer besuchen konnten. Ein Augen- 
zeuge des Angriffes auf Konstantinopel (626) schreibt, die Slawen 
hätten, seitdem sie mit den Römern in Berührung gekommen seien, 
viel Erfahrung gewonnen im Befahren des Meeres ^). 



1) Es sind die Flüsse des heutigen Rumäniens; die Zuflüsse des 
rechten Donauufers , von der Morava und dem unteren Timok abwärts, 
eigneten sich wegen ibres starken Gefälles und ihres seichten Wassers nie 
zur Schiffahrt. 

2) Theophylaktos VI, 3—4. Paulus Diaconus IV, 20. 

3) Theodoros Synkellos, ed. A. Mai, Novae patrum bibl. t. 6, 
430; ed. L. Sternbach, Rozprawy der Krakauer Akad. Bd. 30 (1900) 307. 



78 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

Bei dem Verfall der römischen Grenztruppen war es den 
Slawen leicht, das Beispiel der Germanen und Hunnen nachzuahmen, 
die Provinzen zu plündern und Städter und Bauern mit ihren 
Familien in die Gefangenschaft wegzuliihren. Von ihren Grau- 
samkeiten erzählt Prokopios, wie sie die Gefangenen, welche 
sie nicht mitschleppen konnten, samt Ochsen und Schafen in 
den Häusern verbrannten. Andere Römer wurden auf spitzen 
Pflöcken gepfählt, oder zwischen vier Plählen angebunden und 
mit Keulen wie Hunde oder Schlangen totgeschlagen. Alle 
Wege von Illyricum und Thrakien waren nach diesen Raub- 
zügen voll nicht begrabener Leichen. Ein gefangener römischer 
Reiteroffizier Asbad wurde von den Slawen geschunden und ver- 
brannt (549j 1). 

Das Verhältnis der Slawen zu den Stämmen der pontischen 
Hunnen ist weuig bekannt. Gemeinschaftliche Züge konnten sie 
nicht unternehmen, da die Hunnen als Reiter rasch das ofi*ene 
Land, meist im Winter, durchzogen, wo sie über die gefrorene 
Donau leicht hinüberkamen, die Slawen aber als Fußvolk lang- 
samer vorrückten und sich im Sommer an die Wälder halten 
mußten, bevor ihr Laub wieder abfiel. Die Verwirrung, welche 
die Züge der einen verursachten, nützte allerdings auch den Unter- 
nehmungen der anderen. Die Anten waren Feinde der Hunnen, 
Justinian siedelte sie als Grenzwache gegen die Hunnen an. Die 
hunnischen Kutriguren stachelten die Awaren gegen die Anten auf. 
Mit den Römern hatten die Anten Bündnisse, sowohl unter Justi- 
nian, als unter Justin H. und Maurikios. Auch mit den Ge- 
piden waren die Slawen nach den Berichten des Prokopios be- 
freundet -). 

Als Söldner dienten slawische Scharen nicht nur bei dem 
langobardischen Prinzen Ildigis, sondern auch bei den Römern. 
Es waren angeworbene Truppen unter einheimischen Führern oder 
Flüchtlinge, wie sie die Strategica erwähnen, durch die zahlreichen 



1) Prokopios VIT, 38 (Menschenopfer?). 

2) Anten, Römer und Hunnen: Prokopios VII, 14, 33; Menan- 
d r o s frag. 6 ; ein syrischer Bericht bei M a r q u a r t a. a. 0. s. unten ; 
Theophylaktos VIII, 5, 13. 



Die Slawen. 79 

Stammfehden und die Blutrache zum Übertritt auf römisches Ge- 
biet bewogen. In diesen Zeiten kam oft auch der Fall vor, daß 
man Gefangene in ferne Provinzen als Soldaten sendete. Bei der 
ersten Belagerung Roms wurden die Feldherren Martinus und 
Valerianus nach Italien gesendet, mit 1600 Reitern, meist Hunnen, 
Slawinen und Anten (538). Bei dem zweiten Feldzug Beiisars 
in Italien operierte eine in dem Kleinkrieg geübte Schar von 
300 Anten in Lukanien (547) ^). Auf dem persischen Kriegs- 
schauplatz in Lazica (549 — 556) erwähnt Agathias einen Anten 
Dabragezas als Unterfeldherrn (Taxiarchen) in den Reitergefechten 
und bei den SchifFsoperationen gegen die Perser am Phasis (sein 
Sohn heißt schon Leontiosj und einen Slawen Svarun in den 
Kämpfen gegen die kaukasischen Misimianen -). Auch unter 
Kaiser Maurikios wird bei Theophylaktos ein Slawe Tatimir als 
Befehlshaber einer römischen Abteilung an der Donau genannt. 
Diese Söldner unter den Fahnen von Byzanz waren wohl die 
ersten Christen unter den Slawen; Heiden duldete man im kaiser- 
lichen Heere nicht mehr. Aus dieser Zeit stammen wahrscheinlich 
die ersten Anfänge der slawischen Terminologie für die Begriffe 
des Christentums, in welcher z. B. mit dem Namen Christi nicht 
nur die Christen, sondern auch das Kreuz (serb. krst) und die 
Taufe (serb. krstiti) bezeichnet wurden. Durch den Verkehr mit 
den Donaurömern und den Byzantinern beginnt bei den Südslawen 
die Aufnahme zahlreicher romanischer und griechischer Fremd- 
wörter. Die Berührung mit den Romanen war in der älteren 
Zeit intensiver, als die mit den Griechen. Die Slawen bezeichneten 
die Byzantiner nur selten als Römer (Rumi), wie sich die Ost- 
römer selbst nannten {' Pio^ialot) oder wie sie von den Persern, 
Arabern und Türken genannt wurden (Rum, Urum), sondern meist 
als Griechen (Grk, Grein), ganz nach dem romanischen Sprach- 
gebrauch (rum. und alb. Grek). Der Kaiser, spätlateinisch caesar, 
hieß auch bei den Slawen cesar, wie noch in der kirchen- 
ölawipchen Evangelienübersetzung und anderen älteren Schriften 
zu lesen ist, bei den Kroaten heute noch cesar, cesar, im Osten 



1) Prokopios V, 27; VI, 2G ; VII, 22. 

2) Agathias III, 7, 21; IV, 20. 



80 Zweites Buch. Erstes Kapitel. 

schon im Mittelalter infolge der Betonung der Endsilbe kontrahiert 
zu CBsar, car. Die Kaiäerstadt Konstantinopel nannte man sla- 
wisch Cesar' grad (caesaris civitas), später Car' grad, serbisch 
jetzt Carigrad i). 



1) Vgl, meine Rom. Dalm. 1, 36; 3, 73; Arch. slav. Phil. 81 
(1910) 450. 



Zweites Kapitel. 

Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer^). 

Von Invasionen der Slawen über die Donau ist zuerst die 
Rede unter Kaiser Justin I, (518 — 527), noch mehr seit dem 
Regierungsantritt des Kaisers Justinian (August 527). Die Ge- 
schichte der älteren Einfälle 518 — 552 ist nur aus zusammen- 
hangslosen Episoden in den Kriegsgeschichten des Prokopios be- 
kannt Unter Justin I. zog ein großes Heer der Anten über die 
Donau, wurde aber von Justinians Neffen Germanus vollständig 
geschlagen '^). Von Justinian bis Heraklios führten die Kaiser 
den Titel „Anticus"; der Name der „Slavinen" erscheint dagegen 
nirgends in den Triumphaltiteln ^). Gegen die Slawen kämpfte 
unter Justinian der Feldherr Chilbudios drei Jahre mit Glück, 
durch offensive Operationen jenseits der Donau, bis er mit einer 
Übermacht zusammenstieß und im Kampfe fiel. Darauf besiegten 
die „Slavinen" auch ihre Nachbarn, die Anten. Der Kaiser bot 



1) Literatur: E. Dumm 1er, Über die älteste Geschichte der Slawen 
in Dalmatien 549—928: SB.W.Akad. 20 (1856). ß. Roesler, Über den 
Zeitpunkt der slaw. Ansiedlung an der unteren Donau: eb. 73 (1873). 
M. Drinov, Die Besiedelung der Balkanhalbiusel durch die Slawen, russ. : 
Ctenija der bist Ges. in Moskau 1872 Heft 4. Dazu die oben erwähnten 
Werke von Stanojevic, Niederle u. a. 

2) Prokopios ed. Haury VII, 40. Alle Kodizes haben YoranVo?, 
alle Editionen von Maltretus bis Haury die Emendation ^lovoTivtavög. 
Vgl. Niederle: Cesky casopis historicky 11 (1905) 137, ebenso Slov. sta- 
rozitnosti 2, 191 f. 

3) Justinians Novellen ed. Zachariae 1 p. 137; Ins graecorom. 
3, 13, 34; Chron. Paschale 1 p. 636; Gasquet, L'empire byz. et la mon- 
archie franque (Paris 1888) 199 A. 5 (Maurikios). 

Jirecek, Geschictit'i der Serben, I. 6 



83 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

den Anten die verödete Burg Turris an, eine Gründung Trajans, 
vielleicht das römische Dinogetia am linken Donauufer bei Ga- 
latz, mit der Verpflichtung, die Grenze gegen die Hunnen zu 
bewachen. Die Anten wollten den angeblich noch in der Ge- 
fangenschaft lebenden Chilbudios zum Befehlshaber der Ansied- 
lung Seine Rolle spielte ein Ante, welcher auch Lateinisch kannte 
{ytativtov (fO)vrj) und von einem römischen Gefangenen zu dieser 
Rolle angestiftet worden war, aber schon auf dem Wege nach 
Konstantinopel wurde er von Narses entlarvt und in Ketten in 
die Hauptstadt gesendet. Von Feindseligkeiten der Anten gegen 
die Römer ist bei Prokopios keine Rede mehr. 

Die Angriffe der Slawen verstärkten sich nach 548. Pro- 
kopios weiß nicht, ob sie von selbst kamen, infolge des Mißerfolges 
der Heere Justiaians in Italien, oder ob sie der Gotenkönig Totila 
dazu aufgefordert hat. Ein großes Heer, das auch Burgen ein- 
nahm , plünderte die illyrischen Provinzen bis in die Nähe von 
Dyrrhachion; die Befehlshaber von lllyricum wagten mit ihren 
15 000 Mann Lokaltruppen keinen Angriff und beobachteten den 
Feind nur aas der Ferne (548). Im folgenden Jahre zogen 3000 
Slawen über die Donau, Hämus und Hebros, schlugen kleinere 
römische Abteilungen, erstürmten die Stadt Topiros am Nestos im 
Küstengebiet unter der Rhodope und kehrten mit einer Menge von 
Gefangeneu zurück (549). Als Germanus in Serdica eine neue 
Armee zum Zug nach Italien sammelte, erschien ein Slawenheer, 
größer als alle früheren, bei Naissus, mit der Absicht, Thessalonich 
und die benachbarten Städte zu belagern. Germanus erhielt vom 
Kaiser den Befehl, für die Sicherheit von Thessalonich zu sorgen 
und den Feind zu vertreiben. Die Slawen gaben den Marsch 
nach Süden auf, wagten sich nicht in die Ebene, durchzogen aber 
dafür alle Bergländer lUyricums bis nach Dalraatia hinein. Als 
Germanus im Herbst 550 starb und sein Heer in das Winterlager 
nach Salona abzog, verstärkten sich die Slawen durch neue Scharen 
und überwinterten (550 — 551) auf römischem Boden „wie im 
eigenen Lande". Justinian sendete gegen sie den Eunuchen Schola- 
stikos mit fünf Unterfeldherren, doch die Römer erlitten in der 
Nähe von Adrianopel bei einem übereilten Angriff auf den in 
einer höheren Stellung gelagerten Feind eine empfindliche Nieder- 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 83 

läge. Die Slawen plünderten sodann auch im Osten Thrakiens 
bis zur Großen Mauer und wurden erst auf dem Rückweg von 
römischen Truppen teilweise zersprengt (551). Noch kurz vor 
dem Siege des Narses in Italien (552) beunruhigte ein slawisches 
Heer die Landschaften von Illyricum. Justinus und Justinianus, 
die Söhne des Germanus, versuchten mit ihren schwachen Truppen 
keine Schlacht und konnten den Feind auch an der Rückkehr 
über die Donau nicht hindern; die Slawen wurden samt ihrer 
Beute von den Gepiden hinübergeführt, wobei sie angeblich ein 
Goldstück für jeden Kopf zahlten. 

Im Osten tauchte bald ein neues türkisches Nomadeuvolk 
auf, das langsam zur mittleren Donau vorrückte, die A waren, 
slawisch Obri (Sing. Obrin) genannt. Das Wort avar bedeutet 
türkisch (auch osmanisch) heute noch einen Flüchtling oder Vaga- 
bunden. Die Awaren wurden von den damals mächtigen Westtürken 
Turkestans geschlagen und zum Azowschen Meer vertrieben. In 
der pontischen Steppe brachen sie die Macht der Hunnen und 
verheerten das benachbarte Land der Anten. Im Jahre 558 kamen 
ihre Gesandten zuerst nach Konstantinopel, den Hunnen ähnliche, 
häßliche Leute mit langen Zöpfen, welche ihr Volk als das größte 
und stärkste der Welt vorstellten. Die Langobarden verbündeten 
sich mit ihnen gegen die Gepiden, indem sie ihnen die Hälfte der 
Beute und das ganze Gepidenland versprachen. Die Gepiden 
wurden vollständig geschlagen und ihr Königreich für immer ver- 
nichtet (567). Die Langobarden zogen ab nach Italien. Die Awaren 
ließen sich in denselben Ebenen nieder, in welchen vor etwas mehr 
als einem Jahrhundert Attila seine Residenz hatte. Ihr Herrscher 
führte, wie bei den Chazaren und anderen türkischen Völkern, den 
Titel Chagan. Sein Tron, ein goldener Stuhl, wurde ebenso wie bei 
den innerasiatischen Türken auf Feldzügen mitgeführt ^). Der 
Ruhm der awarischen Geschichte knüpft sich an drei Chagane. 
Der erste war der bei Menandros oft genannte Bajan , der die 
Awaren zur mittleren Donau geführt hatte, der Eroberer von 
Sirmium. Der zweite, der Gegner des Maurikios, war Bajans 
älterer Sohn unbekannten Namens. Der dritte, dessen Namen wir 



1) Menandros frag. 65, vgl. frag. 20. 

6* 



84 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

ebenfalls nicht kennen, war der Gegner des Heraklios, ein jüngerer 
Sohn Bajans; nach Fredegars Chronik starb er um 630 ^). Der 
große Harem des Chagans begleitete seinen Herrn in den Fuhr- 
werken des Nomadenlagers; die Hauptfrau hieß, wie bei den 
Cha^aren, Chatun (türk. chatun vornehme Frau, daraus neuserb. 
kaduna türkische Frau). Hohe Würdenträger waren die iu frän- 
kischen Quellen genannten Jugur und Capeanus (y.auyarog der 
Bulgaren). Der Adel des Volkes waren die Tudune und Tarchane, 
die beide auch bei den Chazaren bekannt sind -) Die Byzantiner 
geben keine Beschreibung der awarischen Residenz; erst späte 
fränkische Berichte schildern den Wohnsitz der Awaren als neun 
große kreisförmige Gehege, Umzäunungen oder Wälle (hringus, 
circuli). Bestattet wurden die Awaren nach den archäologischen 
Untersuchungen von Hampel mit Pferd, Zügeln und Steigbügeln, 
Waffen, Schmuck und byzantinischen Münzen des 6. — 7. Jahr- 
hunderts. Zahlreich waren die unterworfenen Völker. Mitgebracht 
haben die Awaren aus der Pontussteppe Teile v^erwandter Nomaden- 
völker, besonders die oft als Bulgaren bezeichneten Kutriguren, 
Während der Kämpfe um Sirmium sendete der Chagan einmal 
10 000 Kutriguren über die Save, um die Provinz Dalmatia zu 
plündern. Reste der Gepiden wohnten in Dörfern an der Theiß 
und Donau; sie werden in der Zeit des Maurikios und Heraklios 
genannt, und ihre letzten Spuren reichen bis in das 9. Jahrhundert ^). 
Slawen werden in Pannonien in der Nähe von Sirmium und Singi- 
dunum erwähnt, ebenso an der unteren Theiß. Dazu kamen große 
Scharen von Gefangenen, Griechen, Donaurömer, Langobarden 
u. a. Das Awarenheer, ein Reiterheer, das, wie Älenandros be- 



1) Theodoros Synkellos §3 (Mai, Nova patr. bibl. G, 424— 425- 
ed. Sternbach p. 301). 

2) Cacauus, catuna mulier, tarcani primates: Carmen de Pippini regis 
victoria avarica (79(3) in den Beilagen bei Einhard ed. Peitz ^p. 35. 
Tudun: Zeuß, Die Deutschen 739. Tarebau bei den Chazaren: Ibn 
Khordädhbeh, Bibl. geogr. arab. 6, 125. 

3) Teile der Gepiden „usque hodie, Hunnis eorum patriam possiden- 
tibus, duro imperio subjecti gemunt'': Paulus Diaconus I, 27. „De 
Gepidis autem quidam adhuc ibi resident" (in Panuonien) : De conver.sione 
Bagoariorum et Carantanorum libellus (um 873), cap. 6. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 85 

richtet, unter Klängen von Trommeln in die Schlacht zog, hielt 
sich vorsichtig in der Ebene. In den Feldzügen gegen Kaiser 
Maurikios zog der Chagan nie auf dem geraden Wege durch das 
Gebirge, über Naissus und Serdica, sondern stets längs der Donau 
bis in die Steppen der Dobrudza und erst von dort über das 
niedrige Ostende des Hämus in die thrakische Ebene. Nach den 
Strategica waren die awarischen Reiter gekleidet in Panzer, be- 
waffnet mit Lanze, Schwert, Bogen und Pfeil. Eine Menge von 
Reservepferden begleitete das Heer. Am liebsten kämpften die 
Awaren durch verstellte Flucht oder durch Überfall aus einem 
Hinterhalt, am schlechtesten in offenem Gelände ohne Wald, Sumpf 
oder Schluchten. Zu Pferde aufgewachsen und zu Fuß ungeübt, 
vermochten sie nicht abzusitzen und gegen eine gutgeführte In- 
fanterie zu kämpfen ^). Vor Konstantinopel 626 bildeten nach 
Theodor Synkellos die erste Schlachtreihe des Awarenheeres Slawen 
zu Fuß ohne Panzer; solche slawische Plänkler vor der Aufstellung 
der Awaren, welche die Schlacht zu eröffnen pflegten, kennt auch 
Fredegar. In den Beziehungen zu anderen Völkern galten die 
Awaren als geldgierig und treulos. Ihr Traum, Konstantinopel 
auszuplündern und in unbewohnte Ruinen zu verwandeln, ging 
nicht in Erfüllung. Aus den erbeuteten Kirchengewändern machten 
sie Prachtkleider für ihre Weiber ^). Noch die Franken Karls des 
Großen erbeuteten in der Residenz des Chagans gewaltige Schätze 
von Gold und Silber. Verträge und Eide zu halten war nicht 
awarische Sitte. Gesandte der Anten töteten sie, Gesandte der 
Römer hielten sie gefangen. Bajan schwor vor Seth, dem Befehls- 
haber von Singidunum, er werde gegen die Römer nichts unter- 
nehmen, zuerst nach awarischer Art über dem Schwerte, dann 
nach römischer Art beim Evangelium, und ging sofort an die 
Belagerung der Römerstadt Sirmium. Vergeblich waren alle feier- 
lichen Abmachungen des Kaisers Heraklios mit den Awaren. Es 
gibt in der Geschichte kaum ein Volk, das allen Nachbarn in 
solchem Maße verhaßt war. Die Chronik des sogenannten Fre- 
degar berichtet, wie sie alljährlich zu den Wenden in die Winter- 



1) Strategica XI, 3 ed. Scheffer p. 260 sq. 

2) Marquart, Osteurop. Streifzüge 484. Carmen a. a. 0. v. 13 sq. 



86 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

quartiere kamen und sich die Zeit mit deren Frauen vertrieben, 
bis sich die Wenden gegen ihre Bedrücker erhoben und sie nieder- 
machten. Die älteste russisciie Chronik verzeichnet eine Sage, 
wie die A waren die Duljebi (am Bug) bedrückten. Wenn ein 
Aware ausfahren wollte, habe er vor dem Wagen nicht Pferde 
oder Ochsen eingespannt, sondern drei bis fünf Frauen der Dul- 
jebi. Aber zuletzt sei dieses hoffärtige Volk von Gott ganz auf- 
gerieben worden, wie es denn in Rußland noch in der Zeit des 
Annalisten (um 1100) ein Sprichwort gab: „Sie gingen zugrunde 
wie die Awaren." 

Die ersten Kämpfe zwischen den Römern und Awaren hatten 
die römischen Grenzfestungen Sirmium und Singidunum zum G en- 
stand, welche schon längere Zeit ein unsicherer Besitz a der 
Grenze gegen die Goten und Gepiden gewesen waren. Sirmium 
,ging bald verloren, Singidunum wurde zähe gehalten. Eine ener- 
gische Offensive gegen die Awaren verhinderte der zwanzigjährige 
Perserkrieg (672—591), mit wechselndem Glück geführt von drei 
Kaisern, bis endlich innere Umwälzungen im persischen Reiche 
den Römern einen Erfolg brachten, allerdings nach einer großen 
Erschöpfung des Staatsschatzes. Die Awaren wurden damals vom 
Feldherrn Bonus und dem schönen Thraker Tiberios, welcher 
später Mitregent und Kaiser wurde, besonders aber durch ein 
Jahrgeld von 80 000 Goldstücken von Sirmium zurückgewiesen. 
Die Slawen verheerten in diesen Jahren unter Justin II. und noch 
mehr unter Tiberios IL nicht nur Thrakien und lUyricum i), 
sondern zogen, angeblich 100 000 Mann stark, bis nach Griechen- 
land. Ein Zeitgenosse, der Syrer Johannes, Bischof von Ephesos, 
einst Justinians Günstling als Missionar unter den Resten der 
Heiden in Kleinasien, von Justin IL aber verfolgt als Mono- 
physite, schreibt, das „verwünschte Volk der Slawen'' habe alles 
Land bis in die Umgebung von Konstantin opel verwüstet, „ganz 
Hellas, die thessalischen und thrakischen Provinzen '' durchzogen, 
geplündert und vier Jahre darin frei gewohnt, wie in seinem 
eigenen Lande. Zur Zeit, als der Verfasser schrieb (584), 

1) Jobannes Biclariensis zu 575 und 582 : Mou. Germ., Auetores 
antiq. 11, 214-215. 



Die Einwanderung der Slawen in die Häinusländer, 87 

„wohnen, sitzen und ruhen sie in den römischen Provinzen, ohne 
Sorge und Furcht, plündernd, mordend und brennend, sind reich 
gewoi'den und besitzen Grold und Silber, Pferdeherden und viele 
Waffen, und haben gelernt Krieg zu führen, wie die Römer. Und 
doch sind es einfältige Leute, die sich außerhalb der Wälder und 
holzfreien Gegenden nicht sehen zu lassen wagen". In diese Zeit 
gehört das erste Erscheinen der Slawen vor Thessalonich; 5000 
Mann kamen gerade am St. Demetriostage und wurden durch 
einen Ausfall weggetrieben ^). Um diese Invasionen einzustellen, 
verbündeten sich die ßömer mit den Awaren, die den Slawen 
Daziens todfeind waren. Der Zug des Chagans (578) ging nicht 
direkt durch Siebenbürgen in die heutige Walachei. Ein awarisches 
Heer von angeblich 60000 gepanzerten Reitern wurde in Panno- 
nien auf das römische Donauufer gesetzt, zog die Donau entlang 
abwärts bis in die Dobrudza und wurde in der Provinz Scythia 
wieder von römischen Schiffen auf das linke Ufer hinübergeführt. 
Das Slawenland war nach Menandros damals sehr reich, voll Beute 
aus den römischen Provinzen, weil es noch nie von fremden Völ- 
kern geplündert worden war. Die Einwohner zogen sich vor den 
Awaren in die Wälder zurück. Der Chagan befreite viele Tau- 
sende römischer Gefangenen, aber als er von den Slawen einen 
Tribut verlangte, wurden seine Sendboten erschlagen -). Die 
römisch-awarische Freundschaft nahm bald darauf ein plötzliches 
Ende. Die Awaren belagerten Sirmium durch drei Jahre (579 
bis 582). Der Perserkrieg vereitelte jeden energischen Entsatz ^). 



1) Die ZxXaßrjvoi in 'EXXdg (577): Menandros frag. 47, 48. Jo- 
hannes von Ephesos VI, 25 (581), übers, von Payne Smith (Oxford 
1860) und Jos. Schönfelder (München 1862) 255. Differenzen dieser Über- 
setzungen: Gutschmid, Kleine Schriften 5, 433 und A. Vasiljev, Viz. 
Vrem. 5 (1898) 409 Auszüge aus Johannes bietet der Patriarch Michael: 
Chronique de Michel le Syrien, M. et trad. par J. B. Chabot, Paris 
1899—1905. Chronologie: Niederle, Slov. starozitnosti 2, 203 f. 

2) Menandros frag. 48. 

3) Menandros frag. 63 — 66. Der awarische Zug gegen die Slawen 
fiel in die Zeit der Mitregentschaft des Tiberios (als Kaisar): Dezember 
574 bis September 578; die Belagerung von Sirmium in die Zeit seiner 
Alleinregierung: 26. September 578 bis 14. August 582. 



88 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

Den Stoßseufzer eines Griechen der Besatzung enthält eine jüngst 
gefundene Inschrift auf einem Ziegel: „Christus o Herr, hilf der 
Stadt, halte die Awäreu ab, beschütze Romanien und denjenigen, 
der dieses geschrieben hat i)." Endlich befahl Kaiser Tiberios 
seineu hart geprüften Truppen und den halb verhungerten Ein- 
wohnern, die Stadt zu räumen, erneuerte die Verträge mit den 
Awaren und zahlte dem Chagan die Jahrgelder sogar für die drei 
Kriegsjahre. Johannes von Ephesos erzählt, Sirmium sei schon 
nach einem Jahre durch eine Feuersbrunst vollständig zerstört 
worden ; die Barbaren verstanden nicht zu löschen und flohen ent- 
setzt aus der brennenden Stadt. 

Die Geschichte des Kaisers Maurikios (582 — 602) ist aus 
dem unter Heraklios verfaßten Geschichtswerk des Ägypters Theo- 
phylaktos Simokattes bekannt ''*). Zum letztenmal erscheinen darin 
die Namen der römischen Städte an der Donau von Singidunum 
abwärts. Das Innere der Hämushaibinsel war damals ein schwach 
bewohntes Gebiet, in der Art der Landschaften des heutigen Klein- 
asiens oder Persiens. An den Ufern der Donau, in den Tälern 
des Hämus und im Innern der Provinz Dalmatia gab es stellen- 
weise ausgedehnte menschenleere Wüsten. Die größte Sorge des 
Kaisers war noch immer die Behauptung der Donaugrenze gegen 
die Awaren und Slawen ^). Die Slawen in der jetzigen Walachei 
wollte man deshalb im eigenen Lande beschäftigen; geplant waren 
Winterfeldzüge, welche jedoch durch die Unbotmäßigkeit der 
Truppen jedesmal verhindert wurden. Der Chagan erhob An- 
sprüche auf dieses Slawenland, mußte aber zugeben, daß der Über- 
gang römischer Truppen über die Donau kein Friedensbruch sei. 
Andere Scharen von Slawen mögen schon damals auf römischem 
Boden in den Bergen von Thrakien und Illyricum ständig ge- 
wohnt haben, man scheint sie jedoch als minder gefahrlich be- 
trachtet zu haben und suchte vor allem die großen Einbrüche über 
die Donau einzudämmen. 



1) Brun§mid im Eranos Vindobonensis (Wien 1893); vgl. Byz. Z. 3 
(1894) 222. 

2) Mit einer Lücke 593—597: Bury, A history of the later Roman 
empire 2, 134; Derselbe, English bist, review 3 (1888) 310—315. 

3) Theophylaktos Simokattes VI, 6, 2. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 89 

Gleich anfangs überrumpelte der Cliagan in gewohnter Weise 
mitten im Frieden Singidunum, eroberte Viminacium, rückte bis 
zur Pontusküste und erzwang eine Erhöhung des Jahrgeldes auf 
100 000 Goldstücke. Der Feldherr Comentiolus schlug dann die 
in Thrakien plündernden Slawen in zwei Schlachten, in einer auch 
ihren Fürsten Radogost ^). Bald erschien der Chagan zum zweiten- 
mal, lagerte bei Tomi an der Pontusküste, besiegte den Comen- 
tiolus im östlichen Hämus und drang in Thrakien ein; die Städte 
südlich des Hämus waren aber besser bevölkert und verteidigt, 
als die an der Donau, und die A waren wurden bei Adrianopel 
völlig geschlagen. Syrische Historiker, der Zeitgenosse Euagrios 
und der Patriarch Michael im 12. Jahrhundert, in dessen Chronik 
sich ein Auszug aus den verloren gegangeneu Partien des Johannes 
von Ephesos erhalten hat, berichten von Invasionen nach Grie- 
chenland, welche Theophylaktos nicht erwähnt. Nach Euagrios 
soll damals „ganz Hellas" von den Awaren verwüstet worden 
sein ; nach Michael war es das „Volk der Slawen ", welches überall 
Gefangene machte und die Kirchen plünderte, besonders die von 
Korinth, Damals (586) erschien ein Slawenheer vor Thessalonich 
und versuchte die Mauern mit Leitern zu ersteigen. Die Römer 
haben indessen wieder die Anten gewonnen, welche das Land der 
Slawen überfielen und verwüsteten -). 

Als der Perserkrieg mit der Einsetzung des Königs Chos- 
roes n. (591 — 628) durch römische Truppen beendigt war, fehlte 
es an Mitteln, die großen Heere des östlichen Kriegsschauplatzes 
im Westen zu verwenden. Der Chagan rückte bei dem erneuerten 
Singidunum vorüber nach Thrakien, schlug den Feldherrn Priscus 



1) 'A{)öüyuaTog; über die Lautform vgl. Paul Kretscbmer, Arch. 
slaw. Phil. 27 (1905) 231. Ein Mönch Joannes '/i/()J'«)'«ffrr?j'o,- im 11. Jahrb.: 
Viz. Vrem. 4 (1897) 374. 

2) Michael X, 21 ed. Ciiabot 2, 361, von Marquart a. a. 0. 
480f. in die Zeit des Tiberios II. vorlegt, von Nieder le, Slov. starozit- 
nosti 2, 213 f. mit Rücksicht auf die erhaltenen Titel der Kapitel des Jo- 
hannes von Ephesos in die Zeit 587 — 589, im Anschluß an die seit Fall- 
merayer oft erörterten Daten zur Geschichte von Hellas. Die Slawen am 
Sonntag 22. September 58G vor Thessalonich (nicht 597): Stanojeviö, By- 
zanz und die Serben 2, 208. 



90 Zweites Bucb. Zweites Kapitel. 

an den Gestaden der Propontis, schloß aber schleunigst Frieden auf 
das Gerücht, daß eine Flotte die Donau bis ins Awarenland hinauf 
segeln werde. Nun wendete sich der Kaiser gegen die Slawen in 
der heutigen Walachei. Von den Truppen des Priscus wurde bei 
einem Sommerfeldzug in den Wäldern und Sümpfen des Landes 
der oben erwähnte Fürst Radogost gegenüber von Dorostolon 
(Silistria) geschlagen, sein Nachbar Musokios gefangen. Im näch- 
sten Jahre erkämpfte Petrus, der Bruder des Kaisers, westlich 
von Asemus den Übergang über die Donau, wobei der slawische 
Fürst Pirogost fiel, aber der schwierige Vormarsch durch wasser- 
lose Wälder voll lauernder Feinde führte bald wieder zur Um- 
kehr ^). Diese Feldzüge haben die Räubereien der Slawen auf 
der Halbinsel nicht eingestellt. Ein Transport des Priscus mit 
Beute wurde im Hämusgebiete von Slawen überfallen. Die Vor- 
hut des Petrus stieß in Untermösien zwischen Marcianopolis und 
der Donau auf eine Schar von 600 Slawen, welche sich bei dem 
Anmarsch der Römer rasch mit einer Wagenburg umschlossen, 
ihre Gefangenen niedermachten und in tapferem Kampfe alle fielen. 
Bald darauf mußte Petrus haltmachen, weil der Kaiser hörte, ein 
Heer der Slawen sei gegen Konstantinopel in Anmarsch. Die 
Awaren überrumpelten dann von neuem Singidunum, wurden aber 
von Priscus vertrieben. Aus Rache zog der Chagan in die Pro- 
vinz Dalmatia, wo er eine sonst unbekannte Stadt (Boy/.Eig des 
Theophylaktos, Bd?<./.rjg des Theophanes) mit Kriegsmaschinen er- 
oberte und 40 Burgen zerstörte. Doch auf der Rückkehr wurden 
die Awaren in den Wäldern, wohl auf der Straße von Sirmium 
nach Salona, von dem Unterfeldherrn Guduin, einem Germanen, 
überfallen und geschlagen (598). Nach einer kurzen Friedenszeit 
lagerte der Chagan abermals in der Dobrudza bei Tomi den ganzen 
Winter hindurch und rückte von dort in Thrakien ein, als aber 
in seinem Lager zu Drizipera bei Adrianopel eine furchtbare Seuche 
ausbrach, trat er nach Erneuerung der Verträge wieder den Rück- 



1) ITfiQdyceaTog, Pirogost von pir Festtag, Hochzeit, gost Gast. Ein 
Kaufmann desselben Namens hat nach den russ. Annalen in Kiew im 
12. Jahrh. eine Muttergotteskirche gestiftet, erwähnt auch im Lied von der 
Heerschar Igors (1185). 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 91 

zug an. Die großen Verluste des Feindes ermöglichten den Rö- 
mern in demselben Sommer (600) eine Offensive. Priscus zog bei 
Viminacium über die Donau in die Ebenen des Awarenlandes, 
schlug den Chagan in drei Gefechten, verheerte die Dörfer der 
Gepiden jenseits der Theiß {Tiaadg Ttovaiioo) und erfocht noch 
zwei Siege über Awaren und Slawen an den Ufern dieses Flusses. 
Mit 17 200 Gefangenen kehrten die Römer über die Grenze zu- 
rück; davon waren 3000 Awaren, 8000 Slawen, 4000 Gepiden 
und 2200 andere Barbaren. Der Erfolg wurde aber nicht aus- 
genutzt. 

Über Dalmatien haben wir aus dieser Zeit einige Nachrichten 
in dem Briefwechsel des Papstes Gregor I. (590 — 604). Ebenso 
wie bei Theophylaktos die Donaustädte, werden in diesen Papst- 
briefen zum letzten Male zahlreiche Röraerstädte des Westens ge- 
nannt, vor allem Justiniana Prima, Doclea, Epidaur und Salona« 
Das Innere von lllyricum war nach dem Fall von Sirmium durch 
die Verwüstungen der Barbaren herabgekommen. In dem vom 
Kriegsschauplatz mehr entfernten Küstenlande führten aber die 
Stadtbürger, geteilt in Geistliche, Vornehme und das Volk (clerus, 
nobiles, populus), ein Leben voll Üppigkeit und Übermut, kurz 
vor dem Zusammenbruch aller Herrlichkeit der Römerzeit. Der 
Papst tadelt die Bischöfe von Dalmatien, daß sie sich zu sehr mit 
w^eltlichen Geschäften befassen. Der Erzbischof Natalis von Sa- 
lona, nur mit Gastmählern beschäftigt, verschenkte Kirchengewänder 
und Kirchengefäße an Verwandte. Sein Nachfolger Maximus be- 
mächtigte sich des Erzbistums gegen den päpstlichen Kandidaten 
mit Gewalt, unterstützt vom kaiserlichen Prokonsul Marcellinus 
(594). Erst nach einigen Jahren wurde der Konflikt beigelegt. 
In Epidaur wurde indessen der Bischof Florentius gegen den 
Willen der Bürgerschaft vom Erzbischof Natalis formlos abgesetzt 
und verbannt, während in Doclea der rechtmäßig abgesetzte Bischof 
Paul seinen Nachfolger Neemesion verjagte und sich des Bistums 
wieder bemächtigte. Dabei gab es noch Nachklänge des Drei- 
kapitelstreites. Bald aber pochte die Gefahr auch an die Tore 
der Römerstädte längs der Küste. Scharen von Slawen, die ihren 
Ausgangspunkt wohl in Pannonien hatten, begannen den Vorstoß 
sowohl in die Täler der Ostalpen, als nach Istrien und Dalmatien. 



93 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

Bei Paulus Diaconus ist eine Notiz erhalten über eine Schlacht 
der Bajoaren gegen Slawen und Awaren, die nach dem Eintreffen 
des Chagans mit einem Siege der Heiden endigte (595 — 596). 
Der Exarch Callinicus von Italien meldete bald nachher dem 
Papst Siege über die Slawen (de Sclavis victorias), wahrscheinlich 
in Istrien (598). Paulus Diaconus verzeichnet eine gemeinschaft- 
liche Plünderung Istriens durch die Langobarden, xl waren und 
Slawen (um 600). Im Jahre 600 schrieb der Erzbischof Maximus 
von Salona dem Papst einen Brief mit betrübenden Nachrichten 
über die große Gefahr, welche Üalmatien von selten der Slawen 
drohte. Der Trost des Papstes klingt sehr betrübt: Diejenigen, 
die nach uns leben werden, werden noch schlechtere Zeiten durch- 
machen und unsere Tage als glückliche preisen ^) 

An der Donau war seit 601 Befehlshaber wieder Petrus, der 
Bruder des Kaisers. Die Awaren wollten im Herbst die Land- 
schaft der Donaukatarakte den Römern entreißen, doch Petrus 
bewog den Chagan, den Frieden nicht zu stören. Im Jahre 602 
rückte Petras aus Adrianopel zur Donau gegen die „Slavinia". 
Der Unterfeldherr Guduin ging über den Fluß und kehrte erfolg- 
reich zurück. Verbündete der Römer waren dabei die Anten. 
Der Chagan sendete seinen Feldherrn Apsich gegen die Anten, 
doch machte ihm der Aufstand einer awarischen Partei, die bereit 
war auf römisches Gebiet zu fliehen, große Sorge. Schon wollte 
Petrus in die Winterquartiere abziehen, als ihm der Kaiser den 
Befehl gab , jenseits der Donau im Slawenland zu überwintern. 
Das Heer stand in Sekuriska (bei Nikopol), während sich der 
Spätherbst durch Kälte und Regengüsse meldete. Der kaiserliche 
Befehl entfesselte einen Sturm im Lager. Die Donauarmee ver- 
jagte ihre Befehlshaber und zog nach Konstantinopel. Mau- 
rikios wurde auf der Flucht gefangen und mit allen den Seinigen 



1) „Et quidem de Sclavorum geute, quae vobis valde imminet, affligor 
vehementer et conturbor. Affligor in bis, quae iam in vobis patior; con- 
turbor, quia per Istriae aditum iam Italiam iutrare coeperunt": Papst 
Gregor I. an Maximus, episcopus Salonitanus im Juli 600, Reg. lib. X 
ep. 36. Vgl. F. Bulic, S. Gregorio Magno papa nelle sue relazioui colla 
Dalmazia (a. 590—604): Beilage zum Bull. Dalm. Bd. 27 (19U4), 47 S. mit 
3 Tafeln. Hartmanu, Geschichte Italiens 2, 1, 176 f. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 93 

enthauptet. Zum Kaiser wurde der Führer der Empörer, der 
thrakische Centurio Phokas gekrönt (23. November 6<i2). 

Die Revolution der Donauarmee brachte das römische Reich 
an den Rand des Verderbens. Erbitterte Parteikämple, Ver- 
schwörungen und Aufstände in allen großen Städten, die Aus- 
mordung der alten Regierungsgesellschaft, der Angriff aller Nach- 
barn, der Zerfall der Heere, große Seuchen und völliger Geldmangel 
bilden die Geschichte der Regierung des talentlosen Soldaten Phokas 
(602 — 610). Der Perserkönig Chosroes II. trat als Rächer seines 
Wohltäters Maurikios auf. Retter des Reiches wurde Kaiser He- 
raklios (610 — 641). Der Sieg über den Usurpator v.'ar leicht, 
aber der Kampf gegen die Perser wurde schwer, besonders nach- 
dem sie Syrien, Palästina und Ägypten erobert hatten Heraklios 
mußte neue Armeen schaffen, zu ihrer Ausrüstung die Kirchen- 
schätze heranziehen und jahrelang, auch im Winter, fern von 
Konstantinopel im Lager abwesend sein. Nach schwerem Ringen 
erfocht er einen glorreichen Sieg (628). Aber schon wenige Jahre 
darauf folgte der Ansturm der Heerscharen eines neuen Propheten 
aus dem bisher so wenig bekannten Innern Arabiens. Die Araber 
mit ihrem frischen Enthusiasmus waren stärker als die beiden 
bisherigen Gegner, Römer und Perser. Das kaum wieder ge- 
wonnene Syrien und Ägypten gingen rasch verloren an die neuen 
Eroberer, welche dann das persische Reich in kurzer Zeit ganz ihrer 
Herrschaft unterwarfen. Nur auf dem Meere waren die arabischen 
Flotten den Griechen nicht gewachsen. Es kamen trübe Zeiten. 
Das ganze Leben wurde militarisiert, und zur allgemeinen V^er- 
armuiig gesellte sich ein Verfall der Kultur und Literatur. Heraklios 
fand keinen Historiker mehr, nur einen Dichter, gleichfalls den 
letzten der älteren Schule, den begabten Georgios Pisides. 

Spärlich und lückenhaft werden in diesem stürmischen Jahr- 
hundert auch die Nachrichten über die Hämusländer. Der Chagan 
sendete dem Langobardenkönig Agilulf slawische Hilfstruppen zur 
Eroberung von Cremona, Mantua und anderer Städte Italiens 
(603) ^). Als die Perser den Angriff begannen, erhöhte Phokas 
das awarische Jahrgeld und sendete alle europäischen Truppen 



1) Paulus Diaconus IV, 28. 



9t: Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

nach dem Osten (604) ^). Während der Stürme im Osten standen 
in Thrakien und lUyricum alle Wege den Awaren und Slawen 
offen. Ein ägyptischer Historiker, Johannes, der Bischof der Stadt 
Nikiu im Nildelta, berichtet zum Jahre 6ü9, wie die römischen 
Provinzen von fremden Völkern verwüstet, die Städte der Christen 
zerstört, die Einwohner in die Gefangenschaft weggeführt wurden; 
„nur die Stadt Thessalonica wurde verschont, denn ihre Mauern 
waren fest, und dank dem Schutze Gottes konnten sich die fremden 
Völker ihrer nicht bemächtigen'' ^). Merkwürdige Nachrichten 
enthält die St. Demetriuslegende von Thessalonich. In Thessalonich 
sammelten sich Flüchtlinge aus den Donauländern, aus Dardanien 
und beiden Dazien, namentlich aus Naissus und Serdica. Auch 
der ganze Süden der Halbinsel wurde von den Slawen geplündert, 
ganz Thessalien, Epirus, Achaja, mit Booten sogar auch die Inseln 
vor der thessalischen Küste, die Kykladen und ein Teil Kleinasiens. 
Vor Thessalonich erschienen fünf slawische Stämme: die Drugu- 
viten und Sagudaten, welche nach dem Bericht des Johannes 
Kameniates noch 904 in der Ebene vor den Stadttoren wohnten, 
die Velegeziten, die sich später in Thessalien niederließen, die 
Vajuniten und Berziten ^). Die Slawen kamen mit ihren Familien, 
um sich in der Stadt niederzulassen. Ihr Sturm auf die Mauern 
wurde zurückgeschlagen; ebenso mißglückte der Angriff ihrer 
plumpen Boote von der Seeseite. Trotz des Mißgeschickes blieben 
sie in der Nähe; die Gefangenen entflohen aus ihren Lagern oft 
in die Stadt, Da sendeten sie Gesandte mit Geschenken an den 
Chagan der Awaren um Hilfe {ovf.i/.iaxict). Der Chagan kam per- 
sönlich mit einem Heere von Awaren, Slawen und Bulgaren, aus- 
gerüstet mit Kriegsmaschinen, gerade zur Erntezeit. Thessalonich 



1) Theophanes ed. De Boor 1, 292. 

2; Johannes von Nikiu (um 661 — 686), franz. von Zotenberg, 
Journal asiatique, VII serie, vol. 13 (1879) 343. Zur Chronologie: meine 
Rom. Dalm. 1, "26; Nieder le, Slov. starozitnosti 2, 227 f. 

3) Später gab es ein Bistum der Druguviten unter dem Metropoliten 
von Thessalouich. Der Name der Sagudaten (von einer Landschaft?) hat 
nichts Slawisches. Im Namen der Velegeziten ist ebensowenig wie im Eigen- 
namen Dabragezas (oben S. 79) das Wort -gost zu suchen ; das erste Thema 
ist klar: velij groß. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 95 

wurde einen Monat lang belagert, aber nach der Ankunft eines 
neuen kaiserlichen Statthalters mit einer Flotte aus Konstantinopel 
ließ sich der Chagan die Gefangenen abkaufen und kehrte nach 
Pannonien zurück ^). Diese Berichte schweigen über die gleich- 
gültigen Romäer, welche, unzufrieden mit den Lasten des Kaiser- 
tums, sich mit den Barbaren gütHch vergHchen. Ein syrischer 
Chronist erzählt, wie die Awaren und Slawen den Leuten des Landes 
sagten: „Säet und erntet; nur einen Teil der Steuern wollen wir 
euch abnehmen -j." 

Es ist kaum anzunehmen, daß in diesen Jahren, als so viele 
Städte des Binnenlandes zerstört und selbst die Griechen auf den 
Inseln aus ihrer Ruhe aufgescheucht wurden, in Dalmatien fried- 
liche Zustände geherrscht haben. Die Lokaltruppen waren schwach, 
die Mauern nicht so fest, wie die von Konstantinopel oder Thessa- 
lonich, die Hilfe vom Reiche fern. Es gibt nur späte Berichte; 
Kaiser Konstantin Porphyrogennetos (um 948) verwechselt dabei 
Slawen und Awaren, der Archidiakon Thomas von Spalato (f 1268) 
Slawen und Goten. Die datierten Inschriften von Salona schließen 
im Jahre 603 ^). Aus einer alten, oflfenbar kirchlichen Quelle 
stammt der Bericht über den Fall der Römerstadt bei Thomas. 
Die Barbaren berannten Salona mit Wurfgeschossen und brachen 
während einer Panik unter den Belagerten in die Mauern ein. 
Die Salonitaner retteten sich nur zum Teil auf die Schiflfe des 
Hafens und fanden eine Zuflucht auf den Inseln Solta, Brazza, 
Lesina, Lissa und Curzola. Die Feinde machten die zurück- 
gebliebenen Einwohner nieder, plünderten die Stadt aus und 
steckten sie in Brand, wobei das Feuer auch die Kirchen und 
Paläste verzehrte. Salona wurde nie mehr aufgebaut. Die Schiffe 
der Salonitaner, bemannt von der Jugend der Flüchtlinge, be- 
herrschten die Küste mit solchem Erfolg, daß „von den Slawen 



1) Über die St. Demetriuslegeude : Tafel, De Thessalonica (Berlin 
1839); der russ. Metropolit Filaret, serb. in Glasuik 18 (1865); Geizer, Die 
Genesis der byz. Themenverfassung (Leipzig 1899, Abb. der kgl. sächs. 
Ges. der Wiss.) 35 — 64. 

2) Marquart a. a. 0. 482. 

3) F. Bulic, Suir anno della distruzione di Salona (zwischen 612 und 
614): Bull. Dalm. 29 (1906) 268—304. 



96 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

niemand zum Meere herabzusteigen wagte". Zur Erneuerung von 
Salona waren die überlebenden Bürger zu schwach, die Stadt zu 
groß und ganz in Ruinen. Sie ließen sich daher mit Erlaubnis 
des Kaisers in dem nahen, gut befestigten Palast Diokletians von 
Spalatum nieder. Die Erzählung bei Kaiser Konstantin hat da- 
gegen ganz den Typus der Burgsage, wo die Burg stets nur durch 
List, Verrat oder Zauberei den Felden in die Hände fällt: die 
Barbaren kommen in den Rüstungen der an der Donau gefallenen 
Römer mit römischen Fahnen, täuschen dadurch die Einwohner 
und bemächtigen sich der Stadt ^). 

Behauptet haben sich an dieser Küste nur wenige Städte, vor 
allem Jader (Zara) und Tragurium, im Süden Butua, Scodra, 
Lissus und die Burgen von Praevalis. Verödet sind, wir wissen 
nicht wie und wann, Scardona, Narona, Risinium, Doclea und 
viele andere berühmte Gemeinden der Römerzeit. In den Ruinen 
von Narona fand man den Schatz einer Frau Urbica, mit Münzen 
von Justin I. bis Tiberios IL; vergraben wurde er um 582, als 
die Awaren Sirmium eroberten, und nicht mehr ausgegraben 2). 
In Epidaur schließen die Münzfunde nach Evans mit Stücken des 
Phokas. Die mittelalterlichen Sagen erzählen von der Eroberung 
der Stadt durch die Slawen und von der Flucht der Epidauritaner, 
welche eine neue Stadt Ragüsium (roman. Ragusi, jetzt Ragusa) 
gründeten, ungefähr 10 Kilometer nordwestlich an einer von der 
Landseite wenig zugänglichen Stelle der Küste ^). Auch Cattaro 
(Decadaron des Ravennaten, xu JemtEQa des Kaisers Konstantin) 
mit seine!' hoch gelegenen Burg im innersten Winkel des Golfes 
von Risinium ist eine Neugründung dieser bewegten Zeit. Neu 



1) Thomas Arch. cap. 7 — 11. Für das Alter seiner Vorlage spricht 
die Bezeichnung der Insel Issa (ital. Lissa, slaw. Vis) als Lysia, eine Form, 
die sonst nur bei Prokopios vorkommt: Avaiu. ^ivaivr], in den Editionen 
von Maltrctus bis Comparetti emendiert als ACaari, restituiert von Haury, 
welcher aber (l p. LVII, 2 p. 38 n. 1) diese Insel irrtümlich mit Lesina 
identifiziert, dem Pharos der Griechen , im Mittelalter insula Farre , Fara, 
slawisch heute noch Far oder Hvar. Erst um 1300 taucht der Name Lesna, 
Lesena für die Stadt auf der Südküste und die ganze Insel auf (wohl von 
slaw. les, Wald, Holz"). 

2) Bulic im Bull. Dalm. 25 (1902) 197—212. 

3) Vgl. meine Rom. Dalm. 1, 28. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 97 

war das auf einem steilen Felsen zwischen Olivengärten erbaute 
Antivari (^vzißaqig der Bischofskataloge und des Kaisers Kon- 
stantin). Das römische Olcinium wurde weiter übertragen; eine 
heute noch als Alt-Dulcigno bekannte Stelle mit Ruinen nördlich 
vom heutigen Dulcigno wird schon 1376 genannt ^). Die Neu- 
gründungen von Städten an geschützteren Stellen der dalmati- 
nischen Küste haben ihre Parallelen in Griechenland und Itahen 
zu derselben Zeit. An der Ostküste Lakoniens wurde damals 
Monobasia oder Monembasia auf einer kleinen Felsinsel erbaut, 
in Italien das zwischen Felsbergen verborgene Amalfi, bei den 
venezianischen Lagunen in der Nähe des römischen Altinum das 
nach dem Kaiser benannte Heracliana (Civitas nova). 

Die Zeit des Heraklios teilt sich in zwei Perioden, vor und 
nach dem Sieg über die Perser, welchem allerdings nach wenigen 
Jahren der neue arabische Krieg mit abermaliger Zusammenziehung 
aller Truppen, auch aus dem Westen, nach Syrien folgte. Bei 
der Thronbesteigung fand Heraklios, wie Theophanes berichtet, 
Europa verwüstet von den Awaren (610). Paulus Diaconus ver- 
zeichnet um 611 einen Sieg der Slawen über die römischen 
Truppen in Istrien und eine traurige Verwüstung dieses Landes. 
Ein Zeitgenosse, der Bischof Isidor von Sevilla (f 636), berichtet 
in seiner Chronik, daß zu Anfang der Regierung des Heraklios, 
in der Zeit, als die Perser Syrien und Ägypten besetzten (also 
611 — 619), die Slawen Griechenland den Römern entrissen haben 2). 
In den griechischen Quellen stehen im Vordergrund die Awaren. 
Seitdem das Konstantinopler Kaisertum aus den Donauländern 
verdrängt war, haben sie ihre Macht über slawische Stämme und 
über die Hunnen am Schwarzen Meere erweitert. Bei einigen 
Byzantinern dieser Zeit erscheint der Chagan als Oberherr aller 
slawischen Scharen. Daß es aber neben direkt unterworfenen auch 
nur verbündete Stämme gab, zeigt die oben erwähnte Art des 
Anteils der Awaren an den Belagerimgen von Thessalonich. 



1) „In mari Dulcinii veteris" 1376 Div. Rag. Dulcigno vecchio der 
Karten unserer Zeit. Rovinskij, Sbornik russ. Akad. 86 (1909) 228 f. 

2) Isidorus Hispalensis (zweite Redaktion von 626): ,,cuius initio (sc. 
imperii Eraclii) Sclavi Graeciam Romanis tulerunt, Persi Syriam et Aegyp- 
tum plurimasque provincias." Mon. Germ, Auetores antiquissimi 11, 479. 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. ' 



98 Zweites Buch, Zweites Kapitel. 

Vor dem Abzug in den Perserkrieg (622) bat Kaiser Heraklios 
den Awarenchagan aus Höflichkeit, Vormund (inlrgonog) seines 
in der Hauptstadt bleibenden Sohnes und Mitregenten, des kleinen 
Konstantin zu sein. Nach der Rückkehr vom ersten Zug sollte 
(623) eine persönliche Zusammenkunft des Kaisers mit dem Chagan 
stattfinden, nicht irgendwo an der Donau, sondern nahe vor Kon- 
stantinopel, bei Herakleia. Aber die Awaren schmiedeten Verrat. 
Heraklios bemerkte rechtzeitig von der Ferne, wie der Chagan 
mit der Knute (q^gayslliw , flagellum) das Zeichen zum Angriff 
gab, und ritt sofort zurück, von den Awaren verfolgt bis vor die 
Tore der Hauptstadt. Das kaiserliche Lager samt den vorberei- 
teten Geschenken wurde Beute der Feinde ^). In demselben Jahre 
unternahmen die Slawen, wie eine syrische Quelle berichtet, von 
Griechenland aus Raubzüge zur See bis nach Kreta -). Indessen 
wurden die Verträge mit den Awaren erneuert. Der Chagan 
forderte die Hälfte der Schätze und Waren von Konstantinopel 
für sich und erhielt riesige Geschenke, ein Jahrgeld angeblich von 
200000 Goldstücken und als Geiseln selbst Verwandte des Kaisers. 
Als aber Heraklios lange im Osten abwesend war und zweimal 
in Armenien überwinterte, schloß der Chagan einen Bund mit dem 
Perserkönig. Die Verbündeten erschienen im Juni 626 auf beiden 
Ufern des Bosporus, in Asien der persische Feldherr Sahrbaräz, 
in Europa ein Heer von 80 000 Awaren, Slawen, Gepiden, Bulgaren 
und anderen „wilden Völkern". Die Verteidigung der Hauptstadt 
leitete Bonus, einer der letzten byzantinischen Feldherren mit 
lateinischem Namen. Als der Chagan Ende Juli persönlich eintraf, 
forderte er Konstantinopel zur Übergabe auf, nach Abzug der 
Einwohner, die nur ihr Leben und ein Kleid mitnehmen durften. 
Diese Zumutung wurde stolz zurückgewiesen. Nun begann der 
Angriff, eröffnet von slawischen Fußgängern ohne Panzer, hinter 
welchen ein zweites Fußvolk in Panzern stand, die hell in der 



1) Chron. Paschale (eine gleichzeitige Quelle) 1, 712 zum 5. Juni 623, 
Theophanes (verfaßt um 813) zu H19. Augelo Pernice, L'imperatore 
Eraclio (Firenze 1905) 97, entscheidet sich für die Datierung des Theo- 
phanes, Gerland in der Byz. Z. 15 (190ti) 305 — 306 dagegen. 

2) Thomas Presbyter: Guts'hmid, Kleine Schriften 5, 433; Siä- 
manov im Bxlgarski Pregled 1897 Juni 79, 151; Geizer a. a. 0. 44. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 99 

Sonne glänzten. Unter großem Geschrei wurden Kriegsmaschinen 
gegen die Mauern geschoben, bewegliche Dächer und Holztürme 
mit Lederverkleidung*, sie waren teils auf Fuhrwerken mitgebracht, 
teils aus den abgebrochenen Häusern der Umgebung errichtet. 
Doch alle Mühe des Barbarenheeres war umsonst. Die Byzantiner 
spießten, wie vor den Toren von Thessalonich, die Feindesköpt'e auf 
ihren Lanzen auf. Die Slawen füllten die Gewässer des Goldenen 
Hornes mit einer Menge von Booten-, auf welchen Männer und 
Frauen ruderten; diese Monoxylen hatten sie von der Donau ge- 
bracht ^). Jedoch die byzantinische Flotte, 70 Schiffe stark, ver- 
hinderte jede Verbindung zwischen den Feinden in Europa und 
Asien, zerstörte die Nachen und Flöße der Perser und vernichtete 
schließlich in einer Nacht die ganze Bootsflotte der Slawen. Das 
Goldene Hörn war voll Leichen und Trümmer. Zwischen den 
Feinden brachen Streitigkeiten aus. Der Chagan ließ einige Slawen, 
die sich von den Booten gerettet hatten, niederhauen. Nach der 
Erzählung der Osterchronik zogen die Slawen zuerst mißmutig 
ab. In der Nacht zum 8. August verbrannten die Awaren ihre 
Maschinen und brachen bei Tagesanbruch zur Rückkehr auf -). 

Der Angriff auf Konstantinopel ist der Höhepunkt der awa- 
rischen Geschichte. Seitdem ist von den Awaren in griechischen 
Quellen keine Rede mehr. Ob Heraklios nach dem Siege über 
die Perser eine Expedition zur Donau gesendet hat, ist nicht be- 
kannt: schon bei dem Abzug von Konstantinopel drohte Bonus 
dem Chagan, der Bruder des Kaisers, der gegen die Perser sieg- 
reiche Theodoros werde ihn bis in sein eigenes Land verfolgen. 
Bei dem Zerfall der awarischen Macht spielen die pontischen 
Hunnen oder Bulgaren eine große Rolle. Kubrat, der Fürst der 
Hunnogunduren, Stammvater der späteren bulgarischen Dynastie, 
wurde nach einigen Siegen gegen die Awaren bei einem Besuch 
in Konstantinopel getauft und von Kaiser Heraklios mit dem Titel 



1) Theophanes ed. De Boor 1, 316. 

2) Über diese Belagerung von 62H drei Zeitgenossen: Piside«, 
Theodoros Synkellos und Chron. Paschale. Mit Benutzung älterer 
Quellen: Theophanes und der Patriarch Nikephoros. Vgl. Pernice 
a. a. 0. 137 f. 

7» 



100 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

eines Patrikios ausgezeichnet ^). Die fränkische Chronik Fredegars 
berichtet, daß bei einer Erledigung des awarischen Thrones (um 
630) die „Bulgaren" im Awarenland einen der Ihrigen zum Chagan 
erheben wollten, jedoch im Kampfe unterlegen seien. Sie flohen 
in das Land des Frankenkönigs Dagobert (628 — 638), wurden 
aber im Winterlager von den Bajoaren überfallen und größtenteils 
aufgeiieben. Nur ein Rest rettete sich zu den Langobarden und 
erhielt Wohnsitze in Samnium. Zahlreiche Siege über die Awaren 
erfocht Samo, der Fürst der Slawen in Böhmen (um 627 — 662). 
Die Massen der byzantinischen Gefangenen im Awarenlande waren 
nicht befreit oder losgekauft worden. Angesiedelt bei Sirmium, 
vermischten sie sich mit Awaren, Bulgaren und anderen Heiden, 
aber auch ihre Nachkommen blieben, wie die St. Demetrioslegende 
berichtet, dem christlichen Glauben treu, meist als freie Leute 
unter einem awarischen Statthalter. Die zweite Generation erhob 
sich gegen die Awaren herrschaft und zog südwärts auf byzan- 
tinisches Gebiet, wo man diese barbarisierten Romäer bei Thessa- 
lonich, in Thrakien und bei Konstantinopel ansiedelte -). 

Während dieser stürmischen Zeiten haben sich die Slawen 
in den seit langer Zeit entvölkerten Provinzen südlich der Donau 
niedergelassen. Die ganze Besiedlung war wohl um die Mitte 
des 7. Jahrhunderts vollendet; später kamen nur einzelne Ver- 
schiebungen vor. Es waren die unternehmendsten Gruppen, welche 
am weitesten vorgedrungen sind, mit dem Streben, die warmen 
und reichen Küstengebiete zu erobern. Zuerst wurde wohl das 
südliche Donauufer besetzt, wo Theophanes und Nikephoros um 
679 sieben slawische Stämme (yeveai) zwischen der Donau und dem 
Hämus erwähnen, ohne Zweifel aus der gegenüberliegenden heutigen 
Walachei übergesiedelt. Thrakien hat sich allen Drangsalen und 
Plünderungen zum Trotz zähe behauptet; der einzige Stamm, der 
sich dort niederlassen konnte, waren die Smolenen im Innern der 
Rhodope. Ein Hauptstrom der slawischen Kolonisation ergoß sich 
über Obermösien und Uferdazien in das Innere Makedoniens und 



1) Darüber Zlatarski, Sbornik bulg. Bd. 11 (vgl. Arch. slaw. Phil. 
21, 607). 

2) Geizer, Die Themenverfassung 47 f. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 101 

weiter südwärts durch Hellas bis nach Lakonien, wo die bei Kaiser 
Konstantin Porphyrogennetos erwähnten Stämme der Milingen und 
Ezeriten (von slaw. jezero See) eine neue Heimat gefunden hatten. 
Nach dem Zeugnis des Mazaris und Chalkondyles sprachen ihre 
Nachkommen noch im 15. Jahrhundert teilweise slawisch Aus 
Makedonien wendete sich eine Strömung westwärts nach Mittel- 
albanien; ihre Spur ist noch an einer scharf begrenzten Zone 
slawischer Ortsnamen bemerkbar, welche zwischen Durazzo und 
Chimara das Meeresufer erreicht ^). Viel stärkere Züge bewegten 
sich in die Provinz Dalmatia, längs der alten Römerstraßen von 
Naissus nach Lissus und von Sirmium nach Salona und Narona, 
bis in die Region der Weinberge und Olivengärten in der Nähe 
der dalmatinischen Städte, wo die Fürsten der Diokhtier, Kaualiten, 
Zachlumier und Kroaten ihre Sitze aufschlugen. Aus Pannonien 
endlich zogen mächtige Schwärme längs der Save und Drau auf- 
wärts, bis zu ihren Quellen in den Ostalpen. Dagegen ist in 
Dazien selbst das slawische Element durch den Abzug nach Süden 
und Westen derart verringert worden, daß seine Reste allmählich 
zwischen den Rumänen verschwanden. Die Intensität der slawischen 
Kolonisation und der Grad der Vermischung mit älteren Ein- 
wohnern ist kenntlich an den nicht überall gleichen Veränderungen 
der antiken topographischen Nomenklatur. Die meisten Namen 
des Altertums erhielten sich in allen Küstengebieten ringsherum 
um die ganze Halbinsel, von Thrakien bis zum Quarnero. Die 
wenigsten slawischen Ortsnamen entstanden im östlichen Thrakien 
und in Nordalbanien, Die größten Umwälzungen erfuhr dagegen 
die topographische Nomenklatur in drei Gebieten: in Moesia 
superior, im Innern Makedoniens und im Binnenland der Provinz 
Dalmatia. In Obermösien ist kein einziger römischer Stadtname 
übrig geblieben. Diese Erscheinung ist auffällig im Vergleich mit 
den benachbarten Provinzen Dacia mediterranea und Dardania, 
wo einige antike Namen mit lautlichen Veränderungen zum Teil 
heute noch fortleben : Naissus (Nis), Serdica (im Mittelalter Srjädec), 
Scupi (Skopje), Ulpiana (Lipljan). Ebenso gründlich hat die neue 



1) Novakoviö, Die ersten Grundlagen der slaw. Literatur unter den, 
Balkanslawen (serb ) Belgrad 1893, 38-49. 



103 Zweites Buch. Zweites Kapitel, 

Besiedlung mit den alten Namen im Binnenlande Makedoniens auf- 
geräumt; man braucht nur die Verzeichnisse der Städte und Burgen 
bei Hierokles und Prokopios mit dem 400 Jahre jüngeren Material 
bei Skylitzes (oder Kedrenos) und in den von Kaiser Basilios IL 
dem Erzbistum von Ochrid verliehenen Privilegien zu vergleichen. 
Auch die aus den Itinerarien und Inschriften bekannten römischen 
Ortsnamen im Osten von Dalmatia sind verschwunden. 

Die Slawen waren keine vorübergehenden Ansiedler in den 
Hämusländern. Die nördliche, mehr kontinentale Hälfte der Balkan- 
halbinsel ist bis zu einer Linie, die man von Antivari über die 
Seen von Skutari, Ochrid und Kastoria bis zu den Toren von 
Thessalonich ziehen kann, seit mehr als zwölf Jahrhunderten vor- 
wiegend von Slawen bewohnt. Durch langsame Amalgamierung 
der schwachen Reste der älteren illyrischen, thrakischen und roma- 
nischen Bevölkerung bildete sich im Laufe der Jahrhunderte in 
dem großen Raum von den Savequellen bis zur pontischen Küste 
bei Varna ein lückenlos zusammenhängendes slawisches Sprach- 
gebiet. In der südliehen Hälfte dagegen, in Thessalien, Epirus 
und Hellas, war das slawische Element schwächer und ist all- 
mähHch hellenisiert , zum Teil auch albanisiert worden. Diese 
Erscheinungen entwickelten sich parallel mit den Resultaten der 
germanischen Völkerwanderung in dem zunächst gegen Westen 
gelegenen Teil von Europa. In den römischen Provinzen südlich 
von der oberen Donau, im heutigen Ober- und Niederösterreich, 
Salzburg, Bayern, in dem größten Teil von Tirol und in der 
nördlichen Schweiz ist das wenig zahlreiche romanische Element 
von der intensiven germanischen Kolonisation assimiliert worden. 
Die Nordseite der Alpen ist, bis auf die Reste der Rhätoromanen 
im Quellgebiet des Inn und Rhein, in der ganzen Zone von Bern 
bis Wien deutsch geworden. Südlich der Alpen waren dagegen 
die Nachkommen der Römer viel zahlreicher als die germani- 
schen Eroberer. Die Goten und Langobarden sind infolgedessen 
in Italien bald unter dem älteren romanischen Element ver- 
schwunden. 

Eine einzige Quelle der Zeit erwähnt den Umfang dieser 
slawischen Kolonisation: eine um 670 — 680 kompilierte Geographie 
in armenischer Sprache, welche man früher dem Moses von Chorene 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 103 

zugeschrieben hat. Sie berichtet, daß in Dazien früher 25 Völker 
der Slawen gewohnt haben; später „gingen die Slawen über die 
Donau, erwarben sich andere Länder in Thrakien und Makedonien 
und drangen bis nach Achaja und Dalmatia vor" ^). Nach diesem 
Armenier waren also diejenigen Slawen, welche sich auf der Halb- 
insel niedergelassen haben, dieselben, welche früher in den Zeiten 
von Justinian bis Maurikios im heutigen Rumänien, Siebenbürgen 
und den benachbarten Teilen Ungarns angesiedelt waren. Die 
moderne Sprachforschung bestätigt diese Auffassung. Die süd- 
slawischen Dialekte vom Schwarzen Meer bis in die Ostalpen 
bilden nach Jagic '^) eine Kette, in welcher sich die Fortdauer von 
uralten Beziehungen zu den einstigen, jetzt durch weite Zwischen- 
räume getrennten Nachbarn des nordslawischen Gebietes konsta- 
tieren läßt. 

Die Serben und Kroaten werden erst im 9. Jahrhundert mit 
diesen Namen genannt. Ihre Vorfahren saßen ursprünglich wohl 
längs der Südtront der Vorväter der Slowaken und Kleinrussen. 
Urväter der Serbokroaten waren wohl die Slawen in Nordungarn, 
bei denen in Justinians Zeit der langobardische Prinz lldigis als 
Flüchtling verweilte. Der Abzug der Langobarden nach ItaHen 
öflFnete ihnen den Weg nach Pannonien, doch kamen sie dort 
unter die Hoheit des Awarenchagans, ebenso wie seinerzeit die in 
demselben Lande wohnenden germanischen Stämme unter die 
Herrschaft des Hunnenkönigs Attila geraten waren. Vorfahren 
der Kroaten und Serben waren wahrscheinlich auch die Slawen, 
welche den Awaren bei Sirmium Boote auf der Save bauten und 
welche zugleich mit den Urvätern der Slowenen mit awarischen 
Heerscharen in die Ostalpen gegen die Bajoaren und als Hilfs- 
truppen zu den Langobarden nach Italien zogen. Schon um 600 
bestürmten sie unter Kaiser Maurikios von Pannonien aus Istrien 
und Dalmatien. Der Fall von Salona und von anderen Städten 
in Dalmatien und P.raevalis ereignete sich durch slawische Heere, 



1) Übers, von Patkanov (Patkanian) im Zumal MNP. 1883 März 
S. 26 (kennt schon die Chazaren und erwähnt den Bulgarenfürsten Asparuch, 
Sohn des Kubrat, im Donaudelta). 

2) Arch. slaw. Phil. 17 (1895) 54; 20 (1898) 36. 



104 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

teilweise wohl unter awarischer Führung. Nach der Ansiedlung 
im römischen Dalmatia wurde die Abhängigkeit dieser slawischen 
Stämme von den A waren immer lockerer. Die Slawen, die 62G 
mit Fußvolk und Booten von der Donau vor Konstantinopel er- 
schienen, stammten wohl gleichfalls aus dem Nordwesten der 
Halbinsel. Der Verfall des a warischen Khanates machte sie 
wieder frei. 

Den Byzantinern fiel es bei dem üblichen System von Ge- 
schenken an die Nachbarn, Verleihungen von Titeln an deren 
Fürsten, natürlich verbunden mit Gehalt in schönen Goldstücken, 
der Anwerbung von Söldnern, Ausnutzung von Rivalitäten usw. 
nicht schwer, eine nominelle Oberhoheit über viele der slawischen 
Stämme zu erwerben. Man erweiterte das alte System der „foederati'', 
der Grenzvölker mit einheimischen besoldeten Führern, auf die in 
den römischen Provinzen angesiedelten Slawen. Der Beginn dieser 
diplomatischen Tätigkeit hängt mit der Zurückweisung des An- 
griffes auf Konstantinopel (626) und der Rückkehr des Kaisers 
Heraklios als Sieger aus dem Perserkriege (628) zusammen. Bald 
erscheinen die Slawengaue in der Umgebung von Thessalonich 
und zwischen Hämus und Donau unter kaiserlicher Hoheit. Auch 
Thomas von Spalato erwähnt einen Befehl (iussio principum, sacrum 
rescriptum dominorum principum) der „imperatores Constantino 
politani" an die Fürsten der Slawen (duces Sclavorum), sie sollten 
die im Kai^erpalast von Spalato wohnenden Salonitaner nicht be- 
lästigen; es mag Heraklios mit seinem Sohn als Mitregenten ge- 
wesen sein 1). Die erste klare Nachricht von friedlichen Beziehungen 
liest man in der Biographie des Papstes Johannes IV. (640 — 642), 
eines Dalmatiners, Sohnes eines Scholasticus (Rechtsanwaltes) Venan- 
tius. Er sendete den Abt Martin mit Geld, um in ganz Dalmatien 
und Istrien christliche Gefangene bei den in diesen Ländern 
hausenden Heiden loszukaufen und Reliquien aus den verödeten 
Kirchen zu sammeln -). Zur selben Zeit (um 642) unternahmen 
die Slawen mit einer Menge von Schifien einen Zug gegen die 
unteritalischen Langobarden, landeten in der Nähe des Monte 



1) Thomas Arch. cap. 10 (Schluß). 

2) Auch bei Racki Doc. 277. 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 105 

Gargano bei Sipontum und deckten ihr Lager durch verborgene 
Gruben. Der Herzog Aio von Benevent wollte sie vertreiben, 
fand aber den Tod, als er zu Pferde in eine solche Wolfsgrube 
stürzte. Sein Erbe Radoald, Sohn des Herzogs Gisulf von Friaul, 
sprach mit den Slawen in ihrer Sprache, die er wohl in Friaul 
erlernt hatte, und machte sie dadurch unvorsichtig. Ein Überfall 
brachte ihm den Sieg; der Rest der Slawen floh über das Meer i). 
Diese Slawen waren wohl aus Dalmatien gekommen. Dasselbe 
Sipontum wurde 926 von Michael, dem Fürsten von Zachlumien, 
überfallen. Der Zug gegen die Langobarden war wahrscheinlich 
von den Byzantinern angestiftet, welche wenige Jahre später (um 
650) in derselben Landschaft bei dem Monte Gargano von Gri- 
moald, dem Bruder Radoalds, zurückgeschlagen wurden, worauf 
Kaiser Konstans, der Enkel des Heraklios, während seines Aufent- 
haltes in Unteritalien (663 — 668) gegen denselben Grimoald, nun 
König der Langobarden, Krieg führte. 

In den byzantinischen Heeren dieser Zeit gab es zahlreiche 
slawische Truppen. In Kleinasien sind damals (664) 5000 Slawen 
zu den Arabern übergegangen und wurden von ihnen bei Apameia 
in Syrien angesiedelt -). Der Enkel des Konstans , Kaiser Justi- 
nian IL (685 — 695), hat an 30 000 Mann Slawen in Bithynien 
kolonisiert als sein „auserlesenes Volk", unter einem slawischen 
Feldherrn aus den Vornehmen {eiyevtöTEQOi) des Volkes, namens 
Nebulos. Doch in der Schlacht von Sebastopolis in Kihkien (692) 
ging Nebulos mit 20000 Slawen zu den Arabern über ^). Bei 
ihren Unternehmungen gegen Konstantinopel fanden aber die 
Araber keine Unterstützung bei den Slawen der Halbinsel. Aus 
der Zeit der ersten Blockade unter Kaiser Konstantin Pogonatos 
(668 — 685) fehlt es an Nachrichten über die Stimmung auf der 
Halbinsel. Nur die Bulgaren unter ihrem Fürsten Asparuch, 
Kubrats Sohn, haben unter dem Druck der von Osten vordringenden 
Chazaren die Verhältnisse dazu benützt, um sich auf römischem 



1) Paulus Diaconus IV, 44. 

2) Theophanes ed. cit. 1, 348. Niederle a. a. 0. 2, 459f. 

3") Theophanes 1, 366 und Nicephorus 36. B. A. Pancenko, 
Izvestija arch. inst. 8 (1902) 15—62 über ein Bleisiegel der ZxXußöiov (sie) 
T% Bi&vpcüP ^naQ/Jag; vgl. Schlum berger, Byz. Z. 12 (1903) 277. 



106 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

Boden zwischen Donau und Hämus bleibend niederzulassen (679). 
Während der zweiten Belagerung von Konstantinopel (717 — 718) 
waren die Bulgaren und Slawen von Kaiser Leo dem Isaurier 
gewonnen und brachten den Arabern in Thrakien empfindliche 
Schlappen bei ^). 

Es fehlt nicht an Berichten über Feldzüge der Kaiser in die 
Slawenländer. Kaiser Konstans zog 658 in die „Slavinien", unter- 
warf sie und kehrte mit vielen Gefangenen zurück. Kaiser Justi- 
nian II. durchzog 688 die „Slavinien'' siegreich bis Thessalonich, 
Kaiser Konstantin Kopronymos bekriegte 758 die „Slavinien 
Makedoniens" ^). Die kurzen annalistischen Aufzeichnungen lassen 
die Details nicht erkennen, doch sieht man, daß es sich vor allem 
um die Sicherung der Wege durch Makedonien handelte. Die 
Reste des oströmischen Territoriums waren nicht unbedeutend. 
Vieles ging in einem langsamen Zerbröcklungsprozeß verloren, 
ebenso wie in Italien das römische Gebiet von den Langobarden 
einige Generationen hindurch schrittweise verkleinert wurde. Bis 
ungefähr 679 besaß das Reich das rechte Ufer der unteren Donau. 
Die Grenze gegen das Awarenland (^ßagia) befand sich wahr- 
scheinlich dort, wo die spätere bulgarisch awarische Grenze heute 
noch durch drei parallele Erdwälle (bulg. okop) zwischen den 
Flüssen Isker und Lom bezeichnet ist ^). In Dacia mediterranea 
behaupteten die Byzantiner bis 809 das wichtige Serdica, welches 
nicht nur durch Thrakien, sondern, wie aus den Nachrichten bei 
Theophanes zu sehen ist, auch durch das Strymontal Verbindungen 
mit dem Reiche hatte. Die Küstenländer Makedoniens hat das 
Reich stets beherrscht, obwohl sich die Spuren der slawischen 
Kolonisation bis in die östliche Hälfte der Chalkidike erstrecken. 
In Griechenland wurden Athen, Theben, Korinth, Patras und über- 
haupt alle großen Städte behauptet, die daher eine ununterbrochene 
Geschichte besitzen. Dasselbe gilt von den Küstengebieten bei 
Dyrrhachion und im alten Praevalis. Dagegen sind in Dalmatia 



1) Beda (f 735) bei Migne, Patr. lat. 90 col. 571. Theophanes 
1, 397. Arab. Quellen (Tabari) bei Weil, Gesch. der Chalifen 1, 569 Anm. 
(Burdzan und Sakälib). 

2) Theophanes ed. De Boor 1, 347, 364, 430. 

3) Siehe die Karte bei meinem Fürst. Bulgarien (Text S. 412). 



Die Einwanderung der Slawen in die Hämusländer. 107 

die Umwälzungen besonders an den kleinen Territorien aller Städte 
kenntlich. 

Es war Sitte der Konstantinopler Diplomatie, daß man das 
Land der abhängigen Völker als ein Geschenk des Kaisers be- 
zeichnete. Schon Justin II. hat einer Gesandtschaft der A waren 
geantwortet, die Gepiden seien als Flüchtlinge römische Untertanen 
geworden und ihr Land sei ein Geschenk des römischen Kaisers 
gewesen ^). Dieselbe Theorie liest man über die Ansiedlung der 
Kroaten und Serben bei Kaiser Konstantin Porphyrogennetos. Gegen- 
über den Ansprüchen der Bulgaren behauptete man, das Land 
der Kroaten und Serben sei ein Geschenk des Kaisers Heraklios, 
welcher diese Stämme als Flüchtlinge aus den Ländern im Norden 
jenseits Ungarn aufgenommen und in dem von den Awaren ver- 
wüsteten Dalmatien angesiedelt habe 2). Die Haltlosigkeit dieser 
Theorie ist zuerst von Ernst Dümmler (1856) erwiesen worden. 
Bei einer friedlichen Ansiedlung hätte das Reich gewiß alle alten 
Städte, vor allem Salona, für sich reserviert und wieder erneuert 
und mit den neuen Kolonisten eine Art Militärgrenze gegen die 
nördlichen Nachbarn errichtet ^). 



1) Die Gepiden als Inr'ilvi^fg, denen ihre ;(fwp« vom Kaiser geschenkt 
wurde: Menandros frag. "28, Hist. graeci min. 2, 64. 

2) Nach Konstantin Porph. ed. Bonn. 3, 148 wurden zuerst die 
Kroaten von Heraklios angesiedelt, nachdem sie auf seinen Befehl die Awaren 
vertrieben haben. Die Serben erhielten vom Kaiser angeblich die Stadt 
Serblia in der Provinz von Thessalonich (jetzt Servia, türk. Serfidze) im 
Tal des Haliakmon, zogen wieder zurück zur Donau bei Belgrad, gaben 
aber dort die Rückwanderung auf und wurden von Heraklios in den Land- 
schaften von Serblia, Pagania, Zachlumia, Terbunia und Canali angesiedelt 
(cap. 32 p. 152 — 153), also zuerst in einer kleinen engen Stadt, ein zweites 
Mal in der Hälfte des alten großen Dalmatiens. Diese Episode ist offenbar 
aus dem Namen der Stadt Serblia konstruiert. Im Widerspruch zu diesen 
Erzählungen wird an einer anderen Stelle Epidaur mit andern xüarQu von 
den Zxkdßot, zerstört (cap. 29 p 136 — 137). 

3) Über Konstantins Berichte eine große neuere Literatur iDobrowsky, 
§afafik, Zeuß, Tafel, Dümmler, Gfrörer, Racki (besonders 
Knjizevnik 1, 1864, 36f, Doc. mit Kommentar und Rad 59, 1881, 201 f 
gegen Grot und Florinskij), Rambaud, Drinov, Hirsch, Nova- 
koviö, Grot (Die Nachrichten des Konst. Porph. über die Serben und 
Kroaten, russ., Petersburg 1880), Florinskij, Jagic, Jirecek (vgl. 



108 Zweites Buch. Zweites Kapitel. 

Die mittelalterlichen Sagen der Südslawen verlegten die Ur- 
heimat in den Norden. Am klarsten formuliert ist dies in der 
Notiz des Konstantin Porphyrogennetos , daß die Familie (yeved) 
des Fürsten Michael von Zachluraien von den damals (um 948) 
noch heidnischen Slawen an der Weichsel (Bia?M , poln. Wisla) 
abstamme ^). Andere Ursprungsgeschichten bei Kaiser Konstantin 
sind Kombinationen des 10. Jahrhunderts auf Grund der Ähn- 
lichkeit einiger Stammnamen im Norden und Süden. Die Ur- 
heimat der Chorvateu und Serben soll jenseits der Bayern und 
Ungarn gelegen sein, in zwei damals noch heidnischen Gebieten, 
an der Grenze Ottos I., des Königs von „ Frangia und Saxia". 
Der Fürst der „Belochrovati^' oder Weiß-Kroaten (aa/tQoi XQwßccToi) 
sei Otto I. Untertan, aber auch den Ungarn befreundet. Die Weiß- 
Serben {aOTZQOi ^eQßXoi), unter erblichen Fürsten, v\''ohnen eben- 
falls jenseits der Ungarn in einer Landschaft Boiki, benachbart 
den Franken und den Weiß- Kroaten -). Die Nachbarschaft zum 
deutschen Reich zeigt, daß diesen Korabinationen einige etwas 
unklare Nachrichten über die damals noch heidnischen Sorben an 
der mittleren Elbe und über die in dieser Zeit schon christiani- 
sierten, aus Denkmälern des 10. Jahrhunderts bekannten Chor- 
vaten in Böhmen am Eiesengebirge zugrunde liegen. Auch die 
älteste russische Chronik hat Kenntnis von „ weißen Chorvaten " 
(Chorvate belli), aber im Süden, benachbart den Serben (Serb) 
und Karantanen (Chorutane) •^). Bei Presbyter Diocleas liegt 

Kom. Dalm. 1, 31) u. a. Zuletzt Bury, The treatise De administrando 
imperio, Byz Z. 15 (1906) 517—577 mit dem Nachweis, daß dieses Buch 
des Kaisers, eine unfertige Masse von Nachrichten und Auszügen voll Wider- 
sprüche, nie eine Schlußredaktion erfahren hat. 

1) Kon st. Porph. ed. Bonn. 3, 160. Dunkel ist der Beiname der 
BiaXa als ziirCixT]; vgl. Niederle a. a. 0. 2, 276. 

2) Böixi deutete Safafik als Land der kleinrussischen Bojken (Sing. 
Bojko) in Galizien. Doch dieser Name ist ein moderner Spitzname, nach 
Werchratskij, Arch. slaw. Phil. 16 (1894) 591 f. von der Bejahungs- 
partikel boje ja, jawohl; vgl. die südslawischen Kajkavci, Cakavci, Ötokavci 
von der Fragepartikel kaj, ca, sto was? Man kehrt zu der vor Öafafik 
aufgestellten Deutung des Namens als Boixq zurück, Boiohaemum der ßömer- 
zeit; vgl. Jagic, Arch. slaw. Phil. 17 (1895) 71. 

3) Die Chronik kennt auch „ Chorvaten " in Rußland, doch ohne nähere 
Angabe der Wohnsitze, die man im östlichen Galizien sucht. 



Die Einwanderung der Slawen in die Härausländer. 109 

„Croatia alba" gleichfalls am Adriatischen Meere, bei Salona und 
Zara. Drei Jahrhunderte nach Kaiser Konstantin weiß noch 
der Archidiakonus Thoraas von Spalato, daß die Kroaten „de 
Polonia seu Bohemia" nach Dalmatien gekommen seien. Die 
nordslawischen, russischen, polnischen und böhmischen Chronisten 
um 11 00 — 1500 suchten umgekehrt die Urheimat aller Slawen im 
Süden, an der Donau und in den Balkanländern, teils in Bulgarien 
und Ungarn, teils in Kroatien und Serbien. Diese Vorstellung ist 
nach den Untersuchungen von Niederle entstanden aus der Welt- 
geschichte, wie sie die Bibel bot, mit dem Marsch vom Turmbau 
zu Babylon über den Bosporus nach Europa ^). 



1) Bei Nestor, Kadlubek, Boguchwal, Diugosz, in der alt- 
böhm. Reimchronik des sogenannten Dalimil, bei Pulkava: Niederle, 
Slov. starozitnosti 1, 34 f. 



Drittes Buch. 

Die Serben im früheren Mittelalter 
(7.— 12. Jahrhundert). 



Erstes Kapitel. 

Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert, ihre Landschaften, 
Fürsten, Stamm- und Familienverfassung ^). 

Die von dem Verfasser der Strategica befürchtete Entstehung 
einer „Vereinigung oder Monarchie" beiden Slawen ließ auch nach 
der Ansiedlung in den Ländern südlich von der Donau auf sich 
warten. Die Slawen waren dort lange Zeit geteilt in eine Menge 
kleiner Stämme, welche bald unter die fiktive oder wirkliche Ober- 
hoheit von Byzanz gerieten. Die Bildung größerer Staaten ist 
jüngeren Datums, aber auch da hat kein slawisches Reich des 
Mittelalters alle Slawen der Halbinsel in seinen Grenzen ver- 
einigt. 

Als Gesamtname der Stämme galt bei Griechen und La- 
teinern lange noch der der Slawen. Das ganze Binnenland der 
Halbinsel zwischen Zara, Thessalonich und der Rhodope hieß im 
7. — 10. Jahrhundert griechisch „die Slavinien" {^/JMßivlai), 
lateinisch Sclavenia, Sclavonia, seltener Sclavinica. Bei 
Konstantin Porphyrogennetos gehören die Chorwaten, Serben, Dio- 
klitier und die übrigen benachbarten Stämme zu den „Slavinien". 

1) Beschreibungen der Slawen von Illyricum aus dem 7. — 8. Jabrh. 
fehlen. Hauptquelle sind die Werke des Kaisers Konstantin Porphyrogennetos 
(um 948). Die arabischen Geographen bieten wenig. Die bei Masüdi, 
einem Zeitgenossen Konstantins , genannten heidnischen Surbin sind nach 
Marquart, Osteurop. und ostasiat. Streifzüge (Leipzig 1903) 102, 106 f. 
die Sorben der Lausitz. Ebenso gehören die zwischen Morava (Mähren) 
und ^achin (Cechen) genannten Chorwätin des Masüdi in das nordslawische 
Gebiet. Eine Sammlung der Quellen 600—1100 bei Racki, Documenta 
zur altkroat. Geschiel te (Mon. slav. mer. Bd. 7). Vgl. meine Studien über 
das mittelalterliche Serbien in den Denkschr. W. Akad. 1911. 
Jirecck, GescMohto der Serben. I. 8 



114 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

Das „Volk der Slavinen" {Id-Xaßhwv ed-vog) bewohnt bei Nike- 
phoros Bryennios die Länder von Makedonien bis zur Donau 
(1072); bei Michael Rhetor von Thessalonich (um 1150) heißen 
die Serben Slavinen, ebenso noch bei Niketas Akominatos (um 
1204) die Dalmatiner. Zäher behauptete sich der Name bei den 
Lateinern. In abendländischen Quellen ist „Sclavorum rex" so- 
wohl der König der Kroaten, als der König von Dioklitien. Im 
13. — 15. Jahrhundert war Sclavonia der allgemein bekannte Ge- 
samtname für das ganze Land von Istrien bis zur Mündung der 
Bojana, landeinwärts vom Adriatischen Meere bis zur Drau und 
Donau. Dazu gehörte sowohl Serbien, mit dem „rex" oder „im- 
perator Sclavonie" der Denkmäler von Venedig, Ragusa und 
Cattaro, als ganz Kroatien mit dem „banus tocius Öclavonie" und 
dem kroatischen Landtag, welcher noch im 18 Jahrhundert ein 
altes Siegel von 1497 mit der Aufschrift „Sigillum nobilium regni 
Sclavonie" führte^). Mit der türkischen Eroberung verschwindet 
der Name in seinem alten Umfang. Sein letzter Überrest ist seit 
dem 17. Jahrhundert das jetzige kleine Slawonien zwischen der 
unteren Drau und der Save. Das Volk von Venedig nennt aber 
die Dalmatiner noch immer Schiavoni. Am längsten behauptete 
sich die alte ethnographische Terminologie bei den Rumänen und 
Albanesen, wo die Bezeichnung der Slawen und ihres Landes auf 
lateinisch Sclavi, Sclavinia und Sclavinica zurückgeht "^). 

In der geographischen Nomenklatur sind die römischen Pro- 
vinznamen langsam verschwunden. Ohne Unterbrechung behauptet 
sich der Name Dalmatiens, aber in der Regel beschränkt auf 
die Küste mit den Inseln. Sein alter Umfang war aber nicht so 
bald vergessen. Bei den Griechen der Komnenenzeit erscheinen 
die Serben meist als Dalmater. Die Burg Ras liegt bei Kinnamos 
in Dalmatien, Skutari bei dem serbischen König Stephan dem 
Erstgekrönten „im wahren Dalmatien'', Antivari und Dulcigno 
bei Thomas von Spalato in „superior Dalmatia''. Literarischen 

1) Vjesnik arheol. N. S. 1 (1895) 21. 

2) Rumänisch der Bulgare , besonders in älteren Urkunden , Scheiu, 
Plur. Scheie; albanesisch der Slawe, im Süden der Christ überhaupt Skl'a, 
Ska, das Slawenland im Dialekt der Gegen SKenija (aus Sclavinia), bkinik^a 
(aus Sclavinica). 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 115 

Ursprungs ist die spätbyzantinische Bezeichnung der Serben als 
Daker oder Trib alier. Sie gehört zu der Mode der Um- 
nennung gleichzeitiger Völker mit antiken Namen, welche noch 
dem Kaiser Konstantin Porphyrogennetos fremd war, aber im 
11.— 15. Jahrhundert in den historischen und rhetorischen Werken 
der Griechen vorherrschend ist. 

Die slawische Landeseinteilung hatte mit der des Altertums 
nichts mehr gemeinsam. Die neue Einheit war die Zupanija 
oder Zupa, kleiner als der deutsche Gau, in der Regel nur ein 
Flußtal oder ein Becken des Karstgebietes umfassend i). Die 
meisten Namen der Zupen waren Flußnamen, wie Lepenica, To- 
plica, Crmnica, seltener eigene Landschaftsnaraen, wie Dubrava oder 
Hvostno, noch seltener Burgnamen, wie Rudnik oder Budimlja. 
Später wurde eine Zupa oft geteilt in eine obere und untere, nach 
dem Flußlauf Die Grenze der Zupen bildete ein unbewohntes 
Wald- oder Berggebiet, ohne feste Linien ; noch das Gesetzbuch 
des Zaren Stephan regelt die Verantwortlichkeit für Diebstahl 
und Raub in dem öden Landstrich „ zwischen den Zupen " -). Der 
Mittelpunkt war eine Burg (grad), welche die Einwohner der Zupa 
stets zu bewachen und im Stande zu halten verpflichtet waren. 
Eine Bezeichnung für Teile der Zupa ist auf serbischem Boden 
nicht erwiesen, während in Kroatien schon im Mittelalter eine 
„Unter-Zupanie'^ (podzupanija) vorkommt. Die Zupen waren ver- 
einigt in größeren Landschaften (slaw. zemlja, byz. y^Qa, lat. 
terra, regio), welche vom 9. Jahrhundert an wohl bekannt sind 
und fortan den Rahmen der Landesgeschichte bilden. Die des 
Küstenlandes werden noch in den serbischen Königstiteln des 
13. — 14. Jahrhunderts genau aufgezählt 

Die südlichste Küstenlandschaft, ein Teil des ehemaligen Prae- 
valis, führte ihren Namen von der Römerstadt Doclea, die Kon- 



1) Verzeichnisse schon bei Konst. Porph. yilovnavCu, slaw, nur zupa, 
unbekannten Ursprungs) und Diocleas: vgl. Novakovic, Godignjica 1 
(1877) 1(53-243, Glasnik 48 (1880) 1—151, meine Handelsstraßen und 
Bergwerke 19 f. Jetzt Zupa mitunter als Landschaftsname: bei Ragusa 
(ital. ßreno), Cattaro (das alte Grbalj), Niklici in Montenegro und Krusevac 
in Serbien. 

2) Zakonik, Art. 58, 158 ed. Novakovic. 

8* 



1(J1 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

stantin Porphyrogennetos mit einer Anpassung des Namens an 
den Kaiser Diol^letian nur mehr als verödete Ruine (iQriuoAaarQOv) 
Dioklia kennt. Das Land hieß lateinisch Dioclia, griechisch 
Jioy.leia, bewohnt von den Diokliern oder Dioklitiern (Jicxleig, 
JiOAlr^Tiavoi), serbisch D i o k 1 i tij a. Das Adriatische Meer nannten 
die Serben das „Dioklitische Meer'^ (more Dioklitijsko), den See 
von Skutari den „Dioklitischen See" (Dioklitijsko jezero) ^). Lang- 
sam wurde seit dem 11. Jahrhundert der Name Dioklitiens ver- 
drängt durch den der Zeta (lat. Zenta, Genta), einen Flußnamen 
des Landes; so heißt ein starker Nebenfluß der Moraca im Zen- 
trum des heutigen Montenegro. Es gab eine Landschaft Ober- 
Zeta im Gebirge, eine Unter-Zeta am See von Skutari und am 
Meeresufer 2). Das Küstengebiet Diokhtiens mit den zahlreichen 
alten Städten wurde Primorje oder Pomorje genannt („beim 
Meere'", „am Meere"), lateinisch Maritima. Es war lange im 
Besitz der Byzantiner, politisch und kirchlich zur Provinz von 
Dynhachion gerechnet. Im Golf von Cattaro gehörte die Süd- 
seite zu Dioklitien, die Nordseite zu Travunien; erst durch die 
venezianischen Eroberungen nach 1683 wurden beide Ufer zu 
einer Einheit verbunden. Im Binnenlande fiel die Grenze Dio- 
khtiens mit der Vvasserscheide zwisclien der Donau und Adria 
zusammen. Die Nordgrenze befand sich zwischen den Quellen 
der Zeta und Piva, die Ostgrenze in der waldigen Umrahmung 
des Limgebietes und in den hohen Gebirgen auf der Ostseite des 
Sees von Skutari, in denen das Bistum von Polatum (altserb. 
Pilot) samt der Landschaft Arbanum bei Kroja dem byzantinischen 
Gebiete angehörte ^). Die Bevölkerung Dioklitiens war sehr ge- 
mischt, mit zahlreichen Resten der älteren Einwohner, Albanesen 



1) Domentiau ed. Danicic 298. Stojauovic, Zapisi 1, S. 140 
nro. 445. 

2) Zeta (wohl illyrischen Ursprungs) heißt auch ein linksseit ger Zu- 
fluß des Schwarzen Drim in der Dibra. Zuer.st Zivxu bei Kekaumenos 
(um 1080) ed. Vasiljevskij und Jernstedt p. 27. Zur Palatalisierung des 
Anlautes in der ital. Form Genta vgl die venezianischen Formen Vinegia, 
Nestagia für Venetia, Anastasia, die ihre Entstehung einer unrichtig ange- 
wendeten Analogie verdanken. 

3) Polatum (jetzt Pulati): vgl. meine Handelsstraßen 17. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 117 

und Romanen, zwischen den neuen slawischen Ansiedlern. Des- 
halb war dieses Land noch in der Zeit des Kaisers Konstantin 
politisch bedeutungslos. 

Gegen Norden folgte zunächst die Landschaft zwischen Ra- 
gusa und Cattaro, genannt Tribunium, Tribunia, später Tribigna, 
griechisch Teqßovvia, bewohnt von den Terbuniaten oder Tribu- 
niern, slawisch Trebinje genannt, aber in den Titeln der ser- 
bischen Könige stets in der gräzisierten Form der byzantinischen 
Kanzleien geschrieben als Travunia (auch Trevunia, Trovunia). 
Der Name ist wohl illyrischen Ursprungs, von den Slawen (mit 
Anklang an trebiti, ausroden) umgeformt ^). Das wichtigste Ge- 
biet im Innern war das obere Tal des Flusses von Trebinje, der 
Trebinjsdica. Eine der Zupen dieses Landes war den Byzantinern 
besser bekannt, weil sie am Meere gelegen war, um das warme 
und fruchtbare Becken des Flusses Ljuta herum, welcher aus 
einer mächtigen Quelle hervorspringt und nach kurzem Lauf 
wieder unterirdisch zum Meer abfließt: KaiaXq, lat. Canali, Canale, 
slawisch Konavli (Plur. , im Gen. Konavala). bewohnt von den 
Kanaliten (Kavalelvai) ^). Diese Landschaft hatte ihren Namen 
von dem langen, durch seine Viadukte und Felskanäle auffallenden 
Aquädukt (canalis) der römischen Stadt Epidjiur, deren Ruinen 
sich an der Küste dieser Zupa befanden. 

An der Seeküste von Ragusa gegen Norden bis zur Narenta 
und im unteren Narentatale selbst lag das Land Hlm, zu Ende 
des Mittelalters Hum, Humska zemlja (kirchenslaw. chltmi, Hügel, 
altserb. hlm, neu hum)), auch Zahlmije („jenseits des Hügels") 
genannt, die Zaxkovi.aov /w^a des Kaisers Konstantin, lateinisch 
Chelmania, Chulmia oder „terra de Chelmo". Es war ein 
von Natur aus reicheres Gebiet, dessen Fürsten lange eine selb- 



1) TtQßovviÜTat, -iwTca (Theoph. Cont. 288), cig^ojv lüiv T^aßoivtav 
(1, 691) bei Konst. Porph., TQißovvtog bei Kekaumenos p. 25. Vgl. 
das Kastell Tribulium im nördlichen Dalmatien bei Pliuius, Nat. bist. 
III § 142 und das Gebirge Terbuni im Gebiet der Mirediten. Der Vokal- 
wechsel in Terv-, Trav-, Triv- (Trib-), Trev- (Treb-), Trov- ist nicht slawisch. 

2) Vgl. Artur Gavazzi, Die Seen des Karstes, Abb. der k. k. 
geograph. Ges., Bd. 5 (1904) Nro. 2, S. 123: das „polje" von Canali, 
11 . 62 qkm groß, von der Ljuta jährlich 2—3 Wochen lang überschwemmt. 



118 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

ständige Rolle spielten, bis sich im 15. Jahrhundert hier eine neue 
politische Formation, das „Herzogsland", die wohlbekannte Herze- 
gowina bildete. Die Grenze zwischen Trebinje und Chelmo be- 
gann bei Ragusa; sie wird von Orbini (l60l) und von der heu- 
tigen Tradition ganz genau angegeben ^). Der Hauptort der 
Landschaft befand sich 10 Kilometer südöstlich von der jetzigen, 
erst zu Beginn der Türkenzeit gegründeten Stadt Mostar: die 
Burg Blagaj, unter deren Felsen der Fluß Buna aus einer Höhle 
entspringt und nach kurzem Lauf in die Narenta fällt. Konstantin 
Porphyrogennetos erwähnt in diesem Lande einen großen Berg 
mit zwei Schlössern auf dem Gipfel, Bona und Chlum, und dabei 
einen Fluß Bona 2). Vielleicht waren es nur zwei Namen , ein 
römischer und ein slawischer, für eine und dieselbe Burg, die 
wieder mit der illyrischen Stadt Bunnos des Stephan von Byzanz 
identisch sein kann. Der slawische Name Blagaj ist überdies nur 
eine Übersetzung des lateinischen Bona (slaw. blag: bonus) '). 
An der Küste besaßen die Zachlumier die 68 Kilometer lange ge- 
birgige Halbinsel, welche man jetzt Sabbioncello, slawisch Peljesac 
nennt; im Mittelalter hieß sie Puncta Stagni, slawisch Stonski 
Rat. Die Burg Stagno (slaw. Ston, byz. 2tayv6v, ^lauvov , lat. 
Stamnum, Stamum) bewachte den slawisch Prevlaka genannten 
Isthmus am Ostende der Halbinsel. Sie lag nahe bei dem Süd- 
eingang eines kaum einen Kilometer langen bogenförmigen Ein- 
schnittes zwischen Felswänden, durch welchen man kleinere Schiffe 
von der Narentamündung in das Meer von Ragusa hinüberzu- 
ziehen pflegte ^). Der Name der Landschaft ist seit der türkischen 
Eroberung außer Gebrauch gekommen ; im Volksmunde heißt aber 
der niedrigere, westliche Teil der Herzegowina noch immer 



1) Vgl. Orbini .393 mit Naselja 2, 1151. 

2) Der noraubg ZayXovfxa des Kon st. Porph. 3, 160 scheint mit 
dem kurz zuvor genannten noTn/uö; Bova identisch zu sein. 

3) Vgl. meine Handelsstraßen 25 f. Radimsky, Das BiScepolje bei 
Mostar, Wiss. Mitt. 2 (1894) 3—34, mit Abb. und Karte. 

4) Prevlaka entspricht wörtlich dem altgriech. dioXxog , der Schlepp- 
bahn für Schiffe auf dem Isthmus von Koiünth, und den russ. volok, Schlepp- 
bahnen zwischen den Flüssen Rußlands. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhimdert usw. 119 

Humnina oder Huraina, gegenüber den Gebirgslandschaften des 
Innern, den Rudine ^). 

In dem einstigen Lande der illyrischen Ardiäer saßen an der 
von hohen Gebirgen überragten Küste zwischen den Mündungen 
der Narenta und Cetina die Narentaner, als Heiden von den 
dalmatinischen Romanen Pagani genannt, berühmt durch ihre 
Seeräuberei. Ihr Land, steil und unzugänglich, soll nach Kaiser 
Konstantin nur drei Zupanien umfaßt haben. Im späteren Mittel- 
alter hieß das Küstengebiet mit dem Hauptort Makar (das röm. 
Mucur, jetzt Ruinen Makar bei der Hafenstadt Makarska) Krajina 
(Crayna), das „Grenzland" ^j^ seine Einwohner, die ihren Ruf als 
Piraten nicht eingebüßt hatten, Krajinjaue (Craynenses). Das be- 
rühmteste Piratennest war aber das an der Mündung der Cetina 
gelegene Alraissa (kroat. Olmis, später Omis). 

Das Tal der Cetina selbst gehörte schon zum Herzogtum der 
Chrovaten (XQtoßäTOi), das zuerst in der Karolingerzeit nach 
800 genannt wird. Der „Chroatorum dux'' hatte seine Residenzen in 
den fruchtbaren Gebieten an der Meeresküste: in CUssa (kroat. 
Klis) bei den Ruinen von Salona, in Biaci bei Trau, in Belgrad 
(Belgradum, jetzt ital. Zara vecchia, kroat. Biograd primorski), in 
Nona (kroat. Nin). In der Zeit Kaiser Konstantins waren die 
äußersten Zupen Kroatiens gegen Süden und Osten die von Imota 
(jetzt Jmoski), Cetina, Hlevno (jetzt Livno) und Pleva (Fluß PUva 
in Bosnien). Im Nordwesten erstreckte sich Kroatien damals bis 
in die Berge Istriens. Die vom Kaiser erwähnte Art der Ver- 
waltung der Zupen von Krbava, Lika und Gadska im Gebirge 
des Velebit und der Kapela durch den Ban als Stellvertreter des 
kroatischen Fürsten zeigt, in Verbindung mit den Nachrichten aus 
der Karolingerzeit, daß dies ein später erworbenes Gebiet war. 
Konstantin Porphyrogennetos kennt auch andere Chrovaten in 
Pannonien, die einen selbständigen Fürsten haben; das ist der in 
Siscia residierende „dux Pannoniae inferioris" in den Quellen der 
fränkischen Zeit. 

Im Innern, ferne vom Meere und der Donau, lag nach der 



1) Cvijic, Glas 57 (1899) 180; Naselja 2, 681 f. 

2) Zuerst 1185: Smiciklas, Cod. dipl. 2, 193. 



120 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

Schilderung des Konstantin Porphyrogennetos das Land der ur- 
sprünglichen, eigentHchen Serben i). Zuerst erscheinen die Serben 
822 in den fränkischen Annalen, die man Einhard zuschreibt, als 
ein mächtiges Volk, welches einen großen Teil Dalraatiens (im 
römischen Sinne) besitzen soll: „Sorabi, quae natio magnam Dal- 
matiae partem obtinere dicitur." Nach der Beschreibung des 
Kaisers Konstantin waren die Serben die östhchen Nachbarn der 
Küstenstämme, der Dioklitier, Travunier und Zachulmier; sie 
wohnten also jenseits der Wasserscheide zwischen der Adria und 
der Donau ''). Im Süden grenzte ihr Gebiet bei den Quellen des 
Lim und auf den Kämmen der Prokletja an das byzantinische 
Bergland von Polatum. Ihre Ostgrenze war durch die viel um- 
worbene Grenzburg Ras (Fäoov, 'Pdarj) am Flusse Raska bei Novi- 
pazar bezeichnet. Im Nordosten ist im 8. Jahrhundert die Grenze 
gegen die Awaren anzusetzen, welche Sirmium und wahrscheinlich 
auch das einstige Obermösien noch lange beherrschten. Das Land 
der eigentlichen Serben umfaßte demnach das Gebiet des Lim und 
der oberen Drina, samt der Piva und Tara, das Tal des Ibar 
und den Oberlauf der westlichen Morava. Die Lage der bei 
Kaiser Konstantin genannten Burgen des Serbenlandes läßt sich 
nicht sicher bestimmen. In der Gegend von Sjenica oder Prjepolje 
ist zu suchen die Hauptburg Destinikon oder Dostinika (rö Jean- 
vUov, fi JootivUa, serb. Dts[t]nik?). Tö MeyuQarovg, wohl Medju- 
reßje, „zwischen den Flüssen", also ein serbisches Interamna oder 
Mesopotamia, erinnert an die zwei in späteren Jahrhunderten ge- 
nannten Medjurecje; eines war Unterstadt der Burg Samobor am 
rechten Drinaufer unterhalb Gorazda, das zweite die Unterstadt der 
Burg Sokol am Zusammenfluß der Piva und Tara. Über die 
Lage von drei anderen Burgen lassen sich kaum Vermutungen 

1) ZfQßXCa, bewohnt von den Z^Qßkoo, in der Zeit der Komneneu ohne 
X: ZiQßov, Z^Qßioc im Lande ZiQßiu, Ztoßixri, slawisch Srblin, Plur. Srbli, 
später (ohne 1) Srbin (Adjektiv stets nur: srpski), das „regnum Servilie" in 
kirchliehen Urkunden der Ragusaner des 13. Jahrhunderts. 

2) Presbyter Diocleas erwähnt in den Bergen längs dieser Wasser- 
scheide eine langgedehute eigene Landschaft Podgorje,lat.Submontana, 
mit den Zupen von Eama, Nevesinjo, Piva, Onogost, Moraca u. a. , ihre Exi- 
stenz ist aber durch andere Quellen nicht erwiesen. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. l:il 

aufstelleu ^). Von den nach 1200 genannten und noch jetzt be- 
kannten Orten gehören in dieses Gebiet: Brskovo an der Tara, 
Breznica (jetzt Plevlje mit dem Kloster Vrhobreznica) , Sjenica 
zwischen Plevlje und Novipazar, Budimlja und Bjelopolje am Lim, 
Gradac (jetzt Cacak) an der westlichen Morava. 

Das Land der Serben nahm durch seine Lage auf dem Ost- 
abhang der Gebirgskette von den albanesischen Alpen bis zu den 
Quellen der Narenta, in welcher die Bergriesen Visitor, Kom und 
Durmitor emporragen, eine dominierende Position über den um- 
liegenden Tälern ein. Die lange Front gegen Nordost bot eine 
feste Stellung gegen die Awaren, später gegen die Bulgaren und 
Ungarn. Durch ihren Widerstand gegen das Vordringen der 
Bulgaren wurden die Serben im 9. — 10. Jahrhundert der mäch- 
tigste aller dieser Bergbtämme, als Bundesgenossen gesucht von 
den Byzantinern, denen damals jede Erweiterung der Macht 
Serbiens sehr gelegen kam. Ihre Rivalen waren die Zachlumier. 
Die Travunier sind nach der Erzählung des Kaisers Konstantin 
durch Heiraten ihrer Fürsten von den Herrschern der Serben ab- 
hängig geworden, die sich dadurch den Zutritt zum Meere erwarben, 
Konstantin Porphyrogennetos nennt im Besitze der Serben auch 
das Ländchen Bosna im oberen Bosnatale, mit Salines (Tuzla). 
Er bemerkt ausdrücklich, daß Serbien an Kroatien grenze und 
zwar an die kroatischen Zupen von Hlevno und Cetina -), und 
daß Fürst Peter (um 891 — 917) auch Pagania, das Land der 
Narentaner, beherrscht habe ^). Noch im 12. Jahrhundert schreibt 
Diocleas, Surbia oder lateinisch Transmontana sei in zwei „pro- 
vincias" geteilt; die eine, „a magno flumine Drina" gegen Westen 
heiße Bosna, die andere „ab eodem flumine Drina'' bis zum Flusse 
Lab (bei Pristina) werde Rassa genannt ^). Erst die Angriffslcriege 

1) TCfQvetßovaxf^ (cm schwarz, das zweite Nomen unklar, mit Adjektiv- 
endung -ski), zJotavtrjx (Dreznik) und Atavrix (Ljesnik), ed. Bonn. 3, 159; 
vgl meine Handelsstraßen 33. 

2) Die /üip« T^f XnutßcaiaQ . . . nltjaiüCd t^f ngog Ttjv TC^vTiva xcd 
T7]v Xkißiva Tij xojocc 2tQßXittg, Serblia noog äoxTov Sh nlrjaidCii T^ Xoo)- 
ßuTÜc. Kon st. Porph. 3, 146. 

3) Eig TluyavCav ttju t6t€ ticiqu toü üo^ovro; 2!tQß).iag Siuxqutov- 
fi(vt]v. Kon st. Porph. 3, 156. 

4) Diocleas ed. Crncic p. 17. 



133 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

der Bulgaren haben im 10. Jahrhundert diese Erwerbungen ein- 
gestellt. Der Name der Serben wurde langsam ein Gesaratname 
für die Nachbarstämme, ebenso wie sich in den nordslawischen 
Ländern der Name der eigentlichen Cechen über die in der 
Gründungsurkunde des Bistums von Prag aufgezählten Stämme 
Böhmens verbreitete, oder der Name der Polanen bei Gnesen über 
alle polnischen Stämme. Kaiser Konstantin bezeichnet auch die 
zu seiner Zeit (um 948) ganz selbständigen Zachlumier als Serben 
und bemerkt in den Einwanderungssagen, daß die „Serbli" nicht 
nur in Serblia, Zachlumia und Terbunia wohnen (Dioklia fehlt an 
dieser Stelle), sondern auch in Pagania ^). Bei Kekaumenos (um 
1080) ist Fürst Stephan Vojslav einmal ein travunischer Serbe 
(6 Tqißovviog 6 ^egßog), Herr von Dioklia, an einer zweiten Stelle 
aber ein Dioklitier {JLOv.Xr^Tiavög), Toparch von Zeta und Stamnon 
(Stagno) -). Verwechslungen der Serben und Kroaten kommen 
bei den Byzantinern erst im 11. Jahrhundert vor ^). 

Noch weiter entlegen vom Meere und von den großen Ver- 
kehrswegen war das Land Bosna, im Mittelalter lateinisch Bosona, 
Bossina genannt, zuerst bei Konstantin Porphyrogennetos erwähnt 
{Booiova). Es erhielt seinen Namen vom Flusse Bosna, dem 
Basanius der Römerzeit, und umfaßte ursprünglich nicht mehr als 
das obere Gebiet dieses Flusses. Bei Diocleas und Kinnamos, 
ebenso wie in späteren Nachrichten erscheint als ständige Grenze 
zwischen Bosnien und Serbien das tiefeingeschnittene Tal der 
Drina *). Als eigene Landschaften werden in den Titeln der bos- 
nischen Bane und Könige genannt die Landschaft Usora am 
gleichnamigen Flusse und das Gebiet um die Salzquellen von Sol 
(jetzt türk. Tuzla) ^). Ein Verzeichnis der Zupen von Bosnien 



1) Kon St. Porph. 3, 153, 160. 

2) Kekaumenos p 25, 27. 

3) Tö Twv XooßdTojv (d-fug, ovg 6tj xal 2!iQßovg zivtg xccXouat Zonaras 
XVIII cap. 17 = TÖ t6)v Z^oßwv s&vog, oPg St] xal XQoßurag xuXovat Ke- 
drenos 2, 714. 

4) UoTuubg ^ovvug ... BöaS-rav T^f äklrjg J^egßixfjg Siatoit. Kinna- 
mos III, 7. 

5) Soli in den Titeln ist der Dativ von Sol; vgl. Daniciö, 
Ejecnik. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 133 

gibt es erst aus dem Jahre 1244 ^\ Bosnien hatte ein eigenes 
erbliches Fürstengeschlecht, welches im 10. Jahrhundert ebenso 
wie das der Travunier, den Serbenfürsten untergeordnet war, 
aber im 12. Jahrhundert als von ihm nicht abhängig erscheint-). 

Unbekannt sind die Namen der slawischen Stämme im Zentrum 
der Halbinsel, zwischen Ras und Serdica. Das untere Moravatal 
war lange im Besitz der Awaren, welche ursprünglich die west- 
lichen Nachbarn der Bulgaren waren ^). Im Donaugebiet erwähnen 
fränkische Quellen die Timocanen (Timociani 818) am Flusse 
Timok, ferner in „Dacien an der Donau" (Daciam, Danubio 
adiacentem) in der Nachbarschaft der Bulgaren die „Abodriti, qui 
vulgo Praedenecenti vocahtur" (824), „ Oster- Abtrezi " des bay- 
rischen Anonymus, slawisch vielleicht Bodrici, die Safafik im 
Bodroger Komitat, im Banat und an der Mündung der Morava 
suchte ^). Die Bezeichnung des Bischofs von Morava oder Bra- 
nicevo (röm. Viminacium) im 11. — 12. Jahrhundert (o MoQccßov 
TjTOL BQaviT^aßov) zeigt, daß ein großer Teil des ehemahgen Ober- 
mösiens einfach Morava genannt wurde ^). 

An der Spitze der einzelnen Stämme standen im 10. Jahr- 
hundert erbliche Fürstenfamilien. Den Fürsten nannte man grie- 
chisch ccQxcov, in lateinischen Denkmälern in Serbien *'), Kroatien, 
Zachlumien und ursprünglich auch in Bosnien '') dux. Der ein- 
heimische Name ist nicht überliefert; den slawischen Namen voje- 
v d a (Heerführer) erwähnt Kaiser Konstantin nur bei den 



1) Smiciklas, Cod. dipl. 4, 236f. 

2) 'Earl ät r) Boa&va ov tBv Zioßimv ngyil^ovnävoy xuX aiiTJ] tYxovaa, 
ä).V f&vo; tSta naou jnvTr] y.ai Lwv xiu itnyöufvov. Kinnamos a a. 0. 

3) Wohnsitze der Bulgaren zwischen Donau und Hämus , noö; dvaiv 
fi^XQi 'Aßaolag: Theophanes ed. De Boor 1, 359. 

4) Die Zusammenstellung der Praedenecenti mit Branicevo bei Sa- 
fafik und Zeuß geht lautlich zu weit. 

5) Geizer, Byz. Z. 1 (1892) 257; 2 (1893) 52—53, Die Burgen 
MioQÜßov (Branicevo) xai BtXiyQiidon' bei Kedrenos 2, 527. Ein Ort des 
Bistums von Branicevo hieß Monößiaxog, wohl Moravtsk^: Novakovic 
Glas 76 (1908) 37. 

6) „Unus ex ducibus eorum" (der Serben) 822: Einhards Annalen, 
Mon. Germ. SS. 1, 2U9 (Racki, Doc. 327). 

7) Dux Bossine: Stat. Ragus. III cap. 52, 56. 



124 Drittes Bacb. Erstes Kapitel. 

Magyaren^), während der Titel knez bei den Südslawen erst um 
1050 nachweisbar ist. Die Fürsten der eigentlichen Serben waren 
nach Konstantin Porphyrogennetos Nachkommen eines Brüder- 
paares; der eine Bruder war der zuer.st in Serbien eingewanderte 
Stammfürst, der andere der Stammvater des Herrscherhauses der 
in der nördlichen Urheimat zurückgebliebenen Serben. Nach dem 
kaiserlichen Geschichtschreiber soll es ein nach dem Recht der 
Erstgeburt erbliches Geschlecht gewesen sein, aber die späteren Ver- 
hältnisse sprechen eher für eine Senioratserbfolge innerhalb der 
Familie, mit Teilungen des Landes, die im 9. — 13. Jahrhundert 
oft erwähnt werden und zwischen Brüdern und Vettern Anlaß zu 
so vielen Rivalitäten und Fehden boten -). Kaiser Konstantin be- 
ginnt die Serie der Serbenfürsten mit Vyseslav (um 780) und 
dessen Sohn Radoslav, doch die erste klare Persönlichkeit ist 
Radoslavs Enkel Vlastimir (um 85u). Über das Fürstengeschlecht 
der Dioklitier macht der Kaiser keine näheren Mitteilungen, doch 
hat man ein Bleisiegel eines sonst nicht bekannten Fürsten Peter 
von Dioklia aus dem 9. — 10. Jahrhundert gefunden •*). An der 
Spitze der Travunier nennt Konstantin Porphyrogennetos um 850 
einen Zupan Krainas, Sohn des Belaj. Der Serbenfürst Vlastimir 
gab diesem Zupan seine Tochter zur Frau und ernannte ihn zum 
Fürsten (uQywv)\ darauf seien die Fürsten Travuniens, Krainas 
und seine Nachkommen Hvalimir und Cucimir stets den Für- 
sten der Serben untergeordnet gebUeben ^). In den Adressen 
des byzantinischen Zeremonienbuches ist ein eigener Fürst der 
Kanaliten angegeben °). Ein altes Fürstengeschlecht war das an- 
geblich von den heidnischen Slawen an der Weichsel stammende 
der Zachlumier (S. 108). In den Büchern des schriftstellernden 
Kaisers fehlt jede Erwähnung der Oberhäupter der Narentaner. 
In den venezianischen Chroniken wird um 1000 ein „Narrentanorum 
princeps" genannt, mit zahlreichen „nobiles", von denen die 



1) BotßöSo; Kon St. Porph. 3, 16S. 

2) Vlastimirs Söhne: ufoiaäunot, it]i> /üonv, ib. 154. 

3) "Aq^ojv yltoxXfiag ib. 1, 691. Bleisiegel: IltToov üo/ovrog ztioxUag 
bei Schlumberger, Sigillographie byz. 

4) Konst. Porph. 3, 161. 

5) Eis Tov üo/ovTci ToD KuvüXt]: ib. 1, 691. 



Die Serbeu im 7.— 10. Jahrhundert usw. 125 

Venezianer damals 40 gefangen genommen haben. Es scheint eine 
Oligarchie von Stammeshäuptern gewesen zu sein ^). Bei den 
Kroaten erwähnt Kaiser Konstantin eine erbliche Dynastie seit der 
unter Kaiser Heraklios erfolgten Ansiedlung. Venezianische Chro- 
niken berichten von Familienfehden; um 878 hat der kroatische 
Fürst Zdeslav aus der „progenies" des Fürsten Trpimir mit Hilfe 
der Griechen die Söhne des Domagoj vertrieben, wurde aber bald 
von Branimir (879) ermordet. In Bosnien werden die Fürsten 
mit Namen erst spät genannt. 

Der Fürst war der oberste Heerführer und Richter des Volkes, 
das er auch dem Ausland gegenüber vertrat. Seine Residenz hieß 
dvor (curtis, curia), der „Hof", wohl eine Gruppe einfacher Ge- 
bäude innerhalb einer Burg odei' unterhalb eines befestigten Burg- 
hügels -). Bei feierlichen Anlässen saß der Fürst auf einem Thron- 
sessel, dem stol oder p res toi, dem Thron der Vorväter, an den 
sich eine Art Ahnenkultus knüpfte ■^), In der Herzegowina haben 
sich bei Blagaj, Stolac, Gacko und an der Neretvica vier Stein- 
sessel erhalten, auf welchen die alten Fürsten des Landes unter 
freiem Himmel die Volksversammlungen leiteten und zu Gericht 
saßen ^). Nicht bekannt sind die äußeren Abzeichen der Herrscher- 
würde. Dazu gehörte wohl „die von Gott geschenkte Lanze'', 
welche in der Geschichte des Großzupans Nemanja erwähnt wird ^); 
sie erinnert an die vergoldete Lanze, das Abzeichen der ungarischen 



\) Joannes Diaconus, auch bei Racki, Doc. 425, 427. 

2) Dvor, stol, prestol (auch in den nordslaw. Sprachen) vgl. Danicic, 
Rjecnik ; curtis bei Racki, Doc, curia ib. und Diocleas. 

?)) Die Residenz hieß ., stolno mjesto " , Ort des Thrones. Hervor- 
hebung der Erblichkeit : der kroat. Fürst Mutimir 892 „ residens paterno 
solio" Racki, Doc. 15; „Thron des Großvaters und Vaters" des serb. 
Königs Stephan Uros 1. 1261, Mon. serb. 48; ,, Thron meiner Vorväter" des 
bosDischen Königs Tvrtko II. 1420, ib. 304. Vgl. „stol" des Vaters und 
Großvaters in Rußland im 11. Jahrhundert bei Nestor ed. Miklosich 
p. 88, 108. Später heißt ,,stol" und „prestol" auch der ,^0010? des Biscliofs, 
Erzbischofs oder Patriarchen. In Kroatien heute „stol" der Gerichtshof; 
z. B. „banski stol" die „Banaltafel", das Appellationsgericht in Agram. 

4) Beschreibungen von Radimsky, Hörmann und Truhelka: 
Wiss. Mitt. 2, 25, 42; 4, 343 f. 

5) König Stephan cap. 5; Domentian p. 19. 



126 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

Könige des 1 1 . Jahrhunderts ^). Johannes der Exarch schildert 
den Fürsten Symeon von Bulgarien (f 927) in einem mit Edel- 
steinen besetzten Gewand, mit einer Halskette aus Münzen und 
mit Armringen, umgürtet mit einem Purpurgürtel, von welchem 
ein vergoldetes Schwert herabhängt, wie er im Kreise seiner Edel- 
leute sitzt, welche gleichfalls mit goldenen Halsketten, Gürteln und 
Armbändern geschmückt sind -). Dieser Prunk der Bulgaren wird 
sich in derselben Periode auch anderswo wiederholt haben. Über 
die Besitzungen des Serbenfürsten ist aus späteren Nachrichten 
klar, daß ihm die Einöden, Waldungen und Alpentriften gehörten, 
ebenso wie in Italien dem Langobardenkönig, und daß ursprünglich 
alle wlachischen Hirten seine Untertanen waren. In der Stiftungs- 
urkunde des Klosters Decani (um 1330) wird der Grundsatz auf- 
gestellt: „in den Bergen (planine) hat niemand ein Erbgut (bastina), 
außer den Königen und denjenigen Kirchen, denen sie die Könige 
geschenkt haben"; sollte ein Edelmann oder ein Wlache oder ein 
Albanese behaupten, er habe die Bergweide früher als Erbgut be- 
sessen, zahlt er dem regierenden König eine Buße von 500 Schafen^). 
Der Landesfürst erhielt in Serbien von der Benutzung der Alpen- 
und Waldweiden das Grasgeld (travnina) und das Eichelgeld 
(zirovnina), gerade so wie der König der Langobarden in 
Italien im 7. — 8. Jahrhundert das „herbaticura" und „glandati- 
cum" ^). 

Die Hofamter erinnern mehr an die Institutionen der Lango- 
barden und Franken, als an die Hierarchie des Konstantinopler 
Hofes, wo z. B. die Schwertträger (Spathar) oder Stallmeister 
(Protostrator) vornehme Männer waren, aber den inneren Dienst 
beim Kaiser und der Kaiserin Unfreie, Sklaven und Eunuchen 
besorgten. Die Vergleichung der Hofwürden in Kroatien im 
9. — 11. Jahrhundert^), in Bosnien, Serbien und der Walachei 
zeigt, daß diese Einrichtungen in allen diesen Ländern auf ein 
gemeinschaftliches altes Vorbild zurückgehen. Die Ehrenämter des 



1) Huber, Gesch. Österreichs 1, 187, 188, 205. 

2) Meine Geschichte der Bulgaren 166. 

3) Novakovic, Selo 74 und Zakonik S. 194. 

4) Hartmann, Geschichte Italiens 2, 2, 44. 

5) Racki, Rad 91 (1888) 152. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 127 

Hofes bekleideten dort die Zupane, die Vorsteher der Gaue, in 
Kroatien ebensogut wie bei den Königen von Dioklitien und den 
Fürsten der Walachei. Zwei Würdenträger des altkroatischen 
Hofes, der postelnik (postelja Bettgewand) oder „jupanus came- 
rarius" und der dvornik (dvor Hof), kehren nach 1400 in der 
Walachei wieder als „postelnik" und „vornic". Der oberste 
Würdenträger in Kroatien, der „jupanus palatinus**' oder „comes 
curialis'^, im 11. Jahrhundert tepcij genannt, kommt nach 1200 
in Serbien und Bosnien als tepcij a vor i). Wir wissen nicht, 
ob es ursprünglich das Amt eines Bannerträgers oder Siegel- 
bewahrers war; das Wort ist jedenfalls nicht slawisch und verrät 
durch Stamm und Endung einen alttürkischen Ursprung, der zu 
dem Hofstaat der Hunnen und Awaren zurückführen kann -). 
Ahnlichen Ursprungs ist die Würde des Ban, eines Stellvertreters 
oder Statthalters des Landesfürsten , die in Kroatien , Bosnien, 
Ungarn und der Walachei wohlbekannt war (in Ragusa war im 
13. Jahrhundert Ban der Vizebürgermeister, vicarius comitis), aber in 
Serbien nie vorkommt •^). Die Hundewärter (psar) und Falkeniere 
(sokolar) heißen in Serbien ebenso, wie im alten Kroatien. 

Neben den Fürsten waren die mächtigsten Männer des Landes 
die Oberhäupter der Gaue, die Z upane Qovnai'oi, jupani, zuppani). 
Kaiser Konstantin bezeichnet sie als Alteste, Greise (CovTtavoL 
yegovTeg), erzählt aber an einer anderen Stelle, daß die Fürsten 
{aQyovzeg) von Travunien ursprünglich nur Zupane waren, ein 
erbliches Geschlecht. Es waren die Altesten eines lokalen Ge- 
schlechtes, welche durch Erbfolge zu ihrer Würde gelangten, mit- 
unter auch durch Wahl, wie dies z. B. im 13. Jahrhundert bei 
den Zupanen der Inseln Lesina und Brazza oder bei den Unter- 
zupanen von Kroatien bezeugt ist. Die Fürstengeschlechter sind 
wahrscheinlich ursprünglich nur Zupanenfamilien gewesen, welche 
langsam eine größere Macht und Einfluß über die benachbarten 



1) Belege: Racki, Doc. (Register! ; Novako vic, Glas 78 (1908) 199 f. 

2) Miklosich und Novakovic halten das Wort für slawLsch (von 
tpp^, schlagen u. dgl.). Vgl in Mittelasien türk. tapu Merkzeichen des 
Viehes; kumanisch tap finden. 

3) Bei Kon st. Porph. 3, 145, 151 ßodvog, ßotcivog, serb. ban (langes a). 
Vgl. meng bajan reich und den awar. Personennamen Bajan. 



138 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

Bezirke erworben hatten. In Serbien verwalteten die Zupane das 
Land in Abwesenheit des Fürsten ; nach der Flucht des Fürsten 
Zacharias forderten die Feldherren des bulgarischen Kaisers Symeon 
die serbischen Zupane auf, den neuen, von den Bulgaren mitge- 
führten Fürsten Caslav zu empfangen ^). Dagegen führten im 
13. Jahrhundert die Nachkommen der Seitenlinien des serbischen 
Königshauses wieder nur den Titel eines Zupan. Nach der Er- 
starkung der fürstlichen Macht ernannten die Landesherren an Stelle 
der erblichen Stammfürsten abhängige fürstliche Beamte zu Zupa- 
uen. Aber da geschah es, daß im 12. Jahrhundert der oberste 
Statthalter im Osten Serbiens, der „große Zupan", mächtiger wurde, 
als der im dioklitischen Küstenlande residierende König und sich 
zum Herrn des Landes machte -) 

Dem Zupan untergeordnet ist der „Hundertmann", SLtnik 
(neu serbokroat. satnik). Nach Diocleas waren es „centuriones 
ex nobilioribus", welche neben dem Zupan (coraes) eine Gerichts- 
barkeit ausübten und Steuern sammelten ^). In Kroatien werden 
sie seit dem 11. Jahrhundert in den Urkunden oft als Zeugen 
erwähnt. In Serbien war Jura „setnicus" 1186 Vertreter des 
Großzupans Nemanja in Cattaro^), in Zachlumien 1254 ein „sttnik" 
Vojislav Radosevic Befehlshaber der Burg Imota (jetzt Imoski) 
und Vertreter des Zupans Radoslav von Chelmo ^). Man könnte 
an einen Zusammenhang mit den fränkischen Hundertschaften 
(centena) denken, in welche die Gaue eingeteilt waren, mit dem 
Zentgrafen (centenarius) an der Spitze, der in der Karolingerzeit die 
Ausführung gerichtlicher Urteile und die Eintreibung der fiska- 



1) Kons t Porph. 3, 128, 158, 161. 

2) Bei den Serben sind die Worte zupa und zupan nach 1400 aus 
dem Gebrauch verschwunden. In Kroatien heißt das Komitat heute noch 
zupanija, sein Oberhaupt veliki zupan (Großzupan, in Ungarn ispän, 
deutsch Gespan), sein Vertreter podzupan (Unterzupan, in Ungarn deutsch 
Vizegespan). Bei den Kroaten und Slowenen ist zupa die Pfarre, zupnik 
der Pfarrer; slowenisch heißt zupan der Bürgermeister, zum Schluß des 
Mittelalters (nach A. Dop seh, s. unten) der Dorfschulze (magister viilae). 

3) Diocleas eap. 9 p. 18—19. 

4) Smiciklas, Cod. dipl. 2, 198. 

5) Mon. serb. 45. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 139 

lischen Gefälle besorgte. In Serbien ist aber im 12. — 13. Jahr- 
hundert klar zu sehen, daß der Hundertmann nur eine Stufe in 
dem dekadischen System der militärischen Würden bildete. Auf 
den serbischen Landtagen bei der Abdankung des Nemanja und 
bei der Krönung Stephans des Erstgekrönten versammelten sich 
Heerführer (vojevoda), Tausend männer (tisustnik), Hundertmänner 
(shtnik), Fünfzigmänner (petidesetnik) und Zehnmänner (desetnik) ^). 
Auch im mittelalterlichen Rußland gab es Tausendmänner (tys- 
jackij), Hundertmänner (sotnik, sockij) und Zehnmänner (desjatskij), 
wobei das Tausend (tysjaöa) einen territorialen Bezirk bedeutete ^). 
Die Gliederung entspricht der militärischen Rangordnung von 
Byzanz, die auf römische Muster zurückgeht : OTQaxriyoq, ^i^XiaQXoq 
(oder ÖQOvyyaqiog), '/.evraQxog (centurio), TtevTiq/iövvaQxog , öe/.aQXog 
(decanus). 

Die Einsammlung der Steuern war in Serbien und Bosnien 
die Obliegenheit des seit dem 12. Jahrhundert erwähnten kazntc 
(neuserb. kaznac, lat. casnecius, ital. casnezzo), den die Ragusaner 
als „camerarius" übersetzten ^). Der Ursprung des Wortes ist 
dunkeH). Einige ,^kaznaci" werden am Hofe erwähnt, andere in 
ländlichen Bezirken. Nach dem Statut von Budua kam der „cas- 
nezzo deir imperador" im 14. Jahrhundert von Zeit zu Zeit in die 
Stadt, um die landesfürstlichen Steuern zu sammeln. In Bosnien 
wurde der Kaznac im 13. — 14. Jahrhundert eine hohe Würde, 
höher als die des Zupan, an hervorragende Statthalter verliehen. Im 
Küstenlande dagegen sind beide Würden zu Vorstehern von Dorf- 
gemeinden degradiert worden ; auf den Quarnerischen Inseln (seit 



1) Domentian 28. Theodosij 36, 141. 

2) Nestor ed. Miklosich p. 77. Bestuzev-Rjumin, Russ. Ge- 
ßchichte, russ. 1 (Petersburg 1872) 210. 

3) Nachdem der Übersetzer eines alttestamentarischen Textes einen 
Eunuchen (kirchenslaw. kazenik) mit ,,kaznbc" wiedergegeben hatte, wurde 
dieser Würdenträger in den Wörterbüchern von Miklosich, Daniele 
und Budmani mit einem — Verschnittenen identifiziert. 

4) Slaw. kaznt poena, institutio, edictum, mandatum, kazniti 
punire (vgl. sudi.c Richter von suditi richten), was auf eine ursprünglich 
strafrechtliche Wirksamkeit hinweisen würde. Vgl. aber auch ein Fremd- 
wort: russ. kazna Staatsschatz, kaznaöej Schatzmeister, vom altpers. gaza, 
neupers. und türk. chazin^ Schatz (chaznadar Schatzmeister). 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 9 



130 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

1288) ist der satnik, bei Ragusa (seit ungefähr 1380) der 
kaznac nur ein Dorfschulze. Im Gebiet von Ragusa nennt man 
auch die Unterabteilungen der einstigen Zupen bis in die neueste 
Zeit kaznacina (casnazina 1440 f.). 

Die Macht der Fürsten war beschränkt durch ihre Ratgeber, 
nämlich die Hofwürdenträger, und durch die Volksversammlungen. 
Schon der kroatische Fürst Trpirair beruft sich bei einer kirch- 
lichen Stiftung (852) auf die Zustimmung aller seiner Zupane (meis 
cum Omnibus zuppanis). Auch Papst Johannes VIII. richtet seine 
Briefe (um 880) nicht an den kroatischen Fürsten Branimir allein, 
sondern auch an die Richter (honorabiles iudices), nämUcli die 
Zupane, und das gesamte Volk (universus, cunctus populus). In 
Bosnien und Zachlumien ist nach 1200 in jeder Urkunde eine 
Reihe der Häupter des Adels genannt. Auch in Serbien fehlt in 
feierlichen Akten bis ins 14. Jahrhundert nie die Zustimmung des 
Adels und der Geistlichkeit. Die Volksversammlungen, für deren 
Alter die große Auswahl der einheimischen Termini spricht ^), waren 
zweifacher Art: Reichstage des ganzen Gebietes und Versamm- 
lungen der einzelnen Zupen. Der Reichstag hatte den Thron, wenn 
er erledigt war, zu besetzen. Eine solche Versammlung wählte in 
Kroatien Zvonimir (1076) zum König. Auch im Königreich von 
Dioklitien berichtet Presbyter Diocleas über Königswahlen durch 
das Volk. In Serbien sind die Reichstage (sbor) seit Nemanja 
wohl bekannt, ebenso in Bosnien. Die Tagungen der Zupa oder 
ihrer Unterabteilungen betrafen kleinere Angelegenheiten, oft mit einer 
lokalen Gesetzgebung verbunden, ursprünglich in Anwesenheit aller 
freien Männer des Gaues Auf der Insel Brazza hat 1185 eine 
Volksversammlung, an welcher sich der Knez (Coraes), der Zupan, 
alle Edelleute und das Volk (pltk, jetzt puk) von Brazza und 
Lesina beteiligte, einem Kloster die verlorenen Grundstücke zurück- 
erstattet ^). Demokratische Versammlungen, welche durch Stimmen- 
mehrheit entschieden, gab es auf den großen Inseln Lagosta und 



1) Sbor oder si bor (neu sabor), okup, skup, skupstina (schon im kroat. 
Text des Diocleas ed. Crncic p. 33), shod, stnLmt (mehr kirchlich), 
stanak. Die Ratskollegien in Ragusa und Poljica heißen vijece, ein auch in 
Rußland (vece) und Polen (wiec) bekanntes Wort. 

2) Mon. bist. jur. 6, 6 f. 



Die Serben im 7.— 10. Jahrhundert usw. 131 

Meleda bei Ragusa, stets im Freien vor einer Kirche. Unter freiem 
Himmel tagten auch die Adelsgemeinden, die von Poljica bei 
Spalato, mit primitiven Sitzen auf den zubehauenen Stein blocken 
des alten Versammlungsortes (zborisde) unterhalb einer Kirche i), 
und die von Pastrovidi bei ßudua auf dem Sand des ' Meeres- 
strandes. Ununterbrochen bis in die neueste Zeit ist die Geschichte 
der adligen „Congregationen" in den Zupanien von Kroatien. Ebenso 
erscheinen in den Ratsprotokollen von Ragusa im 15. Jahrhundert 
in Trebinje die Adligen und der „sbor" als oberste Autorität. 
Dagegen sind in den von Ragusa erworbenen Zupen die seit 12 79 
erwähnten Tagungen („sborrum sive parlamentum " ) eine von der 
Behörde einberufene passive Bauernversamralung zu Gerichtstagen, 
Feststellung von Viehdiebstählen und Feldschäden, Verkündigung 
von Befehlen der Regierung, zur Proklamierung von Krieg und 
Frieden usw. In Montenegro versammelten sich die Geschlechter 
und Bruderschaften noch zu Menschengedenken zur Wahl der 
Anführer, zu Friedensschlüssen mit den Nachbai'n, zur Entscheidung 
von Rechtsfragen, stets an einer bestimmten Stelle, z. B. bei den 
Drobnjaci auf dem „Versammlungshügel" (Zborna Glavica). Heute 
werden dort solche Versammlungen, ebenso wie bei den alten 
Ragusanern, von der Regierung nur zur Verkündigung von Nach- 
richten oder Befehlen einberufen. 

Die Rechtspflege befand sich in der Hand der Fürsten, der 
Zupane und der Hundertmänner. Nur im adriatischen Gebiet 
erscheinen eigene gewählte Richter, sowohl in den Zupen Kroatiens, 
als auf den Inseln bei Ragusa und bei den Pastrovici, unter dem 
Einfluß der Einrichtungen der dalmatinischen Küstenstädte. Im 
Gewohnheitsrecht gab es eine Anzahl von Institutionen, deren Be- 
nennungen bei allen slawischen Völkern gleich waren, so der sok, 
Ankläger oder Anzeiger bei einem Diebstahl, bekannt im alt- 
böhmischen, altrussischen, litauischen und altserbischen Recht, oder 
der SV od, Nachweis des Ursprungs bei verdächtigem Ankauf, 
z. B. von Vieh, ein Terminus, der gleichfalls in altserbischen, alt- 
russischen und altböhmischen Denkmälern vorkommt '^). Die Bußen 



1) Abgebildet Wiss. Mitt. 10 (1907) 192. 

2) Über die allgemein slawischen juridischen Termini vgl. das bist. 

9* 



133 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

wurden, wie in Skandinavien, in Vieh gezahlt, Pferden und Ochsen, 
stets nach dem Duodezimalsystem (zu 2, 6, 12 Stück), teil- 
weise noch im 14. Jahrhundert. Dagegen kennen die Statuten 
der dalmatinischen Küstenstädte nur Strafgelder in gemünztem 
Gelde. 

Die Südslawen hatten ursprünglich, ebenso wie die Franken, 
Langobarden oder Norweger, keinen Adel. Auch im byzanti- 
nischen Reiche gab es lange Zeit nur eine Bevorzugung der reichen 
Klassen, aus finanziellen Gründen; die erblichen militärischen 
Archontenfamilien bildeten sich meist erst seit dem 10. Jahrhundert. 
In Serbien hat sich der höhere Adel der VI astel ine im späteren 
Mittelalter aus den Verwandten der Fürsten, den Stammeshäuptern 
und den fürstlichen Beamten entwickelt ^). Die Gemeinfreien 
werden noch um 1220 als „Kriegsleute" (vojnici) bezeichnet, aber 
im 14. Jahrhundert als niederer Adel (vlastelicici). In gewissen 
kleinen Gebieten der südslawischen Länder ist es sogar nie zur 
Entstehung eines lokalen Adels gekommen, wie auf den Inseln 
Meleda und Lagosta. Uralt ist die Bezeichnung der Pächter oder 
Bauern als sehr (neuserb. sebar), in Serbien nachweisbar im 
14. Jahrhundert. Das Wort kommt auch im mittelalterlichen und 
modernen Rußland, bei den Litauern und in Griechenland vor, 
stets in der wahrscheinlich ursprünglichen Bedeutung eines Teil- 
habers, Halbpächters, Gesellschafters, Arbeitsgenossen und der- 
gleichen "-). 

Die Sklaverei (rabota), Besitz, Verkauf und Freilassung von 
Sklaven (rob, otrok, celjad) wird noch im Gesetzbuch des Zaren 



Wörterbuch des slaw. Rechtes von Hermenegild Jirecek (meinem 
Oheim), Prove, Prag 1904. 

1) Vlastelin zuerst als Personenname 1071 auf der Insel Pago: Racki, 
Doc. 89. 

2) Vgl. Arch slaw. Phil. 22 (1900) 211—212. Lit. sebras Hälftner, 
Handels- und Arbeitsgenosse. Altruss. sjaber der Teilhaber: Pskovskaja 
gramota (1397 f.) und das Statut von Litauen. Russ. sjabr Teilnehmer, aber 
auch Nachbar, Freund, Verwandter. Neugriechisch in Epirus, Thessalien, 
Peloponnes, auf den Ionischen Inseln of'/nnQog (1. s^bros) Teilbauer, Halb- 
pächter, a^/unga (1. sebra), ai^ngid Teilbauerschaft, Gesellschaft. Slaw. 
Grundform (mit ^ für russ. ja, serb. e) *sQbbrl. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 133 

Stephan und in den dalmatinischen Stadtrechten des 14. Jahr- 
hunderts erwähnt, ebenso wie in allen byzantinischen Rechts- 
büchern (dovloi, liivyaQLu). Diese Unfreien waren sehr zahlreich. 
Bei der Okkupation der Hämusländer durch die Slawen hat sich 
zwar ein Teil der alten Bewohner, besonders die illyrischen und 
romanischen Hirten, mit den neuen Landesherren rasch verglichen, 
ein anderer Teil aber fiel in die Sklaverei. Nach jedem Krieg 
der Stämme untereinander wurden die Gefangenen verkauft, ebenso 
nach jedem gelungenen Zug der Land- und Seeräuber. Unter 
den Geschenken der Söhne des serbischen Fürsten Vlastimir an 
den Bulgarenfürsten Boris waren auch zwei Sklaven ^). Im kroa- 
tischen Küstengebiet gab es auf den Klostergütern Höfe (curtes), 
bewirtschaftet durch Sklaven beiderlei Geschlechtes. Die meisten 
Nachrichten enthält die Stiftungsurkunde des Klosters des heiligen 
Petrus von Selo bei Spalato (1080). Die Sklaven dieser Abtei, 
mit slawischen und rumänischen Namen, waren um 8 — 10 Gold- 
stücke (solidi) oft mit Frauen und Kindern gekauft von über- 
seeischen Händlern und Piraten, Langobarden aus Unteritalien, 
Cattarensern, Narentanern und Almissanern, einige Knaben direkt 
von ihren Vätern, während andere Männer durch Bürgschaft oder 
Schulden ihre Freiheit verloren hatten -). Das Gesetz des ser- 
bischen Königs Stephan des Erstgekrönten in der Inschrift von 
Zica (um 1220) erlaubt dem Mann, die ungetreue Frau zu ver- 
kaufen, wenn sie kein Vermögen besaß ^). Auf der Insel Lagosta 
wurde die Frau im Falle von Ehebruch noch um 1280 Sklavin 
(ancilla) des Comes von Ragusa *). 

Die Geschlechtsverfassung der Slawen wird zuerst bei Jordanes 
erwähnt (S. 74) ^). Die Periode der Wanderungen erforderte eine 



1) Konst. Porph. 3, 155. 

2) Racki, Doc. 46, 134f. 

3) Mon. serb. 14. 

4) Einkünfte des Comes 12. August 1284 Div. Rag. Abgeschafft vor 
Abfassung des Statutes von Lagosta 1310 (Mon. bist. jur. Bd. 8). 

5) Die Sippschaften werden mit Heranziehung von ungedruckten Ur- 
kunden besprochen in meinen Studien über das mittelalterliche Serbien, 
Denkschr. W. Akad. (1911). 



134 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

Organisation in Sippschaften, welche zugleich eine militärische 
Einheit bildeten und bei der herrschenden Sitte der Blutrache dem 
einzelnen einen Schutz boten. Nach der Einwanderung in die 
römischen Provinzen mußte die Gentilverfassung auch einen Halt 
gegenüber den älteren Einwohnern gewähren. Gut bekannt sind 
die Sippschaften in zwei Zonen: im Norden im küstenländischen 
Kroatien im 12. — 15. Jahrhundert, im Süden in der südlichen 
Herzegowina und in Montenegro im 13. — 19. Jahrhundert, hier 
im territorialen Anschluß an die heute noch lebende Stammver- 
fassung der Albanesen. Die nördliche Gruppe entwickelte sich 
zu einer aristokratischen Geschlechtsverfassung, als ein zahlreicher, 
allerdings meist armer Landadel; die südliche Gruppe war ur- 
sprünglich teilweise auch adliger Art, hatte aber in der Neuzeit 
mehr einen demokratischen Typus. Diese Einrichtungen standen 
in keinem Zusammenhange mit der Landeseinteilung, eher in einem 
Gegensatz dazu. Im Süden haben die Sippschaften sogar die alte 
Zupenverfassung gegen Ende des Mittelalters überwuchert; z. B. 
die Namen der einstigen Zupen von Vrsinje, Onogost und Papratna 
sind ganz verdrängt worden von den darin angesiedelten „pleraena" 
der Zubci, Niksici und Mrkovici. Bei dem Vorherrschen der Vieh- 
zucht fiel es den Sippen nicht schwer, ihre Wohnsitze zu verändern. 
In ihrer Organisation beruhte die südslawische Geschlechtsver- 
fässung auf der fiktiven Abstammung von einem gemeinsamen 
Stammvater, ganz in der Art, wie die hellenische rpvXy, die römische 
gens, der albanesische fis, die langobardische fara und der 
schottische clan. Die Sippschaft heißt bei deii Serben und Kroaten 
pleme, „Geschlecht" (in lat. Urkunden genus, generatio, proge- 
nies, parentela, parentatus, griech. yered). Sie ist zusammengesetzt 
aus „Bruderschaften'^, bratstvo genannt (brat Bruder), bei den 
Ragusanern als fraternitk übersetzt, wörtlich gleich der alt- 
griechischen (pQaTQia, der Unterabteilung der Phyle. Die Mit- 
glieder der Bruderschaft, welche ein oder mehrere Dörfer bewohnt, 
betrachten sich als Blutsverwandte und heiraten nicht untereinander, 
die Herzegowiner nicht bis auf zwanzig Grade. Im mittelalter- 
lichen Kroatien hießen die Unterabteilungen der Sippe k o 1 j e n o 
{wörtlich Knie). Die Bruderschaft teilt sich wieder in einzelne 
Famihen, welche als „Haus" (kuöa, in den Denkmälern Kroatiens 



Die Serben im 7.— 10. Jahrhundert usw. 135 

hiza) oder als „Verwandtschaft*' (rod) bezeichnet werden ^). Die 
Namen der Sippschaften und Bruderschaften bleiben oft viele Jahr- 
hunderte lang unverändert, während die Patronymika der einzelnen 
Häuser in der Regel nur Vatersnamen sind und mit jeder Gene- 
ration wechseln können. Schon im 14. — 15. Jahrhundert führte 
der einzelne Mann im Süden vier Namen: seinen Vornamen, den 
Namen des Vaters, der Bruderschaft (oder des Dorfes) und des 
Geschlechtes. So gehört die jetzige Königsfamilie von Montenegro 
zum Geschlecht (pleme) der Njegusi, in die Bruderschaft (brastvo) 
der Herakoviöi, nach denen eines der zehn Dörfer der Njegusi 
benannt ist, und bildet die Familie (kuda) der Petrovici. 

In Kroatien waren die Mitglieder der Sippschaften das Herren- 
volk im Lande zwischen Zengg und Almissa, angesiedelt in Höfen 
und Dörfern zwischen Untertanen Hirten, Bauern und Sklaven -). 
Die ursprüngliche Siebenzahl wurde zu einer Zwölfzahl vermehrt, 
den „duodecim generationes Croatorum". Im Laufe der Zeit sind 
einzelne Zweige zu großen Magnatenl'amilien emporgeblüht, während 
andere verarmten oder gar Beamte und Untertanen der glück- 
licheren Linien wurden. Ihr Kennzeichen war ihr gemeinsames, 
sehr einfaches Wappen. Die Kacidi von Almissa, welche in den 
Verträgen mit den Ragusanern und Venezianern im 13. Jahr- 
hundert stets mit langen Reihen von Namen auftreten, nennt 
Kinnamos ein „Volk" (rö KaxLi/iltov tO-vog). Die Mogorovici, die 
im IL — 13. Jahrhundert bei Zara saßen, später aber im Velebit 
und in der Lika, zählten nach Klaid um das Jahr 1500 an 50 
Familien; eine derselben, die Draskovici, hatte damals 35 erwach- 
sene Männer. Mit der Zeit vermehrte sich die Zahl der Sippen; 
die neuen waren teils selbständig gewordene Zweige der alten 
„generationes", teils Geschlechter neu erworbener Gebiete, besonders 
narentanischcn und westbosnischen Ursprungs, endlich Emporkömm- 
linge im königlichen Dienste. Zersprengt wurde diese alte Organi- 
sation durch die Umwälzungen der Türkenkriege. Ihre Nach- 
kommen sind aber heute noch unter dem Adel des nördlichen 



1) In südslawischen und russischen Denkmälern bezeichnen dieselben 
Termini (pleme, rod) auch eine Dynastie. 

2) V. Klai6, Die kroatischen Geschlechter des 12. — 15. Jahrh. 
(Hrvatska plemena): Kad 130 (1897) 1—85. 



136 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

Kroatiens zu finden. Im Gebiet an der Kulpa, Save und Drau^ 
wo z. B. das Geschlecht von Klokoc (1224) 115 Mann zum Heere 
auszurüsten hatte, bildete die Organisation der Sippen kein System, 
wie an der Küste. In der Landschaft Poljica bei Spalato gab es 
seit dem 15. Jahrhundert neben Bauern und Hirten zwei Adels- 
klassen : einerseits drei Geschlechter (plemena) oder Bruderschaften 
(bratstva), die aber nicht zu den zwölf altkroatischen Sippen ge- 
hörten, anderseits die viel zahlreicheren, seit dem 12. Jahrhundert 
auch auf den Inseln Brazza und Lesina und bei der Stadt Trau 
erwähnten dedici, „die Erben", welche aus einer anderen Schicht 
der Gemeinfreien entstanden waren. Auch in Bosnien war die 
herrschende Klasse gruppiert in Geschlechter, Bruderschaften und 
Häuser. In den Urkunden der bosnischen Bane und Könige aus 
dem 14. und 15. Jahrhundert erscheinen die Adligen als Zeugen 
stets mit dem stereotypen Zusatz „mit den Brüdern" (s bratijom) ; 
jeder einzelne war demnach Zeuge nicht nur für sich allein, sondern 
in Vertretung seiner Verwandtschaft. Im 15. Jahrhundert schlössen 
die mächtigen Magnaten Sandalj, Radoslav Pavloviö und Stephan 
Vukcic Verträge mit Ragusa stets an der Spitze ihres Geschlechtes 
(pleme) oder ihrer Bruderschaft (bratstvo). Nicht anders war es 
in Zachlumien, ebenso in Trebinje und Canali, wo im 14. und 
15. Jahrhundert das hervorragendste Geschlecht die Ljubibratidi 
waren, geteilt in viele Linien (Ljubisici, Obuganici, Vranicici 
usw.). 

Die Geschlechter in der südlichen Herzegowina, am Golf von 
Cattaro und im jetzigen Königreich Montenegro lassen sich bis 
zum 14., in einem Falle bis zum 13. Jahrhundert zurück verfolgen. 
Die Namen sind teilweise von slawischen Personennamen abgeleitet, 
wie die Njegusi von Njegus i) (Stamm njego- ersehnen, pflegen; 
vgl. Njegomir, Njegoslav, Njego van, Njegota), die Ozrihnici (jetzt 
Ozrinidi) von Ozrihna. Andere haben einen christlichen Ursprung: 
die Ceklici von ihrer noch bestehenden Hauptkirche der heiligen 
Thekla, die Bijelopavlici von einem „weißen Paul" (bijeh Pavle), 
die Niksici von Niksa (Kurzform für Nikolaus"), die Vasojevici von 
Vaso (Diminutiv zu Vasihj). Einen adligen Charakter bewahrten 



1) Ein Njegus um 1220 Mon, serb. 12. Auch in Polen Niegusz. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 137 

die Pastrovici bei Budua, die seit 1423 bis zum Falle der vene- 
zianischen Republik eine abgeschlossene Adelsgemeinde bildeten, 
im 16. Jahrhundert an 1000 waffenfähige Mann stark. Aus dem 
ragusanischen Urkundenmaterial ist die Entstehung der „plemena" 
aus Hirtendörfern oder Katuni zu erkennen. Die Zubci, Banjani, 
Drobnjaci usw. werden anfangs nur als Katune erwähnt, aber bald 
sieht man, daß jedes Geschlecht auch mehrere Katune umfaßte. 
Die Venezianer bezeichneten im 15. Jahrhundert die Bergstämme 
als Genossenschaften (compagnie) oder Gemeinden (corauni), ein- 
geteilt in Dörfer (ville, cathoni) ^). Die Zubci werden in den 
mir bekannten Denkmälern seit 1305 genannt, die jetzt nicht mehr 
bestehenden Rigiani oberhalb Risano in den Landschaften von 
Krivosije und Grahovo seit 1430, die Priedojevici und Male- 
sevci bei Bilece im 14. Jahrhundert, die Bahjani seit 1319, 
die Drobnjaci am Durmitor seit 1354. In Montenegro kommen 
die zuletzt an 400 Häuser starken Njegusi oberhalb Cattaro seit 
1435, die ihnen benachbarten Ceklici seit 1381 vor, die Bjelice 
seit 1430, die Bijelopavli ci im Tale der Zeta seit 1411, zu- 
gleich mit den Ozrihnici, die Piperi seit 1416, die Vaso- 
jevici seit 1444, wo sie noch nicht am oberen Lim, sondern bei 
der Burg Medun wohnten, die einen nicht slawischen Namen 
führenden Mataguzi bei Podgorica seit 1330. An der Küste 
werden die bereits erwähnten Pastrovici 1355 zuerst genannt, 
als Edelleute in Diensten des Zaren Stephan, die benachbarten 
Mahine 1435, die seit dem 18. Jahrhundert größtenteils zum 
Islam bekehrten Mrkovici (oder Mrkojevici) zwischen Antivari 
und Dulcigno 1409. Andere Stämme sind verschwunden: die im 
14. Jahrhundert genannten Mataruge, bekannt aus den Sagen 
von Grahovo, die im 15. Jahrhundert erwähnten Luzani (von lug 
Hain), damals ein großer Stamm nördlich vom See von Skutari 
neben den Bijelopavlici, und die Malonsici im Zetatale. In einer 
Urkunde des Königs Stephan Uros I. erscheinen um 1260 an der 
Tara die Kricane, von denen eine Landschaft bei Kolasin Kricak 
heißt-). Die Sagen der Drobnjaci erzählen, die tapferen Kric- 



1) Ljubic 10, 68, 151. 

2) Spomenik 3, 9, 



138 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

kovici oder Kricki seien die Ureinwohner des Gebietes der Jezera 
(der „Seen") auf den Abhängen des Durmitor gewesen, von den 
Vorfahren der Drobnjaci seit 20i> Jahren verdrängt; ihre Nach- 
kommen, teils Mohammedaner, teils Christen wohnen unter den 
Bergen bei Nefertara. Diese altertümliche Stammverfassung blühte 
in Montenegro noch bis 1850; sie nahm ein Ende nach der Ein- 
führung der weltlichen Fürstenwürde, mit der Ersetzung der alten, 
auf Lebenszeit stets aus derselben Bruderschaft gewählten Vojvoden 
der „plemena" durch fürstliche „Kapitäne" und mit der neuen, 
ohne Rücksicht auf die alten Stammgrenzen eingerichteten Landes- 
einteilung. Aber in der Tradition lebt sie fort ; es ist merkwürdig, 
wie die Auswanderer z. B. im jetzigen Königreich Serbien oft 
nach mehreren Generationen genau wissen, welchem Stamm und 
welcher Bruderschaft sie angehören. In das Hügelland des Ostens 
zum Ibar und zur Morava reichte die Stammesorganisation auch im 
Mittelalter nicht hinein. Die Natur des Landes war dort ihrer 
Entwicklung nicht günstig, ebenso die größere persönliche Macht 
der Fürsten und Könige. 

Die Lebensverhältnisse der alten Zeit führten dazu, daß sich 
die Familien nicht gerne trennten und daß Väter, Brüder, Söhne, 
Schwiegersöhne und Enkel mit Frauen und Kindern oft in Güter- 
gemeinschaft blieben. Strabo erzählt von den Iberern, den Vor- 
fahren der heutigen Georgier des Kaukasus, die Besitzungen seien 
bei ihnen gemeinsam innerhalb der Verwandtschaft, in welcher das 
älteste Mitglied herrscht und vorwaltet ^). Solche große Familien, 
25 — 100 Seelen stark, gibt es heute noch bei den Osseten des 
Kaukasus. Bei den Griechen des Mittelalters kommen 1262 in 
der Beschreibung der Güter des Bistums von Kephallenia Familien 
von 16 — 17 Personen vor; die Tionares, Söhne eines Papas Lazaros, 
zählten sogar 23 Seelen -). Die Anhäufung von ungeteiltem Be- 
sitz in der Hand einer weitverzweigten Verwandtschaft, wie sie 
aus den byzantinischen Urkunden des 13. Jahrhunderts bekannt 
ist^), war meist eine Folge des sogenannten Näherrechtes (7vqo- 

1) Koivai ä'efaiv uvroTg al XTi'jdfis xcträ av/y^vtiav , üqj^h öi 'xal 
TK/uisvti ixäoTTjv 6 notaßvTajog. Strabo XI p. 501. 

2) Acta graeca 5, 43. 

3) Bezobrazov: Viz. Vrem. 7 (1900) 160-161. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 139 

xli^rfiiq), des Vorkaufsrechtes der Verwandten. Wie Alfons Dopsch 
unlängst gezeigt hat, gab es auch in Westeuropa solche Besitz- 
gemeinschaften: in Spanien, Frankreich, in Südtirol, in den deut- 
schen Alpenländern besonders die Schweizer „Gemeinderschaft", 
wo Großeltern, Kinder und Enkel auf ungeteiltem Gute wirt- 
schafteten, und die Tiroler „Gemeinhauserei", mit „Mithausern'' 
unter dem „Vorhauser'' genannten Oberhaupt, welche im Puatertal 
noch 1820 bestand i). Diese Besitzgemeinschaften sind bekannt 
in allen slawischen Ländern. Im kargen Karstboden des küsten- 
ländischen Kroatiens erscheinen in den Urkunden des 15. Jahr- 
hunderts die Grundbesitzer als Nachbarn, Käufer oder Verkäufer 
stets gemeinsam mit ihren Söhnen, Brüdern und Enkeln -). In 
der Landschaft Canali werden um 1419 kurz vor und nach der 
Besetzung des Gebietes durch die Ragusaner sowohl Grundherren 
als Pächter erwähnt, die ungeteilt mit Vätern, Brüdern und Neffen 
ein Gut bewirtschafteten. Ein venezianisches Dokument berichtet 
um 1465, daß in den Landschaften Lustica, Bogdasici und Ljese- 
vici südlich vom Golf von Cattaro, welche damals zusammen öO 
Dörfer (ville) mit ungefähr 900 Feuerstellen (fuochi) und 1000 
waffenfähigen Männern zählten, die Familie 10, 15, 20 und mehr 
Personen stark sei -^j. Für das mittelalterliche Serbien ist das 
Material spärlich. Die großen Klosterurkunden des 14. Jahr- 
hunderts betreffen meist die erst seit dem Ende des 12. Jahr- 
hunderts eroberten und größtenteils neubesiedelten Landschaften 
des Ostens, nicht die alten Stammgebiete des Westens. Genau 
beschrieben sind die Bauernhäuser, über 2000, nur in den Ur- 
kunden des Klosters Decani (1330 — 1336). Nach den Berech- 
nungen von Novakovic in der Studie über das altserbische Dorf ^) 
gab es einzelne Familien, die 7 — 11 männliche Köpfe zählten, 
selten 13 — 16; zwanzig Männer zählte eine einzige in dem aus 
zerstreuten Gruppen von Höfen bestehenden Dorf Seros im Ge- 
birge bei Pe6. Bei den stärkeren Häusern ist der Großvater 



1) Alfons Dopsch, Die ältere Sozial- und Wirtschaftsverfassung 
der Alpenslawen (Weimar 1909) 147—172. 

2) Mon. bist. jur. 6, 135, 189, 346. 

3) Belege in meiner Abh. über das mittelalterliche Serbien. 

4) Novakovic, Selo (Glas Bd. 24) 184 f., 230 f. 



140 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

(ded) genannt, ein traditioneller Vorfahr zum Identitätsnachweis 
der Untertanen. Diese s^tärkeren Häuser waren aber in den Dör- 
fern von Decani überall in Minorität gegenüber den schwächeren 
Häusern, z. B. in Cabic nur 19 von 182, in Gorane 17 von 74. 
Dabei ist nicht zu vergessen, daß die Bevölkerung damals infolge 
der Kriege, Fehden, Räubereien, Hungei'snot und Krankheit über- 
haupt geringer war als heute. 

Die Reste dieser Institution konnte man 1800 — 1860 noch 
gut beobachten ^j. Man nennt diese unter einem gewählten Ober- 
haupt, „Altesten" oder „Hausvater" (starjesina, domacin) in 
Gütergemeinschaft lebende große Familie meist nur ku 6a (Haus), 
mit einem neuen Terminus zadruga (Genossenschaft), in West- 
bulgarien rod, im Amtsdeutsch der ehemaligen österreichischen 
Militärgrenze die „Hauskommunion". Das sichtbare Merkmal des 
gemeinschaftlichen Haushaltes ist der gemeinsame Herd; die Mit- 
glieder des Hauses „eßen aus einem Kessel". Durchschnittlich 
zählten solche Haushaltungen au 20 Seelen; mehr als 30 Familien- 
mitglieder waren eine Seltenheit, mehr als 50 eine große Aus- 
nahme. Vertreten war diese Institution in der Neuzeit ebensogut 
auf türkischem, als auf österreichischem, venezianischem und ragu- 
sanischem Boden. Ihre Verbreitung war verbunden mit dem 
Vorherrschen des Hirtenlebens und nach einer Bemerkung von 
Cvijiö mit dem Typus der weit zerstreuten Dörfer, deren kleine 
Häusergruppen eben als Niederlassungen der Zadrugas entstanden 
waren. An Grundbesitz war die Zadruga überhaupt nicht ge- 
bunden. Im Gebiet der ragusanischen Republik behauptete sie 
sich am zähesten bei den landlosen Bauern von Canali, welche 
nur Kolonen auf den Gütern der Adligen und Stadtbürger von 
Ragusa sind; noch zu Menschengedenken waren drei Viertel der 
Bauernfamilien von Canali Zadrugas, je 10 — 15 Personen stark. 
Vor einem halben Jahrhundert traf man diese Einrichtung bei 
den Bergstämmen der südlichen Herzegowina von den Vasojevici 
bis zu den Zubci, in einigen Gegenden Bosniens, im Küstenlande 
bei den Pastrovici, den Canalesen und in ganz Norddalmatien, in 



1) Die Literatur seit 1783 bespricht Dr. Ivan Stroh al: Glasnik bos. 
21 (1909) 215 f. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 141 

der seit dem 16. Jahrhundert größtenteils durch serbische Flücht- 
linge neu kolonisierten österreichischen Militärgrenze, in einzelnen 
Landschaften Kroatiens und Slawoniens, im ganzen Königreich 
Serbien, in Westbulgarien bei Sofia und Trn, im nördlichen Ma- 
kedonien bei Kratovo und Stip. Im westlichen Montenegro kommt 
nur die kleine ,, Einzelnfamiiie" vor (inokostina, inokosna ku6a, 
von inokosan, einzeln, einsam); der Vater lebt mit seinen erwach- 
senen Söhnen in ungeteiltem Besitz, welcher der gesamten Familie 
gehört, so daß der Vater ohne Einwilligung der Söhne nicht damit 
verfügen kann ^). Heute gibt es nur schwache Reste dieser Be- 
sitzgemeinschaften. Die moderne Entwicklung der Individuahtät, 
vereint mit dem neuen Rechtsleben und Steuerwesen hatte die 
Teilung und Auflösung des alten Familienbandes zur Folge. 

Unbekannt ist der Unterschied zwischen der heidnischen und 
christlichen Familie bei den Südslawen. Bei den heidnischen 
Russen herrschte Polygamie, wobei man die eigentlichen Frauen 
(zena) und Nebenfrauen -) unterschied, bekannt aus den Schil- 
derungen der Araber und der ältesten Chronik von Kiew. Groß- 
fürst Vladimir hatte vor seiner Bekehrung in Kiew und Um- 
gebung Hunderte von Weibern aus allen benachbarten Völkern, 
und noch um 1100 pflegte bei den Stämmen der Severjane, Vja- 
tiöi und Radimici der Mann 2 — 3 Frauen zu besitzen. Bei den 
Südslawen wurde die Ehe, wie aus den noch bestehenden Ge- 
bräuchen zu ersehen ist, teils durch Raub oder Entführung (otmica), 
allerdings nach früherer Vereinbarung beider Teile, teils durch 
Vertrag oder Kauf geschlossen ^). Über die ursprüngliche Poly- 
gamie der Serbokroaten sind keine Nachrichten erhalten. Sicher 
ist es aber, daß nach dem heidnischen Eherecht die Trennung 
der Ehegatten und die Schließung einer neuen Ehe sehr leicht 



1) Bogisic, De la forme dite inokosna de la famille rurale chez les 
Serbes et les Croates, Paris 1884. 

2) Die Beischläferin heißt bei den Russen und Südslawen naloznica 
(die „Beigelegte"), bei den 8üdslawen hotimica (Lam. Rag. 1411, die 
„Gewollte"), povodnica (die „Herbeigeführte", im Nomokanon) und po- 
8adnica(die „Eingesetzte", Viz. Vrem. 2, 103; noch jetzt im Rumänischen). 

3) Bogisic im Knjizevnik 3 (186H) 182 f, 232 f. Lilek, Wiss. Mitt. 
7 (1900) 326f. Dr. M. V. Smiljani(5, Glas 64 (1901) 171f. 



143 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

war. Es gab daher bei vielen slawischen Völkern im Süden und 
im Norden noch lange einen Widerstand gegen die kirchliche 
Unaut löslichkeit der Ehe, in Mähren, Pannonien und Kroatien 
im 9. Jahrhundert, in Serbien noch unter Stephan dem Erst- 
gekrönten. Die Eheschließung nach dem nationalen Gewohnheits- 
rechte wurde in Serbien erst spät durch die bei den Byzantinern 
seit dem 9. Jahrhundert allein gültige kirchliche Ehe verdrängt. 
Der Erzbischof Sava ließ (um 1220) durch seine Protopopen 
überall die Ehepaare, Greise, mittleren Alters und junge Leute, 
samt ihren Kindern in den Kirchen versammeln und ihnen den 
,, gesetzlichen Segen " erteilen ^). Noch das Gesetzbuch des Zaren 
Stephan bedroht die ohne Beteiligung der Kirche geschlossene 
Ehe mit der Scheidung. Die Leichtigkeit der Ehescheidung hat 
wohl der Verbreitung der Lehre der Bogomilen in Bulgarien und 
besonders in Bosnien die Wege geebnet. Heute noch besitzen 
Rumänien und Montenegro ein freieres Eherecht, als andere Länder 
der orientalischen Kirche. 

In einem Zeitalter, in welchem Stammfehden und Blutrache 
alltäglich waren, hatte neben der Blutsverwandtschaft den größten 
Wert die angenommene, künstliche Verwandtschaft. Eine Form 
ist die Wahlverbrüderung (serb. pobratimstvo) zwischen Wahl- 
brüdern und Wahlschwestern, bekannt bis in die neueste Zeit. 
Man traf sie auch bei den Byzantinern (ddeXffOTroir^aig), bei den 
Wlachen in Thessalien im 11. Jahrhundert -), bei den Russen und 
Polen noch im 16. Jahrhundert '*). Die mittelalterlichen süd- 
slawischen Termini sind pobrat der Wahlbruder und posestra 
die Wahlschwester •*), die modernen pobrat im und posestrima. 
Die Verbrüderung (bratotvorenije, bratimiti se) wurde in der christ- 
lichen Zeit ganz feierlich in der Kirche vollzogen, mit eigenen 
Gebeten ^). Das Verhältnis der in die Wahlbruderschaft oder 
Wahlschwesterschaft eintretenden Personen beiderlei Geschlechtes 
entsprach der echten Geschwisterliebe, erforderte sittliche Reinheit 



1) Domentian 243 f. 

2) Kekaumenos p. 49, 74. 

3) Brückner, Arch. slaw. Phil. 15 (1893) 314. 

4) In Personennamen des 14. Jahrb.: meine Rom. Dalm. 3, 52. 

5) Texte: Glasnik 22 (1867) 85-90 und 63 (1883) 276—287. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 143 

und unverbrüchliche Treue und galt als unauflöslich. Eine ganz 
christliche zweite Form war die Gevatterschaft (kumstvo, com- 
paternitas, ovvTS/.via), welche in Friedensverträgen und bei der 
Schlichtung der Blutrache so oft erwähnt wird. Sie hatte nicht 
nur für einzelne Personen, sondern auch für die gesamte Bruder- 
schaft Geltung Eine Rolle spielt sie schon in den Verhältnissen 
zwischen dem bulgarischen Kaiser ^^ymeon und dem serbischen 
Fürsten Peter Gojnikovic Peter hatte Frieden mit Symeon, be- 
kräftigt durch Gev^atterschaft. Als es zum Bruch kam, zogen die 
Feldherren Symeons in Serbien ein, betörten den Fürsten Peter 
durch Abschluß einer wohl neuen Gevatterschaft und durch Eide, 
nahmen ihn aber bei der persönlichen Zusammenkunft treulos ge- 
fangen ^). 

Die Besiedlung des Landes durch die Slawen hat sich in 
Formen vollzogen, welche vielfach eine Rückkehr zu den vor- 
römischen Zuständen bedeuteten. An die Stelle der großen um- 
mauerten Stadtgemeinden und der dichtgedrängten Dörfer, deren 
Typus noch in Griechenland, Unteritahen und Spanien zu sehen 
ist, traten wieder Landgaue, umgeben von großen Wählern und 
besiedelt von einer vorwiegend Viehzucht treibenden Bevölkerung. 
Die neuen Einwohner hausten in offenen Dörfern, meist Gruppen 
von weit zerstreuten Einzelhöten , hatten keine städtischen Orga- 
nismen und besaßen als Zufluchtsstätten für den Kriegsfall nur 
einzelne Burgen, zum Teil illyrischen und römischen Ursprungs, 
die festen „castella" und „civitates", welche die fränkischen 
Annalen um 820 in den Gebieten des Borna, des Ljudevit (ein 
Kastell „in arduo monte") und der Serben erwähnen. Heute 
noch unterscheidet Cvijic auf der Balkanhalbinsel, neben der 
griechisch-aromunischen, der italienischen und der durch die neuen 
Verkehrsmittel sich ausbreitenden mitteleuropäischen Zone mit ihren 
Städten und stadtartig angelegten Dörfern eine Zone der ,,pa- 
triarchalen Kultur". Sie umfaßt den größten Teil von Bosnien 
samt der Herzegowina, Montenegro, Albanien mit Ausnahme der 
Küstenstriche, Serbien mit Altserbien, Nordbulgarien und einzelne 
Gebirgslandschaften Makedoniens. Der größte Teil Makedoniens 



1) Konst. Porph. 3, 156—157. 



144 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

wurde ihr seit dem 11. Jahrhundert durch den byzantinischen 
Einfluß entzogen. Ihr Typus, mit der alten Geschlechts Verfassung, 
den weit voneinander liegenden meist hölzernen Häusern, der Blut- 
rache, dem Vorwiegen des Hirtenlebens und dem Karawanen- 
handel mit Saumtieren ist am besten erhalten in einigen teils ser- 
bischen, teils albanesischen Gebieten: im östlichen Montenegro, in 
den benachbarten Teilen der Herzegowina, in den Landschaften 
zwischen Montenegro und Serbien und im Bergland Nordalbaniens i). 
Nach der Einwanderung der Slawen war das Land viel 
dichter bewohnt, als in den Zeiten der Völkerwanderungen, aber 
stellenweise sind große Einöden übrig geblieben, in deren Wald- 
wüsten Auerochs, Wisent und Elch ungestört leben konnten 
(S. 15). Es ist charakteristisch, daß die meisten Ortsnamen, 
welche Erinnerungen an die Auerochsen (slaw. tur) enthalten, im 
Savegebiet vorkommen, in Krain, Kroatien und Bosnien. Die 
Bevölkerung zog durch Rodung der Wälder langsam bis in große 
Höhen hinauf, z. B. am Durmitor gegenwärtig bis 1500 Meter 
Seehöhe. Archäologische Untersuchungen der Zukunft werden 
zeigen, wie weit sich die slawischen Ansiedlungen direkt an die 
römischen Dörfer und Landgüter anschlössen. Es fehlt nicht an 
Fällen, wo prähistorische Tumuli, römische Inschriftsteine und 
mittelalterliche Kirchen und Gräber unmittelbar nebeneinander 
liegen. Unversehrt haben sich römische Bauwerke nur auf byzan- 
tinischem Boden erhalten, wie der von den Spalatinern bewohnte 
Palast des Diokletian. Ein großer Teil der antiken Städte blieb 
unbewohnt in Ruinen hegen. In den Mauern anderer Gemeinden 
haben sich die Slawen eine Burg eingerichtet, natürlich ohne 
städtische Verfassung. Wenn dies gleich bei der Okkupation des 
Landes geschah, hat sich der alte Stadtname mit einer kleinen 
Umformung erhalten. Deshalb erscheinen bei der Errichtung von 
Bistümern zahlreiche ehemalige Römerstädte wieder als Zentrum 
ihrer Landschaft. Die Umformung der antiken Namen geschah 
entweder nach bestimmten Lautregeln oder mit Unterschiebung 
eines Sinnes durch ein anklingendes slawisches Wort. In dem 
Falle, wo die Städte römischen Ursprungs in der slawischen Periode 



1) Cvijic, Naselja 1 S. XXX f. 



Die Serben im 7 — 10. Jahrhundert usw. 145 

einen ganz neuen Namen erhielten, wie die „weiße Burg" Belgrad 
(Siugidunum) oder die Burg des „Verteidigers" (branic) Branicevo 
(Viminacium), war zwischen dem Untergang der antiken Stadt 
und ihrer Neubesiedlung jedenfalls eine längere Zeit verflossen. 
Auch die Städte des byzantinischen Gebietes erhielten mitunter 
bei den Slawen neue Namen, voran Konstantinopel als „Kaiser- 
stadt" Cesar'grad, später Carigrad (S. 80), oder Ragusa als 
Dubrovnik (von altserb. dubrova Hain). Nur an der Küste der 
Halbinsel, im Westen in Dalmatien und Albanien behauptete sich 
seit der frühchristlichen Zeit eine Menge von Ortsnamen aus den 
Heiligennamen der lokalen Kirchen; im Binuenlande, in Bulgarien 
oder Serbien, sind solche Namen sehr selten, in Bosnien fehlen sie 
ganz ^). Neben den Resten der älteren geographischen Nomen- 
klatur entstand eine neue slawische, mit Hunderten von neuen 
Fluß- und Bachnamen und Tausenden von Dorf- und Flur- 
namen. 

Die Grundlage des Grundbesitzes bei den Südslawen war 
das Erbgut, über welches der Besitzer frei verfügen konnte Die 
Benennungen teilen sich in zwei Gruppen. In der einen Gruppe, 
im Nordwesten, wurde das unbewegliche Gut bezeichnet als Besitz 
des Geschlechtes, in Kroatien als plemensdina (Geschlechtsgut) 
in Bosnien als plemenita zemlja (Geschlechtsland) oder kurz 
als plemenito, in der Herzegowina '^J als plemenita bastina 
(Geschlechtserbgut). Man könnte daraus auf ein ursprünglich der 
ganzen Sippschaft gehörendes, später unter die Mitglieder der- 
selben aufgeteiltes Territorium schließen. Die zweite, im Südosten 
herrschende Gruppe, auch den Nordslawen bekannt, bezeichnet 
das Land in adjektivischer Form als Gut der Voreltern, Groß- 
väter oder Väter: djedina (von djed Großvater), besonders in 
Bosnien üblich, aber auch in Serbien nicht unbekannt 3), das 



1) V^gl. mein Clirist. Elem. 18 f. 

2) Mou. serb. 217 (!391). Wiss. Mitt. 3 (1895) 495 (1460). 

3) Alles Adj. poss. fem. auf -ina; zu ergänzen ist zemlja Land. 
Schenkungen in Bosnien als „djedina": Urk. des 14. Jahrb., Glasnik bos. 
18 (1906) 403 f. ,,Dedine zemlje": Kajjusa 12.53 Mon. serb. 38. „PlemenScina 
didina" der Mogorovici in Kroatien 1497 Mon. bist. jur. 6, 418. D. in Ser- 
bien: Mon. serb. 4, König Stephan cap. 7. Später djedina, ebenso wie 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 10 



146 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

seltenere otBcina (von otac Vater) ^), zuletzt basti na (von basta 
Vater), das in Serbien seit 1300 allein vorherrscht, im Küstenland 
mit „Patrimonium" übersetzt. Diese Ausdrücke, besonders der 
letzte, haben in der späteren Zeit die Bedeutung einer Erbschaft 
überhaupt angenommen 2). Der Grundbegriff ist gleich dem byzan- 
tinischen Erbgut oder Elterngut, dem Kern des ursprünglichen 
freien Grundbesitzes im oströmischen Kaisertum (yoviy.dv /.cTjjiia, 
yoviAOv xiüQceq^iov, yovr/.rj VTiooraoig, yovr/.sia) oder dem Besitz der 
„Elterngutleute" {yoviytaQioL), die wörtlich den altserbischen basti- 
nici entsprechen -^j. Der nicht urbar gemachte Boden hieß ledina, 
die Rodung oder die neu angelegte Kultur laz, in den Urkunden 
in der Regel mit einem Personennamen bezeichnet, z. B. „laz" des 
Bratomir oder des Hranoje; das angebaute Feld ist njiva, sämt- 
lich bei den Slawen allgemein verbreitete Termini. Der einzelne 
Hof, das Wohnhaus samt dem bebauten Grundstück, hieß selo, 
eigentlich „das Besiedelte", in Ursprung und Bedeutung voll- 
ständig der lateinischen „sessio" entsprechend. Mit „selo" wird 
äygög (der Ackergrund) der griechischen Gesetzbücher wieder- 
gegeben ^). In den Urkunden des Gebietes von Zara ist 1042 
die lateinisch umgeformte seUa gleich einem Hof, der „curtis"^). 
Ebenso ist in der Umgebung von Cattaro und Ragusa in den 
Urkunden 1270 — 1350 sella die einzelne „villa" oder das „casale", 
das Landhaus, bewohnt von den Besitzern und ihren Pächtern und 



bastina; Patrimonium, hereditas, patria; vgl. Rjecnik. Böhm, dedina einst 
Erbgut, jetzt Dorf. 

1) „OtiiCina dedina", väterliches Erbgut: Biographie des Nemanja 
von Sava p. 1. ,. Ocina" geschenkt dem Kloster Krusedol 1496 Mon. serb. 
541. Ocevina das Erbgut bei den Drobnjuci: Tomic, Naselja 1, 394. Russ. 
votcina: erbliches unbewegliches Gut. 

2) Vater russ. batja, bat'ko; bulg basta; serbokroat. basta = caca = 
otac in den altragusanischen Sprichwörtern bei Daniele, Poslovice nro. 1159, 
32 S5; altserb. basta ein Würdenträger im Kloster Chilandar. Miklosich, 
Etym. Wort, hält das Wort für türkisch, Daniele (^im Rjecnik) für slawiscl:, 
Berneker für eine Koseform zu slaw. bratri, Bruder. Adj. fem. dazu 
kirchenslaw., altserb , bulg. bastina. 

3) Pancenko, Izvestija arch. inst. 9 (1904) II 2 ff. 

4) Im vo^uog ytwQyixog. Vgl. Jagic, Arch. slaw. Phil. 15, 109. 
5") Racki, Doc. 46. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 147 

umgeben von Wein- und Obstgärten. Desgleichen ist „selo" das 
Grundstück des einzelnen Besitzers auch in den altserbischen 
Klosterurkuuden des 14. Jahrhunderts, ebenso im Statut von 
Poljica, in glagolitischen Urkunden aus Istrien aus dem 15. Jahr- 
hundert und im kroatischen Urbar von Modrusa 1486 ^). Heute 
noch gibt es Gebirgslandschaften an der Narenta, am Lim und an 
der Tara, in welchen „selo'' nur ein einzelnes Gehöft oder eine 
ganz kleine Häusergruppe bedeutet ^). Erst im Laufe der Zeit 
entstanden größere Dörfer, die man in Serbien seit dem 12. Jahr- 
hundert gleichfalls „selo" nannte und heute noch so nennt; ihre 
kleinen, zersprengten Weiler oder „Fraktionen" hießen zaselije 
oder zaselak, wörtlich „hinter dem Dorf". Ein mittelalterlicher 
südslawischer Ausdruck für ein Dorf mit einem oder mehreren 
Häusern, jetzt im Serbokroatischen und Bulgarischen vergessen, ist 
VLS, später vas^). Das Haus war ursprünglich nur einzellig, 
mit einem einzigen Wohnraum um den Herd herum. Im Wald- 
land war es aus Holz, im Karstboden aus Stein errichtet. Der 
Araber Harun ben Jahja (um 880) erwähnt in der Beschreibung 
des Weges von Konstantinopel nach Rom die Route von Thessa- 
lonich nach Spalato, durch die Waldlandschaften „der Slawen, die 
Holzhäuser besitzen", bemerkt aber, daß auch die Häuser der 
Langobarden „nur aus Holzbrettern gebaut" sind ^). Reichere 
Leute, Edelleute und Fürsten, bauten sich größere Wohnhäuser, 
welche wohl zur Verteidigung hergerichtet waren ^). Die Typen 
der Dorfanlage sind nur aus der neuesten Zeit bekannt; über die 
älteren Stufen lassen sich kaum Vermutungen aufstellen. 



1) Urk. von Banjska ed. Jagic p. 15, 23. Mon. bist. jur. 4, 65 
(§ 58); 5, 29 A. 3; 6, 201. 

2) Cvijic, Naselja 1, LXIIf. 

3) Eine „curtis" als „ves" 1042:' Eacki, Doc. 1. c. Gorazda vts, 
„Dorf des Gorazd": Mon. serb. 11. Velja vas oder Velika vas (Großdorf) 
hieß im 14 — 15. Jahrb. das heutige Velicani in der Herzegowina: Wiss. 
Mitt. 3 (1895) 480. Heute als Dorf bei den Slowenen (ves, vas), in Böhmen 
(ves), in Polen (wies) usw. Urverwandt mit oixog, vicus. 

4) Marquart a. a. O. 240. 

5) Vgl. M. Murko, Zur Geschichte des volkstümlichen Hauses bei 
den Südslawen: Mitt. der Anthropologischen Gesellsch. in Wien, Bd. 35 
und 36, auch S.A., Wien 1906 mit Wörterverzeichnis. 

10* 



148 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

Die Hauptbeschäftigung war Viehzucht. Neben Pferden und 
Schafen war die Schweinezucht von Bedeutung, in Pannonien schon 
in der Römerzeit landesüblich (S. 39). Bei den Langobarden gab 
es Schweineherden des Königs, bewacht von seinen Sklaven (por- 
carii mit dem archiporcarius an der Spitze) ^); ebenso werden in 
Serbien Schweine der Könige und Zaren in den Urkunden des 
13. — 14. Jahrhunderts erwähnt. Wilhelm von' Tyrus (1168) 
schildert das Land der Serben als ein gebirgiges, waldiges, un- 
zugängliches Gebiet mit vielen Engpässen. Die Einwohner seien 
ein kriegerisches Bergvolk, nur Hirten, reich an Herden, Milch, 
Käse, Butter, Fleisch, Honig und Wachs, angeblich ohne Acker- 
bau (populus agri cuiturae ignarus). An einer anderen Stelle be- 
schreibt er Dalmatien als ein Land v^oU Berge, Wälder und großer 
Weideplätze, mit sehr wenig Ackerbau (ita ut raram habeat agro- 
rum culturam), so daß die Einwohner allen Lebensunterhalt in ihren 
Herden besitzen -). Diese letztere Angabe ist nicht richtig. Es gab in 
den Tälern und Karstpoljen jederzeit auch etwas Ackerbau, aller- 
dings in einem mäßigen Umfang. Die serbische Terminologie für 
die Begriffe des Feldbaues steht im engsten Zusammenhang mit 
den bei allen slawischen Völkern üblichen Ausdrücken für die 
Bodenkultur und zeugt von ununterbrochener Übung seit der Vor- 
zeit. In den wärmeren Landschaften haben die Serben den Anbau 
der Weinrebe erlernt. Die Jagd war noch lange sehr ergiebig. 
Wie bei anderen mittelalterlichen Völkern, war die dem klassischen 
Altertum unbekannte, aus Indien, Persien und Innerasien stam- 
mende Falkenjagd auch bei den Serben und Kroaten sehr beliebt. 
Unter den Geschenken der Söhne des serbischen Fürsten Vlastirair 
an den Fürsten Boris von Bulgarien befanden sich 2 Falken 
{(pa't/Mvia), 2 Hunde iOAvlia) und 90 Pelze (yovvag) ^). 

Die Seeschiffahrt gedieh bei den Kroaten , Narentanern und 
Zachlumiern; von einer Seefahrt der Travunier, Kanaliten und 
Dioklitier wird in der älteren Zeit nichts berichtet. Es waren 
kleine Schiffe; die Gondeln [/.ovöoCgai) der Kroaten hatten nach 



1) Hartmann a. a. 0. 2, 2, 44. 

2) Wilhelm von Tyrus II cap. 17; XX cap. 4, 

3) Konst. Porph. 3, 155. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 149 

Konstantin Porphyrogennetos 10 — 20, die Sagenen 40 Mann Be- 
satzung. Den Gewerbfieiß und den aus Holz, Ton, Leder und 
Metall geformten Hausrat dieser Zeit kennen wir nur wenig. So 
viel ist sicher, daß eine Fortsetzung der Bronzezeit bis tief in das 
Mittelalter reicht. Große Herren trugen Schmuck von Gold und 
Silber, arme Leute von Bronze. Spätrömische Bronzen, Griffel, 
Knöpfe, Schnallen usw. fand man auf dem Berge Debelo Brdo 
bei Sarajevo mit einer Münze des Kaisers Justinian ^). Aus 
späteren Zeiten gehören dazu nicht nur die byzantinischen Leuchter, 
Kreuze, Gefäße, Gewichte, Medaillen, Amulette usw. aus Bronze 
(xaX-/.6g), sondern auch viele primitive Kleinfunde des Hämus- 
und Donaugebietes. Silbermünzen der ungarischen Könige 
des 11. Jahrhunderts (1038 — 1095) bestimmen die Zeit, welcher 
die von Dr. Brunsmid untersuchten, merkwürdigen Reihenfried- 
höfe im Dorfe Bijelo Brdo bei Esseg und die ähnlichen Funde 
von Svinjarevci bei Vukovar in Slawonien angehören -). Es 
ist der ärmliche Hausrat einer Bevölkerung, die von Ackerbau, 
Viehzucht, Jagd und Fischerei lebte. Unter dem meist durch Guß 
hergestellten Metallschmuck überwiegt der primitive Zierat aus 
Bronze: die auch in Dalmatien, Bosnien und Serbien, ebenso in 
den nordslawischen Ländern vorkommenden S-förmigen Schläfen- 
ringe, ferner Ohrringe, Fingerringe, Hals- und Armringe, Schellen 
und andere Anhängsel, sowie Fibeln. Die besseren Stücke sind 
aus Silber. Daneben fand man Glasperlen, Muscheln, durchlochte, 
als Schmuck verwendete römische Kupfermünzen, eiserne Messer 
und Sicheln und einfaches Tongeschirr. Auf einigen dieser slawo- 
nischen Bronzestücke ist auch das Kreuzeszeichen ersichtlich. In 
Serbien fand Dr. Vasid ^) bei Ausgrabungen bisher nur Reste des 
späteren Mittelalters: bei Poljna im Kreis von Jagodina Gräber 
unter Steinplatten, deren Skelette gegen Osten orientiert waren 
und Spuren von Holzhäusern, mit Eisengerät, Topfscherben und 
einem silbernen Schläfenring, ebenso bei der Burg Stalaö am Zu- 
sammenfluß beider Moravas Töpferwaren mit Kreuzstempeln. Die 



1) Fiala, Wiss. Mitt. 4 (1896) 65, 72. 

2) Vjesnik arheol. N. S. 7 (1903) 30—97. 

3) Godiinjak 19 (1905) 251 f.; Starinar N. S. 1 (1906) 39 f. 



150 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

alten Termini des Schmuckes sind uns bekannt: grivna Halsring^ 
Halsband oder Halskette, in Rußland, ebenso in den glagolitischen 
Urkunden aus Kroatien und in Böhmen eine Münze, da die Hals- 
ketten später aus Münzen bestanden i) ; o b r u c , n a r u k v a oder 
narukvica der Armring 2), obotci Ohrringe, zapon^) die 
Spange oder Fibel, pojas der oft schwere Gürtel. Bronze und 
Kupfer bezeichneten die Slawen mit demselben Wort (mjedj ^). 
Auch der Ausdruck brondium, bronco war in den mittelalter- 
lichen Städten Dalmatiens für Kupfer in Gebrauch; nach Kara- 
bacek stammt er aus Persien '^). Die alte Bronzeindustrie mit der 
Kunst, Bronzewaffen zu schmieden, lebte am längsten im Kaukasus, 
wo sie noch im lö. Jahrhundert von einem der letzten byzanti- 
nischen Historiker, Chalkondyles aus Athen, bei den christlichen 
Alanen (Osseten) erwähnt wird *^). 

Der Handel war sehr gering, was schon aus den Wertver- 
hältnissen erhellt. An gemünztem Gelde waren vor allem die 
byzantinischen Goldmünzen {roi.iiOj.iava, sohdi) im Umlauf, später 
nach den Kaisern unterschieden (romanati, michaelati), slawisch 
zlatnik, zlatica (von zlato Gold). Weniger verbreitet war das 
byzantinische Silber- und Kupfergeld. Sonst galt noch lange Zeit 
das primitive Kuh- oder Viehgeld. Die Viehbesitzer waren die 
reichsten Leute, besonders die Landesfürsten selbst. Masüdi (um 



1) Grivna von griva Mähne, vgl. sanskr. grivä Hals; vgl. die Lexika 
von Miklosicb , Daniele und Budmaui. Kroatien: Starine 4, 121—124. 
Aitböhm hfivna: Mark Silber. 

2) Mon. Serb. 92; Arch. slaw. Phil. 21, 423 (1515). 

3) Inschrift auf der gold. Spange des Großfürsten Peter von Chelmo 
(um 1225): Starinar 1 (1884) 111. 

4) Mjed neben Marmor, Silber und Gold unter dem Schmuck des 
Palastes Symeons von Bulgarien bei Johannes dem Exarchen. Die 
wohl bronzenen Menschen- und Pferdestatuen, die Großfürst Vladimir aus 
Cherson nach Kiew brachte, bei Nestor ed. Miklosich p. 71 als ,, kupfern" 
(medjan). 

5) Brondium = ramen, cuprum: meine Rom. Dalm. 1, 88. Mittelpers. 
barinz, neupers. birindz Messing: Karabacek, Metallurgische Etymologien, 
Mitt. des k. k. österr. Museums für Kunst und Industrie, N. F. 1 (1887) 
49—50. 

6) Chalkondyles ed. Bonn. p. 467—468. 



Die Serben im 7 — 10. J.ilirhuiulert usw. 151 

950) schreibt, in Bulgarien werde alles mit Kühen und Schafen 
gezahlt. Im 11. Jahrhundert entrichtete der Bauer in den süd- 
lichen Landschaften Bulgariens an Steuer von jedem Ochsen- 
gespann (uvyog ß6o)v) 1 Scheffel {{.löötov) Weizen, 1 Scheffel 
Hirse und 1 Krug (ardinrog) Wein i). In Rußland waren die 
Steuern im 10. — 11. Jahrhundert repartiert nach Rauchfängen oder 
Pflügen ; im Norden und Osten zahlte man mit Geld, welches dort 
durch den arabischen Handel mit den Chazaren und Wolga- 
Bulgaren im Uralauf war, im W^esten mit Marder- und Eich- 
hörnchenfellen oder mit Honig, ebenso wie in Polen. In Kroatien 
entrichtete man die Abgaben in Marderfellen (raarturinae, kroat. 
kuna, deutsch Mardergeld). Der Marder ist auch auf den kroa- 
tischen Banalniünzen abgebildet, ebenso im Landeswappen, Die 
Leistung in Fellen wurde später durch Zahlungen in gemünztem 
Geld ersetzt, der alte Name der „Marturinen" ist aber lange un- 
verändert im Gebrauche geblieben -). Selbst die Städte der Quar- 
nerischen Inseln versprachen (1018) Tribut an Venedig in Fuchs- 
und I\Iard erfeilen, Zara (1202) in Kaninchenfellen (cuniculae). Bei 
Zara kaufte man im 11. Jahrhundert Grundstücke mit Geld, selten 
mit Pferden, wobei das gute Pferd sechs Goldstücken gleichkam. 
Bei Spalato dagegen tritt das Geld gegenüber den Naturalzahlungen 
sehr stark zurück. Die Grundstücke wurden dort (um 1080) ge- 
kauft um bestimmte Mengen von Getreide, Wein, Salz, Käse, Brot, 
um lebendes Vieh, Schweine, Schafe und Ziegen, um Schafpelze, 
Leinwand oder Flachs. Oft ist der Kaufpreis halb Geld, halb 
Ware ^). In Serbien werden im 13. — 14. J;ihrhundert, obwohl 
Metallgeld schon in ziemhcher Menge in Umlauf war, noch immer 
Bußen in Pferden, Ochsen und Schafen erwähnt. Die Urkunde 
von Banjska kennt auch Bußan in Leinwand (platno), welche nach 
Ibrahim ihn Jakub und Helmold bei den Nordslawen in Böhmen 
und Pommern ein allgemeines Zahlungsmittel war ^). 

Mehr Vorliebe, als für den Handel, hatten die Südslawen für 



1) Kedrenos 2, 530. 

2) Klaic, Marturina: Rad 157 (1904). 

3) Racki, Doc. 127 f., 174. 

4) Platiti zahlen stammt nach Miklosich, Etym. Wörterbuch, von 
plati> Tuch, Leiuwand. 



152 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

den Krieg. Die kleinen Fehden, die Blutrache, die Jagd, der 
Raub zu Land und zur See und der Söldnerdienst in der Fremde 
beförderten die Übung im Waffenhandwerk. Der wahrscheinlich 
aus Nordafrika stammende Jude Ibrahim ibn Jakub, der um 965 
über Italien nach Deutschland reiste, berichtet, die Slawen an der 
Küste des „Venetianischen Golfes" seien ein sehr tapferes Volk; 
die Nachbarvölker hüten sich vor ihnen und trachten mit ihnen 
im Frieden zu leben; ihr Land sei voll hoher Gebirge, die Wege 
schwierig ^). Von der Bewaffnung der Serben erwähnt Kinnamos 
Laijzen und lange Schilde -}. Die Hauptwaffe waren aber Bogen 
und Pfeile. Giftpfeile, mit denen die Kreuzfahrer im Moravatale 
unangenehme Bekanntschaft gemacht haben, führten noch um 1559 
die Mrkojevici bei Antivari, bestrichen mit einem Pflanzengift^), 
wahrscheinlich gewonnen aus den Blättern und Wurzeln des Eisen- 
hutes (Aconitum napellus) *). 

Zwischen den Südslawen saßen noch lange Zeit ansehnliche 
Reste der älteren Bevölkerung ^). Die halbromanisierten Illyrier 
waren während der Völkerwanderungen aus dem Berglande zwischen 
Dalmatien und der Donau südwärts gedrängt worden. Ihr Mittel- 
punkt wurde die Landschaft von Arbanum ( dgßmov, iAlßavov), 
serbisch Raban bei Kroja, wo schon Ptolemaios in der Römerzeit 
einen Stamm der Albaner erwähnt. Dieser Name wurde seit dem 
11. Jahrhundert auf das ganze Volk ausgedehnt, lateinisch Arba- 
nenses oder Albanenses {AXßavoi, '^Qßavlvai), woraus die sla- 
wische Form Arbanasi abgeleitet ist. Die Hauptsitze befanden 
sich im Mittelalter in dem Viereck zwischen Skutari, Prizren, 
Ochrid und Valona, mit Ausläufern weit gegen Norden. Im 
14. Jahrhundert erscheinen „Arbanenses" mit ihren nationalen 
Namen unter den Bauern der Zupa von Grbalj bei Cattaro, ebenso 



1) Zapiski der russ. Akad. 32 (1878) nro. 2, S. 53. 

2) Kinnamos VI cap. 7. 

3) Starine 10, 251. 

4) Aconitum serbokroat. nalijep; altböhm. njllep Pfeilgift, wörtlich das 
„Angeklebte)". 

5) Vgl. meine Wlachen und Maurowlachen, S.B. der kgl. böhm. 
Ges. d. Wiss. 1879, 109 — 125 und meine Rom. Dalm. (Albanesen 1, 41 f., 
Wlachen 1, 34 f.). 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 153 

in dem jetzt rein serbischen Tale von Crmnica im Nordwesten 
des Sees von Skutari. Von einem albanesischen Personennamen 
Burraad („der große Mann") ist abgeleitet der Name der seit 1300 
erwähnten Hirtengemeinde der Burmasi oder Burmazovici im Be- 
zirke von Stolac in der Herzegowina. In Montenegro sind auf- 
fallig echt albanesiäche Ortsnamen in Landschaften, wo heute 
niemand mehr albanesisch spricht: Singjon (albanesisch St. Johann), 
Goljemade (schon 1444, alb. „Großmäuler '', gulae magnae), Krusi 
(aus lat. crux) usw. Charakteristisch sind die bei Hahn, Rovinskij 
und in den Bänden der „Naselja" verzeichneten Stammsagen, 
welche albanesische und serbische Stämme von gemeinsamen Ur- 
vätern ableiten. Die Stammsage der Vasojevici nennt fünf Bi üder, 
Vaso, Pipo, Ozro, Kraso, Oto, als Vorfahren der jetzt serbischen 
Vasojevici, Piperi, Ozrinici und der jetzt albanesischen Krasnici und 
Hoti. Die Genealogie erinnert an die Konstruktion der illyrischen 
Stammsagen bei Appian (S. 23). Die Stammsage der Kuci leitet 
die jetzt serbischen Kuci und die albanesischen Kastrati und Saljani 
von drei Brüdern ab ; allerdings erscheinen die Kuci noch bei 
Mariano Bolizza aus Cattaro (1614) als „Chuzzi Albanesi", „del 
rito romano" ^). Im Osten werden in den altserbischen Urkunden 
des 14. Jahrhunderts Leute mit albanesischen Namen (Ljes, Gjon, 
Gin usw.) in Prizren und Umgebung genannt. Mögen die Alba- 
nesen im früheren Mittelalter an die Serben viel Boden verloren 
haben, ein absterbendes Volk waren sie keineswegs. Seit dem 
Ende des 13. Jahrhunderts eröffneten sie einen Vorstoß gegen 
Süden nach Thessalien, Epirus und Griechenland, seit dem des 
17 Jahrhunderts einen zweiten gegen Nordosten bis Novipazar, 
Nis und Vranja. Im Mittelalter erscheinen sie als eine altchrist- 
liche Bevölkerung von mehr städtischer Kultur, welche den Grie- 
chen und den dalmatinischen Romanen viel näher stand, als den 
neubekehrten Serben. Von dem Alter des Christentums geben 
Zeugnis Reste der alten lateinischen Terminologie in ihrer Sprache 
und die vielen von Heiligennameu abgeleiteten Ortsnamen. In 
der Urkunde des Klosters Decani (1330) und in dem venezianischen 
Kataster von Skutari (l416) ^) führt jeder Albanese zwei Namen; 

1) Starine 12, 182. 

2) Ebd. 14, 32 f. 



154 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

der erste war ein christlicher Vorname, selten ein römischer (wie 
Calens aus Caienda oder Tanusius) oder nationaler (Barda „weiß", 
Progon, Bitri usw.), der zweite meist der Name einer Sippschaft 
oder eines Dorfes, seltener die Bezeichnung einer persönlichen 
Eigenschaft, wie „schön" (Mira), „klein" (Vogali) u. dgl. Die 
meisten dieser Gentilnamen sind heute noch bekannt als Stamra- 
oder Dorfnamen : Tuzi (schon 1330), Prekah, Skreli, Kastrati usw. 
Im Kataster 1416 heißen z. B. in der „villa i Tusi" (Tuzi bei 
Podgorica) alle 16 Hausbesitzer Tusi vom Häupthng Jurco Tusi 
angefangen, während in Grouemira grande (alb. „die schöne 
Frau") von den 20 Häusern nur 11 von den Grouemiri bewohnt 
waren. Im Gebirge östlich vom See von Skutari saßen große 
Stämme, wie die heute noch sehr angesehenen, seit 1330 oft er- 
wähnten Hoti. Maßgebend waren aber im Mittelalter nicht die 
Stämme, sondern die HäuptHnge und Adligen; die Geschichte der 
gegenwärtigen Verfassung der nordalbanesischeu Bergstämme läßt 
sich bei dem Mangel an Nachrichten nicht so weit zurückver- 
folgen. 

Von den Romanen haben die Donaurömer, die Vorfahren der 
Rumänen, in Obermösien und Dardanien durch die Völkerstürme 
seit dem 5. Jahrhundert am meisten gelitten und sind größtenteils 
ausgewandert, zum Teil weit über die einstige Sprachgrenze des 
Lateins hinaus. Den Hirten fiel der Abzug in fernere Gebiete 
allerdings nicht schwer. Sie fanden neue Wohnsitze in der Rho- 
dope, im Häraus, in Makedonien, in Thessahen, das zu Ende des 
Mittelalters „Groß-Wlachien" {Meyälr] Blayja) genannt wurde, 
in Epirus, in ganz Serbien, wo sie in keiner der Klosterurkunden 
des 12. — 14. Jahrhunderts fehlen, in Bosnien und der Herzegowina, 
wo die Ragusaner die Sippschaften bei Trebinje, Ljubinje und 
Gacko, die Zubci, Banjani, Niksici, Drobnjaci u. a. zu den 
Wlachen zählten, ebenso im Küstengebirge Kroatiens besonders 
von der Cetina bis in die Landschaften der Lika und Krbava. 
Sich selbst nannten sie nach dem Zeugnis des venezianischen Geo- 
graphen Domenico Negri noch immer Romani^), ebenso wie 
sich die heutigen Makedorumänen (Aromunen) Arämän nennen. 



1) Nigri Veneti Geographia (Basel 1557) p. 103. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 155 

Bei den Slawen hießen sie, ebenso wie die Italiener, stets Wlacben 
(S. 65). Von der Kleiduug stammt die byzantinische Bezeich- 
nung der Gebirgshirten als „ Schwarzwlachen " oder j\Iaurowlachen, 
bei Diocleas im 12. Jahrhundert Morovlachi oder ,, Nigri 
Latini", in den Archivbüchern von Ragusa ebenso J\Ioroblachi, 
Morolacchi, seit 1420 kurz Morlachi. Bei den Venezianern sind 
im 16. Jahrhundert Murlacchi alle Einwohner des Festlandes vom 
Quarnero bis Antivari, außerhalb der Städte. In der neuesten 
Zeit, in welcher die etimographischen Unterschiede längst ver- 
wischt sind, nennen die Städter und Inselbewohner von Dalmatien 
jeden Bauern und Hirten des Festlandes slawisch Vlah, italienisch 
Morlacco, während in Kroatien unter Wlachen die Gläubigen der 
orientalischen Kirche verstanden werden. Heute noch heißt ein 
Teil der Makedorumänen „die Schwarzröcke", in Serbien Crnovunci, 
in Albanien, Makedonien, Epirus und ThessaHen Karaguni. Im 
letztern Gebiet sind diese „schwarzen" Wlachen die mehr seß- 
haften, in aus Stein gebauten Sommerdörfern wohnenden Aro- 
munen. Die weiße Kleider tragenden Farserioten (neugriech. Ar- 
vanitovlachi), welche als Hirten zwischen Serbien und Morea her- 
umwandern, bleiben mehr Nomaden, organisiert in Sippen (fälkare), 
die nach den Häuptlingen, den Celniks, genannt werden; mehrere 
Sippen bilden ein Geschlecht (farä) ^). Rumänische Personen- 
namen (wie z. B. Negulus oder Dracculus) erscheinen in dalma- 
tinischen Urkunden schon im 9. — 11. Jahrhundert. Groß ist ihre 
Zahl in den altserbischen und den ragusanischen Denkmälern des 
1.3. — 14. Jahrhunderts; ein Teil davon ist rein rumänisch, wie 
Bun, Ursul, Fecor, Barbat oder Bukor, während andere slawisch 
sind, mit dem nachgestellten rumänischen Artikel, wie Gradul, 
Radul oder Vladul. Einzelne Spuren sind in Orts- und Flur- 
namen zu bemerken, z. B. im Bezirk von Dragacevo (Kreis von 
Rudnik) im Königreich Serbien : Dorf Negrisori, Anhöhe Korona, 
zwei Berge Kornet (cornetum) und Loret (lauretum), eine Flur 
Prijot (dakorum. preot presbyterj -). In Montenegro führen zwei 
der höchsten Berge romanische Namen, ursprünglich Personen- 



1) Weigand, Die Aromunen 1 (189.5), 275, 303. 

2) Erdeljauovic, Naselja 1, 69, 204 f. 



156 Drittes Buch. Erstes Kapitel. 

namen (von videre und dormire): Visitor (schon 1330) und Dur- 
mitor. Im Osten bestehen zahlreiche Reste rumänischer Orts- 
namen in dem Berglande zwischen Nis und Sofia ^). 

Das wlachische Hirtenleben war an die Abwechslung zwischen 
Sommerweide (Ijetiste) und Winterweide (zimiste, x^if.iccdiov , lat. 
hiberna) gebunden. Ursprünglich lagen beide oft nahe beiein- 
ander, z. B. in der Urkunde von Zica (um 1220) die Somraer- 
"weide am Berge Kotlenik, die Winterweide im nahen Tale des 
Ibar. Bedeutende klimatische Unterschiede gab es im Küsten- 
lande zwischen den kühlen Alpentrii^en des Hochgebirges und 
dem Winterlager am warmen Meeresufer von Alessio bis zur 
Narenta. Novakovic macht darauf aufmerksam, daß in den älteren 
Urkunden die Wlachen nur mit dem Namen ihrer Häuptlinge und 
mit ihren eigenen Personennamen genannt werden, ohne die Dörfer 
näher zu bezeichnen ; die Bestimmung der Wohnorte nimmt wahr- 
scheinlich mit der Zunahme der Seßhaftigkeit immer mehr zu 2), 
Das Hirtendorf heißt seit dem 13. Jahrhundert „Katun"; es ist 
ein Lager, nach der militärischen Terminologie der Byzantiner 3). 
In Montenegro versteht man noch jetzt unter Katun die Gruppen 
der hölzernen Hütten auf der Sommerweide; die Umgebung von 
Cetinje heißt danach Katunska Nahija. Die Hirtendörfer führten 
meist die Namen der Häuptlinge, z. B. Ursulovac von einem Ursul. 
Eine Spur alter Wanderungen aus dem Donaugebiet südwärts 
enthält der Name der Vlasi Sremljane in der Urkunde von De- 
cani (1330), jetzt Dorf Sermiani bei Pec; es sind „Wlachen von 
Sirmium'^ (slaw. Srem). Die Landschaft Stari Vlah, „der alte 
Wlache" in der Gegend von Sjenica, jetzt zum Teil im König- 
reich Serbien im Srez von Moravica, enthält nur einen Häupt- 
lingsnamen der Berghirten ; Leute Starovlah, Starovlahoviö werden 
im 15. Jahrhundert urkundlich genannt. Der mittelalterliche Katun 
zählte nach den Untersuchungen von Novakovic 11 — 105 Fa- 



1) Weigand, XIII. Jahresbericht des Inst. f. rumän. Sprache (Leipzig 
1908) 40 f. 

2) Novakovic, Selo 32f. 

3) Mittelgriech. fj xarouva Lager, xaTovrfvw lagern, romanischen Ur- 
sprungs : itai. cautone Ecke (davon die Schweizer Kantone), franz. cantonner 
lagern, sich verschanzen. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 157 

milien, aber die einzelne Familie war in der Regel klein, höchstens 
14 männliche Köpfe stark. Da die Wlachen in Serbien, Bosnien 
und Kroatien nur eine sporadische, zusammenhangslose Bevölkerung 
bildeten, konnte sich ihre Sprache nicht auf die Dauer behaupten. 
Nach einem Zustand von Doppelsprachigkeit gewann das Slawische 
die Oberhand. Es sind Verhältnisse, die an den Rückgang der 
Romanen in den deutschen Alpenländern erinnern. Noch im 
16. Jahrhundert redeten die Wlachen in den Bergen des küsten- 
ländischen Kroatiens nach dem Zeugnis des Negri eine Sprache 
mit verdorbenen lateinischen Worten. Die türkischen Invasionen 
zersprengten sie von dort gegen Nordwesten auf die Quarnerischen 
Inseln und nach Istrien. Die Nachkommen der Wlachen, die 
145U — 1480 auf die Insel Veglia übergesiedelt sind, sprachen im 
Dorfe Poljice noch in der Napoleonischen Zeit rumänisch i). Andere 
saßen um 1690 nach den Sprachproben bei Fra Ireneo della Croce 
in einigen Dörfern bei Triest. Der letzte noch fortlebende kleine 
Rest ist die Sprache der Rumänen in einigen Gemeinden im Osten 
Istriens. 

Die Romanen der Städte von Dalmatien und Praevalis, meist 
Seefahrer, Kaufleute, Handwerker und Fischer, waren durch Ur- 
sprung und Sprache ganz verschieden von diesen rumänischen 
Berghirten '■^). Man nannte sie Romani, später meist Latini, 
slawisch noch in den serbischen und bosnischen Urkunden 1200 — 
1250 Wlachen (Vlasi); selbst um 1600 bedeutete in Ragusa 
„vlaski" (wlachisch) italienisch. Diese Reste der alten Römer 
übten auf die Slawen Dalmatiens infolge der Nachbarschaft und 
des täglichen Verkehrs einen größeren kulturellen Einfluß aus, als 
die Griechen. Im alten Praevalis lagen ihre Stadtgemeinden dichter 
beisammen. In Dulcigno gab es z. B. gegen Ende des Mittelalters 
Patrizierfamilien Campanario, Paladino, Rosa, Taliaferri, in Dri- 
vasto Palombo (Colomba), de Leporibus, Summa, Bello. Als Flur- 
namen findet man in den Urkunden bei Antivari Monte Cavallo, 



1) Aufzeichnungen des Feretid 1819: Zbornik za nar. zivot 9 
(1904) 15 f. 

2) Besonders in der Stellung des Artikels. Rumänisch postponiert: 
ursul, surdul. Altdalmatinisch: lu reame (regnum), lu mircat (mercatum). 



158 Drittes Bucli. Erstes Kapitel. 

Fontana leprosa, Tomba, einen Bach Spinosa, bei Drivasto Fundina 
und Cruce. Weiter nördlich waren die Städte in Dalmatien spär- 
licher verteilt, worauf sich ihre Reihe über die Quarnerischen Inseln 
an die alten Kommunen im Westen Istriens anschloß. Die meisten 
waren innerhalb ihrer Mauern und Türme eng zusammengedrängt, 
ein Winkelwerk von Laubengängen mit Felstreppen und wenigen 
freien Plätzen, z. B. in dem zur Winterszeit von der Sonne so 
wenig beschienenen, ringsumher von hohen Bergen umschlossenen 
Cattaro, im ältesten hoch gelegenen Teil von Ragusa oder in dem 
in die Mauern des Diokletianischen Palastes hineingebauten Spalato. 
Residenz der Behörden war im 12. Jahrhundert in Spalato und 
Ragusa ein „kaiserlicher Turm" (imperialis turris). Die kleinen 
Territorien auf dem Festlande wurden z. B. in Zara, Trau und 
Ragusa Starea oder Astarea genannt, ein Ausdruck, der auch 
in Korfu und Negroponte wiederkehrt und nach Jorga das grie- 
chische fj oieQEct (Festland) ist i). Die zahlreichen Ortsnamen vor- 
slawischen Ursprungs zeigen, daß es einmal auch eine romanische 
Insel- und Landbevölkerung außei'halb der Städte gegeben hat, 
die jedoch frühzeitig verschwunden ist. Merkwürdig ist in allen 
diesen Stadtgemeinden das Fortleben der spätrömischen Personen- 
namen bis zu Ende des Mittelalters: Bonus, Lampridius, Lucarus, 
Praestantius, Sabinus, Tiberius, Ursacius u. a. Herrschend in der 
Gemeinde waren erbliche Geschlechter, entstanden unter dem Ein- 
fluß der alten plutokratischen Kurial Verfassung, weiche sich seit 
IdOO als eine adlige Kaste abschlössen. Die tüchtigsten Männer 
hatten eine ehrenvolle Laufbahn vor sich, als byzantinische See- 
leute oder Beamte oder als Diener Gottes. Dalmatiner waren im 
7. Jahrhundert Papst Johann IV. (640—642), der Patriarch Maxi- 
raus von Grado (um 649) und der Erzbischof Damian von Ravenna 
(688 — 705). Das Bewußtsein des römischen Ursprungs war bei 
den Patriziern noch zu Ende des Mittelalters lebhaft, besonders 
bei den Spalatiner Chronisten, dem Archidiakon Thomas (f 1268) 
und Micha Madii de Barbazanis (f um 1358) und bei dem Ra- 
gusaner lateinischen Dichter Alius Lampridius Cerva (f 1520). 
Stärker war aber der Einfluß der Nachbarschaft. In den südlich- 



1) Jorga, Notes et extraits 1, 153. 



Die Serben im 7. — 10. Jahrhundert usw. 159 

sten Städten wurde das Romanische vom Albanesischen zurück- 
gedrängt, obwohl nach Barletius die Drivastiner noch im 15. Jahr- 
hundert als Nachkommen römischer Kolonisten gelten wollten. 
Das Slawische drang in den nördlichen Städten durch das weib- 
liche Element ein, durch Heiraten mit den Slawen der Umgebung. 
Die hervorragenden Familien von Zara waren im 11. Jahr- 
hundert verschwägert mit den Königen von Kroatien, die von 
Ragusa im 13. mit den Fürsten von Chelmo, die von Cattaro im 
15. mit der Dynastie der Crnojevidi von Montenegro. Der große 
Aufschwung der Städte nach 1200 mit Erweiterung der Mauern 
und Erwerbung neuer Territorien führte zur Aufnahme zahlreicher 
neuer Bürger, vorwiegend Slawen aus der Nachbarschaft, Ander- 
seits sind die Altbürger durch die furchtbaren Seuchen (besonders 
1348) stark verringert worden. Der einheimische romanische 
Dialekt wurde im Norden verdrängt durch die auf der Adria 
herrschende venezianische Mundart. In Ragusa beschloß man noch 
1472, das lokale Patois, die „lingua Ragusea", bei den Debatten 
in den Ratskollegien allein zuzulassen, mit Ausschluß der „lingua 
sclava". Aber im Gegensatz zu den Humanisten des 15. Jahr- 
hunderts fühlten sich die Ragusaner um 160Ü ganz als Slawen, 
was sich auch in den Geschichtswerken des Orbini und Luccari 
bemerkbar macht. 



Zweites Kapitel. 

Heidentum und Christentum i). 

Das Material über das Heidentum der Südslawen ist sehr 
gering. Der letzte Bericht ist der des Prokopios (S. 76). Nach 
der Ansiedlung in den Balkanländern ist der alte Götterdienst vom 
Christentum leicht und ohne Kampf verdrängt worden. Die letzten 
Heiden waren im Westen der Halbinsel die unter Basilios 1. ge- 
tauften Narentaner, die am Ende des 9. Jahrhunderts von Bischof 
Klemens bekehrten Slawen Makedoniens und die dem Götzendienst 
(error Idolatrie) ergebenen Kroaten, für die im 11. Jahrhundert 
das Bistum von Agram gegründet wurde. Ihren primitiven Natur- 
dienst zu beschreiben hat sich niemand die Mühe genommen. Die 
vielen heute noch bemerkbaren Überreste des heidnischen Glaubens 
sind im Laufe von mehr als einem Jahrtausend zu sehr beeinflußt 
von fremden Elementen, altillyrischen und romanischen Vor- 
stellungen , christlichen Legenden und Apokryphen , griechisch- 
orientalischen Sagen und Märchen, als daß sich daraus ein System 
der südslawischen Mythologie zusammenstellen ließe. An den rus- 
sischen Donnergott Perun, bei welchem die heidnischen Russen 
in den Verträgen mit den Byzantinern im 10. Jahrhundert den 
Eid leisteten, erinnern nur einige Ortsnamen, wie ein Dorf Perun 
bei Spalato, ein Berg Perun bei Lovrana in Istrien und der Name 
der Schwertlilie (Iris, serbokrat. perunika). Mit dem russischen 



1) Slawische Mythologie: Krek, Einleitung in die slaw. Literatur- 
geschichte'' 377 f. Leger, Mythologie slave, Paris 19 1. Zahlreicte Abb. 
von Jagic und Brückner im Arch. slaw. Phil. Nodilo, Religion der 
Serben und Kroaten auf Grundlage der Lieder, Märchen und der Sprache: 
Ead 77—101 (I885f.). 



Heidentum und Christentum. löl 

Viehgott Volos oder Veles wird zusammengestellt die Stadt Veles 
am oberen Vardar, ein Berg und ein Weiler Veles im westlichen 
Serbien ^) und ein Dorf Velesnica an der Donau unterhalb Kladovo. 
Eine von Novakovic aufgezeichnete Erzählung aus der Macva 
nennt den bogomilischen Satanael, den \A'idersacher des im Himmel 
herrschenden Gottes des Hei'rn (Gospod Bog), „den Kaiser (car) 
Dabog auf Erden'' 2); das erinnert an den russischen Dazbog 
(oder Dazdbog, wörtlich „gib Gott"), dessen Götze einst in einer 
Gruppe von Idolen vor der Residenz in Kiew stand und der in 
der christlichen Periode als Personenname in Rußland, Polen und 
in der Moldau wiederkehrt. Der Kult der Südslawen scheint ein 
bildloser gewesen zu sein, wie der der Litauer. Götzenbilder, wie 
bei den Russen der hölzerne Perun mit silbernem Kopf und golde- 
nem Schnurrbart vor dem Schloß von Kiew und wie die Götter- 
statuen bei den Elbeslawen, sind im Süden nicht nachweisbar. 
Alle slawischen Bezeichnungen der Idole sind Fremdwörter, zum 
Teil ori.-ntalischen Ursprungs: kumir, kap oder kapiste und 
balvan^j, das bei den Serben als Flurname in alten Urkunden, 
als Dojfname (Bovan in Montenegro, bei Stolac, Visegrad und 
Krusevac) und als Burgname (Bolvan, j. Bovan bei Aleksinac) 
vorkommt. 

Kleinere Wesen sind aus dem Aberglauben bis auf den heu- 
tigen Tag nicht verschwunden. Die Nymphen {vif.i(fai ) und Fluß- 
geister {noiauoi), welche Prokopios erwähnt, Geister der Quellen, 
Bäche, Flüsse, Wälder, Berge, Wolken, sowie des Meeres wurden 
als weibliche Feen gedacht und Vila genannt. Der Übersetzer 
der Chronik des Geoigios Hamartolos hat die Sirenen als Vilen 
wiedergegeben. In einer Urkunde des 13. Jahrhunderts wird bei 
Prilep eine „Vilenquelle"' (Vilsky kladez) genannt^); ebenso gibt 
es in Montenegro einige Quellen Vilina Voda, eine davon am 
Berge Kom (Vilin izvor), im Kreis von Rudnik ein „Vilenwässer- 
chen'", Vilina Vodica. Bei den ragusanischen Dichtern der Re- 



1) Naselja 1, 159 f. 

2) Arch. slaw. Phil. 5 (1881) S. 11, 166. 

3) Balvany iHöwlu im serb. Nomokanon: Starine 6, 84. Vgl. Ber- 
neker, Etym. Wbch. 

4) äafafi'k, Pamätky 25. 

Jirecek, Geschiciite der Serben. I. H 



163 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

naissance übernehmen die Vilen die Rolle der klassischen Nymphen, 
Dryaden, Najaden oder Oreaden. Sehr gut bekannt sind sie aus 
den im 19. Jahrhundert gesammelten südslawischen Liedern und 
Sagen ^). Es sind schöne, ewig junge Mädchen, in leichten, weißen 
Kleidern, mit langem, auf Schultern und Busen herabhängendem 
Haar und süßer Stimme, mitunter bewaffnet mit Pfeilen. Unter 
lieblichem Gesang tanzen sie in der Nacht auf den Bergwiesen 
und Berggipfeln. Dort findet man oft ihren Tanzplatz, den „Vilen- 
kreis ' (Vilje kolo, Vihno kolo), einen Kreis oder Halbkreis von 
Schwämmen, Erdbeeren oder anderen Blattpflanzen, mitunter nur 
von üppigerem Gras, von verschiedenem Umfang, je nachdem der 
Windeswirbel den Samen mit größerer oder gei'ingerer Stärke aus- 
einandergestreut hat. Es sind die „fairy rings" der Engländer, 
die „cercles des fees" der Franzosen. Niemand wagt es, einen 
solchen Ring bei Nacht zu betreten, ihn aufzuackern oder darin 
Heu zu mähen. Ein solcher Vilenkreis am Berge Kom in Monte- 
negro zählt 20 Meter im Durchmesser. Ein großes Viljo Kolo in 
der Wildnis zwischen Vranja und Küstendil, durch welches die 
Grenze zwischen Serbien und Bulgarien mitten durchgeht, ist als 
Bergname sogar im Berliner Vertrag erwähnt -). Anderswo gibt 
es Höhlen, in denen die Feen hausten (Vilina peöina, Vihna spila), 
eine im Gebiet der Zubci, andere bei Cetinje und am Kom, vier 
an der Ombla bei Ragusa ^). Die Vilen verursachen atmo- 
sphärische Erscheinungen, Wolken, Stürme und Hagelwetter. Mit- 
unter verwandeln sie sich in Schlangen oder Schwäne. Den 
Menschen sind sie, wie die Nymphen des Altertums, oft gut und 
freundlich gesinnt. Sie sind Freundinnen der Helden, können mit 
Frauen Mahlschwesterschaft, mit Männern Wahlbruderschaft 
schließen oder gar heiraten und Kinder haben. Als Prophetinnen 
und Heilkünstlerinnen bringen sie den Bedrängten Rettung. Be- 



1) Kukuljevic, Arkiv jug. 1, 1 (1851) 86-104. Nodilo, Rad 9' 
(1888) 181— '2-21. 

2) Rovinskij, Sbornik russ. Akad, 69 (1901) 513. Berge Vilioo 
Kolo, Vilje Kolo: Naselja 1, 177; 2, 339; 3, 205, 614, 634, 654. Sommet 
du „Vilogolo": Berliner Vertrag Art. 2; vgl. Milicevic, Godisnjica 4 
(1882) 280 und mein Fürsteutum Bulgarien 91. 

3) Naselja 2, 1231. Rovinskij 510, 512. 



Heidentum und Christentum. 105 

leidigt und eifersüchtig gemacht werden sie böse, töten den Men- 
schen mit Pfeilen, ziehen ihn in tiefe Wässer hinab, machen ihn 
wahnsinnig oder zerstören über Nacht sein bei Tage mühselig 
aufgerichtetes Bauwerk. Verschieden von den Vilen sind weibliche 
Wesen, welche in der Art der römischen Parzen oder der ger- 
manischen Nornen bei der Geburt des Menschen sein Schicksal 
bestimmen, „rozdenica" in der Übersetzung der Chronik des 
Georgios Hamartolos, „rozanica" der altrussischen Denkmäler, 
„rodjenice" oder „sudjenice" der Slowenen und Kroaten. An ihre 
Stelle tritt oft ein männliches Wesen, bei den alten Russen der 
Rod (Geburt), bei den Serben der Usud (Schicksal) '), 

Nach den Anschauungen der Montenegriner hat jedes Haus 
seinen Schutzgeist, Sjen (wörtlich: Schatten) oder Sjenovik genannt; 
es kann ein lebender Mensch, ein Hund, eine Schlange oder ein 
Huhn sein. Ebenso haben Seen, Berge, Wälder ihre Sjeni, die 
man auch mit einem türkischen Worte Dzin nennt. Der Sjen 
z. B. des Berges Rijecki Kom auf der Insel Odrinska Gora am 
Nordende des Sees von Skutari erlaubt niemand, auch nur einen 
Zweig, einen Grashalm oder ein kleines Körnchen aus dem immer- 
grünen Wald wegzutragen; den Übeltäter verfolgt er durch Nebel 
und wunderbare Luftspiegelungen. Ahnliche Waldgeister fürchten 
die Albanesen in den Nadelholz wäldern der Landschaft Lurja, wo 
man nicht einmal die trockenen Aste vom Boden aufzuheben wagt -). 
Das erinnert ganz an die heiligen Haine der alten Litauer. In 
späteren Quellen erscheinen die bösen „bjesi", Dämonen oder 
Teufel, zu denen die Christen auch die heidnischen Götter rech- 
neten '^j. 

Dazu kommen böse Geister, welche durch Verwandlungen 
von lebenden und toten Menschen entstehen. Der unter den eu- 
ropäischen Völkern sehr verbreitete Glaube an den Werwolf fließt 
bei den Slawen mit den Vorstellungen über die Vampire zu- 
sammen. Schon Herodot erzählt, daß sich bei den Neuren (S. 67) 



1) Valjavec im Knjizevnik 2 (1865) 52 — 61; Polivka, Arch. slaw. 
Phil. 14 (1892) 137-141. 

2) Rovinskij a. a. 0. 502. Steinmetz, Von der Adria zum 
Schwarzen Drim (Sarajevo 1908) 49. 

3) Nach Miklosich von der Wurzel bi schlagen. 

li* 



164 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

im jetzigen südwestlichen Rußland jedermann einmal im Jahr auf 
einige Tage in einen Wolf zu verwandeln pflege. Bei den Slawen 
heißt der Mann in Wolfsgestalt Vlkodlak, serbokroatisch jetzt 
Vukodlak ^). Die Vlkodlaci bewirkten nach den heidnischen Vor- 
stellungen Sonnen- und Mondesfinsternisse. Eine Glosse des ser- 
bischen Nomokanons von 1262 sagt: „Die Verfolger der Wolken 
werden von den Bauern (seljane) Vlkodlaci genannt. Wenn sich 
der Mond oder die Sonne vermindert, sagen sie: die Vlkodlaci 
haben den Mond aufgefressen oder die Sonne. Aber alles dies 
sind Fabeln und Lügen ^)." Auch in den Gedichten des Ragu- 
saners Sisko Mencetic (f 1527) liest man ein Gleichnis: „Wie der 
Mond, wenn ihn der Vukodlak frißt ^)." Heute noch meinen die 
serbischen Bauern, daß, wenn eine Sonnen oder Mondesfinsternis 
eintritt, diese Himmelskörper von einem Drachen, den man am 
Timok Vrkolak nennt, verschlungen werden. Die Leute trommeln 
auf Kessel und Pfannen, läuten die Glocken und feuern ihre Ge- 
wehre ab, bis das Ungetüm verscheucht ist '^). Eine 1452 ge- 
schriebene Anleitung iür katholische Beichtväter im kroatischen 
Küstenlande sagt: „Wenn jemand meint, daß sich Frauen in 
Zauberinnen (vjesce) oder Männer in Vlkodlaci verwandeln können, 
darf man das nicht glauben ^)/' Solche Transformationen lebender 
Menschen kennt auch der heutige Volksglaube Der Vjedogonja 
(wörtlich Hexenjäger), Zduh oder Zduhac ""j in Montenegro, der 



1) Vlk Wolf; „dlak ist dunkel", Miklosich, Etym. Wort. 380 (vgl. 
dlaka Haar). 

2) Jagic, Starine 6 (1874) 83. lu der altböhm Alexandreis fressen 
den Mond bei der Verfinsterung die „vedi" (Hexen), welche im Dunkel 
Hanf spinnen: Jagic, Arch. slaw. Phil. 5 (1881) 689. Vgl. Nestor ed. 
Miklosich p. 102 

3) Jagic, Arch. slaw. Phil. 5 (1881) 91. 

4) Milicevic, Srpski etnografski zbornik 1, 53 (nro. 14, 15), .59. Bei 
den Rumänen der Bukowina sind die „vircolaci" Drachen mit Hundeköpfen; 
bei der Verfinsterung beißen sie die Sonne oder den Mond, verbrennen sich 
aber und müssen zurückweichen: Weslowski, Zeitschr. für österr. Volks- 
kunde 12 (19U6) 163 

5) Mom. bist jur. 6, 197. 

6) Russ. ved'ma, altböhm. ved' Hexe, von der Wurzel ved- wissen; 
gouiti verfolgen Zduh von serbokroat. duhati blasen. 



Heidentum und Christentum. 165 

Herzegowina und der Landschaft von Cattaro ist die Seele eines 
schlafenden ]\Ienschen , welche in der Nacht im Wind auf die 
Berge emporfliegt. Auf den Höhen versammeln sich diese Geister 
in großen Scharen, kämpfen miteinander, entwurzeln Bäume mit 
Riesenstärke und bringen Steinblöcke ins Rollen. Besonders im 
Herbst und Frühling hört man ihr Heuleu, Pfeifen und Stöhnen 
die ganzen Nächte hindurch. In ihren Heerscharen versammeln 
sich nicht nur Menschen aller Nationen, sondern auch Geister von 
Tieren, von Hähnen, Hunden, vor allem von Ochsen. In den 
Bergen von Montenegro kämpfen die Geister von beiden Seiten 
des Adriatischen Meeres, die einheimischen und die „überseeischen" 
(prekomorski ). Die siegende Partei bringt ihrem Lande Frucht- 
barkeit und Fülle aller Erzeugnisse der Viehzucht und des Garten- 
und Feldbaues. Diese Personifikationen der Winterstürme gelten 
als gut und gescheit. Böse ist die Vjestica, in welche sich eine 
schlafende alte Frau verwandelt, seltener ein Mann. Sie fliegt in 
Gestalt eines Schmetterlings oder Vogels auf schlafende Leute, be- 
sonders Kinder, saugt ihnen das Blut ab oder frißt ihnen das 
Herz durch eine unsichtbare Öffnung stückweise aus dem Leibe. 
Mitunter pflegen sich die Vjesticas in Scharen auf Bäumen oder 
Berggipfeln zu versammeln ^). 

Sehr verbreitet ist bis auf unsere Zeit die Vorstellung, daß 
sich Leute bald nach dem Tode in „Vukodlaci" oder „Vampiri" 
(in Montenegro ,,lampir'^ oder „tenac") verwandeln, in der Nacht 
an Menschen und Vieh Blut saugen und wieder klein wie eine 
Maus ins Grab schlüpfen. Da wird ein schwarzer fleckenloser 
Hengst auf den Friedhof geführt, um das Grab des Vukodlak auf- 
zufinden. Die Leiche wird ausgegraben, mit einem aus dem Holze 
von Weißdorn Tglog) oder der Kornelkirsche (drjen) geschnittenen 
Pfahl durchspießt und verbrannt. Das Gesetzbuch des Zaren 
Stephan Dusan bestimmt, daß ein Dorf, in welchem Leichen mit 
Zauberei aus den Gräbern genommen und verbrannt wurden, 
Wergeid zu zahlen habe, wie nach einer Mordtat; war der Pope 
dabei, verliert er sein Amt 2). Miliceviö erzählt einen Fall aus 

1) Serbokroat. vjest kundig, erfahren. Vgl. Vuk Karadzic, Lexikon 
und Rovinskij a. a. 0. 518 f. 

2) Zakonik Art. 20; vgl. die Erläuterungen von Novakovic S. 159. 



Ißß Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

Serbien aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wo der Geisthche 
bei der Leichenverbrennung aus dem apokryphen „Donnerbuch'' 
(Gromovnik) Gebete vorlas. Später wurden in Serbien die Schul- 
digen wegen der Ausgrabung von Leichen mit Stockstreichen be- 
straft. In Montenegro bemühte sich um die Ausrottung dieser 
Sitte der Vladika Peter II., doch einzelne Fälle reichen bis in die 
neueste Zeit, ebenso in Bosnien, in Istrien und in Bulgarien i). 
Derselbe Aberglaube, mit demselben slawischen Terminus, ist ver- 
breitet bei den Rumänen, Albanesen und Neugriechen -). 

Die Lobrede auf die Slawenapostel von Thessalonich sagt, 
diese Brüder hätten das Gesetz Gottes bekanntgemacht einem 
Volke, welches „dem, was ihm begegnete, sich unterwarf und sich 
davor wie vor Gott verbeugte, vor dem Geschöpf an des Schöpfers 
Stelle" 3| Gemeint ist vor allem die Verehrung der Himmels- 
körper. Noch in dem erwähnten glagolitischen Beichtspiegel von 
1452 heißt es: „Wenn sich jemand vor der Sonne oder dem Mond 
oder einem anderen Geschöpfe verbeugt und Gebete spricht: wer 
das tut, begeht eine Todsünde^;." Heute noch spielen Sonne 
(serbokroat. sunce, neutr.) und Mond (mjesec, raask.) in den volks- 
tümlichen Anschauungen eine große Rolle; es gibt serbische und 
bulgarische Lieder über die Heirat der Sonne und des Mondes '^). 
Von den Sternen stehen im Vordergrund der Morgenstern (danica) 
und die Plejaden, bei den Serben als „sieben Brüder" bezeichnet e). 
Auch Feuer und Blitz wurden angebetet ; die alten Russen brachten 
ihnen Opter dar. Das von Lavrov unlängst entdeckte Officium 

1) Rovinskij a. a. 0. 524f. Lilek, Wiss. Mitt. 8 (1902) 269 
Caric ib. 6 (18991 592. In Abbazia 1882: Arch. slaw. Phil. 6 (1882) 6i8f. 
Mein Fürstentum Bulgarien 100 f. 

2) Des Mönches Markos von Serrai Z^rtiacg neql ßovXxoXäx.v, 
herausg. von Lampros: Niog 'EUrivofxvtifiuv 1 (19ü4) ^36-352. 

3) Starine 1, 6i. 

4) Mon hist. jur. 6, 196. 

5) Krek ^831 f. Rovinskij a. a. 0. 454. Drinov im Periodicesko 
Spisanie 12 (Braila 1876) 153 f.: Heirat der Sonne mit dem Morgenstern, 
wobei Ognen (das Feuer) als Bruder der Sonne auftritt. 

6) Milicevic a. a. 0. 1, 60 nro. 8 bringt zwei Serien der sieben 
Namen. Die Plejaden heißen sonst serb. Vlasici (die Wlachensöhne), bulg. 
kokoski (die Hühner). 



Heideututn und Christeütum. 167 

des heiligen Naum erwähnt, daß die makedonischen Slawen früher 
Steine und Bäume verehrten ^). 

Ebenso ist von dem Tierglauben noch manches vorhanden. 
Der Bär , der aufrecht gehen kann , gilt bei den Serben als ein 
zur Strafe in ein Tier verwandelter Mensch. Die Montenegriner 
betrachten auch den in den Nächten wie ein Kind kläglich win- 
selnden Schakal als einen Halbmeuschen. Unter dem Schutz der 
Feen und der Berggeister stehen die Gemsen, die dem Jäger auch 
bei eifriger Verfolgung entrinnen. Die Vilen haben Bruderschaft 
mit Gemsen oder Rehen und schützen sie. Als große Sünde gilt 
es in Serbien und Montenegro, ein Wiesel (lasica) zu töten. Über 
alle Weltteile und Zeiten ist der Schlangenkult verbreitet. Auch 
in Serbien und Montenegro kennt man die angeblich schwarze 
Hausschlange (kucna zmija , die in einem Loch unter dem Hause 
lebt und niemand etwas zuleide tut; wenn man sie tötet, stirbt 
der Alteste des Hauses. Böse Ungeheuer waren die Feuerschlangen, 
welche einst die Schiffahrt auf dem See von Skutari bedrohten; 
eine haust angeblich heute noch in dem kleineu Alpensee von 
Rikavac in der Bergwildnis des östlichen Montenegro, von wo aus 
sie in der Welt herumfliegt und unter Donner und Blitz in den 
See heimkehrt. In älterer Fassung erscheinen die „igniti serpentes" 
auf dem Berge Obliquus westlich von Skutari in der Legende des 
heiligen Vladimir (um 1000); ihr Biß war für Menschen und 
Tiere tödlich, bis sie infolge der Gebete des frommen Serbenfürsten 
plötzlich durch ein Wunder unschädlich wurden ^j. Sehr geachtet 
sind die Adler, Falken und Schwäne; es ist gut, wenn man von 
ihnen im Schlafe träumt. 

Von heidnischen Priestern werden neben anderen Wahrsagern 
und Medizinmännern Zauberer erwähnt (vlLhvi,, Plur. vltsvi, russ. 
volsvi), bekannt auch in Rußland, wo sie im 11. Jahrhundert gegen 
das neue Christentum wühlten; die kirchenslawische Evangelien- 
übersetzung hat schon im 9. Jahrhundert ihren Namen zur Be- 
zeichnung der heiligen drei Könige benutzt ^). Dazu gehören die 



1) Izvestija russ. Akad. 12 (1907), 4. Heft, S. 11. 

2) Diocleas p. 41. 

3) Vlsvi, zrci, fem. zrica (Opferer), obavnici, carodejci im Nomokanon, 



168 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

„resnici", welche nach dem Gesetzbuch des Zaren Stephan die 
Leiber der Toten verbrannten. Resnik, das in Serbien, Bosnien 
und Kroatien noch als Dorfname vorkommt, bezeichnete wohl 
einen „Wahrheitssucher" i). Bekannt ist besonders aus den Über- 
setzungen der griechischen Märtyrergeschichten die Terminologie 
der heidnischen Opfer und Opferstätten ^). Auch da wurde einigen 
Ausdrücken ein christlicher Sinn untergelegt ; z. B. „ trebnik " , ur- 
sprünglich ein heidnischer Altar oder Tempel , hieß fortan das 
griechisch Euchologion genannte Kirchenbuch. Als Schlachtopfer 
werden bei Prokopios Ochsen erwähnt, ebenso bei den Elbeslawen 
und Litauern neben Kälbern, Böcken und Schafen, bei den Russen 
in den Berichten der Byzantiner auch Vögel. In Montenegro 
schlachtet man bei einem Neubau einen Widder oder Hahn, um 
die Ecke mit Blut zu besprengen, bei der Eröflfaung einer neuen 
Quelle einen Bock. Die Sage erzählt, wie Fürst Ivan Crnojevic 
auf der Jagd vor einer Höhle einen Gemsbock von ungewöhn- 
licher Große erlegte, der ganz naß das Wasser von sich ab- 
schüttelte; da stürmte plötzlich aus der Höhle ein ganzer Fluß 
heraas, die heutige Rijeka Crnojevica ^). Diese Vorstellungen er- 
innern an die Funde von Ziegenhörnern und die Abbildungen von 
Böcken auf den bei einer Quelle aufgestellten Altären des illy- 
rischen Gottes Bindus im Gebiet der Japoden ^). Menschenopfer 
sind erwiesen bei den Russen und Elbeslawen. Bei den Süd- 
slawen tauchen sie nur in einem weitverbreiteten Kreise von Sagen 
über große Bauten auf, die angeblich erst nach dem Einmauern 
eines lebenden Menschen gelungen sind. Diese Sage hört man 
bei den Serben über die Burg von Skutari und die Brücke von 
Visegrad, bei den Bulgaren über die Burg Lydza-Hissar bei 



bajalnik und vrazalLC in der Übersetzung des Syntagma des Blastares, 
vlhvica als Frau Mon. bist. jur. 6, 196. Zauberei: vlhovstvo (im Zakonik)» 
vrazanje (vrag Feind, Teufel), bajanje (Beschwörung), carovanje (car Zauber 
in allen slaw. Sprachen). Vgl. Wiss. Mitt. 4, 5 19 f. und 5, 436 f. 

1) Zakonik ed. Novakovic' 23. Kirchensl. restni) wahr, resuota 
Wahrheit. 

2) Zreti opfern, treba, zrtva Opfer, trebiste, trebnik Opferplatz. 

3) Roviuskij a. a. 0. 536. 

4) Patsch, Wiss. Mitt. 6 (1899) 155—156. 



Heideutum uud Chri>te:.tum. 16<) 

Philippopel und die „Brücke des Kadi" über die Struma, bei 
den Neugriechen über die Brücke von Arta, bei den Rumänen 
über die Kirche von Curtea de Arges i). In Verbindung damit 
stehen wahrscheinlich gewisse rätselhafte Basreliefs, ovale mensch- 
liche Gesichter mit Augen, Nasen und Mund, hoch in die Mauer 
eingesetzt. Ich sah drei solche Köpfe in der Burg des Despoten 
Georg in Smaderevo, auf der inneren Seite des mittleren Turmes 
in der Front gegen die Donau, zwei im Kloster von Rila auf 
der äußeren Mauer neben dem Dupnicaer Tor. 

Die Slawen verbrannten ihre Toten bei der Belagerung von 
Konstantinopel 626 -), die Russen während der Kämpfe vor Si- 
listria 971. In Rußland verbrannte man die Leiche nach einem 
Totenmahl, bei welchem viel Met getrunken wurde, auf einem 
Holzstoß und bestattete die Asche unter einem von Erdreich auf- 
geschütteten Grabhügel (mogila). Die nördlichen russischen Stämme 
legten die Knochen in ein kleines Gefäß, welches sie auf einer 
Säule am Rand des Weges aufstellten; so taten es um 1100 noch 
die Vjatici. Am längsten lebten diese alten Sitten bei den 
Litauern; zuletzt wurde Kejstut, Bruder des Großfürsten Olgerd, 
1382 nach heidnischer Art begraben, verbrannt mit Waffen und 
Pferden, Falken und Jagdhunden. Tumuli pflegte man aber noch 
in der christlichen Zeit zu errichten ; so haben nach der Erzählung 
des Kinnamos die Ungarn 1166 einen gewaltigen Grabhügel 
iXMf.ia, iiußag) über den gefallenen Byzantinern auf dem Schlacht- 
felde zwischen Sirmium und Semlin errichtet. Auf südslawischem 
Boden hat man den heidnisch slawischen und den älteren christ- 
lichen Grabstätten bisher wenig Aufmerksamkeit zugewendet. Ein 
Hindernis ist der Umstand, daß sie sich nicht selten an heute 
noch benutzte christliche Friedhöfe anschließen. Daß von den 
Slawen Tumuli aus Erde oder Klaubsteinen als Grabstätten er- 
richtet, oder wenigstens alte Tumuli wieder benutzt wurden, sieht 
man an den Personennamen, mit welchen sie in alten Grenz- 
beschreibungen bezeichnet wurden. Auf der Insel Brazza gab es 

1) Karl Dieterich, Die Volksdichtung der Balkanländer in ihren 
gemeinsamen Elementen: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde in Berlin 
1902. 

2) Theodoros Synkellos cap. 18. 



170 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

um 1250 einen Tumulus des Pribidrug (Pribidruza gomila) i), auf 
den Gütern des Klosters Baujska in der Zeta Grabhügel des 
Vrzinja, des Ljubko und des Radj, auf den Gütern des Klosters 
von Prizren auf der Ostseite des Sees von Skutari einen Grabhügel 
der Thekla, offenkundig einer Christin -). Anderswo wurden Steine 
aufgestellt, schwere Steinplatten oder Blöcke, Würfel oder Säulen, 
im Mittelalter kami (Stein) oder bilig (Zeichen) genannt, jetzt 
stecak oder mramor. Man findet sie oft zu Hunderten bei- 
einander, im Bezirk von Vlasenica über 6000 Stück, in der ganzen 
Herzegowina angeblich an 22 000; einige trifft man auch in Dal- 
matien, z. B. in Canali, in Montenegro besonders bei Niksici, in 
Serbien aber nur im Drinagebiet. Sie sind meist mit Figuren 
geziert , primitiven Nachahmungen römischer Skulpturen : säulen- 
artigen Arkaden, Pflanzenornamenten, Bäumen, Schwertern und 
Schildern, Bildern von Bogenschützen, reitenden Jägern mit Rehen, 
Bären, Ebern, Hirschen und Jagdfalken; es kommen auch Dar- 
stellungen von Tänzen vor, mit Männern und Frauen in langen 
Reihen ^). Das Zeichen des Kreuzes weist in die christliche Pe- 
riode. Inschriften sind erst seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar. 
Viele der inschriftlcsen Steine mögen aus den dunkeln Zeiten des 
früheren Mittelalters stammen. Einzelne, weit außerhalb der 
Dörfer gelegene Gräber werden in Urkunden bei Grenzbeschrei- 
bungen genannt, bezeichnet mit Personennamen: um 1260 bei Pec 
ein Grabfeld des Bolesta (Bolestino groblje), 1349 bei Skopje das 
Grab des Druzeta (Druzetin grob) ^). In Canali bei Ragusa gab 
es um 1420 einen wichtigen Scheideweg bei dem „Grab des 
Obugau", heute noch bekannt als inschriftloser Block Obuganj 
Greb. Es war das Grab des Stammvaters der Obuganici, einer 
Linie des Adelsgeschlechtes der Ljubibratiöi im 14. Jahrhundert^). 
Nach dem Absterben des Heidentums hat die südslawische 



1) Mon. bist. jur. 6, 8. 

2) Spomeuik 4, 5. Glasnik 15, 287. 

3) Truhelka, Die bosnischen Grabdenkmäler, Glasnik bos. 1891 = 
Wiss. Mitt. 3 (1895) 403—480 mit Abb. Rovinskij, Sbornik russ. Akad. 
86 (1909) 214f. 

4) Spomenik 3, 9. Mou. serb. 144. 

5) Obugagn Greb im Libro Rosso f. 448 f., Arch. Rag. 



Heidentum uud Christentum. 171 

Sage vieles von den Romanen und Griechen entlehnt. Sie kennt 
die Kaiser Trajan und Diokletian. Doch floß der in russischen 
Denkmälern unter den heidnischen Göttern genannte Trajan in 
den Hämusländern mit dem griechischen Midas zusammen. Ritter 
Bertrandon de la Broquiere hörte 1433 von den Griechen von 
Trajanopolis, diese Stadt habe Kaiser Trajan erbaut, welcher 
Schafsohren hatte; schon Tzetzes kennt die Geschichte von den 
Bocksohren (wr/a rgayoi) des Kaisers i). In der jetzigen ser- 
bischen Trajanssage erhielt ,, Trojan" zu den Ohren des Midas 
noch die Wachsflügel des Daidalos. Der Dukljan der lAIonte- 
negriner ist nicht nur der Gründer der in Trümmern liegenden 
Stadt Doclea und der Erbauer ihrer Wasserleitung, sondern auch 
der Teufel der Christen, Widersacher Gottes. Aus dem Kreis der 
mittelalterlichen Märchen stammen die in Höhlen hausenden Riesen, 
mit einem türkischen, ursprünglich persischen Namen Div genannt. 
Eine Abart waren Riesen mit einem Auge, Psoglav, wörtlich 
„Hundskopf' genannt, eine Art Kyklopen oder Kynoskephalen, 
auch aus bulgarischen, kroatischen und slowenischen Märchen be- 
kannt. An der Moraca in Montenegro zeigt man eine „Wiese der 
Hundsköpfe'', Psoglavlja Livada, mit der Höhle, in welcher sie 
gewohnt haben ^). 

Die Besetzung der römischen Provinzen durch die heidnischen 
Slawen beschränkte das Gebiet des Christentums auf die Reste 
des byzantinischen Besitzes. In Dalmatien ist nach dem Fall von 
Salona das dortige Erzbistum übergesiedelt in das nahe Spalato, 
wird aber in den Papstbriefen des 9. Jahrhunderts noch immer 
als „ Salonitana ecclesia " bezeichnet, wie es denn auch seine Vor- 
rechte auf das ganze Land bis zur Donau (metropolis usque ripam 
Danubii) betonte 3). Die Bistümer von Praevalis, welche noch 
unter Papst Gregor I. der Kirche von Justiniana Prima unter- 
geordnet waren, wurden der römischen Kirche entzogen, ohne 

1) Bertrandon ed. Schefer p. 179. 

2) Krek ^277, 384, 783 f. Rovinskij a. a. 0. 493 f., 502f. Das 
Lied über Zar Dukljan bei Karadzic 2 nro. 17 ist nach Jagic, Arch. 
slaw. Phil. 4, 238 nicht volkstümlich, sondern entstanden unter dem Einfluß 
von Büchern. 

3) Racki, Doc. 4, 10: Starine 12, 219. 



173 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

Zweifel von Kaiser Leo dem Isaurier (um 731). In einem Texte 
der griechischen Bischofskataloge erscheinen unter dem Metro- 
politen von Dyrrhachion 15 Bischöfe, darunter die von Alessio 
(6 ^EXiaoüv), Dioklia (6 Jio/2eiag) ^), Skodra (6 ^/.odQav), Dri- 
vasto (6 JoiSäoTov), Pulati {ö Ilold^wr), Dulcigno (6 ^v/uvidcov) 
und Antivari (ö 'AviißccQEcjg) -). Diese Verhältnisse scheinen noch 
in der Zeit des Kaisers Konstantin Porphyrogennetos fortbestanden 
zu haben, welcher Alessio, Dulcigno und Antivari zu den „ Kastellen " 
von Dyrrhachion rechnet ^). Die Bistümer von Dalmatien und 
Istrien sind in keinem Verzeichnis der bischöflichen Sitze der 
griechischen Kirche genannt, der viele Jahrhunderte lang un- 
unterbrochene Einfluß von Byzanz ist aber auch dort bemerkbar 
in den Heiligenkulten, neben zahlreichen altchristlichen Elementen 
und den Spuren des kirchlichen Verkehres mit Aquileja, Raveuna 
und Apulien ^). Der Protomartyr Stephan, der wegen der Iden- 
tität seines Namens mit dem griechischen Wort für Krone {ocl- 
(fccvoc) als Schutzpatron des Konstantinopler Kaisertums galt, er- 
scheint auch in den Kirchennamen Dalmatiens; ihm war geweiht 
die Kathedrale von Skutari und die älteste Domkirche von Ra- 
gusa. Der besonders in der Justinianischen Zeit blühende Kultus 
des syrischen Märtyrerpaares Sergius und Bacchus war vertreten 
dui'ch eine Abtei bei Skutari an der Bojana und durch Kirchen 
in Antivari, Cattaro, auf dem Ragusa überragenden Berge (jetzt 
Srgj) usw. In Zara gab es eine Sophienkirche und zwei Frauen- 
klöster des heiligen Demetrius und des heiligen Plato. Außerhalb 
der Provinzgrenzen fand man im heidnischen Gebiete nur spora- 
dische Christen der älteren Zeit, Romanen, Albanesen und Ge- 
piden. 

Die Christianisierung der Serben und Kroaten erfolgte nach 
Konstantin Porphyrogennetos in zwei Perioden, zuerst unter Kaiser 



1) Der Bischof residierte wohl bei den Ruinen von Doclea. Presbyter 
Diocleas ed. Crnclc p. 2ü kennt eine „ecclesia S. Mariae in civitate Dio- 
clitaua". 

2) Hieroclis Synecdemus et Notitiae graecae episcopatuum ed. 
Parthey p. 125, 220. 

3) Konst. Porph. 3, 145. 

4) Ausführlich in meinen Rom. Dalm. 1, 4Öf. 



Heidentum und Cliristentum. 173 

Heraklios, welchei' vom Papste in Rom Priester erbeten habe, 
welche diese Volker bekehrten und tauften. Doch waren die 
Slawen Dalmatiens noch zur Zeit des Papstes Johannes IV. (640 
bis 642) sicher Heiden (S. 104), abgesehen davon, daß Heraklios 
mit den Päpsten nicht im besten Einvernehmen stand. Eher ist 
eine allmähliche Ausbreitung des Christentums aus den römischen 
Städten Dalmatiens anzunehmen, zuerst bei den Fürstenhöten. 
Daß die Kroaten der römischen Kirche angehörten, ist sattsam 
bekannt; die Bekehrung der Serben durch lateinische Kleriker ist 
in die Periode 642 — 731 zu verlegen, nach Papst Johannes IV. 
und vor dem Bruch Leos des Isauriers mit Rom. Zum zweitenmal 
ließ Kaiser Basilios I. (um 879) alle Ungetauften im Lande der 
Chrovaten, Serblier, Zachlumier usw. bekehren ; darauf verlangten 
auch die Narentaner, von denen sich nach der Erzählung des 
Diakons Johannes ein Gesandter um 830 in Venedig taufen ließ, 
die Aufnahme ins Christentum, die ihnen Basilios durch Sendung 
von Priestern gewährte ^). Die Namen der serbischen Fürsten 
des 9. Jahrhunderts sind eher lateinischer, als griechischer Art: 
Stephan, Peter, Paul, Zacharias. Der Protomartyr Stephan, dessen 
Namen ein großer Teil der serbischen Herrscher des 12 — 15. 
Jahrhunderts führte, wurde auch ein Schutzpatron des serbischen 
Staates. Auftällig sind gemischte, christlich-slawische Formen, wie 
z. ß der in Dioklitien so beliebte Name Petrislav aus Petrus, 
Marislava aus Maria. Reste des lateinischen Einflusses sind auch 
nach dem Anschluß an die orientalische Kirche noch im 13. bis 
15. Jahrhundert zu bemerken: die bischöfliche Kirche der Apostel 
Peter und Paul in Ras, ein großes Kloster des heiligen Petrus am 
Lim, das Kloster S. Petri de Campo bei Trebinje (Ruine Petrov 
manastir bei Cicevo), eine Ortschatt S. Martinus in Canali (jetzt 
Pridvorje) -}. In der kirchlichen Terminologie der Serben sind 
lateinische Spuren sehr spärlich ^j. Dr. Patsch fand im Dorfe 
Drenovo bei Prjepolje im Limtale eine kleine Kirchenruine mit 

1) Konst. Porph. 3, 129, 145, 149, 153. 

2) Vgl. meiu Christ. Elfm. 29, 33, 38. 

3) Oltar, otar (altare): komkati (communicare) ; kum Pate (compater, 
commater^ ; pogan, poganin, pogaijik Heide (paganus); raka Sarg, Grabmal 
(arca). 



174 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

dem Fragment einer lateinischen Inschrift aus dem 9. — 10. Jahr- 
hundert ^). 

Das Christentum verbreitete sich bei den Südslawen anfangs 
nur oberflächlich, weil die lateinischen Gebete und Kirchenbücher 
dem Volke fremd blieben. Intensiver wurde es erst nach der 
Einführung der slawischen Sprache in den Gottesdienst. Im Orient 
gab es liturgische Bücher in allen hervorragenden Nationalsprachen. 
Die Griechen, die Kopten, die semitischen Äthiopier von Abessinien, 
die Syrer, die christlichen Araber, die Armenier, die Georgier, die 
an der unteren Donau bekehrten Goten priesen alle Gott in ihrer 
Sprache. Unter Justin I. predigte ein Bischof bei den hunnischen 
Sahiren an der Küste des Kaspischen Meeres und übersetzte die 
Heilige Schrift in die hunnische Sprache -;. In der Neuzeit ent- 
standen die nationalen Kirchenbücher der Rumänen und der Osseten. 
Bei den Slawen ließ eine derartige Missionstätigkeit längere Zeit 
auf sich warten, da in Byzanz der alte Eifer der Heidenbekehrung 
durch den Bilderstreit erlahmt war. In den byzantinischen Pro- 
vinzen war überdies eine solche Übersetzungstätigkeit nicht so 
dringend notwendig, da die Slawen z. B. in Thessalien, im küsten- 
ländischen Makedonien und in Thrakien inmitten zwischen grie- 
chischen Christen saßen und bald von der Nachbarschaft beeinflußt 
wurden. Daß man für sie neue Bistümer stiftete, sieht man an 
den slawischen Ortsnamen in den Katalogen: die Bistümer von 
Velikaja und des Stammes der Smolenen unter dem Metropoliten 
von Philippi, von Servia (6 tQv ^eQiii'wv) und des Stammes der 
Druguvitier unter dem Metropoliten von Thessalonich, von Jezero 
und Radovizd unter dem Metropoliten von Larissa ^). Diese 
Bischöfe und ihre Kleriker lassen die Liturgie griechisch, aber 
Predigt und mündliche Belehrung des Volkes wurde jedenfalls in 
slawischer Sprache gehalten, von Geistlichen und Mönchen, die 
geborene Slawen waren. Sie mußten dabei Worte ihrer Mutter- 



1) Wiss. Mitt. 4 (1896) 295: „Te Criste auctore pontifex. . .". Nach 
den Schriftzügen ist die Inschrift, wie mir Museumsdirektor Buli<5 in Spalato 
schreibt, nicht vor 600, eher nach 800 zu setzen, aber nicht später als in 
das 10. Jahrhundert. 

2) Diehl, Justinien 377. 

3) Vgl. die Bischofskataloge bei Parthey und Geiz er. 



Heidentum und Christentum. 175 

spräche für die Begriffe der Glaubeuslehre adaptieren. Dadurch 
wurde das Werk der Brüder von Thessalonich und ihrer wahr- 
scheinlich meist aus Makedonien stammenden Mitarbeiter vor- 
bereitet. Ein Slawe (ciTzö ^KXdßiov) war nach Theophanes der 
Patriarch von Konstantinopel Niketas (766 — 78ü), wohl nicht der 
einzige unter den Bischöfen der Zeit. 

Die Slawenapostel von Thessalonich waren die Söhne eines 
vornehmen byzantinischen Oifiziers, des Drungarios Leon. Die 
Hauptperson war der jüngere Konstantin, Priester und Bibliothekar 
des Patriarchates, Lehrer der Philosophie an der Hofschule im 
Kaiserpalast von Konstantinopel, hervorragend durch Sprachkennt- 
nisse und theologisches Wissen und bewährt in Disputationen mit 
den Ikonoklasten, den Mohammedanern in Kalifat und den Juden 
im Chazarenlande, eine bescheidene Gelehrtennatur. Der ältere 
Älethodios, den wir nur unter seinem Mönchsnamen kennen ^), war 
mehr mit dem öffentlichen Leben vertraut, ursprünglich Statthalter 
in einem slawischen Gebiet der Halbinsel, später Mönch auf dem 
bithynischen Olymp, zuletzt Hegumenos des Klosters Polychronion 
an der asiatischen Küste der Propontis bei Kyzikos. Eine Ge- 
sandtschaft der mährischen Fürsten Rastislav und Svatopluk an 
den Kaiser Michael HI (862) bot den Anlaß zu dem Beginn des 
Werkes. Die Mähren waren zwar zum Christentum bekehrt, 
wünschten aber Lehrer, die der slawischen Sprache kundig wären. 
Michael HI. und sein Oheim, der Armenier Vardas, beauftragten 
mit dieser Mission die beiden Brüder. Vor der Abreise erfolgte 
die Aufstellung der slawischen Schrift durch Konstantin, verbunden 
mit der Übersetzung des Evangelistars -). Die Erfindung des 
Alphabetes, in der Legende dargestellt als ein Wunder und eine 
Offenbarung Gottes, kann sich nur auf eine ganz neue Schrift 
beziehen, nicht auf eine kleine Adaptierung der allgemein be- 
kannten griechischen Zeichen. Es war wohl die Schrift, die man 



1) Methodios war in dieser Zeit nur als Mönchsname gebräuchlich. Der 
weltliche Name mag, der Sitte gemäß, denselben Anlaut gehabt haben: 
Michael, Manuel usw. 

2) J a g i c , Zur Entstehungsgeschichte der kirchenslaw. Sprache (Wien 
1900, Denkschr. W. Akad. Bd. 47) 1, 17; 2, 45 f. 



176 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

jetzt die glagolitische nennt ^). In ihrem äußeren Typus der ar- 
menischen und georgischen Unzialschrift nicht unähnlich , ist sie 
offenbar ein künstliches Produkt. Nach der Ansicht neuerer 
Forscher beruht sie auf der griechischen Kursiv- oder Miuuskel- 
schrift, mit wenigen orientalischen Elementen (wie für s) ^). Die 
sogenannte cyrillische Schrift ist jünger und, wie die koptische in 
Ägypten, nichts anderes als die griechische Unzialschrift, vermehrt 
durch einige neue Zeichen für eigenartige, nichtgriechische Laute. 
Ihre Heimat scheint Bulgarien zu sein , wo die heidnischen und 
christlichen Fürsten Inschriften in griechischer Sprache zu errichten 
pflegten und wo die griechische Schrift den Adligen und Kauf- 
leuten wohl allgemein bekannt war 3). Die Sprache, in welche 
die beiden Brüder mit ihren Mitarbeitern einen Teil der heiligen 
Bücher übersetzten, wurde nur die „slawische" genannt, repräsen- 
tierte aber einen eigenen, jetzt ausgestorbenen altertümlichen Dialekt. 
I\Ian nennt sie kirchenslawisch, altslowenisch oder altbulgarisch. 
Kopitar und Miklosich suchten ihre Heimat in Pannonien, Safafik, 
Schleicher, Leskien und die russischen Slawisten in Bulgarien, 
Jagic im Lande zwischen Thessalonich und Konstantinopel. Ich 
denke an die oben erwähnten Bistümer auf byzantinischem Boden 
zwischen Riiodope und Pindus 

Das Werk der Brüder von Thessalonich wurde von Anfang 
an vom Konstantinopler Hofe begünstigt, ebenso wie einst die 
Übersetzung der heiligen Bücher ins Armenische im 5. Jahrhundert. 
Dem Nachfolger Michaels III., Basilios I., kam die neue slawische 
Liturgie noch mehr gelegen, bei seinem Streben, das Christentum 
bei den Südslawen überall zu befestigen, die heidnischen Russen 
zu bekehren und die zwischen Rom und Byzanz hin und her 
schwankenden neubekehrten Bulgaren bleibend zu gewinnen. Eine 
kurze Zeit waren damals selbst die Kroaten der Kirche von Rom 



1^ Jagic, Arch. slaw. Phil. '23 (1901) 113 f. 

2) Taylor, Arch. slaw. Phil. 5 (18H1) 191. Leskien ib. 27 (1905) 
Hilf. Abi cht ib. 31 (1909) 21(3 f. 

3) Die mecliaüische Adaptierung ist sichtbar am of, das in der cy- 
rillischen, ganz wie in der koptischen Schrift, ohne lautlichen Cirund genau 
wie im Griechischen durch ein Doppelzeichen wiedergegeben ist 



Heidentum und Christentum, 177 

entfremdet ^). Kaiser Basilios hat den Methodios, wie dessen Vita 
erzählt, einmal aus Mähren nach Konstantinopel eingeladen und 
einige seiner Geistlichen bei sich behalten. Ebenso ließ er nach 
der älteren, jüngst von Lavrov herausgegebenen, in der Mitte 
des 10. Jahrhunderts verfaßten Vita des Naum, als nach Methods 
Tod eine Anzahl seiner Schüler von den Mähren nach Venedig 
in die Sklaverei verkauft worden war, diese hart geprüften Glau- 
bensboten von seinem Gesandten loskaufen und entschädigte sie 
durch geistliche Amter in Konstantinopel. Anderseits wurden 
die beiden Brüder auch in Rom freundlich aufgenommen, um so 
mehr, weil sie die Reliquien des heiligen Papstes Klemens I. aus 
Cherson mitbrachten und weil man eben (866 — 870) auf eine Ge- 
winnung der Bulgaren für die römische Kirche rechnete. Damals 
hatte Rom auch unter den Griechen eine Partei für sich, deren 
Oberhaupt Ignatios nach der Thronbesteigung Basilios' I. an Stelle 
des abgesetzten Photios wieder Patriarch wurde. Konstantin, der 
kurz vor seinem Tode (f 869) in Rom das Mönchsgewand mit 
dem Klosternamen Kyrillos angenommen hatte, hinterließ die Fort- 
führung des begonnenen Werkes seinem Bruder, welcher vom 
Papst zum Erzbischof von Pannonien und Mähren eingesetzt wurde. 
Die Männer von Thessalonich hatten keine Ahnung von dem weit- 
reichenden Einfluß ihres Werkes. Erst nach ihrem Tode gewann 
es festen Boden und sichere Zukunft durch die Verbreitung in 
Bulgarien, Serbien und Rußland. Zählt man Orthodoxe, russische 
Sekten, Uniaten und Glagoliten zusammen, hören heute an 112 
Millionen Menschen das Wort des Herrn aus den Texten, welche 
die Brüder von Thessalonich vor mehr als tausend Jahren ver- 
dolmetscht haben. 

Die slawischen Kirchenbücher gelangten jedenfalls noch zu 
Lebzeiten des Methodios aus dem Territorium des pannonischen 
Fürsten Kocel zu den Slawen des adriatischen Gebietes. Als nach 
des Methodios Tod (f 885) seine zahlreichen Schüler Mähren ver- 
lassen mußten und in Bulgarien am fürstlichen Hofe die freund- 
lichste Aufnahme fanden, wendeten sich nach der jüngeren Vita 



1) Vgl. meine Rom. Dalm. 1, 48. 
Jirecek, Geschichte der Serben. I. 12 



178 Drittes Bucb. Zweites Kapitel. 

des Naum einige derselben auch nach Dalmatien ^). Glagolitische 
Kirchenbücher gab es, wie aus neueren Funden bekannt ist, nicht 
nur auf der einen Seite der Halbinsel im kroatischen Reiche, auf 
der anderen in Makedonien und Westbulgarien, sondern auch in 
der Mitte ziwischen beiden Gebieten, in Serbien und Bosnien. 
Zeugnis davon geben hturgische Kodizes in glagolitischer Schrift 
mit Texten, in denen das Kirchenslawische eine lokale serbische 
Färbung hat, begleitet von cyrillischen Glossen nach orientalischem 
Ritus ; umgekehrt gibt es auch cyrillische altserbische Handschriften 
mit einzelnen glagolitischen Stellen und Randbemerkungen -). Jeden- 
falls ist die glagolitische Schrift in Serbien bis ins J4. Jahrhundert 
sporadisch bekannt geblieben. Im öffentlichen Leben wurde sie 
durch die einfachere cyrillische Schrift verdrängt. Nur im küsten- 
ländischen Kroatien behaupteten sich die glagolitischen Kirchen- 
bücher mit Texten nach lateinischem Ritus bis in unsere Zeit ^) 
Dort schrieb man zwischen Spalato und Agram bis in die Neuzeit 
auch Urkunden in glagolitischer Schrift. Bald wurde das Kirchen- 
slawische in allen diesen Ländern unter Einfluß der einheimischen 
Mundarten in seinem Lautsystem verändert; es entstanden vier 
Rezensionen, eine kroatisch-glagolitische und eine serbische, neben 
der bulgarischen und der russischen. 

Im adriatischen Küstengebiet ist das Verhältnis der Lateiner 
zu der slawischen Liturgie nicht überall gleich gewesen. Im Süden, 
an der Grenze gegen die griechische Kirche, und im Osten, wo 
die bulgarische Kirche der nächste Nachbar war, durfte Rom in 
eigenem Interesse keine Feindseligkeit gegen den slawischen Gottes- 
dienst äußern. Auch ist südlich von der Narenta nichts von einer 
Verfolgung der slawischen Bücher in den lateinischen Bistümern 
der Küste bekannt. In dem Gebiet des späteren katholischen 
Erzbistums von Antivari erwähnen die Urkunden über Ernennung 



1) Glasnik 63 (1885) 3 ed. Lj. Kovacevic. 

2) Zu den Belegen in meinen Rom. Dalm. 1, 50 Anm. ist nachzu- 
tragen: Jagic im Arch. slaw. Phil. 24 (1902) 313—314 und 25 (1903) 20 f. 
mit Faks. 

3) Fontes historici liturgiae glagolito-romauae a XIII ad XIX sae- 
culum, collegit, digessit et indice analitico instruxit Dr. Lucas Jelic^ 
Veglae 1906. 



Heidentum und Christentum. 179 

der Erzbischöfe seit dem 11. Jahrhundert ausdrücklich „ monasteria 
tarn Latinorum quam Graecoruin sive Sclavorum", die sich wohl 
hauptsäclilich durcli die Sprache ihrer liturgischen Bücher von- 
einander unterschieden. Dagegen gab es im Norden Dalmatiens 
große Kämpfe, die heute noch nicht abgeschlossen sind. Während 
der Orient an Kirchenbücher in verschiedenen Sprachen seit alters 
her gewöhnt ist, herrschte im Abendland in der Kirche von Anfang 
an nur das Latein. Neben der lateinischen Messe entstand keine 
altirische, angelsächsische, althochdeutsche oder altnordische Liturgie. 
Diese zwei großen liturgischen Gebiete des mittelalterlichen Christen- 
tums grenzten aneinander vor den Toren der romanischen Städte 
Dalmatiens. Schon die Slawenapostel selbst hatten in Mähren und 
Pannonien mit dem Widerstand des deutschen Klerus zu kämpfen. 
Im Erzbistum von Spalato wurde die slawisch katholische Liturgie 
der Kroaten von den in der dalmatinischen Kirche herrschenden 
Romaneu oft verfolgt. Bei dem Verfall historischer Kenntnisse 
galten die glagolitischen Kirchenbücher bei den Lateinern als 
gotisch und arianisch, bis im 13. Jahrhundert eine neue Theorie 
auftauchte, die sie dem heihgen Hieronymus zuschrieb. Das machte 
ein Kompromiß möglich. Erst die moderne Wissenschaft deckte 
die Wahrheit auf, brachte aber dadurch den alten Kampf wieder 
zum Ausbruch. 

Die innere Organisation der Kirche in den serbischen Ländern 
im früheren Mittelalter ist unbekannt. Bischöfe gab es nur an 
der Küste, im Innern vertreten durch eine geringe Anzahl von 
Priestern. Neben den Papstbriefen an die Fürsten der Kroaten 
fehlen in den Fragmenten der päpstlichen Korrespondenz aus diesen 
Zeiten Nachrichten über Beziehungen zu den Serbenfürsten '). Die 



1) Papst Johannes VIII. (872 — 882) schrieb an „Montemerus dux 
Sclavinicae " , er solle sich, „progenitorura secutus morem", der „ Panno- 
niensium dioecesis" anschließen (Racki, Doc. 367) und „presbiteri vagi 
ex omni loco" nicht dulden (Starine 12, 212). In Kroatien herrschten zur 
Zeit Johannes' VIII. die Fürsten Domagoj, Zdeslav, Branimir; ein Mutimir 
folgte erst später (um 892). In Serbien gab es damals einen Fürsten Mu- 
timir, aber das Serbenland gehörte zur Kirchenprovinz von Dalmatia, nicht 
von Pannonia. Racki hält daher den Montemeriis für einen Fürsten im 
Lande zwischen Save und Drau. 

12* 



IgO Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

älteren Kirchen des Landes, in der Regel von einem Grabfeld 
umgeben, sind auffällig durch ihre geringen Dimensionen, meist 
nur 2 bis 4 Meter breit, 3 bis 6 Meter lang. Das Volk .stand 
während des Gottesdienstes größtenteils unter freiem Himmel vor 
der Kirche, in welcher nur der Priester mit den Oberhäuptern 
Platz fand. Die alte St. Peter- und Paulskirche von Ras, die 
gegenwärtig von den Türken als militärisches Magazin benutzte 
Petrova crkva (PeterskircheJ am Ufer der Raska unterhalb Novi- 
pazar, ist nach Evans ein Rundbau, wie San Donato in Zara oder 
die alten St. Georgskirchen von Salonik und Sofia, mit einem acht- 
eckigen Türmchen ^). 

Als einen Überrest aus der Zeit der Christianisierung be- 
trachtet man das Fest des „krsno ime", wörtlich des Taufnamens, 
oder der „slava" (Feier) -). Bei den Serben wird nämlich nicht 
der Namenstag des einzelnen Familienmitgliedes festlich begangen, 
sondern die gesamte Familie feiert einen einzigen Heiligen, dessen 
Name oft als Personenname in der Familie gar nicht vorkommt. 
Im Westen, wo noch die großen Verbände bestehen, feiert diesen 
Schutzheiligen die ganze Bruderschaft oder das ganze Geschlecht. 
Die Feiertage sind keineswegs identisch mit den Kirchtagen der 
lokalen Pfarrkirchen. Aus der Identität der Schutzpatrone zieht 
man in Montenegro Schlüsse auf die Verwandtschaft der ganzer^ 
Sippschaften. Sagen und Volkslieder behaupten, die Dynastie der 
Nemanji(5i habe den Erzengel Michael zum Schutzpatron gehabt. 
Die Fürstenfamilie von Montenegro feiert den heiligen Georg, die 
Dynastie der Karadjordjevici den Apostel Andreas; die der Obreno- 
vidi feierte den heiligen Nikolaus. Am stärksten vertreten sind 
in Montenegro St. Michael und St. Nikolaus. In Belgrad feier^ 
den heiligen Nikolaus ungefähr ein Drittel der Einwohner, worauf "^ 
gleich der heilige Erzengel mit einem Sechstel der Bürgerschaft 
nachfolgt ■'). Seltener sind ältere Heiligenkulte , wie des heihgen 
Agathen, der heiligen Thekla, des heiligen Kyrikos und seiner 



1) Evaus, Illyricum III— IV, 53. 

2) Rovinskij a. a. 0. 69 (1901) '209—240; Milicevic, Srp.ski ct- 
nografski zbornik 1, 149 f. 

3) Statistik nach den neun Pfarren von Belgrad bei Milicevic a. a. 0. 
157 und Godir^njica 1 (1877) lOlf. 



Heidentum und Christentum. 181 

Mutter Julitta, in Montenegro auch der Märtyrer Sergius und 
Bacchus (an der Moraca) und der Apostel Peter und Paul (am 
Flu8se Zeta). Die Feier ist verbunden mit Gottesdienst, Andenken 
an die verstorbenen Verwandten, Gastmählern, Trinksprüchen und 
Beteilung der Armen. Oft wird an einem anderen Tage des Jahres 
eine Vor- oder Nebenfeier gehalten (preslava, posluzbica). Das 
Gesetzbuch des montenegrinischen Fürsten Danilo (1855) erklärt 
(Art. 88) das „Krsno ime'^ als „Erinnerung an die Taufe der 
Urväter". Rovinskij meint, die Feier sei rein christlich, ohne 
heidnische Spuren, sie stamme aber keineswegs aus den Zeiten 
der Christianisierung, denn dagegen sprechen die zahlreichen Än- 
derungen der Feiertage in neuerer Zeit und die geringe Auswahl, 
die sich auf wenige Heilige beschränkt, wobei die Verdrängung 
älterer Kulte stellenweise noch bemerkbar bleibt. Die Fintwick- 
lungsgeschichte dieser eigenartigen serbischen Familienfeier der 
Hauspatrone, welche den benachbarten Kroaten und Bulgaren un- 
bekannt ist, läßt sich bei dem Mangel an Nachrichten nicht ver- 
folgen. Im 14. Jahrhundert werden nur die persönlichen Schutz- 
patrone einzelner Adliger erwähnt. Die Brüder Zupan Bjeljak 
und der Vojvode Radic aus dem Geschlecht der Sankovici in der 
heutigen Herzegowina schwüren den Ragusanern 1391 bei ihren 
Taufpatronen (krstna imena), der erste bei dem heiligen Georg, 
der zweite bei dem Erzengel Michael, den geschlossenen Vertrag 
treu zu halten \). 

Östlich von den Serben predigten im bulgarischen Reiche des 
Michael Boris und seines Sohnes Symeon das Christentum zuerst 
(864 f.) griechische Glaubensboten, nach ihnen eine kurze Zeit 
(866 — 870) lateinische Bischöfe mit ihrem Gefolge, dann wieder 
Griechen, bis die Schüler des Methodios (885 f.) sowohl am Hofe, 
als im fernen Westen einen großen Einfluß erwarben. Die ur- 
sprünglich geringe Anzahl der Bistümer wurde bald vermehrt. 
Über das westliche Makedonien bieten die Legenden des Bischofs 
Klemens und des Klostergründers Naum wichtige Nachrichten, 
über das östliche die Legende der Märtyrer von Tiberiopolis. 
Weniger wissen wir über das Moravagebiet. In Belgrad an der 

1) Mou. serb. 219, 220. 



183 Drittes Buch. Zweites Kapitel. 

Donau (episcopatus Belogradensis) residierte 878 dei- Bischof Sergios, 
ein slawischer Eunuche, in Branicevo 879 der Bischof Agathon 
von Morava ^). Die vom bulgarischen Hofe unterstützte Über- 
setzungstätigkeit slawischer Kleriker übte bald einen großen Ein- 
fluß weit über die Grenzen des Landes hinaus; es ist charakteristisch, 
daß die meisten erhaltenen Abschriften teils in Serbien, teils in 
Rußland hergestellt worden sind -). Die bulgarische Kirche selbst, 
ein autokephales Erzbistum, wurde von Symeon zum Patriarchat 
erhoben, ein Beispiel, welches im Laufe der historischen Entwick- 
lung auch andere zur Nachahmung reizte. 

1) Kukuljevic, Cod. dipl. 1, 59. Mansi, Sacr. conc. 17,373. 

2) Vgl. M. Murko, Geschichte der älteren südslawischen Literatureu 
(Leipzig 1908) S. 57 f. 



Drittes Kapitel. 

Die byzantinische Oberhoheit und der Kampf gegen 
die Bulgaren im 9. und 10. Jahrhundert ^). 

Die Vormacht der Balkanhalbinsel war bis 1204 das byzan- 
tinische Kaisertum oder das „imperium Romaniae", dessen Name 
heute noch nicht vergessen ist -), Es beanspruchte bei jeder Ge- 
legenheit die Oberhoheit über die kroatischen und serbischen Fürsten, 
welche angeblich seit Heraklios jederzeit dem Kaiser unterworfen 
und gehorsam waren ^) ; doch hat sich die Form dieser Ober- 
herrschaft nicht selten geändert und war zeitweilig ganz unter- 
brochen. Der Einfluß der Byzantiner beruhte auf der unbestrittenen 
Seeherrschaft über das Adriatische oder, wie man damals sagte, 
das „Dalmatische" Meer, auch nach dem Verlust von Ravenna 
und Istrien, solange Byzanz Albanien und Unteritalien besaß. In 
den Resten Dalmatiens war Hauptstadt teils das feste Zara, teils 



1) Literatur: Dum ml er (s. oben S. 81). Hilf er ding, Briefe über 
die Geschichte der Serben und Bulgaren (bis 1018), russ. in seinen Ges- 
Werken (1868), deutsch von Schmaler, Bautzen 1856—1864. Drinov, Die 
Südslawen und Byzanz im 10. Jahrb., russ. : Ctenija , Moskau 1875, Heft 3. 
Novakovic, Die ersten Grundlagen der slawischen Literatur bei den Bal- 
kanslawen, serb. , Belgrad 1893. Stanojevic, Byzanz und die Serben, 
Bd. 2, serb. (bis zum 8. Jahrb.). Manojlovic, Das Adriatische Küsten- 
gebiet im 9. Jahrb. : Rad 150 (1902). 

2) Üben-este : Romagna im einstigen Exarchat von Ravenna, bulg. 
Roraanjä die Ebene Thrakiens, Romanija in Ragusa nicht nur im 13. bis 
15. Jahrb., sondern teilweise heute noch Albanien und Morea. Bei Uzzano 
(1442) ist die Bojana Grenze zwischen Schiavonia und Romania. 

3) Konst. Porph. 3, 153, 154, 159. 



184 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

das von Süden leicht zugängliche Ragusa ^). Die Beziehungen 
des Kaisertums zu Serbien gingen aber nicht durch die Hand des 
Statthalters von Dalmatien, sondern in den Jahren des Konstantin 
Porphyrogennetos, ebensogut wie in der Komuenenzeit durch die 
des von Dyrrhachion. Diese Stadt, der Schlüssel zu den Ver- 
bindungen des Konstantinopler Reiches mit der Adria und mit 
ItaHen; besaß eine feste Akropolis und gewaltige, sehr breite Stadt- 
mauern; über dem Nordtor stand eine antike eherne Reiterstatue, 
welche Anna Komnena erwähnt und welche noch Cyriacus von 
Ankona(1436) gesehen hat. Die dyrrhachinische Provinz, welche 
tief landeinwärts reichte, begann im Norden mit dem Städtepaar 
Antivari und Dulcigno -). Die wichtigste maritime Position zwischen 
Italien, Griechenland und Afrika war die Inselprovinz von Ke- 
phallenia, welche nach dem Zeremonienbuch auch den Vorrang 
vor Dyrrhachion und sogar vor Thessalonich hatte. Die miH- 
tärischen Statthalter oder Strategen der Provinzen oder „Themata" 
des Westens hatten alle einen tieferen Rang als die des Ostens an 
der arabischen Grenze und bezogen keinen Gehalt aus der Staats- 
kasse, sondern nur jährliche Zahlungen von ihrem Thema. Im 
11. Jahrhundert wurden die Gouverneure in drei Stufen geteilt 
Dux (auch in Dyrrhachion), Katepan {ytaTE7cavoj , auch in Dal- 
matien) und der einfache Strategos '•''). Der Hofrang eines Proto- 
spathars, Prokonsuls (Anthypatosj oder Patrikios wurde nur persön- 
lich einzelnen von ihnen verliehen und war nicht verbunden mit 
dem Amte. Die Stellung Dalmatiens wird beleuchtet durch den 
Rang des Statthalters, der im Zeremonienbuche der vorletzte von 
allen ist, vor dem von Cherson; ja im 11. Jahrhundert überließ 
man dieses Amt dem Bürgermeister von Zara ^). Die viel auf 
sich allein angewiesenen Gemeinden entwickelten sich in Istrien 



1) Kagusa als ^xriTQÖnohg: Theoph. Cont. p. 289. Koust. Porph. 
o, 136 iu Dalmatien an erster Stelle. Ein Strategos von Ragusa bei Ka- 
lt au menos (s. unten). 

2) Konst. Porph. 3, 141, 145. 

3) Skabalanovic, Der byz. Staat und die Kirche im 11. Jahrb., 
russ., Petersburg 1884, 187 f. 

4) Eine Redaktion des Zeremonienbuches bat statt des Strategen nur 
einen äii/oiv /iaXfxaTlas: Tb. Uspenskij, Izvestija arch. inst. 3(1898) 124. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrh. 185 

und Dalmatieu, ebenso wie in den Resten des byzantinischen Ge- 
bietes in Italien alhuählich zu Städterepubliken mit eigenen Rech- 
ten ^). Ihre Vornehmen waren die Tribunen, ursprünglich Offiziere 
der Lokaltruppen, von denen einzelne auch byzantinische Hüftitel 
führten; dabei ist aber zu bemerken, daß die unteren Würden 
vom Mandator bis zum Protospathar auch um 2 — 18 Pfund 
Goldes käuflich waren, um einen höheren Preis auch der Gehalt 
(goya) dazu, als eine Art Leibrente - ). Das auf einige Jahre ge- 
wählte Oberhaupt der Stadt war der Prior {jiQcoveuoiv, S. 37), zuletzt 
im 12. Jahrhundert in Cattaro so genannt, bald überall mit dem 
neueren Titel eines Comes bezeichnet. Ihm zur Seite standen die 
jährlich gewählten Richter (iudices). Die Hoheit des Kaisers 
äußerte sich in den Lobgesäugen (laudes) bei dem feierlichen 
Gottesdienst in der Domkirche; nach dem Ende der byzantinischen 
Herrschaft über Dalmatien wurde der Kaiser darin durch den 
König von Ungarn oder den Dogen von Venedig ersetzt '•'•). In 
den dalmatinischen Statuten des 13. — 15. Jahrhunderts ist der Ein- 
fluß des byzantinischen Rechtes klar bemerkbar, im Süden mehr 
als im Norden, besonders im Seerecht und im Strafrecht, mit Ver- 
lust der Hand, des Auges usw. an Stelle der Todesstrafe des rö- 
mischen Rechtes. 

Die byzantinische Flotte (oroXog) mit den großen, mit grie- 
chischem Feuer ausgerüsteten und je 300 Mann besetzten Dro- 
monen und den Chelandien und anderen kleineren Schiffstypen, 
im 7. — 8. Jahrhundert die erste des Mittelmeeres, zerfiel in die 
ständige kaiserliche Flotte (rö ßaoüuv.bv 7tXoif.ior) und die nur 
im Kriegsfall mobilisierte Flotte der Provinzen (rö d^e/jarr/,öv 
rrXoi(.iov). In Dyrrhachion und Dalmatien standen 949 sieben 
Schiffe der Linienflotte '^). Die Provinzflotte wurde von den ein- 
zelnen Städten ausgerüstet; die Ragusaner z. B. hatten nach dem 
Privilegium von Kaiser Isaak Angelos (1192) bei jedem Seezug 

1) Ernst Mayer, Die dalmatisch-istrische Munizipal Verfassung, Weimar 
1005 (Zeitschr. der Savigny-Stiftung Bd. 24). 

2) Zachariae, Gesch. des griech.-röm. Rechtes ^^300. 

3) Zara (Text der „laudes" um 1105): Vjesnik zem. ark. 3 (1901) If. 
Kagusa: Mon. bist. jur. 9 p. LXIII. 

4) Konst. Porph. 1, 664, 668. 



186 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

der Byzantiner auf der Adria zwei Galeeren auf eigene Kosten 
aufzustellen. Die Landtruppen jeder Provinz, befehligt von dem 
Statthalter, bildeten ein gleichfalls Thema genanntes Armeekorps. 
Das Thema bestand aus Türmen, die nach den Schilderungen der 
Araber bis 5000 Mann stark waren, unter einem Turmarchen, 
welchem die Drungarier untergeordnet waren, mit je einem Drun- 
gos von 1000 Mann, eingeteilt in weitere Unterabteilungen nach 
dem dekadischen System (S. 129) ^). Die spätrömische Institution 
der Grenztruppen wurde langsam auf alle byzantinischen Provinzen 
ausgedehnt, mit unveräußerlichen Soldgütern {oTqaTnoii/.ä xr/y- 
fiava) und erblichen Soldaten -). Seit dem 11. Jahrhundert nannte 
man diese Lehen prönia (jiQÖvoia), was einem lat. provedimentum, 
provisio entspricht ; diese Institution übernahmen auch die Serben, in 
deren Urkunden die pronija im 14. — 15. Jahrhundert wohlbekannt 
ist. Die Militarisierung umfaßte die ganze Besiedlung. Die Städte, 
■/MGTQOv (lat. castrum) genannt , zerfielen in „ Fahnen " (bandi), 
z, B. Ravenna in elf solche Bezirke ^). Die Landgemeinden waren 
in Kleinasien im 10. Jahrhundert gruppiert in Türmen, diese 
wieder in Fahnen (ßccvdov), benannt nach den Dörfern oder Pfarr- 
kirchen. Ebenso hießen in Europa im 12. — 14. Jahrhundert die 
Dorf bezirke auf Kreta Türmen, in Epirus, Attika und im Pelo- 
ponnes Drungoi. 

Die Grenzen der Staaten waren durch Wälle und Verhaue 
genau bezeichnet und strenge bewacht. Der Grenzwall der Bul- 
garen gegen die Byzantiner, der „große Graben" (M€yd?^ri Td(pQog, 
Meyccli] oovda) des 10. Jahrhunderts, ist auf der Strecke von den 
Lagunen bei Burgas bis zur Tundza bei Jambol gut erhalten ^). 
Ebenso war in Ungarn und Kroatien im 13 — 14. Jahrhundert die 
Grenzlinie begleitet von einem Graben mit Zaun (lat. indago) und 



1) Drungus (schon bei Vopiscus und Vegetius) ist germanisch: engl, 
throng Haufen. Julian Kulakovskij, Drungos und Drungarios: Viz. 
Vrem 9 (1902) If. 

2) Zachariae a. a. 0. ='271f. 

3) Die hl, Etudes sur Tadministration byz. dans l'exarchat de Ra- 
venue 311. 

4) Arch. epigr. Mitt. 10 (1886) 136 f. Izvestija arch. inst. 10 
(1905) 538 f. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrh. 187 

einzelnen Toren (portae) ^). Auch die byzantinische Grenze gegen 
die Serben war in der Zeit der Koranenen an den Pässen und 
Übergängen befestigt mit Gräben, Verhauen aus gewaltigen Baum- 
stämmen und Burgen oder Türmen aus Holz oder Stein -), Auf 
der serbischen Seite nannte man die Grenzlandschaften krajina 
oder krajiste (kraj Rand). Krajina heißt schon bei Diocleas 
die Uferlandschaft des Sees von Skutari zwischen der Bojana und 
dem Tal von Crmnica, ebenso das Grenzgebiet zwischen Zach- 
lumien und dem kroatischen Reich bei Makarska (8. 119). In 
den kleinen Stadtgebieten Dalmatiens war die Absperrung jeden- 
falls nicht so streng, wie an der langobardischeu und bulgarischen 
Grenze. Nach einem Vertrag mit den Bulgaren (7 IG) durften die 
bulgarischen und byzantinischen Kaufleute nur mit Siegeln oder 
Geleitsbriefen über die Grenze; ohne Ausweis verfielen ihre 
Waren der Konfiskation '). Die goldenen Siegel der Gesandten, 
die silbernen der Kaufleute, später (944) ersetzt durch schriftUche 
Pässe, sind bekannt aus den in der ältesten Chronik von Bliew 
erhaltenen Urkunden des 10. Jahrhunderts über die alljährlich 
nach Konstantinopel kommende Bootsflotte der Russen. 

Die Abhängigkeit der Slawen vom Kaisertum war nicht 
überall gleich. Kleine Stämme innerhalb der Provinzen, wie in 
Griechenland, hatten vom kaiserlichen Statthalter ernannte Fürsten 
(ciQxiov), zahlten ein Jahrgeld {ztd/.TOv) in Goldstücken und waren 
verpflichtet zur Heeresfolge \). Bei den mächtigen Stämmen jen- 
seits der Grenze im Norden mußte dagegen das Reich den erb- 
lichen Slawenfürsten Jahrgelder zahlen. Nach den Berichten des 
Porphyrogenneteu entrichteten die nördlichen Städte Dalmatiens 
den Slawen je 100—200 Goldstücke, außer den Leistungen in Wein 
und anderen Naturalien; Ragusa aber zahlte den Fürsten der 
Zachlumier und Terbuniaten je 36 Goldstücke, weil es Weingärten 
auf dem Boden beider Nachbarn besaß '"). Es ist sehr zweifelhaft, 

1) Thallöczy, Die Grafen von Blagay (Wien 1898) 16—17. Kiaic: 
Vjesnik arheol. N. S. 7 (1903) If. 

2) Anna Komnena IX cap. 1. 

3) Theophanes ed. De Boor 1, 497. 

4) Konst. Porph. 3, 220f. 

5) Derselbe 3, 147 (Cattaro fehlt). 



188 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

ob es, wie Konstantin meint, ursprünglich eine Einnahme des 
byzantinischen Statthalters war, erst von Basilios I. den Nachbarn 
geschenkt. In Ragusa war der im 13. — 15. Jahrhundert ma- 
garisium (margarisium), slawisch mogoris genannte Tribut an 
die Trebinjer und Zachluraier ein Bodenzins, den die Gemeinde 
bei den Besitzern der Weingärten einsammelte und den Nachbarn 
zu bestimmten Terminen abführte ^). Truppenkontingente gab es 
auch im Norden. Unter Basilios I. wurden die Mannschaften der 
Chrovaten, Serben, Zachlumier, Terbuniaten und Kanaliten auf 
den Schiffen der dalmatinischen Städte gegen die Araber nach 
Unteritalien hinübergeführt -). Als sich die kaiserlichen Feld- 
herren zur Vertreibung der Araber aus Tarent rüsteten, befehligte 
Prokopios die Westländer (övti'/.oi) und Slawen (ßy.laßrivoi), Leon 
Apostyppes die Thraker und Makedonier; Leon ließ aber in einer 
Schlacht seinen Kollegen im Stich, nahm nach dessen Tode seine 
Truppen zu sich und eroberte Tarent allein '). In der Zeit der 
Komnenen war der serbische Großzupan verpflichtet, bei den Feld- 
zügen des Kaisers im Westen 2000 Mann zu senden, in Asien 
300, später 500 Mann ^). Die Gesandten nicht nur des Papstes 
und der westlichen Kaiser, sondern auch der Russen und der 
dalmatinischen Slawen nannte man Apokrisiarier {aiToy.oLaLctQioi, 
eigentlich „ Beantworter ^■) ; davon stammt altserbisch poklisar der 
Gesandte, bekannt in der Neuzeit in Ragusa bis zum Fall der 
Republik (1808). Unter den Beamten des Logotheten tov öq6(aov, 
des Postministers und zugleich Ministers des Äußeren, gab es 
Dolmetscher (eQ(.irivevTai) für den Verkehr mit arabischen, arme- 
nischen, slawischen und anderen Gesandten ■'). Bei dem Empfang 
der slawischen Sendboten war der Kaiser bestrebt, in besonderem 
Glänze zu erscheinen. Michael III. empfing sie, wie im Zere- 
raonienbuche zu lesen ist, im Chrysotriklinon , dem „goldenen 



1) Vgl. meine Handelsstraßen 12, Rom. Dalm. 1, 91. 

2) Konst. Porph. 3, 131; Theoph. Cont. 293 (Narentaner und 
Dioklitier fehlen). 

3) Theoph. Cont. 306. Vasiljev, Byzauz und die Araber, russ. 2 
^Petersburg 1902) 88 (um 880—885). 

4) Kinn am OS III cap. 9. 

5) Vgl. Bury, Byz. Z. 15 (1906) 540f. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrh. 189 

Saal", auf dem Throne sitzend in dem mit Edelsteinen auf Gold- 
grund besetzten Purpurgewand, mit der Krone auf dem Haupte; 
sie wurden von dem Logotheten vorgestellt und mit Kleidern be- 
schenkt. Die kaiserlichen Schreiben an die Fürsten der Kroaten, 
Serben, Zachlumier, Travunier, Kanaliten und Dioklitier, stets mit 
goldenem Siegel, waren abgefaßt als kaiserlicher „ Befehl •'• (/e- 
Ä,Evoig) ^). Die Verträge der Byzantiner z. B. mit den heidnischen 
Russen und Bulgaren waren griechisch niedergeschrieben. Auch 
die Siegel der serbischen Fürsten hatten griechische Inschriften, 
wie die des Peter von Dioklitien (S. 124) und des Stephan Ne- 
mauja -). Dagegen waren die Verträge der Slawen mit den 
Städten Dalmatiens noch zu Ende des 12. Jahrhunderts lateinisch 
abgefaßt, mit cyrillischen Unterschritten der serbischen Fürsten, 
der Vertrag zwischen Ragusa und Ban Kulin von Bosnien (1189) 
auf demselben Blatt zuerst lateinisch, dann slawisch in cyrillischer 
Schrift 3). 

Neben den Byzantinern waren eine mächtige Nation die seit 
679 zwischen Donau und Hämus angesiedelten Bulgaren ; vor 800 
reichte ihr Gebiet im Westen nur wenig über den Isker hinaus 
(S. lOG). Die Slawen ihres Landes werden in den byzantinischen 
Berichten des 8. — 9. Jahrhunderts in den Heeren immer abseits 
neben den Bulgaren genannt, mit eigenen Fürsten {aQyovteg), 
welche z. B. unter Krum an den Gastmählern des bulgarischen 
Herrschers teilnahmen oder, wie ein Dragomir, für ihn Gesandt- 
schaftsreisen unternahmen. Griechen, Reste alter Einwohner, Über- 
läufer oder Gefangene meißelten die merkwürdigen , in unseren 
Tagen gesammelten griechischen Inschriften des heidnischen Bul- 
gariens ^). Das Volk war in Geschlechter {yevea) eingeteilt. Der 
Fürst heißt in den Inschriften Khan {y.avag) oder „Fürst von 
Gott" (6 ex ^Eov aqywv). Den höheren Adel bildeten die Bol- 



1) Konst. Porph. 1, 634, 691. 

2) Goldsiegel: 2!(f'Qay\g Zraifdvov ixtycü.ov iovndvov tov Nffiüvtu. 
Cajkanovic, Byz. Z. 19 (1910) 113 A. 1. 

3) Jirecek, Arch. slaw. Phil. 26 (1904) 167. 

4) Sammlung von Th. Uspenskij: Izvestija arch. inst. 10 (1905) 
173—242, 544-554. 



190 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

jaren (ßoiMdeg, ßolidöeg, kircbenslaw. byl oder boljarin) ^), den 
unteren Adel die Bagainen (ßayaivoi, slaw. ugain). Hervorragende 
Männer beider Klassen führten den Ehrentitel „bagatur" oder 
„bogotor" (mongolisch baghatür Held). Hohe Würden waren die 
des Kauchan und Tarkan; die Provinzialstatthalter nannte man 
im 9. Jahrhundert Comes (xd,aijg). Die großen Eroberungen 
führten dazu, daß sich die Bulgaren zwischen den Slawen weit 
zerstreuten. Nach 800 führen einzelne Mitglieder der Dynastie 
slawische Namen (Malomir, Vladimir). Als das Christentum die 
Gegensätze noch mehr ausgegUchen hatte, slawisierte sich das 
Volk, ebenso wie die germanischen Franken und Langobarden 
zwischen den Romanen von Gallien und Italien. Die wichtigste 
der Residenzen (avXal), bei den Slawen Pliskov genannt, befand 
sich nordöstlich von Sumen bei dem jetzigen Türkendorf Aboba, 
ein riesiges Nomadenlager, ungefähr 25 Quadratkilometer groß, 
mit Wall und Graben im Viereck umschlossen, mit einer gemauerten 
Burg in der Mitte ~). Erst später gründete man weiter südhch 
eine neue Residenz am Nordfuß der waldigen Vorberge des Hä- 
mus, das einen slawischen Namen führende Preslav (ursprünglich ^) 
Prej^slav). Die Bulgaren waren ein kriegerisches Volk mit fester 
Disziplin und strengem Recht. Ihre treffliche Reiterei war stets 
zum Ausmarsch in den Krieg bereit. Das Fußvolk stellten die 
Untertanen Slawenstämme, denen auch die Bewachung der Grenzen 
anvertraut Avar. Idole werden in der Antwort des Papstes Ni- 
kolaus I. an die Gesandten des Fürsten Boris erwähnt, Menschen- 
und Tieropfer bei der Belagerung von Konstantinopel durch den 
Fürsten Krum. 

Die Politik des byzantinischen Reiches beschränkte sich in 
den Hämusländern seit dem 7. Jahrhundert während der arabischen 
Kriege größtenteils auf die Defensive. Alle großen politischen Be- 
wegungen in diesen Ländern hatten damals ihren Schauplatz außer- 
halb der byzantinischen Grenzen, im Donaugebiet. Nach dem 



1) Die Endung -«V, -ddes ist griechisch (vgl. a/xrjoei^fg Emire), -arin 
slawisch (wie gospodar neben gospod Herr). 

2) Izvestija areh. inst. 10 mit Atlas. 

3) Arch. slaw. Phil. 21 (1899) 613. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrh. 191 

Verfall der Awaren rückten hier vom Osten die Bulgaren und 
Ungarn vor, von Westen her die Franken unter Karl dem Großen, 
dessen gewaltige Eroberungen die Griechen nicht wenig beunruhig- 
ten. Karl eroberte das Königreich der Langobarden, besetzte das 
byzantinische Istrien (um 788) und vernichtete das Khanat der 
Awaren (791 — 796). Awarische Flüchtlinge sammelten sich unter 
den Fahnen des Bulgarenfürsten Krum. Die ehemaUge Landschaft 
des Chagans an der Theiß und Donau wurde eine Wüste. Die 
Slawen an der Drau, Save und Kulpa kamen unter fränkische 
Hoheit ^). Die Markgrafen von Friaul unterwarfen auch die Kroa- 
ten bis vor die Tore der byzantinischen Städte Dalmatiens, un- 
gefähr bis zur Cetina; Markgraf Erich fiel dabei im Kampfe bei 
Tarsatica, der hochgelegenen Burg Tersatto (kroat. Trsatj bei Fiume 
(799). Als Karl in Rom zum Kaiser gekrönt wurde (800), standen 
die Byzantiner eben unter der Weiber- und Eunuchenherrschaft 
der Kaiserin Irene, deren Sturz durch die Militärpartei mit Er- 
hebung des Logotheten Nikephoros auf den Thron (802) die Be- 
wegung im Grenzgebiete nicht aufhalten konnte. Unter den 
Romanen von Venedig und Dalmatien bildete sich eine fränkische 
Partei; die Venezianer, der „dux Jaderae" Paul und Bischof 
Donatus von Zara unterwarfen sich Kaiser Karl in Diedenhofen 
in Lothringen (805), aber die Operationen der byzantinischen See- 
macht von Kephallenia aus erneuerten wieder die Autorität von 
Byzanz, da die Franken keine Flotte besaßen. Die Aufmerksam- 
keit der Byzantiner war damals ganz in Anspruch genommen 
durch das Vordringen der Bulgaren, welche in dem Zwischenräume 
zwischen den Oströmern und Franken große Eroberungen be- 
gannen. Krum nahm Serdica ein, die letzte große Festung des 



1) Nach der Zerstörung von Mailand 1162 kamen flüchtige Mailänder 
in das Komitat von Kalocsa und gründeten die Ortschaften Francavilla 
(magyar. Nagy-Oläsz, jetzt Älandjelos bei Mitrovica) und Cadabul, beide mit 
Kirchen des hl. Ambrosius: Chronicon Tolosani, vgl. Julius Jung, Mitt. 
des österr. Inst. 19 (1898) 388. Von diesen italienischen „Franken" 
{'f'QÜyyog altserb. Frug, Plur. Fruzi), nicht von denen Karls des Großen, 
stammt der Name der Landschaft Frankochorion in der Umgebung von 
Sirmium bei Niketas Akominatos und des heute wohlbekannten 
,, Frankenberges ", der Fruska Gora. 



193 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

griechischen Reiches im Innern der Halbinsel (809), schlug den 
Kaiser Nikephoros, der bei einem Einbruch in Bulgarien den Tod 
fand (811), ebenso dessen Nachfolger Michael I. bei Adrianopel, 
und belagerte zuletzt den neuen Kaiser Leon den Armenier ohne 
Erfolg in Konstantinopel (813). Nach Krums Tode schloß sein 
Nachfolger Omortag wieder Frieden mit Leon (814) ^). Indessen 
hatte sich Michael I. mit Karl verglichen; Venedig und die See- 
städte (maritiraae civitates) von Dalmatien blieben den Griechen, 
die Slawen von Liburnien und Dalmatien den Franken (812). Die 
Grenzfragen bei den dalmatinischen Städten (de finibus Dalma- 
torum, Romanorum et Slavorum) wurden nach Karls Tod von 
Abgesandten des Kaisers Leon und des Kaisers Ludwig des From- 
men an Ort und Stelle geregelt (817) -). 

In dieser Zeit werden im Nordwesten der Halbinsel fünf 
Territorien erwähnt. Der Herzog von Niederpannonien Ljudevit 
(dux Pannoniae inferioris) mit dem Sitz in Siscia (Sisak) war zwar 
ein fränkischer Vasall, wartete aber auf eine Gelegenheit zum 
Abfall 3). Im Gegensatz zu ihm war Borna *), „ dux Dalmatiae et 
Liburniae", der erste bekannte Fürst der Kroaten, ein Anhänger 
der Franken. Zu seinem Gebiete gehörten im Norden auch die 
Guduscani, in der späteren Zupa Gadska oder Gacka bei Otocac. 
Nach seinem Tode folgte mit Bestätigung durch den west- 
lichen Kaiser sein Neffe Vladislav; von den späteren Nachfolgern 
sind aus den Urkunden der Kirche von Spalato und venezianischen 
Nachrichten bekannt Mojslav (um 839) und Trpimir, „dux Chroa- 
torum" (um 852). Ein dritter Fürst, dessen Wohnsitz nicht näher 
bezeichnet wird, war (819) Dragomuz (Dragamosus), Schwieger- 
vater des Ljudevit und Freund des Borna; ein vierter, gleichfalls 
in „Dalmatia", war Bornas Oheim Ljutomysl (Liudemuhslus). 



1) Ein Fragment dieses Vertrages ist die Inschrift von Suleimanköi ; 
vgl. Bury, English Hist. Review 1910 Apr. '276f. 

2) Hartmann, Gesch. Italiens 3, 1, 63 f. 

3) Die Belege auch bei Racki, Doc. 320—328. Liudewitus stellt 
Miklosich mit Ijud Volk zusammen; bekannter sind Namen mit Ijut 
scharf, Ljutovid u. a. 

4) Kurzform für Namen von bori- liämpfen (Borislav, Borivoj u. a ). 
Vgl. böhm. Boren, poln. Borzim. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrb. 19S 

Weiter östlich befanden sich die Landschaften der Serben, welche 
den Franken nicht untergeordnet waren, unter der Regierung 
einiger Herzöge (duces) nebeneinander. Herzog Ljudevit begann 
(819) einen Aufstand, unterstützt von den Slawen von Krain und 
Kärnten. Von den Franken an der Drau zurückgeschlagen, 
wendete er sich südwärts gegen den mit einem großen Heere 
heranrückenden Borna und besiegte ihn an den Ufern der Kulpa. 
Der mit Borna verbündete Fürst Dragomuz fiel in der Schlacht. 
Die G.iduscani, deren Abfall die Niederlage verursacht hatte, 
wurden zu Hause von Borna eingeholt und wieder unterworfen. 
Im Dezember brach dann Ljudevit in Dalmatien ein. Borna zog 
seine Leute in die Burgen zurück und beunruhigte den Feind mit 
auserlesenen Truppen bei Tag und Nacht durch kleine Angriffe 
so lange, bis er ihn zur Umkehr gezwungen hatte. Wie dem 
Kaiser Ludwig dem Frommen nach Aachen gemeldet wurde, hatte 
Ljudevit dabei an 3000 Mann an Toten verloren; überdies wurden 
ihm über 300 Pferde und zahlreiches Gepäck als Beute abgenom- 
men. Systematische Operationen der fränkischen Heere in drei 
Richtungen, aus Bayern, Kärnten und Friaul, zwangen Ljudevit 
zwei Jahre nachher zur Flucht aus Siscia zu den Serben (822). 
Einer der serbischen Herzöge nahm ihn in seine Burg auf, wurde 
aber von dem Flüchtling hinterlistig getötet, der nun die Festung 
für sich besetzte. Doch fühlte sich Ljudevit darin nicht sicher, 
verließ die Serben und floh zu Bornas Oheim Ljutomysl, der ihn 
nach kurzer Zeit ermorden ließ (823). 

Die Byzantiner konnten diesen Ereignissen keine Aufmerk- 
samkeit widmen. Nach der Ermordung des Armeniers Leon wurde 
der neue Kaiser Michael H. ein ganzes Jahr (821 — 822) in Kon- 
stantinopel von dem Prätendenten Thomas belagert, der nach 
einigen Nachrichten ein Armenier, nach anderen ein Slawe aus 
den Kolonien in Kleinasien war, und besiegte ihn erst mit Hilfe 
des Bulgarenfürsten Omortag (823). Eine unmittelbare Folge dieser 
Wirren war die Besetzung von Kreta und des Westens von Sizilien 
durch die Araber, womit der Verfall der byzantinischen Seeherr 
Schaft begann. Zugleich fingen die Bulgaren an ihre Grenzen mit 
großer Energie nach Westen auszudehnen. Schon in Krums Heeren 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 13 



194 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

befanden sich nach dem Sieg über Kaiser Nikephoros, neben Bul- 
garen und Awaren, Slawen angeblich aus „allen Slavinien ^)". In 
den Verträgen kam die Unterscheidung auf zwischen den Slawen, 
welche dem Kaiser, und denjenigen, welche den Bulgaren unter- 
geben waren ^). Die Franken faßten diese Unterordnung als einen 
Bund auf (Bulgarorum societas). Viele Stämme leisteten Wider- 
stand. Ein Teil der Timociani wanderte vom Timok lieber west- 
wärts zu den Franken, wurde aber von Ljudevit überredet, bei 
ihm zu bleiben (818). Auch die nördlich von der Donau woh- 
nenden Praedenecenti (S. 123) baten Kaiser Ludwig um Hilfe gegen 
die Bulgaren (824) ^). Auf einem von Omortag aufgestellten Grab- 
stein ist zu lesen, daß damals einer seiner Großen, der Tarchan 
Onegavon bei einem Feldzug in der Theiß (Ti^aa) ertrunken sei*), 
während andere Expeditionen dieses Fürsten, wahrscheinlich gegen 
die Chazaren, im Osten bis zum Dnjepr vorrückten ^). Als die 
Franken dem Abschluß eines Grenzvertrages mit Omortag aus- 
wichen, fuhr eine bulgarische Bootsflotte 1^827) die Drau aufwärts, 
vertrieb die von den Franken eingesetzten Fürsten (duces) der 
pannonischen Slawen und setzte bulgarische Statthalter ein (bul- 
garicos rectores). Doch kam es bald zur Erneuerung friedlicher 
Beziehungen. Sicher ist es, daß die Bulgaren in der äußersten 
Südostecke Pannoniens das alte Sirmium (slaw. Srem oder Strem) 
behielten, wo sie nach ihrer Bekehrung einen Bischofsitz errich- 
teten ^). Indessen unterwarfen sie sich von der Landschaft von 
Serdica aus die Slawenstämme Makedoniens bis zum byzantinischen 
Küstenland bei Thessalonich und wurden nach der Besetzung von 
Ochrid und der Landschaft am Flusse Devol auch Nachbarn der 
Provinz von Dyrrhachion, Die Chronologie dieser Erwerbungen 
im Südwesten ist unbekannt; nach der Legende des heiligen Kle- 



1) Anon. de Leoue imp. ed. Bonn. p. 347. 

2) Bury a. a. O. 279. 

3) Böhmer-Mühlbacher, Regesta 1 (1889) nro. 658f. 

4) Kaiinka, Antike Denkmäler in Bulgarien (Wien 1906) nro. 87; 
Izvestija ai-ch. inst. 10, 191. 

5) Kaiinka nro. 88. Izvestija 10, 190. 

6^ Bischof Zt-ouiov ^toi ^^TQutyov, &(>üfiov: Byz. Z. 1 (1892) 257, 2 
(1893) 43, 53. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrh. 195 

mens und der Märtyrer von Tiberiopolis besaßen sie das innere 
Makedonien sicher unter Boris. 

Die Verbindung zwischen den Landschaften von Belgrad und 
Sirmium und dem neu erworbenen Westen Makedoniens störten 
den Bulgaren die kriegerischen Serben. Ihr Fürst Vlastimir ver- 
teidigte sich drei Jahre lang mit Erfolg gegen die Angriffe des 
Bulgarenfürsten Presiam (um 850). Seine drei Söhne Mutimir, 
Strojimir und Gojnik schlugen in ihrem Lande den Fürsten Boris, 
welcher die Niederlage seines Vaters Presiam rächen wollte, und 
nahmen Vladimir, des Boris Sohn, mit zwölf der großen Boljaren 
gefangen ^). Ungern schloß Boris, um in dem Gebirge auf dem 
Rückzug einer neuen Katastrophe zu entgehen, einen Frieden mit 
Austausch von Geschenken, worauf ihm zwei Söhne des Mutimir 
das Geleite bis zur Grenze bei Ras gaben. Das serbische Ge- 
schenk, bestehend aus Sklaven, Falken, Jagdhunden und Pelzen, 
wurde später von den Bulgaren als Tribut bezeichnet. Auch mit 
den Kroaten hatte Boris vergeblich gekämpft. Bald jedoch brachen 
zwischen den serbischen Fürsten Zwistigkeiten aus. Mutimir strebte 
mit Hilfe der Bulgaren nach der Alleinherrschaft, nahm seine beiden 
Brüder gefangen und Heferte sie dem Boris aus. Nach seinem 
Tode (um 890) wurde aber sein ältester Sohn Prvoslav schon 
nach einem Jahre vertrieben von seinem Vetter Peter, des Gojnik 
Sohn, welcher den serbischen Thron von Kroatien aus als byzanti- 
nischer Schützling für viele Jahre in Besitz nahm (ungefähr 891 bis 
917). Die verdrängten Mitgheder der FamiKe mußten ins Aus- 
land ; der gestürzte Prvoslav mit seinen Brüdern Bran (oder Boren) 
und Stephan lebte in Kroatien, Prvoslavs Sohn Zacharias später in 
Konstantinopel. 

Das Schwanken des byzantinischen Einflusses in Serbien er- 
klärt sich durch den Verfall der Autorität des Reiches im Adria- 
tischen Meere. Mit der Eroberung von Tarent (839) und Bari 
(841) durch die Araber brachen für Italien die trübsten Zeiten 
herein. Neben den Raubfahrten der Araber bis in den Quarnero 



1) Wohl nach der Taufe des Fürsten (864), der schon Michael Boris 
genannt wird; auch war der Thronfolger Vladimir bereits erwachsen. Konst. 
Porph. 3, 154 f., oflFenbar nach den Erzählungen der Serben. 

1.3* 



196 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

wuchs die Piraterie der Kroaten und besonders der Narentaner, 
welche schon um 830 die großen Inseln vor der Narentamündung 
besetzt hatten Die Burgen der Inseln von Curzola bis Zara 
wurden zu Ruinen, wie sie Konstantin Porphyrogennetos beschreibt. 
Die Dogen von Venedig mußten zum Schutz ihres Handels persön- 
lich an die dalmatinische Küste ziehen und die Slawen zu Ver- 
trägen zwingen, Petrus Tradonicus (839) gegen den Fürsten Moj- 
slav von Kroatien und die Narentaner, Ursus Particiacus (um 865) 
gegen den Fürsten Domagoj i). In der Zeit, als Michael III er- 
mordet und sein Mitregent, der aus den armenischen Militärkolonien 
an der bulgarischen Grenze in Thrakien gebürtige Basilios I. zum 
Alleinherrscher erhoben wurde (867), verheerten die Araber von 
Bari die Städte Budua und Rosa (Porto Rose), plünderten die 
Unterstadt von Cattaro und belagerten mit aller Energie Ragusa. 
Der neue Kaiser sendete den Admiral Niketas Ooryphas mit 100 
Schiffen nach Dalmatien, doch die Araber eilten vor seiner Ankunft 
nach Bari zurück -). Darauf verbündeten sich Kaiser Basilios I. 
und Kaiser Ludwig IL, der letzte Karolinger, der in Italien resi- 
dierte, zur Eroberung von Bari, welches von Ludwig (Februar 
871) eingenommen wurde; in seinem Heere befanden sich dabei 
neben Franken und Langobarden auch die Kroaten als fränkische 
Vasallen (populi Sclaveniae nostrae) ^). Kurz zuvor segelte der 
byzantinische Admiral Niketas zum zweitenmal an die dalmatinische 
Küste, weil die Narentaner die vom Konstantinopler Konzil heim- 
kehrenden päpstlichen Gesandten auf der Überfuhr von Dyr- 
rhachion nach Italien gefangen und beraubt hatten. Die Griechen 
verheerten die Burgen der Narentaner und griffen auch die Kroaten 
an, welche damals unter dem Fürsten Domagoj als Piraten sehr 
in Verruf standen. Ludwig beklagte sich bei Basilios, der Patri- 



1) Venet. Annalen 830 — 890 benutzt bei Johannes Diaconus. 
Vasiljev, Byzanz und die Araber, russ. 1 (Petersburg 1900) 145 f. 

2) Konst. Porph. dreimal 3, Gl— 62, 130-136 und Vita Basilii I, 
Theoph. Cont. 289 — 297, mit verwirrter Chronologie, obwohl er (3, 130) 
in seiner Vorlage gelesen hat, daß die Araber Bari 40 (ricbtig 30) Jahre 
besaßen. 

3) Hauptquelle das Schreiben Ludwigs II. an Basilios I. 871 im Chron. 
Salernitanum. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jabrh. 197 

kios Niketas habe eben, als die Leute des fränkischen „Slaweniens" 
mit ihren Schififen bei Bari standen, die Burgen ihrer Heimat zer- 
stört, und verlangte vom Kaiser die Freilassung der Gefangenen. 
Die Slawen Dalmatiens haben aber ihre Seezüge nicht eingestellt; 
sie plünderten Rovigno und andere Städte Istriens, wurden jedoch 
vom Dogen Ursus empfindlich geschlagen (um 875). Statt der 
Araber von Bari kamen die von Kreta, verwüsteten einige dalma- 
tinische Gemeinden, darunter die seitdem verschollene Stadt von 
Brazza (872), erlitten aber von Niketas in den griechischen Ge- 
wässern eine vollständige Niederlage. Nach Kaiser Ludwigs Tod 
(875) ging Basilios energisch an die Restauration der byzantinischen 
Herrschaft in Unteritalien und Dalmatien. Das bisher fränkische 
Bari wurde sofort von den byzantinischen Feldherren besetzt, die 
Araber aus Tarent und allen Burgen des Festlandes vertrieben. 
In Dalmatien haben die Byzantiner die Narentaner getauft, in 
Kroatien und in den alten dalmatinischen Städten (um 879) auch 
die lateinische Kirche für kurze Zeit unter griechischen Einfluß 
gebracht. Auf den Thron Kroatiens wurde ein griechischer Schütz- 
ling Zdeslav gesetzt. Es ist aber charakteristisch, daß schon ein 
Jahr nach dem Tode des Kaisers Basilios I. der Doge Pietro 
Candiano I. v/ieder persönlich gegen die Narentaner ziehen 
mußte, aber bei einem mißglückten Landungsversuche den Tod 
iand (887). 

Der erste christliche Fürst von Bulgarien Michael Boris ver- 
ließ (um 889) freiwillig den Thron, um seine alten Tage dem 
Klosterleben zu widmen, welches für die neubekehrten Bulgaren 
eine gewaltige Anziehungskraft besaß. Das Klostergevvand legte 
er ab, als sein Nachfolger Vladimir, derselbe, welcher einmal Ge- 
fangener der Serben gewesen war, eine heidnische Reaktion ver- 
suchte. Boris besiegte den ungehorsamen Sohn, der gefangen und 
geblendet wurde, setzte den jüngeren Symeon ein, der nach Liud- 
prand auch „aus der Stille des Klosters in die Stürme der Welt" 
herauskam, und kehrte wieder in seine stille Klause zurück (j 907). 
Symeon (893? — 927) war in Konstantinopel erzogen, wahrschein- 
lich an der Hofschule, hatte Sinn für Bildung und Literatur und 
lebte wie ein Eremit ohne Fleisch und Wein; er war aber durch 
Schule und Kloster dem Kriegswesen keineswegs entfremdet und 



198 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

nahm sogar persönlich an dem Kampfgetiimmel der Schlachten 
teil, ganz anders als der gelehrte, von Frauen und Günsthngen 
beeinflußte Nachfolger ßasihos' L, Kaiser Leon der Weise. Mit 
aller Kraft ging Symeon einem Ziele nach: der Eroberung Rumä- 
niens und der Erlangung der byzantinischen Kaiserkrone. Die 
Griechen warfen ihm vor, er stehe unter dem Einfluß von ..Pseudo- 
propheten" und Sterndeutern. Er verkehrte seinerseits mit ihnen 
voll Ironie, Hochmut und Hohn, wie aus seiner Korrespondenz 
mit dem Magistros Leon und dem Kaiser Roman Lakapenos zu 
sehen ist. Während des ersten Krieges Symeons mit den Byzan- 
tinern (ungefähr 893 — 896) verbündete sich Kaiser Leon mit den 
Ungarn oder Magyaren im jetzigen Bessarabien, aber die Bulgaren 
vereinigten sich mit den in der Pontussteppe mächtigen türkischen 
Petschenegen und vertrieben die Ungarn westwärts in die Steppen 
des alten Awarenlandes (895—896). Von dort begannen die 
Scharen der Ungarn bald Züge in die westlichen Nachbarländer, 
scheinen aber mit dem Serbenfürsten Peter, einem byzantinischen 
Vasallen, freundschaftHche Beziehungen gehabt zu haben. Nach 
neuen Siegen über die Griechen besetzten die Bulgaren im Westen 
dreißig Burgen der Provinz von Dyrrhachion, stellten sie aber, wie 
Magistros Leon in seinen Briefen ^) darlegt, im Frieden wieder 
zurück. Die Byzantiner mußten dem Symeon fortan Tribut zahlen. 
Soviel wir wissen, war der serbische Fürst Peter Gojnikovic an 
diesem Kriege nicht beteiligt, hatte sich aber gegen Prätendenten 
aus der Verwandtschaft, seine Vettern zu verteidigen. Zuerst wui-de 
Bran, Mutimirs Sohn, geschlagen, gefangen und geblendet (um 894). 
Zwei Jahre später brach Klonimu-, Sohn des Strojimir aus Bul- 
garien ein, besetzte sogar die Hauptburg Dostinika, fand aber im 
Kampfe den Tod (um 896). Nach diesen Erfolgen regierte Peter 
noch 20 Jahre und erweiterte seine Macht auch über das Bosnatal 
und das Land der Narentaner (S. 121) -). 

Der Niedergang des griechischen Kaisertums, für welchen der 
Überfall von Thessalonich durch die Araber (904) bezeichnend 
ist, führte zum zweiten bulgarischen Krieg (913 — 927) gegen 



1) Jt).T(ov 1 (1884) 396. 

2) Konst. Porph. 3, 155 f. 



Die byzantinische Oberhoheit im 0. und 10. Jahrb. 199 

Leons unmündigen Sohn, den kleinen Konstantin Porphjrogennetos 
und seine Mitregenten. Die bulgarischen Heere durchzogen die 
Provinzen bis nach Nordgriechenland. Symeon selbst erschien zu 
wiederholten Malen vor Konstantinopel, nahm den Titel eines 
Kaisers der Bulgaren und Griechen an (ßaoi?.ecg Bovh/dotov y.al 
Pojuaiojv) und verlangte die Abtretung des ganzen Westens Qzdar^g 
dvastog). Die Byzantiner wollten aber nur die Grenzen der Zeit 
des Boris zugestehen und Symeon bloß als Kaiser der Bulgaren 
anerkennen. Der lange Krieg hatte einen Widerhall im Nord- 
westen der Halbinsel. Die Kroaten waren Gegner der Bulgaren. 
Dagegen wurde Michael, Fürst von Zachlumien, Verbündeter 
Symeons. Einmal nahm er einen byzantinischen Schützling durch 
List gefangen und sendete ihn an den Hof Symeons ; es war Peter, 
des Dogen Ursus IL Particiacus Sohn, der später als Petrus Ba- 
doarius selbst Doge wurde (939 — 942) und eben reich beschenkt 
aus Konstantinopel heimkehrte. Er mußte durch eine venezianische 
Gesandtschaft aus Bulgarien befreit werden ^). Am meisten litt 
Serbien, besonders durch den Wettkampf der Anhänger der Bul- 
garen und Byzantiner unter den Mitgliedern der Fürstenfamilie. 
In der Zeit, als Symeon bei Anchialos (9i7) einen glänzenden 
Sieg über die Griechen erfochten hatte, segelte der Statthalter von 
Dyrrhachion Leon Rhabduchos, später Logothet rov Sqouov, an die 
Küste der Narentaner zu einer Besprechung mit dem Serbenfürsten 
Peter. Michael von Zachlumien meldete dem Symeon, daß die 
Byzantiner den Peter durch Geschenke zu gewinnen suchen, da- 
mit er im Bunde mit den Ungarn in Bulgarien einfalle. Erzürnt 
sendete Symeon seine Feldherren Theodor Sigritzes und Marmaim 
nach Serbien, mit einem Prätendenten, Mutimirs Enkel Paul, einem 
Sohn des geblendeten Bran. Fürst Peter wurde bei den Verhand- 
lungen überlistet und ins Bulgarenland gebracht, wo er im Ge- 
fängnis sein Leben schloß. Gegen den bulgarischen Schützling 
Paul (ungefähr 917 — 923) stellte Kaiser Roman L, der Mitregent 
des Konstantin Porphyrogennetos, den in Byzanz erzogenen Zacha- 
rias, den Sohn des Prvoslav, entgegen, doch wurde dieser Thron- 
kandidat von seinem Vetter geschlagen, gefangen und nach Bul- 



1) Jobannes Diaeonus um 912 (eher 913). 



300 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

garien gesendet. Bald aber wechselten beide Vettern ihre Rollen. 
Paul näherte sich den Byzantinern, worauf Zacharia^ von Syraeon 
als bulgarischer Schützling auf den serbischen Fürstenthrori gesetzt 
wurde. Nach kurzer Zeit zog es aber Zacharias vor, i<ich wieder 
den Byzantinern anzuschließen, denen er sein Leben lang näher 
gestanden war. Er besiegte die bulgarischen Feldherren Sigritzes 
und Marmaim und sendete ihre Köpfe und Waffen als Trophäen 
nach Konstantinopel. Um diese Niederlage zu rächen, nahte ein 
neues Heer des Synieon unter drei Feldherren ^) , welche wieder 
einen neuen Prätendenten mitiührten, den Caslav, der aber nur 
als Lockspeise diente. Der bulgarische Zar hatte diesmal nicht 
mehr die Absicht, einen Fürsten aus der serbischen Dynastie ein- 
zusetzen, der wieder zu den Griechen abfallen könnte. Zacharias 
floh vor der Übermacht nach Kroatien. Die zum Empfang des 
neuen Landesherrn eingeladenen Zupane wurden gefangen unJ ge- 
fesselt. Die Bulgaren durchzogen das Land der Serben und 
schleppten alle Einwohner, die sie fangen konnten, nach Bulgarien 
weg; allerdings gelang es vielen, zu entfliehen, besonders nach 
Kroatien (um 924). Das serbische Gebiet soll nach Konstantin 
Porphyrogennetos ganz wüst geblieben sein, bewohnt angeblich 
nur von einigen Scharen von Jägern, ohne Frauen und Kinder. 
Daß es damals auf dem Kriegschauplatz in Thrakien n)it ver- 
ödeten Städten und verlassenen Dörfern nicht viel besser aussah, 
wissen wir aus der Vita der neuen Maria, einer Armenierin, Frau 
des Turmarchen Nikephoros von Bizye (jetzt Viza) -). Der bul- 
garische Feldherr Alobogotur brach dann in Kroatien ein, fand 
aber mit allen seineu Leuten den Tod '■'). Kaiser Konstantin nennt 
den Namen des damaligen Oberhauptes der Kroaten nicht. Nach 
anderen Berichten herrschte dort Tomislav, der zuerst den Königs- 
titel führte; bei Konstantin sind die kroatischen Herrscher aller- 
dings immer nur Fürsten {äQxovveg) ^). Michael von Zachlumieu 

1) Über ihre Namen Kunik, Al-Bekri (Zapiski russ. Akad. 32) 152. 

2) Ausgabe von Balascev: Izvestija arch. inst. 4 (1899), o, 189f. 

3) „Der baute (ala) Held'' nach Tomaschek, Zeitschr. f. österr. 
Gymn. 1877, 685. Bei Konst. Porph. 3, 158 die Form 'Aloyoßojoio durch 
Anklang an ä'/.oyov Pferd. 

4) Tamislavus dux 914 bei Thomas cap. 13, rex 924 Racki, Doc. 
187, 189, ebenso Diocleas cap. 12. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrh. 201 

wurde durch die Katastrophe iu Serbien unmittelbarer Nachbar 
der Bulgaren. Wahrscheinlich durch sein Gebiet reiste eine Ge- 
sandtschaft Symeons zu den Fatimiden nach Afrika, um sie zu 
einem Bündnis gegen die Griechen aufzufordern (924). Unter- 
italien hatte eben von den afrikanischen und sizilischen Arabern 
viel zu leiden. Auch die Zachhimier beteiligten sich an der Ver- 
wüstung Apuliens; im Juli 926 überfiel Michael die damals byzan- 
tinische Stadt Sipontum. Bald darauf haben die Araber unter 
Führung eines Slawen in arabischen Diensten, des Sajan oder 
Sahir aus Afrika und des Emirs von SiziUen Tarent (926) er- 
stürmt und ausgeplündert ^). 

Nach dem Tode Symeons (27 Mai 927) beeilte sich sein 
Sohn Peter, ein unkriegerischer und frommer Herrscher, später 
unter die Heiligen der bulgarischen Kirche aufgenommen, endlich 
einen Frieden mit Byzanz abzuschließen. Während seiner langen 
Regierung mehrten sich die Anzeichen des Verfalles. Eine Partei 
machte Versuche, die Brüder Peters auf den Thron zu bringen. 
Die Ungarn durchstreiften das ganze Land und zwangen nach 
dem Zeugnis Liudprands sowohl die Bulgaren als die Byzantiner 
zur Zahlung von Jahrgeldern. Da war es leicht, die W^ieder- 
herstellung Serbiens auszuführen. Am Hofe von Preslav lebte 
der serbische Fürstensohn Caslav, geboren in Bulgarien unter der 
Regierung des Boris als Sohn des Klonimir und einer Bulgarin, 
ein Enkel des serbischen Teilfürsten Strojimir , Urenkel des Vla- 
stimir, derselbe, den die Bulgaren bei der letzten Verwüstung mii- 
getührt hatten, um die Serben leichter zu vernichten -). Angeblich 



1) Vasiljev a. a. 0. 2, 220, 258 f. Gay, L'Italie meridiouale et 
l'empire byz. (Paris 1904) 147, 199, 208. Die Akten von zwei Synoden in 
Spalato 924 und 926—927, erhalten in einer Sammlung des 16. Jahr- 
hunderts, welche Racki für umgearbeitet, Drinov für echt hielt, betrachte 
ich, ebenso wie einst Lucius, als unecht: der Umstand, daß die Kroaten 
Gegner der Bulgaren, die Zachlumier dagegen Symeons Bundesgenossen 
waren, macht ein friedUches Zusammenwirken des Tomislav und Michael 
an einer Synode in dieser Zeit sehr unwahrscheinlich. 

2) TCfsaS-)Mßog Kon st. Porph. 3, 156 f., Ciaslavus des Diocleas, von 
iajati warten, hoffen (vgl. Cäslav in Böhmen, Czeslaw oder Czaslaw in Polen). 
Verschieden von diesem Serben ist ein TCaad^Xdßog am Hofe des Boris um 
886 in der Vita S. Clemeutis cap. 16. 



202 Drittes Buch, Drittes Kapitel. 

sieben Jahre nach diesem Feldzug entfloh Caslav aus der bulga- 
rischen Hauptstadt nur mit vier Begleitern nach Serbien, ergriflF 
ungehindert Besitz davon und unterwarf sich der Oberhoheit des 
byzantinischen Kaisers fum 931). Rasch sammelten sich die ser- 
bischen Flüchtlinge aus den umliegenden Ländern; aus Bulgarien 
kehrten die meisten über Konstantinopel heim, beschenkt vom 
Kaiser. Caslav, der außer dem eigentlichen Serbenlande auch das 
Bosnatal mit Salines (Tuzla) beherrschte, lebte noch, als Konstantin 
Porphyrogennetos sein Buch über die Nachbarn des Reiches schrieb 
(948 — 952) ^). Nach Diocleas hat er in einem Kriege gegen die 
Ungarn den Tod gefunden; er soll bei Sirmium von ihnen durch 
einen nächtlichen Überfall gefangen genommen und in der Save 
ertränkt worden sein ^). Auch Michael von Zachlumien hat sich 
nach Symeons Tode mit den Byzantinern ausgesöhnt, erhielt den 
Titel eines Prokonsuls {avdvnaTog) und Patrikios und lebte noch 
um 949 •''). Die Narentaner, über deren politische Stellung Kon- 
stantin kein Wort sagt, setzten ihre Seeräubereien fort und mußten 
eben damals (948) vom Dogen Pietro Candiano III. durch zwei 
Seezüge zum Abschluß eines Vertrages gezwungen werden. 

Die Schicksale Serbiens in der zweiten Hälfte des 10. Jahr- 
hunderts sind in Dunkel gehüllt, die Nachfolger des Caslav, ebenso 
wie die des Michael unbekannt ^). Dasselbe gilt von Kroatien und 
von einigen der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Bulgariens. 
Dagegen begann eben damals im byzantinischen Kaisertum eine 
Periode neuen Aufschwungs, hervorgerufen durch den Verfall der 
Araber und Bulgaren. Nach vielen Jahrhunderten ergriff das 
Reich wieder die Offensive im Donaugebiet. Die Griechen er- 
oberten Kreta, Zypern, einen großen Teil Syriens, Armenien, 
Iberien (Georgien), in Europa ganz Bulgarien. Kaiser Nikephoros 
Phokas verweigerte den Bulgaren den Tribut und bewog den 
heidnischen Großfürsten Svjatoslav von Rußland zuerst zu einem 



1) Eb. 158—159 im Präsens {^arlv). 

2) Diocleas p. 26f. Vgl. Thalloczy: Arch. slaw. Phil. 20 
(1898) 201 f. 

3) Konst. Porph. 3, 160. 

4) Unbrauchbar ist das genealogische Chaos des Diocleas, mit sieben 
Generationen in den 20 Jahren um 971 — 990. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrb. 203 

Einfall nach Bulgarien. Als Svjatoslav zum zweitenmal kam, 
Donaubulgarien eroberte, Peters Sohn Boris II. gefangennahm 
und die Byzantiner in Thrakien bedrohte, zog der neue Kaiser, 
der Armenier Johannes Tzimiskes (971) gegen die Russen und 
vertrieb den Svjatoslav aus Preslav und Dorostolon (jetzt Silistria). 
In diesen blutigen Kriegen wurde die alte herrschende Gesellschaft 
Bulgariens bis auf geringe Reste aufgerieben und das Gebiet 
zwischen Donau und Hämus für zweihundert Jahre politisch be- 
deutungslos gemacht. Kaiser Johannes behielt Donaubulgarien, 
brachte den „befreiten" Boris IL nach Konstantinopel und legte 
die Krone des Bulgarenreiches als wertvolle Beute in der Sophien- 
kirche nieder. Sein Nachfolger Kaiser Basilios II. (976 — 1025), 
ein rauher Kriegsmann ohne literarische Neigungen, seinem ge- 
lehrten Großvater Konstantin Porphyrogennetos ganz unähnlich, 
hatte aber neben seinen zahlreichen Feldzügen in Asien noch 
vierzig Jahre mit den Bulgaren zu kämpfen. Zum Schluß gelang 
ihm die vollständige Eroberung des Landes mehr durch innere 
Wirren und durch Verteilung von Privilegien und Würden, als 
durch Schlachten. Der Schauplatz des Krieges, welcher bei dem 
waldigen und sumpfigen Charakter des Landes mit zahlreichen 
Engpässen und großem Mangel an Getreide viel schwieriger war 
als im reichem Orient ^), befand .sich nicht mehr an der unteren 
Donau, sondern meist in Makedonien und Albanien, in dem Raum 
zwischen Philippopel, Vidin, Sirmium, Serrai, Thessalonich, Dyr- 
rhachion und den Bergen der Serben. In der Nachbarschaft der Serben 
residierten Bischöfe der bulgarischen Kirche auch nach 1018 in Priz- 
ren, Lipljan und Ras. Dieser Westen des Bulgarenreiches hatte sich 
nach einer Notiz bei Skylitzes gleich nach dem Tode des Zaren Peter 
(969) losgerissen. Daß Tzimiskes 971 nicht das ganze Bulgarien er- 
obert hat, sieht man an der Ankunft einer bulgarischen Gesandtschaft 
bei Kaiser Otto I. in Quedlinburg 973. Nach den dunklen Jahren 
973 — 975 beginnt 976 die Offensive des Westens gegen Byzanz '^). 



1) Jncerti scriptoris byzantini saeculi X über de re militari ed. 
E. Väri, Leipzig (Teubner) 1901 cap. 15, 21; nach Kulakov.skij, Byz. 
Z. 11 (1902) 558 verfaßt rom Feldherru Nikephoros Uranos. 

2) Vgl. meine Bemerkungen im Arch. slaw. Phil. 21 (1899) 545f. ; 



204 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

Bezeichcet werden diese Gegner Basilios' II. in grieciiisclien^ ara- 
bischen, armenischen Quellen, ebenso bei Diocleas stets als Bulgaren. 
Eine Urkunde Basilios' IL bestätigt, daß das politische und kirch- 
liche Zentrum langsam von Serdica immer weiter nach Westen 
übertragen wurde ^). Die Residenzen befanden sich auf einer 
Insel des Sees von Prespa neben einer prächtigen Kirche des 
heiligen Achilleios von Larissa, dessen Gebeine Samuel (um 983) 
als Beute aus Thessalien mitgebracht hatte -) , und im festen 
Ochrid auf der Nordseite des Ochrider Sees. Neben dem Herrscher, 
der den bulgarischen Kaisertitel führte, residierte zuletzt in Ochrid 
der Erzbischof oder Patriarch der bulgarischen Nationalkirche. 
Herrschend waren in ihren Teilfiirstentümern die mächtigen Mag- 
naten mit Personennamen teils urbulgarischen, teils slawischen 
oder byzantinisch- christHchen Ursprungs, mit ihren Haustruppen. 
An der Spitze des Staates standen vier Brüder, die „Komitopulen" 
oder Grafensöhne ^), mit alttestamentarischen Namen, wie sie einmal 
am Hofe des Boris und Symeon beliebt waren, in einer Zeit, wo 
den neubekehrten Christen das Alte Testament mit seinen Kriegs- 
geschichten mehr gefiel als das Neue: David, Moses, Aaron und 
Samuel, zuletzt Samuel allein als Kaiser der Bulgaren, ein uner- 
müdhcher Meister der raschen Invasionen und der Überfälle im 
Waldlande. Aber bei der oligarchischen Verfassung des Landes 
fehlte den Unternehmungen die wuchtige Offensive und die be- 
rechnende Energie, durch welche sich einst die Bulgaren Krums 
und Symeons ausgezeichnet hatten. 

Samuel war einige Zeit auch im Besitz von Dyrrhachion. 
Zuerst heiratete er Agathe, die Tochter des dortigen Bürgermeisters 



Dr. Bozidar Prokic, Die Zusätze in der Hdschr. des Job. Skylitzes, 
cod. Vind. etc., Müucheu 1906 (Redaktion des Bischofs Michael von Dea- 
bolis oder Devol 1118). Zwei Abh. über Makedonien im 10. Jahrb. von 
Prokic im Glas 7G (1908) und 84 (1910). 

1) Byz. Z. 2 (1893) 44 f. 

2) Die Denkmäler von Prespa beschrieben von Miljukov: Izvestija 
arch. inst. 4 (1899), 1, 4GflF. (mit Abb.). 

3) Söhne des Nikola und der Rhipsime (Name einer armenischen Hei- 
ligen): älteste datierte cyrillische Inschrift von 992 — 993, Arch. slaw. Phil. 
21, 543 f. und Prokic, Skylitzes nro. 1. 



Die byzaiitiuische Oberhoheit im 0. und 10. Jahrh. 205 

(rrQcoTaiioi') Johannes Chiysclios, besetzte dann die Stadt für sich 
(nach 989) und ernannte dort zum Befehlshaber der Armenier 
Asot aus dem Geschlecht der Taroniten, der zuerst sein Gefangener, 
nachher sein Schwiegersohn , Gatte seiner Tochter Miroslava ge- 
worden war. Nach dem großen Sieg des Feldherrn Nikephoros 
Uranos über Samuel am Spercheios in Nordgriechenland (996) 
gewann die byzantinische Flotte wieder die Stadt durch Verrat ^); 
Asot hatte sich zuvor auf diese Schiffe geflüchtet, Chryselios war 
gewonnen durch den Rang eines Patrikios ~). 

In Dioklitien, mit der Residenz (curia) bei einer Marienkirche 
(Precista Krajinska) am Fuße des Berges Katrkol in der Land- 
schaft Krajina auf der Westseite des Sees von Skutari 3), herrschte 
der serbische Fürst Vladimir, ein Freund der Byzantiner, in einer 
griechischen Quelle als ein tüchtiger, tugendhafter und friedliebender 
Mann gelobt'^), in einer bei Diocleas im Auszug erhaltenen latei- 
nischen Vita als Heihger gefeiert. Samuel brach mit einem großen 
Heere über die Bojana ein, belagerte vergeblich Dulcigno und 
nahm den Vladimir, der auf dem Berge Obliquus '') eingeschlossen 
und von dem Zupan der Landschaft verraten wurde, gefangen. 
Nach Diocleas brannte dann Samuel Cattaro und Ragusa nieder, 
verwüstete Dalmatien bis Zara und kehrte über Bosnien und Ras 
wieder heim. Sicher ist es, daß eben damals die Narentaner und 
Kroaten die byzantinischen Städte Dalmatiens sehr beunruhigten 
und den Seehandel der Venezianer, welche beiden Völkern Tribut 
zahlten, arg störten Der Doge Pietro Orseolo stellte diese Zah- 
lungen für immer ein und unternahm eine Expedition zur Be- 
strafung der Kroaten und besonders zur Züchtigung der Naren- 



1) Nach Lupus Protospatharius erst 1005, Mon. Germ., SS. 5, 5H. 

2) Prokic a. a. 0. uro. 14, 22. ,,Cursilius toparcha" von Durachium 
bei Diocleas, der eine ,,crux Cur.silii" bei Skutari erwähnt, au der Stelle, 
wo der Mann angeblich auf einem Feldzug gegen die Serben schwer ver- 
wundet gestorben ist. 

3) Die Ruinen beschrieben von Jastrebov: Glasnik 48 (1880) 376 f. 
Urk. des Balsa III 1413 eb. 27, 190. 

4") Kedrenos 2, 4B3, Diocleas p. 41—46. 

5) Oblich 1444—1452 ein Gut der Crnojevici (Ljubic 9, 202, 435); 
jetzt Dorf Oblika am rechten Ufer der Bojana. 



206 Drittes Buch. Drittes Kapitel. 

taner auf den Inseln Carzola und Lagosta (Mai lOüO), jedenfalls 
im Einverständnis mit Kaiser Basilios IL ^). Die Narentaner ver- 
loren seitdem ihre Bedeutung. Indessen war Vladimir aus der 
Gefangenschaft in Prespa wieder als I^andesherr und als Schwieger- 
sohn des Zaren Samuel in sein Vaterland zurückgekehrt. Als die 
Tochter Samuels Theodora oder Kosara '-j einmal von ihrem Vater 
die Erlaubnis erhielt, mit ihren Mägden Haupt und Füße der Ge- 
fangenen zu waschen, wui'de sie gerührt durch die frommen Reden 
des schönen und bescheidenen Prinzen und erbat sich ihn zum 
Gatten. 

Nach Samuels Tode (1014) wurde sein Sohn Radomir, mit 
dem christlichen Taufnamen Gabriel genannt, schon nach einem 
Jahre in der Nähe des Sees von Ostrov von seinem Vetter 
Johannes Vladislav ermordet, der sich des Thrones bemächtigte. 
Es war eine Familienrache: Vladislavs Vater Aaron war auf Befehl 
des Samuel getötet worden. Der Usurpator suchte die ganze 
Verwandtschaft Radomirs aus dem Wege zu räumen, darunter 
auch dessen Schwager, den Serben Vladimir, den er freundschaitlich 
zu sich nach Prespa einlud. Als Unterpfand ließ er ihm zuerst 
ein goldenes Kreuz überreichen, doch der Serbe wies es zurück; 
der Heiland sei nicht auf einem goldenen oder silbernen Kreuz 
gekreuzigt worden, sondern auf einem hölzernen. Nun sendete 
der Bulgare seinen Erzbischof mit einem kleinen hölzernen Kreuz. 
Der Serbenfürst, durch die Eidschwüre des Gesandten überredet, 
kam bis in die Residenz auf der Insel des Sees von Prespa und 
ging dort sofort in die Kirche zum Gebete. Der raordlustige 
Vladislav, der eben bei der Tafel saß, Heß die Kirche sogleich 
von seinen Kriegern umstellen. Zu spät bemerkte der Serbe, daß 



1) Johannes Diaconus ed. Monticolo in den Fonti per la storia 
d'Italia (1890) und Andreas Dandolo. Nach Johannes wurde in den dalm. 
Städten „istius principls" (des Dogen) „nomen post imperatorum (Ba- 
silios II. und sein Bruder Konstantin VIII.) laudis praeconiis'' in der Kirche 
gefeiert. 

2) Theodora: Prokic nro. 31. Kosara (nicht slawisch) bei Dio- 
cleas. Eine poetische Behandlung der Geschichte des Vladimir und Kosara 
von Kacic (f 17(iO) verbreitete sich als Volkslied bis nach Serbien: Arch. 
slaw. Phil. 13 (1891) 632. 



Die byzantinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrh. S07 

er überlistet worden sei. Mit dem Kreuz in der Hand trat er 
vor das Kirchentor und wurde dort enthauptet, viel beweint von 
seiner Gattin, die schon vor ihm in Prespa eingetroffen war, bereit, 
sich für ihn zu opfern. Als man auf seinem Grabe in derselben 
Kirche zu nächtlicher Stunde ein wunderbares Licht erblickte, 
erlaubte der bulgarische Kaiser der Witwe, die Leiche, welche 
das hölzerne Kreuz in der Hand hielt, in die Marienkirche von 
Krajina zu übertragen. Kosara lebte dort als Nonne und wurde 
nach ihrem Tode zu den Füßen ihres Gatten bestattet. Noch 
zur Zeit des Diocleas versammelte sich am Festtage des heiligen 
Vladimir (22. Mai) eine Menge Volkes bei seinem Grabe. In den 
griechischen Offizien wird er als Patron von Dyrrhachion gefeiert. 
Wahrscheinlich bei der Besetzung von Skutari unter Nemanjas 
Sohn Stephan (um 1215) haben die Epiroten den Heiligen in 
ihre Seestadt weggeführt, in einer Zeit, in welcher bei allen Zügen 
der Ungarn, Bulgaren und Franken die Reliquien die vornehmste 
Beute bildeten. Heute liegen die Gebeine des heiligen Johannes 
Vladimir ^) im Kloster des heiligen Johannes (alb. Sin Gjon) bei 
Elbassan in Mittelalbanien, in einer von dem albauesischen Fürsten 
Karl Topia 1381 erneuerten Kirche 2). Die alte Kirche von 
Krajina ist heute eine von Efeu umrankte Ruine in einer jetzt 
von mohammedanischen Albanesen bewohnten Landschaft, auf 
türkischem Boden ganz nahe bei der montenegrinischen Grenze. 
Vladimirs Kreuz oder das „Kreuz von Krajina" (krajinski krst), 
bedeckt von einem neuen vergoldeten Metallbeschlag ohne Inschrift, 
mit dem Bild des Heilands und der Evangelisten, wird seit der 
Bekehrung der Krajina zum Islam im Dorfe Velji Mikuliöi im 
Gebiete der Mrkojevidi zwischen Dulcigno und Antivari verwahrt. 
Am Pfingsttage pilgern alljährlich sowohl Mohammedaner, als 
griechische und lateinische Christen mit diesem Kreuze auf den 
Berg Rumija (1595 Meter), frühzeitig im Morgendunkel, damit die 
aufgehende Sonne den Zug auf dem Gipfel erreicht, von welchem 



1) Diocleas erwähnt keinen Taufnamen des Vladimir. 

2) Eine Analyse der Vitae und Offieia des hl. Vladimir bei Nova- 
kovic, Die ersten Grundlagen der slaw. Literatur unter den Balkanslawen, 
Belgrad 1893. Eine Kirche des hl. Vladimir bei Dulcigno 1406: Ljubic 
5, 85. 



208 Drittes Buch Drittes Kapitel. 

sich eine gewaltige Rundsicht über den See von Skutari, die Ge- 
birge von Montenegro und Nordalbanien und das Küstenland 
zwischen Cattaro und Durazzo eröffnet i). 

Den Zaren Johannes Vladislav ereilte der Tod bei einer Be- 
lagerung von Dyrrhachion (Ende 1017). Nach dem Bericht 
einer Redaktion des Skylitzes fiel er, als er zu Pferde mit dem 
Strategen Niketas Pegonites kämpfte, von zwei herbeigeeilten 
byzantinischen Fußsoldaten tödlich in den Unterleib getroffen -). 
Nach der Vladimirlegende tötete ihn ein Engel „in Gestalt des 
heiligen Vladimir" beim Abendessen. Auf den Thron von Ochrid 
wurde niemand mehr erhoben. Der greise Basilios IL, welcher 
in Bulgarien ebenso wie in Armenien mit vollen Händen Amter 
und Titel verteilte, zog ungehindert (l018) über Ochrid nach Dyr- 
rhachion und Athen, worauf er Konstantinopel (1019) als Sieger 
im feierlichen Triumphzug durch das Goldene Tor betrat. Gering 
war der Widerstand in einzelnen Landschaften. Der unbeugsame 
Sermon, der letzte bulgarische Statthalter von Sirmiura, wurde 
vom Feldherrn Konstantin Diogenes, Vater des späteren Kaisers 
Roman IV., bei einer Unterredung in einem Boot auf der Save 
mit dem Dolche niedergestoßen •^;, Nach einer langen Unter- 
brechung seit dem 7 Jahrhundert war die Donau vom Schwarzen 
Meere bis jenseits der Savemündung wiederum Nordgrenze des 
byzantinischen Kaisertums, dessen Einfluß bald in Ungarn be- 
merkbar v/urde. Eine Urkunde des ersten christlichen Königs 
Stephan des Heiligen (f 1038) an das Nonnenkloster von Vesprim 
ist griechisch verfaßt ^). In Kroatien war König Kresimir IL 
nach dem Zeugnis des Archidiakons Thomas byzantinischer Patri- 
kios. Über Serbien haben wir aus dieser Zeit nur die wahr- 
scheinlich aus Volksliedern geschöpften Erzählungen des Diocleas. 
Nach dem Tode des bulgarischen Kaisers Vladislav wollte der 



1) Jastrebov, Rovinskij und Isevic, Godisnjica 24 (1905) 235 f. 

2) Prokic, Skylitzes nro. 36. 

8) .ZfoKOJv,, 6 ToD ZiQuiov xgaTwv, Kedrenos 2, 476. Da es keine 
Münzen der Zaren von Ochrid gibt, ist die dünne Goldmünze des ZfQuoj 
OTOKTTjläTT] hei Schlumberger, Melauges d'arch^ologie byz. 1, If. ganz 
rätselhaft. 

4) Vgl. Melich im Arch. slaw. Phil. 32 (1910) 99 f. 



Die byzautinische Oberhoheit im 9. und 10. Jahrb. 209 

kinderlose Oheira, nach einer anderen Stelle Bruder des heiligen 
Vladimir, der Fürst Dragomir von Chelmania und Tribunia das 
Land seiner Väter in Dioklitien besetzen, fand aber den Tod durch 
die Verräterei der Bürger von Cattaro, welche ihn auf die Insel 
des heiligen Gabriel zu einem Gastmahl geladen hatten. Es ist 
die jetzt von Obstgärten, Olivenhainen und Weinbergen bedeckte 
Insel Stradiotti, die mittlere von den drei, die vor den alten Salinen 
von Prevlaka liegen ^). Als die Tafelrunde viel Wein genossen 
hatte, erhoben sich die Cattarenser und fielen über ihren Gast 
her. Dragomir zückte sein Schwert und floh in die St. Gabriels- 
kirche, doch die Cattarenser brachen das Dach ein und töteten 
den Fürsten mit Steinen und Balken. Seine Witwe, eine Tochter 
des Ljutomir, Großzupaus von Ras, flüchtete sich ins Binnenland 
und gebar unterwegs in der Zupa Drina den Dobroslav; durch 
diesen nachgeborenen Sohn soll die Dynastie in wunderbarer 
Weise wieder eine Fortsetzung erhalten haben. Indessen habe 
der Kaiser Basilios mit einem großen Heer und einer Flotte ganz 
Rassa, Bosnien und Dalmatien besetzt. 

1) Crnogorcevic im Starinar 10 (1893) 40—48 mit Karte Taf. XV. 
St. Gabriel und andere Inseln alter Besitz des Bistums von Cattaro : Th einer, 
Mon. Slav. 1, 215 (1346). Im 16. — 17. Jahrb. war hier ein Lager griechischer 
„Stratioten" in Diensten von Venedig. 



Jirecek, Geschichte der Serben. I. 14 



Viertes Kapitel. 

Die Könige von Dioklitien und die Großzupane von 
Ras im Kampfe gegen Byzanz im 11. — 12. Jahrhundert^). 

Durch die Eroberungen des Kaisers Basilios II. wurde die 
Stellung der Serben vollständig verändert. Bisher hatten die ser- 
bischen Fürsten an dem Kaisertum von Konstantinopel einen 
starken Rückhalt, besonders gegen die östlichen Nachbarn. Nun 
wurde es anders. Nach 1018 waren die Länder der Serben auf 
drei Seiten umklammert vom byzantinischen Gebiet, auch längs 
der ganzen Ostseite, von Prizren bis Belgrad und Sirmium. Nur 
gegen Norden und Nordwesten blieb die Grenze offen, gegen 
Ungarn, Bosnien und Kroatien. Der einst so wertvolle Schutz 
gestaltete sich zu einer drückenden Oberherrschaft. Haß trat an die 

1) Quellen: die Byzantiner Skylitzes (Kedrenos) mit Fortsetzern, 
Kekaumenos, Michael Attaleiates, Nikephoros Bryennios, 
Anna Komnena, Theodoros Prodromos (höfische Gelegenheits- 
gedichte), Michael von Thessalonich (Festreden), Joannes Kinna- 
mos, Niketas Akominatos u. a. Die Geschichte des Kaisers Manuel 
von K in na mos ist nach Carl Neumann, Griech. Geschichtschreiber und 
Geschichtsquellen im 12. Jahrh., Leipzig 188S nicht Original, sondern nur 
ein Auszug. Die Chronisten der Kreuzzüge, besonders Wilhelm von 
Tyrus; ungar. Annalen und der sog. Presbyter D i ocleas. — Literatur: 
F. Racki, Der Kampf der Südslaweu um politische Unabhängigkeit im 
11 Jahrh. (Borba usw.), kroat. , Agram 1875, SA aus dem Rad Bd. 24 
bis 31 Aleksej Petrov, Fürst Konstantin Bodin, russ. im Sbornik zu 
Ehren des Lamauskij. Petersburg 1883, 239— 2i;4. V. G Vasi Ije vs k i j , 
Aus der Geschichte von Byzanz im 12 Jahrh., russ. im „Slavjanskij Sbornik" 
2 (1877) 21U— 290 (Beilage III: Über die ersten Nemanjiden). Konst. 
Grot, Aus der Geschichte Ungarns und des Slawentums im 12. Jahrh., 
russ., Warschau 1889. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrb. 311 

Stelle der alten Freundschaft, und bei jeder Gelegenheit entbrannten 
Freiheitskämpfe, um das Joch der Griechen abzuwerfen. Die An- 
sprüche des griechischen Kaisertums äußern sich am klarsten in 
den Titeln des Manuel Koranenos: Kaiser der Römer, Herr von 
Isaurien, Kilikien, Armenien, Dalmatien, Ungarn, Bosnien, Kroatien, 
Lazika, Iberien (Georgien), Bulgarien, Serbien, Zikchia (im Kau- 
kasus), Chazaria und Gothia (auf der Krim) ^). Die abhängigen 
Fürsten wurden, wenn man mit ihnen zufrieden war, durch Ver- 
leihung byzantinischer Hoftitel ausgezeichnet. Waren sie unzuver- 
lässig, mußten sie Geiseln stellen ; es waren Kinder oder nahe Ver- 
wandte der Familie, denen es jedoch mitunter glückte, heimlich 
nach Hause zu entkommen. Die Byzantiner hielten in Konstan- 
tinopel oder in Dyrrhachion stets Prätendenten bereit, um die 
verdächtigen Serbenfürsten durch verläßlichere Fürsteusöhne zu 
ersetzen. Oft mußte die Autorität des Kaisertums durch militärische 
Expeditionen erneuert werden ; es waren nicht immer die Griechen, 
die dabei den Sieg davontrugen. 

Bei den Serben gab es in dieser Zeit zwei Zentra, mit zwei 
Dynastien. Die eine, das Haus des Stephan Vojislav -), beherrschte 
das Küstengebiet, die Landschaften von Dioklitien, Tribunien und 
Zachlumien. Im 11. Jahrhundert wurde dieses Gebiet infolge 
glückhcher Defensive gegen die Angriffe der Byzantiner die Vor- 
macht der Nation. Im Innern, im einstigen Lande der eigent- 
lichen Serben, residierte ein zweites Geschlecht, welches seit dem 
Ausgang des 11. Jahrhunderts durch unablässige Offensive gegen 
die Griechen die Herrscher des Küstenlandes ganz in Schatten 
stellte und sie am Ende des 12. Jahrhunderts auch in DiokUtien 
vollständig verdrängte. 

Die Herren des Küstengebietes heißen bei den Byzantinern 
stets nur Fürsten {6 zöv ^egßtov uq^cov oder ccgyriyög bei Sky- 
litzes, T07TaQyr^g bei Kekaumenos, l'^agyog bei Anna Komneua), ob- 
wohl sie seit der Mitte des 11. Jahrhunderts nach dem Beispiel 

1) Kaiser Manuel 1166 als /JuX/uarixög, OvyyQixog, BoaivTixög (Var. 
BoOt'h'ixöi). XQoßaTixög, Attuxog, 'ißrjoixög, BovXyaotxog , ZtQßixbg usw. lus 
graecorom. 3, 485. 

2) Die Wiederholung des Namens Michael könnte auf einen Ursprung 
Ton Michael von Zachlumien (um 912 — 948) gedeutet werden. 

U* 



313 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

der Kroaten den Königstitel angenommen hatten. Als König 
(Sclavorum rex) wird zuerst Michael, der Sohn Vojislavs, bezeichnet, 
in der Korrespondenz des Papstes Gregor VII. und bei dem apu- 
lichen Chronisten Lupus, nach ihm Michaels Sohn Bodin in einer 
Urkunde des Papstes Klemens III. und in den Nachrichten über 
den ersten Kreuzzug. König Michael bat Gregor VII. (1077), 
der ihn im Briefe als „carissimum beati Petri filium'^ anredet, 
um eine Fahne, doch ist das Resultat der Unterhandlungen nicht 
bekannt ^). Auch Nemanjas Sohn Vlkan, Teilfürst von Dioklitien, 
wird in Inschriften und päpstlichen Urkunden als König tituliert. 
Domentian, ein serbischer Mönch des 13. Jahrhunderts, sagt aus- 
drücklich, Dioklitien sei von alters her ein Königreich gewesen ^). 
Die Verwandten des Königs heißen bei Diocleas knez (knesius), 
in lateinischen Urkunden comes. Als Residenzen erwähnt Dio- 
cleas die Stadt Skutari, eine „curia'' in der Zupa Prapratna bei 
Antivari, die auch der Fortsetzer des Skylitzes kennt, und eine 
Burg (castellum) mit Hof (curia) am Golf von Cattaro, Trajectus 
genannt, eine Übersetzung des heute noch dort bekannten Namens 
von Prevlaka. Dazu kommt in der Chronik des Skylitzes die 
Stadt Cattaro ^). Nach Diocleas befanden sich die Grabstätten 
dieser Herrscher in der großen Abtei der Heiligen Sergius und 
Bacchus am linken Ufer der Bojana, 1t^ Stunden flußabwärts von 
Skutari, heute in Ruinen ^). Andere Fürstengräber gab es in der 



1) Gregors VII. Briefe, lib. V ep. 12: Michaheli Sclavorum regi, 
auch bei Racki, Doc. 211. Racki, Borba 225 deutete die Worte »tuique 
regni honor a uobis cognosci" bei der vom König angesuchten Entscheidung 
der kirchlichen Streitfrage zugunsten des Erzbischofs von Ragusa als ein 
Verlangen um Anerkennung der Königswürde. 

2) Dom entian p. 246. Unbegründet sind die Zweifel über den Königs- 
titel Bodins bei Petrov a. a. 0. 245 Anm. 3. 

3) Michael residiert it^ z/fxarsQoig xcd IT^anouTot;: Prokic a. a. 0. 
nro. 68. 

4) Das St. Sergiuskloster bei dem jetzigen Dorf Sirdz ist ein drei- 
schiffiger Bau aus wechselnden Quader- und Ziegellagen, mit Resten von 
Fresken in zwei Schichten übereinander, Spuren eines Mosaikbodens und 
einigen Inschriften des 13. — 14. Jahrhunderts. Die Seitenfront zum Fluß ist 
schon durch Unterwaschuug eingestürzt. Noch 1685 hatte die Kirche ein 
hohes Kampanile: Theiner, Mon. Slav. 2, 218. Vgl. Jastrebov, Glasnik 



Die Könige und Großzupaue im 11. — 12. Jahrh. 213 

Domkirche des heiligen Georg in Antivari, in der St. Andreas- 
kirche von Prapratna und im Kloster des heiligen Petrus de 
Gampo bei Trebinje. Nach den ersten drei Herrschern trat 
im „regnum Diocliae", wie es die päpstliche Urkunde von 
i089 nennt, ein Verfall ein, mit erbitterten Familient'ehden. Die 
unterlegenen Fürsten wurden, wenn sie nicht das Glück hatten, 
zu den Griechen, den östlichen Serben oder in die dalmatinischen 
oder apuUschen Küstenstädte zu entfliehen, von ihren Gegnern 
getötet, geblendet oder gar als blinde Eunuchen in das St. Sergius- 
kloster gesperrt, wie es Diocleas von König Dobroslav IL erzählt. 
Die inneren Verhältnisse sind wenig bekannt. Unverdächtige 
Urkunden der dioklitischen Könige gibt es nicht. Die lateinischen, 
augebhch von den Abten des Sergiusklosters als Kanzlern der 
Könige ausgefertigten Akten über die Güter der Benediktiner- 
abteieu auf den Inseln Lacroma und Meleda bei Ragusa erweisen 
sich durch die Widersprüche in Form und Inhalt, durch das 
Fehlen der in echten dalmatinischen, venezianischen und apulischen 
Urkunden dieser Zeit in der Datierung üblichen byzantinischen 
Kaisernamen und durch andere Merkmale als Fälschungen \). 
Allem Anschein nach ist ein Teil dieser Urkunden erst während 
der Konflikte um die Reorganisation der Benediktinerabteien auf 
dem Boden der Repubhk Ragusa im 15. Jahrhundert hergestellt -) 



48 (1880) 366-3G9; Ippeu, Wiss. Mitt. 7 (1900) 231-235 (mit Abb.) und 
8 (1902) 143 (Plan); Derselbe, Skutari und die nordalbanische Küsten- 
ebene (Sarajevo 1907) 9—11 (mit Abb.). 

1) Über diese „unechten Urkunden" Engel, Gesch. des Freystaates 
Ragusa (Wien 1807) 76 A., Racki im Kujizevnik 1 (1864) 221 und Borba 
231, Petrov a. a. 0. 245. Meine Bemerkungen im Arch. slaw. Phil. 26 
(1904) 166-167. 

2) In der Urk. 1114 „regnante rege Georgio, filio regis Bodini" 
(Sukuljeviö 2, 18, Smiciklas 2, 25) erscheinen gegen allen Brauch 
Frauen als Zeugen, sogar auch Nonnen. Eine derselben war „uxor Proculi 
de Cazariza". Das ist der urkundlich bekannte Ragusaner Patrizier Pro- 
culus de Chasaliqa 1323 — 1343, aus einer Familie (oder Seitenlinie eines 
größeren Hauses), welche unter diesem Namen nur 1313—134:5 vorkommt. 
Eine Urkunde für Meleda präsentiert sich als „Sigillum Lotauitti proto- 
spatarii epi tho chrussotriclino, ypati et stratigo Seruie et Zachulmie'" (bei 
Kukuljevic datiert ca. 1025, bei Smiciklas ca. 1151); doch ein Proto- 



314 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

worden. Slawisch geschriebene Urkunden sind erst seit 1180 
erhahen ^). 

Die Fürsten des östlichen Gebietes führten nur den Titel eines 
„großen Zupans", velji zupan-), bei den Griechen (.tayag ^oi- 
Ttavog oder aQXi^otrcavog , lateinisch megaiupanus, niagnus 
jupanus oder in ungarischen Denkmälern magnus com es. 
Die Vorsteher der einzelnen Zupen, teils Verwandte des herrschen- 
den Hauses, teils Angehörige lokaler Geschlechter, heißen wie 
früher Zupane („magistratus haben t, quos suppanos vocant", sagt 
Wilhelm von Tyrus). Nur wenige Namen der Großzupane er- 
innern an die alten Fürstennamen der eigentlichen Serben um 
800 — 950 (Stephan, Prvoslav). Dagegen ist der genealogische 
Zusammenhang für das 11. — 14. Jahrhundert offenbar eben an 
der Wiederholung vieler Namen (Vlkan, Stephan, Uros, Desa). 
Eine Sage über den Ursprung der Dynastie der Großzupane ist 
in einer älteren Fassung bei Diocleas, in einer jüngeren bei den 
serbischen und ragusanischen Chronisten des 15. — 17. Jahrhunderts 
zu lesen. Diocleas erzählt von einem Jüngling Tihomil, Sohn 
eines Dorfgeistlichen (filius cuiusdam presbyteri). Er hütete die 
Schafe eines Fürsten Budislav und pflegte seinen Herrn auf der 
Jagd zu begleiten. Einmal hatte er das Mißgeschick, einen Lieb- 
lingshund des Fürsten wider Willen zu erschlagen. Vor der Rache 
seines Herrn floh er zum Fürsten Caslav. Als dieser mit den 
heidnischen Ungarn aa der Drina kämpfte, tötete Tihomil einen 
ungarischen Fürsten Kis und brachte seinen Kopf als Trophäe in 
das serbische Lager. Zur Belohnung gab ihm Caslav die Zupa 
Drina und verheiratete ihn mit der Tochter des „banus Rassae^'. 
Nachdem Caslav im Kriege gegen die Ungarn den Tod gefunden 
hatte, erbte Tihomil von seinem Schwiegervater die Herrschaft über 
Rassa, nannte sich aber weder König noch Ban, sondern nur 



spathar rov ;(QvaoTQt,xXivov konnte nicht zu gleicher Zeit die viel höhere 
Würde eines ünarog (Konsuls) bekleiden. 

1) Die Urkunde von Popovo, die Safafik, Miklosich, Kukul- 
jeviö und Smiciklas in das 12. Jahrhundert verlegen, gehört, wie ich 
Glasnik 47 (1879) 306-309 und Arch. slaw. Phil, 26 (1904) 1G6 gezeigt 
habe, in die J. 1242—1280. 

2) Mon. serb. 4; Glasnik 47 (1879) 309. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 315 

„jupanus maior", das Oberhaupt der übrigen Zupane von Rassa; 
ebenso taten seine Nachfolger „de Thyeomil progenie ^)". In der 
späteren Fassung rückt der Stammvater der Großzupane aus dem 
10. Jahrhundert in das 12. herab. Konstantin der Philosoph (um 
1430) nennt Tehomil unmittelbar als Vater des Nemanja. Das- 
selbe liest man im Buche Rodoslov (Genealogie) mit dem Zusatz, 
Tehomil habe in Zachlumien gelebt und eine Kirche des heiligen 
Stephan in Drijeva (jetzt Gabela an der Narenta) erbaut; des- 
wegen sei er von den übermütigen Einwohnern des Landes zum 
Spott ein Pope genannt worden, sein Bruder Cudomil gar ein 
Bischof -). Die Ragusaner Orbini und Luccari stellen in der 
Genealogie des Hauses des Nemanja an die Spitze einen Geist- 
lichen, den „Stefano prete", in der fünften Generation vor 
Nemanja ^). Bei Diocleas sind die Zupane von Ras zeitweise 
abhängig von den Königen des Küstenlandes, welche angeblich 
die „Rassani'' einigemal, zuletzt unter Bodin, von der griechischen 
Herrschaft befreit haben. 

Der Mittelpunkt des östlichen Gebietes wurde das Tal der 
Raska bei dem jetzigen Novipazar mit der Burg Ras, in welcher 
bis zum Anfang der Regierung des Kaisers Manuel zeitweilig eine 
griechische Besatzung lagerte. Bald nannte man den Osten Ser- 
biens im Ausland Rassia, ein Name, der zuerst bei Ansbert 
(1189) zu lesen ist '^). Einige Höfe des Großzupans lagen in 
anderen Teilen seines Gebietes, wie die von den Kaisern Manuel 
und Isaak Angelos niedergebrannten Schlösser ^). Das herrschende 
Geschlecht, die „Brüder" oder Vettern (adelcpoi , bratija), war 
durch Familienfehden in Parteien gespalten, eine autonome, mit 



1) Diocleas p. 27—31, 34, 36, 38, 46. 

2) Konstantin: Glasnik 42 (1875) 257. Rodoslov: eb. 53 (1883) 
30 — 31. Garzoni, Istoria della repubblica di Venezia in tempo della sacra 
lega 1 (Venezia 1712) 553 erwähnt im Kastell von Gabella 1694 einen Turm, 
erbaut an Stelle einer Kirche S. Stefano. 

3) Orbini 243, 249, Luccari ^20. Analyse dieser Sagen von Ko- 
vacevic: Glas 58 (1900) 320?. 

4) Ansbert: Servia (Servigia im Grazer Kodex) et Crassia (Crazzia) 
Fontes, rer. austr. 5, p. 22, 24. 

5) Kinnamos III, cap. 6. Rede des Niketas: Recueil des bist, de« 
croisadea, Hist. grecs 2, 738 C. 



310 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

den Ungarn befreundete, und eine byzantinische. Deshalb wurden 
die Großzupane im 12. Jahrhundert so oft gewechselt; ein voll- 
ständiges Verzeichnis hat sich nicht erhalten. Diese östlichen 
Serben drangen seit Ende des 11. Jahrhunderts unermüdlich über 
die byzantinische Grenze vor. Unter Kaiser Alexios Komnenos 
hatten ihre Invasionen meist die Richtung nach Südost, über eine 
von Ras über Zvecan nach Ped gezogene Linie hinaus bis nach 
Makedonien. In der Zeit des Kaisers Manuel wendete sich die 
Offensive mehr ostwärts, gegen die Straße von Belgrad über Nis 
nach Konstantinopel. Bald saßen in den Bergen zwischen Ras 
und Nis auf dem Boden des Bistums von Nis serbische Teilfürsten. 
Durch diesen Kleinkrieg wurden die Grenzgebiete fortwährend 
verwüstet. Die Komnenen suchten den Widerstand der Serben 
durch massenhafte Übersiedlungen von Gefangenen zu brechen. 
Kaiser Johannes ließ sie nach Kleinasien in die Umgebung von 
Nikomedia führen, Kaiser Manuel in die Landschaft von Serdica ^). 
Ein neues Bevölkerungselement längs der damaligen serbischen 
Grenze waren die von Kaiser Alexios besiegten und an allen 
Straßen kolonisierten, zu Kriegsdiensten verpflichteten Petsche- 
negen. Ihre Spuren sind in Ortsnamen heute noch zu bemer- 
ken -). 

Der Widerstand der Serben gegen die Griechen war für die 
Ausbreitung der lateinischen Kirche günstig. Unter dem Fürsten 
Stephan Vojislav wurde ein kathoHsches Erzbistum in Antivari 
gegründet, welches heute noch besteht. Während der Blütezeit 
der byzantinischen Macht waren die Bischöfe in den Resten des 
alten Praevalis, wie wir gesehen haben (S. 172), dem griechischen 
Metropoliten von Dyrrhachion untergeordnet. Der Niedergang des 
Einflusses von Byzanz führte zum Anschluß der Romaneu und 
Albanesen dieser Städte an Rom, angeblich zuerst an das Erz- 

1) Niketas ed. Bonn. p. 23, Kinnamos a. a, 0. Serbeudörfer, 
„ Servochoria " gab es in der Gegend von Nikomedia noch 1204: Tafel 
und Thomas 1, 475. 

2) Dörfer Peceuoge im Bezirk Gruza und Pecenjevci bei Leskovac, in 
der heutigen Lokalsage allerdings von „pecenja" (Braten) abgeleitet. Vgl. 
meine Abb. über die Überreste der Petschenegen und Rumänen: SB. der 
kgl. böhm. Gesellsch. der Wies. 1889, 3—30. 



Die Könige und Großzupaue im 11.— 12. Jahrh. 217 

bistum von Spalato. Dem Metropoliten von Dyrrhachion blieben 
überhaupt nur vier Bistümer, darunter im Norden die von Alessio 
und Kroja. Die Entstehungsgeschichte des lateinischen Erzbistums 
von Antivari ist in Dunkel gehüllt. Sagenhaft klingt der Bericht 
des Historikers der Kirche von Spalato, des Archidiakous Thomas. 
Als um 1045 die Bischöfe von Cattaro, Antivari, Dulcigno und 
Svac zu einer Provinzialsynode nach Spalato reisten, wurden sie 
bei den Inseln, nach der späteren Sage bei dem „Vorgebirge der 
Bischöfe" (Punta dei vescovi) auf Lesiaa, durch einen furchtbaren 
Sturm überrascht und fanden bei dem Schiffbruch alle den Tod. 
Da baten die Bürger den Papst um die Errichtung eines eigenen 
Erzbistums iür den Süden Dalmatiens (superior Dalmatia), welches 
seinen Sitz in Antivari erhielt i). Der wirkliche Vorgang war 
wohl nicht anders, als im byzantinischen Apuhen, wo 950 — 1050 
die lateinischen Bischöle von Bari, Trani, Tarent und Lucera 
eigenmächtig zu Erzbischöfen erhoben wurden, ein Bestreben, 
welches die Byzantiner dort aus politischen Beweggründen unter- 
stützten ; noch Papst Leo IX. wollte das Erzbistum von Bari nicht 
anerkennen, bis Alexander IL alle diese Verhältnisse regelte -). Der 
urkundliche Name der neuen Metropolitankirche im alten Praevalis 
lautet „Diocliensis (Dioclitana) atque Antibarensis ecclesia"-'). Die 
Bistümer sind zuerst aufgezählt in drei päpstlichen Urkunden von 
Alexander IL (1067), Klemens III. (1089) i) und Calixtus IL 
(1119 — 1124)^). Sie zerfallen in zwei Gruppen: die kleinen nach 

1) Thomas Arch. cap. 15. Bei Diocleas wird das Erzbistum vou 
Dioclia schon im 9. Jahrh. auf einer Synode in Delmiuium errichtet, welche 
Dr. Faber, Wiss. Mitt. 11 (1909) 3G5 in „das Reich der Fabel" verweist, 
während Dr. L. Jelic im Vjesnik arheol. N. S. 10 (1909) 135 f. diese Ver- 
sammlung in den August 1057 verlegt. 

2) Gay, L'Italie meridionale 357—365, 545—552. 

3) Monographien : Dr. IvanMarkovic, Dukljansko-barska metropolija 
{Agram 1902) und Dr. Moriz Faber, Das Recht des Erzbischofs vou 
Antivari auf den Titel Primas von Serbien, Glasnik bos. 17 (1905) = 
Wiss. Mitt. 11 (1909) ff. 

4) P. Kehr, Nachr. der kgl. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, ph.-h. Kl 
1900, 148 f 

5)Pflugk-Harttung, Acta pontif rom. inedita 2 nro. 28(3. u lysse 
Robert, Bullaire du pape Calixte II (Paris 1891) 2 nro. 436. 



218 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

zahlreichen , nahe beieinander gelegenen Städten und Burgen be- 
nannten Diözesen des Küstenlandes und die großen, die Namen 
von Landschaften führenden Sprengel des Inneren. An der Küste 
sind schon aus den griechischen Katalogen bekannt die alten 
Bischofsitze von Dioclia, Skutari, Drivasto, Polatura, Dulcigno und 
Antivari. Dazu kamen die zwei Bischöfe des uralten Budua und 
der serbisch Svac, lateinisch Suacia genannten Stadt, deren Rui- 
nen (jetzt Sas) östlich von Dulcigno an einem See auf jetzt tür- 
kischem Boden liegen. Im 12. Jahrhundert erscheinen Bischöfe 
in der Burg Sarda in den Engpässen des Drim östlich von Skutari 
(jetzt Ruine Surda) und in der Landschaft Arbanum bei Kroja, 
Im 14. Jahrhundert traten dazu noch die drei Bischöfe der gegen- 
wärtig verfallenen Burgen Balezo am Flusse Rioli östlich vom See 
von Skutari, Dagno (serbisch Danj) am Austritt des Drim aus 
den Felsengen in die Ebene und Sappa (Sappata) im Hügelland 
bei Alessio ^). Im Binnenlandc werden seit 1067 drei Bistümer 
genannt: die „Tribuniensis eeclesia" im Lande der Travunier, mit 
dem Mittelpunkt vielleicht in dem „monasterium Sancti Petri de 
Campo" bei Trebinje (S. 173), die „Bosoniensis eeclesia" im oberen 
Bosnatale mit dem Sitz bei der St. Peterskirche von Brdo (Ban- 
Brdo) und die „Serbiensis eeclesia" im Lande der eigentlichen 
Serben, deren Ursprung, Residenz und Geschichte nicht bekannt 
ist. Es ist auch kein Name eines Bischofs dieser serbischen Diö- 
zese überliefert; die Ragusaner identifizierten sie im 13. Jahr- 
hundert mit der von Bosnien -). Seit dem 12. Jahrhundert war 
ein Rivale des Erzbistums von Antivari das neue Erzbistum von 
Ragusa, dessen Anfänge ebenso unklar bleiben und überdies durch 
ganze Reihen von gefälschten Papsturkunden des 8. — 12. Jahr- 
hunderts verdunkelt sind ^). Nach 1100 allgemein anerkannt, be- 
gann es die Rechtsgrundlage der Kirche von Antivari in Frage 
zu stellen und ihr ganzes Gebiet für sich zu beanspruchen; erst 



1) Über diese Burgen Jastrebov (Glasnik Bd. 48), Degrand, Ippen. 

2) Farlati 6, 103; Markovic 84 Anm. 62. 

3) Vitalis nur als „episcopus" von Ragusa 1044, 1074 Kukuljevic, 
Cod. dipl. 1, 112, 148. Die Fälschungen: Carrara, Chiesa di Spalato 
(Triest 1844) llSf.; Gfrörer, Byz. Gesch. 2, 222; Racki, Rad 27 (1874) 
198, Doc. 212 A.; Markoriö G3— 87. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 219 

im 13. Jahrhundert endigten die Prozesse vor der Kurie mit dem 
Sieg der Antivarenser. Um 1200 waren Ragusa untergeordnet 
die drei Bisciiöfe von Bosnien, Tribunien und Zachlumien, das 
letztere mit dem Sitz in Stagno, ursprünglich dem Erzbistum von 
Spalato untergeordnet, im 13. Jahrhundert aus Stagno auf die 
Insel Curzola verdrängt ^). Der Bischof von Cattaro , eingeengt 
zwischen den Erzbistümern von Antivari und Ragusa, erscheint 
in den Urkunden des 11. — 14. Jahrhunderts als SufFragan des 
Erzbischofs von Bari und Canusium an der apulischen Küste -). 
Die Unterschiede zwischen der östlichen und westlichen Kirche 
waren in diesen Ländern noch nicht klar zum Bewußtsein ge- 
kommen. Im Erzbistum von Antivari mußte noch 1199 eine 
Synode gegen die Priesterehe Beschlüsse fassen und den Klerikern 
die Entfernung der langen Barte vorschreiben. In Spalato hauste 
der Erzbischof Dabralis (um 1030 — 1050), ein Patrizier der Stadt, 
mit Frau und Kindern in seiner Residenz, die nach den Worten 
des Archidiakons Thomas „von dem Geschrei der Kinder und dem 
Lärm der Mägde" widerhallte; bei seiner Absetzung verteidigte er 
seine Ehe durch die Einrichtungen der östlichen Kirche, in welcher 
jedoch nur ein Mönch Bischof werden kann. 

Im Osten standen die Serben unter dem Einfluß der orien- 
talischen Kirche, des autokcphalen Erzbistums von Ochrid, welches, 
von Kaiser Basilios IL mit großen Privilegien ausgestattet, bis ins 
18. Jahrhundert be.stand, als die einzige mittelalterliche Schöpfung 
auf dem altberühmten Bodens Makedoniens, die eine längere Dauer 
aufzuweisen hatte. Der aQyieytiGv.onoq rtaarjg Bov?.yaQi'ag schreibt 
sich auch Erzbischof von Justiniana Prima; man fand nämlich in 
den Rechtsbüchern die Privilegien, welche Kaiser Justinian der 
Kirche seiner Heimat verliehen hatte, und erklärte diese als identisch 
mit Ochrid. Zu Erzbischöfen wurden nur Griechen ernannt, welche 
aber die Rechte der ihnen anvertrauten Kirche stets energisch ver- 
teidigten. Es waren darunter gelehrte Männer, wie zu Ende des 
11. Jahrhunderts der berühmte Schriftsteller Theophylaktos. Die 



1) Thomas Arch. cap. 15. Urk. 1192, 1284, 1286: Smiciklas 2, 
252, Theiner, Mon. SlaT. 1, 100, 103. 

2) Vgl. meine Rom. Dalm. 1, 47. 



320 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

Zahl der Bistümer hatte sich seit der Einführung des Christentums 
am Ende des 9. Jahrhunderts stark vermehrt i). In den Urkunden 
Basilios' IL sind auffällig die ständigen Zahlen der Kleriker und 
Paröken (Kolonen) in den einzelnen Bistümern: 40, 'SO, 15, 12. 
Darin liegt vielleicht eine Spur der chronologischen Gruppen, wo- 
bei die ältesten Bistümer am besten dotiert waren, die jüngeren 
schwächer. Die in der Beschreibung der einzelnen Sprengel ge- 
nannten Ortschaften lassen sich zum Teil gar nicht feststellen, be- 
sonders in der Eparchie von Belgrad, welches schon bei Ansbert 
als „Weißenburg" (Wizzenburch) verdeutscht wird, oder in der 
von Branicevo, welches die Ungarn im Mittelalter Boronch (lies 
Borontsch), die Kreuzfahrer Brandiz nannten. Auch unter den 
Bischöfen gab es, neben Landeskindern, gelehrte Griechen. Der 
Bischof Johannes von Prizren schrieb in der ersten Hälfte des 
12. Jahrhunderts auf Bitten des Johannes Vranianites, des Stell- 
vertreters des Sevasten Georgios Palaiologos von Skopje, einen 
Kommentar zum Hexapsalmos am Anfang der griechischen Mette -). 
Die Gründung von Klöstern begann gleich mit der Bekehrung 
des Landes. Am See von Ochrid steht noch das im Jahre 905 
gestiftete Kloster des heiligen Naum, eines Schülers der Slawen- 
apostel. Später wirkten die vier Eremiten und Klostergründer 
des östlichen Makedoniens, deren Stiftungen noch gegenwärtig be- 
stehen: der heilige Johannes von Rila im 10. Jahrhundert in den 
Zeiten des bulgarischen Kaisers Peter, Gabriel von Lesnovo, 
Joakim von Osogov und Prochor von Psinja im 11. Jahrhundert ^). 
Das Zentrum des griechischen Mönchslebens, einst auf dem bithy- 
nischen Olymp, wurde seit dem 10. Jahrhundert auf eine Halbinsel 



1) Drei Urk. Basilios' II. und zwei Verzeichnisse der Bistümer des 
11. — 12. Jahrh. herausg. von Geizer, Byz. Z. 1, 256f.; 2, 42f. Kommentar 
von S. Novakovic: Das Erzbistum von Ochrid im Anfang des 11. Jahrh., 
Glas 76 (1908) 1—62. 

2) Chrysostomos Lauriotes, 'iwdwrig iniaxonoi nntaSQiavGiif, 
'E-Axlria. 'u4)./],nu( 23 (1903) 355 f., mir bekannt aus Viz. Vrem. 11 (.1904) 311 
und Byz. Z. 13 (1901) 622. Vranianites wohl von der Stadt Vranja {Bquv^u 
Anna Komnena IX, 4) im heutigen Königreich Serbien. 

3) Ihre Legenden neuerdings untersucht von Jordan Ivauov, Severna 
Makedonia (bulg. , Nordmakedonien, bist. Untersuchungen), Sofia 1906, 
83—109. 



Die Könige und Großzupane im 11.— 12. Jahrb. 321 

der Küste Makedoniens übertragen, in die immergrünen Wälder 
des Berges Athos. Unter den Mönchen der dortigen neuen Ab- 
teien gab es Griechen, Georgier, Russen, Bulgaren, Serben, ja 
sogar auch Italiener aus Amalfi. Aus Makedonien verbreiteten 
sich weit gegen Norden verschiedene lokale Heiligenkulte. Spuren 
der Verehrung des heiligen Deraetrios von Thessalonich reichen 
bis zur Demetriuskirche unter der Burg Zvecan, bei welcher das 
heutige Mitrovica, Endpunkt der Eisenbahn von Salonik gegen 
Bosnien, entstanden ist, und bis zur St. Deraetriusabtei auf den 
Ruinen von Sirmium, nach welcher die alte Römerstadt im 13. bis 
15. Jahrhundert „civitas S. Demetrii", magyarisch Szava Szent- 
Demeter, altserbisch Dimifrovce genannt wurde, jetzt ebenfalls als 
Mitrovica bekannt. Aus der Inselkirche von Prespa wurde der 
Kultus des heiligen Bischofs Achilleios von Larissa bis nach Serbien 
verpflanzt. Eine Kirche des heiligen Achilij, später Archilij aus- 
gesprochen, im heutigen Kreis von Uzice wurde im 13. Jahrhundert 
Sitz eines Bischofs der serbischen Nationalkirche; das Städtchen 
heißt heute noch Arilje i). In Nis wurden in der bischöflichen 
Kirche des heiligen Prokopios die Reliquien dieses palästinischen 
Märtyrers der Zeit Diokletians verwahrt. Die Ungarn haben (um 
1072) die Hand des Heiligen genommen und in der St. Demetrios- 
kirche von Sirmium niedergelegt, von wo sie Kaiser Manuel wieder 
zurückbrachte -). In der Umgebung von Nis gab es eine „Burg des 
heiligen Prokopios" (grad svetago Prokopia 1395), die heutige 
Stadt Prokuplje an der unteren Toplica. 

Trotz des Widerwillens der Serben gegen das byzantinische 
Kaisertum war aber der kirchliche Einfluß des Ostens stärker 
als der des Westens. Die slawischen GeistUchen Makedoniens 
und Bulgariens standen den Serben näher als die romanischen 
und albanesischen Bischöfe und Kleriker des adriatischen Küsten- 
gebietes. Die slawischen Bücher des Bischofs Klemens von Ochrid, 
des bulgarischen Exarchen Johannes, des Bischofs Konstantin u. a. 
waren ihnen ohne weiteres verständlich. Der inio-MTtog 'Paaov, 
dessen Sprengel in der Urkunde ßasihos' IL als eine der kleinen 

1) Vgl. mein Christ. Elem. 37 f., 95. 

2) Vgl. eine Urk. 1698: Letopis 229 (1905) 5f 



233 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

Eparchien gar nicht näher beschrieben ist, wurde nach dem Vor- 
dringen der Serben ostwärts Bischof am Hofe des Großzupans 
und verwaltete bald das ganze ostserbische Gebiet. Athosmönche 
kamen bis zum Hofe des Großzupans; anderseits haben sich ser- 
bische Mönche in Thessalonich bei der Verteidigung dieser Stadt 
gegen die Normannen (1185) durch ihre Tapferkeit ausgezeichnet ^). 
Das Bistum von Ras wurde im 13. Jahrhundert die Grundlage und 
der Ausgangspunkt der autokephalen serbischen Nationalkirche. 

Neben den beiden offiziellen Kirchen hatte sich auch eine 
alte kleinasiatische Sekte in den Hämusländern verbreitet -}. 
Gegründet im 3. Jahrhundert von Paul von Samosata, neuorgani- 
siert in Komraageue am Euphrat gegen Ende des 7. Jahrhunderts, 
hat die Lehre der Paulikianer im Osten Kleiuasiens viele Anhänger 
gefunden, sowohl bei den Griechen, als bei den Armeniern, wo 
ihre Spuren, wie der von Conybeare verÖffentHchte armenische 
„Schlüssel der Wahrheit" zeigt, bis ins 19. Jahrhundert reichen. 
Entstanden unter dem Einfluß der Gnostiker und Manichäer, beruhte 
ihre Theologie, obwohl sie sich als echte Christen bezeichneten, auf 
dem altpersischen Dualismus der zwei Prinzipe (slaw. nacala, 
wörtlich: Anfänge): des himmlischen Vaters, Schöpfers der un- 
sichtbaren Welt, und des bösen Geistes, Luzifer oder Satan, des 
Schöpfers der sichtbaren Welt. Auf die Hämushalbinsel kam 
ihre Lehre durch die Ansiedlung von Kleinasiaten, teils Griechen, 
teils Armeniern, an der bulgarischen Grenze bei Adrianopel und 
Philippopel, nach Unteritalien durch die vom Kaiser Basilios I. 
besiegten und dorthin verpflanzten Paulikianer vom oberen Euphrat. 
Die Katharer oder Patarener der Lombardei und die Albigenser 
Südfrankreichs sind nur Zweige dieser Gruppe. In Bulgarien 
verbreitete sich die Sekte schon im 10. Jahrhundert durch einen 
neuen Organisator, den Popen Bogomil, welcher angeblich unter 
dem Kaiser Peter gelebt hat. Daher nannte man ihre Anhänger 



1) Eustathios ed. Tafel § 76 p. 291; Tafel, Komnenen und Nor- 
mannen 149. 

2) Hauptwerk: F. Racki, Bogomili i Patareni, Rad Bd. 7—10 (1869 
bis 1870). Rede des bulg. Presbyters Kosmas (10. Jahrb.), neueste Aus- 
gabe von M. G. Popruzenko, Sv. Kozmy presvitera slovo na eretiki, 
Petersburg 1907. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 223 

auch bei den Byzantiuern Bogomilen. Eine spätere südslawische 
Benennung ist ,,der Glaube der Babunen" (babunska vjera), be- 
kannt aus serbischen Denkmälern des 14. Jahrhunderts ^). Eine 
große Verfolgung der Paulikianer oder Bogomilen in Konstanti- 
nopel und Philippopel unter Kaiser Alexios Komnenos vermochte 
sie nicht auszurotten; bei Philippopel erscheinen sie noch in der 
Zeit des lateinischen Kaisertums. Nach Anna Komnena hatte 
sich die Lehre nicht so sehr bei den Weltlichen, als unter den 
GeistHchen und Mönchen verbreitet -). In Bulgarien sind im 
1 2. Jahrhundert Spuren einer Hierarchie der Sekte zu bemerken ; 
der Bischof der Häretiker in Serdica wird als der „kleine Alte" 
(dedtc) bezeichnet, ebenso wie er in Bosnien später „der Alte" 
(djed oder did) hieß ^). 

Zum Schluß des 12. Jahrhunderts werden Anhänger dieser 
Sekte in Bosnien erwähnt. Nach den päpstlichen Urkunden waren 
die Führer auch dort Mönche, „magistri" und „priores" der 
„fratrum conventus". Sie trugen farbige Nationalkleider, ver- 
ehrten keine Heiligen, führten nur nationale Namen (Ljuben, Pri- 
bisa, Rados usw.), vernachlässigten Messe, Feiertage und Fasten, 
hatten in ihren Kirchen keine Altäre und kein Kreuz, nannten 
sich nur Christen („krstjani" der einheimischen Denkmäler) und 
betrachteten als heilige Bücher bloß das Neue Testament und den 
Psalter. Es kam auch vor, daß Klosterfrauen (feminae de nostra 
religione) in den Speise- und Schlafsälen mit den Brüdern gemein- 
schaftlich hausten ■*). Eine klösterliche Organisation hat die Sekte 
in Bosnien auch in den folgenden Jahrhunderten beibehalten, in 
welchen ihre Anhänger bei den Dalmatinern nach lombardischem 
Muster in der Regel Patarener genannt wurden. In Serbien be- 
gann sich die Lehre unter Nemanja im geheimen selbst unter 
den Adligen zu verbreiten. Der Großzupan berief einen Land- 
tag, ließ die Häupter der Sekte zusammenfangen und nach den 
Bestimmungen der byzantinischen Gesetze gegen die Manichäer 



1) Zakonik ed. Novakovic p. 198. Stojanovic, Zapisi 1, 26 
(1330). Spomenik 31, 5. 

2) Anna Komnena XV, 8. 

3) Florinskij, Sbornik zu Ehren Lamanskijs (Petersburg 1883) 37. 

4) Theiuer, Mon. Slav. 1, 20 nro. 35 (1203). 



224 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

und andere Häretiker strenge bestrafen. Ihrem Lehrer und An- 
führer wurde die Zunge abgeschnitten, seine Bücher verbrannt 
und er in die Verbannung gesendet; einige seiner Genossen er- 
litten den Feuertod, anderen wurden die Häuser und Besitzungen 
zugunsten der Leprosen und Armen konfisziert und sie selbst aus 
dem Lande gejagt ^). In Serbien ist von den Bogomilen fortan 
keine Rede mehr. In Zachlumien bestanden ihre Reste fort. In 
Bosnien war die Sekte schon um 1200 mächtig und bald herrschend 
geworden. Die Fürsten des Landes waren wohl römische Christen, 
aber gegen die bogomilische Majorität des Adels wagten sie nichts 
zu unternehmen. Die bosnischen Patarener verabscheuten noch im 
15. Jahrhundert das Kreuz, die Bilder, gemauerte Kirchen, Altäre, 
Glocken und Reliquien und bezeichneten die römischen Christen 
als Götzendiener -). Bei der geringen theologischen Bildung der 
Führer ist allerdings manche Inkonsequenz bemerkbar; es gibt 
z. B. Urkunden bosnischer Patarener mit ganz rechtgläubigen 
Eidesformeln. Daß die Ausbreitung der Lehre durch die unvoll- 
endete Organisation der kirchlichen Hierarchie befördert worden 
war, sieht man an den Namen der Bischöfe von Bosnien, welche 
äußerlich der römischen Kirche angehörten, aber gegen allen 
Brauch ausschließlich nur nationale Namen führten : Vladislav 
(1141)3), Radogost (um 1197)^), Bratoslav^), Dragohna (1209) 
und Vladimir, der vom Erzbischof von Ragusa geweiht war und 
alljährlich in diese Stadt kam, bis ihn der Legat Kardinal Jakob 



1) König Stephan cap 6. 

2) Vgl. die von Racki herausg. Texte: Herrores, quos communiter 
Patareni de Bosna credunt et tenent, Starine 1, 138 f. und die 50 ,,errores" 
der Bosnier in der Schrift des Kardinals Johannes von Torquemada 
(1461) ib. 14, 5 f. 

3) Orbini 247. 

4) „Radogost non sapeva lettere latine, ne altre eccetto le slavoniche, 
e quando fece il giuramento della fedelta ed obbedienza al suo metropolitano, 
lo feeein lingua slava", angeblich nach einem Privileg Papst Johannes' VIII: 
Gondola, Chron. MS. Nach Ragnina 219 reiste er zu Papst Cölestin III. 
(1191-1198). 

5) „Carta consecrationis Brataslauj episcopi Bosnensis" erwähnt 1251 
Smiciklas, Cod. dipl. 4, 460. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 325 

wegen seiner patarenischen Ansichten absetzte (1233) ^). Das bos- 
nische Bistum wurde dann dem Erzbischof von Kalocsa in Ungarn 
untergeordnet und mit fremden Klerikern besetzt. Das hatte aber 
den Abzug der katholischen Bischöfe aus dem Lande zur Folge, 
nach Djakovo zwischen Save und Drau, während in Bosnien der 
„Älteste^' (djed) der Patarener das geistliche Oberhaupt wurde, 
auch „Bischof der bosnischen Kirche" (episkup crkve bosanske) 
genannt-), stets mit einem nationalen Namen, wie Radoslav (um 
1325), Radomir (1404), Miloje (1446), Ratko (um 1450)3). Der 
patarenische Geistliche hieß in Bosnien im 14. — 15. Jahrhundert 
s t r o j n i k (Verwalter) ; die höhere Stufe war die des g o s t (Gast), 
die tiefere die des starac (Greis). 

Einen intensiven Einfluß übte damals die byzantinische Kultur 
in Makedonien aus, noch gut zu erkennen an den Ruinen präch- 
tiger Kirchenbauteu , wie der Kirche des heiligen Panteleimon, 
gegründet 1164, in dem jetzt von mohammedanischen Albanesen 
bewohnten Dorfe Neresi bei Skopje, mit fünf Kuppeln und Fresken 
der Komnenenzeit *). Dagegen war der Norden schwach bevölkert, 
besonders der riesige, von den Kreuzfahrern gefürchtete „Bulgaren- 
wald" (silva Bulgariae) von der Donau bei Bi'anicevo bis zum 
Trajanstor ^). Wilhelm von Tyrus erzählt, daß die Einöden längs 
der Straßen vom Staate absichtlich im Stande gehalten werden; 
niemand dürfe die Wälder und Büsche ausroden und sich darin 
ansiedeln, weil die Griechen in der Schwierigkeit der Wege und 
in der Undurchdringlichkeit des Gesträuches einen verläßlicheren 
Schutz gegen die Feinde finden, als in ihren eigenen Truppen ^). 
Die Serben galten, wie aus den Erzählungen der Kreuzfahrer zu 



1) Dragohna, geweiht 1209, bei Gondola, Resti und Cerva. Ladi- 
mirus, geweiht von Erzbischof Leonard von Ragusa (1203 — 1217), kam noch 
unter Erzbischof Arengerius (1220f.) einmal im Jahr in die Stadt: Urk. 
um 1252 Arch. Rag. 

2) Puciö 1, 50—51 (1404). 

3) Vjestnik zem. ark. 7 (1905) 216. Glasnik bos. 18 (1906) 404. Mon. 
serb. 253, 440. Star ine 14, 22. 

4) Evans, lUyricum III— IV 95f. Miljukov a. a. 0. 136. Kon- 
dakoY, Makedonia (Petersburg 19u9) 174 f. 

5) Bulgerewah : Arnold von Lübeck I, 3. 

6) Wilh. Tyr. II, 4. 

Jirecek, GeBchichte der Serben. I. 15 



336 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

sehen ist, als ein wildes, räuberisches Volk; erst die des dritten 
Zuges sprechen von ihnen mit Freundschaft und Sympathie. Die 
Reste einheimischer Literatur beschränken sich auf einige glago- 
litische Fragmente (S. 178) und das älteste kirchenslawische Denk- 
mal serbischer Rezension: ein Evangeliar, in cyrillischer Schrift 
geschrieben für Nemanjas Bruder Miroslav, den Fürsten von Zach- 
lumien (um 1171 — 1197). Seine farbigen Initialen weisen einen 
starken Einfluß der romanischen Ornamentik des Abendlandes auf. 
Der gut erhaltene Foliant wurde 1896 von den Mönchen des 
Klosters Chilandar auf dem Athos dem jungen serbischen König 
Alexander geschenkt, der ihn in einer phototypischen Ausgabe von 
Ljubomir Stojanovic (Wien 1897) herausgeben heß i); seit der 
Ermordung des letzten Obrenovic ist das Denkmal verschollen. 
Überreste der lateinischen Bildung in Antivari und in anderen 
dalmatinischen Küstenstädten sind Grabinschriften, besonders der 
Bischöfe und Abte, zum Teil in Hexametern oder leoninischen 
Versen abgefaßt, leider meist ohne Jahreszahlen - ). Eine lateinische 
Schrift ohne Titel und Schluß, verfaßt wahrscheinlich von einem 
Priester von Antivari in der letzten Zeit des Kaisers Manuel (um 
1160 — 1180), wird seit dem Ragusaner Tubero (f 1527) als das Buch 
des Diocleas bezeichnet ^). Der erste Teil ist überdies in einem 
kroatischen Texte vorhanden, nach den Untersuchungen von 
Crncic in 14. Jahrhundert aus dem Latein übersetzt in der Um- 
gebung der Ruinen der, wie der Übersetzer sagt, berühmten, 
wunderbaren, reichen, schönen, aber unglücklichen Stadt Salona. 
Das Latein des Diocleas ist armselig, mit seltenen Ausnahmen 
nur aus der Bibelübersetzung erlernt, ohne die zu Ende des Mittel- 
alters selbst in Notarialurkunden vorkommenden klassischen Brocken. 
Den Inhalt bildet eine sechshundertjährige Genealogie; sie be- 
ginnt mit dem Gotenkönig Totila, der den Mönchen aus der 
Legende des heiligen Benedikt besser bekannt war, als der sagen- 



1) Vgl Kondakov: Arch. slaw. Phil. 21 (1899) 302 f. 

2) luschriften aus der 1881 durch eine Pulverexplosion zerstörten 
St. Georgskirche von Antivari: Markovic a. a. 0. 180; Rovinskij, 
Sbornik russ. 8G (1909) 175 f. 

3) Eine Studie über den Diocleas von mir erscheint demnächst im 
Arch. slaw. Phil. 



Die Könige und Großzupaue im 11.— 12. Jahrb. 237 

berühmte König Theoderich, welcher tatsächlich über Dalmatien 
geherrscht hat, und schließt mit den Knezen Dioklitiens in der 
Zeit des Kaisers Manuel. Oflfenbar wurde sie zur Verherrlichung 
dieser kleinen Duodezfürsten in der Umgebung von Antivari er- 
funden. Das ^^'erk zerfällt in drei Teile. Der erste Teil, welcher 
mehr Kroatien betrifft und die angeblich heidnischen Goten mit 
den Südslawen identifiziert, beruht auf einer „Hbellus Gothorum'- 
genannten Vorlage, die auch dem Archidiakon Thomas nicht un- 
bekannt war und viel gelesen wurde. In einer Instruktion an 
die ragusanischen Gesandten in Bosnien wird 1432 der Stamm- 
vater der bosnischen Dynastie Kotroman als Gote bezeichnet i). 
Der zweite Teil, welcher historisch den meisten Wert hat und 
sich auch durch ein besseres Latein auszeichnet, ist ein Auszug 
aus der St. Vladimirlegende. Der dritte Teil enthält eine aus 
Sagen und Liedern zusammengestellte Geschichte der Herrscher 
von Dioklitien im 10 — 12. Jahrhundert. Jahreszahlen gibt es im 
ganzen lateinischen Texte keine einzige. Der berechnende Über- 
bhck über die Länge der verflossenen Zeit fehlt dem Verfasser 
vollständig. Er ist offenbar bestrebt, die Zahl der Generationen 
und Regierungen zu vermehren, wobei in seinem genealogischen 
Gebäude manches Zeitalter eine ganz fabelhafte Fruchtbarkeit ent- 
wickelt, während an schwachen Stellen ein einsamer nachgeborener 
Sohn die Erbfolge in außergewöhnhcher Weise rettet. Die meisten 
der aus Inschriften, Urkunden, venezianischen, päpstlichen und 
byzantinischen Denkmälern bekannten Fürsten fehlen ; dafür treten 
Massen von Namen auf, für die es keine urkundliche Beglaubigung 
gibt. Klar ist die römisch-katholische Tendenz, jedoch ohne jede 
Feindseligkeit gegen die orientalische Kirche. Es ist merkwürdig, 
daß die Kreuzfahrer, die Narentaner und, was noch auffälhger ist, 
die Venezianer mit keinem Wort erwähnt werden. 

Von den Nachbarn der Serben geriet das byzantinische 
Kaisertum nach dem Tode Basilios' II. (1025) bald in Verfall, 
durch den Gegensatz zwischen der militärischen Aristokratie und 



1) „Cotrumano Gotto, del quäl a avuto origine e principio li reali di 
Bosua": Schreiben an die Gesandten in Bosnien 14. Mai 1432, Lett. 1430 
bis 1435 Arch. Rag. 

15* 



338 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

dem Kaiserpalast mit seinen Beamten, Frauen und Eunuchen. Der 
Vorstoß der seldschukischen Türken aus Iran in das Innere Klein - 
asiens führte zum Sieg der Militärpartei, durch Erhebung der 
Familie der Komnenen, welche dem Reiche für hundert Jahre 
(1081 — 1180) drei ausgezeichnete Kaiser gab In den europäischen 
Provinzen wurden im 11. Jahrhundert zwei große Aufstände der 
Bulgaren überwunden, die in der Zeit der Komnenen keine 
Wiederholung fanden. Die Serben suchten auch Verbindungen 
mit dem westlichen Kaisertum, den Deutschen oder, wie sie damals 
bei den Griechen hießen, den „Alamannen". König Bodin ver- 
handelte li 88 wegen Bestätigung des Erzbischofs von Antivari 
nicht mit Urban IL, dem Papst der Partei Gregors VII., sondern 
mit dem von Kaiser Heinrich IV. eingesetzten Gegenpapst 
Klemens III. (Wibert). Kaiser Friedrich I. erhob Ansprüche auf 
Länder, die seit den Karolingern nicht mehr dem deutschen 
Reiche angehörten. Mächtigen Adelsgeschlechtern von Bayern und 
Tirol verlieh er den Titel eines Herzogs von Kroatien und Dal- 
matien oder Meranien, nämlich „dem Land am Meere", zuerst 
(1152) dem Grafen Konrad von Dachau, nach ihm dem Ber- 
told (UI.) von Andechs, welcher (seit 1173) auch Markgraf von 
Istrien und Krain war i). Der Name von Dalmatien erscheint 
infolgedessen im 11. — 12. Jahrhundert in den Titeln von fünf 
Mächten: der Byzantiner (S. 211), der Kroaten, später der Ungarn, 
der Venezianer und der genannten deutschen Herzöge. Der Kroa- 
tiens teilt im 12. Jahrhundert dasselbe Schicksal. Der Gegensatz 
zwischen Friedrich I. und den Byzantinern, welcher in den italie- 
nischen Angelegenheiten seine Gründe hatte, führte dazu, daß die 
serbischen Großzupane bei dem westlichen Kaiser eine Stütze 
gegen die Griechen suchten, wohl durch die Vermittlung der 
Herren von Andechs in Istrien. Zugleich hatten die serbischen 
Fürsten Verbindungen mit den Normannen, welche die Griechen 
aus Apulien und Kalabrien bis 1071 vollständig verdrängten und 
auch in den Städten Dalmatiens Freunde besaßen. Die Venezianer, 



1) Conradus dui Croatiae et Dalmatiae: Otto Fris. I, 26; IV, 18 
ed. Waitz (Hannover 1884). „Dalmacia, que et Chroacia seu Merania di- 
citur": Ansbert ina Grazer Kodex. Vgl. Huber, Gesch. Österreichs 1, 506. 



Die Könige und Großzupane im 11.— 12. Jahrh. 229 

deren Seemacht durch das Aufblühen des Levantehandels seit 
Beginn der Kreuzzüge sich in großem Aufschwung befand, knüpften 
Beziehungen mit den Serben an, sobald sie wegen ihrer großen 
Privilegien zeitweilig Streitigkeiten mit den Komnenen hatten. 

Ungarn wurde seit der Bekehrung zum Christentum ein 
mächtiger Staat. Die Könige aus dem Geschlechte Arpäds (griech. 
/.Qcclrig, magyar. kiralyi, serbokroat. kralj) standen durch Heiraten 
in verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Herrschern der Griechen, 
Bulgaren, Russen, Polen, Böhmen, Kroaten und Serben. Die 
Nachbarschaft der Griechen in Sirmium war ihnen unbequem; 
bald begannen Grenzkriege und ungarische Invasionen auf der 
Konstantiuopler Straße. Sirmium wurde für ByzaDz abermals ein 
unsicherer Besitz, wie einst im 6. Jahrhundert. Periodisch befand 
sich der Kriegsschauplatz bei Belgrad und Braniöevo, wie vor- 
zeiten bei den Vorgängern dieser Städte, bei Singidunum und 
Viminacium. Die serbischen Großzupane waren damals die natür- 
lichen Bundesgenossen der Ungarn. Im 11. Jahrhundert bemühten 
sich die Byzantiner um die Freundschaft der Ungarn ; ein Zeugnis 
dafür sind die Teile eines Diadems, noch enthalten in der unga- 
rischen Krone, mit griechischen Inschriften aus der Zeit Gejzas I. 
und des Kaisers Michael VII. Dukas (1075). Im 12. Jahrhundert 
suchten die Komnenen die ungarischen Könige zu ihren Vasallen 
zu machen. Indessen hat Ungarn durch die Erwerbung Kroatiens 
den Zutritt zum Meere gewonnen. Das kroatische Königreich 
hatte sein Territorium zuletzt bedeutend erweitert, auch im Gebiet 
der früher unabhängigen Narentaner. Der letzte bedeutende König 
war Demetrius Zvonimir, vom Papst Gregor VII. mit einer 
Königskrone ausgezeichnet (1076). In den Wirren nach seinem 
Tode (1089) rief die Königin Helena ihren Bruder, den ungarischen 
König Ladislaus I. zu Hilfe, der über die Drau zog, einen großen 
Teil des Landes besetzte, aber nicht zur Küste vorzudringen ver- 
mochte. Ladislaus' Neffe König Koloman (1095 — 1114:), ein 
Freund und Verbündeter des Kaisers Alexios Komuenos, eroberte 
auch das Küstenland, nachdem der letzte kroatische König Peter 
in einer Schlacht in den Bergen des Gvozd von Modruse, der 
ietzigen Kapela gefallen war. Die Küstenstädte Zara, Trau und 
Spalato wurden wohl von Byzanz freiwillig aufgegeben und von 



330 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

den Ungarn durch große Privilegien gewonnen, mit freier Wahl 
der Stadtgrafen i). Mitglieder der Dynastie der Arpäden ver- 
walteten Kroatien als eine Sekundogenitur, im Lande vertreten 
durch einen Ban als Statthalter. Der Bruch zwischen den Ungarn 
und Komnenen führte zum Vorstoß der Venezianer, welche schon 
längst den Besitz der dalmatinischen Städte anstrebten, gegen die 
Ungarn, mit Besetzung von Zara und der Quarnerischen Inseln. 

Bosnien war nach Diocleas im 10. Jahrhundert den Kroaten 
unterworfen, im 11, den Dioklitiern, deren König Bodin dort einen 
Knez Stephan zum Fürsten einsetzte; von dieser Unterordnung gibt 
auch die Abhängigkeit des bosnischen Bischofs vom Erzbischof 
von Antivari Zeugnis '-). Nach der Veränderung in Kroatien ge- 
rieten die Fürsten von Bosnien unter die Oberhoheit der unga- 
rischen Könige, obwohl noch Kaiser Manuel (S. 211) dieses Land 
zu seiner Interessensphäre rechnete. Im ungarischen Königstitel 
wird Bosnien (seit 1138) als Rama bezeichnet (rex Ramae), mit 
dem Namen des Flusses Rama, welcher zwischen Konjic und Mostar 
von rechts in die Narenta mündet ^;. König Bela II. verlieh 
seinem unmündigen Sohn Ladislaus (1137) die Würde eines Her- 
zogs von Bosnien ^). Den einheimischen erblichen Fürsten blieb 
nur der Titel eines Baus oder „großen Bans" von Bosnien (veliki 
ban, magnus banus). Der erste in den Denkmälern genannte ist 
Ban Boric, welcher (1154) den König Gejza II. gegen die Byzan- 
tiner unterstützte, nach dessen Tod aber Parteigänger der byzan- 
tinischen SchützUngc unter den Arpäden war ^). Er besaß auch 
Güter im Lande zwischen der Save und Drau, von denen er 



1) Sisic, Dalmatien und der ung.-kroat. König Koloman im Vjesnik 
arheol. N.S. 10 (1909) 50—106 vertritt die Ansicht, daß Kaiser Alexios 1107 
die dalmatinischen Küstenstädte dem König Koloman abgetreten habe, um 
ihn als Bundesgenossen gegen Boemund zu gewinnen. 

2) Vgl. Klaic, Gesch. Bosniens, deutsch von Ivan von Bojnicic 
(Leipzig 1885) 60 f. 

3) Zupa Rama bei Diocleas. Otto von Freising I cap. SJ. Co- 
mitatus Cetinae et Ramae 1411: Vjesnik zem. ark. 7 (1905) 170. 

4) Pauler, Wiss. Mitt. 2 (1894) 158 f. 

5) BoQiTirjg, Boricius : Kurzform zu Borislav , wie Radic zu Radoslav, 
Von Majkov, Ljubic u. a. verwechselt mit dem Arpäden Boris, des Königs 
Koloman Sohn. 



Die Könige und Großzupaue im II.— 12. Jahrb. 331 

einige mit Bewilligung des Königs Bela III. den Templern schenkte. 
Als seine Nachkommen galten im 15. Jahrhundert die Edelleute 
von Grabarje bei Pozega, wahrscheinlich identisch mit der mäch- 
tigen kroatischen Familie der Berislavici. Sein Nachfolger war 
(um 1180 — 1204) der aus Urkunden und Inschriften bekannte und 
heute noch in der Sage gefeierte Ban Kuhn. 

Der Widerstand der Serben gegen die Übermacht der By- 
zantiner begann nach dem Tode des Kaisers Roman III. Argjros, 
als der Palasteunuche Johannes seinen Bruder Michael IV. den 
Paphlagonier (1034 — 1041) auf den Thron erhoben hatte. Eine 
lakonische Notiz der griechischen Chronisten berichtet, daß Serbien, 
welches nach Romans Tode abgefallen sei, 1036 wieder einen Ver- 
trag geschlossen habe ^). Der serbische Fürst Stephan Vojislav -) 
wurde damals wahrscheinlich als Geisel nach Konstantinopel ge- 
bracht und die Aufsicht über sein Land dem Feldherrn Theophilos 
Erotikos anvertraut. Doch Vojislav entkam aus Byzanz in die 
Berge der Heimat und vertrieb den byzantinischen Befehlshaber ^). 
Theophilos hat später Ärgeres erlebt: als Statthalter von Zypern 
begann er einen Aufstand (1043), wurde aber gefangen und als 
minderwertiger Verschwörer im Konstantinopler Hippodrom in 
Weiberkleidern herumgeführt. Vojislav beherrschte dann das 
ganze Gebiet vom See von Skutari bis über Stagno hinaus, Dio- 
klitien , Tribunien und Zachlumien *). Bald nachher sendete der 
Eunuche Johannes dem Kaiser Michael, der eben in Thessalonich 
verweilte, zu Schiff 10 Kentenarien Gold, wir wissen nicht woher 
(1040). Das Schiff scheiterte an der Küste von lUyricum und das 
Gold wurde eine Beute des Vojislav. Der Kaiser forderte den 
Serbenfürsten auf, er möge das Gold zurücksenden, erhielt aber 
keine Antwort. Der Eunuche Georgios Provatäs, der zuvor Ge- 



1) Kedreuos 2, 514—515 zu 6544 (1035— 103G). 

2) ZThifuvog 6 xal Bdia&Xdßog bei Kedrenos 2, 526, 543; einfach 
6 2j(<ftivog ib. 607. Boia&Xdß'.g 6 ^JioxlrjTifcvög: Kekaumenos p. 27. 

3) Kedrenos 2, 526: vgl. 549. Theophilos war vielleicht Statthalter 
von Dyrrhachion. Er wird keineswegs als Strategos von Serbien bezeichnet, 
wie Skabalanovic 219-220 meint; solche hat es nie gegeben, außer in 
der unechten Urkunde des Ljutovid (s. oben S. 213). 

4) Kekaumenos p. 25, 27. 



333 Drittes Buch Viertes Kapitel. 

sandter bei den Arabern in Sizilien gewesen war, rückte auf Be- 
fehl des Kaisers in die unwegsamen Täler ein, um den Vojislav 
zu bestrafen, verlor aber fast sein ganzes Heer und entkam selbst 
nur mit Not ^). 

Zur selben Zeit brach in Bulgarien ein gewaltiger Aufstand 
aus (1040 — 1041). Peter Deljan, welcher sich für einen Sohn 
des Kaisers Radomir ausgab -), zog von Belgrad und Branicevo 
südwärts über Nis nach Skopje. Kaiser Michael IV. floh rasch 
von Thessalonich nach Konstantinopel. Die Aufständischen be- 
setzten Dyrrhachion und drangen siegreich in Thessalien, Epirus 
und Nordgriechenland bis Theben vor. Das Eintreffen eines zweiten 
Nachkommen der letzten Dynastie brachte den Insurgenten kein 
Glück; es war Alusiän, der jüngste Bruder des bulgarischen Kaisers 
Vladislav, bisher byzantinischer Statthalter in Theodosiopolis (Er- 
zerum) in Armenien. Ein Angriff der Bulgaren auf Thessalonich 
mißglückte. Alusian nahm den Deljan bei einem Gastmahl ge- 
fangen, ließ ihn blenden, fand aber im Bulgareuheere keinen ge- 
nügenden Anhang und unterwarf sich wieder dem byzantinischen 
Kaiser. 

Die Serben, welche indessen das byzantinische Gebiet durch 
zahlreiche Invasionen beunruhigt hatten, mußten einen neuen An- 
griff erwarten. Als Kaiser Konstantin IX. Monomachos die Re- 
gierung antrat, befahl er dem Statthalter von Dyrrhachion, dem 
Patrikios Michael, Sohn des Logotheten Anastasios, mit den Truppen 
seines Themas und der benachbarten Provinzen, angeblich 40 bis 
60000 Mann, in Serbien einzufallen (Herbst 1042)=^). Michael 
war zwar kein Eunuche, aber auch kein Feldherr, ein verweich- 
lichter, „im Schatten erzogener" Byzantiner, dessen Leichtsinn zu 



1) Kedreuos 2, 527. 

2) Radomir hatte noch zu Lebzeiten seines Vaters Samuel seine 
schwangere Gattin, die Tochter des Königs von Ungarn {xQäXrjg Ovyygü(g), 
verstoßen und die schöne Irene, eine Gefangene aus Larissa, geheiratet. 
Deljan gab sich für den Sohn Radomirs von der Ungarin aus. Prokic, 
Skylitzes nro. 24, 62. 

ö) Unmittelbar nach dem Kometen, der am G. Oktober 1042 sichtbar 
wurde. Ausführlich bei Kedrenos 2, 54.3—545, kurz bei Kekaumenos 
p. 25—26. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 233 

einer furchtbaren Katastrophe führte. Auf schwierigen und steilen 
Pfaden, auf denen zwei Reiter nicht nebeneinander bleiben konnten, 
brach das Heer im Gebiet von Diokleia ein und plünderte die 
Gebirgstäler. Es gab einen besseren Ausgang, aber Älichael trat 
den Rückzug auf demselben Wege an, obgleich er ihn unbewacht 
zurückgelassen hatte. In den Bergen lauerten ihm die Serben 
auf. Als das Heer beutebeladen durch einen Engpaß zog, wurden 
die Byzantiner plötzlich von den Höhen mit Pfeilen und Schleuder- 
steinen überschüttet, denen gewaltige herabgerollte Felsblöcke nach- 
folgten. Zwei Drittel des Heeres mit sieben Strategen blieben tot 
in der Enge, deren Gießbäche und Klüfte sich mit Leichen füllten. 
Diejenigen, welche sich in Gebüschen, Wäldern und Schluchten 
verbergen konnten, entkamen nachts über die Kämme der Gebir;:,^e, 
im elendsten Zustand, ohne Pferde und Gepäck, „ein klägliches 
und der Tränen würdiges Schauspiel '', mit ihnen auch der Ober- 
feldherr 1). Nach der Beschreibung ist der Schauplatz dieser 
Niederlage in den Bergen von Montenegro zu suchen, in den Engen 
auf dem Wege vom See von Skutari durch das Zetatal in die 
Herzegowina 2j. Der Sieg der Serben kam einem byzantinischen 
Prätendenten sehr gelegen. Der Feldherr Georgios Maniakes, 
welcher sich in Unteritalien gegen Kaiser Konstantin Monoraachos 
erhoben hatte, kam (Februar 1043) nach Dyrrhachion und begann 
den Vormarsch gegen Thessalonich, fiel jedoch unterwegs in einer 
Schlacht bei Ostrov. Überdies erschienen die Russen zum letzten 
Male als Feinde vor der byzantinischen Hauptstadt, Eine neue Expe- 
dition gegen Vojislav wurde nicht mehr versucht. Es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß das Grenzgebiet mit Skutari und Antivari seitdem 
den Serben blieb. Kekaumenos erzählt in seinem strategischen 
Yv^erk eine merkwürdige Episode aus dieser Zeit. Katakalön, der 
Strategos von Ragusa, wollte den Serbenfürsten durch List fangen 

1) Michael war später Statthalter von Dristra (Silistria). Kedrenos 
2, .583. 

2) Bei Diocleas werden die Griechen von den Slawen durch eine Art 
Bartholomäusnacht vertrieben, ihre „Magnaten" an einem Tage erschlagen. 
Dobroslav (so heißt bei ihm Vojislav) besiegte dann zwei griechische Feld- 
herren, den Armenopolos in der „planities Zentae'', den Cursilius (s. S. 205) 
zwischen Antivari und Dulcigno durch einen nächtlichen Überfall. 



284 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

und erbot sich, Pate bei der Taufe seines neugeborenen Sohnes 
zu sein. Vojislav war scheinbar bereit, wieder Untertan des Kaisers 
zu werden. Die Zusammenkunft fand der Verabredung gemäß in 
einem Hafen statt, wohl zwischen Ragusa und Stagno. Katakalon 
erschien mit Kriegsschiffen in der festen Hoffnung, den rebellischen 
Serben als Gefangenen heimzubringen. Doch es kam anders. 
Kaum war der byzantinische Statthalter, freundlich begrüßt, ans 
Land gegangen, als auf ein von Vojislav gegebenes Zeichen Be- 
waffnete aus einem Versteck hervorsprangen und ihn mit seinen 
Begleitern an Händen und Füßen fesselten. Auch die Dromonen 
wurden von den Serben besetzt und Katakalon auf ihnen in Ge- 
sellschaft der übrigen Gefangenen nach Stagno geführt. 

Vojislavs Nachfolger war sein Sohn Michael ^), welcher wieder 
Freund des byzantinischen Reiches wurde und den Titel eines 
Protospathars erhielt (um 1052). Es folgte eine zwanzigjährige 
Friedenszeit. Damals hat wohl Michael den Königstitel angenom- 
men. Die Katastrophe von Manzikert (1071), wo Kaiser Roman IV, 
Diogenes von dem Seldschukensultan Alp-Arslan geschlagen und 
gefangen wurde, hatte ihren Widerhall auch im Westen. In Bul- 
garien brach ein Aufstand gegen den Kaiser Michael VH. Dukas 
aus (1073) ■^). Die Urheber der Bewegung waren die Boljaren von 
Skopje, an ihrer Spitze Georg Vojteh (Boirdxog). Einen ein- 
heimischen Führer fanden sie nicht und wendeten sich an Michael 
von Serbien, welcher seinen Sohn Konstantin Bodin zu ihnen 
sendete, begleitet von dem Feldherrn Petrilo und einer kleinen 
Schar von 300 Serben ^). In Prizren wurde Bodin von einer 



1) Michael in den Briefen Gregors VII. und bei Lupus; mit einer 
nationalen Endung als Mcxarjhlg bei Kedrenos 2, 607, 715 f., Michala 
(-IIa) bei Diocleas. 

2) Zur Chronologie: Job. Seger, Nikephoros Bryeunios (^München 
1888) 1-20—121 zu Skylitzes 714. Quellen: Skylitzes oder dessen Fort- 
ßetzer (vgl. Prokic a. a. 0. nro. 68—70); wenig bei Nikephoros Bry- 
ennios: nichts bei Attaleiates. Von der Erhebung Bodins zum Kaiser 
der Bulgaren, seiner Niederlage und seinem Exil in Antiochia weiß auch 
Diocleas p. 52—53, doch mit verwirrter Genealogie. 

3) KwvaTavjCvw tw xul BoSitw 6vof^aCo/u^i'(p: Kedrenos 2, 715. Der 
Name Bodin kommt später sehr selten vor: ein Zupan Bodinus in Canali 



Die Könige uud Großzupane im IL— 12. Jahrb. 335 

Versammlung der Boljaren zum Kaiser der Bulgaren {ßaoiXEi\; 
Bovh/äqcov, Bulgarinorum Imperator) proklamiert und dabei Peter 
umgenannt, wohl nach dem heiligen Peter, dem Sohn Symeons. 
Der Dux von Skopje Damianos Dalassenos suchte die Bewegung 
noch in ihren Anfängen zu unterdrücken, wurde aber geschlagen 
und gefangen. In die Gefangenschaft der Serben fiel dabei ein 
byzantinischer Offizier Longibardopulos, wohl ein unteritalischer 
Langobarde; er schloß sich sofort den Siegern an, wurde Michaels 
Schwiegersohn und Bodins Schwager. Nun teilte sich das Heer ; 
ßodin zog gegen Norden nach Nis, Petrilo in das südliche Make- 
donien. Die Truppen Michaels bedrängten indessen die Provinz 
von Dyrrhachion und die byzantinischen Küsteustädte Dalmatiens, 
Avelche auch von den Kroaten beunruhigt wurden ^). Im Norden 
hatte die Bewegung überall Erfolg; alle „Slavinen" dieser Länder, 
Sirmium und die Donaustädte abwärts bis Vidin schlössen sich den 
Aufständischen an. Petrilo besetzte mühelos Ochrid und Devol und 
erschien mit einem zahlreichen Heere vor dem festen, auf einer 
Halbinsel in einem See gelegenen Kastoria^ in welchem sich die 
byzantinischen Statthalter und die der Bewegung feindlichen Nach- 
kommen alter bulgarischer Geschlechter (genannt wird ein Boris 
David) eingeschlossen hatten. Damit war das Glück der Auf- 
ständischen zu Ende. Bei einem Ausfall der Belagerten wurde 
Petrilo vollständig geschlagen und mußte durch unwegsame Ge- 
birge zu seinem Herrn Michael fliehen. Ein großes byzantinisches 
Heer besetzte Skopje. Als Bodin im Dezember im Schnee von 
Nis heranrückte, wurde er bei Taonion geschlagen und gefangen -). 
Die ganze Bewegung, deren Geschichte von einer viel geringeren 
Energie zeugt, als die Erhebung des Deljan dreißig Jahre zuvor, 
war binnen wenigen Monaten niedergeworfen. 

Bodin hat als Gefangener weite Reisen gemacht. Anfangs 



1278—1285, Arch. slaw. Phil. 22 (1900) 173; ein Wlache Bodin auf den 
Gütern des Klosters Chilandar um 1302, Mou. serb. 60. 

1) XojQoßdToi xcd zfcoxlns (inoardvitg anav rb Illvoixov xay.Gj; öifii- 
d-ovv. Nikephoros Bryennios 100. 

2) Ti(u)riov des Skylitzes ist wohl, wie ich schon Gesch. der Bul- 
garen 208 A. 12 bemerkte, das Schloß Paun im Süden des Amselfeldes 
(zacii serb. paun: Pfau). 



336 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

hielt man ihn in Konstantinopel im Kloster der Heiligen Sergios 
und Bakchos in der nächsten Nachbarschaft des Kaiserpalastes. 
Von dort wurde er nach Antiochia geführt, als Isaak Komnenos, 
ein Bruder des späteren Kaisers Alexios, in die alte Hauptstadt 
Syriens gesendet wurde. Aber König Michael gewann venezianische 
Seeleute, welche gegen gute Bezahlung seinen Sohn aus Syrien in 
die Heimat entführten ^). Eine Gelegenheit dazu war durch die 
Kämpfe zwischen der armenischen und griechischen Partei in 
Antiochia geboten; der Statthalter Isaak mußte sich in die Akro- 
polis einschließen und Truppen heranziehen, um die Stadt durch 
blutige Straßenkämpfe wieder zu unterwerfen ^). Bodin wurde 
Mitregent seines Vaters ; bei Anna Komnena erscheinen beide neben- 
einander als „Exarchen der Dalmater" ■^). Verbindungen der 
Serben mit Apulien führten dazu, daß Argyritzes, ein vornehmer 
Bürger von Bari und während des Zusammenbruchs der byzan- 
tinischen Herrschaft in Italien das Haupt der normannischen Partei 
in der Stadt, den König Michael persönlich besuchte und seine 
Tochter mit Bodin vermählte (Oktober 1080). Nach Diocleas 
führte diese Patriziertochter von Bari den Namen Jaquinta *). 
Eine Strafexpedition gegen die Serben wurde indessen von Nike- 
phoros Bryennios, dem Statthalter von Dyrrhachion, unternommen. 
Nach der Erzählung seines Sohnes zog Bryennios „gegen die 
Diokleer und Kroaten". Er besiegte den Feind, nahm ihm Geiseln 
ab, ließ in jeder Landschaft (y^toga) eine Besatzung zurück, befahl 
den Einwohnern, die Wege dm'ch Ausholzung des Buschwerkes 



1) Kedrenos 2, 718. 

2) Nikephoros Bryennios 96 f. (vor 1077). 

3) Anna Komnena I. 16; III, 12. Kedrenos a. a. 0. (Bodin als 
Nachfolger des Vaters"). Diocleas hat statt der drei Generationen (Vojislav, 
Michael, Bodin) fünf Könige: Dobroslav, Gojslav, Michael, Radoslav (regierte 
16 Jahre!), Bodin. 

4) Lupus, Mou. Germ. Script. 5, 60 im Oktober 1081, doch rechnet 
Lupus das Jahr nach byz. Art vom 1. September; vgl. F. Hirsch, De 
Italiae inferioris aunalibus saeculi X et XI (Berlin 1864) p. 44. Bodins Frau 
„Jaquinta, filia Archiriz de civitate Barensi": Diocleas 54. Über Argi- 
rizzi (-ius) vgl. Gay, L'Italie m^ridionale et l'empire byz. 537, 568. Ja- 
quintus, Jaquinta (von Hyakinthos) im 11. — 12. Jahrh. in Bari und Um- 
gebung ein sehr verbreiteter Name (Cod. dipl. Bar.). 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 237 

in den Wäldern zu erweitern, machte alle Städte (VroAf/g), offenbar 
die dalmatinischen Küsten städte, wieder den Römern „wie früher" 
Untertan und kehrte siegreich nach Dyrrhachion zurück ^). Damals 
wurde der kroatische König Slavic vom Grafen Amicus von Gio- 
vinazzo in Apulien gefangen genommen (1075), einem Rivalen des 
Robert Guiskard und byzantinischem Parteigänger -'). Die Situation 
änderte sich rasch durch die gewaltigen Umwälzungen im Osten, 
als die drei Nikephore, darunter auch Brycnnios, den Kampf um 
Konstantinopel begannen (1077 — 1081). Byzantinische Archonten, 
welche während dieser Parteikämpfe in eine schiefe Situation ge- 
raten waren, wie der Statthalter von Dyrrhachion Georgios 
Monomachatos, suchten eine Zuflucht am Hofe des Serbenkönigs 
Michael. 

Als Kaiser Alexios Komnenos die Bürgerkriege durch die Er- 
oberung von Konstantinopel beendigte (Gründonnerstag 1081 ), befand 
sich das Reich in einer gefährlichen Lage. Das Innere Kleinasiens 
war für immer an die Türken verloren; die Reiterscharen der Petsche- 
negen überschwemmten die Donauprovinzen ; die Normannen unter 
Robert Guiskard und seinem Sohn Boemund rüsteten sich zum ersten 
Zug in die Hämushalbinsel. Die Städte Dalmatiens, voran Ragusa und 
Spalato, sendeten ihre Schiffe in die Flotte Roberts, welcher bald 
die Belagerung von Dyrrhachion begann. Den Byzantinern stand 
eine große Flotte der Venezianer zur Seite (Juni 1081). Als 
Kaiser Alexios persönlich eintraf, befand sich in seinem Heere 
auch das Kontingent der Serben unter dem Befehl des Bodin. In 
der Hauptschlacht vor Dyrrhachion (18. Oktober 1081) stand 
Bodin, welchen die Kaisertochter Anna Komnena als „sehr kriege- 
risch und voll Bosheit" schildert, in der byzantinischen Schlacht- 
ordnung ganz abseits, untätig den Ausgang abwartend; als er 
die Griechen fliehen sah, zog er mit seinen Serben ohne Schwert- 
streich heim. 

Nach dem Tode seines Vaters übernahm Bodin allein die 
Regierung (1082?j. In der Zeit, als die Normannen Makedonien, 
Epirus und Thessalien besetzt hielten, wird nichts über ihn be- 



1) Nikephoros Bryennios p. 102f. 

2) Racki, Doc. 99. 



338 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

richtet, aber aus den Ereignissen der folgenden Zeit ist es klar, 
daß er sich ihnen angeschlossen hatte. Diocleas erzählt, König 
Bodin habe damals Bosnien unter seine Flerrschaft gebracht (S. 230), 
ebenso Rassa, wo er zwei Zupane seines Holes, Vlkan ^) und 
Marko -) einsetzte, welche für sich und ihre Nachkommen dem 
Hause Bodins Treue schwören mußten. Doch zeigte es sich bald, 
daß der Zusammenhang dieser Fürstentümer nur lose war. Da- 
mals hat Papst Klemens III. (Wibert) in Rom (8. Januar 1089) 
auf Bitten „tilii nostri Bodini, regis Sciavorum gloriosissimi," die 
Rechte der Kirche von Antivari wieder bestätigt. Als die Byzan- 
tiner nach dem Tode Robert Guiskards (1085) wieder Dyrrhachion 
besetzten, gestaltete sich ihr Verhältnis zu den Serben ganz feind- 
selig. Die Statthalter von Dyrrhachion waren fortan Verwandte 
des Kaisers, zuerst Johannes Dukas, Bruder der Kaiserin (bis 
1091), welcher während des Petschenegenkrieges ohne Unterlaß 
mit den Serben kämpfte. Er vertrieb sie wieder aus den besetzten 
Burgen und sendete zahlreiche Gefangene zum Kaiser. Zuletzt 
gelang es ihm, den Bodin in einer großen Schlacht zu besiegen 
und gefangen zu nehmen ■^). 

Die Geschichte dieser zweiten Gefangenschaft des Bodin ist 
nicht bekannt. Sicher ist es, daß seine Autorität nach der Frei- 
lassung zu sinken begann. Die Hauptperson wird Vlkan, der 
oberste Zupan der östlichen Serben, welcher bald wie ein selb- 
ständiger Herrscher mit dem byzantinischen Kaiser Verträge schließt. 
Dioklitien verliert seine Bedeutung. Der Kriegsschauplatz befand 
sich fortan auf dem Amselfelde. Die serbische Grenzburg war 
Zvecan (^q^Evrllävior), auf einem steilen, kegelförmigen Berg über 
dem Zusammenfluß des Ibar und der Sitnica, bei Mitrovica. Die 
Byzantiner hatten ihr Grenzlager am Südende des Amselfeldes in 



1) Vlkan, neuserb. Vukan, von vlk (neuserb. vuk) Wolf, Velcanus, 
Belcanus bei Diocleas, BuXy.dvog (lies Volkänos) bei Anna Komnena. 

2) Diocleas 54. Für Marcus die Variante Maurus bei Orbini. 

3) Kai i^Xog xctQTfgäv /ufTa JoD BoöCvov /xd^riv avvctQQci^ug xal kvtov 
xaTfaytv: Anna Komnena VII, 9 ed. Reiflferscheid 1, 253. Der Irrtum 
der Anna, Johannes Dukas sei 11 Jahre Statthalter von Dyrrhachion ge- 
wesen, entstand wohl dadurch, daß seine Versetzung in den Orient (1091) 
im 11. Regierungsjahre des Kaisers erfolgte. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 239 

dem kleinen Städtchen Lipljan, Sitz eines Bischofs. Ras wird 
nicht erwähnt; dieser exponierte Posten war wohl von den Griechen 
geräumt worden. Selbst die furchtbare Niederlage der Petsche- 
negen im Mündungsgebiet der Marica bei Enos (April 1091) 
brachte keine Ruhe. Kaiser Alexios, der in den europäischen 
Provinzen nunmehr freie Hand hatte, begab sich dreimal persön- 
lich au die serbische Grenze. Das erste Mal besichtigte er selbst 
alle Grenzbefestigungen (1091). Als Vlkan Lipljan einäschcite, 
kam der Kaiser abermals nach Skopje; die Serben versprachen 
Frieden und Geiseln, erwarteten aber nur die Abreise des Kaisers, um 
sich ihren Versprechungen zu entziehen (1093). Nun ergriff der 
Statthalter von Dyrrhachion Johannes Komnenos, ein Neffe des 
Kaisers und Sohn jüues Isaak, der einst den Bodin als Gefangenen 
in Antiochia zu beaufsichtigen hatte, die Offensive und gelangte 
bis vor Zvecan , von Vlkan durch Verhandlungen und Ver- 
sprechungen getäuscht. In einer finsteren Nacht überfielen die 
Serben das griechische Lager; viele Byzantiner wurden in den 
Zelten erschlagen, andere ertranken auf der Flucht in der Sitnica, 
während der Rest mit dem Feldherrn sich mühselig den Rückzug 
erkämpfte. Die Serben verheerten ungehindert das offene Land 
bei Vranja und Skopje, sowie das jenseits des Sar gelegene Becken 
von Polog im Quellgebiet des Vardar (bei Kalkandelen). Der 
Kaiser zog zum dritten Male an die serbische Grenze bis Lipljan 
(Februar 1091). Da kam Vlkan persönlich in das kaiserliche 
Lager, begleitet von seinen Verwandten und den vornehmsten der 
Zupane, schloß Frieden und stellte zwanzig Geiseln, darunter seine 
Neffen Uros {Oiqeoiq) und Stephan Vlkan i). Der magyarische 
Name Uros ist ein klares Zeugnis für die verwandtschaftlichen 
Verbindungen der Großzupane mit den Ungarn, die im folgenden 
Jahrhundert noch klarer hervortreten ^). 

Unmittelbar darauf folgte der Durchzug der Kreuzfahrer 
durch die Hämusländer, eine neue Völkerwanderung, welche den 



1) Anna Komnena VIII, 7; IX, 1, 4, 5, 10. 

2) Uros nach Miklosich, Etynn. Wörterbuch 372 von magyar. ür 
dominus. Der Name Vros, Urosius sehr häufig in den ungarischen Urk. des 
13. Jahrhunderts. 



340 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

Orientalen einen Begriff von der dichten Bevölkerung Westeuropas 
und von deren Begeisterung für das Christentum beibrachte. 
Die stärksten Scharen zogen durch Ungarn über Belgrad nach 
Konstantinopel. Zuerst kam der französische Ritter Gautier 
mit seinen vier Söhnen, darunter Gautier Sansavoir („sine 
habere"), und 15 000 Mann. Seine Leute begannen schon vor 
den Toren von Belgrad wegen Viehraubes mit den Einwohnern zu 
streiten. Kämpfend gelangten sie durch den „ Bulgaren wald ", 
wobei der alte Gautier fiel, nach Nis und zogen friedlich weiter 
bis Konstantinopel (Juli 1096). Es folgte der Eremit Peter von 
Amiens, der „Jammerpeter" (Kukupetros) der Griechen. Seine 
ungeordneten und raubsüchtigen Scharen wurden in Nis vom 
Statthalter Niketas freundlich empfangen, begannen aber Streit 
auf dem Markt, steckten einige Mühlen in Brand und verloren 
im Kampfe ihre Fuhrwerke ^). Ihre Zuchtlosigkeit hatte bei der 
ersten Begegnung mit den kleinasiatischen Türken ihren Unter- 
gang zur Folge. Ruhig war der Durchmarsch des großen Heeres 
des Herzogs Gottfried von Bouillon (Spätherbst 1096). Die unter- 
italischen und französischen Normannen und die Flandern kamen 
über Dyrrhachion und Thessalonich. Zuletzt rückten im "Winter 
(1096/97) die Provenzalen heran, unter dem Grafen Raimund von 
Toulouse. Sie hatten den Weg über die Lombardei, Friaul und 
Istrien gewählt, um durch Dalmatien Dyrrhachion auf dem Land- 
wege zu erreichen. Die Berichte über ihren 40tägigen Marsch 
durch die südslawischen Gebiete lassen erkennen, daß mit den 
Landesherren keine vorherigen Vereinbarungen getroffen waren. 
Von den Obrigkeiten Kroatiens ist keine Rede. Weiter führte 
der Weg abseits von den Küstenstädten durch das Innere, wahr- 
scheinlich auf der alten Römerstraße über Nevesinje und durch 
das Zetatal bis Skutari. Der Domherr Raimund von Agiles 
schildert „Sclavonia" als ein ödes, gebirgiges, pfadloses Land, voll 
Winternebel, mit großen Flüssen und Sümpfen. Die Einwohner 
verließen bei dem Anmarsch des ,, exercitus Francorum", in 
welchem sie nur eine feindliche Invasion sahen, ihre Dörfer und 
flohen in die Wälder und Berge. Sie wollten weder Markt ge- 



1) Näheres nur bei Albert von Aachen. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 241 

währen noch als Führer dienen und schlugen die Nachzügler 
nieder. Die Franken hieben ihrerseits den Gefangenen Hände, 
Füße oder Nasen ab, was das Verhältnis zu den Einwohnern 
nicht bessern konnte. Es kam öfters zu Gefechten des Nachtrabes, 
wobei Graf Raimund sich selbst an die Spitze stellen mußte. Bei 
Skutari wurden die Anführer des Kreuzheeres von Bodin , dem 
..Sclavorum rex", freundschaftlich empfangen. Der Graf von 
Toulouse schloß mit ihm Bruderschaft, doch hatte der Streit mit 
den Eingeborenen auch weiter bis Dyrrhachion kein Ende ^). 

Vlkan hat nach diesen Zügen neuerdings Feindseligkeiten 
begonnen (1106), schlug abermals den Statthalter Johannes Kom- 
neros, als aber der Kaiser in Strumica eintraf, beeilte er sich, 
wieder Geit^eln zu stellen ''). Als Boemund, jetzt einer der Landes- 
lierren in den Kreuzfahrerstaaten, im Kriege gegen Kaiser Alexios 
den mißlungenen Versuch machte, den Kriegsschauplatz aus dem 
Fürstentum Antiochia wieder nach Albanien zu übertragen, ver- 
hielten sich die Serben ruhig, ja das von den Normannen zu 
Lande belagerte Dyrrhachion wurde zur See besonders über Alessio 
mit allem versorgt. Die Wege von Alessio nach Prizren und 
Skopje waren also damals für die Byzantiner ganz sicher. 

Diocleas erzählt, König Bodin habe lange regiert, unter 
fortwährender Feindschaft mit seinen Vettern ^). Die Erzählung 
von diesen Kämpfen scheint die prosaische Wiedergabe eines 
epischen Volksliedes zu sein, wobei die Königin Jaquinta am 
schlimmsten wegkommt. Gegner Bodins war sein Vetter Knez 
Branislav, Sohn Radoslavs, mit sieben Brüdern und sechs Söhnen. 



1) Raimund de Agiles und Wilhelm von Tyrus (auch Racki, 
Doc. 461f.). Bodin mit Namen g( uannt nur bei dem Engländer Ordericus 
Vitalis, Hist. eccles. (bis 1142) IX, 5 (Migne, Patrologia lat. vol. 188 col. 
659): ,, Haimarus autem Podiensis episcopus cum Tolosano Raimundo pi'ospere 
per Sclavaniam transiit, eisque Bodinus, Sclavorum rex, amicabiliter favit." 

2) Anna Komnena XII, 4. Schenkung des Kaisers Alexios an das 
Kloster Qforöxov Tfjg 'Eliovar]; bei dem jetzigen Dorf Velusa bei Strumica, 
ausgestellt im Thema von Strumica, „ort xma twv Z^Qßiov iSfj^^fv", Augu.st 
1106: L. Petit, Izvestija arch. inst. 6 (1900) Heft 1, S. 9, 28, 34. 

3) Nach Diocleas p. 55 26 Jahre und 5 Monate; im 22. Jahre 
„decoUavit fratres suos". 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 16 



343 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

Als Branislav einmal mit seinem Bruder Gradislav und seinem Sohn 
Predihna zum König nach Skutari kam, wurden sie auf Betreiben 
der Königin bei einem Gastmahl gefangen genommen. Nun sam- 
melte sich die ganze Sippschaft (parentela) Branislavs, 400 waffen- 
fähige Männer stark, und floh nach Ragusa , welches von Bodin 
sofort belagert, aber von den Bürgern und Emigranten tapfer ver- 
teidigt wurde. Cocciaparus ^), ein Bruder Branislavs, tötete dabei 
mit einem Wurfspieß Cossar, einen Liebling, nach Tubero einen 
Bruder der Königin. Trotz des Widerspruchs der Bischöfe und 
Abte ließ Bodin, überredet von seiner Gattin, den gefangenen Knez 
Branislav mit Bruder und Sohn vor der Stadt enthaupten. Ihre 
Leichen wurden in der Benediktinerabtei auf der Insel Lacroma 
feierlich bestattet. Die Verwandten Branislavs flohen zu Schiff 
nach Konstantinopel zum griechischen Kaiser, der ihnen Wohn- 
sitze in Dyrrhachion anwies. Bodin soll dann vor der Stadt auf 
der Landseite eine Burg erbaut haben , nach den späteren Anna- 
listen von Ragusa bei dem Kirchlein S. Nicolai de Campo, welches 
noch jetzt auf dem Abhang hinter der Dogana zu sehen ist ^). Ob 
diese Erzählung einen historischen Kern hat, ist zu bezweifeln. 
Die Fresken in der Tribuna der erst 1497 gegründeten Apostel- 
kirche von Ragusa, auf die sich Luccari beruft, haben nichts zu 
sagen. Das Grab des Branislav in Lacroma, welches im 16. Jahr- 
hundert Tubero und Razzi erwähnen, kann der Grabstein des 12. 'J4 
bis 1239 urkundlich erwähnten Knezen Branislav (Cnegius, Cnege 
Branislaui) sein, eines slawischen, unter die Nobiles von Ragusa 
aufgenommenen Edelmannes ^). 

Noch weniger lassen sich die Berichte des Diocleas über die 
Nachfolger des Bodin kontrollieren. Die Chronologie ist schwer 
festzustellen, da selbst die Kaiser von Basilios II. bis Manuel nicht 
mit Namen genannt werden. Die Könige sind abwechselnd Mit- 
glieder des Geschlechtes des Bodin und des Hauses des Branislav; 
der Verfasser selbst ist ein Gegner der Familie Bodins und ein 



1) Der Name ist nicht slawisch, eher albanesisch (pärt der erste). 

2) Castello (oder torre) S. Nicolö nach den Annaleu von Ragusa ed. 
Nodilo 26 f. schon 1004 erbaut. 

3) Vgl. meine Rom. Dalm. 1, 97; 3, 10. 



Die Könige und Großzupane im 11. — 12. Jahrh. 343 

Anhänger der Branislavici ^). Die Kämpfe der Prätendenten führten 
zur periodischen Einmischung der Zupane von Rassa und der 
griechischen Statthalter von Dyrrhachion. Die Zupane Vlkan und 
Uros unterstützen einzelne Prätendenten. Sie stürzen die Könige 
Dobroslav (II.), der an der Moraca geschlagen und gefangen wird, 
Cocciaparus, der vor Vlkan nach Bosnien flieht, und Grubesa, der 
in einer Schlacht vor Antivari den Tod findet. Andere Könige 
von Dioklitien sind Schwiegersöhne der Zupane von Rassa, wie 
Vladimir, oder wenigstens ihre Schützhnge. Eine andere Partei 
der Prätendenten stützt sich auf die Griechen ^). Den Byzantinern 
ist besonders mißliebig der Sohn Bodins, König Georg. „Dux 
Calojoannes Kumano" (wohl Johannes Komnenos, der Neffe des 
Alexios) besiegt ihn in einer Schlacht, erobert Skutari und ver- 
treibt den König nach Rassa. Aus den Gefängnissen von Skutari 
wird der oben erwähnte Grubesa herausgeholt und auf den er- 
ledigten Thron gesetzt. Die Königin Jaquinta, welche die Blendung 
des Königs Dobroslav (II.) und die Vergiftung des Königs Vladi- 
mir auf ihrem schuldbeladenen Gewissen hat, wird von den Griechen 
bei Cattaro gefangen und nach Konstantinopel geführt, wo sie bis 
zu ihrem Tode bleibt. Während der zweiten Regierung des Königs 
Georg kommen die Statthalter von Dyrrhachion dreimal ins Land. 
Zuletzt nimmt der Dux „Kiri Alexius de Condistephano" (Konto- 
stephanos) den König Georg gefangeu, sendet ihn nach Konstan- 
tinopel, wo er fortan Gefangener blieb, und setzt den Gradihna 
ein. Zum Schluß bestätigt Kaiser Manuel den Söhnen des Gra- 
dihna ihren Besitz, aber nichtsdestoweniger werden sie vom Groß- 
zupan Desa bedrängt. Damit bricht der erhaltene Text des 
Diocleas unvermittelt ab. 



1) Auf Bodin folgen: Dobroslav II., Bodins Bruder; Cocciaparus, 
Branislavs Bruder; Vladimir II. Die folgenden pflegt man clironologisch 
festzustellen: Georg, Bodins Sohn, zuerst 1113 — 1116 oder 1114 — 1118, 
Grubesa, Branislavs Sohn, 1116—1123 oder 1118—1125, Georg zum 
zweitenmal 1125 — 1135, Gradihna, Grube§as Bruder um 1135 bis 1146, 
ich glaube zu früh, denn die Augriffe des Großzupans Dessa auf die Söhne 
des Gradihna gehören in die Jahre 116Jf. 

2) Jioxh'iov id-rr] tributär dem Kaiser Johannes: Prodromos, Patr. 
graeca vol. 133 col. 1342. 

16* 



344 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

Besser ist die Geschichte der Großzupane im Osten des Landes 
bekannt. Nachfolger des Vlkan war Uros I., wohl sein Neffe, 
den er einst dem Kaiser Alexios als Geisel übergeben hatte. Der 
Bruch zwischen Byzanz und Ungarn beeinflußte das Verhältnis 
der Serben zum Kaisertum, besonders als Kaiser Johannes Kom- 
nenos (1118 — 1143) überall von der Defensive zur Offensive über- 
ging. Kolomans junger Sohn Stephan II. (1114 — 1131) war Feind 
der Byzantiner, weil sie zwei geblendete ungarische Prätendenten 
freundlich aufgenommen hatten, Kolomans Bruder Almus und 
dessen Sohn Bela. Nach den Erzählungen des Niketas Akominatos 
diente ihm als Vorwand zum Krieg auch die Ausplünderung un- 
garischer Kaufleute durch die Einwohner von Branicevo. König 
Stephan IL eroberte Belgrad und befahl, die Steine der nieder- 
gerissenen Mauern über die Save zu führen, zur Befestigung von 
Semlin (altserb. Zomkn, Adj. von zemlja Erde, jetzt serb. Zemun); 
nach Jahren ließ Kaiser Manuel wieder die Mauern von Semlin 
abbrechen und das Material über die Save nach Belgrad zurück- 
führen. Ungarische Scharen plünderten bis Nis und Serdica 
(1128). Kaiser Johannes erschien mit Heer und Flotte in Bra- 
niöevo, schlug am nördlichen Donauufer die Ungarn an der Mün- 
dung des Karas imd besetzte die Burg Chrara ^), worauf der 
Frieden bei einer Zusammenkunft beider Herrscher auf einer 
Donauinsel bei Branicevo erneuert worden sein soll. Im folgenden 
"Winter überfiel aber Stephan Branicevo, aus dessen brennenden 
Häusern sich der Befehlshaber Kurtikios nur mit Not retten konnte. 
Kaiser Johannes eilte rasch hin, erneuerte die Stadt, ließ den 
Kurtikios als Verräter auspeitschen, mußte sich aber wegen Krank- 
heiten und Mangel an Lebensmitteln vorsichtig durch die Felsen 
der „Bösen Trejipe'* (Äax/) 2/.dla), wahrscheinlich den Engpaß 
Zdrelo (wörtlich Gurgel) am Flusse Mlava wieder zurückziehen 
(1129). Eine Erneuerung friedlicher Beziehungen hatte der Tod 
des Prätendenten Almus zur Folge -). Nach Kinnamos sind da- 



1) XQci/j.o; (slaw. ehram ursprünglich Haus, erst später Tempel) auf 
dem ungarischeu Ufer bei Uj Palauka, gegenüber der Ruine Rama auf 
dem serb Ufer. In der Tüikenzeit die Burgen Haram und Jeni Haram 
(Neu-Chram) einander gegenüber. Vgl. meine Heerstraße 17. 

2) Huber a. a. 0. 1, 346 f. 



Die Könige uud Großzupane im 11.— 12. Jahrh. 345 

raals die Serben „ abgefallen '^ und haben Ras erobert. Den 
Befehlshaber Kritoplos, welcher aus dieser Burg entflohen war, ließ 
der Kaiser wegen Feigheit in Konstantinopel in Frauenkleidern 
auf einem Esel herumführen. Nach Niketas brachte Kaiser Jo- 
hannes, den Prodromos als Sieger über die ,,Dalmater" feiert 
den Serben persönlich eine schwere Niederlage bei, was aber ihre 
Verbindungen mit den Ungarn nicht unterbrach ij. Der kinder- 
lose Stephan IL bestimmte zum Nachfolger seinen früher so ver- 
folgten Vetter, den bUnden Bela, und verheiratete ihn (um 1130) 
mit Helena, der Tochter des Großzupans Uros I ■'). König Bela II. 
(1131—1141) pflegte freundschaftliche Beziehungen mit den By- 
zantinern, was sie aber nicht hinderte, wieder einen ungarischen 
Prätendenten aufzunehmen, eine romanhafte Gestalt dieser Zeit 
bekannt auch in Rußland, Polen und Deutschland; es war Boris, 
ein Sühn des Königs Koloman von einer Tochter des russischen 
Großfürsten Vladimir Monomach, welche, von ihrem Gatten ver- 
stoßen, nach Rußland geflohen war und dort diesen Knaben ge- 
boren hatte •'). Belas Nachfolger wurde indessen sein kleiner Sohn 
Gejza IL (1141 — 1161), unterstützt von einem Oheim mütter- 
licherseits, dem Serben Bjelos, Ban von Kroatien und Comes Pa- 
latinus ^). 

Der letzte Kaiser, unter dessen Regierung das Konstantinopler 
Kaisertum als Großmacht die Ereignisse in den Ländern um das 
östliche Becken des Mittelmeeres herum beeinflußte, war Manuel 
Komnenos (1143—1180), des Johannes jüngster Sohn. Persönlich 
tapfer, mit Vorliebe für Abenteuer, Zweikämpfe auf dem Schlacht- 
feld und Kampfspiele, war er mehr Ritter als Feldherr oder 

1) Kinnamos I, 5 Niketas p. 23. 

2) „Misit nuneios (Stephan 11.) in Serviam et filiam Uros comitis 
magni in legittimam uxorem Belae traduxerunt.'- Cbronicou pictum Vindo- 
bonense bei Florian 2, 211, ebenso Thuröcz bei Scbwaudtuer 1, 17;'). 

3) Borich der ung. Auualeu, Boricius bei Otto von Freisiug und 
Odo de Diogilo, Boutang bei Kinnamos. Ausführlich behand'lt seine 
Geschichte Vas ilje vskij, Slav. Sbornik 2, 2G5f. 

4) Baoaig des Kinnamos, Belus „avunculus" des Königs bei 
Rahewin und in ungarischen. Urkunden, in den russ. Annalen (.Lavr. Kodex 
zu 1144 ed. 1897 p. 295) „korolev uj", Oheim des Königs (^uj Bruder der 
Mutter, gegenüber strij, neuserb. stric BruJer des Vaters). 



246 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

Diplomat. Im stolzen Bewußtsein einer MachtfüllC; deren Grund- 
lagen zu schwinden begannen, verfolgte er riesige Pläne, suchte 
historische Rechte in fernen Ländern geltend zu machen, in Syrien, 
Ungarn oder Italien, erschöpfte aber dabei die Schatzreserven und 
vernachlässigte die innere Festigung des Reiches. Die vielen 
Unternehmungen in fernen Ländern verliehen seiner Zeit einen 
unzweifelhaften Glanz, dem jedoch der Niedergang des Reiches 
unmittelbar nachfolgte. Im Zusammenhang mit den zehn Kriegen 
Manuels gegen Ungarn und seinen Konflikten mit den Normannen 
und Venezianern stehen die periodischen Kämpfe in Serbien. Die 
Serben haben die Symptome des Verfalls von Byzanz klar er- 
kannt und ließen sich in ihrem Streben nach Unabhängigkeit 
auch durch Mißerfolge nicht abschrecken. Wilhelm von TyruS 
schildert, wie sie zeitweihg dem Kaiser dienen, mitunter aber 
durch Raubzüge aus ihren unzugänglichen Bergen und Wäldern 
heraus der ganzen Nachbarschaft unerträglich werden, ein unge- 
bildetes und unbotmäßiges Volk (populus incultus absque disciplina), 
kühn und kriegerisch (audaces et bellicosi viri) ^). Die Ausgangs- 
punkte der Feldzüge des Kaisers gegen die Großzupane waren 
Valona, Pelagonia (Bitolia), Serdica und Nis. Die Schlachtfelder 
lagen bei Ras und westlich davon bis zur Tara. Zum Schluß 
ist der Rückgang der byzantinischen Grenze von Ras bis nahe 
bei Nis klar zu erkennen. 

Die Kreuzfahrer des zweiten Zuges, geführt von König Lud- 
wig VII. von Frankreich und dem deutschen König Konrad, zogen 
in guter Ordnung, gefolgt von einer großen Bootsflotte auf der 
Donau, bis Branicevo und von dort auf der alten Heerstraße 
durch die byzantinischen Provinzen, in denen die Städte und 
Burgen ihre Tore geschlossen hielten und die Bauern in den Ber- 
gen und Wäldern verborgen bheben (1147). Gleich nach dem 
Durchmarsch der Kreuzheere ließ der Normannenkönig Roger 11. 
seine Flotte in Griechenland plündern. Kaiser Manuel mußte 
die normannische Besatzung in Korfu mit Hilfe der Venezianer 
persönlich belagern und durch Hunger bezwingen (1149). Wäh- 
rend dieser Kämpfe warf der Großzupan Uros IL, wohl ein Sohn 



1) Wilh. Tyr. XX, 4. 



Die Könige und Großzupaue im 11. — 12. Jahrb. 247 

Uros' I. ^), unter dem Einfluß der Ungarn -) und Normannen die 
byzantinische Oberherrschaft ab. Der Kaiser wendete sich nach 
der Eroberung von Korfu über Valona und Pelagonia gegen die 
Serben (Herbst 1149), eroberte Ras und verheerte die Umgebung. 
Als die Burg GaHc •^) unter Führung Manuels nach tapferem Wider- 
stand erstürmt wurde, bedrängte Uros wieder den Feldheri-n 
Konstantin Angelos, der in Ras geblieben war. Manuel verjagte 
den Großzupan in die Berge, brannte eine seiner Residenzen 
nieder und wurde erst durch die scharfe Winterkälte zur Rück- 
kehr bewogen. Ein Gedicht des Theodoros Prodromos feiert den 
Einzug des Kaisers, des „Adlers mit goldenen Flügeln", in Kou- 
stantinopel nach den Erfolgen auf Kerkyra und in Serbien und 
verspottet mit anzüglichen Wortspieleu den Uros, der sich, von 
namenloser Angst befallen, wie ein Hirsch oder Hase in den Ber- 
gen verstecken mußte ''). Im nächsten Herbste (1150) wartete 
Kaiser Manuel nach den alten strategischen Regeln die Zeit ab, 
bis die Wälder ohne Laub waren, und unternahm einen neuen 
Feldzug, der auch nach dem ersten Schnee nicht abgebrochen 
wurde. König Gejza H. , eben in Galizien gegen den Fürsten 
Vladimirko beschäftigt, sendete den Serben ein Heer zu Hilfe, 

1) So nach Ruvarac, Kovacevic und Jovanovic u. a. Uros I., 
um 1080 geboren, wäre ja um 1150 fast 70 Jahre alt, wenn nicht älter ge- 
wesen. Bei den serb. Annalisten nur eine verschwommene Gestalt „Bela 
Uros" vor Nemanja. 

2) Nach Kinnamos III cap. 7 vermittelten diese Verbindungen zwei 
vornehme Brüder aus Serbien , Bekoatg (wohl der Bau Bjelos) und ein ge- 
blendeter Schwager des Großzupans, der am Hofe Gejzas II. lebte, bei dem 
Epitomator des Kinnamos vielleicht entstanden durch eine Verwechslung 
mit dem blinden König Bela IL Vgl. Kovacevic, Glas 58 (1900) 67. 

3) Galic {raXirCri), auch in der Urkunde von ßanjska (Spomenik 
4, 2 vgl. S. IX) genannt, am Flusse Selcanica {ZiT^tviTCa des Kinnamos, 
jetzt Socanica) am rechten Ufer des Ibar unterhalb Zvecan. Die Ruinen be- 
schrieben von Avram N. Popovic, Godisnjica 25 (1906) 189, 220 5 26 
(1907) 145. Unbekannt ist die Lage der Landschaft Xixaßü des Kinnamos. 

4) Prodromos bei Miller, Recueil des hist. des croisades, Historiens 
grecs 2 (1881) 761 — 763. Oi^geatg wird zusammengestellt mit ovofiv, ovqtj- 
Trig: trunken vor Furcht netzt er seine Schenkel mit Urin. Eine Notiz über 
den Feldzug auch bei Michael von Thessalonich, Fontes rer. byz. ed. 
Regel 1, 174f 



348 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

zusammengestellt zum Teil aus Petschenegen, die man in Ungarn 
Bisseni nannte, und aus den bei Sirmium angesiedelten moham- 
medanischen Chalisiern, welche neuere Historiker als ausgewanderte 
Chazaren aus dem Stamm der Chvalisier an der Mündung der 
Wolga oder als flüchtige Wolgabulgaren betrachten ^j. Die By- 
zantiner wollten die Ungarn, welche wahrscheinhch aus der Land- 
schaft von Brauicevo heranrückten, unterwegs im Tale des Lugomir, 
eines linken Zuflusses der vereinigten Morava, aufhalten , kamen 
aber zu spät und holten den Feind erst an der Drina und später 
an der Brücke über die Tara ein. Der Kaiser zersprengte die 
Serben und ihre Bundesgenossen und begann persönlich in ver- 
goldeter Rüstung die Verfolgung, um den Großzupan oder wenig- 
stens den Anführer der ungarischen Truppen gefangen zu nebmeu. 
Der ungarische Feldherr Bakchinos, ein tapferer Riese, wurde 
vom Kaiser in einem Zweikampf überwunden und gefangen -). 
Bald erschien der serbische Großzupan im Lager, warf sich dem 
Kaiser zu Füßen und leistete den Eid des Gehorsams. Ein Ge- 
dicht des Prodromos läßt die Flüsse Tara und Save, von Blut 
gefärbt und mit Leichen der Serben und Ungarn beladen, in der 
Art der Volkslieder zum Kaiser sprechen, erwähnt den „hohen 
Berg Serbiens", wohl den Durmitor jenseits der Tara, und das 
,, Gebrüll des Löwen des Bukoleon^' aus dem großen Palast von 
Koustantinopel , welches die serbischen Zupane mit Schrecken 
erfüllte ^). 

Im folgenden Herbst (1151), als König Gejza H. wieder im 
Norden am Flusse San in Galizien weilte, unternahm Kaiser ]\Ia- 



1) Hunfalvy, Ethnographie vou Uugani , deutsch von Schwicker 
218; Graf Geza Kuun, Relat. Hungarorum cum Oriente 1 (Claudiopolis 
1893) 76, 127 f.; Vasiljevskij a. a. 0. 247. 

2) Bu/.yivog bei Kinnamos und Niketas (wohl aus einer gemein- 
sameu Vorlage) als Archizupanos, bei Prodromos (Recueil a. a. 0. 748 f., 
761, 763) aber klar als Ungar (^Paionier), Fürst der Ungarn {('(Q/rj/öi üaiövojv), 
Feldherr des ungai-ischen y.ndh];^ ein furchtbarer Gigant und ein illyrischer 
Goliath. Vgl. II ar. Ruvarac, Godisnjica 14 (1894) 209 f. 

3) Gedicht des Prodromos (O TÜQag IxTctQttTTfTcti. usw., 29 Verse) 
herausg. und deutsch in Versen übersetzt von G. M. Thomas, Gelehrte 
Anzeigen der kgl. bayer. Akademie 36 (1853) Sp. 535f. ; auch bei Miller, 
Recueil 763. 



Die Köiiige und Großzupane im 11. — 12. Jahrli. 349 

nuel mit Heer und Flotte seinen ersten Zug nach Ungarn, er- 
oberte Semlin und verheerte die Landschaft von Sirmium. Ban 
Bjelos stand gegenüber von Branicevo, wagte aber nicht den Über- 
gang über die Donau, worauf eine Invasion des von Byzanz 
unterstützten Prätendenten Boris in die Landschaft am Temesch 
den ungarischen König zum Frieden bewog. Der neue Dax von 
Belgrad, Branicevo und Nis, der spätere Kaiser Andronikos ver- 
sprach dem Gejza insgeheim die Greuzprovinzen für eine Hilfe 
zur Erlangung des byzantinischen Thrones, doch Manuel, der einen 
geheimen Brief seines Vetters abgefangen hatte, ließ ihn (Herbst 
1153) im Lager von Pelagonia verhaften und in einen Turm von 
Konstantinopel einschließen. Gejza kam in eine bedenkliche Lage, 
als sich auch Kaiser Fiiedrich L zu einem Feldzug gegen Ungarn 
rüstete. Erst nach der Klärung der Lage begann er wieder die 
Offensive gegen die Griechen durch eine Belagerung von Bra- 
nicevo (Herbst 1154). Kaiser Manuel kam mit einem zu kleinen 
Heere, bewog aber die Ungarn zum eihgen Abzug durch ein 
Strategem, einen an einen Pfeil gebundenen Brief an die byzan- 
tinische Besatzung von Branicevo. Der kaiserliche Chartular Ba- 
silios Tzintzilukes sollte den abziehenden Ban Boric von Bosnien 
verfolgen, ließ sich aber überreden, lieber das ungarische Haupt- 
heer anzugreifen, und erlitt in der Nähe von Belgrad eine voll- 
ständige Niederlage. In dieser Schlacht fand wahrscheinlich auch 
der Prätendent Boris den Tod, durch den Pfeil eines Kuraanen ^). 
In Belgrad regte sich eine ungarische Partei, ihre Häupter wurden 
jedoch vom Feldherrn Johannes Kantakuzenos gefangen wegge- 
führt. Kaiser Manuel überwinterte dann in Berrhöa in Make- 
donien und zog im Frühjahr (1155j abermals zur Donau, aber 
Gejza IL beeilte sich, den Frieden zu erneuern, und stellte dabei 
alle griechischen Gefangenen und die ganze Beute mit Waffen 
und Pferden zurück. Während dieser FelJzüge, welche den By- 
zantinern keinen entscheidenden Sieg gebracht hatten, stürzte bei 



1) Otto Fris. II, 53 ed. G. Waitz (1884) p. 127. Der Epitomator 
des Kinn am OS III cap. 19 verwechselt Boris mit Stephan (III.), des Gejza 
Sohu, der nie ins byz. Reich ^eliommen ist. Hub er a. a. 0. 1, 355, Va- 
Biljevskjj 27G, Grot 203. 



250 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

den Serben eine Partei den Großzupan Uros IL und erhob den 
Desa, welchen Kinnamos als ,, einen anderen der Brüder", Dio- 
cleas als einen Sohn des Uros bezeichnet ^). Aber der neue 
Großzupan konnte nicht die Oberhand gewinnen, worauf sich 
beide Rivalen mit ihrem Anhang vor dem Richterstuhl Ma- 
nuels im kaiserlichen Lager einfanden. Die Szene ist aus drei 
griechischen Berichten bekannt, bei Michael von Thessalonich -), 
Prodromos ^) und Kinnamos. Die Zupane beider Parteien hielten 
heftige Reden gegeneinander und zückten in der Hitze des Wort- 
gefechtes sogar die Schwerter. Der Kaiser entschied die Streit- 
frage zugunsten des Uros, bestimmte die Grenzen der einzelnen 
Teilfürsten und verpflichtete die Serben wieder zur Stellung von 
Geiseln und zur Heeresfoige (1155). Desa erhielt als Entschä- 
digung die reiche und wohlbevölkerte Waldlandschaft Dendra auf 
byzantinischem Boden, aber nur zum zeitweiligen Genuß ^). Die 
Großzupane Avechselten dann rasch ab : Prvoslav wurde vom Kai=er 
abgesetzt wegen seines Strebens nach Selbständigkeit '), Bjelus 
dankte bald ab und ging nach Ungarn ''). Diese Schwankungen 

1) Jta(, Dessa der Venezianer und des Diocleas, von desiti finden, 
treffen, wie Desislav, Desimir, Desivoj , Desirad, Desibrat, in Kurzform 
Desen, Desinja, Desoje usw. In Dalmatien der Mannsname Desa oft im 
11. — 14. Jahrb., der Frauenname Desa in Ragusa bis in unsere Zeit (meine 
Rom. Dalm. 2, 68); Desa und Desa auch in den altserb. Pomeniks, ebenso 
in glag. Urk. Desic und Desic. 

2) Fontes rer. byz. ed. Regel 1 p. ItiS f. 

3) Bei Miller a. a. 0. 749 leider nur im Auszug. 

4) Die Lage von J^vSqu sucht man im „ Bulgarenwalde " , in der 
Sumadija (suma serb. Buschwald) , an der Toplica (Novakovic) oder in 
Gluboeica (Kovacevic). 

5) ITQijuiad-läßos Kinnamos V, 2 ist wohl ITnißc- zu lesen, ebenso 
wie Kiuutt V, 12 als 7\Yk^« (Kiew), bei der großen Ähnlichkeit von ß, fj., x 
in der Minuskel; V, 12 ist er durch die Flüchtigkeit des Epitomators nach 
Rußland geraten, statt des 'houad-laßog, Jaroslav. Der Text beruft sich auf 
eine frühere Bemerkung über diesen Großzupan , die aber der Epitomator 
ausgelassen hat; daher haber Vasiljevskij, Grot, Kovacevic u. a. 
Primislav mit Uros II. identifiziert. Im Rodoslov Prvoslav ein angeblicher 
Bruder des Nemanja; vgl. Ruvarac, Godisnjica 14 (1894) 215. 

6) Kovacevic, Glas 58 (1900) 70 meint, dieser Großzupan BtXovarjg, 
der seit Du Gange ohne Grund mit dem Ban und Palatin Bjelos identifiziert 
wird, sei nur durch einen Irrtum des Kinnamos entstanden. 



Die Könige und Großzupaue im 11. — 12. Jabrh. 251 

sind erklärlich als Folge der damaligen ferneren Ereignisse. 
Manuels Versuch einer Restauration der byzantinischen Herrschaft 
in Apulien schloß mit einer völligen Niederlage der Griechen 
gegen den Norraannenkönig Wilhelm I. bei Brindisi (Mai 1156); 
seine Versuche, im einstigen Exarchat in Ankona und Raveuna 
festen Fuß zu fassen, führten zum Bruch mit Kaiser Friedrich I. 
und zur Mißstimmung in Venedig. Dagegen hatte Manuel Glück 
im Osten, machte den Seldschukensultan Kyljdsch-Arslan II, zum 
Vasallen, bezwang die Armenier in Kilikien und zog persönlicli 
feierhch in die Hauptstadt der Normannen in Syrien, in das alt- 
berühmte Antiochia ein (1159). Als König Gejza II. von Ungarn 
starb (Mai 1161), unterstützte Kaiser Manuel gegen dessen un- 
mündigen Sohn Stephau III. Gejzas Brüder Stephan (IV.) und 
Ladislaus, die sich infolge von Intrigen, an denen ihr Oheim, 
der Serbe Bjelos beteiligt war ^), beide über Deutschland und 
Venedig nach Konstantinopel geflüchtet hatten. Es war ein Er- 
folg ^Manuels, als Ladislaus II. (1161 — 1162) wirklich König von 
Ungarn wurde. 

In Serbien erscheint (ungefähr 1161) Desa wieder als Groß- 
zupan. Durch seine energischen Bemühungen, Serbien Unabhängig- 
keit, Macht und Ansehen zu verschaffen, wurde er der Vorläufer 
des Nemanja. Er suchte Heiratsverbindungen mit den Deutschen 
anzuknüpfen -) und vermählte seine Tochter mit einem Sohn des 
Dogen Vitale IL MichieH (1156 — 1172), dem Comes Leonardo 
von Ossero, während ein anderer Sohn dieses Dogen, der Comes 
Nikolaus von Arbe, eine Tochter des Königs Ladislaus II. von 
Ungarn heiratete (1167) •^). Die Schwäche der dioklitischen Dy- 



1) „Avunculus amboruni, dux Belus, vir valde i^rudens". Rabewin 
III, cap. 13. 

2) "Eg Tf ^Ahi^avoi g fnturljf, xfjtSo; h'TfC&fv eaiTiö avt'cöl'ca öii'.voriO-tCg: 
Kinnamos V, 5. 

3) „ Leonardo, comiti Absavi, ducis Desse filiam, qui poteucior fuit in 
tota Ungaria, dedit uxorem": Historia ducum Venetorum (verfaßt bald naeb 
1229), Mon. Germ., Scriptores 14, 76. Dandolo bei Muratori 12 col. 292 
bat „filiam ducis Edessae". Leonardo war später Vizedoge und wird noch 
1177 genannt: Federico Stefani, I conti feudali di Cherso ed Ossero, 
Arcb. veneto Bd. 3 (1872) p. 4. Vgl. W. Lenel, Die Entstehung der Vor- 
herrschaft Venedigs an der Adria (Straßburg 1897) 94 f. 



352 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

uastic bewog den Großzupan zu einem Vorstoß zum Adriatischen 
Meere. Diocleas erzählt, wie sich „böse Menschen und alte Feinde" 
gegen Knez Radoslav und seine Brüder Johannes und Vladimir-, 
die kSöhne des Königs Gradihna, erhoben, die Schützlinge des 
Kaisers Manuel, und wie sie den Dessa ins Land riefen und ihm 
Zeta und Tribunia übergaben; Radoslav mit seinen Brüdern konnte 
unter unaufhörlichen Kämpfen nur das Gebiet zwischen Cattaru 
und Skutari behaupten ^). Der Ragusaner Orbiui erzählt, Dessa, 
„duca di Rassia", habe die Insel Meleda aa drei Mönche Marin, 
iSimon und Johannes geschenkt und sei dadurch Stifter der dortigen 
Benediktinerabtei geworden; er liege begraben in Trebinje in der 
Kirche S. Pietro di Campo -). Zwei lateinische Urkunden des 
Desa über die Insel Meleda sind offenbar spätere Erfindungen •'). 
Gegenüber den Byzantiuern benutzte Desa den Wechsel der 
Situation in Ungarn. Als nach Ladislaus' IL Tode dessen von 
Manuel unterstützter Bruder Stephau IV. von der Gegenpartei, 
den Anhängern seines kleinen Neffen Stephan ill. geschlagen und 
aus Ungarn vertrieben wurde (Sommer 1162), besetzte Desa wieder 
die Landschaft von Dendra, die er zuvor zurückgeben mußte, 
und säumte mit der Stelluog von Truppen zu den ungarischen 
Feldzügen. Er erschien mit seinem Kontingent erst, als der Kaiser 
persönlich in Nis eintraf, machte sich aber durch seinen Verkehr 
mit den Gesandten Stephans III. so verdächtig, daß ihn Manuel 
als Gefangenen nach Konstantinopel sendete ^). 

Darauf schloß Manuel in Belgrad wieder einen Frieden mit 
den Ungarn. Ein jüngerer Bruder Stephans III., Bela, blieb beim 
Kaiser, bei den Byzantinern später zu Alexios umgenannt und 
mit einer Schwester der Kaiserin aus dem normannischen Fürsteu- 
hause von Antiochia verheiratet. Den Frieden störte der Prä- 



1) Schlußworte des Diocleas cap. 47. 

•2) Orbiiii 201, 245. 

3) Kukuljevie, Cod. dipl. 2, 45 f., Smiciklas 2, 67 f: Dessa, dux 
Dioclie usw. scheukt die Insel Meleda dem Kloster S. Maria von Pulsauo 
am Monte Gargauo in Apulicu und wieder, nur als „magnus comes" von 
Zachulmia bezeichnet, die St. Paukraliuskirche (jetzt Ruine) in Babino Polje 
auf Meleda dem Kloster von Lacroma. 

4} Kinnamos V cap. 5. 



Die Könign und Großzupane im 11. — 12. Jabrh. 253 

tendent Stephan IV., unterstützt von seinem Oheim Bjelos, dem 
Ban von Kroatien, von Boric, dem Ban von Bosnien, und von 
zahlreichen ungarischen Bischöfen, bald auch von den Byzantinern. 
Kaiser Manuel erschien persönlich gegenüber Titel und der Theiß - 
mündung und ging bei Bäcs auf das linke Donauufer hinüber. 
Der Friede, den dort König Vladislav von Böhmen, ein Verbün- 
deter des jungen Stephan III., vermittelte, war von keiner Dauer 
(1163), da der Kaiser auch nachher Stephan IV. nicht zurückhielt, 
bis dieser Arpäde in Semlin während einer Belagerung durch seine 
Gegner starb, worauf die Ungarn die Burg eroberten. Der Kaiser 
kam abermals nach Belgrad und ließ Semlin von seinen Truppen 
erstürmen (1164). Gleichzeitig zog der Feldherr Johannes Dukas 
durch Serbien nach Dalmatien und besetzte nicht nur die einst 
byzantinischen Küstenstädte Spalato und Trai^i, sondern auch einen 
Teil Kroatiens von Almissa bis Sebenico und Scardona, im ganzen 
57 befestigte Plätze^). In Spalato, dessen Erzbistum der Kaiser 
durch zahlreiche Schenkungen auszeichnete, wurde ein byzanti- 
nischer Statthalter als „dux Dalmatiae et Croatiae" eingesetzt ^). 
In Zara blieben, wie bisher, die Venezianer. Auch an der Küste 
Dioklitiens wurden die alten Grenzen erneuert •'), die Küstenstädte 
einem ,,dux Dalmatiae et Diocliae'' untergeordnet, der wohl in 
Cattaro, Antivari oder Skutari seinen Sitz hatte *), und die letzten 
dioklitischen Landesfürsten auf das offene Land beschränkt. Die 
Ungarn ließen sich aber nicht einschüchtern. Ihr Comes Dionysiu.s 
schlug bei Sirmium den dortigen Dax Michael Gavräs und den 
Feldherrn Michael Vranas, als sie nachts in einen Hinterhalt ge- 
rieten (1166). Da ließ der Kaiser gegen die Ungarn drei Heere 
operieren, eines auf dem gewohnten Wege an der Donau, das 
zweite unter Leon Vatatzes von den Donauraündungen nach Sieben 



1) Kinnamos V cap. 17 (nach Huber 1164, nach Kap-Herr und 
Grot 1165). 

2) Urk. 1171 — 1180 bei Kukuljevic und Smiciklas. Unterschrift 
Manuels: Arch. slaw. Phil. 2.ö (1903) 504. 

3) Das Ausmaß der byz. Besitzungen in Dioklitien um 1180 bei König 
Stephan cap. 7. 

4) Dux Dalmacie et Dioclie kyr Izanacius in einer Urk. von Cattaro 
1166: Smiciklas 2, 102. 



354 Drittes Buch. Viertes Kapitel. 

bürgen, das dritte unter Johannes Dukas durch die Einöden der 
späteren Moldau zur russisch - ungarischen Grenze. Doch bald 
drangen wieder die Ungarn vor, bei Sirmium und bei Spalato 
(11G7). Eine große byzantinische Armee unter Andronikos Konto- 
stephauos, in welcher sich auch das serbische Kontingent befand ^), 
erfocht bei Sirmium einen großen Sieg über Comes Dionysius. Es 
scheint, daß damit der Krieg infolge der Erschöpfung beider Par- 
teien ohne regelrechten Friedensschluß beendigt wurde (1168). 

Desa war indessen wieder Großzupan in Serbien geworden, 
immer auf Abfall sinnend '). Nach der Beendigung der unga- 
rischen Kriege ging Manuel persönlich an eine strenge Bestrafung 
des unverläßlichen Vasallen, schlug die Serben und nahm ihren 
Fürsten gefangen (praecipuo eorum principe mancipato). Wilhelm 
von Tyrus, welcher mit einer Gesandtschaft des Königs Araalrich 
von Jerusalem den Kaiser auf der Rückkehr von diesem Feldzug 
in der Stadt Butella (Bitolia) in Makedonien antraf (1168), nennt 
den Namen dieses Serbenfürsten nicht, ebenso nicht den seines 
Nachfolgers '^). Nach Kovacevid folgte nach Desa ein Bruder des 
Nemanja, der Großzupan Tihomir, dessen Name auf einer Grab- 
inschrift in der Georgskirche von Budimlja im Limtal zu lesen 
ist 4). 

1) Kinnamos VI cap. 7 (Hub er 1168, andere 1167). 

2) Nach Niketas p. 178 wollte Kaiser Manuel schon um 1167 den 
Desa wieder festnehmen. 

3) Wilhelm von Tyrus XX cap. 4. 

4) Grab des Zupan Stephan Prvoslav, Sohn des Großzupans Tihomir 
imd Neflfen des Nemanja: Kovacevic, Glas 58 (1900) 54; Stojanovic, 
Zapisi 1 S. 5 nro. 10; Rovinskij, Sbornik russ. 86 (1909) 164. 



Fünftes Kapitel. 

Der Großzupan Stephan Nemanja ^). 

Der bedeutendste unter den serbischen Fürsten des 12. Jahr- 
hunderts war der Großzupan Stephan Nemanja, der spätere Mönch 
Symeon -). Die Vereinigung der serbischen Länder unter der 
Herrschaft seiner FamiHe, die Abrundung des Territoriums durch 
die Eroberung der griechischen Grenzgebiete im Osten und Süden 
und die Schaffung einer politischen Stellung, welche bei dem un- 



1) Quellen: neben einigen lat. und den ersten altserb. Urkunden die 
Ijyz. Zeitgenossen Johannes Kiunamos, Niketas Akominatos aus 
Chonai, Eustathios von Thessalonieh und Konstantin Ma- 
nasses (Reden); die lat. Chronisten des dritten Kreuzzuges; die altserb. 
Vitae des Nemanja als hl. Symeon von seinen Söhnen, dem König Stephan 
und dem Erzbischof Sava (bei Safari k, Pam. ; die erstere auch in der 
Ausgabe von Martynov in den „Pamjatuiki" der russ. Gesellsch. der Biblio- 
philen 1880). Literatur: Stojan Novakovic, Das Territorium der Tätig- 
keit Nemanjas, hist.-geogr. Studie: Godisnjica 1 (1877) 163—243. Ivan 
Pavlovic, Die chronolog. Notizen des hl. Sava über Stephan Nemanja: 
Glasnik 47 (1879) 276—303. Konst. Jirecek, Toljen, der Sohn des 
zachlumischen Fürsten Miroslav: Glas 35 (1892) 1 — lö. Ljuborair Ko- 
vacevic, Einige Fragen über Stephan Nemanja: Glas 58 (1900) 1 — 108. 

2) Der Name Nemanja, bei Griechen und Lateinern dem biblischen 
NitfA-üv (Naamau) gleichgestellt, war im 12.— 15. Jahrhundert im adriatischeu 
Küstengebiete nicht selten, in Cattaro, Ragusa und Zara, auf den Inseln 
Brazza und Veglia, unter den kroatischen Adelsfamilien des Velebitgebirges 
(Belege in meinen Rom. Dalm. 3, 45). In anderen slaw. Ländern nur in 
Böhmen in den davon abgeleiteten Ortsnamen Nemanov und Nemanice (je 
dreimal). Nach Miklosich Stamm neman, verschieden von man in 
Grdomau, Vlkoman usw.; vgl. avestisch nemanh Verehrung, Anbetung, bei 
J u 8 1 i , Iranisches Namenbuch 504. 



256 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

aufhaltsamen Verfall des griechischen Kaisertums von Konstanti- 
nopel die Grundlage der späteren Macht Serbiens wurde, sind 
seine Hauptverdienste. Nach Vollendung des Werkes ging er ins 
Kloster und starb auf dem Athos, bald als Heiliger verehrt. Seine 
direkten Nachkommen herrschten in Serbien bis in die zweite 
Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sein Name schwebt auf der Grenz- 
scheide der Zeiten. Unter seinen Nachfolgern wird er oft genannt, 
aber immer derart, als ob vor ihm nichts dagewesen wäre; in 
den serbischen Genealogien, Urkunden und kirchlichen Gedenk- 
büchern (Pomenik) steht an der Spitze der Regentenserie stets 
Nemanja allein. Seine Vorgänger und Vorfahren sind beim Volke 
der Vergessenheit anheimgefallen. Die Quellen verschweigen sogar 
die Namen seiner Eltern. In der Stiftungsurkunde des Klosters 
Chilandar sagt er selbst, Gott habe den Griechen Kaiser, den 
Ungarn Könige gegeben-, „ebenso hat er in seiner großen und 
unermeßlichen Gnade und Menschenliebe unseren Vorvätern (pra- 
djed) und unseren Großvätern (djed) das Geschenk verliehen, dieses 
serbische Land zu beherrschen , und wie Gott den Menschen so 
vieles zum Besseren eingerichtet hat, indem er ihren Untergang 
nicht wünschte, setzte er zum Großzupan mich ein, der ich in der 
heiligen Taufe Stephan Nemanja genannt wurde ^)". Aus dieser 
Stelle sieht man, daß Nemanjas Vater nicht Großzupan war, wohl 
aber seine Vorfahren in älteren Generationen. Nach den Unter- 
suchungen von Kovacevic war Nemanjas Vater Zavida, eine sonst 
unbekannte Persönlichkeit 2). Nemanjas Brüder waren, wie es 
scheint, ziemlich zahlreich; es gehörten dazu als ältester der schon 
erwähnte Großzupan Tihomir und die jüngeren Sracimir und 
Miroslav ^). 



1) Mon. serb. 4. 

2) Nemanjas Bruder Miroslav war uach der für ihn geschriebenen 
Evangelienhandsclirift Sohn des Zavida. In den spätnoittelalterlichen Genea- 
logien erscheint Zavida irrtümlich als Bruder des Nemanja. Sein Name 
(zavida Neid von zavidjeti invidere) kommt im 11. — 12. Jahrh. auch in Dal- 
maiien und Rußland vor. 

3) Bei Ansbert ed. cit. 22 sind Nemanja, Sracimir und Miroslav 
leibliche Brüder (germani). Nemanjas Enkel, König Stephan Uros I., nennt 
Miroslav einen Oheim von väterlicher Seite (stric) seines Vaters, Stephan 
des Erstgekrönten: Urk. um 1260, Spomenik 3, 8. 



Der Großzupan Stephan Nemanja. 257 

Die Jugend Neraanjas schildert in allgemeinen Worten sein 
Sohn, der spätere König Stephan der Erstgekrönte. In Serbien, 
Dioklitien, Dalmatien und Travunien brachen große Wirren aus, 
in welchen der Vater Nemanjas von den eigenen Brüdern seines 
Gebietes beraubt wurde. Die Namen fehlen. Er flüchtete sich 
in sein Geburtsland Dioklitien und dort wurde ihm Nemanja 
geboren, im Orte Ribnica. So heißt heute noch das wasserreiche 
Flüßchen, welches durch die Stadt Podgorica in Montenegro strömt, 
5 Kilometer südlich von den Ruinen des römischen Doclea; als 
Ansiedlung ist Ribnica wohl mit dem späteren Podgorica identisch ^). 
In der Kirche des Ortes gab es nur „lateinische Priester", und 
so kam es, daß Nemanja „die lateinische Taufe" erhielt. Als sein 
Vater wieder in den „Ort des Thrones" zurückkehrte, empfing 
Nemanja die Taufe zum zweiten Male nach östlichem Ritus, 
vom Bischof von Ras in der Kirche der heiligen Apostel Peter 
und Paul. Herangewachsen erhielt er ein nicht geringes Teil- 
fürstentum im äußersten Osten des serbischen Gebietes, in den 
Landschaften zwischen Ras und Nis: die Täler der Toplica, welche 
gegen Nis in die Morava abfließt, des Ibar (wohl das untere Ibar- 
tal), der Rasina (bei Krusevac) und die nicht näher bekannte 
Landschaft Reky („die Flüsse") 2). Als Kaiser Manuel einmal 
nach Nis kam, lud er den jungen Nemanja zu sich, „bewunderte 
die Weisheit des Jünglings^)" und verlieh ihm außer einer 



1") Der Fluß Ribnica ist auch in der Uik. von Banjska ed. Jagic 
20 erwähnt (von riba Fisch, riban fischreich). Podgorica wird zuerst in 
den Not Cat. um 1330 genannt, öfters im 15. Jahrhundert. 

2) Novakovic, Godisnjica 1 (1877) 177, 228 suchte die Landschaft 
Reky bei Aieiinac, Milicevic, Kraljevina Srbija 348 im Tal der Pust^ 
Reka, südlich von der Toplica. 

3) Demnach war nach König Stephan Kaiser Manuel (geb. um 1123) 
damals älter als der ,, Jüngling" (junosa) Nemanja. Unglaubwürdig sind die 
Angaben in der Vita vom Erzbischof Sava cap. 12, deren Text (erhalten in 
einer Abschrift von 1619) nach der Untersuchung von Ivan Pavlovic im 
Glasuik 47 (1879) einerseits gekürzt, anderseits stark interpoliert ist. Da- 
nach wurde Nemanja 87 Jahre alt, gab 1113/14. Somit wäre er 10 Jahre 
älter gewesen, als Kaiser Manuel , bei der Zusammenkunft mit Friedrich I, 
in Nis (1189) gar 75 Jahre alt, viel älter als der 68jäbrige deutsche Kaiser. 
Die Historiker der Zeit hätten das Greisenalter des unruhigen und unter- 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 17 



358 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

„kaiserlichen Würde" (einem Hoftitel eines Protospathars oder 
dgl.) die damals byzantinische Landschaft Glnbocica bei der jetzigen 
Stadt Leskovac als erbliches Gut ^). Mit seiner Frau Anna er- 
baute Nemanja zwei Klöster im oberen Gebiet der TopHca, in 
welchem sich offenbar seine Residenz befand. Das Nonnenkloster 
der Mutter Gottes am linken Ufer der Toplica gegenüber der 
Mündung der KosLlnica (jetzt Kosanica) ist jetzt nur mehr eine 
von Buschwerk überwucherte Ruine, Das Mönchskloster des 
heiligen Nikolaus an demselben Ufer gegenüber der Mündung des 
Flusses Banjska, in seinen Trümmern mit eingestürzter Kuppel 
noch immer ein schöner Bau mit zwei Türmen, wurde im 13. Jahr- 
hundert Sitz des Bischofs von Toplica. Die Ortschaft hieß später 
Bijele Crkve, die „weißen Kirchen"; auch ihr jetziger Name Kur- 
sumlija stammt vom Bleidach (kursum türk. Blei) dieser Kirchen -) 
In legendarischem Ton berichtet weiter die Biographie, wie Ne- 
manjas Brüder angeblich wegen dieser eigenmächtig errichteten 
Stiftungen gegen ihn sehr aufgebracht waren •^). Der älteste der 
Brüder, damals Großzupan, Heß ihn an Händen und Füßen fesseln 
und in einem unterirdischen Verlies, einer „steinernen Höhle" ein- 
kerkern. Doch Gott der Allmächtige hat den frommen Nemanja 
aus der Gefangenschaft befreit und ihn auf den Thron des Vater- 
landes gesetzt. 

Daß Nemanja die rechtmäßigen Herrscher Serbiens gestürzt, 
seine Rivalen „mit dem Schwerte" verfolgt und sich selbst auf den 
Thron der Großzupane gesetzt habe, bestätigt auch Niketas Ako- 



nehmungslustigen Großzupans und seiner Brüder gewiß mit Bewunderung 
hervorgehoben. Übrigens gingen die Brüder erst damals daran, ihre Söhne 
zu verheiraten, Miroslav 1189, Nemanja 1190. Nur auf Grund dieser Alters- 
angaben haben Golubinskij, Vasi Ijevskij , Grot u. a. den Nemanja 
mit Desa identifiziert. 

1) Novakovic a a. 0. 183 f. Dilbocica der alte Name von Leskovac: 
Hahn, Reise von Belgrad nach Salonik ^59; Milicevic, Kraljevina Srbija 
112 (altserb. glbbok, neuserb. dubok tief). 

2) Biellezerque der Ragusaner 1422, 1427, Basilica alba bei Petantius 
(um 1500), Bellacherqua oder Coursoumne bei Brown (1669). Klosterruinen: 
Milicevic, Kraljevina 357, 380. 

3) Es waren leibliche Brüder (jednorozdeni): König Stephan cap. 4. 



Der Großzupan Stephan Nemanja. 350 

rainatos ^). Die Stellung der Byzantiner zu dieser Umwälzung 
(um 1170) ist bei der lückenhaften historischen Überlieferung nicht 
bekannt. Den Hintergrund der folgenden Ereignisse bildet der 
Krieg zwischen Kaiser Manuel und Venedig, dessen Ursachen 
wenig bekannt sind. An einem Tage wurden auf Befehl des 
Kaisers alle Venezianer im ganzen Reiche gefangen gesetzt und 
ihre Schiffe und Warenlager mit Beschlag belegt (März il71). 
Die Republik ließ sich aber nicht einschüchtern. Der Doge Vitale 
Michieli segelte mit einer gewaltigen Flotte von 120 Schiffen nach 
Griechenland (September 1171). Im byzantinischen Dalmatien 
wurde unterwegs Ragusa zur Unterwerfung gezwungen, nach Ab- 
schluß eines Vertrages, welcher das Vorbild der Verhältnisse nach 
1205 wurde -). Damit waren die V^erbindungen der Venezianer 
mit den Serben, den Nachbarn von Ragusa, erleichtert, schon 
früher eingeleitet durch die Heirat eines Sohnes des Dogen mit 
einer Tochter des Großzupans Desa (S. 251) Nach Kinnamos 
haben die Venezianer damals die Serben zum Abfall aufgefordert ^). 
Nemanja setzte sich auch mit den Ungarn und den Deutschen ins 
Einvernehmen *) und ergriff die Offensive. Er bedrängte „Chor- 
vatia'", nämlich die von Manuel errichtete byzantinische Provinz 
von „Dalmatia et Croatia" mit der Hauptstadt Spalato, wahr- 
scheinlich an ihrer Ostgrenze bei Almissa, und bedrohte, vielleicht 
mit Hufe der Venezianer, die Stadt Cattaro ^). Zugleich beun- 
ruhigten die Serben die Straße von Belgrad nach Nis. Eine 
Episode dieser Kämpfe schildern die Nachrichten über die Pilger- 
fahrt Heinrichs des Löwen in das Heilige Land bei Arnold von 



1) Niketas p. 206—207. 

2) Historia ducum: Mon. Germ., Scr. 14, 79. 

3) Kinnamos VI, cap. 11. 

4) Nemanja Verbündeter ^A).ccfj.civMv xal 'levrövuv, des ccQ/rjyög Tevrö- 
rwv: Konst. Manasses (1173), Viz. Vrem. 12 (1906) 89, 91. Kaiser Manuel 
hat nach seinem Siege den Nemanja von fremden Bündnissen abgewendet, 
mit T(fj Twv 'Ak((ucivCöv orjyi und den Oüvvoi (Ungarn, vor Bela III.) : Ni- 
ketas p. 207. 

5) Bei Niketas p. 206 XoQßaria und die Stadt cGii' KaTTccgcof (Var. 
JixcufQoiv, lat. Decatera, vgl. oben S. 96). XoQßiaag und AfxcuÖQcov hat 
auch die Chronik bei Sathas, Bibl. graec. 7, 272, nach Heisenberg 
verfaßt von Theodoros Skutariotes im 13. Jahrhundert. 

17* 



260 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

Lübeck. In Branicevo betrat der sächsische Herzog mit seinem 
glänzenden Gefolge den Boden des byzantinischen Reiches, von 
den Griechen auf Befehl des Kaisers freundlich aufgenommen. 
Als er (Ende März 1172) in der Mitte des „Bulgarenwaldes" bei 
der Stadt Ravno (Rabnel, Ravenelle der Kreuzfahrer) an der 
Mündung der Ravanica in die Morava , dem jetzigen Cuprija ^ ) 
eintraf, wollten die Einwohner, obwohl Untertanen des griechischen 
Kaisers, den Herzog trotz der Ermahnungen seiner byzantinischen 
Begleiter nicht in ihre Mauern aufnehmen und ihm nicht einmal 
Wegweiser geben. Die Serben, die Arnold bei dieser Gelegenheit 
in den schwärzesten Farben schildert, sahen in der großen Schar 
der Deutschen nur Verbündete und Freunde der Griechen ''^). 
Herzog Heinrich schlug sein Lager in der Nähe auf, in einem 
langen Tal an einem klaren Bach zwischen dichtem Buschwald. 
Für die Nacht wurden große Feuer angezündet und zahlreiche 
Wachen aufgestellt. Plötzlich um Mitternacht eröffneten die Serben 
den Angriff in vier Scharen unter großem Geschrei, mit vergifteten 
Pfeilen, wurden aber von den an 1200 Mann starken Kreuz- 
fahrern zurückgeschlagen und sogar ihr Anführer (dux) von einem 
Armbrustschützen getötet. Als am folgenden Morgen die Sonno 
aus dem dichten Nebel emporstieg, sah man beim Weitermarsch 
den ganzen Tag die Serben in der Ferne auf der Lauer liegen, 
gelangte aber ungefährdet bis Nis, wo der Herzog von den Byzan- 
tinern wieder feierlich begrüßt wurde. Indessen zog ein griechi- 
sches Heer unter Theodoros Padiates gegen Ras ^). Nach serbischen 
Berichten bestand es aus Griechen, Franken, Türken und anderen 
Völkern, begleitet von serbischen Emigranten, den Gegnern Neman- 
jas. Im Dorfe Pantino südlich von der Burg Zvecan betrat der 

1) Vgl. meine Heerstraße 86. In den serb Texten sowohl Subst. 
neutr. Ravno, als Adj. nnasc. Ravan (Glasnik 5, 101) und Ravnyj (ravan: 
eben, flach); vgl. Daniele, Rjecnik. 

2) „Cuius (urbis) habitatores Servi dicuntur, filii Belial, sine iugo Dei, 
illecebris carnis et gule dediti et secundum nomen suum immundiciis Om- 
nibus servientes et iuxta locorum qualitatem bellualiter vivendo, bestiis 
etiam agrestiores." Arnold von Lübeck I, 3 ed. Pertz (Hannover 
1868) p. 16. 

3) Niketas p. 207 verschweigt das Resultat der Expedition , die wohl 
mit dem Zug bei König Stephan cap. 5 identisch ist. 



Der Großzupau Stephan Nemanja. 261 

Feind den Boden Serbiens, wurde aber von Nemanja vollständig 
geschlagen. Einer der feindlichen Brüder des Großzupans ertrank 
dabei in der Sitnica. 

Bald kamen nach Serbien ungünstige Nachrichten über die 
Venezianer. Als sie auf Chios überwinterten, brach eine furcht- 
bare Seuche im Lager aus; traurig kehrte der Doge mit den 
Resten der Mannschaft nach Venedig zurück und wurde bei 
einem Aufruhr ermordet (Mai 1172). Auch in Ungarn hat sich 
die Lage durch den Tod Stephans IIL geändert (4. März 1172). 
Kaiser Manuel zog nach Serdica, wo eine ungarische Gesandt- 
schaft den byzantinischen Schützling Bela, der indessen in Kon- 
ötantinopel die damals dritthöchste Würde eines Kaisar erlangt 
hatte, zum König verlangte. Für die Politik Manuels in Ungarn 
war das ein glücklicher Abschluß. Bela III. mußte dem Kaiser 
einen Eid ablegen, sein Leben lang stets nur das zu tun, was dem 
Kaiser und dem oströmischen Reiche nützlich sein wird, und 
kehrte nach eltjähriger Abwesenheit in sein Vaterland zurück, 
doch bei dem Widerstand einer Gegenpartei wurde diu Krönung 
erst im folgenden Jahre (l'd. Jänner 117ü>) vollzogen '). Nun 
wendete sich Manuel gegen die wider Erwarten isolierten Serben -). 
Ohne die Ankunft des ganzen Heeres abzuwarten, brach er mit 
wenigen Tausenden durch die Engpässe in das Land des Groß- 
zupans ein. Nemanja, in die Berge zurückgedrängt, entschloß sich 
zur Unterwerfung, damit, wie Niketas sagt, „die Gewalt nicht 
denjenigen übertragen werde, welche mehr Recht auf die Herr- 
schaft hatten als er, und welche er selbst gestürzt hatte, als er 
zur Regierung erhoben wurde' ^ Nach Niketas legte er seinen 
Kopf zu des Kaisers Füßen, in seiner ganzen Länge vor ihm auf 
dem Boden hingestreckt. Nach Kinnamos erschien er vor dem 
Richterstuhl des Kaisers barhaupt und barfuß, mit einem Strick 
um den Hals und dem Schwert in der Hand, das er dem Kaiser 



1) Zur Chronologie Huber a. a. 0. 1, 3G7f. 

2) Kinnamos VI, cap. 11 (ohne Namen des Archizupanos) vor der 
Belagerung von Aukona 1173 durch die „Alamannen" und Venezianer. 
Niketas p. 207. Bei König Stephan wird jeder Mißerfolg des Nemanja 
verschwiegen. Arnold von Lübeck erwähnt bei der Rückkehr Heinrichs 
des Löwen (Winter 1172/73) keine Schwierigkeiten mehr auf dem Landweg. 



362 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

übergab; es war ganz derselbe klägliche Aufzug, in welchem der 
Regent des Fürstentums von Antiochia, der Ritter Rainald von 
Chätillon, bittend in Manuels Lager erschienen war (1158). Ne- 
manja wurde ebenso wie Rainald in Gnaden aufgenommen, der 
Kaiser nahm ihn aber nach Konstantinopel mit (1172). Diesen 
Besuch des Nemanja schildern zwei byzantinische Reden, des ge- 
lehrten Eustathios und des Konstantin Manasses, des Verfassers 
einer byzantinischen Chronik in Versen. Eustathios feiert die 
Tapferkeit Manuels, „durch welche dieses große Volk und jener 
berühmte Häuptling so sehr gedemütigt" worden sei. Neeman, 
sagt Eustathios, „zog vor kurzem mein Auge mit Staunen auf 
sich, ein Mann nicht bloß von dem Ellenmaß, welches die Natur 
den Männern verleiht, sondern hoch gewachsen und stattlich von 
Ansehen". Nachdem er sich früher verborgen hatte, kommt er 
nun zum Kaiser, „wie einer vom Dunkel der Sonne entgegen- 
läuft", und „naht jetzt der Kaiserin der Städte, voll Freude, daß 
er des ersehnten kaiserlichen Anblickes teilhaftig wird". Im Kaiser- 
palast mustert er die Fresken, welche die Großtaten des Kaisers 
feiern, besonders diejenigen, welche sich auf ihn beziehen und 
mit dem Namen des Neeman bezeichnet sind ^). Die gewaltige 
Körpergeslalt des Nemanja erwähnt auch Manasses: der abgefallene 
Barbar, ein hochschulteriger und stattlicher Mann, zierte den 
Triumphzug des Kaisers nach den Erfolgen in Ungarn und 
Serbien, von dem Konstantinopler Volk mit Schimpf und Spott 
begrüßt -). 

Nemanja war nicht der alleinige Fürst der Serben. Eigene 
Teilfürstentümer besaßen zwei seiner Brüder, welche, wie es scheint, 
sich bald mit ihm versöhnt hatten und seine Freunde blieben, mit 
dem Titel eines Knezen (comes), welcher den Würden des eroberten 
Küstengebietes entlehnt war "). Sracimir, der in den Urkunden 



1) Deutsche Übers, bei Tafel, Komneneu und Normannen (Ulm 
1852) 221 f. 

2) Herausg. von E. Kurtz: Viz. Vrem. 12 (1906) 69f. 

3) In dem Evangelistar heißt Miroslav ,,velikoslavni knez" (der groß- 
berühmte Fürst) , in einer Urk. des Königs Stephan üros I. um 1260 
„veliki knez" (der große Fürst), in seinen eigenen Urkunden in der Unter- 
schrift stets nur einfach ,,knez". 



Der Großzupau Stephan Nemauja. ätiS 

au erster Stelle nach Nemanja genannt wird, gilt als der Gründer 
des Muttergottesklosters in Gradac (jetzt Cacak) an der westlichen 
Morava ^). Miroslav erhielt Zachlumien und heiratete eine Schwester 
des bosnischen Baus Kuhn, welche nach der Behauptung ihres 
Neffen Vlkan eine Anhängerin der Patarener war -). Im Limtal, 
wohl in seiner ursprünglichen Heimat, stiftete er ein Kloster des 
heiligen Petrus, reich ausgestattet mit Gütern sowohl am Lim uüd 
an der Tara, als in Zachlumien an der Narentamündung, in der 
Umgebung von Stagno und im Küsteulande zwischen dieser Burg 
und Ragusa ^). 

Serbische Truppen befanden sich neben einer ungarischen 
Schar im Heere, mit welchem Manuel (1176) gegen Kylydsch- 
Arslan H. zog, als dieser die byzantinische Hoheit von sich ab- 
gewälzt und die Türken Kleinasiens unter seiner Herrschaft ver- 
einigt hatte. Der Feldzug führte zu der großen Niederlage bei 
der Burgruine Myriokephalou ; der Kaiser selbst wurde im Schlacht- 
getümmel verwundet und entkam nur mit Not. Diese Katastrophe 
hat Manuel nicht lange überlebt. Nach seinem Tode (September 
1180) folgte ein Chaos. Unter den zahlreichen Mitgliedern der 
Familie der Komneuen brachen Rivalitäten aus, um die Regent- 
schaft für den kleinen Sohn Manuels, Kaiser Alexios IL Zuletzt 
usuipierte die Gewalt (Frühjahr 1182) der schon erwähnte Vetter 
Manuels, Andronikos Komnenos, der bisher ein merkwürdiges 
Abenteurerleben geführt hatte: bald Statthalter in den Grenz- 
provinzen, bald Gefangener in Konstantinopel, bald Flüchthng in 
Rußland, in den Kreuzfahrerstaaten, am mohammedanischen Hofe 
von Damaskus, in den Bergen von Armenien und Georgien. Als 
Regent und (seit September 1183) als Mitkaiser verfolgte er die 
alte Regierungsgesellschaft, ein System, dem auch der junge 
Alexios IL in geheimnisvoller Weise zum Opfer fiel. Die Folge 
davon war eine starke Emigration der vornehmen Byzantiner in 
alle Länder von Sizilien bis Nowgorod *), 



1) Smiciklas, Cod. dipl. 2, 201, 238. Glasnik 53 (1883) 45. 

2) Theiner, Mou. Slav. 1, 6 nro. 10 (1199). 

3) Spomenik 3, 8 — 11. 

4) N. ßadojcic, Die letzten zwei Komnenen auf dem Thron von 
Konstantinopel, serbokroat., Agram 1907. Vgl. Byz. Z. 17 (1908) 182. 



364 Drittes Bucb. Fünftes Kapitel. 

Die von Kaiser Manuel jahrelang energisch beanspruchte 
Hoheit über die Nachbarländer war mit der Nachricht von seinem 
Tode zu Ende. Nemanja konnte ungehindert an die Offensive 
denken und fand einen Bundesgenossen an Manuels ehemaligem 
Zögling Bela III. Noch im folgenden Winter besetzte der unga- 
rische König nicht nur das byzantinische Norddalmatien samt 
den Inseln vor Spalato, sondern auch das venezianische Zara. In 
der Nachbarschaft von Spalato waren wenige Wochen vor Manuels 
Tod arge Fehden ausgebrochen. Der Erzbischof Raynerius, ein 
Italiener aus Toskana, welcher nicht lange zuvor als Gesandter 
der Spalatiner in Konstantinopel vom Kaiser freundlich empfangen 
und beschenkt worden war, begab sich wegen einer Frage über 
die Besitzungen seiner Kirche an die Küste zwischen Spalato und 
Almissa. Die Kacici erklärten sein Erscheinen als einen Eingriff 
in das Erbgut ihres Adelsgeschlechtes. Nach einer heftigen Aus- 
einandersetzung wurde der Erzbischof durch Steinwürfe getötet 
(August 1180). Die Stelle der Untat bezeichnet heute noch eine 
Kapelle, Sveti Arner genannt ^). Die Feinde des Erzbistums fanden 
Schutz bei Nemaujas Bruder Miroslav. Der Herr von Zachlumien 
wurde beschuldigt, er habe Gelder, die dem ermordeten Eizbischof 
gehörten, bei sich zurückgehalten und lasse in seinem Gebiet keine 
kirchlichen Verfügungen zu -). Dem päpstlichen Legaten Sub- 
diakon Thebaldus verweigerte er den Eintritt in sein Gebiet und 
wurde von ihm in den Kirchenbann getan. Papst Alexander III 
forderte (1181) Bela III. auf, er möge den Miroslav zum Schaden- 
ersatz und Gehorsam zwingen -'j, und ließ ein strenges Geheim- 
breve „Miroslave comiti Zacholmitano" schreiben ^). Es ist aber 
nie abgesendet worden; das Original liegt heute noch im Vatika- 
nischen Archiv. Das Ende des Konfliktes ist nicht bekannt, da 
Alexander III. bereits nach wenigen Wochen gestorben ist. 



1) Thomas Arch. cap. 21. Abbilduug: Wiss. Mitt. 10 (1907) 1%. 

2) Der Sprengel des Erzbiscbofs von Spalato reichte 1185 bis zur Bucht 
von Vrulja im alten Gebiet der Narentaner und umfaßte im Binnenland auch 
Livno: Smiciklas, Cod. dipl. 2, 193, 251. 

3) Viterbo, G. Juli 1181. Smiciklas 2, 175. 

4) Viterbo, 7. Juli 1181. Bei Pflugk-Har tt ung, Acta poutif. 
iuedita 2, 377 genauer als bei Theiuer, Mou. Slav. 1, 1. 



Der Großzupan Stephan Nemanja. 265 

Bald begann der Angriff auf das byzantinische Gebiet auch 
im Moravatale und im südlichen Dalraatieu und Dioklitien. Auf 
die Nachricht von der Einkerkerung der ^Yitwe Manuels, seiner 
Schwägerin, durch den Usurpator Andronikos griff König Bela 
(1182) die Grenzfestungen Belgrad und Branicevo an. Nach der 
Ermordung der Kaiserin wurde der Krieg im Bunde mit Nemanja 
weitergeführt (1183). Die byzantinische Greuzarmee stand unter 
dem Befehl von zwei bewährten Feldherren der Zeit Manuels, 
Alexios Vranäs und Andronikos Lampardäs. Die Nachricht von 
der Krönung des Andronikos Komnenos zum Mitregenten ent- 
zweite sie und bewog sie, vor den Ungarn und Serben bis zum 
Trajanstor zurückzuweichen. Belgrad, Branicevo, Ravno, Nis und 
Serdica wurden von den Verbündeten verwüstet und ihre Mauern 
teilweise zerstört. Die Kreuzfahrer des dritten Zuges fanden sechs 
Jahre später diese Städte fast leer, meist in Ruinen. Aus Serdica 
ließ König Bela die Reliquien des heiligen Johannes von Rila 
nach Grau wegführen ; erst nach einigen Jahren v/urden sie unter 
Kaiser Isaak aus Ungarn zurückgebracht ^). Nemanja wendete 
sich dann gegen die Seestädte der komnenischen Provinz von 
„Dalmatien und Dioklien'^ Er besetzte die einst schon im 
11. Jahrhundert von den Fürsten Dioklitiens beherrschte Stadt 
Skutari mit ihrer Burg, welche man damals infolge einer merk- 
würdigen, durch die St. Sergiuslegende vermittelten Übertragung 
mit dem Namen einer syrischen Stadt als Rosaf bezeichnete -). In 
der Umgebung eroberte er die vier Bischofsitze Sarda '■'), Dagno, 
Drivasto und Svac und die drei großen Hafenstädte Dulcigno, 
Antivari und Cattaro. Einen Einblick in das Detail gewährt ein 
leider undatierter Brief des Erzbischofs Gregor von Antivari an 



1) Niketas 359f. ; Annales Zwettl. zu 1182 und 1183 (vgl. Huber 
a. a. 0. 1, 372); Ansbert ed. cit. 19 f.; König Stephan cap. 7; Vita des 
hl. Johannes von Rila: Werke des Patriarchen von Bulgarien Euthymius 
herausg. von Kaluzuiacki (Wien 1901) 21 f. 

2) Rosaf des Königs Stephan cap. 7 und Rosapha (Sergiopolis) in 
Syrien nördlich von Palmyra in der Vita der hl. Sergius und Bacchus: 
Ilarion Ruvarac, Glasnik 49 (1881) 39 und mein Christ. Elem. 49 f. 

3) „Sardonikij (sie) grad" bei König Stephan ist wohl zu lesen als 
Adjektiv: Sardonskij (lat. Sardanensis). 



ä6€ Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

den Domherrn Gualterius von Spalato, geschrieben während einer 
großen Bedrängnis der Stadt von Seite des Großzupans (a magno 
jupano). Im verflossenen Jahre habe er die Stadt gezwungen, ihm 
800 Perper zu versprechen, und weil die Antivarenser wegen 
Verwüstung ihrer Ländereien nicht zahlen können, wüte und drohe 
er von neuem. Von Knez Michael, dem letzten der kleinen Fürsten 
Dioklitiens, sei nicht viel Hilfe zu erwarten, weil er „von seineu 
Oheimen bedrängt wird" (ab avunculis molestatus), worunter Ne- 
manja und dessen Brüder zu verstehen sind ^). Auf die Dauer 
konnte sich die Stadt nicht halten, weil sie abseits vom Meere 
liegt und leicht ganz eingeschlossen werden kann. Am 20. August 
1189 kam die Comitissa Desislava, Frau dieses Comes Michael, 
begleitet von dem Erzbischof Gregor von Antivari, den Zupanen 
Crneha und Crepun, dem Kazuac Grdomil und anderen Edelleuten 
wahrscheinlich auf der Flucht nach Ragusa und übergab der Ge- 
meinde zwei Schiffe -). Sicher ist es, daß der Erzbischof Gregor 
nicht mehr nach Antivari heimgekehrt, sondern in Zara geblieben 
ist ^). Ebenso sicher ist es, daß es seit Nemanjas Zeit keine dio- 
klitischen Fürsten aus dem alten Hause mehr gab und daß in den 
Titeln der Nachfolger des Nemanja die Entstehung ihres Reiches 
aus zwei Teilen, aus dem serbischen (rassischen) und dem Küsten- 
gebiet stets hervorgehoben wird. Auch Cattaro konnte nicht lange 
widerstehen. Im September 1181 wird in einer Urkunde kein 
Oberherr erwähnt, auch nicht der byzantinische Kaiser, sondei'n 
nur der einheimische Comes Triphon als „dominator Catari'' ^). Im 
Jänner 1186 ist ein Beschluß der Gemeinde von Cattaro bereits 
datiert unter der Regierung des Großzupans Nemanja: „tempore 
domini nostri Nemanne, magni jupani Rasse •^)**. Die kirchlichen 
Verhältnisse bheben durch die politische Veränderung unberührt. 



1) Kukuljevic, Cod. dipl. 2, 115 (bei Smiciklas 2, 170 ist gerade 
ein Teil der Stelle über „Knesius Michahel" ausgefallen). 

2) „Ego comitissa Desislauj (sie), magni comitis Mich(aelis) uior." 
Herausgegeben von A. Vucetic: Srgj 5 (1906) 54—55; vgl. Arch. slaw. 
Phil. 2Ü (1904) 167. 

3) Smiciklas 2, 270, 282 (1194—1196). 

4) Smiciklas 2, 179. 

5) Rad 1 (1867) 127; Smiciklas 2, 198. 



Der Großzupau Stephan Nemanja. 2(57 

Der Erzbischof von Bari schenkte eben damals (1187) dem Bischof 
von Cattaro zwei Häuser, damit er auf Besuchen bei seinem kirch- 
heben Oberhaupt in ApuUen darin wohnen könnte, und vermittelte 
den Cattarensern bei der Kaiserin Konstanze (1195) Befreiung 
von Anker- und Platzgebühren für ihre nach Bari kommenden 
Schiffe 1). 

Ragusa zu unterwerfen ist den Serben nie gelungen, infolge 
der für mittelalterliche Kriegskunst vortrefflichen Lage der Stadt, 
welche, am offenen Meere gelegen, gegen die Landseite durch den 
gewaltigen Berg des heiligen Sergius gedeckt wird. Einige Nach- 
richten über die damaligen Ereignisse sind in den im 15. — 18. 
Jahrhundert aus älteren Notizen und Urkunden redigierten Chro- 
niken der Stadt erhalten -). Der Bruder des Nemanja Sracimir ') 
soll (1184) einen Feldzug gegen die Lisel Curzola unternommen 
haben. Die Insulaner vei-brannten seine Schiffe, schlössen ihn ein 
und zwangen ihn zu einem Frieden, in welchem Sracimir mit 
seinen Brüdern Nemanja und Miroslav ver.sprechen mußte, daß 
Curzola aller Verpflichtungen gegen die Herren von Chelmo für 
immer ledig sei '). Nemanja rüstete dann gegen Ragusa nicht nur 
ein Landheer, sondern auch eine Flotte, doch auf dem Meere 
hatten die Serben kein Glück. Nemanjas Bruder Miroslav wurde 
mit 13 Schiffen und Booten am 18. August 1184 bei dem Dörf- 
chen Poljice, an der Küste zwischen Orasac (Valdinoce) und Malti 
gegenüber der Insel Calamotta, von der 11 Schiffe starken Flotte 
der Ragusaner vollständig geschlagen und verlor alle seine Fahr- 
zeuge ■'■). Im Sommer 1185 erschien Miroslav vor der Stadt an 



1) Cod. dipl. Bar. 1, 115, 128. 

2) Besser in der um 1G50 verfaßten Chronüc desGoudola (unediert\ 
als bei Ragnina, Orbini, Luccari und Resti. 

3") Gondola hat Strasciiniro, Orbiui Costanthio. 

4) Gondola nennt neben Curzola auch das ferne Lissa; gemeint ist 
wohl das nähere Lasta (jetzt Lagosta). Die Inseln Curzola, Lagosta, Lissa, 
Brazza gehörten 1185 zum Bistum von Lesina (episcopus Pharensis) : Smi- 
ciklas 2, 193. 

5) „Appresso Poglize" Gondola Ms. Andere Ragusaner verlegen das 
Schlachtfeld in das ferne Albanien: Ragnina 218 an das Vorgebirge Pali 
bei Durazzo, Orbini 192, 247 und Luccari ^26 nach „Porto de' Rausei 
iii Albania" 'Jetzt Porto Raguseo südlich von Yalona). 



268 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

der Spitze eines großen Heeres mit Belagerungsmaschinen zum 
Werfen von Steinen und Hölzern und begann am 1. Juli den 
Angriff. Am siebenten Tage, einem Sonntag ^), als das Volk in 
der Kirche der Märtyrer Petrus, Andreas und Laurentius '-) betete, 
verbi'annte er seine Maschinen und zog wieder ab, wahrscheinlich 
infolge der Nachrichten über die Verbindungen der Ragusaner mit 
den Normannen. Ragusa, ohne Schutz von Byzanz, unterwarf sich 
für eine Reihe von Jahren dem Königreich von Sizilien (1185 bis 
1192), leistete den sizilischen Königen Wilhelm H. und Tankred 
den Treueid, behielt aber die einheimischen Obrigkeiten. In diesen 
Jahren (1186 — 1191) war Comes der aus den Urkunden dieser 
Zeit wohlbekannte Gervasius (slaw. Krvas), Vorfahr des Patrizier- 
geschlechtes der Martinussio. Nach dieser Veränderung schloß der 
Großzupan Nemanja mit seinen beiden Brüdern durch seine Ge- 
sandten einen Frieden mit der Stadt, in Anwesenheit eines Ver- 
treters des normannischen Königs, des Kämmerers Tasahgard 
(27. September 1186). Alle Streitfragen über Weinberge, Schiffe, 
Menschen, Vieh und anderen Besitz werden beiderseits der Ver- 
gessenheit überliefert; das Territorium von Ragusa wird bestätigt, 
der freie Handel der Ragusaner im Lande der drei Brüder, be- 
sonders an der Narentamündung (portus Narentij und ebenso 
der der Slawen, vor allem von „Chelmania^', in der Stadt wieder 
eröffnet •^). 

König W^ilhelm H. hatte indessen den vierten und letzten Zug 
der Normannen gegen das byzantinische Reich begonnen. Dyr- 
rhachion ergab sich sofort, Thessalonich nach einer kurzen Be- 
lagerung (August 1185). Die Scharen der Sieger rückten bis in 
das Küstengebiet unter der Rhodope, während ihre Flotte die 



1) Auf den 7. Juli 1185 fällt richtig ein Sonntag. 

2) Diese lokalen Märtyrer (Festtag 7. Juli) stammten vom Golf von 
Cattaro. Die Reliquien wurden 1026 nach liagusa gebracht (Ragnina 210). 
Ihre Geschichte ist durch die Kombinationen der Chronisten des 15. — 16. Jahr- 
hunderts ganz verdui.'kelt , welche sie als Opfer der Heiden, Schismatiker 
oder Häretiker darstellen. Vielleicht gehört ihr Martyrium in die Zeit der 
Raubzüge der Sarazenen auf der Adria. 

3) Smiciklas 2, 201. Tasselgardus camerarius auch Cod. dipl. Bai*. 
1, 128. 



Der GroRzupau Stephan Nomaiija. 269 

Umgebung von Konstantinopel plünderte. Die Katastrophen führ- 
ten zum Sturz des Kaisers Andronikos und zur Erhebung des 
Isaak Angelos (12. September). Doch bald wendete sich das 
Kriegsglück. Der Feldherr Alexios Vranäs erfocht einen glänzen- 
den Sieg über die Normannen bei Dimitritza an der Brücke über 
den unteren Strymon (7. November 1185). Rasch folgte ein 
Friedensschluß und der Abzug der Normannen aus den besetzten 
Städten. 

Kaiser Isaak, mehr durch Zufall als durch persönliches Ver- 
dienst auf den Thron erhoben, suchte unermüdlich auf Feldzügen 
von Belgrad bis zur seldschukischen Grenze zu retten, was bei 
dem Niedergange des Reiches zu retten war. Mit Bela III. schloß 
er Frieden, heiratete dessen Tochter Margarete und erhielt als 
Heiratsgut die verlorenen Städte im Moravatale zurück ^). Bald 
folgte ein Aufstand des kriegerischen Adels von Bulgarien, diesmal 
im Donaugebiet (ll86j, unterstützt von den Kumanen (Polovci 
der Russen) der pontischen Steppe. Es entstand das zweite bul- 
garische Reich, mit der Residenz in der „Dornenburg" Trnov ^). 
An der Spitze standen als „Kaiser" zwei Brüder, Peter oder 
Kalopetros, nach dem Pomenik von Panagjuriste •') ursprünglich 
Theodor genannt, und Äsen (lies Asjän, '^advr^Q, Assanus), nach 
demselben Denkmal mit dem Beinamen Belgun, „Weißpelz"*). 
Die Fortschritte der Bulgaren erleichterte die Revolution des Sie- 
gers über die Normannen Alexios Vranas, der sich zum Kaiser 
erklären ließ, aber vor den Mauern von Konstantinopel den Tod 
fand (1187). Ein Feldzug des Kaisers Isaak über Serdica und 
Lovec führte nur zu einem kurzen Waffenstillstand mit den Bul- 



1) „Terram, quam pater tuus sorori tuae, imperatrici Grecorutn, dedit 
in dotem": Innozenz III. an Emei-ich, den Sohn Belas III., 1204 bei 
The in er, Mon. Slav. 1, 36. 

2) Von tr-in Dorn: altbulg. stets Tri.nov'i, (sc. grad) masc, neubulg. 
Ttmovo neutr. 

3) Drinov, Zumal MNP. 1885 Apr. Annahme des Namens Peter, 
wie bei Bodin (ygl. oben S. 235). 

4) Der Naire ist kumanisch, Fürsten der Kumanen (Polowzer) heißen 
im 11. Jahrhundert Osent, Osent, Asent: Nestor ed. Miklosich p. 127, 
153, 180. 



270 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

garen. Der Großzupan Nemanja, welcher mit Peter von Bulgarien 
einen Bund geschlossen hatte \), besetzte Nis und zerstörte in dem 
zum Bistum von Nis gehörigen Timoktal die Burgen von 
Svrljig, Ravni (jetzt Ravno bei Knjazevac) und Koztl (jetzt 
Kozelj) ^). 

Da verbreitete sich weit in den Orient die Nachricht, in 
Deutschland versammle sich ein großes Kreuzheer, um das soeben- 
(1187) verlorene Jerusalem wieder den Mohammedanern zu ent- 
reißen. An der Spitze stand der mächtigste Herrscher des Westens^, 
Kaiser Friedrich I. , welcher schon vor 40 Jahren am zweiten 
Kreuzzug teilgenommen hatte. Die Byzantiner hegten große Be- 
fürchtungen , da Friedrich und Manuel noch vor wenigen Jahren 
Feinde in Italien gewesen waren. Die Serben und Bulgaren 
rechneten mit dem Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den 
Deutschen und Griechen. Zu Weihnachten 1188 trafen am kaiser- 
lichen Hoflager in Nürnberg Gesandte des Nemanja ein und über 
reichten ein Schreiben, nach welchem der Serbenfürst den Durch- 
zug des Kreiizheeres durch sein Land mit größter Freude erwartete 
und nichts sehnlicher wünschte, als den Kaiser persönlich zu be- 
grüßen ■5). Das Heer, an 100 000 Mann stark, zog im Frühjahr 
1189 auf dem gewohnten Wege längs der Donau bis Branicevo. 
König Bela IH. hat den Kaiser in Gran freundlich empfangen, 
doch die Schar der ungarischen Kreuzfahrer kehrte auf seinen 
Befehl sofort aus Thrakien zurück, als es zum Kampf gegen die 
Griechen kam. Die erste Stadt des byzantinischen Reiches, Belgrad, 
war halb zerstört. In Branicevo wurde der Kaiser vom byzan- 
tinischen Dux zum Schein freundHch begrüßt (2. Juli). In den 



1) (Comites de SerTia) „partem Bulgarie sue dicioni subiugaverant, 
federe inito cum Kalopetro adversus imperatorem Constantinopolitanum". 
Ansbert 24. 

2) König Stephan cap. 7. 

3) Annales Colonienses maximi, Mon. Grerm., Script. 17, 795 — 796: 
„legati Servianensis regis". Weiter unten bei Nis (p. 797j „princeps dictus 
Serf". Über den Durchzug durch die Balkanländer der Brief des Bischofs 
Dietpold von Passau ib. 17, 509, die Berichte des Passauer Domherrn Ta 
geno, des sogenannten Ansbert (Fontes rer. austr. Bd. 5) und des Nike- 
tas Akominatos. Serbische Quellen fehlen. 



Der Großzupan Stephan Nemanja. 271 

Einöden des „ Bulgaren waldes", in welchen die der Wege kun- 
digen Ungarn vorausgingen, erfolgten Angriffe auf den Nachtrab 
und Troß, unternommen von byzantinischen Söldnern, Griechen, 
Bulgaren, Serben und Wlachen mit vergifteten Pfeilen, nach der 
Aussage der Gefangenen auf Befehl des Dux von Branicevo. In 
Nis erschienen vor dem Kaiser der serbische Großzupan Nemanja 
und sein Bruder Sracimir mit großem Gefolge und brachten reiche 
Geschenke, Wein, Gerste, Ochsen und Schafe, überdies auch See- 
hunde und gezähmte Hirsche (27. Juli). Ehrenvoll empfangen, 
erzählten sie, daß sie mit dem dritten Bruder Miroslav Nis und 
die ganze Umgebung bis Serdica aus dem Besitz der Griechen 
„mit Schwert und Bogen" erobert haben und daß sie ihre Erobe- 
rungen nach jeder Richtung ausbreiten wollen. Für alle diese 
Erwerbungen wünschten sie Vasallen des deutschen Kaisers zu 
werden, bereit, ihn mit allen ihren Leuten gegen die Griechen zu 
unterstützen. Doch Friedrich dachte damals nur an den Kampf 
gegen die mohammedanischen Eroberer Jerusalems ^). In An- 
wesenheit des Kaisers wurden die schon früher begonnenen Ver- 
handlungen über die Heirat des Sohnes des Miroslav von „Chel- 
menia", des jungen Toljen, mit einer Tochter Berchtolds (IV.) von 
Andechs, des Markgrafen von Istrien und Titularherzogs von 
Kroatien, vollendet. Toljen sollte vor allen seinen Brüdern der 
Nachfolger Miroslavs werden, was die serbischen Fürsten durch 
Handschlag bekräftigten; es war verabredet, daß die Braut am 
folgenden St. Georgstag dem Toljen in Istrien übergeben werden 
sollte -). Auch Gesandte Peters von Bulgarien kamen, um Kaiser 
Friedrich zu begrüßen und Hilfe gegen die Griechen anzubieten. 
Auf dem W^eitermarsch durch die Berge und Wälder nach Serdica 



1) Der Bericht Ansberts ist ohne Zweifel richtiger als der des Ar- 
nold von Lübeck IV, 8, welcher erzählt, der „dux" der „Servi" habe 
sich dem Kaiser unterworfen und sein Land von ihm „iure beneficiario" an- 
genommen. 

2) Die Stelle über Tolni (richtig wohl Tolin) ist vollständig erhalten 
im Grazer Kodex des Ansbert; vgl. A. Chroust, Neues Archiv f. alt. 
deutsche Gesch. 16 (1891) 51! — 526 und meine Abh. über Toljen im Glas 
35 (1892). Ob der Heiratsvertrag zur Ausführung gelangte, ist zu be- 
zweifeln. 



372 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

stießen die Kreuzfahrer auf die gegen die Serben aufgestellten 
byzantinischen Truppen unter dem Befehl des Großdomestikos 
(Marschalls) des Westens Alexios Gidos und des Manuel Kamytzes 
und mußten sich den Weg durch zwei mit Steinen und Holzwerk 
befestigte Pässe (clausurae) bahnen. Die Feldherren korrespon- 
dierten freundlich mit Kaiser Friedrich, beunruhigten aber das 
Kreuzheer durch ihre Truppen, welche aus dem dichten Busch- 
werk oder von hohen Bäumen ihre Giftpfeile abschössen und bei 
Nacht das Lager belästigten. Die Kreuzfahrer verteidigten sich 
mit Schwert und Armbrust und hängten die Gefangenen scharen- 
weise auf den Bäumen auf, mitunter „nach Wolfsart" mit dem 
Kopf abwärts. Serdica fand man fast leer, ohne Vorräte; die 
Einwohner hatten sich auf Befehl der Griechen in die nahen Berge 
zurückgezogen. Das alte Trajanstor, die „Bulgarenklause" (clau- 
surae Bulgariae) war durch große Verhaue aus Bäumen und Steinen 
gesperrt, die aber mit Leichtigkeit niedergebrannt und weggeräumt 
wurden. Sechs Wochen nach dem Abmarsch aus Branicevo stieg 
das Heer aus den öden Wäldern Bulgariens jubelnd in die an 
Wein und Getreide reiche Ebene von Philippopel herab. Da kam 
es zum offenen Kriege. Zu den Ursachen gehörte der Verdacht 
des Isaak, Kaiser Friedrich habe dem Großzupan byzantinische 
Provinzen zu Lehen gegeben. Die Kreuzfahrer verwüsteten die 
Ebene von Philippopel, ebenso nach der Ankunft in Adrianopel 
(November 1189) das ganze südliche Thrakien. Friedrich rüstete 
sich zum Angriff auf Konstantinopel. Nun wurde mit den Serben 
und Bulgaren über ein Bündnis verhandelt. Beide versprachen 
60 000 Mann; davon entfielen 40000 auf die Bulgaren, Wlachen 
und Kumanen des Peter, so daß das Heer der Serben auf 20000 
Mann geschätzt werden kann ^). Dem Bulgaren Peter handelte 
es sich auch um die Anerkennung seines Kaisertitels und Ge- 
währung einer Krone. Die Verhandlungen mit Nemanja, welcher 
im Winter den Kreuzfahrern bis zum Trajanstor nachgezogen war, 
führte Herzog Berchtold. Gesandte des Großzupans erschienen 
beim Kaiser in Adrianopel. Berchtold wurde zurückgesendet, um 
beim Trajanstor (in introitu clausarum Bulgariae) eine persönliche 



1) Ansbert p. 44, 53. 



Der Großzupan Stephan Nemanja. 373 

Besprechung mit Nemanja abzuhalten. Er traf den Großzupan 
nicht an der verabredeten Stelle, da derselbe eben durch große 
kriegerische Unternehmungen auf dem Boden des alten bulgarischen 
Reiches (grandi labore et hello in Bulgaria) beschäftigt war, und 
verständigte sich mit ihm nur durch Boten (Jänner 1190) ^). 
Nemanja zerstörte indessen die byzantinischen Burgen von Serdica 
bis Prizren: die feste, seit den Kriegen Basilios' II. berühmte Burg 
Pernik an der obersten Struma, Zemltn (jetzt Zemen) in der 
oberen Enge der Struma zwischen Radomir und Küstendil, die 
Bischofstadt Velbuzd (jetzt Küstendil) -), die Burg Zitomitsk (viel- 
leicht die Ruine bei Pastuch) in den unteren Engen der Struma 
zwischen Küstendil und Dupnica, endlich Stob am Flusse Rila '^). 
Er besetzte auch Skopje, Prizren und die Landschaften Ober- und 
Unter-Polog ^). Enttäuscht waren die Anführer der Serben und 
Bulgaren, als sie hörten, Kaiser Friedrich habe in Adrianopel 
(14. Februar 1190) mit den Byzantinern wieder Frieden ge- 
schlossen und den AVeitermarsch über den Hellespont nach Asien 
angetreten. 

Kaiser Isaak wendete sich nach dem Durchmarsch der „Ala- 
mannen" gegen die Völker der Halbinsel (1190). In Bulgarien 
fand er die Städte und Burgen gut befestigt und erlitt bei dem 
Rückzug über den Hämus eine arge Schlappe. Im Herbst zog 
er mit frischen Kräften von Philippopel nach Nis gegen die Serben. 
In einer Schlacht an der Morava, in welcher der Kaiser selbst 
gewappnet auf einem Hügel zusah, siegten die Byzantiner und 
verheerten das Land, wobei eine Residenz des Nemanja, wohl an 
der TopHca, niedergebrannt wurde. Der Großzupan schloß Frie- 



1) Ansbert ed. cit. 42, 46, 47. Vgl. K. Zimmert, Der deutsch- 
byz. Konflikt von JuU 1189 bis Febr. 119a: Byz. Z. 12 (1903) 42—77. 

2) Velbuzd {Btktßova^iüv ßyz. Z. 2, 43, 52) schreibt der Kodex der 
Vita von König Stephan Velbluzd, als ob der Name von velblud Kamel 
abgeleitet wäre ; er stammt aber vom Eigennamen Velebud , Velbud (vgl. 
Dorf Velebudice in Böhmen). 

3) Über diese Ruinen vgl. meinen ßeisebericht in den Arch. epigr. 
Mitt. 10 (1886) 56, 58, 70, 73. 

4) König Stephan, cap. 7. Niketas p. 569 nennt nur Skopje; die 
Verheerung von Ni§ und Stob {Zrovfxniov) schreibt er den Bulgaren zu. 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 18 



374 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

den. Die Bedingungen zeigen, daß der Sieg nicht so vollständig 
war, wie ihn Niketas Akominatos in einer Rede an den Kaiser 
darstellt: der eidbrüchige, zu jeder Schlechtigkeit bereite Nemanja 
sei vor Isaak in die „ödesten der Einöden'^ geflohen und das 
Land sei leer geworden, ein Wohnsitz nur für die Winde ^). 
Die Serben behielten einen ansehnlichen Teil des byzantinischen 
Gebietes -). Serbisch blieb im Osten das Gebiet zwischen den 
Bergen von Rudnik und der vereinigten Morava mit den Fluß- 
tälern der Lepenica (bei Kragujevac), Bjelica und des Levac, 
ferner die Landschaft Zagrlata (bei Djunis) in dem Mündungs- 
winkel der beiden Morava, endlich südhch von Nis die Landschaft 
Glubocica (bei Leskovac). Im Süden fiel ihnen das ganze Amsel- 
feld zu mit dem Flußgebiet der Sitnica und des Lab und der 
Stadt Lipljan. Im Becken des Weißen Drim behielten sie die 
zum Bistum von Prizren gehörige Landschaft Hvostno um Pec 
und Decani herum, in Nordalbanien die Landschaften Ober- und 
Unter- Pilot auf dem Weg von Prizren nach Skutari. Bleibend 
war die Erwerbung der Küstenstriche von Dioklitien oder Zeta, 
voran der Städte Skutari, Antivari und Cattaro. Nach diesen 
Abtretungen waren Belgrad, ßavno, Nis, Skopje, Prizren, Kroja 
und Alessio die Grenzstädte des byzantinischen Reiches. Die 
Tendenz der Byzantiner, die Freundschaft der Serben für lange 
Zeit zu gewinnen, ist überdies sichtbar an einem Heiratsbündnis: 
Nemanjas Sohn Stephan wurde mit des Kaisers Nichte Eudokia 
verheiratet, der Tochter seines Bruders Alexios und der Euphro- 
syne Dukaina '^), Isaak zog sodann bis Belgrad und hatte dort 
eine Zusammenkunft mit seinem Schwiegervater, König Bela III. 
Es war das letzte Mal, daß man an der Savemündung einen 
griechischen Kaiser mit seiner Armee zu sehen bekam. Die Ver- 
änderung der Lage machte sich auch im adriatischen Küsten- 
gebiete bemerkbar. Im Juni 1190 sicherte sich Miroslav für alle 



1) Rede des Niketas Akominatos ed. Miller im Recueil des histo- 
riens des croisades, Historiens grecs 2, 737—741. Vgl. auch Eustathios 
ed. Tafel p. 43 § 10. 

2) Urk. des Nemanja, Mon. serb. 4 und Vita von Öava cap. 1. Vgl. 
Novakovic: Godisnjica 1 (1877) 163 f. 

3) Noch unter Kaiser Isaak: Niketas p. 704. 



Der Großzupan StepLan Nernanja. 375 

Fälle eine Zufluchtsstätte in Ragusa, das noch unter der Hoheit 
des Königs Tankred stand ^). Während des Krieges des Sohnes 
Friedrichs I., des Kaisers Heinrich VI., gegen die Normannen 
zogen es die Ragusaner vor, sich wieder den Griechen anzuschheßen. 
Im Vertrage wurde ihnen von Kaiser Isaak besonders verboten, 
mit den Königen von „ Alamannien ", Ungarn, SiziHen, ebenso wie 
mit den Großzupanen von Serbien oder den Venezianern Bünd- 
nisse einzugehen (1192) -). 

Für Serbien begannen friedhche Zeiten. Im Osten der Halb- 
insel hatte der Krieg allerdings kein Ende. Die Bulgaren be- 
setzten Serdica (1194) und schlugen die Byzantiner bei Arkadio- 
polis (Lüle- Burgas). Kaiser Isaak Angelos rüstete sich zu einem 
neuen Zug nach Bulgarien im Bunde mit Bela III., als er 
(10. April 1195) im Lager von Kypselai (jetzt Ipsala) im süd- 
lichen Thrakien durch eine Militärrevolution gestürzt, auf der 
Jagd gefangen und geblendet wurde. Die Verschwörer erhoben 
auf den Thron seinen Bruder Alexios IIL Der neue Kaiser war 
Schwiegervater Stephans, des Sohnes Nemanjas, und verlieh ihm 
die von Alexios Komnenos errichtete zweithöchste Hofwürde eines 
Sevastokrator ■^). 

In Kirchenfragen waren die Großzupane nach der Eroberung 
des adriatischen Küstenlandes in freundschaftliche Beziehungen zu 
den katholischen Erzbischöfen von Ragusa und Antivari getreten. 
In der Zeit, als Nemanja mit Friedrich I. über einen Bund gegen 
Isaak verhandelte, sendete Papst Klemens III. (25. November 1189) 
„dilectis filiis, nobilibus viris megajupano, Straschimiro et Mi- 
rosclabo" ein Empfehlungsschreiben für den neuernannten Erz- 
bischof Bernard von Ragusa, dessen Sprengel sich auch auf ser- 
bisches Gebiet erstreckte ^). Nemanjas Sohn Stephan hat (1199) 
die Briefe und Legaten des Papstes Innozenz III. freundlich emp- 
fangen und sich bei der Beteuerung seiner Anhänglichkeit an die 



1) Kukuljevic 2, 157. Smiciklas 2, 245. 

2) Der Inhalt erhalten bei Gondola: Mon. bist. jur. 9 p. LXII, 
Smiciklas 2, 25G. 

3) Mon. serb. ö. 

4) Smiciklas 2, 238. 

18* 



376 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

römische Kirche auf das Beispiel seines Vaters berufen ^). In der 
Biographie seines Vaters erwähnt er die Geschenke, welche Ne- 
manja den großen Kirchen der Christenheit gesendet habe, nicht 
nur nach Jerusalem, Konstantinopel und an die Kirche des heiligen 
Demetrios in Thessalonich, sondern auch nach Westen, an die 
Kirchen der heiligen Apostel Peter und Paul in Rom und des 
heiligen Nikolaus in Bari ^). Nemanjas Sohn Vlkan blieb als 
Herr von Antivari und Cattaro stets in Verbindung mit der rö- 
mischen Kirche. 

Die orientalische Kirche hatte indessen im Osten Serbiens 
vollständig die Oberhand gewonnen. In der Biographie des Ne- 
manja ist ,,sein Bischof" der von Ras. Noch vor seiner Er- 
hebung zum Großzupan hatte Nemanja mit der Stiftung von Klö- 
stern begonnen. In Serbien ist das bedeutendste Denkmal das 
heute noch bestehende Kloster am Gebirgsbache Studenica („Kalten- 
bach"), der Mutter Gottes der „Wohltäterin " geweiht, im unteren 
Ibargebiet nördhch von Ras, mit einer kleinen schönen Kirche 
aus weißem Marmor zwischen hohen Bergen inmitten großer 
Wälder gelegen. Mit den Klöstern des Athos kam Nemanja 
durch ein eigentümliches Ereignis in seiner E'amilie in Berührung. 
Sein jüngster Sohn Rastko ^) beobachtete eifrig die frommen Werke 
des Vaters und las fleißig die heiligen Bücher. Die Erzählungen 
einiger Athosmönche, welche an den Hof des Großzupans kamen, 
um milde Gaben zu sammeln, besonders eines Russen, ließen ihn 
den Entschluß fassen, heimlich zu den Weltüberwindern auf den 
Heihgen Berg zu entfliehen. Unter dem Vorwand einer Jagd ent- 
fernte er sich aus dem Elternhause und gelangte ohne Hindernis 
an das Ziel seiner Wünsche. Die Edelleute, die ihm Nemanja 
nachsendete, fanden den schönen Jüngling im Kloster Vatopedi 
als Mönch Sava {^aßßdg) ^). 

1) Stephan, „uaagnus juppanus totius Seruye" an Innozenz III.: „nos 
autem semper consideramus in vestigia sancte lomane ecclesie, sicut bone 
memorie pater mens ". T h e i n e r , Mon. Slav. 1 , 6 (ohne Datum , Antwort 
auf das päpstl. Schreiben vom 2. Jänner 1199 ib.). 

2) König Stephan cap. 8. 

3) Ein Diminutiv zu Rastimir, Rastislav. 

4) König Stephan cap. 9. Sava cap. ü. Bei Domen ti an und 
Theodosij mehrere abweichende Details. 



Der Großzupan Stephan Nemanja. 377 

Die geordneten Verhältnisse ermöglichten es Nemanja, frei- 
AviUig abzudanken und dem Beispiel seines jüngsten Sohnes zu 
folgen. Die Abdankung erfolgte feierlich auf einem Landtag 
(März lJ96)i). Von den beiden älteren Söhnen Nemanjas folgte 
als Großzupan der begabte Stephan. Vlk oder Vlkan erhielt mit 
dem Titel eines Großfürsten (velji knez) noch während der Re- 
gierung des Vaters drei untereinander nicht zusammenhängende 
Gebiete: Dioklitien und Tribunien, Hvostno bei Ped und die 
Toplica. Im Küstenlande führte er schon 1195 auch den alten 
dioklitischen Königstitel , den er vielleicht durch eine Heirat mit 
einer Fürstin aus dem einheimischen Geschlecht erworben hatte 2). 
Nemanja ließ sich vom Bischof von Ras sofort zum Mönch ein- 
kleiden, mit dem Namen Syraeon, und zog sich zuerst nach 
Studenica zurück. Seine Gemahlin Anna nahm den Schleier als 
Nonne Anastasia und begab sich in das Frauenkloster der Mutter 
Gottes in Ras. Doch Nemanja sagt selbst, das Wort der Heiligen 
Schrift, niemand werde als Prophet in seinem Vaterlande gern 
aufgenommen, sei an ihm in Erfüllung gegangen; dies habe ihn 
bewogen, den Kreis seiner Belüinnten und Kinder zu verlassen '^). 
Der Briefwechsel mit Sava bestimmte ihn, sich auf den Athos zu 
begeben (Oktober 1197). Die Hegumene, Mönche und Eremiten 
des Heiligen Berges begrüßten den alten Serbenfürsten mit der 
größten Achtung und Freude. Seitdem Sava auf den Athos ge- 
kommen war, hatte das Kloster Vatopedi die Freigebigkeit der 
frommen Serben in Fülle erfahren, durch Widmungen in Gold, 
Silber und Pferden, die bei der Ankunft des Mönches Sjmeon 
in größerem Maße sich wiederholten. Der Großzupan im Mönchs- 
gewand wollte alle Athosklöster sehen und ließ auf dieser Rund- 



1) Über die Chronologie Iv. Pavlovic: Glasnik 47 (1879) 298. 

2) Vlkan eine Kurzform für Vlkoslav, Vlkomir, Vlkodrug usw. 
(vlk Wolf). Vlbk im Evangelium um 1202, Stojanovic, Zapisi 1, 5, und 
in der Inschrift von Moraca ib. 1, 7 nro. 17, Bülxog bei Niketas, Vulcus 
in Ungar. Urk., Vulchus Urk. 1286 Spomenik 11, 21, Velcannus in der In- 
schrift über die Erbauung der Kirche des hl. Lukas in Cattaro 1195 (genaue 
Kopie von Georg von Stratimirovic im Spomenik 28, 11), in den Urk. 
Tou Cattaro, Wulcanus in päpstl. Urk. 

3) Mon. serb. 5. 



378 Drittes Buch. Fünftes Kapitel. 

reise überall ein schönes Geschenk zurück, Vater und Sohn 
faßten den Entschluß, ein eigenes serbisches Kloster auf dem 
Athos zu stiften, zum Andenken an ihre Dynastie und zum Nutzen 
ihres Volkes. Eine geeignete Stelle fanden sie auf der Nordseite 
der Halbinsel, nahe bei dem Isthmos von Prevlaka. Dort lagen die 
Ruinen eines von den Piraten zerstörten Klosters, Chilandar (griech. 
XelavTccgior, XiXiavöccQiov) genannt. Sava reiste nach Konstan- 
tinopel und erhielt von Kaiser Alexios III., dem Schwiegervater 
seines Bruders, ein ChrysobuU mit der Schenkung dieses verödeten 
Klostergrundes und der Bestätigung der neuen Stiftung als eines 
„kaiserlichen Klosters" i). Die serbisch verfaßte Gründuugsurkunde 
zählt die wenigen Güter auf, deren Zahl sich mit der Zeit so be- 
deutend vermehrte : mehrere Dörfer bei Prizren auf byzantinischem 
Boden, ein bei dem Kaiser erbetenes Geschenk, und einige An- 
siedlungen der Wlachen bei Podgorica -). Der Sohn, Großzupan 
Stephan, lieferte die Mittel zum Bau der Kirche (Maria Verkün- 
digung), der Wohngebäude, der hohen Festungsmauern und Türme, 
welche den Athosklöstern das Aussehen mittelalterlicher Burgen 
verleihen. Das Kloster Chilandar ist auch gegenwärtig eine 
Sehenswürdigkeit, in einem gegen Norden gewendeten Waldtal, 
umsäumt von schlanken, dunkeln Zypressen, umgeben von Wein- 
gärten und Obstpflanzungen, mit schönen Gebäuden und einer 
prachtvollen Kirche, welche jedoch nicht mehr der Bau des Ne- 
manja ist, sondern ein Neubau des Königs Stephan Uros IL 
Milutin (um 1300) ■'). In dem Hauptort des Heiligen Berges, in 
dem hochgelegenen, nach seinen Walnußbäumen genannten Karyäs 
(serbisch als Orahovica übersetzt), in welchem alle Klöster Sta- 

1) Die Urkunden des Kaisers Alexios III. für Chilandar (eine vom 
Jahre 6707 = 1198/99) erwähnt bei P. Syrku, Beschreibung der Papiere 
des Bischofs Porphyrij Uspenskij, Petersburg 1891 S. 274 (Zapiski der Akad. 
der Wiss. Bd. 64, Beilage 9). Die Ausgabe in den „Trudy" der geistl. 
Akademie von Kiew 1871 Juni ist mir leider unzugänglich. 

2) Mon. serb. 4—6 (ohne Datum). Das Original wurde 1896 nach 
Belgrad gebracht. 

3) Neubau: Daniel 132. Abbildungen: Geizer, Vom Heiligen Berge 
und aus Makedonien (Leipzig 1904) HO; N. P. Koudakov, Die Denk- 
mäler der Christi. Kunst auf dem Athos , russ. , Petersburg (Akademie der 
Wiss.) 1902 S. 35 f. mit Fig. 10 f. und Tafel II. 



Der Großzupan Stephan Nemanja. 379 

tionen fiir ihre Vertreter haben, gründete Sava einen Eremitensitz, 
ein „ Hesychasterion ", geweiht dem heiligen Sabbas von Jerusalem. 
Der alte Großzupan verlebte noch acht Monate in seinem Kloster. 
Er starb inmitten seiner Mönche, vor dem Bild der Mutter Gottes 
auf einer Strohmatte gebettet, mit einem Stein unter dem Haupte, 
kurz vor Anbruch des neuen Jahrhunderts ^). Ein Grab hatte er 
sich in Studenica vorbereitet, doch wegen der stürmischen Zeiten, 
die seinem Ableben nachfolgten, konnten seine Gebeine erst nach 
einigen Jahren in die Heimat zurückgebracht werden. Sie ruhen 
heute noch in dem weißen Klosterkirchlein von Studenica. Bald 
wurde Nemanja, der Mönch Symeon, von seinem dankbaren Volke 
unter die Nationalheiligen aufgenommen. 



1) Das Typikon von Chilandar gibt als Todesjahr Nemanjas den 
13. Februar 6708 (1200) an; vgl. die Faks. in der Ausgabe von Bischof Di- 
mitrije, Spomenik 31 (1898) 44. Pavlovic, Kovacevic und Jova- 
novic u. a. nehmen das Jahr 1199 an, da der Großzupan Stephan in dem 
Brief an den Papst (s. oben S. 276) seinen Vater als bereits gestorben er- 
wähnt. 



Viertes Buch. 

Serbien eine Großmacht der Halbinsel 
unter den Nachkommen des Nemanja 

(1196—1371). 



Erstes Kapitel. 

Die Söhne und Enkel des Nemanja während des la- 
teinischen Kaisertums. Erwerbung der Königskrone 
und Gründung der serbischen Nationalkirche durch 
Stephan den Erstgekrönten (1196 — 1228). König 
Stephan Uros I. (1243-1276) i). 

Die Blütezeit der serbischen Geschichte ist die Periode der 
Nemanjiden. Der Umfang Serbiens erweiterte sich durch be- 
deutende Erwerbungen, bis es in der Mitte des 14. Jahrhunderts 
nahezu zwei Drittel der Halbinsel umfaßte. Schon wenige Jahre 
nach Nemanjas Tod war die Gruppierucg der Nachbarstaaten 
vollständig verändert. Verschwunden war das alte griechische 
Kaisertum, Als es nach Vertreib ui)g der Lateiner wieder in 
Konstantinopel erneuert wurde, drängten die Serben einige Gene- 
rationen hindurch die Grenzen des Staates der Palaiologen gegen 



1) Das Quellenmaterial bilden Urkunden, sowohl die serbischen 
(Mi kl OS ich, Mon. serb. und Stojanovic im Spomenik Bd. 3), als die 
venezianischen und dalmatinischen (Ljubic, Smiciklas), ungarischen (Codex 
Arpadianus; Codex diplomaticus patrius u a), päpstlichen (Theiner) und 
griechischen (Miklosich und Müller, Acta graeca). Dazu kommen die 
serb. Inschriften und Epiloge der Handschriften (Stojanovic, Zapisi), 
sowie die griech. Briefe des Erzbischofs Deraetrios Chomatianos und des 
Kaisers Laskaris II. Legendenartig sind die serb. Biographien: des Nemanja 
von König Stephan (Zusätze bis 1215), des Erzbischofs Sava von den Mön- 
chen Domentian und Theodosij, der serb. Könige und Erzbischöfe 
von Erzbischof Daniel. Chroniken: Niketas Akominatos (bis 1206), 
Georgios Akropolites (bis 1261), Georgios Pachymeres (bis 1308), 
Archidiako « Thomas von Spalato (bis 12G6) und der Venezianer Martin 
de Canal (bis 1275). 



384 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Süden zurück, bis sich Stephan Dusan als Herr fast des ganzen 
Westens den byzantinischen Kaisertitel beilegte. Um die einst 
von den Byzantinern ausgeübte Oberhoheit über Serbien bemühten 
sich die einstigen Bundesgenossen der Serben gegen die Griechen, 
die Ungarn, was vereint mit Grenzfragen den Anlaß zu vielen 
Kriegen bot, Rivalen der Serben waren seit 1320 die Bosnier, 
Vasallen der ungarischen Krone, seitdem sie durch das Narentatal 
die Küste des Adriatischen Meeres erreicht hatten. Freunde 
Serbiens waren die Venezianer; ihr gemeinsamer Gegner waren 
die Anjous von Ungarn und Neapel. Als sich im Osten jenseits 
des byzantinischen Reiches eine neue islamitische Macht erhob, die 
osmanischen Türken, waren bei dem Verfall der auf ihre Stadt- 
mauern beschränkten Griechen und der durch die lange Tataren- 
not herabgebrachten Bulgaren die Serben das einzige Volk der 
Halbinsel, welches sich den Osmanen bei ihrem ersten Vordringen 
in Europa in großen Feldschlachten entgegenstellte. 

Die Geschichte der Balkanhalbinsel im 13. Jahrhundert bietet 
ein verwirrendes Bild rascher Verschiebungen der Machtverhält- 
nisse. Sowohl Einheimische, Griechen und Slawen, als Fremde, 
Franken und Ungarn, bemühten sich um die Hegemonie, ohne 
sie aber behaupten zu können. Die Situation veränderte sich 
durch unerwartete Zwischenfalle oft an einem Tage. Von den 
Umwälzungen wurden am meisten heimgesucht Albanien und Make- 
donien, welche in dieser Zeit keine selbständige Rolle spielten und 
rasch die Herren wechselten. 

Nemanjas Nachfolger, sein Sohn Stephan, war ein kluger und 
begabter, in byzantinischer Art gebildeter Mann ^), dabei ein ge- 
wandter Diplomat und umsichtiger Feldherr, jedenfalls einer der 
talentvollsten Männer unter den Nemanjiden. Während seiner 
langen Regierung (1196 — 1228) setzte er, unbeirrt durch die ge- 
waltigen Umwälzungen in den umliegenden Ländern, das Werk 
seines Vaters unverdrossen fort. In der kritischen Zeit um 1204 
wußte er sich mit Geschick sowohl gegen Nachbarn, als gegen 
Rivalen in der eigenen Familie zu behaupten und benutzte das 
Eintreten eioer günstigen Situation sofort zur Begründung der 



1) Lob des Dem. Chomatiauos nro. 10 (um 1217). 



Stephan der Erstgekrönte (1196—1228). 285 

politischen und kirchlichen Selbständigkeit des Vaterlandes. Bei 
<ien Serben blieb ihm der Beiname des „erstgekrönten Königs" 
(prvovjenöani kralj). 

Ungetrübt blieb der Friede, solange Nemanja als Mönch auf 
dem Athos lebte. Eine einzige Störung brachte ein ungarischer 
Einfall nach Zachlumien. Es hat ihn nicht Belas III. (f 1196) 
älterer Sohn und Nachfolger König Emerich unternommen, sondern 
der jüngere Andreas, der sich gegen seinen Bruder die Würde 
eines Herzogs von Dalmatien und Kroatien erkämpft hatte (1197) i). 
Er kam nach Zara und Spalato, legte sich den Titel eines „dux 
Chulmae" bei und rühmte sich nach einem kurzen Feldzug eines 
Sieges über Chelrao und Rassa (1198) -'). Das byzantinische Reich 
hatte unter der Regierung des Kaisers Alexios III., des Schwieger- 
vaters Stephans, von den Bulgaren einige Ruhe, nachdem die 
Brüder Äsen und Peter von einheimischen Gegnern ermordet 
worden waren, worauf der dritte Bruder, der „schöne Johannes" 
oder Kalojan, einen Frieden schloß. Schwere Sorge brachte eine 
Bewegung in Makedonien bei der Burg Prosek (wörtlich „der 
Durchhau"), die hoch über dem Wasserspiegel des Vardar in "den 
jetzt Demikapija (das Eiserne Tor) genannten Engpässen zwischen 
der Mündung der Cerna (des antiken Erigon) und der Küsten- 
ebene von Thessalonich gelegen war ^). In diesem Felsennest hat 
sich der Befehlshaber von Strumica, der Archont Dobromir Chrs 
iXQvaiqg) gegen ein von Alexios III. persönlich geführtes Heer gut 
behauptet (1198) i;. Chrs wurde in seinem Gebiet belassen, nach- 

1) Vgl. Huber, Archiv f. österr. Gesch. 65 (1884) 156—163. Klaic, 
hercegu Andriji (1197-1204): Rad 136 (1898). 

2) Smiciklas 2, 293, 296. 

3) Lage von Prosek {nQÖaaxo^): Marsch von Gynaikokastron (jetzt 
Avret-Hissar) über Prosek und Veles nach Skopje bei Kantakuzenos III 
cap. 42. Die feste Position schildern Niketas und Theodos ij. Wahr- 
scheinlich die Burgruine mit kyklopischen IVIauern über der Ostseite der 
„Demirkapija": Hahn, Reise durch die Gebiete der Drin und Wardar 
(S. A.), Wien 1867, 167—171. 

4) Chryses des Niketas wurde von Hopf u. a. unrichtig identifiziert 
mit dem späteren Strez von Prosek. Demetrios Chomatianos unter- 
scheidet klar beide Namen: Xovarig (slaw. Chr^Ls, Ortsname Chr-Lsovo; vgl. 
den russ. Gott Chors bei Nestor) und ZiQs'aTCog (Kurzform von Strezimir 



286 Viertes Bacli. Erstes Kapitel. 

dem er sich durch eine Heirat mit der Tochter des Feldherrn 
Manuel Kamytzes der Konstantinopler Regierungsgesellschaft ge- 
nähert hatte. Weiter im Osten wurde der bulgarische Flüchtling 
Ivanko, der Vetter und Mörder Asens I. von Bulgarien, welchem 
Alexios III. die Burgen der Rhodope anvertraut hatte, ein gefähr- 
licher Rebell, bis man ihn durch List gefangen nahm. Bald war 
der Kaiser gezwungen, gegen Kamytzes selbst zu ziehen, als er 
sich mit Hilfe des Chrs in Westraakedonien und Thessalien fest- 
setzte (Frühjahr 1201). Zu gleicher Zeit ist der Neffe des Kaisers, 
der junge Alexios, Sohn des geblendeten Isaak Angelos, aus Kon- 
stantinopel ins Abendland entflohen, um dort Hilfe gegen seinen 
Oheim zu suchen. 

Im folgenden Jahre versammelte sich in Venedig ein kleines 
Kreuzheer unter Anführung des Markgrafen Bonifaz von Mont- 
ferrat, wurde aber durch Geldmangel genötigt, die Fahrt nach 
Palästina aufzugeben und den Venezianern Söldnerdienste zu leisten. 
Die Venezianer und die Kreuzfahrer, geführt von dem greisen 
Dogen Enrico Dandolo, eroberten Zara, welches mehr als 20 Jahre 
im Besitz der Ungarn gewesen war (November 1202). König 
Emerich und Herzog Andreas taten nichts zur Unterstützung oder 
Wiedereroberung der Stadt. Während des Winterlagers in Zara 
verpflichteten sich die Führer des Heeres, einen Prätendenten nach 
Konstantinopel zu führen, den jungen Alexios. Auf dem weiteren 
Zug ergaben sich die ersten byzantinischen Städte, Ragusa ^) und 
Durazzo, sofort dem neuen Kaiser. In Konstantinopel wurde nach 
einigem Widerstände (Juli 1203) der Winde Kaiser Isaak aus dem 
Gefängnis geradeswegs auf den Thron gesetzt, neben ihm als Mit- 
regent sein Sohn, der Schützling des Kreuzheeres. Die weitereu 
Ereignisse führten nach einer Reihe von unerwarteten Wendungen 
zur Erstürmung von Konstantinopel durch die „Franken" (April 
1204). Kaiser von „Romania" wurde der Graf Balduin von 
Flandern. Bonifaz, welcher Isaaks Witwe Margarete von Ungarn 



oder Strezivoj ; gehört zu kircbenslaw. streg^. wachen). Vgl. Dr. Nikola 
Radojcic, Über einige Herren von Prosek am Vardar: Letopis Heft 
259—260 (1909). 

1) Devastatio Constantinopolitana bei Hopf, Chroniques 88. 



Stephan der Erstgekrönte (1196—1228). 387 

geheiratet hatte, erhielt das Königreich Thessalonich. Französische 
Ritter wurden Landesherren in Griechenland. Den Venezianern 
fielen die wichtigsten Inseln und Hafenstädte zu. Doch schon 
nach einem Jahre folgte eine Katastrophe. Mit den Bulgaren 
wollten sich die stolzen Eroberer nicht ins Einvernehmen setzen. 
In der Schlacht bei Adrianopel (April 1205) geriet Kaiser Balduin I. 
in die Gefangenschaft des Zaren Kalojan, der ihn hinrichten ließ. 
Bald fiel auch Bonifaz in einem Gefecht mit den Bulgaren in den 
Engpässen der Rhodope (1207). Die Griechen behaupteten sich 
in drei getrennten Staaten: im Despotat von Arta in Epirus unter 
den Angeli, in Nikaia unter Kaiser Theodoros I. Laskaris und 
im fernen Trapezunt unter den Komnenen ^). 

Der Zusammenbruch des griechischen Kaisertums setzte alle 
Nachbarn in Bewegung. Noch vor der Entscheidung des Kampfes 
um Konstantinopel beeilte sich der Großzupan und Sevastokrator 
Stephan, der byzantinischen Politik den Rücken zu kehren. Er 
begann damit, daß er seine Frau, die Kaiserstochter Eudokia, nach 
gegenseitigen Vorwürfen der Untreue verstieß. Sie begab sich 
durch das Gebiet ihres Schwagers Vlkan nach Durazzo und von 
dort zu ihrem Vater Alexios III. nach Konstantinopel (1201 oder 
1202). Die Ehe galt als aufgelöst. Eudokia wurde Gattin des 
Kaisers Alexios V. Dukas Murtzuphlos, der (Anfang 1204) Kon- 
stantinopel energisch gegen die Lateiner verteidigte. Nach dem 
traurigen Ende des tapferen Mannes heiratete sie noch den Leon 
Sguros, Herrn von Argos, Nauplia und Korinth (y 1 208) -). In- 
dessen suchte Stephan von Serbien eine Annäherung an den 
Westen. Es war eine Zeit, wo man in Rom goldene Königs- 
kronen an ferne Herrscher gerne erteilte, zuletzt in Zypern (1197) 
und Armenien (1198). Nach dem Vorbilde der Verbindungen 



1) Vgl. Dr. Ernst Gerlaud, Geschichte der Frankenherrschaft in 
Griechenland, Bd. 2 (1905), Geschichte des lateinischen Kaiserreiches von 
Konstantinopel. 

2) Niketas Akominatos 704 — 705. Akr opolites cap. 5, 8. Ant. 
Miliarakis, lazooCu roß ßuacltiov tFj; Nty.uiug y.cd tou ötanoTÜrov rrj^ 
'HnftQov (Athen 1898) 630 — 640 bemüht sich, das Andenken dieser Kaiser- 
tochter zu rechtfertigen, durch Darlegung der Übertreibungen und Miß- 
verständnisse der neueren Übersetzer der griech. Geschichtschreiber. 



388 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Bulgariens mit dem päpstlichen Stuhl unter Symeon und Samuel 
verhandelte Kalojan seit 1200 mit einem der hervorragendsten 
Männer, die je auf dem Stuhle des heiligen Petrus saßen, mit 
Innozenz III. Bald wurde ihm in Trnov vom Kardinallegaten 
Leo eine aus Kom gebrachte Krone feierlich auf das Haupt ge- 
setzt (8. November 1204). Diesen Weg betrat auch der serbische 
Großzupan. Den päpstlichen Legaten, welche (1199) im Erzbistum 
von Antivari im Gebiete seines Bruders Vlkan eine Provinzial- 
synode abhielten, war er freundlich entgegengekommen und stellte 
dem Papst als seinem „geistlichen Vater" (patri suo spirituali) die 
Absendung von Gesandten in Aussicht ^). Diese serbische Gesandt- 
schaft unterbreitete in Rom im Namen Stephans die Bitte um die 
Entsendung eines Legaten in sein Land und um die Verleihung 
einer Königskrone (regium diadema). Innozenz III. war mit seinen 
Ratgebern bereit dazu. Zum Legaten war schon einer der Kardi- 
näle, der Bischof Johannes von Albano in Latium, bestimmt, als 
die Sache zum Leidwesen des Papstes durch den Widerspruch 
des Königs Emerich von Ungarn vereitelt wurde. Ihn hat ohne 
Zweifel Vlkan dazu bewogen, der in seinem Teilfürstentum an 
der Adria mit dem alten dioklitischen Königstitel paradierte und 
unter den Serben allein König sein wollte (ungefähr 1202) ^). 

Während der Belagerung von Konstantinopel durch die La- 
teiner benutzte der Bulgare Kalojan die allgemeine Verwirrung 
zur Okkupation des byzantinischen Westens, von den Bergen bei 
Sofia bis zur Grenze von Thessalien, mit den Städten Prizren, 
Skopje, Ochrid und Berrhöa ^). Überall wurden die griechischen 
Bischöfe vertrieben und durch Bulgaren ersetzt. Verdächtige 



1) The in er, Mon. Slav. 1, 6 nro. 11 (1199). 

2) Innozenz III. an König Emerich am 15. September 1204 über den 
Wunsch des „nobilis vir Stephanus, megajupanus Servie": Th einer, Mon. 
Slav. 1, 36 = Migne, Patrologia lat. vol. 215 col. 415. Über Johannes, 
Bischof von Viterbo, später von Albano, f 1210 in Rom, vgl. ib. vol. 215 
col. 282 Anm. 

3) Unter den bulg. Bischöfen damals auch Abraham von Prizren, 
Marinus von Skopje u. a.: Theiner a. a. 0. 1, 29. Verzeichnisse der bulg. 
Bistümer aus der Zeit Kalojans bei Weidenbach, Calendarium bist, christ. 
(Regensburg 1855) S. 276-277 und bei Erler, Der Liber cancellariae 
apostolicae (Leipzig 1888) p. 39 — 40. 



Stephan der Erstgekrönte (1198—1228). 289 

Griechen, wie die Bürger von Berrhöa, übersiedelte man an die 
Donau ^). Im Moravatale und an der mittleren Donau stießen 
aber die Bulgaren bei der Aufteilung der byzantinischen Erbschaft 
mit den Ungarn zusammen. König Emerich kämpfte mit den 
bulgarischen Truppen an der Morava und besetzte einige Bistümer, 
welche Kalojan zum „Imperium" von Bulgarien rechnete -). Serbien 
wurde in diese Kämpfe verwickelt und überdies durch einen Bruder- 
krieg tief erschüttert (1202 — 1203). Vlkan hatte alle Ratschläge 
seines seligen Vaters vergessen und strebte mit Unterstützung des 
Emerich nach der Alleinherrschaft über ganz Serbien. Stephan 
wurde von ihm aus dem Lande vertrieben. Emerich legte sich 
selbst den Namen eines Königs von Serbien bei, der seitdem im 
ungarischen Königstitel fortlebte. Den Papst ersuchte er um die 
Unterordnung Serbiens unter die römische Kirche und um Ge- 
währung einer Königskrone (regalis Corona) an Vlkan. Inno- 
zenz III. erteilte (März 1203) dem Erzbischof von Kalocsa in 
Ungarn den Auftrag, den Vlkan zu besuchen, ihn, sowie die 
Bischöfe und Edelleute von Serbien im wahren Glauben zu be- 
stärken und sie von dem Versprechen des Gehorsams gegen den 
Patriarchen von Konstantinopel zu entbinden. Doch wurde diese 
Reise wahrscheinlich gar nicht angetreten •^'). Vlkan nannte sich 
im Osten Serbiens nur Großzupan. In einer für ihn in Ras ge- 
schriebenen Evangelienhandschrift wird er der „großgeborene, groß- 
berühmte" Herr des ganzen serbischen Landes, der Zeta, der 
Küstenstädte und der Landschaft von Nis genannt ^). Zur selben 
Zeit (April 1203) hat Ban Kulin von Bosnien unter dem Einfluß 
des Königs von Ungarn und der päpsthchen Sendboten die Ober- 
häupter der Patarener zur Abschwörung ihrer Lehre bewogen. 
In Serbien fand aber der ungarische Einfluß bald ein Ende. Große 



1) Dem. Chomatianos ep. 8, 48, 52. 

2) „V episcopatus Bulgarie pertinent ad Imperium meum, quos invasit 
et detinet rex Hungarie": Kalojan an Innozenz III. s. d., Theiner a. a. 0. 
1, 30. Die ZiflFer V ist unsicher; es waren wohl Belgrad, Branicevo und Nis. 
Ein Feldzug des Königs Emerich „contra Bulgaros super fluvium Morava" 
wird 1231 von Andreas II. erwähnt: Huber a. a. 0. 1, 377 Anm 2. 

3) Theiner a. a 0. 1, 18-19, 34-36. 

4) Stojanovic, Zapisi 1 nro. 7 (Orig. mit alten Easuren). 
Jirecek, Geschichte der Serben. I. 19 



390 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Heere Kalojans, bestehend aus Bulgaren und Kumanen, brachen 
im Lande ein. Die Serben mußten Nis verlassen, die Ungarn 
Branicevo; in beiden Städten finden wir in der nächsten Zeit 
bulgarische Bischöfe i). Nur Belgrad scheint den Ungarn geblieben 
zu sein. Vlkan wurde aus dem Osten Serbiens vertrieben und 
Stephan wieder in den Besitz seines Reiches und Thrones gesetzt 
(Sommer 1203). Das Land war aber durch die Plünderungen der 
fremden Heere arg verwüstet, überdies auch durch eine furchtbare 
Hungersnot verödet. König Emerich konnte keinen Widerstand 
leisten, beschäftigt durch einen Krieg gegen seinen Bruder Andreas ; 
er nahm ihn gefangen, starb aber bald nach diesem Erfolg (Herbst 
1204) -). Stephan und Vlkan versöhnte der dritte Bruder, der 
Mönch Sava, welcher damals mit den Gebeinen Nemanjas aus dem 
Athos in die Heimat zurückkehrte. Vlkan wird nach 1207 nicht 
mehr erwähnt ^). Von seinen drei Söhnen führte Georg 1208 den 
Königstitel, residierte aber 1242 nur als „princeps Dioclie" in 
Dulcigno. Stephan ist der Gründer des Klosters von Moraca in 
Montenegro (1252). Der jüngste, Zupan Dimitr, als Mönch David 
genannt, unternahm im hohen Alter (1286) eine Pilgerfahrt nach 
Jerusalem. Ein Enkel dieses Dimitr war Knez Vratko, einer der 
Feldherren des Stephan Dusan ; auch sein Zeitgenosse Mladen, der 
Stammvater der Brankovici, soll ein Nachkomme Vlkans gewesen 
sein *). 

Durch den vierten Kreuzzug waren die Venezianer die ein- 



1) Theiner a. a. 0. 1, 29, 30, 33 (1204). 

2) Korreispondeuz Innozenz' III. mit Emerich, Vlkan und Kalojan: 
Theiner a. a. 0. 1, 14f, Niketas 705. König Stephan cap. 14. Sava 
cap. 11. Domeutian 96f. Theodosij bei Pavlovic, Einheimische 
Quellen zur serb. Gesch. (Belgrad 1877) 77 f. 

3) Ragusa und Cattaro verpflichteten sich 12. April 1207 zu gegen- 
seitiger Hilfe; Vermittlungsversuche durch Gesandte sollen erfolgen, sobald 
eine der beiden Gemeinden belagert wird vom Dogen zu Venedig, dem König 
von Sizilien oder „da Stefano gran giupano e dal suo fratello Vulcano". 
Auszug bei Gondola MS.; vgl. Resti 75. 

4) Über Vlkans Familie Ilarion Ruvarac in der GodiSnjica 10 
(1888) If. und 14 (1894) 216 f. Lateinische Urk. des David oder Dimitr 
aus Akkon 1286: Spomenik 11, 21. Mladen: ein Text herausg. von No- 
vakovic. Starine 9, 90. 



Stephan der Erstgekrönte (1196—1228). 291 

flußreicliste Macht des Ostens geworden. Sie wurden auch un- 
mittelbare Nachbarn der Serben. Als der erste lateinische Patriarch 
von Konstantinopel, der Venezianer Thomas Morosini mit einer 
Flotte aus der Lagunenstadt nach seiner neuen Residenz segelte, 
unterwarf sich das seit dem Fall des byzantinischen Reiches verein- 
samte und schutzlose Ragusa ohne Widerstand (1205). Die Stadt 
erhielt einen venezianischen Comes (slaw. knez), behielt aber ihre 
Autonomie, mit ähnlichen Verpflichtungen gegen Venedig, be- 
sonders durch Ausrüstung von Kriegsschiffen, wie früher gegen 
Byzanz. Eine venezianische Besatzung gab es nicht; in Zeiten der 
Gefahr genügte das Erscheinen der Flotte der Republik. Anfangs 
waren die Comites lebenslänglich, so Giovanni Dandolo (urkund- 
lich 1214 — 1235); erst seine Nachfolger wurden in der Regel auf 
zwei Jahre bestellt. Morosini nahm dann nach kurzer Belagerung 
Durazzo. Zur Sicherung des Seeweges nach Konstantinopel suchte 
die Republik alle Herren der Küste unter ihre Hoheit zu bringen. 
Vasallen Venedigs wurden sowohl die französischen Fürsten von 
Achaja, als die griechischen Despoten von Epirus (1210)^). Ein 
unverläßlicher Vasall war (um 1208—1210) der Albanese Deme- 
trios, Sohn des Progon, Fürst oder „Richter" von Arbanum bei 
Kroja, ein Schwiegersohn des Großzupans Stephan, Gemahl seiner 
Tochter Komnina -). In Dioklitien leistete im Juli 1 208 Vlkans 
Sohn König Georg mit seinen Verwandten der Republik den 
Treueid ; er war bereit, eventuell gegen Demetrios Hilfe zu leisten ^). 
Auch der Großzupan knüpfte mit den Venezianern Verbindungen 
an und schloß mit dem Comes Dandolo und der Gemeinde von 
Ragusa einen Freundschaftsvertrag ^). 

Der mysteriöse Tod des Zaren Kalojan bei der Belagerung 



1) Tafel und Thomas 2, 97, 119f. 

2) "Anywv roß 'doßdvov, Arbanensis princeps, iudex Albanorum: Dem. 
Chomatianos nro. 1, 3: Innozenz III. bei Theiner a. a. 0. 1, 45. Vgl. 
Drinov im Viz. Vremennik 1 (1894) 321 f., 336 und meine Abh. im Arch. 
slaw. Phil. 21 (1899) 87. 

3) Ljubic 1, 27. 

4) Urkunde des „velji zupan Stefan" an „Zan Dandol" und die Ra- 
gusaner (um 1214 — 1217), herausg. von mir im Glasnik 47 (1879) 304f., 
wiederholt bei Smiciklas, Cod. dipl. 3, 140. 

19* 



293 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

von Thessalonich (Herbst 1207) hatte große Wirren in Bulgarien 
zur Folge. Die Gesellschaft der „principes imperii mei", wie sie 
Kalojan in seinen Briefen an den Papst nennt, zeichnete sich durch 
unbändige Wildheit aus. Fränkische und griechische Quellen 
schildern die grausame Härte des Kalojan selbst. Ivanko ließ in 
der Rhodope, wie Niketas Akominatos berichtet, bei seinen Gast- 
mählern zur größeren Feierlichkeit griechische Gefangene ab- 
schlachten. Der serbische Mönch Theodosij erzählt, wie Strez auf 
der Burg Prosek eine hölzerne Bühne errichtete, auf welcher er 
bei seinen Gelagen Leute zum Tode verurteilte und sofort in die 
tief unten strömenden Fluten des Vardar hinabwerfen ließ; „seine 
Freude war der Tod der Menschen". Nun begannen diese 
Männer gegeneinander zu kämpfen. Der junge Thronerbe Äsen, 
Sohn des „älteren" Äsen, mußte nach Rußland fliehen. Des 
Thrones bemächtigte sich ein Schwestersohn Kalojans, namens 
Boril (1207 — 1218). Borils Vetter, der Despot Slav machte sich 
in der Rhodope unabhängig und schloß sich bald den Franken 
an. Ein anderes Mitglied der Familie, der Sevastokrator Strez 
(bei den Lateinern Stratius, Straces) in Prosek fand Unterstützung 
bei Stephan von Serbien, obwohl Boril angeblich Tag für Tag 
seine Auslieferung verlangte, um diesen seinen „Bruder" dem 
Feuertode zu überliefern oder zu vierteilen. Mit Hilfe des Groß- 
zupans soll Strez die „Hälfte des bulgarischen Kaisertums" erobert 
haben. Indessen wurden die Landschaften an der Morava wieder 
von den Ungarn besetzt, in deren Besitz damals Branicevo mit 
der nahen Landschaft Kucevo und dem Gebiet südwärts bis Ravno 
(Cuprija) erscheint ^). 

Zar Boril bemühte sich anfangs als Verbündeter der Griechen 
von Nikaia die Politik Kalojans fortzusetzen, doch eine Niederlage 
gegen Kaiser Heinrich, den energischen und begabten Bruder 
Balduins L, bei Philippopel (1208) und andere Mißerfolge zwangen 
ihn, sich gerade Kalojans Gegnern in die Arme zu werfen, den 
Lateinern und Ungarn. Kaiser Heinrich heiratete (um 1213) eine 



1) Castrum Boronch 1217: Cod. dipl. patr. 7, 6 — 7. Kucso: vgl. 
Paul er im Sbornik bulg. 7 (1892) 429. Ravno „an der Grenze meines 
Vaterlandes": König Stephan cap. 20. 



Stephan der Erstgekrönte (1196—1228). 

Verwandte des Boril und wurde sein Bundesgenosse ^). Anderer- 
seits half König Andreas II. dem Boril zur Wiedereroberung von 
Vidin, als sich dort eine von den Rumänen unterstützte Gegen- 
partei festgesetzt hatte '^). Als Boril und Heinrich beim Großzupan 
die Auslieferung des Strez nicht erlangen konnten, unternahmen 
sie gemeinsam einen Zug gegen Serbien, wurden aber bei Nis 
angeblich durch ein mitternächtliches Wunder des heiligen Symeon 
Nemanja zu einem ruhmlosen Rückzug gezwungen (ungefähr 
1214) ^). Bald darauf gelang es den Verbündeten, den Strez auf 
ihre Seite zu ziehen, gegen den Großzupan, dem er so viel zu 
verdanken hatte. Selbst durch eine Gesandtschaftsreise des Mönchs 
Sava ließ sich der Herr von Prosek von seinem Gesinnungswechsel 
nicht ablenken. Jedoch schon in der Nacht nach der Abreise des 
serbischen Fürstensohnes im Mönchsgewande ereilte ihn ein plötz- 
licher Tod (ungefähr 1215). Die Serben deuteten das unerwartete 
Ende des Mannes als ein Wunder. Die Wahrheit wissen wir 
nicht. Das Gebiet des Strez fiel weder Boril von Balgarien, noch 
Stephan von Serbien zu, sondern den näheren Nachbarn, teils den 
Lateinern von Thessalonich, welche Prosek in Besitz nahmen, teils 
den Griechen von Epirus, die sich in Skopje festsetzten ^). 

Der erste der Despoten von Arta, Michael I. „Angelos Dukas 
Koranenos", des Kaisers Isaak Vetter, aber ein Bastard, hatte kurz 
zuvor die lateinische Partei verlassen, die Venezianer aus Durazza 



1) König Stephan cap. 16 und 20 nennt Heinrich den „griechiscben 
Kaiser Jeris Filandr". Filandr ist Flandern, Eris die griech. Form für 
Heinrich; vgl. Ivan Pavlovic, Arch. slaw. Phil. 3 (1879) 718. 

2) „Assenus Burul, Imperator Bulgarorum." unterstützt von Andreas H., 
Urk. Belas IV. 1259 bei Kukuljevic, Starine 27 (1895) S. 28. 

3) König Stephan cap. 16, 17, 20, franz. übersetzt bei Baron de 
Borchgrave, Henri de Flandre, empereur de Constantinople et le roi 
Etienne I de Serbie (Compte rendu der bist. Kommission der Akademie von 
Brüssel, t. V uro 5, 5 serie). Abendländische Berichte fehlen; Henri de 
Valenciennes reicht nicht so weit und in deu Regesten Innozenz' III. fehlt 
Febr. 1214 — Nov. 1215; vgl. Hampe, Mitt. des österr. Inst. 23 (1902) 547. 

4) Prosek hat später Despot Theodor den Lateinern entrissen: Briefe 
des Metropoliten Johannes Apokaukos von Naupaktos bei Vasiljevskij, 
Epirotica, Viz. Vrem. 3 (189G) 214 f. Skopje im April 1217 im Besitz der 
Epiroteu: Dem. Chomatianos uro. 59. 



394 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

und Korfu vertrieben ^) und im Bunde mit Strez die Lateiner in 
Thessalien und Makedonien bekämpft. Damals kam auch die 
Landschaft von Arbanum wieder unter die Herrschaft der Griechen. 
Dem Großzupan Stephan war Michael Feind, wir wissen nicht 
warum. Der unternehmende Despot begann sogar eine Restauration 
der griechischen Herrschaft im Küstengebiete Dioklitiens und be- 
setzte die Stadt Skutari. Vergeblich waren die Reklamationen 
Stephans. Plötzlich wurde der Epirote vom Tode ereilt, ein Er- 
eignis, welches den Zeitgenossen ebenso wie das Ende Balduins I., 
Kalojans und des Strez ganz wunderbar erschien. In Berat in 
Albanien wurde Michael, als er im Bette neben seiner Gattin lag, 
von einem seiner Diener mit dem Schwerte erstochen -). Sein 
Nachfolger war sein Halbbruder Despot Theodor, der bedeutendste 
unter allen griechischen Fürsten des Westens. Mit den Serben 
knüpfte er wieder freundschaftliche Beziehungen an. Sein Bruder 
Manuel vermählte sich mit einer Schwester des Großzupans. Stephan 
selbst war bereit, Maria, eine Tochter des verstorbenen Despoten 
Michael I. zu heiraten, jedoch das Projekt zerschlug sich an einem 
Ehehindernis, der bereits bestehenden Verschwägerung mit dem 
Hause der Angeli •^). 

Bedenklich wurde für den Großzupan ein Bündnis zwischen 
Kaiser Heinrich und König Andreas H., welcher damals eine 
Nichte Heinrichs, die Jolante von Courtenay geheiratet hatte. 
Heinrich und Andreas verabredeten eine persönliche Zusammen- 
kunft in Nis (nach Ostern, 1215?), zu welcher sie auch den 
Serbenfürsten einluden. Stephan war aber sehr beunruhigt. In 
den Nachträgen zur Lebensbeschreibung des Nemanja beschuldigt 
er beide Herrscher geheimer Absichten gegen Serbien; sie hätten 
im Sinne gehabt, ihn zu vertreiben und sein Land untereinander 
zu teilen. Deshalb beeilte er sich zuerst mit Andreas II. allein 



1) Um 1212—1214: Miliarakis a. a. 0. 62. 

2) Akropolites ed. Heisenberg cap. 14 p. 25. König Stephan cap. 18 
(bei ihm als nächstem Zeugen ist die chronologische Reihenfolge der Ereig- 
nisse zu beachten). Michaels Tod nach Finlay und Hopf 1214, nach 
Miliarakis Anf. 1216; eher 1215. 

3) Demetrios Chomatianos nro. 10 (undatiert). Vgl. Drinov, 
Viz. Vrem. 1 (1894) 327 f. und Radouic, Letopis 208 (1901) 128. 



Stephan der Erstgekrönte (1196—1228). 295 

zusammenzukommen. Die Entrevue fand in Ravno statt und 
dauerte 12 Tage, unter Festlichkeiten und Austausch von Ge- 
schenken. Von dort zogen der König und der Großzupan dem 
Kaiser entgegen nach Nis. Heinrich war gegen Stephan von 
dessen Gegnern aufgebracht worden. „Er wünschte gar sehr, 
daß ihm von mir irgendeine, wenn auch kleine Ehre erwiesen 
werde, erlangte sie aber nicht." Es war wohl die einstige Ober- 
hoheit des Konstantinopler Kaisertums über Serbien, welche die 
Lateiner in irgendeiner Form gern erneuert hätten. Die Spannung 
ging so weit, daß die Serben alle Wege absperrten ; endlich konnte 
der Kaiser nur durch Intervention des Königs Andreas wieder 
frei abziehen ^). Die Machtstellung und die Ansprüche des latei- 
nischen Kaisertums zwangen Stephan, einen engeren Anschluß an 
andere Lateiner zu suchen. Wahrscheinlich durch Vermittlung 
des Coraes von Ragusa Giovanni Dandolo trat er durch eine 
Heirat in eine nähere Verbindung mit den Venezianern und zwar 
gerade mit der Familie Dandolo. Frau des Großzupans, wohl die 
dritte, wurde Anna, Enkelin des Dogen Enrico Dandolo (f 1205) 
und Tochter des Riniero Dandolo (f 1209) -). 

Kaiser Heinrich starb indessen in Thessalonich eines frühen 
Todes (11. Juni 1216). Eine Partei war für den König Andreas H. 
von Ungarn, doch die Mehrheit entschied sich für Peter von 
Courtenay, Gemahl einer Schwester der beiden ersten lateinischen 
Kaiser. Peter wurde in Rom von Papst Honorius IH, gekrönt 
(9. April 1217), Aus Unteritalien segelte er nicht geradeswegs 
nach Konstantinopel, sondern auf Wunsch der Venezianer zuerst 
nach Durazzo, um diese Stadt für sie wiederzuerobern ^). Obwohl 



1) Nur bei König Stephan cap. 20 (Schluß des Werkes, verfaßt jeden- 
falls noch vor dem Tode Heinrichs). Schenkungsurkunde Andreas' II. an 
Michael, Sohn Abrahams, für seine Verdienste „maxime in expedicione 
Rascie, nobis personaliter ibidem existentibus " (1229): Smiciklas, Cod. 
dipl. 3, 318. 

2) Stammtafel der Dandolo bei Simons feld, Andreas Dandolo und 
seine Geschichts werke (München 1876) 24. Radonic im Letopis 208 (1901) 
126 — 130 erklärt als Stephans zweite Frau die Ungenannte um 1204 — 1216 bei 
Demetrios Chomatianos nro. 10, als die dritte die Venezianerin. 

3) Guill. de Nangiaco: Recueil des bist, des Gaules 20, 759. 



396 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

die Belagerung mißglückte, begann der Kaiser den Vormarsch in 
sein Reich dennoch auf dem Landwege durch epirotisches Gebiet, 
in der Richtung nach Ochrid und Thessalonich. Schon in der 
Nähe erwartete ihn der Despot Theodor. An den Ufern des 
Skumbi geriet Kaiser Peter in einen Hinterhalt und fand im 
Kampfe den Tod ^). Durch diesen Sieg, welcher dem Kalojans 
über Kaiser Balduin I. nicht im geringsten nachstand, wurde 
Theodor mit einem Schlag der berühmteste Fürst des Ostens. 
Das lateinische Kaisertum hat sich seit diesem Tage nimmermehr 
aufgerafft. In Konstantinopel folgte eine schwache Regentschaft 
unter Peters Witwe. Boril von Bulgarien konnte sich ohne Unter- 
stützung der Franken nicht länger behaupten. Johannes Äsen II. 
kehrte aus Rußland zurück, nahm Boril gefangen und ließ ihn 
blenden (1218). Indessen trat König Andreas II. den Kreuzzug 
an, zu dem er sich längst verpflichtet hatte. Von Spalato segelte 
er (August 1217) nach Palästina, kehrte aber schon im folgenden 
Jahre (1218) auf dem Landwege durch das Sultanat der Seld- 
schuken und das Kaisertum Nikaia über Konstantinopel und Bul- 
garien nach Ungarn zurück. 

Während dieses raschen Szenenwechsels erreichte Großzupan 
Stephan, wahrscheinlich mit Hilfe von Venedig, das Ziel seiner 
Wünsche, die Königskrone aus Rom (1217), um die er schon vor 
fünfzehn Jahren mit Innozenz III. verhandelt hatte. Die klarste 
Nachricht gibt ein Zeitgenosse, der Archidiakon Thomas von 
Spalato (geb. 1200, f 1268). Unmittelbar nach der Abreise des. 
Königs Andreas II. berichtet er, zur selben Zeit (eodem tempore) 
habe „Stephanus, dominus Servie sive Rasie", genannt „megaju- 
panus", durch Gesandte vom Papst Honorius III. eine Königs- 
krone (corona regni) erlangt. Ein päpstlicher Legat sei nach 
Serbien gesendet worden, welcher Stephan krönte und zum ersten 
König seines Landes einsetzte -). Andreas Dandolo wiederholt die 



1) Akropolites ed. Heisenberg cap. 14 p. 26; vgl. Miliarakis 
a. a. 0. 125. Vor dem 28. Juli 1217: Press utti, Regesta Honorü III, 1 
(Rom 1888) nro. 684 f. 

2} Thomas (cap. 25, ed. Racki p. yi) war wohl bei der Abfahrt 
Andreas' II. aus Spalato anwesend, bevor er die Universität von Bologna 
(um 1220) bezog. 



Erwerbung der Königskrone (1217). 297 

Nachricht mit einem Zusatz aus der Geschichte seiner Familie : 
Stephan heiratete eine Enkehn des Dogen Enrico Dandolo, ließ 
sich von seiner Frau überreden, dem Schisma zu entsagen, und 
wurde von einem Kardinallegaten zugleich mit seiner Gattin zum 
König gekrönt ^). Die erhaltenen Regesten Honorius' III. bieten 
nichts über diese Krönung; sie scheinen nicht die Geheimbriefe 
zu enthalten und geben weniger Aufschluß über die politische 
Geschichte, als der Briefwechsel Innozenz' III. Nur im März 1220 
ist darin ein Brief des „Stephanus, dei gratia totius Servie, Dioclie, 
Tribunie, Dalmatie atque Chlumie rex coronatus-'^ eingetragen^ 
in welchem er dem Papst seine Treue als Sohn der römischen 
Kirche beteuert, den Segen Gottes und des Papstes für seine Krone 
und sein Land erfleht und den Bischof Methodius als seinen Ge- 
sandten beglaubigt -). Bei dem serbischen Mönch Domentian 
(schrieb 1254) ist der Bericht schon ganz verfärbt. Sava, angeb- 
lich schon Erzbischof von Serbien, habe durch einen seiner Schüler, 
den Bischof Metodij, in Rom um den Segen der heiligen Apostel 
Peter und Paul und um eine vom Papste geweihte Krone gebeten. 
Der Papst habe diesen Wunsch erfüllt. Als Metodij die Krone 
nach Serbien brachte, habe Sava seinen Bruder im Kloster Zica 
gekrönt. Kein Wort von Rom, dem Papst und dem Ursprung 
der Krone sagt der Mönch Theodosij, der gleichfalls den Krönungs- 
akt von Sava ausführen läßt. Doch ist Sava damals noch gar 
nicht Erzbischof gewesen, sondern weilte abermals auf dem Berge 
Athos ^). Ein Protest gegen die Krone war nur von Andreas IL 
von Ungarn zu erwarten, der sich, wie sein Bruder und Vorgänger 
Emerich, stets auch König von Serbien schrieb. Nach der Rück- 
kehr aus Palästina war er über die Sache sehr ungehalten und 
betrieb Rüstungen, eine Gesandtschaftsreise des Sava soll ihn aber 



1) Muratori, Bd. 12 col. 340 E. 

2) Bei Raynald a. 1220, Farlati 7, 34, aus dem Nachlaß von 
T h e i u e r bei R a c k i , Starine 7, 55 ; kurzes Regest bei Pressutti a. a. 0. 
1 p. LH nro. 21. 

3) Vgl.die Untersuchungen von IlarionRuvaracim Letopis 208 (1901) 
1—44. Engel, Majkov, Golubinskij u. a. haben, um die vei'schiedenen 
Berichte in Einklang zu bringen, zwei Kronen angenommen, eine aus Rom, 
die zweite, von der in den Quellen nirgends zu lesen ist, aus Nikaia. 



398 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

besänftigt haben i). Die Gefahr war jedenfalls nicht groß, da in 
Ungarn eine arge Spannung zwischen dem König und dem Adel 
ausbrach, welche erst durch die „Goldene Bulle" (1222) beigelegt 
wurde. 

Der Verfall des lateinischen Kaisertums entwertete bald die 
Verbindung mit dem Westen und riet zu einer Annäherung an 
den Osten. Im Aufschwung war die Macht der Griechen. Nur 
wußte man nicht, ob die Epiroten oder die Nikäer die Oberhand 
gewinnen würden. Zu dem politischen Gegensatz der griechischen 
Nebenbuhler gesellte sich auch eine kirchliche Rivalität, welche 
von König Stephan sofort ausgenutzt wurde. Der Einfluß des in 
der unmittelbaren Nachbarschaft, im Lande des mächtigen Theodor 
residierenden Erzbischofs von Ochrid war dem Stephan unbequem. 
Um ein eigenes serbisches Erzbistum zu erlangen, sendete der 
König (1219) seinen Bruder, den Mönch Sava, an den fernen Hof 
von Nikaia, zu Kaiser Theodoros I. Laskaris und zu dem dort 
lebenden Patriarchen von Konstantinopel, damals Manuel Saran- 
tenos, genannt Charitopulos (1215 — 1222) -). Die Errichtung eines 
Erzbistums wurde gerne bewilligt und Sava selbst in Nikaia feier- 
lich zum ersten Erzbischof von Serbien geweiht. Neben dem 
alten Bistum von Ras gründete man sofort eine Reihe neuer 
Bischofsitze. Der Kirche von Ochrid wurde von dieser Neu- 
gründung keine amtliche ]\Iitteilung gemacht. Der damalige Erz- 
bischof, der gelehrte Demetrios Chomatianos protestierte gegen die 
Verletzung seiner Rechte in einem Synodalschreiben an den „Mönch" 
Sava, welches der Bischof Johannes von Skopje zu überbringen 
und mündlich zu erläutern hatte (Mai 1220). In diesem Akte 
wird betont, daß Serbien dem Thron des Erzbischofs von Ochrid 
untergeordnet sei; der einzige legitime Bischof im Lande sei der 
von Ras. Sava sei gegen die Satzungen des kanonischen Rechtes 
gleich zum Erzbischof geweiht worden, ohne früher Bischof ge- 
wesen zu sein. Um die Errichtung eines Erzbistums hätte er in 

1) Domentian 245f. Theodosij bei Pavlovic 115f. 

2) Bei Domentian wird irrtümlicli Gerinanos IL, Manuels Nach- 
folger genannt, doch die Petersburger Handschrift (vgl. Jagic, Starine 
5, 15) verbessert am Rande Germau in Manuel, den auch ein altserb. Text 
bei Pavlovic a. a. 0. 99 Anm. nennt. 



Die erste Erzbischof Sava I. (1219). 399 

Ochrid, nicht in Nikaia nachsuchen sollen. Sava selbst habe in 
jungen Jahren Vaterland, Familie, sein väterliches Erbe, kurz die 
ganze Welt verlassen, um unter den den Satan bekämpfenden 
Einsiedlern berühmt zu werden. Dann aber sei er aus Liebe 
zum Vaterlande aus der Akropolis des Heiligen Berges nach 
Serbien zurückgekehrt und aus einem Asketen Staatsmann und 
Diplomat geworden. Jetzt nehme er an weltlichen Gastmählern 
teil und reite schöne Pferde edler Rasse, umgeben von einem 
großen Gefolge von Bewaffneten. Nicht aus Eifer für das Evan- 
gelium, sondern aus Eitelkeit habe er die neue Würde angestrebt. 
Überdies habe er den kanonischen, von Ochrid abhängigen Bischof 
von Prizren eigenmächtig vertrieben und einen anderen eingesetzt; 
demnach war Prizren in dieser Zeit, wir wissen nicht wie, unter 
die Herrschaft der Serben gekommen. Demetrios droht dem Sava 
mit dem Kirchenbann {dcpoQiOf.i6g), als Übertreter der heiligen und 
göttlichen Kanones. Einige Jahre später richtete Demetrios neue 
Vorwürfe wegen Serbien an die Kirche von Nikaia, schon an den 
Patriarchen Germanos H. (seit 1222) ^). Ob die Serben und die 
Nikäer auf diese Proteste überhaupt geantwortet haben, ist nicht 
bekannt. In Serbien baute man damals eifrig an dem Kloster 
von Zica, der Residenz des Erzbischofs und der Krönungskirche 
der Könige. Unter den Fresken ist dort noch das Bildnis des 
Stifters, des Königs Stephan zu sehen: ein schöner Mann mit 
langem schwarzen Bart, in einer mit Perlen geschmückten Mütze, 
gekleidet in ein karminrotes Gewand mit gelben Doppeladlern in 
weißen Perlenkreisen. Neben ihm erblickt man das von einem 
schütteren Bart umrahmte jugendliche Antlitz seines ähnlich ge- 
kleideten erstgeborenen Sohnes Radoslav -). 

Bald darauf zog ein neuer lateinischer Kaiser nach Konstan- 
tinopel, auf der alten Kreuzfahrerstraße. Es war ein Sohn des 
unglücklichen Peter, der junge Robert de Courtenay (1220 — 1228). 
Den Winter (1220 — 1221) brachte er bei seiner Schwester, der 



1) Demetrios Chomatianos uro. 86 ed. Pitra col. 381 — 390 und 
nro. 114 col. 495— 49G. 

2) Nach einer Kopie von Valtrovic bei Strzygowski: Denkschr. 
W. Akad. 52 (1906) 109, Abb. 40. 



300 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

ungarischen Königin Jolante zu. Der Durchzug durch das Gebiet 
des serbischen Königs Stephan und des bulgarischen Zaren Johannes 
Äsen IL, der damals Schwiegersohn Andreas II. war, ging ganz 
ruhig vor sich. Merkwürdig ist eine Nachricht in der Chronik 
des Balduin von Avesnes. Robert hatte einen Kriegsmann (serjant) 
aus Lille bei sich, von dem man sich erzählte, daß er ein „ Bastard- 
onkel'* des jungen Kaisers sei. Dieser Onkel hatte eine schöne 
Tochter, welche Robert reich geschmückt als seine Cousine ausgab 
und an den „König von Serbien" (roi de Servie) unter großen 
Feierlichkeiten verheiratete. Dem Vater des Fräuleins gab er aber 
Geld zur Rückreise in die Heimat, damit das Geheimnis der 
Genealogie nicht verraten werde ^). Im März 1221 wurde Robert 
in Konstantinopel gekrönt, doch bald wußte alle Welt von seiner 
Unfähigkeit. 

Nach kurzer Zeit wurde Thessalonich, die zweite Hauptstadt 
der Lateiner, vom Despoten Theodor erobert (April 1223). Der 
Sohn des Bonifaz, König Demetrios, war eben über Ungarn ins 
Abendland um Hilfe gereist. Eine epirotische Synode in Arta 
beschloß einstimmig, Theodor, den Befreier des Westens von dem 
Joche der Fremdherrschaft, zum Kaiser zu erheben. Erzbischof 
Demetrios Chomatianos vollzog die Krönung. Der neue Kaiser 
residierte meist in Thessalonich. Seine Statthalter, mit den Titeln 
von Duces und Sevasti, Griechen, Slawen und Albanesen, ver- 
walteten die Themata Makedoniens und Albaniens bis zur serbi- 
schen Grenze, die sich nördlich von Arbanum, Dibra und Skopje 
befand -). Gegen Osten erweiterte Theodor sein Gebiet bis nach 
Thrakien, wo sich ihm Adrianopel anschloß. König Stephan ver- 
stand es, mit dem mächtigsten Mann der Halbinsel freundschaft- 



1) Bei Villehardouin ed. Wailly (Paris 1872) in den Beilagen p. 425; 
die Nachricht stammt vielleicht aus dem verloreneu Teil der Chronik des 
Henri de Valenciennes. Die angebliche Base des Kaiser Roberts war 
entweder die vierte Frau des Königs Stephan (nach der Venezianerin) oder 
eher die Frau eines seiner Söhne. 

2) In Arbanon war Theodors Statthalter der Sevastos Gregorios Ka- 
monüs, welcher durch eine Heirat mit der Witwe des Archonten Demetrios 
Schwiegersohn Stephans von Serbien geworden war (vor 1217): Dem. Cho- 
matianos uro. 1, 3. ' 



Stephan der Erstgekrönte (119G— 1228). 301 

liehe Beziehungen zu erhalten. Schon früher (um 1216) wollte 
er seinen ältesten Sohn Stephan Radoslav mit einer Prinzessin des 
epirotischen Hauses vermählen, doch der Plan konnte nicht aus- 
geführt werden, wegen des Widerstandes der Kirche, da Radoslav 
ein Sohn der Eudokia aus demselben Haus der Angeli war ^). Als 
der Epirote mächtig geworden war, ließ man das kanonische Recht 
beiseite. Radoslav wurde Schwiegersohn des Kaisers Theodoros 
selbst, Gemahl seiner Tochter Anna. Durch einen Zufall hat sich 
der massive Verlobuugsring erhalten, mit einer Inschrift in 
griechischen Versen -). Radoslav verwaltete als Thronfolger 
das einstige Gebiet Vlkans, Dioklitien und vielleicht auch Tre- 
binje ^'). 

Das alte Zachlumien war in dieser Zeit meist in zwei Teile 
geteilt, mit zwei „Großfürsten" (velji knez). Orbini, der wahr- 
scheinlich eine seitdem verschollene Chronik des Landes benutzt 
hat, erzählt, nach dem Tode des Miroslav, des Bruders des Ne- 
manja, habe der Adel des Landes seine Witwe und ihren zehn- 
jährigen Sohn Andreas verti'ieben und den Comes Peter zum 
Fürsten erhoben. Das ist der aus dem Buch des Archidiakons 
Thomas bekannte kriegerische Peter, Herr von Chulmia, ein Pata- 
rener, den die Spalatiner trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit 
zu ihrem Stadtgrafen wählten (1225 — 1227) und dafür vom päpst- 
lichen Legaten Aconcius mit dem Interdikt belegt wurden. Peters 
Nachfolger war sein Neffe Toljen (f 1239J, ein Feind der Städte 
Spalato und Trau. Orbini berichtet ferner, der Großzupan Stephan 
sei mit seinem Sohn Radoslav gegen Peter gezogen, habe ihn auf 



1) Demetrios Choraatianos nro. 10: geplante Heirat des Sohnes 
Stephans mit Theodora, Tochter des Despoten Michael I. Sehr zu be- 
zweifeln ist die Nachricht Domeutians 261, Radoslav sei erst nach seines 
Vaters Tod von seinem Oheim, dem Erzbischof Sava verheiratet worden. 

2) Krumbacher, Ein serbisch-byzantinischer Verlobuugsring: S. B. 
der kgl. bayer. Akad. 1906 Heft HI, 421—452 mit Taf. Cajkanovic, 
Über die Echtheit eines serb.-byz. Verlobungsringes: Byz. Z. 19 (1910) Ulf. 
gegen die Einwendungen von S. Papadimitriu. 

3) In den (nicht im Orig. erhaltenen) Urk. von Cattaro Radoslav als 
König seit Okt. 1217: Farlati 6, 439, Smiciklas 3, 163, 195, 208. 
Eine hat aber bei Kukuljevic, Starine 21, 286 und Farlati 6, 437—438 
das Datum 1227, nicht 1217. 



303 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

der Ebene Bisde unter der Burg Blagaj in der Nähe des heutigen 
Mostar geschlagen und auf das Gebiet zwischen Narenta und Cetina 
beschränkt. Südhch der Narenta habe Stephan die Verwaltung 
seinem Sohn ßadoslav übergeben, seinen Vetter Andreas, den 
Sohn Miroslavs, aber zum Herrn des Küstenlandes in Stagno, im 
Primorje (Marina) von Slano und in der Zupa von Popovo ein- 
gesetzt. Später gelang es Andreas ganz Chelmo zu gewinnen. 
Aus dieser Zeit stammen die Verträge des „Großfürsten" Andreas 
mit den Comites von Ragusa Giovanni Dandolo (1214 — 1235) 
und Giacomo Delfino (1247 — 1249) und mit der Stadt Spalato 
(1241). Als erblicher Fürst beruft er sich darin auf seine Vor- 
fahren und unterschreibt sich in der Art der byzantinischen Privat- 
urkunde um ein Kreuz herum, ebenso wie einst Nemanja und 
Miroslav ^). Die Freundschaft des Andreas mit den Patriziern 
von Ragusa wurde befestigt durch die Heirat seiner Tochter 
Vlkoslava mit dem vornehmen Ragusaner Barbius de Crossio 
(slaw. Krusic) ^). Daß dem König von Serbien die Oberhoheit 
über Andreas geblieben ist, sieht man an der Nennung Zach- 
lumiens in den Titeln der Könige Stephan und Vladislav und an 
der Errichtung eines serbischen Bistums durch den Erzbischof 
Sava in seinem Lande. Orbini kennt noch das Grab des Andreas 
(f um 1250) in der Marienkirche von Stagno, bei dem Sitz des 
serbischen Bischofs von Zachlumien. 

Stephan der Erstgekrönte ließ sich vor dem Tode (f 24. Sep- 
tember 1228?) von seinem Bruder Sava ein Klostergelübde ab- 
nehmen und starb als Mönch Simon ^). Von seinen vier Söhnen 
wurde Radoslav vom Erzbischof Sava in Zica zum König ge- 
krönt. Vladislav und Uros haben wahrscheinlich eigene Territorien 



1) Orbini 248, 250, 390. Mon. serb. 24, 34—35. Smiciklas, Cod. 
dipl. 3, 432; 4, 134, 414. 

2) Meine Abb. über Toljen im Glas 35 (1892) 12-14; vgl. meine 
Rom. Dalm. 1, 96. 

3) Der Todestag ist sicher, das Jahr nicht. Die Absperrung der 
Grenze bei Ragusa wegen Unruhen in der Nachbarschaft am 9. Oktober 
1228 bei Smiciklas 3, 292 könnte mit dem Ableben des Königs in Ver- 
bindung stehen. Da Radoslav nach Daniel S. 5 sechs Jahre regierte (bis 
1234), fällt sein Regierungsantritt in das Jahr 1228. 



Stephan Radoslav (1228—1234). 303 

erhalten. Der vierte Sohn Predislav wurde nach dem Beispiel 
seines Oheims Mönch, wieder mit dem Namen Sava ; er war später 
Bischof von Zachlumien ^), zuletzt Erzbischof von Serbien als 
Sava II. (12G3— 1270). 

Stephan Radoslav (1228 — 1234) war ein schwacher und un- 
fähiger König. Als Sohn und Gatte byzantinischer Kaisertöchter 
wollte er ein Grieche sein und unterschrieb sich selbst auf serbisch 
verfaßten Urkunden in griechischer Sprache als ^vicfavog Qr^^ 6 
^ov7.ag -). Politisch war er ganz von sehiem Schwiegervater, dem 
epirotischen Kaiser Theodor abhängig. Es scheint, daß er auch 
die serbische Kirche wieder dem Erzbistum von Ochrid unter- 
geordnet hat. Bei seinem Interesse für liturgische und kanonische 
Fragen wendete er sich um Belehrung nicht an den Patriarchen 
von „Konstantinopel'' in Nikaia, wie man erwarten sollte, sondern 
an den Erzbischof Demetrios Chomatianos, der alle Anfragen des 
jungen Königs eingehend beantwortete. Der Erzbischof Sava war 
mit dieser Wendung unzufrieden und benutzte die Wiederge- 
winnung Jerusalems durch den Kreuzzug Kaiser Friedrichs IL 
(Februar 1229) zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land. Drei Ri- 
valen umstanden das sinkende lateinische Kaisertum, in welchem 
nach dem Tode Roberts sein kleiner Bruder Balduin IL (1228) 
gefolgt war: die Epiroten, die Nikäer und die Bulgaren. Eine 
unerwartete Wendung brachte die Katastrophe des Kaisers Theo- 
dor. Er wurde von Äsen IL bei dem Dorfe Klokotnica (jetzt 
Semisdsche) auf der Straße von Philippopel nach Adrianopel über- 
rascht, geschlagen und gefangen (Frühjahr 1230). Mühelos be- 
setzten die Bulgaren den ganzen Westen , von Adrianopel über 
Skopje und Ochrid bis Durazzo. Nur in Thessalonich, Thessalien 
und Epirus bUeb des Theodor Bruder Manuel mit dem Kaiser- 
titel; nach dem Tode seiner serbischen Gattin heiratete er eine 
natürliche Tochter Asens. Die Ragusaner beeilten sich, wegen ihres 
Handels in Durazzo und Umgebung ihre Rechte von dem neuen 
Landesherrn, dem „Kaiser der Bulgaren und Griechen" bestätigen 

1) Urk. im Spomenik 3, 8. Vgl. II. Ruvarac, Godisnjica 10 
(1888) 66. 

2) Mon. serb. 20. Acta graeca 3, 66. Dem. Chomatianos ed. 
Pitra col. 686 — 710. Verlobungsring bei Krumbacher a. a. 0. 



304 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

zu lassen i). Zugleich war die Freundschaft der Bulgaren mit 
den Ungarn zu Ende. Branicevo und Belgrad erscheinen in 
Asens II. Privilegium an Ragusa im Besitze der Bulgaren, aber 
schon 1232 in dem der Ungarn 2). Asens Bruder, der Sevasto- 
krator Alexander, führte die bulgarischen Truppen gegen die 
Scharen Andreas' IL, der damals zum Schutz seiner Grenzen das 
Banat von Severin (jetzt Turn Severin) im äußersten Westen der 
Walachei errichtete (1233). König Stephan Radoslav verlor nach 
dem Fall seines epirotischen Schwiegervaters jeden Halt. Äsen IL 
schrieb sich die Oberhoheit über Serbien zu und unterstützte ßa- 
doslavs Bruder Vladislav, der sein Schwiegersohn wurde ^). Sava, 
dessen Lage sich unangenehm gestaltet hatte, dankte auf einem 
Landtag in Ziea ab , überließ den erzbischöflichen Thron seinem 
Schüler Arsenij und begab sich zum zweiten Male nach Palästina, 
um auch den Berg Sinai und Ägypten zu besuchen (1233) *). 
Bald nachher wurde Radoslav gestürzt und vertrieben. Der Mönch 
Theodosij erzählt, der König sei ganz von seiner Frau abhängig 
und deshalb „in seinem Verstände gestört" gewesen; das habe 
die Adligen bewogen, sich um Vladislav zu scharen, Radoslav 
floh mit seiner Gattin nach Ragusa. Der Comes Giovanni Dan- 
dolo weilte eben krank in Venedig. Seine Vertreter, die Vice- 
comites Peter de Balhslava (Boljeslaviö) und Theodor de Crossio 
(Krusic) mit der ganzen Gemeinde nahmen den landlosen König 
freundlich auf und erhielten von ihm eine Urkunde mit vielen 
Ver.-prechungen für den Fall seiner Wiedereinsetzung (4. Februar 
1234). Wahrscheinlich auf einem ragusanischen Schiffe segelten 
die Flüchtlinge weiter nach Durazzo. Schon im folgenden Monat 



1) Urk. des Zaren Äsen II. von 1230—1231: Mon. serb. 2—3 (vgl. 
p. IX), mit Faks. bei Iljinskij: Izvestija arch. inst. 7, 1 (1902) 25 f. 

2) Theiner, Mon. Hang. 1, 103. 

3) Asens II. Inschrift in Trnovo: „Ich eroberte alles Land von Odrin 
(Adrianopel) bis Drac (Durazzo), das griechische, darüber noch das albanesische 
und das serbische."' Neueste Ausgabe von Th. Uspenskij: Izvestija arch. 
inst. 7, 1 (1902) Taf. 5. 

4) Erzbischof Daniel 248 f. verlegt die Abdankung seices großen 
Vorgängers in die Zeit ßadoslavs, Domentian erst unter Vladislav. Nach 
Domentian 295 war Sava 14 Jahre Erzbischof, also 1219—1233. 



Stephan Radoslav (1228—1234). 305 

März erhielten die Ragusaner ein Handelsprivilegium vom „Kaiser" 
Manuel Dukas, mit Belobung ihres wohlwollenden Benehmens 
gegen „Kyr Stephanos Dukas", den König von Serbien, und 
gegen Manuels Nichte, die Königin (q^yaiva) Anna Dukaina ^). 
Auf eine Wiedergewinnung des Thrones mußte Radoslav ver- 
zichten. Sein Unglück wurde seine Frau. In Durazzo soll sie 
sich, wie Theodosij erzählt, einem „großen Franken" angeschlossen 
haben, der den unglücklichen Serbenkönig sogar „mit dem tod- 
bringenden Schwerte" bedrohte. Ohne Krone und ohne Frau 
soll dann Radoslav traurig in die Heimat zurückgekehrt sein, um 
seine Tage in klösterlicher Stille als Mönch Johannes abzuschließen. 
Nach Daniel ruhen seine Gebeine in der Kirche von Studenica. 
Aber auch die schöne Anna suchte schließlich Zuflucht in einem 
Kloster, wohl in ibrer epirotischen Heimat -). 

König Stephan Vladislav (1234 — 1243) hatte mehr Glück 
und Begabung als sein älterer Bruder, war aber wieder zu sehr 
von seinem bulgarischen Schwiegervater abhängig. Während Ra- 
doslav keine Stiftung hinterlassen hat, sicherte sich Vladislav ein 
langes Andenken durch Bauten und Schenkungen, nicht nur 
in Serbien, besonders durch die Gründung des Klosters Mileseva, 
sondern auch auf dem Athos •'). Seit seinem Regierungsantritt 
hatte die Freundschaft der Serben mit den Ragusanern für längere 
Zeit eine fühlbare Schmälerung erfahren. Die Stadt hatte sich 
wahrscheinlich für Radoslav zu sehr eingesetzt. Die Spalatiner 
schrieben (wohl im März 1234) den Ragusanern, daß sie sich 
über jeden Erfolg gegen den feindHchen König, der ihnen täglich 
Nachstellungen bereite, freuen würden *). Noch 45 Jahre später 
erinnerte man sich in Ragusa an die Ausrüstung der Stadttürme 



1) Urkunden 1234: Mon. serb. 19—20; Acta graeca 3, 66; Smiciklas 
3, 395, 404. 

2) König Stephan Radoslav als Mönch Johannes, mit der Nonne Anna 
im serb. Pomenik: Glasnik 42, 30. Theodosij bei PavloYic 134. 
Daniel 5. 

3) Großes Lob bei Daniel 5—7. Jos. Müller in der Slaw. Biblio- 
thek 1 (1851) 197: griech. Urk. des Vladislav an das Kloster Esphigmenu. 

4) Smiciklas 3, 431 (undatiert, vgl. 3, 403). 
Jirecek, Geschichte der Serben. I. 20 



306 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

„in der Zeit des Königs Radoslav " ^). Es ist mehr als ein halbes 
Jahr vergangen, ehe der Comes Giovanni Dandolo kurz vor seinem 
Tode den Frieden mit Vladislav wieder erneuern konnte, wobei 
die großen Versprechungen Radoslavs eine starke Einschränkung 
erfuhren ^). 

Der ehemalige Erzbischof Sava reiste indessen auf dem Land- 
wege über das Kaisertum von Nikaia aus Jerusalem zurück und 
begab sich über das Schwarze Meer nach Bulgarien, um Äsen II. 
zu besuchen. Als Gast des bulgarischen Zaren starb er in Trnov 
(12. Jänner 1236) und wurde feierlich in der neuerbauten Kirche 
der 40 Märtyrer ins Grab gelegt. Schon im folgenden Jahre be- 
suchte König Vladislav seinen Schwiegei*vater und brachte die 
Leiche seines Oheims , des Begründers der serbischen National- 
kirche, in das neugegründete Kloster Mileseva (6. Mai 1237) ^). 
Zar Äsen II. bekämpfte damals im Bunde mit Kaiser Johannes 
Dukas Vatatzes von Nikaia eifrig die fast auf Konstantinopel 
allein beschränkten Lateiner. Der Höhepunkt der Offensive war 
die Belagerung der Stadt durch die Verbündeten im Sommer 1235. 
Die Politik des bulgarischen Herrschers geriet in Schwankungen, 
als er wieder auf friedlichem Wege Einfluß in Konstantinopel zu 
erwerben versuchte. So kam es, daß der junge Kaiser Balduin IL 
(1240) mit einem großen, im Abendlande gesammelten Heere un- 
gehindert auf dem Landwege durch Ungarn, Serbien und Bul- 

1) „Tempore Radasclaui regis, quando armabantur turres", sei eine 
Mauer als „raurus communis" betrachtet worden; so hat es Domagna de 
Babalio immer gehört (semper audivi dici). Zeugenaussage vor Gericht 
4. November 1279: Div. Rag. 1278 f. 60. 

2) Der Vertrag zwischen Comes Dandolo und König Vladislav, nur in 
Abschriften erhalten, ist geschlossen zwischen September 1234 und April 
1235 ; die erstgenannten Zeugen sind die Stadtrichter des Jahres Sept. 1234 
bis Sept. 1235, vor der Vertretung des Dandolo durch den Vizecomes Petrus 
de Ballislava seit April 1235. Texte: a) Urkunde der Ragusaner, serbisch 
(ohne Zeugen) Mon. serb. 22 — 23, lateinisch (mit Zeugen) Ljubic 1, 57 — 58, 
beides Smiciklas 3, 427 430; b) Gegenurkunde des Königs: serbisch 
Mon. serb. 25 nro. 31, Smiciklas 3, 433 nro. 376, lateinisch ib. 430 bis 
431. Testament des Giovanni Dandolo, datiert in Venedig 8. Juli 1235, im 
Arch. Rag. 

3) Zur Chronologie vgl. Kovacevic, Godisnjica 3 (1879) 361 und 
Glasnik 63 (1885) 20. 



Stephan Vladislav (1234—1243). 307 

garien zurückkehren konnte ; allerdings löste sich das Heer wegen 
Geldmangel gleich wieder auf. Ein Fortsetzer der epirotischen 
Politik wurde (seit 1237) der Despot Michael II., ein Bastard 
IVIichaels I., in Albanien und Epirus. Ephemer war das noch- 
malige Auftreten des einstigen Kaisers Theodor. In der bulgarischen 
Gefangenschaft wurde er zuerst wegen seiner Intrigen geblendet, 
dann aber zu Asens IL Schwiegervater erhoben; er vertrieb seinen 
Bruder Manuel aus Thessalonich und heß dort seinen Sohn Jo- 
hannes zum Kaiser krönen, besaß aber nur ein kleines Gebiet 
(1240). Nach Asens U. Tod (1241) folgte in Bulgarien sein 
junger Sohn Kaliman I. Kaiser Vatatzes, von allen Nebenbuhlern 
befreit, nahm die Restauration des griechischen Kaisertums energisch 
in Angriff und zwang durch einen Feldzug nach Thessalonich die 
dortigen Epiroten, den Kaisertitel abzulegen (1242). 

Im Nordwesten der Halbinsel wurden die häretischen Bosnier 
und Zachlumier von den Ungarn (1234 — 1237) energisch be- 
kämpft, unter der Führung des Koloman, eines Sohnes Andreas' H., 
des früheren Königs von Galizien, nun Herzogs von „Sclavonia" 
(Kroatien und Dalmatien). Dabei unterwarf Koloman den Norden 
von Zachluraien, damals beherrscht vom Fürsten Toljen ^). In 
der Landschaft Usora im nördlichen Bosnien war Knez Sebislav, 
Sohn eines sonst unbekannten Bans Stephan, ohnehin ein Anhänger 
des römischen Stuhles ^). Im eigentlichen, zentralen Bosnien be- 
hauptete sich siegreich gegen alle Angriffe Matthäus Ninoslav, der 
sich „Großbau" von Gottes Gnaden nannte (urkundHch 1232 bis 
1250) und ausdrücklich als Nachkomme der alten Landesfürsten 
bezeichnete; er scheint unmittelbarer Nachfolger des Ban Kulin 
gewesen zu sein. Einmal kam Ninoslav (März 1240) durch das 
Gebiet des befreundeten Fürsten Andreas von Zachlumien per- 
sönlich nach Ragusa, wo er der Gemeinde die Handelsrechte be- 
stätigte und für den Fall eines Krieges der Ragusaner mit dem 
Serbenkönig den ragusanischen Kauf leuten allen Schutz versprach ^). 



1) Im südlichen Zachlumien herrschte der Fürst Andreas. In Stagno 
werden 1239 Beamte des Königs Vladislav erwähnt: Smiciklas 4, 77. 

2) Smiciklas 4, 15f. 

3) Mon. serb. 29 (1240), wiederholt 1249 ib. 33; auch bei Smiciklas 
4, 107, 386. Faksimile der Urk. 1249 im Glasnik 6 (1854). 

20* 



308 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

In diesen Tagen hielt ein Völkersturra aus dem Innern Asiens 
ganz Osteuropa in Aufregung. Die Mongolen oder Tataren er- 
schienen mit gewaltigen Reiterheeren in den Ländern nördlich 
vom Schwarzen Meere, besiegten die russischen Fürsten und zer- 
sprengten die seit vielen Generationen in den Steppen vom Don 
bis zur Donau nomadisierenden Rumänen. Der letzte Khan der 
Rumänen Ruthen zog (1239) mit dem größten Teil seines Volkes 
nach Ungarn ab. Andere kumanische Schwärme wendeten sich 
nach Bulgarien, während kleinere Scharen in die Dienste der 
Lateiner und Nikäer traten. Unter Batu, dem Enkel des Dschingis- 
Khan, folgte (im Winter 1240 — 1241) ein neuer Vorstoß; Riew, 
Rrakau und Breslau wurden erobert und zerstört, der Haupt- 
angrifF galt aber Ungarn. Bela IV. wurde (April 1241) vollständig 
geschlagen und das ganze Land furchtbar verwüstet. Der Rönig 
floh über Agram nach Arbe, von dort nach Spalato. Batus Vetter 
Kajdan verfolgte ihn bis zum Meere. Eine lebendige Schilderung 
dieser Rämpfe bietet ein Augenzeuge, der Ai'chidiakon Thomas. 
Nach seiner Erzählung erlitten die Slawen geringe Verluste, weil 
sie sich in den Bergen und Wäldern verborgen hatten. Die Be- 
satzung von Clissa schlug die Mongolen zurück, indem sie große 
Felsblöcke vom Burgfelsen herabwälzte. Einen Angriff auf die 
von Flüchtlingen überfüllten, gutbefestigten Städte Spalato und 
Trau, wo der Rönig eben weilte, versuchten die Reiterscharen 
nicht (März 1242). Eine Abteilung zog südwärts. Das feste Ra- 
gusa erHtt wenig Schaden, wohl nur in seinem Territorium. Da- 
gegen haben die Mongolen Cattaro, wahrscheinlich nur die Unter- 
stadt, niedergebrannt. Im Gebiet des Erzbistums von Antivari 
wurden die bischöflichen Städte Svac und Drivasto zerstört und 
ihre Einwohner niedergehauen ^). Rajdan eilte indessen durch 
Bosnien, Serbien und Bulgarien an die untere Donau, wo er sich 
mit Batu vereinigte; die Nachricht von dem Tode des Großkhans 
Oktaj (Dezember 1241) rief sie nach Osten zurück-). Von der 



1) Duleigno wurde von der Katastrophe des nahen Svac nicht berührt 
und schloß eben damals am 22. Apiül 1242 einen Freundschaftsvertrag mit 
den Ragusanern: Smiciklas 4, 149. 

2) Roger, Domherr von Großwai-dein , später Erzbischof von Spalato, 
und Thomas Ar eh. ed. Racki 156, 177. In ragusani sehen, serbischen und 



Stephan Vladislav (1234—1243). 309 

Donau reichte dann bis nach Turkestan das von allen Nachbarn 
gefürchtete neue Khanat der Goldenen Horde, mit der von Batu 
gegründeten Residenz Saraj an der unteren Wolga. Es war ein 
Teilfürstentum des mongolischen Riesenreiches, welches sich von 
Persien bis zu den Gestaden Chinas erstreckte, mit der Residenz 
im „goldenen Zelt" von Karakorum, später in den Palästen des 
Großkhans im heutigen Peking. 

Nach diesen Ereignissen vermochte sich König Vladislav nicht 
mehr als Alleinherrscher zu behaupten. Den Thron mußte er 
(Frühjahr 1243) seinem jüngeren Bruder Stephan Uros überlassen; 
ihm blieb der Königstitel und einige Gebiete im Küstenlande. 
Über diese Umwälzung gibt es keinen serbischen Bericht, nur 
ragusanische Urkunden. Der Comes Giovanni Michieli mit den 
Vornehmen der Stadt versprach (im Sommer 1243) Jurko, dem 
Gesandten des Königs Stephan Uros, die „ Königin des Vladislav ", 
welche sich wahrscheinlich nach Ragusa geflüchtet hatte, werde 
weder mit dem Rat noch mit dem Wissen der Ragusaner, sei es 
durch Boten oder durch Briefe etwas gegen Uros unternehmen, 
weder zu Land noch zur See, auch nicht in Bosnien ^). Bald 
wurden (14. August 1243) die alten Verträge von Ragusa und 
König Uros feierlich erneuert -). König Vladislav wird später 
öfters erwähnt, stets als Freund seines Bruders; seine Residenz, 
vielleicht in Skutari, wird nicht genannt 3), Zuletzt wurde für 
ihn (1263 — 1264) im Kloster Mileseva eine Handschrift mit kurzen 
Heiligenlegenden (ein Prolog) abgeschrieben ^). Von seinen Söhnen 

bulgarischen Quellen keine Nachrichten. Vgl. Gustav Strakosch-Graß- 
mann, Der Einfall der Mongolen in Mitteleuropa (Innsbruck 1893) 169. 

1) Mon. serb. 30, Smiciklas 4, 210 (, Johannes Michael Comes seit 
23. August 1242 ib. 4, 159). Das Adj. Vladislavlb {toO Vladislav) ganz 
mißverstanden von Gondola (Viadislava, reglua di Bossina), ebenso bei 
Resti 87. 

2) Nur in lat. Übersetzung erhalten: Ljubic 1, 59, 63—64, Smi- 
ciklas 4, 194—195 nro. 174 und 211—212 nro. 189; in beiden Ausgaben 
nicht erkannt als zusammengehörende Urkunde und Gegenurkunde. 

3) Urk. 1252—1254: Mon. serb. 36, Smiciklas 4, 483, 507, 5-29. 
Daniel p. 6 weiß nur von der Alleinregierung des Vladislav (angeblich 
7 Jahre). 

4) Mon. serb. 561; Stojanovio, Zapisi nro. 5015 (6772 Ind. 7); 



310 Viertes Buch, Erstes Kapitel. 

hat er dem wohl älteren Stephan seme Ktitorenrechte im Athos- 
kloster Esphigmenu übergeben i); der jüngere Zupan Desa starb 
vor 1281. Eine Tochter Vladislavs war an den Comes Georg, 
einen der Führer des kroatischen Adelsgeschlechtes der Kaöici 
von Almissa, verheiratet-). Bjeloslava, die Witwe des Königs 
Vladislav und Mutter des Desa, lebte noch 1285 3). 

König Stephan Uros I. (1243 — 1276) wird von den Männern 
der serbischen Kirche, von Domentian und Daniel, der „Große" 
(veliki) genannt, in einer Urkunde der Stadt Cattaro gar als ein 
unbesiegbarer König gefeiert, aber an seinen Schicksalen ist zu 
sehen, daß ihm das Talent und der weite Bhck seines Vaters, 
des „erstgekrönten" Königs fehlte. Bei den Wandlungen seiner 
zwischen den Griechen v^on Nikaia, den Epiroten, den Uagarn 
und den neuen französischen Herren von Neapel, Albanien und 
Griechenland hin und her schwankenden Politik hat er sich oft 
verrechnet. Die späteren serbischen Annalisten nennen ihn nach 
seiner Stimme den „heiseren" König (hrapavi kralj) ^). Zuerst 
stand er in Verbindung mit den Nikäern, der damahgen ersten 
Macht der Halbinsel. Als in Trnov auf Kaliman (1246) wieder 
ein Knabe folgte, Asens IL jüngerer Sohn Michael Äsen, entriß 
Kaiser Johannes Vatatzes den Bulgaren sofort alle südlichen Pro- 
vinzen von Adrianopel bis zum Vardar. Das Gebiet westhch vom 
Vardar, mit Veles, Prilep und Ochrid besetzte indessen der Despot 
Michael U. von Epirus. Vatatzes brachte sodann Thessalonich 
(1246) dauernd in den Besitz seines Reiches. Nach wenigen 
Jahren besiegte er auch Michael 11. und nahm den Epiroten ganz 

Todestag des Vladislav am 11. November: Stojanovic, Arch. slaw. Phil. 
23 (1901) 631. 

1) Slaw. Bibliothek a. a. 0. 

2) Knez Gjura oder comes Jiirra wii-d urkundlich erwähnt 1239—1274, 
als Vladiblavs Schwiegersohn Mon. serb. 54, Smiciklas 4,126 (1253 — 1254). 

3) Urk. 1281—1285 über das Deposit der Bjeloslava: Smiciklas 6, 
888—391, 542—543. Ob sie die Tochter Asens II. war, die Vladislav ein 
halbes Jahrhundert früher geheiratet hatte, oder vielmehr eine zweite Frau 
dieses Königs, ist nicht bekannt. 

4) Stefan Uros der sorb. Urk., Zrt'fnvog Ovntatg des Pachymeres, 
Mich. Pal. V cap. 7, bei, den Ragusanern und Ungarn meist „rex Urossius". 
Urosius, invictissimus rex: Urk. 1257, Ljubic 1, 89, Smiciklas 5, 77. 



Stephan Uros I. (1243-1276). 311 

Westmakedonien und Albanien mit Kroja, bis zum Adriatischen 
Meer und bis zur serbischen Grenze (1252). Sein Sohn, der 
melancholische und gelehrte Kaiser Theodor II. Laskaris (1254 
bis 1258) geriet wieder in die Defensive und hatte sich gegen die 
Bulgaren und Epiroten zu verteidigen. Daß Uros zu den aller- 
dings nicht verläßlichen Freunden der Nikäer gerechnet wurde, 
sieht man aus einem Briefe des Kaisers Laskaris und aus den 
Vorwürfen, die Akropohtes später in seinem Geschichtswerk dem 
Serbenkönig machte ^). 

Der rasche Aufschwung Ungarns nach dem JMongolensturm, 
mit Heranziehung fremder Kolonisten und Neugründung zahlreicher 
Städte und Burgen, ist bereits an dem Kampf mit Venedig um 
Zara (1242 — 1244) zu bemerken. König Bela IV., der begabteste 
unter den Arpäden, organisierte auch seine Südgrenze. Schon 
seine Vorgänger haben fremden Fürstensöhnen Besitzungen in 
Südungara angewiesen. Herr von Sirmium und Comes von Bäcs 
war um 1227 — 1242 Johannes oder Kalojohannes Angelos, ein 
Sohn des Kaisers Isaak Angelos und der „imperatrix Constanti- 
nopoHtana", der Ungarin Margareta, somit ein leibhcher Bruder 
des unglücklichen Alexios IV., der die Kreuzfahrer nach Kon- 
stantinopel geführt hatte, überdies durch die zweite Heirat seiner 
Mutter ein Stiefsohn des Bonifaz von Montferrat -). Eine einfluß- 
reiche Persönlichkeit wurde ein russischer Flüchthng, Rostislav 
Michailovic, Sohn des von den Tataren hingerichteten Fürsten von 
Cernigov, des in Rußland als Märtyrer verehrten heiÜgen Michael 
Vsevolodovic. Bela verheiratete ihn mit seiner Tochter Anna und 
ernannte ihn zum Herzog von Galizien, vermochte ihm aber dieses 
Land nicht zu erwerben. Rostislav wurde dann Ban von Sla- 
wonien (1247) und der erste Ban des seit 1254 urkundhch ge- 
nannten Banates von Macva (Machow, hes Matschö, der ung. Ur- 
kunden), welches das Land westlich von Belgrad zwischen Save, 
Drina und dem Gebh'ge des Cer umfaßte. Dazu erhielt er die 



1) Theodor! Ducae Lascaris epistolae ed. Nie. Festa, Firense 
1898 p. 58 iZ(oßoi). Akropolites ed. Heisenberg cap. 70 p. 145. 

2) Theiner, Mon. Hung. 1, 39, 72, 88. Pressutti a. a. 0. 2,. 290, 
466. Vgl. Hu her, Gesch. Österreichs 1, 440 A. 1. 



313 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Landschaften Usora und Sol im Norden Bosniens und wohl auch 
Belgrad, so daß sein Gebiet eine von West nach Ost weit aus- 
gedehnte Grenzmark bildete. Schwiegersöhne des Rostislav wurden 
der junge Zar Michael von Bulgarien und der mächtige König 
Pfemysl Otakar II. von Böhmen. Nach seinem Tode (um 1262) 
erbten sein Gebiet seine Söhne Michael und Bela als „Herzöge 
von Macva". 

Das eigentliche Bosnien geriet nach dem Tode des trotzigen 
Bans Ninoslav in größere Abhängigkeit von Ungarn. Ninoslavs 
Nachfolger war sein Verwandter (consanguineus) Prijezda I. (um 
1250 — 1287), vom Könige mit Gütern in Kroatien an der Drau 
ausgestattet. Das ist der unmittelbare Stammvater der späteren 
bosnischen Herrscher, deren Dynastie im 15. Jahrhundert Kotro- 
manidi genannt wird, so genannt nach einem fernen Ahnherrn 
Kotroman, dessen Zeitalter sich nicht bestimmen läßt. Auf Pri- 
jezda I. folgten seine Söhne Prijezda II. und Stephan I. , beide 
(ungefähr bis 1290) als Bane nebeneinander, später Stephan I. 
aliein ^). In Zachlumien führten die Söhne des Großfürsten An- 
dreas nur den Titel von Zupanen: Bogdan, der bald gestorben 
war, und Radoslav, der auch Imota (jetzt Imoski) besaß 
und sich 1254 ausdrücklich als ungarischer Vasall bezeichnete -). 
Damit war der Einfluß Serbiens aus dem chelmischen Gebiet ver- 
drängt. 

Die Bulgaren versuchten ihre verfallende Macht wieder durch 
eine energische Offensive zu beleben, vielleicht in der Hoffnung 



1) Darüber die von Thallöczy gesammelten Urkunden: Geschichte 
der Grafen von Blagay (Wien 1898) 73 und Glasnik bos. 18 (1906) 421 f., 
429 f. = Wiss. Mitt. 11 (1909) 260 f., 268 f. Vgl. Dr. M. Wertner, Bei- 
träge zur bosnischen Genealogie, deutsch im Vjesnik zem. ark. 8. (1906) 
235 f. und Milovan Ristic, Bosnien 1250—1284, serb., Belgi-ad 1910. 
Den „Cotrumano Gotto" einer ragus. Urkunde von 1432 (s. oben S. 227) 
verwandelte Orbini in einen „Cotromanno Tedesco", Nachfolger Kulins. 
Mit Stephan I. identifizierte ihn zuerst Luccari. Zum Namen vgl. kirchen- 
slawisch kotorati s^ streiten und die Kurzform Kotrul, fem. Kotrula (vgl. 
meine Rom. Dalm. 1, 39); -man (vgl. -jm^vTjg) wiederholt sich in serb. 
Grdoman, Vlkoman usw. 

2) Mon. serb. 44: „getreuer Eidgenosse (kletvenik) des Herrn Königs 
von Ungarn". 



Stephan Uros I. (1243-1276). 31 S 

auf Unterstützung von Seite des Herzogs Rostislav und der Ungarn. 
Eine kriegerische Adelspartei scharte sich um den jungen Michael 
Äsen und dessen Mutter Irene, die Tochter des einstigen Kaisers 
Theodor von Epirus. An ihrer Spitze stand ein Schwager des 
Zaren, der Sevastokrator Peter ^). Es ist unbekannt, warum sich 
ihr Angriff zuerst gegen Serbien wendete. Dabei fanden sie 
Bundesgenossen im Westen, vor allem in Ragusa, das mit Uros I. 
während seiner ganzen Regierung schlecht stand. Die Ragusaner 
bemühten sich damals trotz ihrer geringen materiellen Mittel um 
Erweiterung ihres Gebietes und ihres kirchlichen Einflusses. Die 
nächste Veranlassung bot ein schwerer Verlust des Erzbisturas 
von Ragusa. Das Bistum von Bosnien wurde ihm vom Papst 
(1247) entzogen und dem Erzbischof von Kalocsa in Ungarn unter- 
geordnet (S. 225). Die Ragusaner protestierten, griffen aber zu- 
gleich die alten Streitfragen mit dem Erzbistum von Antivari auf 
und beanspruchten bei der römischen Kurie das ganze antivaren- 
sische Gebiet (1247 — 1255). Sie hofften auf einen Erfolg, da die 
lateinischen Kirchen von Zachlumien und Trebinje auf serbischem 
Boden ohnehin zu ihrem Erzbistum gehörten, operierten aber auch 
mit allerlei Erfindungen und Fälschungen. Die Kirche von Anti- 
vari, damals verwaltet von dem durch seine Missionsreise ins 
Mongolenreich bekannten Italiener Johannes de Piano Carpini, 
fand Unterstützung sowohl in Rom, als bei ihren Landesherren, den 
Serbenköuigen Uros und Vladislav. 

Im Sommer 1252 erschien König Uros mit einem großen 
Heere vor Ragusa , ließ sich aber nach wenigen Wochen zur Er- 
neuerung des Friedens bewegen "-). Comes von Ragusa war eben 
ein hervorragender Venezianer, Marsilio Giorgi (1252 — 1254), der 
neben zahlreichen Gesandtschaftsreisen sich besonders als Bailo in 



1) „ Zet " Mon. serb. 36 — 37 ist nicht Schwiegersohn, sondern Schwager ; 
vgl. yuußnd; inl uiSfhfTj Dem. Chomatianos nro. 33 und lat. gener = 
sororis maritus bei Thietmar von Merseburg. 

2) Urk. aus Bari, 5. Juli 1252: Smiciklas 4, 499. Friedensvertrag 
vom 13. August 1252 (nicht 1253): Mon. serb. 40 — 41, Smiciklas 4, 534. 
Am 14. September 1252 Grdoman §ametic als Gesandter des Königs Uroä 
in Ragusa : Smiciklas 4, 508. 



314 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Syrien ausgezeichnet hatte ^). Im folgenden Jahre erschienen in 
Ragusa Gesandte des Zaren Älichael Äsen und des Sevastokrators 
Peter und bewogen die Stadt (l5. Juni 1253) zu einem Bund 
mit den Bulgaren gegen die Könige Uros und Vladislav. Die 
Ragusaner verpflichteten sich, mit ihren Schiffen die Küstenstädte 
Serbiens anzugreifen und die eroberten Plätze dem Zaren zu über- 
geben; dafür versprachen ihnen die Bulgaren eine vorteilhafte 
Grenzregulierung und eine Anerkennung der kirchhchen Ansprüche 
auf das Küstengebiet, nebst großen Handelsrechten -). Bulgarische 
und kumanische Truppen drangen tief in Serbien ein und ver- 
heerten am Lim das Kloster des heiligen Peter bei Bjelopolje ^). 
Diese Invasion war es wohl, welche den damaligen serbischen 
Erzbischof Arsenij I. bewog, die Residenz von Zica südwärts nach 
Pec zu übertragen. Ein Jahr später (Mai 1254) schloß sich dem 
Bund zwischen Ragusa und Bulgarien auch der chelmische Zupan 
Radoslav an ^). Jedoch schon bald wurde der Friede zwischen 
den Bulgaren und Serben erneuert, vielleicht durch Vermittlung 
des Kaisers Vatatzes. Die Ragusaner blieben isoliert. Ihre großen 
Pläne wai'en vollständig gescheitert. Den Frieden mit Uros mußten 
sie unter dem Comes Andj'eas de Auro mit schweren Geldopfern 
erkaufen (23. August 1254) '•'). Der Erzbischof von Ragusa verlor 
jede kirclüiche Hoheit auf dem Boden des serbischen Reiches. 
Sein Prokurator bei der Kurie wurde aus Neapel, wo sich Papst 
Alexander IV. nach seiner Wahl befand, wegen der Aussichtslosig- 
keit des Prozesses gegen Antivari abberufen (Februar 1255) '"'). 



1) Marsilio Giorgi als Bailo iu Akkon und Tyrus (1240—1244): 
Wilken, Geschichte der Kreuzzüge 7, 371f. und Heyd, Geschichte des 
Levantehandels 1, 170, 365 f., 370, 373, 377. Seine syrischen Relationen: 
Tafel und Thomas 2, 351—398. 

2) Der längste südslawische Akt des 13. Jahrh., oft gedruckt: Safafik 
Pam. 16—20, Mon. serb. 35-40, Smiciklas 4, 528-533. 

3) Spomenik 3, 8. 

4) Mon. serb. 42—45, Smiciklas 4, 558-560. 

5) Mon. serb. 45-48. Bei Smiciklas 4, 567—569, 580—581 nicht 
als zusammengehörende Urkunde und Gegenurkunde erkannt. Weinauflage 
und Verpfändung der Stadteinkünfte „pro reparatione pacis regis Urossi": 
-8. Nov. 1254 ib. 4, 572. 

6) Smiciklas 4, 590. 



Stephan Uro§ I. (1243-127G). 315 

Wie aus den späteren Chroniken erhellt, schrieben die Ragu- 
saner die Schuld an ihrem Mißgeschick ihrem Comes zu. Marsilio 
Giorgi hat aus dem Krieg einen persönlichen Vorteil für seine 
Familie gezogen, der zugleich eine Erweiterung der venezianischen 
Herrschaft auf der Adria bildete. Schon die früheren Coraites von 
Ragusa bemühten sich vergeblich um die Gewinnung der Herr- 
schaft über die benachbarten großen Inseln, welche König An- 
dreas n. wahrscheinlich während der Kämpfe mit den Alraissanern 
den mächtigen Grafen von Veglia zugewiesen hatte ^). Marsilio 
Giorgi wurde (1254) von den Gemeinden von Ciu-zola und Meleda 
zum erblichen Grafen (comcs perpetuus) gewählt (f 1271). Sein 
Name eröffnet das Gesetzbuch von Ciirzola -). Die Giorgi herrsch- 
ten auf Curzola 104 Jahre, bis 1358. Auf Meleda konnten sie 
jedoch nie festen Fuß fassen; diese Insel mit ihrer Benediktiner- 
abtei blieb bis ins 14. Jahrhundert unter serbischer Hoheit. Da- 
gegen hat sich in diesen Zeiten (vor 1272) die weiter im offenen 
Meere gelegene kleine Insel Lagosta (slaw. Lastov) freiwillig den 
Ragusanern angeschlossen '^). 

Die Bulgaren besetzten nach dem Tode des Kaisers Vatatzes 
(Oktober 1254) ohne Mühe wieder das Gebirge der Rhodope und 
das östliche Makedonien bis zum Vardar. Aber der junge Las- 
karis II. vertrieb sie abermals aus allen diesen Gebieten, Den 
Frieden vermittelte (1256) persönlich der Schwiegervater des bul- 
garischen Zaren, der Herzog Rostislav i). Die Grenzen wurden auf 
den Stand vor diesem Kriege gebracht. Der Mißerfolg hatte in 



1) Smiciklas 3, 134 (1-215); 4, 111 (1240): Corcira, Lasta et 
Meleta. Papst Honorius III. 1221 au die Grafen von Veglia, Herren der 
Inseln Fara (Lesina), Brazza, Curzola und Lagosta: The in er, Mon. Hang. 
1, 27: Pressutti a. a. 0. 1, 525 nro. 3214; Smiciklas 3, 190. 

2) Mon. hist. jur. Bd. 1, S. 1, 3, 20. Ljubic 3, 403 f. Vgl. Dau- 
dolo bei Muratori 12 col. 363 A. 

3) Stat. Rag. I cap. 15. 

4) In den Briefen des Kaisers Laskaris II. (ed. Festa p. 280) der 
Friedensvermittler klar als ,,der Fürst der Russen" (ö TGjf '^PwaGiv (ioyoyp); 
bei Akropolites (cap. 62, ed. Heisenberg p. 127) der „Russe Ur" (Pwao; 
OiQog, magyar. iir Herr, Fürst), Schwiegersohn des Königs von Ungarn. 
Früher auf Uros I. von Serbien gedeutet. Vgl. Arch. slaw. Phil. 21 (1899) 
623 f. 



316 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Bulgarien eine Revolution zur Folge. Zar Michael wurde nieder- 
gemacht und sein Vetter Kaliman II. auf den Thron erhoben. 
Rostislav traf mit einem Heere in Trnov ein, doch war indessen 
auch Kaliman II. ermordet worden. Nun ließ sich Rostislav selbst 
zum Kaiser der Bulgaren proklamieren, vermochte sich aber nicht 
zu behaupten ^). Der Reichstag der Boljaren erhob schließlich auf 
den bulgarischen Thron einen von den Nikäern unterstützten Ver- 
wandten des Hauses des Nemanja. Es war Konstantin mit dem 
Beinamen Tih, welcher eine Tochter des Kaisers Laskaris IL, die 
mütterhcherseits eine Enkelin Asens II. war, heiratete und sich 
fortan Konstantin Äsen schrieb (ungefähr 1257 — 1277) -). Grie- 
chische und bulgarische Denkmäler bezeugen, daß er halb serbischen 
Ursprungs war und Nemanja zu seinen Vorfahren rechnete; es 
war eine Abstammung in weiblicher Linie, doch läßt sich eine 
Stammtafel nicht zusammenstellen =^). Der Beiname Tih ist eine 
Kurzform für Tihomir oder Tihoslav. Aus den Briefen des Erz- 
bischofs Demetrios Chomatianos ist dieser Name unter den Vor- 
nehmen der Provinz von Skopje bekannt. Ein Archont Johannes 
Tihomir (hoavvriq ö Tetxoi-ioiQog) und ein kaiserlicher Beamter 
{ßaoilLY.ög) Konstantin haben sich (um 1200) der Besitzungen 
zweier minderjähriger Brüder bemächtigt, die dann, als sie heran- 
gewachsen waren, deshalb gegen Tihomirs Söhne vor dem Des- 

1) „Nos Razlaus dux Galacie ac imperator Bulgarorum et Anna du- 
cissa eiusdem et Mychael filius eorundem'' schenken (um 1262) einigen „Teu- 
tonici" ein Gut „iu provincia Bereg": Codex dipl. domus senioris comitum 
Zichy de Zieh et Vasonkeö 1 (Pest 1871) nro. 8 p. 5. 

2) KwvaTttvT(vo) TO) TtCyjn Pachymeres, Mich. Pal. I cap. 13; 
KcDvaravTivus övo/x«, ToTxog iniöwfxov Nikephoros Gregoras III cap. 2 
§ 4, J5r. d Tot/og ib. § 5. Tohu der älteren Ausgaben des Ansbert ist 
nach vollständigeren Texten „Tolin", Sohn des Miroslav von Zachlumien, 
und hat mit Tih nichts zu tun (s. oben S. 271). 

3) Konstantin Ix I^f'oßMv i^ i^uiadctg ib yt'vog tXxoiv: Pachymeres, 
Mich. Pal. V cap. 5. Der serb. Ursprung „zur Hälfte" kann nur mütter- 
licherseits gewesen sein; von väterlicher Seite wäre er ein ganzer Serbe ge- 
wesen. In der Urk. von Virpino nennt Zar Konstantin den Nemanja 
seinen „ded", Großvater oder überhaupt Vorfahr. In der Inschrift von Bo- 
jana bei Sofia von 1258—1259 (Stojanovic, Zapisi 1 nro. 18) erscheint 
Konstantins Brudersohn oder Vetter (bratuc^d), der Sevastokrator Kalojan 
als „Enkel des hl. serbischen Königs (kralj) Stephan". 



Stephan Uros I. (1243—1276). 317 

poten Theodor (1217) einen Prozeß führten ^). Es ist nicht un- 
möglich, daß Nemanja eine Tochter an diesen Tihorair von Skopje 
verheiratet hatte, ebenso wie eine Tochter seines Sohnes Stephan 
mit dem Albanesen Demetrios vermählt war. Überdies besaß Zar 
Konstantin selbst eine Zeitlang die Landschaft von Skopje und 
bestätigte bei einem persönlichen Besuch derselben dem Kloster 
des heiligen Georg auf dem Berge Virpino alle Besitzungen -). 

Die Freundschaft zwischen den Serben und Nikäern, welche 
sich zuletzt bei der Besetzung des bulgarischen Thrones bemerk- 
bar gemacht hatte, war bald zu Ende. König Uros I. hat, wie 
Akropolites sagt, undankbar „den Becher der Freundschaft weg- 
geworfen" und sich den Epiroten und den Franken angeschlossen. 
Laskaris II. zwang Michael IL, ihm das wichtige Durazzo abzu- 
treten, als er seine Tochter mit dessen Sohn Nikephoros vermählte 
(September 1256). Michael IL, dadurch zum Widerstand ge- 
zwungen, gewann bei den Franken zwei mächtige Bundesgenossen 
durch Heiraten seiner Töchter: Wilhelm von Villehardouin , den 
Fürsten von Achaja, und Manfred, den König von Sizilien, welcher 
als Mitgift seiner Gemahlin Helena die Insel Korfu und das viel 
umworbene Durazzo nebst Valona und Berat erhielt. Diesem 
Bunde trat auch König Uros I. bei. Mit Leichtigkeit besetzten 
die Truppen des Despoten (Anfang 1258) das vor sechs Jahren 
verlorene Land von der Adria bis zum Vardar. Zugleich rückten 
die Serben nach Skopje, -Prilep und Kicevo vor. Georgios Akro- 
polites, der Historiker, damals kaiserlicher Befehlshaber des Westens, 
suchte eine Zuflucht auf der festen Burg von Prilep. Sein Unter- 
befehlshaber Xyleas ließ sich unvorsichtig in einen Kampf mit 
den Serben ein und erlitt eine schwere Niederlage. Akropolites 
wurde von den Epiroten in Prilep belagert und, als die Lokal- 
truppen verräterisch die Tore öffneten, in Ketten nach Arta weg- 
geführt. Die meisten nikänischen Feldherren gingen zum Sieger 
über. König Uros bestätigte indessen in Skopje ältere kirchhche 



1) Dem. Chomatianos nro. 69 ed. Pitra col. 263. 

2) Safari k Pam. 23 — 27 und Sreznevskij, Nachrichten und Be- 
merkungen über wenig bekannte Denkmäler nro. 81 (Zapiski der russ. 
Akademie Bd. 34, Heft II, 1897, Beilage nro. 4). 



318 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Stiftungen, wie die des Edelmannes Pribo aus den Zeiten des 
Kaisers Theodor von Epii-us und des Zaren Äsen IL, die er dem 
Kloster Chilandar zuteilte i). Indessen ist Laskaris IL noch jung 
an Jalii'en geistesgestört gestorben (August 1258). Da sein Sohn 
Johannes noch ein Kind war, konnte sich der Feldherr Michael 
Palaiologos leicht zum Regenten, zum Mitkaiser und zum allei- 
nigen Kaiser erheben. Ein starkes Heer des neuen Herrschers 
bereitete den Epiroten und Franken bei Kastoria eine vollständige 
Niederlage, in welcher Fürst Villehardouin in die Gefangenschaft 
fiel (1259). Nur die Unterstützung von Seite Manfreds rettete 
den epirotischen Staat vor dem Untergang. Die Nikäer unter- 
warfen sich das ganze Gebiet bis zum Sargebirge und hoben in 
Skopje die kirchhchen Schenkungen des Serbenkönigs auf. Nicht 
lange darauf durcheilte Ost und West eine überraschende Nach- 
richt: die nikänischen Truppen überrumpelten in einer Nacht 
Konstantinopel und zwangen Kaiser Balduin IL zur Flucht nach 
dem Westen (25. Juli 1261). 

Die Parteistellung Uros' I. wurde beeinflußt durch verwandt- 
schaftliche Beziehungen. Seine Frau, wir wissen nicht, ob die 
erste, zweite oder gar dritte, war seit ungefähr 1250 die Französin 
Helena. Erzbischof Daniel, der sie noch persönlich kannte, lobt 
ihre scharfsinnige Redeweise, ihre Güte, Freigebigkeit, Frömmig- 
keit und ihren tadellosen Lebenswandel -). Sie erreichte ein sehr 
hohes Alter (f 1314), gleich populär bei den Serben, wie bei den 
Lateinern des Küstenlandes, gleich geehrt von der serbischen und 
lateinischen Kirche, welcher sie, wie aus ihrer Korrespondenz mit 
den Päpsten zu sehen ist, treu geblieben war. Im dioklitischen 
Gebiet erneuerte sie (nach Barletius) Drivasto mit anderen Städten, 
welche bei der Invasion der Mongolen zerstört worden waren, und 
stiftete katholische Kirchen und Klöster in Cattaro, Antivari, Dul- 



1) Sebast Kyr ITQiuTiog unter Kaiser Theodor bei Dem. Choma- 
tianos nro. 76 ed. Pitra col. 326. „Kellia" der hl. Petka (Paraskeue) in 
Tmorjane, welche der „Protosebast von Zagora Pribo in den Tagen des 
Zaren Äsen erbaut hatte " , erneuert und bestätigt von Uros II. um 1300 : 
Sporaenik 3, 12. Vgl. Arch. slaw. Phil. 21 (1899) 625. Zur Chronologie: 
Miliarakis a. a. 513ff. 

2) Daniel 8, 58, vgl. 60-61. 



Stephan Uros I. (1243—1276). 310 

cigno und Skutaj-i, aber auch im Binnenlande das serbische Kloster 
Gradac am Ibar. Dunkel bleibt ihre Abstammung. Daniel schreibt, 
Helena sei fränkischen Ursprungs (ot roda fruzLska) aus einem 
kaiserlichen oder königlichen Geschlechte gewesen (ot plemena 
carska), eine Tochter berühmter und reicher Eltern, welche sie 
dem serbischen König zur Frau gegeben haben. Es ist keine 
Phrase, wenn diese Königin, ebenso wie ihi*e Schwester, in den 
Urkunden Karls I, und II. von Anjou als Verwandte (consanguinea 
nostra carissima, cognata nostra, affinis nostra carissima) bezeichnet 
wird, ebenso wie z. B. auch die Toucy (de Tociaco) im latei- 
nischen Kaisertum „cousins" des Königs von Frankreich waren. 
Die von Neueren aufgestellten Kombinationen, um die Serben- 
königin in eine genealogische Verbindung mit den französischen 
Königen oder mit dem Hause der Courtenay, der lateinischen 
Kaiser von Konstantinopel, zu bringen, entbehren des urkund- 
lichen Beweises. Man könnte auch an die zahlreichen, meist aus 
der Champagne und aus Burgund stammenden französischen Herren- 
geschlechter Griechenlands denken. Maria, die Schwester der 
Königin Helena, war verheiratet mit Anselm de Chaurs, welcher 
1273 als Generalkapitän Karls I. in Albanien erwähnt wird (f vor 
1280). Sein Geschlecht, im 12. — 14. Jahrhundert oft erwähnt 
unter den Bischöfen und großen Baronen von Frankreich und 
Neapel, führte den Namen nach dem Schlosse Chaource in der 
Champagne, jetzt im Departement Aube, Arrondissement Bar sur 
Seine, südlich von Troyes. Als Witwe lebte Maria (seit 1281) im 
Lande ihrer Schwester, wo ihr eine Residenz in Dulcigno ein- 
geräumt wurde. Ihr Sohn, der gleichfalls Anselm hieß, besaß (um 
1292) Güter im Fürstentum Achaja. Das Grab der Maria de 
Chaurs und ihres Sohnes Anselm mit lateinischer Inschrift sah 
man noch unter der venezianischen Herrschaft (bis 1571) im 
Pflaster vor dem Hochaltar der Marien- oder Markuskirche von 
Dulcigno ^). 

Der Anschluß des Serbenkönigs an das epirotisch - fränkische 
Bündnis führte zu einer Verständigung mit Ungarn, dessen Ein- 



1) Über diese genealogischen Fragen vgl. meine Studien über das 
mittelalt. Serbien (Denkschriften W. Akad. 1911). 



320 Viertes Bucb. Erstes Kapitel. 

fluß auf der Balkanhalbinsel damals im Wachsen war. Stephan 
(V.), des Königs Bela IV. älterer Sohn und Gatte der Elisabeth, 
einer Tochter des letzten kumanischen Khans Kuthen, bekämpfte 
den Zaren Konstantin von Bulgarien, eroberte Vidin und ließ 
seine Truppen bis Pleven und Trnov (1261) vorrücken. Sein 
Schützling war ein mächtiger Edelmann in Westbulgarien, der 
Despot Jakob Svetislav, ein Russe und Landsmann des Rostislav, 
durch ungarische Hilfstruppen unterstützt gegen Kaiser Michael 
Palaiologos (1263) ^), später als „Imperator" der Bulgaren erwähnt 
(1271). Die Verbindungen mit den Serben waren auch auf einer 
Heirat begründet. Der ältere Sohn des Uros I. und der Helena, 
Stephan (Dragutin), wm'de vermählt mit Katharina, einer Tochter 
des „jüngeren Königs" Stephan (V.). Serben (Rascienses) erschei- 
nen neben Bulgaren und Bosniern in den ungarischen Heeren, die 
(1260) gegen den König Pfemysl Otakar U. von Böhmen im Felde 
waren ^). Andererseits gewann der serbische König wieder Zach- 
lumien, setzte dort zum Bischof seinen jüngsten Bruder Sava ein 
und bestätigte (um 1263) dem Kloster des heiligen Peter am Lim 
die Besitzungen am Meere bei der Narentamündung. Bald fühlte 
sich aber Uros gedemütigt durch die Prätensionen des ungarischen 
Königs, der ihn als Vasallen 2) betrachtete, und suchte wieder eine 



1) Sendung von Feldherren des Stephan „contra Grecos in auxiUum 
Zuetizlav": Cod. dipl. patrius 6, 166. 

2) Cont. Cosmae, Fontes rer. hohem. 2, 316. Bei dem Hochzeits- 
feste des Herzogs Bela, des jüngeren Sohnes Belas IV., mit der Nichte des 
Königs Pfemysl Otakar II. bei Wien (Oktober 1264) erwähnt Ottokar von 
Steiermark in der um 1300—1318 verfaßten österr. Reimchronik als an- 
wesend drei Könige: den König von Rußland (Daniel), den „König" von 
„ Matschouwe " , der Belas IV. Tochter zur „Hausfrau" hatte (Rostislav, 
damals schon gestorben) und „den kunic von Sirvie" (herausg. von See- 
müller, Mon. Germ., Scriptores qui vernacula lingua usi sunt Bd. V, 1890, 
Vers 8064f). Veit Arenpeck im 15. Jahrhundert machte daraus „tres 
reges ex Servia": Pez, Scriptores rerum austriacarum 1 col. 1222. Aus 
dieser Kombination des Arenpeck stammt die Nachricht bei Engel, 
Palacky u. a., bei der Hochzeit des jungen Bela sei König Uros mit seinen 
beiden Söhnen Dragutin und Milutin anwesend gewesen. 

3) Klar aus den Worten Belas IV.: „Uros rex Servie" hat sich „su- 
perbia elevatus" der Gerichtsbarkeit des ungarischen Königs entzogen (se 
a iurisdiccione nostra retraxisset) : Cod. dipl. patr. 8, 96. 



Stephan Uros I. (1243—1276). 331 

Annäherung an die Griechen. Gelegenheit dazu boten die inneren 
Wirren in Ungarn, ein Krieg zwischen Bela IV. und seinem 
Sohn Stephan, dessen Schauplatz sich von Siebenbürgen bis Pest 
ausdehnte (1267). 

In Italien war eine große Veränderung vor sich gegangen. 
Karl I. von Anjou, der energische Bruder des französischen Königs 
Ludwig IX., nahm in der Schlacht von Benevent (1266) dem 
König Manfred Reich und Leben. Im folgenden Jahre (Mai 1267) 
schloß er in Viterbo mit Balduin II. einen Vertrag zur Wieder- 
herstellung des lateinischen Kaisertums. Dafür erhielt er die 
Oberhoheit über Achaja und überdies ein Drittel der künftigen 
Eroberungen, welches er sich frei wählen konnte, im epirotischen 
Despotat oder „in regnis Albaniae et Serviae i)". Diese Feind- 
seligkeit Karls gegen Serbien erklärt sich durch den damaligen 
Anschluß des Uros an die Griechen. Die Lage in Italien wurde 
aber erst durch den Sieg Karls gegen Konradin, den letzten der 
Hohenstaufen , bei Tagliacozzo dauernd geklärt (August 1268). 
Kaiser Michael Palaiologos, der die Umwälzungen in Unteritalien 
aufmerksam verfolgte, bemühte sich, die Bulgaren und Serben auf 
seine Seite zu ziehen. Zar Konstantin Äsen wurde mit einer 
Nichte Michaels vermählt, doch gab es bald wieder Zwist und 
Feindschaft zwischen Griechen und Bulgaren wegen der Grenz- 
fragen. In Serbien sollte Milutin (der spätere Stephan Uros IL), 
der jüngere Sohn des Königs Stephan Uros I. , Michaels Tochter 
Anna heiraten und Thronfolger werden, mit Zurücksetzung des 
älteren Stephan (Dragutin) und seiner ungarischen Gattin. Die 
Verhandlungen waren so weit gediehen, daß die Kaisertochter 
schon nach Serbien unterwegs war, als sich die Sache durch eine 
vollständige Änderung der Dinge zerschlug -). König Uros I. 

1) Du Gange, Histoire de Constantinople sous les empereurs franeais 
(Venedig 1729), Urk. S. 12. 

2) Pachymeres, Mich. Pal. V cap. 6, mit Anachronismen und iin- 
klarer Chronologie, ohne Kenntnis der Ursachen des Bruches, unter dem 
Patriarchen Joseph (seit Jänner 1268) und vor der Gesandtschaftsreise des 
Chartophylax Bekkos zu König Ludwig IX. in das Lager von Tunis (1270). 
Anna heiratete später Michael, einen Sohn Michaels II. von Epirus, der 
sich den Palaiologen angeschlossen hatte (ib. VI cap. 6). 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 21 



333 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

drang im Kriege gegen Ungarn in die Macva ein, das Gebiet des 
Herzogs Bela, des Sohnes des Rostislav, stieß aber auf ein von 
König Bela IV. seinem Enkel zu Hilfe gesendetes Heer unter 
Stephan, dem Comes von Preßburg, und wurde nicht nur ge- 
schlagen, sondern mit vielen seiner Edelleute als Gefangener zu 
Bela IV. geführt (1268). Unter den Beutestücken, die man im 
Triumph an den ungarischen Hof brachte, befand sich auch die 
Fahne des Königs und ein goldenes, mit Perlen und Edelsteinen 
geschmücktes Kreuz ^). Zu den Friedensbedingungen gehörte wohl 
das Versprechen, Uros I. werde mit seinem Sohn Stephan (Dra- 
gutin) noch bei Lebzeiten Thron und Königreich teilen, ebenso 
wie es in Ungarn zwischen Bela IV. und Stephan V. der Fall 
war -). Als dann nach Belas IV. Tod Stephan V. mit Pfemysl 
Otakar IL von Böhmen Frieden schloß (1271), wurden auf unga- 
rischer Seite unter anderen Verwandten mit eingeschlossen auch 
König Uros von Serbien und sein Sohn Stephan, der „jüngere 
König" von Serbien ^). Schon im folgenden Jahre starb Stephan V. 
(1272). Es folgte sein minderjähriger Sohn Ladislaus IV. unter 
der Regentschaft seiner Mutter Elisabeth der Kumanin, während 
vieler Wirren, in welchen Rostislavs Sohn Herzog Bela ermordet 
wurde. 

Epirus zerfiel nach dem Tode des Despoten Michael IL (1271) 
in zwei Teile, die nimmermehr vereinigt wurden. In Epirus folgte 
sein schwacher Sohn Nikephoros, in Thessalien oder „Wlachien" 
sein energischer Bastard, der Sevastokrator Johannes, der sich 
„Komnenos Angelos Dukas" schrieb und der Abstammung von 



1) Über die Gefangennahme des Königs UroS I. drei Urkunden: 
1) 2. April 1264 (von Paul er berichtigt zu 1268), Cod. dipl. patrius 8, 96 
bis 97; 2) 9. April 1269, Fej^r V, 3, 490, kurz bei Kukuljevic, Starine 
27, 86 nro. 974; 3) 7. September 1271, Urkundenbuch des Zalaer Komitats 
(Zalavarm^gyi oklev^ltär) 1 p. 57—60. Regesten bei Thalloczy und 
Aldäsy, Codex dipl. partium regno Hungariae adnexarum (Mon. Hung. 
bist. Bd. 33, 1907) nro. 9, 10, 12. 

2) Daniel 13—14. 

3) Urk. 3. Juli 1271: „Belam, ducem de Machow et de Bozna, fratrem 
nostrum ; Urossium, regem Servie, et Stephanum filium eins, iuniorem regem 
Servie, generum nostrum ; Swetizlaum imperatorem Bulgarorum ", E m 1 e r ^ 
Regesta dipl. Bohem. et Morav. 2 nro. 753 p. 302. 



Stephan Uros I. (1243—1276). 330 

Kaisern rühmte i). Diese Veränderung erleiciaterte Karl I. die 
Besetzung von Durazzo und Berat (1272), bald auch von Valona, 
Kroja und anderen Burgen. Das neu erworbene „regnum Albanie'- 
verwaltete fortan ein neapolitanischer Generalkapitän mit dem Sitz 
in Durazzo. In den königlichen Urkunden erscheinen zum ersten 
Male die seitdem wohlbekannten albanesischen Adelsgeschlechter 
der Topia, Arianiti, Scura, Musachi u. a. Über Albanien gingen 
bald Karls Gesandte zu allen Gegnern des byzantinischen Kaisers 
ab. Gesandte „imperatoris Vulgarorum et regis Servie" erschienen 
schon 1273 am Hofe Karls I., damals in Foggia 2). Zu Karls 
Freunden gehörte auch der Sevastokrator von Thessalien, der 
eben mit den Serben Beziehungen angeknüpft hatte ; seine Tochter, 
deren Name nicht überliefert ist, wurde Gattin des jüngeren Königs- 
sohnes Milutin ^). 

Der große Krieg Karls gegen den Palaiologen war bald im 
Gang. Die Truppen Kaiser Michaels besetzten das wichtige Berat 
hatten aber Mißgeschick in Thessalien. Um Zeit zu gewinnen 
knüpfte der schlaue Michael Unionsverhandlungen mit Papst Gre- 
gor X. an, geriet aber durch diese gar nicht ernst gemeinte 
Kirchenpolitik in Zwiespalt mit dem griechischen Klerus. Diese 
kirchliche Opposition wurde von den Nachbarn in Epirus, Thes- 
salien, Serbien, Bulgarien und Trapezunt unterstützt. Um die 
serbische und bulgarische autokephale Kirche zu schädigen, stellte 
Michael ihre Rechtsgrundlage in Frage und erneuerte die alten 
von Basilios IL verliehenen Privilegien von Ochrid (August 1272'» 
ebenso diejenigen, weiche diese Kirche an das alte Justiniana Prima 
anschlössen (1273)^). Als auf dem Konzil von Lyon (1274) 



1) Notiz von 1283: Viz. Vrem. 3 (1896) 715. Sein Siegel; Jtlxlov 
der bist. Gesellsch. 4 (1892) 108 Anm. 1. 

2) Regesten bei Makusev, Zapiski der russ. Akad. 19 (1871) und 
Racki, Rad 18. 

3) Bei Pachymeres, Andr. III cap. 30 als zweite Frau Uros' II., bei 
Nikephoros Gregoras VI cap. 9 § 2 richtiger als seine erste Frau eine 
Tochter des „westlichen Sevastokrators Joannes", des „Archonten von 
Wlachien". Bei Hopf, Chroniques 529 in der Stammtafel irrtümlich mit 
dem im Orient nicht gebräuchlichen Namen Johanna (Jeanne) verzeichnet. 

4) Golubinskij, Gesch. der rechtgläubigen Kirche von Bulgarien, 

21* 



3ä4 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

Georgios Akropolites an der Spitze einer zahlreichen byzantinischen 
Gesandtschaft vor dem Papst im Namen des Kaisers den Eid des 
Gehorsams ablegte, teilten die Griechen im Auftrag Michaels mit, 
die Metropolie von Serbien und das Patriarchat von „Zagora'' 
(Bulgarien) seien nicht kanonisch, da sie ohne Bewilligung des 
Papstes errichtet worden seien, zum Schaden der schon vom 
Kaiser Justinian und Papst Vigilius mit Privilegien ausgestatteten 
Kirche von Ochrid ^). 

Das Verhältnis zwischen Uros I. und Ragusa verschlechterte 
sich seit dem Frieden von 1254 zu wiederholten Malen. Es han- 
delte sich nicht nur um kleine Lokalfragen, um Weinberggrenzen, 
Jahrgelder und serbische Flüchtlinge. Der König hatte die Ab- 
sicht, die Stadt seiner Oberhoheit zu unterwerfen, in der Art wie 
Cattaro oder Antivari -). Gegen die Venezianer, die Schutzherren 
von Ragusa, hatten ihn vielleicht die Genuesen gewonnen, die (seit 
1256) den ersten langwierigen Seekrieg gegen die Lagunenrepublik 
führten. Die Autorität Venedigs war auf der Halbinsel ohnehin 
erschüttert durch den Fall des lateinischen Kaisertums und durch 
den Mißerfolg in dem langen Kriege mit den Franken Griechen- 
lands um die Insel Euböa. Die Stadtmauer von Ragusa auf der 
Landseite, dieselbe, welche, allerdings in der späteren Zeit vielfach 
verstärkt, heute noch besteht, wurde erbaut unter dem Comes 
Giovanni Quirini (1265 — 1266), um die Vorstadt (burgus) von 
S. Nicolaus de Campo einzuschließen und den Hafen besser zu 
schützen •^). Eine Gesandtschaft mit dem Erzbischof Aleardus an 
der Spitze, einem Franziskaner aus Sardinien, bat in Venedig um 
Hilfe gegen den Serbenkönig ^). Noch in demselben Jahre ver- 



Serbien und Rumänien (russ., Moskau 1871) 259 f.; meine Geschichte der 
Bulgaren 274; Novakovic im Glas 76 (1908) 3f. 

1) Die Konzilakten haben sich nicht erhalten. Einiges bei Zurita, 
Anales de la Corona de Aragon (Saragossa 1562) Bd. I, S. 144 a. 

2) Die Serben wollten (1275) „prendre la ville": Canal (s. unten) 
p. 702. Vgl. Resti 96. 

3) Ragnina 221, Gondola MS., Resti 96, 98. 

4) Die Gesandtschaft, am 28. Dezember 1265 abgesendet, nahm am 
7. April 1266 in Venedig eine Anleihe auf: Smiciklas 5, 375, Über ihren 
Zweck Gondola und Resti a. a. 0. 



Stephan Uro§ I. (1243—1276). 335 

trieb eine den Venezianern feindliche Partei den Quirini. Ver- 
bannte Ragusaner, unterstützt von Unzufriedenen, überfielen den 
Comes, töteten seinen Stellvertreter (socius) und verwundeten einige 
der übrigen Gefährten. Als Quirini einen der Angreifer hinrichten 
ließ, sperrten sie die Stadttore vor ihm zu, so daß er Ragusa nicht 
mehr betreten konnte und nach Venedig zurückkehren mußte ^). 
Aber unter seinem Nachfolger Giovanni Storlato (1267 — 1268) 
nahmen die Ragusaner mit ihren zwei Galeeren wieder regen An- 
teil an dem Krieg gegen die Genuesen in der Adria -). Merk- 
würdig ist ein zufällig erhaltenes Schreiben der Königin Helena 
an den Erzbischof Aleardus und den Comes Storlato. Die Französin 
auf dem serbischen Thron leistete vor den Gesandten der Ragu- 
saner, zwei Franziskanern und zwei Edelleuten, einen Eid, sie 
werde „die ganze Stadt lieben" und die Kaufleute bei sich be- 
schützen, selbst ohne Erlaubnis des Königs; sollte der König 
gegen Ragusa böse Absichten haben, ein Heer oder eine Raub- 
schar rüsten, wird sie so rasch als möglich die Stadt davon be- 
nachrichtigen ^). Zuletzt konnte der Friede nur durch eine Er- 
höhung des Jahrgeldes erneuert werden (1268) •^). 

Sieben Jahre später folgte ein neuer Zusammenstoß unter 
dem Comes Pietro Tiepolo, Sohn des Dogen Lorenzo Tiepolo. Der 
Serbenkönig erschien persönlich mit seinem Heere auf den Bergen 
vor Ragusa, ließ die Landhäuser und Weingärten verwüsten, wagte 
es aber nicht, sich den Mauern zu nähern. Als die Nachricht von 
dem Tode des Dogen (August 1275) eintraf, stiegen die Serben 
zur Eroberung der Stadt herab, aber der junge Comes ließ die 
Trauer für seinen Vater beiseite, ritt zu Pferde an der Spitze 
der Ragusaner unter Glockengeläute zum Tore hinaus und trieb 



1) Tadelndes Schreiben des Dogen Rainerio Zeno an die Ragusaner 
vom 20. November 1266, nach dem Eintreflfen des Quirini in Venedig: 
Smiciklas 5, 399. 

2) Canal p. 554. Dandolo bei Muratori 12 p. 375C (15. Jahr 
des Dogen R. Zeno, 1267—1268). 

3) Mon serb. p. 69, nro. 66 (serbisch). 

4) Der Friedensvertrag ist nicht erhalten. Grondola MS. und Resti 
96 — 97, mit Berufung auf das jetzt verschollene Archivbuch Diversa Notarie 
1268. 



336 Viertes Buch. Erstes Kapitel. 

die Serben wieder auf den Berg hinauf. Die Ragusaner begannen 
die serbische Küste mit ihren Schiffen zu verheeren, gerieten je- 
doch bei einer Landung in einen Hinterhalt, in welchem 2000 
Serben zu Fuß und zu Pferde warteten. An 40 Patrizier fielen 
in die Gefangenschaft. Der König ließ den Anführer Benedictus 
de Gondola uad einen Venezianer, den Stellvertreter (socius) des 
Comes blenden. Zwölf ragusanische Gesandte in schwarzem Trauer- 
gewande baten den neuen Dogen Giacorao Contariui flehentlich 
um Hilfe durch Entsendung einer Flotte, worauf zwei venezia- 
nische Gesandte, welche auf zwei Galeeren eintrafen, bald die Er- 
neuerung des Friedens vermittelten ^). 

Schon im folgenden Jahre wurde König Stephan Uros I. von 
seinem Sohne Stephan Dragutin entthront. Der „jüngere König" 
verlangte die versprochene Teilung des Reiches. Als Uros dieses 
Verlangen zornig abwies, erhielt der Sohn von der Regentschaft 
für seinen Schwager Ladislaus IV. ungarische und kumanische 
Hilfstruppen und besiegte seinen Vater in den Bergen der jetzigen 
Herzegowina bei Gacko (Herbst 1276). Der alte König flüchtete 
sich nach Zachlumien, legte dort als Mönch Simon das Kloster- 
gewand an, doch bald erreichte ihn der Tod; man bestattete ihn 
in seiner Stiftung, dem Kloster Sopocani bei Ras -). 



1) Lebendiger, aber unvollendeter Bericht am Schluß der „Chronique 
des Veniciens" (altfranzösisch) des Zeitgenossen Martino de Canal cap. 
342—343: Archivio storico ital. 8 (1845) 702—704. Dandolo bei Mura- 
tori 12 col. 391 A., wo Ben. de Gondola von Uros gehängt wird (suspendi 
fecit), während er nach den ragus. Archivbüchern noch 1283 lebte. 

2) Daniel 16—19. Todestag 1. Mai: Stojanovic, Arch. slaw. Phil. 
23 (1901) 631. Stephan Uros war noch König im Jahre 6785 = 1. Sept. 
1276 — 31. Aug. 1277: Jagic, Starine 9, 124, Stojanovic, Zi^pisi nro. 24. 
Vgl. Kovacevic: Godisnjica 3 (1879) 368-379. 



Zweites Kapitel. 

Offensive gegen Byzanz. Aufschwung Serbiens unter 

den Königen Stephan Dragutin (1276 — 1282, im Norden 

bis 1316), Stephan Uros II. Milutin (1282-1521) und 

Stephan Uros III. (1321—1551) i). 

Die rasche Entwicklung Serbiens unter den beiden Söhnen 
des Königs Stephan Uros I. wurde zum guten Teil gefördert durch 
die Wiederaufnahme des Bergbaues bei den einstigen römischen 
Bergwerken, nach Berufung von deutschen Bergleuten oder 
„Sachsen" aus Ungarn. Die großen Mittel dienten vor allem zur 
Schaffung einer starken Kriegsmacht mit zahlreichen fremden 
Söldnern und zur Offensive gegen das sinkende Reich der Palaio- 
logen. 

König Stephan, mit seinem Hausnamen Dragutin (von drag 



1) Zu den Urkunden (s voriges Kapitel) kommen die Sammlungen von 
Pucic, Bd. 2 (1312 f.) und Jirecek im Spomenik Bd. 11 (1286 f.), die 
Eatsprotokolle von Ragusa (1301 f.) in den Mon. Rag. und die ungedruckteu 
Diversa des Archivs von ^agusa seit 1278. Biographien der serb. Könige 
und Erzbischöfe von Erzbischof Daniel (f 1338) und seinen Fortsetzern 
Fremde Quellen: Micha Madius de Barbazanis aus Spalato 1290 bis 
1330 (vgl. die Monographie von Sisic im Rad Bd. 153, 1903); der franz. 
Dominikaner Guillaume Adam, 1322 — 1341 Erzbischof von Antivari, 
Verfasser des 1332 dem französischen König Philipp VI. gewidmeten „Di- 
rectorium ad passagium faciendum", im Recueil des historiens des croisades, 
Documents arm^niens, t. 2, Paris 1906 (früher dem Brocardus zuge- 
schrieben, serb. übersetzt von Novakovic, Godisujica Bd. 14, 1894); die 
Griechen Theodoros Metochites, Georgios Pachymeres (bis 1308), 
Manuel Philes, Nikephoros Gregoras und der Kaiser Johannes 
Kantakuzenos. 



328 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

teuer) genannt, regierte als alleiniger König nicht lange (1276 bis 
1282) ^). Der Helena überließ er Besitzungen im Küstenlande von 
Ragusa bis Skutari, das lange Zeit bekannt blieb als Land der 
Königinmutter (domina regina mater), im Binnenlande Plav (bei 
Gusinje) am oberen Lim und das Schloß Brnjaci im obersten Ge- 
biet des Ibar -). Ein eigenes Gebiet erhielt wahrscheinlich auch 
sein jüngerer Bruder Milutin (von mil lieb). Die alten Feind- 
schaften waren vergessen, vor allem mit Ragusa, dem Stephan 
sein Leben lang Freund blieb. Der erste Vertrag mit den Ragu- 
sanern, geschlossen auf fünf Jahre (vielleicht schon im Herbst 1276), 
hat sich nicht erhalten, wohl aber seine Erneuerung (wahrschein- 
lich im Herbst 1281) ohne zeitliche Beschränkung, gültig für die 
ganze Lebenszeit des Königs ^). Auch das älteste erhaltene Archiv- 
buch der Stadt aus der Zeit des Comes Marco Zeno (1278 bis 
1280) gibt Zeugnis von guten Verhältnissen zu den Serben, mit 
großem Handel nach Brskovo an der oberen Tara, dem damaligen 
Hauptort des westlichen Serbiens. Mit seinem jugendlichen Schwa- 
ger Ladislaus „dem Kumanen" (1272 — 1290) blieb Stephan stets 
in guten Beziehungen. Seine Schwiegermutter Elisabeth „die 
Kumanin" verwaltete das ehemalige Gebiet Rostislavs an der 
serbischen Grenze als „Herzogin von Macva und Bosnien". Der 
arge Verfall Ungarns äußerte sich an der Küste, wo sich die 
reichen Inseln Brazza und Lesina Venedig unterwarfen (1278), 
worauf die Republik das Piratennest Ahuissa eroberte (1281), 
aber bald wieder dem König zurückgab. Arge Stürme erschütterten 
Bulgarien, als Zar Konstantin sich den Fuß gebrochen hatte und 
die Feldzüge nur im Wagen mitmachte. Die Invasionen der 



1) ,, Stefan kralj" in den serb. Urk. , bei Daniel, Nikodim usw., 
Zr^tfavog bei Paehymeres (Mich. Pal. V cap. 6 und Andr. III cap. 30), 
„rex Stephanus" der Neapolitaner, Venezianer, Ragusaner, Cattarenser und 
der päpstl. Kanzlei, Dragutin nie in den Urkunden; nach Daniel 12 
wurde der König als Dragutin getauft, Stephan erst als König umgenannt; 
er heißt so schon in der Urk. 1271 (s. oben S. 322). 

2) Beamte der alten Königin in Trebinje und an der Bojana : Div. Rag. 
1278—1280. Plav: Urk. von Decani 133. 

3) Undatierter Vertrag des Königs Stephan mit dem Comes Nikola 
Mavrizin (Nie. Maurocenus, ital Morosini, 1280—1282): Mon. serb. p. 54—55 
nro. 57 (dort irrig Stephan Uros II. zugeteilt). 



Stephan Dragutia (1276—1283). 329 

Tataren führten zum Ausbruch einer Volksbewegung, deren Führer 
ein ,, Schweinehirt" des Gebirges war, der „Zar Ivajlo", bei den 
Griechen unter dem Spitznamen Lachanäs (neugr. lächano Kohl) 
bekannt ^). Er zersprengte einige Tatarenhaufen und besiegte auch 
den Konstantin, welcher hilflos auf seinem Fuhrwerk erschlagen 
wurde (wohl Ende 1277). Der siegreiche Bauernführer zog in 
die Hauptstadt ein, konnte sich aber nicht behaupten, ebenso wie 
sein Nebenbuhler, der byzantinische Schützling Johannes Äsen III. 
Begründer einer neuen Dynastie wurde ein Würdenträger des 
bulgarischen Hofes, der Kumane Georg Terterij I. (ungefähr Ende 
1280). Schwer lastete auf der ganzen Nachbarschaft das Auftreten 
des Tatarenfürsten Nogaj , welcher Russen , Polen , Ungarn und 
Bulgaren durch seine Invasionen heimsuchte und auch die Serben 
bedrohte, aber mit Kaiser Michael befreundet war. 

König Stephan blieb den Verbindungen seines Vaters mit 
Karl I. von Anjou treu. Michaels Spiel mit der Union täuschte 
niemand mehr ; der neue Papst Martin IV. , ein Franzose, brach 
die erfolglosen Verhandlungen ab und tat den griechischen Kaiser 
in den Bann. Die Feldherren Karls I. in Albanien eröffneten die 
Offensive, belagerten Berat, wurden aber (Frühjahr 1281) von 
einem großen byzantinischen Heere vollständig geschlagen. Die 
Griechen besetzten Kroja, Kanina und andere Burgen Albaniens ^). 
Karl I. gewann nun durch den Vertrag von Orvieto (Juli 1281) 
auch die Venezianer. Die Verbündeten verpflichteten sich, im 
nächsten Frühling von Brindisi aus mit Heer und Flotte gegen 
Konstantinopel zu ziehen und dort den Kaiser Philipp, Balduins II. 
Sohn und Karls I. Schwiegersohn, einzusetzen. Zugleich wurde 
eifrig mit den Serben und Bulgaren verhandelt. An der serbisch- 
byzantinischen Grenze, die sich im Gebirge des Sar oberhalb 
Prizren und Lipljan befand, gab es damals einen unaufhörlichen 
Kleinkrieg. Ein byzantinischer Überläufer Koteanitzes beunruhigte 



1) Zar Ivajlo im Evangelium von Svrljig; neueste Ausgabe von 
G. Iljinskij in den „Statji po slavjanovedeniju" (Abb. zur Slawistik) Bd. 2 
(Petersburg, Akad. 1906) 97—128. 

2) Kroja bei Philes, Ausg. von E. Miller 2, 254, V. 289. Vgl. 
Pachymeres, Micb. Pal. VI cap. 32 und Sanudo, Istoria del regno di 
Romania bei Hopf, Chroniques gr^corom. 129. 



330 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

mit serbischen Truppen die makedonischen Provinzen bis Serrai ^). 
Des Kaisers Michael Sohn Konstantin gewann einmal diesen Frei- 
beuter durch eine Amnestie; er wurde Mönch in Asien, ließ sich 
aber nachts auf einem Seil von den Mauern von Prusa herab 
und kehrte wieder zu den Serben zurück. Ein rühriger Gegner 
der Byzantiner war auch der Sevastokrator Johannes von Thessalien. 
Zugleich schloß aber Kaiser Michael durch Vermittlung der Ge- 
nuesen einen geheimen Bund mit König Peter von Aragonien, des 
unglücklichen Königs Manfred Schwiegersohn. Am Ostermontag 
(31. März) 1282 folgte die unerwartete Erhebung von ganz Sizilien 
gegen die französische Herrschaft. Durch die „Sizilianische Vesper" 
waren die griechischen Pläne Karls I. mit einem Schlage ver- 
nichtet. An ihre Stelle trat der langwierige Kampf zwischen den 
Häusern von Aragon und Anjou um den Besitz von Sizilien. 

Der König von Serbien wurde inzwischen (ungefähr Anfang 
1282) von einem Unglück ereilt. Auf einem Ritt mit seinen 
Adligen unter der Burg Jelee in der Zupa von Ras fiel er vom 
Pferde und brach sich den Fuß -). Er sah darin eine Strafe 
Gottes für den Aufstand gegen seinen Vater. Das Schicksal des 
bulgarischen Zaren Konstantin war ein abschreckendes Beispiel 
für einen lahmen Landesherrn. Stephan überließ oder, wie Daniel 
sagt, „schenkte" die Regierung seinem jüngeren Bruder Stephan 
Uros II. Milutiu (1282 — 1321), auf einem Reichstag in Dezevo 
bei Ras ^). Von nun an gab es (bis 1316) im Lande zwei Könige 



1) Vgl. Philes und Pachymeres (zuerst Mich. Pal. VI cap. 22). 
Mein Christi. E!em. 79 A. 1 (Bcmerkungeu zum Gedicht des Philes an 
den Feldherrn Tarchaniotes). Der Name ist slawischen Ursprungs, von 
Hotea. 

2) Daniel 23—27, 106 und Pachymeres, Andr. III cap. 30 (Mich. 
Pal. V cap. 6 irrtümlich, er habe sich noch bei Lebzeiten des Vaters den 
Schenkel gebrochen). Kex Stephanus urkundlich zuletzt Juli 1281 als 
Landesherr: Smiciklas 6, 388. Das erste Regierungsjahr des Stephan 
Uros II. war das Jahr 6790 = 1. Sept. 1281 — 31. Aug. 1282: Mon. serb. 
561, Stojanovic, Zapisi nro- 27. Vgl. Kovacevic, Godisnjica 3 
(1879) 386 

3) In seinen Urk. „Stefan Uros"; „rex Urossius" der Ungarn, Vene- 
zianer, Ragusauer usw. Der Name Milutin ist nie in den Urk. zu lesen, 
wohl aber bei Daniel und Pachymeres {MrjXonivos Mich. Pal. V cap. 6); 



Stephan Uros II. (1282-1321). 331 

nebeneinander, die bei den Zeitgenossen „König Stephan" und 
„König Uros" heißen. Die näheren Bedingungen der Übergabe 
sind nicht bekannt. Pachymeres beti'achtet Uros nur als Regenten 
für die Söhne des älteren Stephan als künftige Nachfolger; der 
rechtmäßige König sei Stephan gewesen, der auch in neapolita- 
nischen, venezianischen und päpstlichen Urkunden stets als „rex 
Servie" bezeichnet wird und einen großen Einfluß auf die Re- 
gierungsgeschäfte hatte. Ebenso erklärt ein anderer Zeitgenosse, 
der Franzose Guillaume Adam, Erzbischof von Antivari, den 
Stephan und dessen Sohn für die allein legitimen Herrscher Ser- 
biens ^). 

Ob König Stephan Dragutin einige Gebiete für sich reserviert 
hat, ist nicht sicher. Bald erhielt er (1284) von seinem Schwager 
Ladislaus IV. Ländereien außerhalb der serbischen Grenze, welche 
Daniel ausdrücklich als Teile des ungarischen und bosnischen 
Landes bezeichnet. Es war die einstige Grenzmark des Rostislav, 
zuletzt Besitz der Königinmutter Elisabeth, mit der Stadt Belgrad, 
der Landschaft Macva und dem Nordosten Bosniens -). Das Ge- 
biet bei Belgrad bezeichnete man damals mit dem Namen des 
jenseits der Save liegenden Sirmium als Srem (zemlja sremska); 
die Ragusaner rechneten in diesen Zeiten sogar noch Rudnik zu 
Srem ^). Die Residenzen des Königs waren Belgrad, damals in 
Ungarn als einstiger Besitz der Bulgaren lateinisch noch immer 
Alba Bulgarica genannt^), und das Schloß Debrec in „Srem", 
jetzt ein Dorf in der i\Iitte des Weges zwischen Belgrad und 
Sabac, südlich der Save. In Bosnien besaß König Stephan die 



Köuig ,, Uros Milutiu" in der Inschrift von Nagoric'm, Arch. slaw. Phil. 31 
(1909) 300. 

1) Pachymeres, Andr. III cap. 30. G. Adam ed. cit. 2, 437. 

21 Länder der „zemlja ugrskaja" und der „bostnskaja zemlja": Da- 
niel 41. Elisabeth als Herzogin der Macva zuletzt 11. Juni 1284, worauf 
Milovan Ristic, Bosnien 1250 — 1284 (serb., Belgrad 1910) 141f. aufmerk- 
sam macht. 

3^ Ein ragusanischer Kaufmann Rossinus de Palma de PosopQe wurde 
am 27. Oktober 1297 befragt als Zeuge wegen eines Verkaufs von Tuch: 
„ego eram in Seremo in contrata de Rudinico". Div. Cauc. 1295, Arch. Rag. 

4) Alba Bulgarica : 1290 Theiner, Mon. Hung. 1, 366; 1295 Starine 
28, 170 nro. 15G8. 



333 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

Landschaft Usora, vielleicht auch Sol (Tuzla) ^). Serbische und 
lateinische Berichte erwähnen Bekehrungen der Patarener. Auf 
die Bitten des Königs sendete ihm der Papst (l29l) für diese 
Landschaften (in partibus Bosne, Tue ditioni subiectis) als Missio- 
nare zwei Franziskaner, welche der slawischen Sprache kundig 
waren -). Ein bosnischer Bischof Basilius, dem Namen nach der 
östlichen Kirche angehörig, reiste (1293) als Gesandter des Königs 
nach Venedig. Das innere, eigentliche Bosnien beherrschten, wie 
schon erwähnt, die Brüder Prijezda II. und Stephan I. Ban 
Stephan wurde 1284 Schwiegersohn des Königs Stephan Dragutin, 
als Gemahl seiner Tochter Elisabeth 3). Auf dieser Heiratsver- 
bindung begründete 93 Jahre später Ban Tvrtko, ein Enkel des 
Baus Stephan I., seine Ansprüche auf die Nachfolge in Serbien nach 
dem Aussterben der Nemanjiden. 

König Uros II., der den größten Teil Serbiens verwaltete, 
war beim Regierungsantritt noch jung, nach Daniel ein sehr 
schöner, freundlicher Mann, tapfer und kriegskundig, jedenfalls 
mehr Kriegsmann als Diplomat. Merkwürdig ist der rasche Wechsel 
der Gattinnen. Seine erste Frau, die Griechin aus Thessalien, 
sendete er nach einiger Zeit heim zu ihrem Vater, dem Sevasto- 
krator Johannes. Die zweite Frau war Elisabeth aus Ungarn, 
eine Schwester des Königs Ladislaus IV., der Königin Katharina 
von Serbien und der Königin Maria von Neapel. Schon als Kind 
wurde sie Nonne im Kloster auf der Haseninsel bei Ofen, lebte 
später am Hofe ihres Bruders und besuchte ihren Schwager, den 
König Stephan Dragutin. Pachymeres erzählt, Uros habe diese 
Klosterfrau, seine Schwägerin, bei seinem Bruder angetroffen, ver- 
führt und geheiratet. Nikephoros Gregoras berichtet, daß diese 
wegen des Klostergelübdes und der nahen Verschwägerung un- 
gesetzliche Ehe bei der serbischen Kirche auf großen Widerstand 



1) Usora: serb Annalen, Glasnik 53 (1883) 37. Seit Engel in der 
neueren Literatur über Bosnien Verwechslungen beider Könige : vgl. Ilarion 
Ruvarac, GodLsnjica 2 (1878) 243. 

2) Theiner, Mon. Hung. 1, 377. 

3) „Yperpyri CXLVII, donati regi Stephano pro nupciis, quas facit 
cum bano Bosne " : November 1284. Div. Canc. 1284 (falsch bezeichnet 
als 1275) Arch. Rag. 



Stephan Uros II. (1282—1321). 333 

gestoßen sei. Nach einiger Zeit trennte sich Uros von dieser 
zweiten Frau von edlem magj'arisch-kumanischem Ursprung (vor 
1284), behielt aber ihre kleine Tochter bei sich i). Elisabeth 
wurde Äbtissin des Klosters auf der Haseninsel, heiratete aber 
wieder nach wenigen Jahren, diesmal einen böhmischen Edelmann, 
welcher eine fast königUche Macht besaß. Es war der schöne 
Zävis, Sohn des Budivoj von Krumau, der 1284 die Witwe des 
Königs Pfemysl Otakar IL, Rostislavs Tochter Kunigunde, ge- 
heiratet hatte, aber schon nach einem Jahr \Vitwer geworden war. 
Aber eben infolge der neuen ungarischen Heirat (1287) neigte 
sich der Glücksstern des Emporkömmlings dem Untergange zu. 
EHsabeth gebar ihm einen Sohn, als jedoch Zävis den jungen 
König Wenzel U. in Prag zur Taufe einlud, wurde er wider Er- 
warten gefangen genommen und vor den Mauern der Burg 
Frauenberg bei Budweis hingerichtet (August 1290). Nach diesem 
Unglück kehrte Elisabeth in die klösterliche Einsamkeit auf der 
Haseninsel zurück, die sie bis zu ihrem Lebensende nicht mehr 
verließ. König Uros H. heiratete indessen als dritte Frau 
Anna, eine Tochter des bulgarischen Zaren Georg Terterij L 
(1284) 2). 

Als Uros n. die Regierung antrat, hatte der Kampf zwischen 
den Anjous und den Palaiologen eben den Höhepunkt überschritten. 
Die Verbündeten der Franken, die Serben und Thessaher be- 
gannen ohne Kenntnis von der Umwälzung auf Sizilien den An- 
griff. Der junge Serbenkönig eroberte die Stadt Skopje, die 
nimmermehr in den Besitz der Byzantiner zurückkam, mit den 
benachbarten fünf Landschaften : Ober- und Unter-Polog am oberen 
Vardar, Ovcepolje, Zletovo und Pijanec im Gebiet der Bregalnica. 

1) Elisabeth wird bei den Serben nicht erwähnt, wohl aber bei Pa- 
chymeres, Andr. III, cap. 30 und IV cap. 1, Nikephoros Gregoras 
VI cap. 9 § 2 und Guillaume Adam ed. cit. 487 (E. als ,uxor', später 
.repudiata'). Elisabeth, des Königs Uros II. „uxor legitima": Urk. 1308, 
Glasnik 27, 322. 

2) „Dona facta regi Vrossio, quando accepit in uxorem filiam impe- 
ratoris Bulgarie", von den Ragusanern, im Werte von 400 Perper, erwähnt 
im August und November 1284: Div. Canc. 1284. Die Königin Anna mit 
zwei Kindern (cedoma, Dual) genannt in einer Hdschr. von 1286 — 1292 : 
Glasnik 29 (1871) 174. 



334 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

Kaiser Michael rüstete sofort gegen die Thessalier und Serben, 
mit der Absicht, wie Daniel berichtet, ganz Serbien zu erobern 
und den König zu seinem „gehorsamen Sklaven'' zu machen. Er 
warb Franken und Türken, erhielt auch tatarische Hilfstruppen 
von Khan Nogaj, starb aber während der Vorbereitungen im Dorfe 
Allage bei Rodosto (11. Dezember 1282) i). 

Die Unfähigkeit des Sohnes Michaels, des Kaisers Andro- 
nikos IL führte während seiner langen Regierung (1282 — 1328) 
rasch den Niedergang des Reiches herbei, den die Serben sofort 
rücksichtslos ausbeuteten. Noch im selben Winter sendete Andro- 
nikos Griechen und Tataren, besonders um den tatarischen Scharen 
Beute zu verschaffen, bis Lipljan und Prizren, jedoch ohne Erfolg. 
Eine Abteilung der Tataren wurde am hoch angeschwollenen 
Drim von den Serben ganz aufgerieben. Skopje blieb fortan Re- 
sidenz des Uros. Nach dem Weihnachtsfest (1283) brachen beide 
Könige der Serben mit ihrem ganzen Heere in das östhche Make- 
donien ein und verheerten es bis Serrai, Christopohs (j. Kavala) 
und bis in die Nähe des Athos. Uros besetzte dann allein die 
Gebiete von Porec (an der Treska), Kicava und Debra im Westen 
Makedoniens. Die Grenzlinie befand sich ohne Friedensschluß 
nördlich von den byzantinischen Festungen Strumica, Prosek, 
Prilep, Ochrid und Kroja, unter fortwährendem Kleinkrieg, in 
welchem sich Koteanitzes wieder bemerkbar machte -). Den Serben 
kam auch die Freundschaft des bulgarischen Zaren Georg Tcrterij 
zugute, des Schwiegervaters des Uros, mit welchem Helena, die 
Mutter der beiden Serbenkönige, im Sommer 1291 eine Zusammen- 
kunft hatte. Der Gegensatz zwischen den Serben und Byzantinern, 
sowie der Einfluß der aus dem katholischen Abendlande stammen- 
den Königinmutter erweckte in Rom Hoffnungen, Serbien für die 
Union der Kirchen gewinnen zu können. Helena wurde mit dem 
„regnum Servie" wiederholt (1291, 1303 und 1306) unter den 



1) Die redselige Urkunde Uros' II. im Spomeuik 3, 17—24 ist nach 
der Untersuchung von Radonic im Letopis 183 (1895) 92 f. ein Falsifikat, 
kompiliert aus Daniel. Verlust von Skopje unter Kaiser Michael: Kan- 
takuzenos IV cap. 19. 

2) Daniel Ulf. Pachymeres, Andr. III cap. 25, 30 und das 
Gedicht des Phil es an Tarchaniotes (um 1305) V. 301 f. 



Stephan Uros IT. (^1282-1321). 335 

Schutz des heiligen Petrus aufgenommen, ebenso ihr älterer Sohn 
König Stephan (März 1291). Dagegen waren die Aufforderungen 
der Päpste Nikolaus IV. (1288) und Benedikt XI. (1303) an 
König Uros, sich Rom anzuschließen, von keinem Erfolg begleitet. 
Bei der erwähnten Zusammenkunft richtete der Papst auf Bitten 
der Helena auch an den „Georgius Imperator Bulgarorum" einen 
Brief, um ihn zu gewinnen i). 

Es war ein Glück für die Byzantiner, daß die Lage in Bul- 
garien die Aufmerksamkeit der Serben wiederholt nach Osten ab- 
lenkte. Zar Terterij mußte Vasall des Tataren Nogaj werden und 
eine Tochter an dessen Sohn Tschaga verheiraten, welcher derart 
ein Schwager des Königs Uros wurde. Doch der bulgarische Zar 
war nur ein kleiner Herr neben den mächtigen, fast unabhängigen 
Adligen. Im Westen herrschten in der Landschaft von Branicevo 
die Brüder Drman und Kudelin, welche im Engpaß Zdrelo an der 
Mlava (jetzt Gornjacka Klisura genannt) eine feste Burg besaßen 
und mit bulgarischen, kumanischen und tatarischen Scharen Raub- 
züge nach Ungarn und in das Gebiet des Stephan Dragutin unter- 
nahmen -). Vidin verwaltete Knez Sisman, der mit den Kumanen 
verwandte Stammvater der letzten bulgarischen Dynastie. Ein 
Bruder des Terterij, der Kumane Eltimir, beherrschte das zentrale 
Hämusgebiet. Die drei Brüder Smil oder Smilec, Radoslav und 
Vojsil, den Namen nach Slawen, besaßen die Landschaften der 
Sredna Gora. Als Terterij schließlich die tatarische Herrschaft 
unerträglich fand und auf byzantinisches Gebiet entfloh, setzte 
Nogaj an seiner Stelle den Smilec zum Zaren ein. Während dieser 
Wirren unternahmen die serbischen Könige vereint einen Zug gegen 
Drman und Kudelin, vertrieben sie aus ihren, mit Beute gefüllten 
Felsennestern und vereinigten das Gebiet von Branicevo mit dem 
Lande des Königs Stephan Dragutin. Zur Vergeltung für diesen 
Angriff erschien Sisman von Vidin mit einem Heere von Bulgaren 
und Tataren plötzlich vor Pec, um die erzbischöfliche Kirche aus- 



1) Theiner, Mon. Hung. 1, 360, 375 f., 407, 410, 414. 

2) König Ladislaus sendete den Magister Georg mit Siebenbürgern und 
Kumanen „contra Dormanum et Bulgaros": Urk. 8. Jänner 1285, Teutsch 
und Firnhaber, Urkundenbuch zur Geschichte Siebenbürgens, Bd. 1 
(Fontes rer. austr. Bd. 15) S. LXV nro. 285 (aus Fejer). 



336 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

zuplündern, mußte aber un verrichteter Sache abziehen. In diese 
Zeit gehört wahrscheinlich die Zerstörung des Klosters von Zica, 
welches von Rumänen niedergebrannt wurde ^). Darauf zog König 
Uros vor Vidin und nahm die Stadt ein. Sisman rettete sich auf 
Booten über die Donau, schloß jedoch bald Frieden und Freund- 
schaft, bekräftigt durch Heiraten; Sisman selbst erhielt zur Frau 
die Tochter des Zupans Dragos, sein Sohn Michael später Anna, 
die Tochter Uros' IL Nogaj sah in den Zügen der Serben nach 
Branicevo und Vidin einen Eingriff in seine Rechte als Oberherr 
von Bulgarien und bot seine Reiterheere, bestehend aus Tataren, 
Rumänen, christHchen Kaukasiern (Alanen oder Osseten) und 
tributären Russen, zu einer Invasion nach Serbien auf, ließ sich 
jedoch durch eine Gesandtschaft besänftigen. Rönig Uros II. mußte 
ohne Zweifel versprechen, Bulgarien künftig in Ruhe zu lassen. 
Als Bürgen sendete er seinen Sohn Stephan (den späteren Rönig) 
mit einigen Edelleuten an den Hof des „tatarischen Zaren". Nogaj 
war bald vollauf beschäftigt durch den Rrieg mit Toktaj, dem 
legitimen Rhan der Goldenen Horde. Sein Tod in einer Schlacht 
in der Gegend des heutigen Odessa (1299) ermöglichte dem ser- 
bischen Prinzen die Flucht in die Heimat '-). Nach der Rückkehr 
heiratete Prinz Stephan Theodora, eine Tochter des bulgarischen 
Zaren Smilec, und wird (1309 bis Februar 1314) als Statthalter 
seines Vaters im Rüstengebiete der Zeta erwähnt, welches zuvor 
seine Großmutter Helena verwaltet hatte ^). Nördhch von ihm 
war Statthalter Uros' II. in Zachlumien der Comes (serb. knez) 
Konstantin, wohl der ältere Sohn des Rönigs, seinem Namen nach 
von der ersten thessalischen Gattin; er wird in ragusanischen Ur- 
kunden (1303 — 1306) in Nevesinje, in Brodno (südwestlich von 
Mostar) und in Stagno erwähnt ^). Die Famihe des Andreas von 



1) Die Leiche des Erzbischofs Eustatij I. (f 1286) wurde wegen dieser 
Stürme von Zica nach Pec übertragen; die Erneuerung von Zica begann 
wieder der Erzbischof Eustatij II. (1292—1309). Daniel 318, 371. 

2) Daniel 114 f. Nogajs Tod: F. Bruun, Cernomorje , russ. 2 
(Odessa 1880) 352—351. 

3) Belege: Arch. slaw. Phil. 17 (1895) 258 f. 

4) Vgl. eb. 22 (1900) 174. Konstantin hieß ein Bruder der thessalischen 
Gattin Uros' II. 



Stephan Uros IL (1282—1321). _ 337 

Zachlumien war ausgestorben; zuletzt wird 1280 sein Sohn Georg 
an der Narentamündung genannt ^). 

In Ungarn wurde Ladislaus IV., welcher durch seinen Lebens- 
wandel allgemein Anstoß erregte, von einem Kumanen aus Eifer- 
sucht ermordet. König wurde der letzte Arpäde, ein halber Italie- 
ner, Andreacius oder Andreas III. „der Venezianer" (1290 — 1301), 
ein Enkel Andreas' IL, Sohn Stephans des „Lombarden" und der 
Venezianerin Tommasina Morosini. Seinen Oheim Albertino Moro- 
sini ernannte er zum Herzog von Slavonien und zum Comes von 
Pozega. Gegen Andreas traten die Anjous mit Ansprüchen auf 
das Erbe der Arpäden auf, da König Karl II. mit Maria, einer 
Schwester Ladislaus' IV., vermählt war. Schon im Jänner 1292 
wurde ein Sohn Karls IL, Karl Martell (f 1295), zum König von 
Ungarn proklamiert. König Stephan Dragutin hätte als Gemahl 
einer zweiten Schwester Ladislaus' IV. dieselben Rechte gehabt, 
machte sie aber nicht geltend. Einen Anschluß an die Anjous 
bekundet eine Urkunde Karls II. (1292), in welcher er Vladislav, 
dem erstgeborenen Sohn des Stephan Dragutin, für die dem Karl 
Martell erwiesenen Dienste das Herzogtum von Slavonien erblich 
verlieh, mit Ausnahme der Gebiete der Grafen von Veglia und 
anderer Großen -). Derselbe Vladislav heiratete aber ein Jahr 
später (1293) Costanza, eine Tochter des Michael Morosini und 
Enkelin des sla wonischen Herzogs Albertino Morosini, somit eine 
Nichte des Königs Andreas III. ^j. Als der Sohn Karl Martells, 
Karl Robert, herangewachsen war und die Bewerbung um die 
ungarische Krone wieder aufnahm , wurde er vom König von 
Neapel (1300) wieder dem König Stephan und der Königin Katha- 
rina anempfohlen ^). 



1) Glas 35 (1892) 12. 

2) Urk. Karls II. vom 19. August 1292 an „vir magnificus Ladyslaus, 
filius primogenitus illustris principis Stephan! , regis Servie": Smiciklas 
7, 103. 

3) Ehevertrag, geschlossen in Venedig 24. August 1293 von den Ge- 
sandten des Königs Stephan und der Königin Katharina, Bischof Basilius 
von Bosnien und dem Ragusaner Vitus de Bobali, in ital. Übersetzung ge- 
druckt bei Franc. Nardi, Tre documenti della famiglia Morosini, Padua 
1840 p. 15—16. Ein Porträt der Costanza in Venedig im Palazzo Morosini. 

4) Urk.: Rad 18 (1872) 223. 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 22 



3^8 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

An den freundschaftlichen Beziehungen seines Bruders zum 
Hof von Neapel nahm auch König Uros II. teil, ebenso wie die 
Königinmutter Helena mit Bewilligung Karls II. wiederholt ihre 
Städte mit Getreide aus Apulien versorgte i). An der Grenze 
gegen das Gebiet der Anjous bei Durazzo besaßen die Serben die 
Mündung des Ismi, mit dem Flußhafen von Isamo oder Dyssa- 
mum. Östlich davon herrschten die Byzantiner in Kroja und 
Berat 2). Karl IL errichtete eine Sekundogenitur der Anjous in 
den albanesisch - griechischen Ländern, indem er seinem Sohn 
Philipp von Tarent alle Besitzungen in Albanien, samt der Ober- 
hoheit über die Franken in Griechenland und allen Ansprüchen 
auf das lateinische Kaisertum überließ, nachdem Philipp durch 
eine Heirat mit Thamar, einer Tochter des epirotischen Despoten 
Nikephoros, das wichtige Naupaktos (Lepanto) erworben hatte 
(1294). Die Epiroten und Franken hatten sich verbündet wegen 
des damaligen Vorstoßes der Byzantiner gegen beide Nachbarn, 
durch welchen (seit 1290) auch das neapolitanische Gebiet in 
Albanien stark verringert wurde. Während dieses Wettstreites 
schloß sich der Adel Albaniens stets demjenigen an, der im Vor- 
teil war, diesmal den Byzantinern. Ein mit einer byzantinischen 
Hofwürde ausgezeichneter Albanese war der „ Großhetäriarch " 
Progon Sguros, welcher (1295) die Muttergotteskirche von Ochrid 
erneuerte '^). Bald besaßen die Byzantiner an der adriatischen 
Küste den Hafen von Valona und die Ortschaft Polina bei den 
Ruinen von Apollonia ^). Nach dem Zeugnis von zwei Zeit- 
genossen, des Manuel Philes und des Marino Sanudo Torsello, be- 

1) Makusev, Die ital. Archive (Zapiski der russ. Akad. Bd. 19) 
2, 31 f. und Histor. Untersuchungen über die Slawen in Albanien im Mittel- 
alter (russ., Warschau 1871) 33. Rad 18, 219 f. 

2) „ In Ysamo " 1302 (so im Orig., Mon. Rag. 5, 27 unnötig verändert 
in : Prisreno). Privilegium Andronikos' II. 1288 für Kroja in lat. Übersetzung 
im Arch. slaw. Phil. 21 (1899) 83, 97 f. 

3) Inschrift: Izvestija arch. inst. 4,1 (1899) 90 Anm. ; Jordan Ivanov, 
Bulg. Denkmäler aus Makedonien, bulg. (Sofia 1908) 212. 

4) Klagen ragusanischer Seeleute gegen die dortigen byz. Beamten und 
gegen die albanesischen Edelleute Matarango, „qui sunt sub dominio domini 
imperatoris ", November 1297 : Div. Canc. 1295 (Arch. Rag.).; Vgl. Diploma- 
tarium veneto-levantinum 1, 135 f. 



Stephan Uros II. (1282—1321). 339 

setzten sie damals auch Durazzo ^). Doch bald wurde ihnen diese 
wichtige Stadt von König Uros IL für einige Zeit entrissen. Die 
einzige Nachricht darüber betrifft die Absendung eines venezia- 
nischen Gesandten im Juni 1296 an den König von Serbien und 
an die Gemeinde von Durazzo, um einen Ersatz des Schadens, 
welcher venezianischen Kauf leuten in Durazzo und dessen Distrikt, 
seitdem der König das Land dem Kaiser von Konstantinopel weg- 
genommen hatte, zugefügt worden war und eine Bestätigung der 
Rechte, welche die Venezianer dort früher unter Kaiser Andronikos 
genossen hatten, zu erlangen -). 

Der langjährige Kriegszustand an der serbischen Grenze wai- 
den Byzantinern nach fast zwei Jahrzehnten unerträglich geworden. 
Der Feldherr Tarchaniotes Glaväs riet dem Kaiser, mit den Serben 
einen Frieden zu vereinbaren, schon wegen der bedenklichen Lage 
in Kleinasien , wo die Türken das ehemalige Gebiet des Kaiser- 
tums von Nikaia immer mehr bedrohten. Theodor Metochites, der 
spätere Großlogothet (Kanzler), reiste damals fünfmal als Gesandter 
Andronikos' IL an den serbischen Hof'^). Die verlorenen Städte 
mußte man den Serben überlassen. Zur Befestigung des Friedens- 
vertrages schlugen die Byzantiner eine Heirat vor, was König 
Uros IL bereitwillig annahm. Er war auch der dritten Frau, 
der Tochter des Terterij überdrüssig; die Gültigkeit dieser Ehe 



1) Gedicht des Philes an Tarchaniotes V. 288. Sanudo bei Hopf, 
Chroniques 129. Pachymeres schweigt darüber. 

2) Starine 30 (1S02) 340 aus dem Nachlaß von Makusev. Hopf, 
Griechenland im Mittelalter, in Ersch-Grubers Enzykl. Bd. 85, S. 336, 
355, 356, 359 meint, der Serbenkönig habe Durazzo 1296—1305 besetzt ge- 
halten, doch 1301—1302 war die Stadt sicher wieder im Besitz der Anjous, 
da die Ragusaner während des damaligen Krieges gegen Serbien mit Durazzo 
freien Handel trieben und ein Italiener Corrado Ystrigo als Gesandter des 
Capitaneus Durachii (Jänner 1302) nach Ragusa kam: Mon. Rag. 5, 11 f., 
17 f. Daniel hat nichts darüber. 

3) Autobiographie des Metochites (in homerischen Versen) ed. Treu 
(Programm des Viktoria -Gymnasiums in Potsdam 1895) V. 560 f., 726 f. 
Ausführlicher Brief des Metochites vom serb. Hofe (an Nikephoros Chum- 
nos): Sathas, Bibl. graecal, 1.54—193; serb. Übersetzung von Apostolovic 
im Letopis 216 (1902). Pachymeres, Andr. III cap. 29 bis IV cap. 9, 
13. Kurz Gr egoras VI cap. 9. 

22* 



S40 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

wurde in Zweifel gezogen, weil zur Zeit ihres Abschlusses die 
beiden ersten Frauen des Königs noch am Leben waren. Eine 
Heiratsverbindung mit Byzanz war Uros sehr willkommen, als 
Stütze gegen seinen älteren Bruder. Zuerst wollte Kaiser Andro- 
nikos den Serbenkönig mit seiner Schwester Eudokia, der Witwe 
des Kaisers Johannes IL Komnenos von Trapezunt (f 1297), ver- 
mählen. Uros war bereit dazu, aber Eudokia kehrte aus Kon- 
stantinopel lieber zu ihrem Sohne Kaiser Alexios IL nach Trape- 
zunt zurück. Nun wurde dem König die Simonis, eine Tochter 
Andronikos' IL und der Irene von Montferrat, angetragen, obwohl 
sie noch ein Kind war, nach Pachymeres nicht einmal sechs, nach 
Gregoras acht Jahre alt, was man auch in diesem Zeitalter der 
Kinderheiraten wegen des Alters des Gatten sehr anstößig fand. 
Die Unterhandlungen stießen auf große Hindernisse. In Serbien 
war gegen den Frieden eine Adelspartei, welche aus der Guerilla 
an der Grenze große Vorteile zog. Unterstützung fand diese 
Opposition bei den beiden Söhnen des Sevastokrators Johannes 
von Thessalien, welche mit den Serben einen neuen Bund gegen 
den Kaiser schließen wollten, und bei den Bulgaren, wo die Witwe 
des Zaren Smilec, eine Griechin, dem König Uros ihre Hand und 
damit die Vereinigung Serbiens mit Bulgarien in Aussicht stellte ^). 
In Konstantinopel war der entschiedenste Gegner der Heirat der 
Patriarch Johannes von Sozopolis; er erklärte, die Ehe des Uros 
mit der Tochter des Terterij sei ganz gesetzmäßig, die Simonis 
zur Ehe noch zu jung. Kaiser Andronikos IL achtete aber nicht 
darauf und begab sich mit seinem Hofe nach Thessalonich (1299). 
Nachdem beiderseits Geiseln gestellt worden waren, lieferten die 
Serben auf einem Übergang über den Vardar die bisherige Kö- 
nigin {y.QdXaiva), die Tochter des Terterij , und der Verabredung 
gemäß auch den Überläufer Koteanitzes aus, während die Griechen 
die junge Simonis mit großem Gefolge hinübersendeten. Die vierte 
Ehe des Königs wurde vom Erzbischof Makarios von Ochrid ein- 
gesegnet. Die „mit dem Schwerte" eroberten Landschaften be- 
hielt Uros IL nun als „Mitgift" und besuchte seinen kaiserlichen 
Schwiegervater in Thessalonich, unter Austausch großer Ge- 



1) Metochites bei Sathas 1, 190—191. 



Stephan Uros II. (1282—1321). 341 

schenke i). Mißmutig über den Bund seines Bruders mit den 
Griechen war König Stephan Dragutin; er rüstete zum Krie«-, 
soll aber nach Pachymeres durch die Anwesenheit byzantinischer 
Hilfstruppen bei Uros von einem Angriflf abgeschreckt worden 
sein. Die Familienverhältnisse des Uros selbst waren erschüttert. 
Von seinen Söhnen galt Konstantin, der Sohn der ersten Frau, als 
legitim, während Stephan aus der dritten, ungültig erklärten Ehe 
die Legitimität verlor. Als Andronikos, feierUch wie nach einem 
Siege begrüßt, nach Konstantinopel heimkehrte, brachte er auch 
Anna, die ehemalige Königin von Serbien, mit. Sie befreundete 
sich bald mit dem Feldherrn Michael Kutrules, einem epirotischen 
Prinzen, der den Despotentitel führte und eben Witwer war; seine 
erste Frau war die Schwester des Kaisers Andronikos gewesen, 
jene Anna, die einst, wie wir erzählt haben, demselben Uros von 
Serbien in seinen jungen Jahren zugedacht war. Die gewesenn 
serbische Königin wurde bald Gattin Michaels, hatte auch Kinder 
mit ihm, erlebte aber ein neues Unglück: ihr Gemahl wurde 
wegen Hochverrates eingekerkert und sein großes Vermögen kon- 
fisziert 2). 

Zur selben Zeit war das Adriatische Meer der Schauplatz 
eines neuen Krieges zwischen Venedig und Genua, in welchem 
die Genuesen (September 1298) einen glänzenden Seesieg bei 
Curzola erfochten. Es folgte bald ein Friedensschluß (1299), aber 
die Byzantiner, Genuas Bundesgenossen, konnten erst nach einer 
Plünderung der Umgebung von Konstantinopel durch die vene- 
zianische Flotte die alten Beziehungen erneuern (1302). Der 
serbische König ließ sein neues Bündnis mit dem Kaiser den 
Schützlingen Venedigs, den Ragusanern fühlen. Zu Anfang seiner 
Regierung hatte er ihnen die Privilegien „meines Bruders, des 
Königs Stephan " bestätigt 3). Der Krieg begann mit der Ver- 
haftung der ragusanischen Kauf leute in Serbien, worauf die Kriegs- 
schiffe der Gemeinde sofort die Mündung der Bojana sperrten und 
die Insel Meleda besetzten (1301). Umfangreich waren die damals 

1) Urk. Uros' IL: Spomenik 3, 14. 

2) Pachymeres, Andr. V cap. 13, 19. 

3) Mon. serb. 50—51 nro. 51 (undatiert). 



34S Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

ausgeführten Verstärkungen der Befestigungen von Ragusa. Das 
Dominikanerkloster vor dem östlichen Tor wurde in die Stadt- 
mauern einbezogen; die ältere Mauer des 13. Jahrhunderts steht 
heute noch zwischen der Dogana und den Dominikanern aufrecht. 
Auch die kleine Abtei des heiligen Laurentius auf einem Felsen 
vor der Porta Pile erscheint seit dieser Zeit als eine neue, sorg- 
faltig bewachte Burg, bis zum heutigen Tage ein Vorwerk der 
Festungswerke der Stadt. Zum Schutz erschienen die venezia- 
nischen Galeeren, und Giacomo Zeno reiste als Gesandter des 
Dogen zur Vermittlung an den serbischen Hof. Erst im Sep- 
tember 1302 wurde der Friede zwischen Serbien und Ragusa im 
Schlosse Vrhlab an den Quellen des Lab unter dem Kopaonik 
unterzeichnet ^). 

In Ungarn überboten einander der letzte Arpäde und die 
Anjous durch Schenkungen an den Adel. Ban Paul aus dem 
Geschlecht der Subici oder Grafen von Bribir erhielt von An- 
dreas III. das Banat des küstenländischen Kroatiens zum erb- 
lichen Besitz. Ohne Zweifel durch eine Verleihung von Seite der 
Anjous erscheint er seit April 1299 auch als „dominus Bosne"-). 
Zur selben Zeit bestätigte Karl II., Großvater des Gegenkönigs 
Karl Robert, den bosnischen Verwandten der Subici, dem mäch- 
tigen Comes Hrvatin und dessen Geschlecht, den Besitz des „Unter- 
landes" (partes inferiores, Donji Kraji) an den Flüssen Sana und 
Vrbanja im Nordwesten Bosniens ^). Der Kampf um die un- 
garische Krone brach aus, als die Subici den Gegenkönig Karl 
Robert aus Italien nach Spalato brachten (1300). Obwohl Andreas 
bald starb (Jänner 1301), blieben die Anjous mehrere Jahre auf 
das Küstenland beschränkt, während in Ofen als gekrönte Könige 
„Ladislaus V.", der spätere König Wenzel III. von Böhmen, und 



1) Der serb. Text (ohne Jahr) von Miklosich, Mon, serb. 51 — 53 
(nro. 53) irrtümlich Uros I. zugeschrieben , entspricht meist wörtlich dem 
lat. Entwurf vom November 1301 Mon. Rag. 5, 13 — 14. Die im Vertrage 
genannten Gesandten waren am 14. Aug. 1302 gewählt worden: ib. 5, 37. 

2) Ljubic 1, 190. Die Urk. von 1285 ib, 1, 139 gehört in die Jahre 
1311—1313. 

3) Thallöczy, Glasnik bos. 18 (1906) 401-444 = Wiss. Mitt. 11 
(1909) 237—285 mit Faks., Stammtafeln usw. 



Stephan Uroi II. (1282—1321). 343 

Otto von Bayern herrschten. Erst 1309 wurde Karl Robert zum 
König von Ungarn gekrönt. Unterlegen ist in diesen Kämpfen 
Ban Stephan I. von Bosnien, der Schwiegersohn des Königs 
Stephan Dragutin. Aus einem ragusanischen Briefe erfahrt man, 
daß im Frühjahr 1302 der Weg aus dem Gebiet des serbischen 
Königs Stephan durch Bosnien nach Ragusa gesperrt war, da 
Ban Stephan und Ban Mladen, des Bans Paul Sohn, an der 
Drina einander gegenüberstanden ^). Als Ban Stephan bald 
darauf starb, fand seine Witwe Elisabeth mit ihren drei Söhnen 
Stephan, Vladislav und Ninoslav Zuflucht in Ragusa, wo sie 
mehrere Jahre verweilte -). Bosnien verwaltete fortan IVIladen 
Subic als Ban des Landes, erteilte dort den Spalatinern Handels- 
freiheiten (Juni 1302) und empfing auf bosnischem Boden ragu- 
sanische Gesandte (1304) ^). Dunkel bleibt die Stellung des Königs 
Stephan Dragutin in dieser Zeit. Uros IL pflegte (1303 — 1304) 
eifrig Verbindungen mit Ban Paul, einem gewandten Politiker, 
und hatte mit ihm auch persönliche Begegnungen in der Gegend 
von Vrulja bei Makarska, an der Grenze Zachluraiens ^). Bul- 
garien erlebte unter der langen Regierung des Theodor Svetislav 
(1299? — 1321), eines Sohnes Terterijs L, einen neuen Aufschwung, 
von dem noch die Silberraünzen dieses Zaren Zeugnis geben. Die 
Byzantiner suchten ihm vergeblich Prätendenten entgegenzustellen 
und mußten ihm schließlich einige Grenzgebiete abtreten. Uros IL 
war befreundet mit dem Bruder seiner ehemaligen dritten Frau 
nnd besuchte ihn einmal in Trnov ^). 

Im Osten begann in diesen Jahren eine welthistorische Um- 
wälzung. Nach dem Zerfall des Sultanates von Ikonion ergriflfen 
dessen Erben, die zahlreichen unabhängigen Emire der Türken, 
die Ofi'ensive und drängten die byzantinischen Truppen bis zur 



1) Mon. Rag. 5, 27 und meine Rom. Ddlm. 2, S. 2-3. 

2) Gleichzeitige Zeugnisse fehlen. Instruktionen der ragus. Gesandten 
mit histor. Beispielen 1403 (Starine 1, IDO) und 14. Mai 1432 (Lett. 1430 
bis 1435 Arch. Rag.). Vgl. Resti 106. 

3) Mon. Rag. 5, 72, 74. 

4) Mon. Rag. 5, 47, 52, 73, 74. Urk.: meine Rom. Dalm. 2, S. 3; 
Spomenik 11, S. 23 nro. 4. 

5) Daniel 141. 



344 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

Küste zurück (1301). Der Abzug der Besatzungen, die Panik 
unter der griechischen Bevölkerung und die ungeordnete Masseu- 
flucht zum Meere und hinüber nach Europa erinnern an die Er- 
scheinungen der Völkerwanderungszeit. Ein unglücklicher Ge- 
danke Andronikos II. war die Anwerbung spanischer Söldner, 
welche nach der Beendigung des zwanzigjährigen Krieges zwischen 
den Anjous und den Aragoniern in Italien frei geworden waren. 
Als das Geld ausging, setzte sich die katalanische „Kompagnie" 
im Verein mit türkischen Freibeutern an der wichtigsten Stelle 
der Meerengen, in Kallipolis fest, erklärte dem Kaiser den Krieg, 
verwüstete das südliche Thrakien in furchtbarer Weise und leistete 
den Byzantinern und Genuesen hartnäckigen Widerstand (1305 
bis 1307). Im Frühjahr 1307 zogen die Kapitäne der Katalanen 
nach Westen und schlugen ihr Lager nahe bei Thessalonich auf 
der Halbinsel Kassandria auf. Da wurde das Küstenland Make- 
doniens verwüstet und die Mauern und Türme der Athosklöster 
unter Pfeilregen und Trompetenschall berannt. Das serbische 
Kloster Chilandar hat der Abt Daniel, der Verfasser der Bio- 
graphien der serbischen Könige, tapfer verteidigt. Die Kompagnie 
trat dann in die Dienste der Griechen von Thessalien, später in 
die des Herzogs von Athen, doch gab es bald wieder Streit wegen 
der Soldrechnungen. In der blutigen Schlacht am See Kopais 
(1311) unterlagen die französischen Ritter Griechenlands oder, wie 
der serbische Biograph Daniels schreibt, die „Franken von Li- 
vadia" den spanischen Söldnern, den „illi de Compagna", welche 
unter aragonischer Hoheit 76 Jahre lang Herren des Herzogtums 
von Athen blieben. 

König Uros II. verließ während dieser Stürme die Partei der 
Griechen, da er, wie es scheint, auch mit den Anjous gute Be- 
ziehungen pflegte 1). Noch einmal lebte im Abendlande der Plan 
einer Restauration des lateinischen Kaisertums auf Katharina, die 
Enkelin Balduins IL und Erbin des lateinischen Kaisertitels, hei- 
ratete einen Bruder des französischen Königs Phihpp IV. des 



1) Die Bestätigung eines Vertrages Philipps von Tarent ,,cum rege 
Servie" durch Karl II. 1306 nur in einem kurzen Regest bei Racki (Arkiv 
za pov. jug. 7, 1863, S. 28 nro. 31) und bei Makusev (2, 80). 



Stephan UroS II. (1282—1321). 345 

Schönen, Karl von Valois (1301), der sich Kaiser von Konstan- 
tinopel zu schreiben begann und mit Venedig und den Katalanen 
um ein Bündnis verhandelte. Da erschienen in Frankreich zwei 
Gesandte des Königs Uros IL, ein Ragusaner und ein Cattarenser,. 
mit lateinischen Briefen an den Papst und an „Kaiser" Karl. 
Am 27. März 1308 schlössen sie mit Karl in einer Abtei bei 
Melun einen Bund zur Wiedereroberung des „imperium Constan- 
tinopolitanum ". Der Serbenkönig versprach, sich der römischen 
Kirche anzuschließen und seine aus der Ehe mit Elisabeth von 
Ungarn stammende Tochter Zorica (Diminutiv von zora, Morgen- 
röte) mit Karl, dem jüngeren Sohn des Titularkaisers zu ver- 
mählen, dem Begründer des Hauses der Herzöge von Alen9on,, 
der später in der Schlacht bei Crecy gefallen ist. Die Haupt- 
sache waren aber Territorialfragen. Von Skopje und Polog war 
keine Rede; ebenso blieb Stip ausgeschlossen. „Geschenkt" 
wurden dem König vom Kaiser Karl Ovcepolje, das Gebiet zwi- 
schen Prosek und Prilep, die Landschaft von Kicava bis zur 
Grenze von Ochrid und die Gebiete von Debra bis zum Flusse 
Mat in Albanien, ein Territorium, das im ganzen angeblich weniger 
als 5000 Goldstücke Einkünfte abwarf Dabei ist zu bemerken, 
daß die Burgen von Prosek, Prilep und Ochrid noch lange im 
Besitze der Byzantiner blieben. Klemens V., ein Franzose, der 
im folgenden Jahre die päpstliche Residenz nach Avignon über- 
tragen hat, stellte dann den serbischen Gesandten am 1. April 
1308 in Poitiers eine Reihe von Urkunden aus. Dem Patriarchen 
Egidius von Grado und den Prokuratoren des Prediger- und Mi- 
loritenordens wurde aufgetragen, die Aufnahme des Königs in die 
römische Kirche durchzuführen und ihm eine vom Papste ge- 
sendete Fahne zu überreichen. Der Franziskaner Gregor von 
Cattaro sollte als geistlicher Ratgeber am serbischen Hofe bleiben. 
Eine Urkunde betrifft den Stephan, den der König „verehelicht 
von einer geschiedenen Frau" zum Nachkommen hatte (conjugatus 
genuit de soluta); der Papst erlaubt dem König, er könne diesem 
Sohne trotz dieses Geburtsfehlers eine Landschaft (comitatus) bei 
Lebzeiten oder im Testamente schenken. Zwei französische Geist- 
liche reisten als Gesandte des „Kaisers" Karl mit den serbischen 
Abgesandten zu König Uros, der den Bundesv^ertrag im Juli 



^46 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

1 308 genehmigte ^). Die Katalanen standen eben bei Thessa- 
Jonich. Von ihren türkischen Verbündeten nahm König Uros 
1000 Reiter und 500 Fußgänger in seine Dienste, unter dem 
Seldschuken Melik, der in byzantinischen Diensten Christ geworden 
war. Die Serben griffen die griechischen Grenzgebiete an, wur- 
den aber von Chandrenos, dem Befehlshaber von Thessalonich, 
zurückgeschlagen. Der König sah sich bald gezwungen, einen 
Aufruhr seiner türkischen Söldner mit Gewalt niederzuwerfen; 
Melik wurde dabei gefangen und hingerichtet ^). Indessen starb 
•die Kaiserin Katharina. Kaiser Karl von Valois ließ alle seine 
großen und kostspieligen Pläne fallen, denn von Venedig, das 
wegen des Krieges um Ferrara vom Papste in den Bann getan 
war (1309), konnte er nichts mehr erwarten. Dafür wurde er der 
Gründer der Linie von Valois, die mehr als zwei und ein halbes 
Jahrhundert in Frankreich regiert hat. 

Da kehrte Uros II. wieder zu dem Bunde mit den Griechen 
zurück. Als die Türken des katalanischen Heeres von Athen 
(1311) heimzogen und unter Führung des Chalil sich in Kallipolis 
festsetzten, belagerten und besiegten die Byzantiner diese Schar 
mit Hilfe der Genuesen und der Serben, die 2000 auserlesene 
Reiter gesendet hatten. Ein serbisches Hilfskorps unter dem Groß- 
vojvoden Novak Grebostrek wurde dann auf Schiffen nach „Ana- 
tolien" hinübergesetzt, wo die Byzantiner noch die großen Städte 
Bithyniens besaßen, und zeichnete sich durch tapfere Taten aus 
(1313) 3). 



1) Diese Verträge, schon von Ducange benutzt, herausg. von Ubi- 
«ini im Glasnik 27 (1870) 309—341, die päpstl. Urkunden teils von Tur- 
geuevius, Historica Russiae monumenta, Bd. 2 (Petersburg 1842) 358 bis 
362, teils von Theiner, Mon. Slav. 1, 127—130. Vgl. Bernard Gui- 
donis im Recueil des bist. Bd. 21 p. 718. 

2) Melik: Gregoras' VII cap. 6 und 8; Daniel 354. Lobrede des 
Theodulosvon Thessalonich (vgl. Krumbacher, Byz. Z. 10, 1901, 317) 
^uf Chaudrenos: Boissonade, Anecdota graeca 2, 201 — 202. 

3) Urkunde Andronikos II. vom Oktober 1313 bei Florinskij, 
Athonskije akty 43 (ohne Datum bei Boissonade a. a. 0. 2, 63—69 und 
Jus graecorom. 3, 647 f.). Sieg des Königs über die Türken im Jahre 6821 
(1. Sept. 1312 — 31. Aug. 1313): Inschrift von Nagoricin, Arch. slaw. 
Phil. 31 (1910) 300. Daniel 146f. Gregoras VII cap. 10. Vgl. No- 



Stephan Uro§ II. (1282- 1321). 347 

Seit der gri3chischen Heirat des Uros gab es ein gespanntes 
Verhältnis zwischen beiden Königen. Bald brach ein Bruderkrieg 
aus, dessen Ursachen, Verlauf und Chronologie nur wenig be- 
kannt sind. Den Gegensatz verschärften ohne Zweifel gewisse 
byzantinische Pläne auf die Nachfolge in Serbien. Die ehrgeizige 
Kaiserin Irene (ursprünglich Jolante) von Montferrat grollte ihrem 
Oatten Andronikos IL, weil er das Reich nicht unter seine Söhne 
in erbliche Fürstentümer nach abendländischer Art aufteilen wollte. 
Übel gelaunt residierte sie in Thessalonich. Da die Ehe des Uros 
mit Simonis kinderlos war, versuchte sie zweien ihrer Söhne einen 
Thron in Serbien zu verschaffen, allerdings mit Umgehung der 
serbischen Thronfolgeordnung. Als Uros seine Schwiegermutter, 
die ihn bei jeder Gelegenheit mit großen Geschenken bedachte, 
in Thessalonich besuchte, wurden Unterhandlungen darüber ein- 
geleitet. Zuerst kam Deraetrios zu seiner Schwester Simonis, wurde 
am serbischen Hofe freundlich aufgenommen, aber Land und Leute 
gefielen ihm nicht. Auch Theodor, welcher nach dem Aussterben 
der Nachkommen des Bonifaz in männlicher Linie (1305) die 
Markgrafschaft von Montferrat geerbt hatte, verließ Serbien bald, 
um in sein italienisches Fürstentum am oberen Po zurückzukehren, 
wo seine Nachkommen, die montferratische Linie der Palaiologen, 
bis 1533 herrschten ^). 

König Stephan Dragutin begann den Krieg mit der Absicht, 
seinen Bruder Uros abzusetzen und den Thron seinem Sohn Vladis- 
lav zu übergeben -). Der ganze Adel schloß sich dem lahmen 
König an. Uros, von allen seinen Großen verlassen, hatte bereits 
jede Hoffnung verloren. Es rettete ihn seine Freigebigkeit an 
Kirchen und Klöster und die Schätze, die er in der Abtei des 



vakovic, Serben und Türken im 14. und 15. Jahrb., serb (Belgrad, Aka- 
demie 1893) 55 f. 

1) Gr egoras VII cap 5. Vgl. Die hl, Figures byzantines 2 (Paris 
1908) 234 f. 

2) Nach dem „Rodoslov", der altserb. Genealogie (Glasnik 53, S. 6)» 
hatte König Stephan zwei Söhne, Vladislav (der erstgeborene, s. oben) und 
Urosic. Nach Guillaume Adam war Vladislav der Thronfolger, nach 
Daniel 357 aber Urosic. Bei Orbini 253 sind beide in eine Person ver- 
schmolzen. 



348 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

heiligen Stephan von Banjska unter der Obhut des dortigen Bischofs 
Daniel, des früheren Igumens von Chilandar, verborgen hatte. Mit 
diesem Gelde warb er fremde Söldner an, Osseten (Jasi), Tataren 
und Türken, und behauptete sich im Lande. Als Friedensverraittler 
trat der Klerus auf. Daniels Nachfolger in Chilandar, der Igumen 
Nikodim wurde von beiden Königen und dem serbischen Reichstag 
nach Konstantinopel zu Andronikos IL, dessen Sohn und Mitkaiser 
Michael und dem Patriarchen Niphon (1312 — 1315) gesendet, um 
mit ihrer Hilfe einen Frieden zu vermitteln ^). Den Inhalt dieses 
Vertrages kennen wir nicht. Das Kloster von Banjska wurde 
nach der Versöhnung als privilegierte Abtei (ohne Bischof) neu- 
gegründet, wobei seine Rechte, obwohl es im Gebiete des Uros 
lag, beide Könige durch eigene Akte bestätigten, aber dabei 
sprachen beide nur in ganz allgemeinen Worten von ihren Söhnen, 
Enkeln und Urenkeln als Nachfolgern. Guillaume Adam schreibt, 
Uros habe sich gegen seinen Bruder Stephan empört, sei von ihm 
besiegt worden, doch habe sich Stephan des Blutes seines Bruders 
erbarmt und mit ihm freiwillig das Reich geteilt. Stephans Sohn 
Vladislav sei dann Erbe des Anteiles seines Vaters gewesen, aber 
so, daß Uros Vasall seines Neffen für seinen Teil bleiben sollte -). 
Daß der Frieden von territorialen Änderungen begleitet war, sieht 
man daran, daß die rasch aufblühende Bergwerkstadt Rudnik 
1302 im Besitz des Königs Uros, im März 1313 dagegen in dem 
des „rex Stephanus" war ^). 

Damals starb die greise Königinmutter Helena (8. Februar 1314). 
Eine Adelspartei, welche während des Bruderkrieges die Anziehungs- 
kraft des Königsmachens kennen gelernt hatte, wollte Uros IL 
vertreiben und in der Zeta seinen Sohn Stephan auf den Thron 
erheben. Bei dem Anmarsch des alten Königs zog sich der Prinz 
über die Bojana zurück und unterwarf sich, wahrscheinlich unter 
günstigen Bedingungen. Aber der Vater hielt sein "Wort nicht 
ein, ließ den Sohn gefesselt nach Skopje bringen und auf Rat 
einiger Edelleute ohne gerichtliche Verhandlung blenden. Doch 

1) Nikodims Notiz von 1319: Stojanovic, Zapisi 1 nro. 52, S. 22 — 24. 

2) „Ita tarnen, quod Urossius ab eodem Vlatislao tanquam vassallus 
recognosceret se teuere reliquam partem regni". Gr. Adam ed. cit. 437. 

3} Mon. serb. 52. Mon. Rag. 1, 24. 



1 



Stephan Uro§ II. (1282—1321). 349 

ist dabei die Sehkraft nicht ganz zerstört worden i). Der unglück- 
liehe Nemanjide erzählt selbst in der Einleitung einiger Urkunden, 
wie er, vom Vater geliebt, sich am irdischen Ruhm erfreute, bis 
gottvergessene Leute, die von seinen Eltern und von ihm selbst 
als Brüder und Kinder behandelt worden waren, böse Saat säten 
und zuletzt den Vater zu der furchtbaren und unerhörten Untat 
verleiteten, „mich das Augenlichtes zu berauben" -). Nach dieser 
grausamen Bestrafung wurde Stephan mit seiner Frau und seinen 
zwei kleinen Söhnen Dusan und Dusica nach Konstantinopel ver- 
bannt, wo er mehrere Jahre in einem kaiserlichen Palaste wohnte, 
unterstützt und beaufsichtigt vom Kaiser Andronikos IL, dem er 
auch nachher stets Freund blieb ^). Die Athosmönche von Chi- 
landar und der Erzbischof Nikodim benutzten eine Gelegenheit, um 
ihm die Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat zu erwirken. Nicht 
ohne Gewissenbisse erblickte der König seinen Sohn, der „die 
Augen verbunden hatte, wie es einem Blinden geziemt", und fuß- 
fällig um Verzeihung bat. Er wies ihm einen Teil der Zupa von 
Budimlja im Limtale zum Wohnsitz und Unterhalt an. 

König Stephan Dragutin starb im März 1316, vor dem Tode 
als Mönch unter dem Namen Theoktist eingekleidet, und wurde 
in der Georgskirche (Gjurgjevi Stupovi) bei Ras bestattet. Von 
seinen Söhnen war der jüngere Urosic wahrscheinhch noch vor 
ihm gestorben, ebenfalls im Mönchsgewand mit dem Klosternamen 
Stephan, und wurde in der bischöflichen Kirche von Arilje an 
der westlichen Morava begraben ^). Nun sollte Vladislav König 
werden, aber Uros II. ließ alle Bestimmungen des letzten Vertrages 



1) Ausführlich Guillaume Adam p. 437: „carnifex, corruptus pe- 
cunia" durchstach nicht die Pupille, worauf der Prinz „per medicinas appo- 
sitas oculis, licet non plenarie, aliqualiter tarnen vidit". Bei den Griechen 
keine Nachrichten. 

2) Mon. serb. 89—90 (= Urk. für Decani, S. If.), Glasnik 27 (1870) 
188 (für Vranjina) und 49 (1881) 361 (für Prizren). 

3) Sieben Jahre der Verbannung in einer Notiz von 1330 bei Sto- 
janovic, Zapisi 1 nro. 56 und bei C am blak. Dusica starb in Kon- 
stantinopel. 

4) Ausgaben des Lj. Stojanovic: Rodoslov im Glasnik 53, 6 und 
Spomenik 3, 95; Typikon im Arch. slaw. Phil. 23 (1901) 631. 



350 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

beiseite, bemächtigte sich sofort des Landes des verstorbenen 
Bruders und setzte seinen Neffen in den Kerker i). 

Ein zweiter Krieg mit Ragusa (1317 — 1318) wurde wieder 
durch Intervention der Venezianer eingestellt, nachdem der König 
einen Schadenersatz für die Verwüstung des Stadtgebietes ver- 
sprochen hatte. Die Ragusaner verstärkten unablässig ihre Stadt- 
mauern. Das Franziskanerkloster vor der Porta Pile wurde damals 
demoliert, damit es dem Feinde nicht als Burg dienen könne, und 
innerhalb der Mauern ein neues Klostergebäude gegründet, das 
noch gegenwärtig besteht. In diese Zeit gehört der Bau einiger 
Türme, besonders des gewaltigen Donjons an der Ecke des Be- 
sitzes der Familie Menze, welcher, vielfach umgebaut, auch in 
unseren Tagen das Stadtpanorama beherrscht ^). 

Bedenkhcher war ein Zusammenstoß des Königs Uros II, mit 
dem ungarischen König Karl Robert, als dieser nach Überwindung 
zahlreicher Feinde freie Hand erhielt und die Rückgabe des Ge- 
bietes einst des Stephan Dragutin verlangte. Der Krieg wurde 
in verschiedenen Gebieten von der Donau bis nach Albanien ge- 
führt. Der mächtigste Mann Kroatiens war der Sohn und Nach- 
folger Ban Pauls (f 1312), Ban Mladen mit seinen drei Brüdern 
den „Bansöhnen" (Baniöi). Er schrieb sich „Croatorum et tocius 
Bosne banus", setzte aber die Söhne des letzten bosnischen Bans 
und zugleich Enkel des Königs Stephan Dragutin wieder als Ver- 
walter des Landes ein, Stephan II. (mit einem Kosenamen auch Stipos 
genannt) und Vladislav. Der junge Stephan sollte (1319) nach Für- 
sprache des Mladen beim Papst eine Tochter des Grafen Meinhard 
von Ortenburg in Kärnten heiraten, wozu ein Dispens wegen der 
Verwandtschaft (wahrscheinlich durch die kroatische Adelsfamilie 
der Blagaj) notwendig war. Später finden wir als Frau Stephans II. 
von Bosnien eine polnische Prinzessin Elisabeth, Tochter des 
Herzogs Kasimir von Kujavien; die Heirat stand wohl in Ver- 
bindung mit der des Königs Karl Robert, dessen Frau, gleichfalls 
Elisabeth, eine Tochter des polnischen Königs Wladislaw Lokietek 



1) Micha Madii (bei Schwandtner 3, 643) und G. Adam. 

2) Die Friedensurkunde ist nicht erhalten. Nachrichten in den Rats- 
protokollen (Mon. Rag. 5, 108 f.) und den Diversa von Ragusa. 



Stephan Uros II. (1282—1321). 35t 

war (1 320) ^). Ban Mladen hielt einen glänzenden Hof, besaß aber 
nicht das diplomatische Talent seines Vaters. Seine Versuche, die 
Autonomie der Küstenstädte zu untergraben, brachten Vorteile nur 
Venedig, mit dem er schlecht stand, weil er den flüchtigen Ver- 
schwörer Bajamonte Tiepolo bei sich beherbergte. Die Feindselig- 
keiten mit den Serben begannen durch die Plünderungen der 
serbischen Grenzbefehlshaber, der Branivojevici von Zachlumien, die 
1318 zum erstenmal urkundHch genannt werden ^). Nach Orbini 
waren es drei Söhne eines armen Edelmannes Branivoj aus Chelmo, 
namens Michael, Brajko und Branoje (oder Branko) •^). Sie resi- 
dierten mit ihrer Mutter in Stagno am Fuße des Felshügels, auf 
welchem die Burg des heihgen Michael stand (heute Frauenkloster), 
und verwalteten die Halbinsel von Stagno , das Küstengebiet bei 
Slano und das Mündungsgebiet der Narenta. Der Gegensatz 
zwischen den Nachbarn äußerte sich durch Annahme von Titeln; 
Mladen begann sich Herr von Chelmo zu schreiben, Uros H. zur 
Vergeltung „rex Croatie". Die Ragusaner, besorgt wegen des 
Kampfes in der Nachbarschaft, bemühten sich, einen Frieden zu 
vermitteln (Juli 1319). Mladen scheint dabei nichts gewonnen zu 
haben. Bis zur Erfüllung aller Verpflichtungen gegen den Serben- 
könig mußte er seinen Bruder Comes Gregor, den Herrn von 
Almissa, mit einigen Gefährten als Geisel den Ragusanern über- 
geben ^). 

Zu gleicher Zeit setzte Karl Robert mit seinem ganzen Heere 
über die Save, eroberte die Burgen der Macva und lagerte (Sep- 
tember 1319) am Flusse Kolubara zwischen Belgrad und Sabac, 
während sein Feldherr Stephan Laczkfi Belgrad erstürmte und 



1) Ilarion Ruvarac im Glasnik bos. 4 (1892) 210 = Wiss. Mitt. 
2 (1894) 177. 

2) Klagen des Bans Mladen gegen die „filii Braniuoi" Sept. 1318: 
Mon. Rag. 5, 121 (die Texte ib. 113—131 gehören unter 1318, nicht 
1319). 

3) Orbini 391 aus einer verschollenen Quelle. Er nennt auch einen 
vierten Bruder Dobrovoj; so heißt 1323 — 1326 ein Edelmann an der Küste 
gegenüber der Insel Giuppana in den Diversa von Ragusa. 

4) Mon. Rag. 5, 142 f. Am 21. Juli 1319 erwartete man Ban Mladen 
persönlich in Ragusa: ib. 146. 



353 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

verbrannte ^). Der Krieg wurde schon im vorhergehenden Jahre 
^uch im Gebiet der Anjous in Albanien geführt. Papst Johannes 
XXII. ermunterte (Mai 1318) Philipp von Tarent, seit 1313 
Titularkaiser von Konstantinopel, er möge den König Uros im 
Bunde mit Karl Robert und Ban Mladen angreifen -). Nach den 
Berichten, welche der Bischof Andreas von Kroja nach Avignon 
gebracht hatte (Juni 1318), sollen zahlreiche, der römischen Kirche 
angehörende „barones regci Albanie" mit byzantinischen, frän- 
kischen und serbischen Titeln im Lande zwischen Skutari und 
Valona das Joch des schismatischen, „treulosen Königs von Ras- 
cien" abgeworfen haben: Vladislav Gonoma (Jonima), Graf von 
Dioclia und der „maritima Albania", dann drei Musachi, nämlich 
der Graf Mentulus, der Marschall des Königreichs Albanien An- 
dreas und der Protosevast Theodor, ferner zwei Blenisti, der Proto- 
sevast Guilelmus ^) und der Graf Caloiohannes, endlich Guillelmus 
Arianites und Paul Matarango ^). Als König Karl dem Papste 
meldete, er habe die Älacva erobert und wolle bis zum Meere vor- 
xiringen, wenn ihm andere katholische Herrscher Hilfe leisteten, 
forderte Johannes XXU. die deutschen Fürsten und die Könige von 
Böhmen und Polen dazu auf, aber vergeblich ^). Uros hat indessen 
seine Südgrenzen behauptet und schrieb sich von nun an auch 
König von Albanien. 



1) Urk. des Königs, datiert „prope Kalabar in Macho" 16. September 
1319. „Aqua Abona" und „caput fluvii Obona" in anderen Urk. ist der 
Fluß Üb oder die Obnica bei Valjevo. Huber, Arch. f. österr. Gesch. 
6(i (1885), 5—6. Derselbe, Geschichte Österreichs 2, 206. Thallöczy 
im Glasnik bos. 5 (1893) 186 und Wiss. Mitt. 3 (1895) 330. 

2) Theiner, Mon Hung. 1, 830. 

3) Wilhelm, der Sohn des zum Grafen ernannten Casnesius (serb. Titel 
eines „kaznac") Blenisti, 1304 von König Karl II. ernannt zum Marschall 
von Albanien. Hopf a. a. 0. 359. Derselbe bei Hahn, Reise durch 
die Gebiete des Drin 280. Dorf Blinist jetzt im Gebiete der Mirediten. 

4) Theiner a. a. 0. 1, 831. Über Gonoma II. Ruvarac im Arch. 
slaw. Phil. 17 (1895) 564. Hopf a. a. 0. 419 meint, daß Durazzo 1319 
bis 1322 wieder in Besitz der Serben gewesen sei, was im ragus. Material 
keine Bestätigung findet. 

5) Theiner a. a. 0. 1, 470 f. (2. Juli 1320), wobei in der päpstlichen 
Kanzlei aus der Macva ein „regnum Macedonie" wurde. 



Stephan Uros II. (1282-1321). 353 

Der Frieden ist wobl bald erneuert worden. Da ließ Uros II. 
(1319) in einer katholischen Wallfahrtskirche, dem Tempel des 
heiligen Nikolaus von Bari in Apulien, einen silbernen Altar mit 
einer lateinischen Inschrift aufstellen, in welcher er sich stolz als 
Herr des ganzen Landes vom Adriatischen Meere bis zur Donau 
bezeichnete (de culfo Adriatico, a mari usque ad flumen Danubii 
magni). Neben Uros waren auf diesem Altar die Königin „Simo- 
nida" und der Königssohn Konstantin genannt ^). Die jugendliche 
Simonis hatte, wie Nikephoros Gregoras berichtet, viel unter der 
Eifersucht des greisen Königs zu leiden. Als sie nach dem Tode 
ihrer Mutter Irene (1317) länger in Konstantinopel verweilte, als 
es Uros wünschte, und erst durch die Drohungen ihres Gatten 
zur Rückkehr gezwungen wurde, legte sie in Serrai zum Entsetzen 
ihres serbischen Gefolges nachts das Klostergewand an, doch ihr 
Bruder Konstantin zerriß das Kleid und übergab sie, ohne ihre 
Tränen zu beachten, wieder den Serben. 

Uros IL erlebte noch den Ausbruch des Krieges zwischen 
seinem Schwiegervater Andronikos IL, einem unbeliebten, pedan- 
tischen Greis, und dessen lebenslustigen und populären Enkel 
Andronikos III. (April 1321). An der Spitze der Verschwörer, 
die sich um den Enkel scharten, stand der begabte und gebildete 
Großdomestikos (Reichsmarschall) Johannes Kantakuzenos. Eben 
verlangte ein Gesandter des Serbenkönigs, der Mönch Kallinik, die 
Rücksendung von ungefähr 2000 kumanischen Söldnern, welche 
Uros seinem Schwiegervater geliehen hatte. Bei einer geheimen 
Unterredung beauftragten der junge Andronikos und Kantakuzenos 
den serbischen Mönch, den König um Hilfe zu bitten. Uros war 
bereit dazu, wenn der junge Andronikos in die Nähe der serbischen 
Grenze käme. Aber nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges warnte 
Kantakuzenos vor der gefährlichen Bundesgenossenschaft sowohl 
der Serben, als der Bulgaren 2). 



1) Die Inschrift, seit der Restaurierung 1684 verschollen, bei Orbini 
(1601) 255 und Beatillo (1649), wiederholt von Kukuljevic, Arkiv 
jug. 4 (1857) 350 und Makusev, Ital. Archive 3, 13 (Zapiski der russ. 
Akad. Bd. 19, 1871). Der Name des Constantinus bei Beatillo. 

2) Kantakuzenos I cap. 7, 8, 21. Nach der ersten Unterbrechung 
des Krieges bestätigten beide Andronici im Juni 1321 (6829) durch zwei 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 23 



354 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

König Stephan Uros II. starb unerwartet am 29. Oktober 1321 
im Schloß von Nerodimlja am Süd ende des Amselfeldes ^). Er ist 
eine hervorragende Gestalt der serbischen Geschichte, ein Herrscher, 
der über große finanzielle und militärische Mittel verfügte und die 
Politik der Erweiterung Serbiens gegen Süden mit Erfolg ein- 
leitete. Das zerrüttete Familienleben zeugt aber von keinem weiten 
Blick. Die inneren Kämpfe förderten die selbstsüchtigen Ten- 
denzen des Adels und den Verfall der Zentralgewalt. Richtig 
wußte Uros IL den Einfluß der Kirche zu schätzen und zu fördern, 
durch großartige Bauten und Stiftungen, wie die Klöster Gracanica 
und Banjska im Inland, auf dem Athos, in Konstantinopel und 
Jerusalem im Ausland. Die Kirche war ihm auch dankbar; ohne 
auf seine vier Ehen zu achten, wurde er bald als der „heilige 
König" (sveti kralj) verehrt. Sofort nach seinem Tode brachen 
große Stürme aus. Drei Prätendenten kämpften um den Thron. 
Die fremden Söldner zogen die einen gegen die anderen, um sich 
gegenseitig zu berauben und das Land zu plündern. Sie beun- 
ruhigten schon den vom Bischof Daniel geführten Leichenzug des 
Königs, auf dem Wege von Nerodimlja nach Banjska. Die Leiche 
Uros' U. wurde um 1389 aus diesem Kloster in die nahe Berg- 
werkstadt Trepca gebracht, um 1460 von dort nach Sofia; der 
Sarg steht noch immer in der bulgarischen Hauptstadt vor dem 
Altar der Kathedralkirche „Sveti Kral" (des heiligen Königs). 
Die Königinwitwe Simonis kehrte nach Konstantinopel zurück und 
lebte als Nonne teils im Kloster des heihgen Andreas, teils im 
Kaiserpalast bei ihrem Vater, später bei ihrem Neffen. 

Konstantin, von seinem Vater, wie aus der Nennung in den 
Inschriften von Bari zu ersehen ist, zum Nachfolger bestimmt, 
wurde in der Zeta zum König proklamiert. In Skutari ließ er 
Silbermünzen prägen mit lateinischer Umsckrift, auf denen er auf 
dem Throne sitzend mit Krone und Zepter abgebildet ist ^). Es 



Urkunden die Besitzungen des Klosters Menoikeion bei Serrai, auf Bitten 
des Serbenkönigs und der xqüIuivu ^^foßiag (der jüngere Kaiser bezeichnet 
beide als Oheim und Tante): Sathas, Bibl. graeca 1, i' 15— 221. 

1) Todestag bei Daniel IGl. November 1321: Micha Madius bei 
Schwandtner 3, 646. 

2) „Dominus rex Constantinus ", R. „S. Stefanus Scutari". Bei Za- 



Konstantin (1321—1322). Stephan Uro§ III. (1322—1331). 355 

fehlte ihm aber an Popularität und Anhang. Wir wissen gar 
nicht, wer seine Frau war und ob er Kinder hatte. Gegen ihn 
erhob sich im Norden als ernster Nebenbuhler König Vladislav, 
des Stephan Dragutin Sohn, nach seines Oheims Tod aus dem 
Kerker befreit und im väterlichen Gebiete als legitimer Nach- 
folger mit Freude begrüßt. Doch von den drei Prätendenten hatte 
den größten Erfolg derjenige, an welchen anfangs die wenigsten 
dachten: der geblendete Stephan. Das ganze Land durcheilte die 
unfaßbare Nachricht, er sei durch ein Wunder plötzlich sehend 
geworden. Er berief sein Gefolge zu sich und sagte seinen Ge- 
treuen, sie sollten Gott den Allmächtigen preisen: „Sehet und 
wundert euch: ich, der ich blind war, sehe wieder !'' In der 
Stiftungsurkunde des Klosters Decani schreibt er selbst, der Herr 
habe an ihm seine große Barmherzigkeit geäußert, indem er ihn 
„durch Rückgabe meines Augenhchtes erleuchtete" und ihn auf 
den Thron der heiligen Eltern und Voreltern setzte ^). Guillaume 
Adam, ein fanatischer Feind des Stephan und Anhänger des Vla- 
dislav, erzählt, Stephan habe stets ein wenig gesehen, aber dies 
vor seinem Vater und seinen eigenen Kindern geheimgehalten. 
Erst nach des Vaters Tod habe er durch eigenhändige Briefe dem 
ganzen Reiche kundgegeben, daß er sehe, und dadurch den größten 
Anhang gewonnen. Es ist merkwürdig, daß die Byzantiner von 
seinen geschwächten Augen kein Wort erwähnen, weder Kanta- 
kuzenos, noch Nikephoros Gregoras, der den Stephan persönlich 
kannte. 

Zwischen den Halbbrüdern mußte das Kriegsglück entscheiden. 
Den Vorschlag Stephans, das Land zu teilen, wies Konstantin stolz 
zurück, aber seine Proklamationen, ein Blinder sei vom Throne 
ausgeschlossen, fanden kein Gehör mehr. Auf einem Reichstag 
wurde (6. Jänner 1322) Stephan Uros IIL vom Erzbischof Niko- 
dim feierlich gekrönt, mit ihm sein jugendlicher Sohn Dusan als 
Mitkönig oder „junger König" (mladi kralj, „rex iuvenis") neben 



netti und Argellati (1750) richtig diesem König zugewiesen, ebenso von 
Dr. J. Safafik im Glasnik 3 (lb51) 219, erst von Neueren unrichtig dem 
Konstantin Baliic (f 1402) zugeteilt, der nie König war. König „Stefan 
Konstantin" im Pomenik von Sopocani: Glasnik 42, 31. 
1) Daniel 170. Mon. serb. 90. 

23* 



356 Viertes Bucb. Zweites Kapitel. 

dem „alten König" („rex veteranus"). Den Vater nannte man 
fortan Uros III. (rex Urossius), den Sohn Stephan ^). Bald wurde 
Konstantin in einer Schlacht besiegt, auf der Flucht getötet und 
in der Kirche der Burg von Zvecan begraben -). Die Zeta wurde 
dem jüngeren König zugewiesen. Länger dauerte der Krieg Stephans 
mit seinem Vetter König Vladislav, der wohl von Karl Robert 
und Stephan IL von Bosnien unterstützt wurde, umgeben von dem 
Adel des väterlichen Gebietes 3). Im Winter 1323 — 1324 wurde 
um Rudnik und die nahe Burg Ostrvica gestritten. Zuletzt mußte 
Vladislav den Kampf aufgeben und nach Ungarn fliehen, wo er 
bis zu seinem Tode blieb ^) ; von den Schicksalen seiner Nach- 
kommen ist nichts bekannt. 

In engster Verbindung mit diesen Stürmen stand der Vorstoß 
der Bosnier durch das Narentatal zum Meere. Zachlumien ging 
dabei dem altserbischen Reiche für immer verloren. Die Unbot- 
mäßigkeit des kroatischen und serbischen Adels des Küstengebietes 
erklärt diese Umwälzung. Ban Mladen Subic wurde (1322) im 
Tale der Cetina von den Truppen Karl Roberts geschlagen und 
gefangen, das erbliche Banat ihm abgenommen und er selbst nach 
Norden weggeführt, wo ihm der König die Burg Zrinj im Tale 



1) Auf den gut ausgeführten Münzen ist der alte König sitzend abge- 
bildet, mit langem Haar und Vollbart und mit der Krone auf dem Haupte; 
das bloße Schwert ist horizontal über die Knie gelegt. Die Inschrift lautet: 
„treti Stefan Uros kralj" (der dritte Stefan Uros König). Der Sohn ist auf 
seinem Siegel bartlos dargestellt und „mladi kralj" genannt; er hat es 
noch lange, z. B. auf einer Urkunde 1334 verwendet. Dr. A. Ivic, Die 
alten serbischen Siegel und Wappen (Neusatz, Matica 1910) nro. 13 und 14 
(mit Photographie). Der Krönungstag ist in der Urk. von Decani (Mon. 
serb. 90) irrtümlich in das Jahr 6829 statt 6830 (1321—1322) verlegt, zu 
welchem die Ind. 5 richtig gehört. 

2) Über den Krieg nur C am blak, Glasnik 11 (1857) 64—66. Das 
Grab Konstantins: serb. Annalen ib. 53, S. 10, 59. Bei Guillaume 
Adam p. 438 wird Konstantin gefangen und „inaudito crudelitatis genere" 
umgebracht. 

3) König Vladislavs Schreiben vom 25. Oktober 1323 an den Comes 
von Bagusa in alter ital. Übersetzung bei Pucic 2, S. 3 — 4 (vgl. Spomenik 
11, 99); erwähnt „miei filioli" und „parenti", die Zupane Radoslav und 
Vojihna, den Protovestiar Georg, den Sevast Junak usw. 

4) Rodoslov: Glasnik 53, S. 6. 



Vladislav (1321—1324). Stephan Uros IIL (1322—1331). 357 

der Una schenkte, nach welcher die Subidi später Zrinjski 
(magyarisch Zrinyi) genannt wurden ^). Es folgten lange Kämpfe 
um Knin , die Residenz des Bans des Küstenlandes. Ein Mann 
zog den größten Vorteil aus diesen Wirren, der königstreue Ban 
Stephan II. von Bosnien, der schon 1324 durch eine Schenkung 
des Karl Robert als Herr der nordbosnischen Landschaften von 
Usora und Sol erscheint -). Bald besetzten die Bosnier die Land- 
schaft Krajina am Meere; der katholische Bischof von Makarska 
zog sich vor den bosnischen Ketzern nach Almissa zurück. 
Während der serbischen Thronkämpfe drang Ban Stephan im 
oberen Zachlumien ein ; die Adelshäupter des Landes schlössen 
sich ihm an, voran der Zupan von Nevesinje, Poznan Pureid ^'). 
An der zachlumischen Küste wollten sich die Branivojevici, wie 
es scheint, im Grenzgebiet zwischen den Serben und Bosniern in 
der Art der kroatischen Subici ganz unabhängig machen. Nur 
scheinbar hielten sie mit den Serben, welche hier der jüngere 
König Stephan Dusan mit seinen Ratgebern vertrat, dem Vojvoden 
Mladen, dem Stammvater der späteren Brankovici, und dem Feld- 
herrn Vojno, dem Herrn von Gacko ^). In ein arges Gedränge 
kam damals Ragusa. Wegen der ragusanischen Kaufleute und 
Zollpächter im Lande des Königs Vladislav geriet es (1324) in 
Konflikt mit Uros III. Der Handel wurde eingestellt, das Stadt- 
gebiet vom Kriegsvolk des Vojno und der Branivojevici geplündert 
(1325). Venedig nahm sich aber der Ragusaner ganz energisch 
an, berief alle Venezianer aus Cattaro und Serbien ab und ließ 
den Serbenkönig durch seinen Abgesandten, einen Notar wissen, 
daß die Republik keineswegs die Absicht habe, Ragusa zu ver- 
lassen ^). Der Frieden zwischen Ragusa und Uros IIL wurde 

1) Über das Ende Mladens (starb vor 1843) Sisic im Rad 153 
(1903) 35. 

2) Mon. Rag. 1, 115. Vgl Klaic, Geschichte Bosniens, übers, von 
Bojuicic 143 f. 

3) Posnanus de Purchia mit seinem Geschlecht in Nevesinje auf ser- 
bischem Boden 1306, Arch. slaw. Phil. 22, 174; 1325, 1327 als Gesandter 
des bosnischen Bans in Ragusa, Mon. Rag. Bd. 5. 

4) Vojno besaß Gacko: April 1327 Div. Rag. 

5) „Dicendo, quod nos non intendimus deserere Ragusium": Ljubic 1, 
163. Mon. Rag. 5, 201. 



358 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

dann am 25. März 1326 auf der Burg Danj bei Skutari erneuert, 
in Gegenwart des Vojvoden Mladen und des ,,Celnik''' Gjuras, des 
Stammvaters der Crnojevici ^). 

Die Branivojevici hatten sich gerade in diesen Tagen unab- 
hängig gemacht und beunruhigten Ragusa durch fortwährende 
Räubereien, wodurch sie aber ihren Untergang herbeiführten -). 
Zwei Wochen nach dem Frieden von Danj wurde Brajko Braui- 
vojeviö mit seiner Frau, einer Tochter des Vojno, von der ragusa- 
nischen Flotte gefangen und zunächst in das Inselkloster des 
heiligen Andreas de Pelago (heute ein Leuchtturm) vor dem Hafen 
von Gravosa gebracht (10. April). In der Stadt verlangte eine 
Partei sofort seine Hinrichtung, doch sperrte man ihn einstweilen 
in einem Turm in einen eigens für ihn hergerichteten Holzkäfig 
(cabia de lignamine). Die Frau wurde nach Fürsprache des 
serbischen Königs und des bosnischen Bans zu ihrem Vater ent- 
lassen. Zahlreiche Schiffe der Branivojevici und ihrer Verbündeten, 
der Piraten von Krajina, wurden verbrannt. Der junge Stephan 
Dusan forderte die Ragusaner in einem Briefe auf, den zweiten 
Bruder Branoje, seinen abtrünnigen Vasallen, mit der Flotte zu 
bekämpfen (17. April). Ragusa schloß indessen auch einen Bund 
mit dem Bau von Bosnien zur Vernichtung der Branivojevici, 
welche zu Land und zur See angegriffen werden sollten ; ausdrück- 
lich wurde bestimmt, daß der Vertrag keineswegs gegen den 
König von Serbien gerichtet sei •^). Bald erscheint in Stagno statt 
der Beamten der Rebellen ein Zupan des Serbenkönigs. Als in 
Ragusa ein Preis von 2000 Perper ausgerufen wurde für denjenigen, 
der den Branoje Branivojev^ic tot oder lebendig ausliefere, flüchtete 
sich der gestürzte Dynast reumütig zu Uros HL, wurde aber am 
könighchen Hofe in Fesseln geschlagen, auf die Burg von Cattaro 
gebracht und dort hingerichtet (August 1326). Auch Brajko kam 
aus den Türmen von Ragusa nicht mehr heraus; nach späteren 
Berichten ließ man ihn verhungern "*). Indessen verhandelte der 

1) Mon. serb. 85. 

2) Zahlreiche Details in den Mon. Rag. 5, 197 ff. 

3) Nach Orbini 891 f. sind zwei der Branivojevici, Michael und Do- 
brovoj, im Kampfe gegen die Bosnier gefallen. 

4) In den Katsprotokoilen wird er am 25. November 1326 zuletzt er- 



Stephan Uros III. (1322-1331). 359 

Senat von Ragusa (seit Juli) eifrig mit dem Serbenkönig um die 
Abtretung der Halbinsel von Stagno gegen Zahlung eines Jahr- 
geldes; der König war bereit dazu, verlangte aber zuviel. 

Der Ban von Bosnien blieb Herr des Narentatales. Schon 
1326 schrieb er sich in einer Urkunde an die Stadt Trau als 
„terrae Chelmi coraes". Als die Ragusaner im Juli 1327 eine 
Gesandtschaft zu ihm senden wollten, erwartete man seine Ankunft 
im Schloß von Bisce an der Narenta unter der Burg Blagaj ^). 
An der Mündung der Narenta saßen fortan Beamte der Bosnier, 
Vergeblich waren seitdem alle Versuche der Serben, das verlorene 
Zachlumien wiederzuerobern. Bosnische Heere brachen auch im 
Drinagebiet über die serbische Grenze ein und verwüsteten den 
Sitz des Bischofs von Dabar, die Kirche des heiligen Nikolaus 
von Banja am unteren Lim. Der junge König Stephan Dusan 
soll dort gegen die „gottlosen" bosnischen Häretiker einen Sieg 
erfochten haben -). 

König Uros HI. hatte indessen seine langjährige Lebens- 
gefährtin Theodora durch den Tod verloren und sie im Kloster 
Banjska ins Grab gelegt ^). Noch während des Krieges gegen 
seinen Vetter Vladislav suchte er verwandtschaftliche Beziehungen 
mit den Anjous von Neapel anzuknüpfen und bewarb sich bei 
Philipp von Tarent um dessen und der Thamar von Epirus 
Tochter Bianca (1323). Dabei war er sogar bereit, mit dem 
Klerus, dem Adel und dem Volk des „regnum Servie" dem 
Schisma zu entsagen und sich der römischen Kirche anzuschließen ; 
in dieser Art wollte er wahrscheinlich den Ansprüchen des Vladis- 
lav zuvorkommen. Papst Johannes XXH. in Avignon beauftragte 
den Bischof Bertrand von Brindisi mit einer großen Gesandtschaft 
nach Serbien zur Durchführung der Union. Auch die Ragusaner 



wähnt. „Li Ragusei parimeate fecero morire di faoie Braico in carcere": 
Orbini 398, ebenso Resti 114. 

1) Mon. Rag. 5, 244. 

2) Epilog eines Evangeliums von 1328 — 1329 (Datum unsicher): Sto- 
janovic, Zapisi 1 nro. 55. 

3) Eine Urkunde des Zaren Stephan Dusan mit Stiftungen für das 
Grab seiner Mutter (um 1346) herausg. von Novakovic, Spomenik 9, 1 — 7 
(auch in seiner Anthologie „Primjeri" ^4 18 f.). 



360 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

verwendeten sich eifrig für diese Heirat bei Philipp i). Doch die 
Sache zerschlug sich, da die Anjous wohl den Vladislav als den 
legitimen König von Serbien betrachteten. Uro.s III. heiratete nun 
eine Griechin, die Maria Palaiologina, eine Nichte der früheren 
Königin Simonis (l326). Ihr Vater war der Panhypersebast 
Johannes Palaiologos, damals öfters Statthalter von Thessalonich, 
ein Sohn des Konstantin Porphyrogennetos, eines Bruders des 
Andronikos II. Ihre Mutter Irene war eine Tochter des Groß- 
logotheten Theodoros Metochites. Als die Kämpfe zwischen beiden 
Andronikos wieder ausbrachen, wollte sich der Panhypersebast 
mit Hilfe der Serben eine eigene Herrschaft gründen, unterstützt 
von zwei Söhnen des Großlogotheten, welche Befehlshaber in den 
Grenzfestungen Struraica und Melnik waren. Er begab sich mit 
seiner Gattin an den serbischen Hof und bewog Uros III. zu 
Plünderungen des byzantinischen Gebietes bei Serrai. Andro- 
nikos II. beeilte sich, den Johannes durch die Verleihung der 
hohen Würde eines Kaisar zu gewinnen, doch der Prinz erkrankte 
bei den Serben und starb in Skopje. Seine Witwe, die Kaisarissa, 
wurde (1327) durch eine Gesandtschaft des alten Andronikos, unter 
deren Mitgliedern sich der bekannte Historiker Nikephoros Gre- 
goras befand, zur Rückkehr nach Thessalonich bewogen -). 

Während des dritten und letzten Krieges zwischen Großvater 
und Enkel um den byzantinischen Thron blieb Uros III. auf Seite 
des alten Kaisers. Seinen erfahreneren Feldherrn Hrelja sendete 
er mit einer Truppenabteilung zu den Parteigängern des alten 
Kaisers nach Serrai. Als der jüngere Andronikos mitten im Schnee 
mit großem Erfolg einen kühnen Zug nach Westen unternahm 
(Jänner 1328), ließ sich Hrelja nicht zu einer Schlacht heraus- 
locken. Der junge Kaiser besetzte das ganze byzantinische Make- 
donien und Albanien. Die Anhänger des alten Andronikos be- 
haupteten sich nur in den Burgen längs der serbischen Grenze, 
in Prilep, Prosek, Strumica und Melnik. Prilep wurde vom jungen 
Kaiser besetzt. Zahlreiche vornehme Griechen flüchteten sich über 



1) Theiner, Mon. Hung. 1, 488f. Mon. Rag. 1, 82, 90. 

2) Kantakuzenos I cap. 43. Gregoras VIII cap. 14. Uuge- 
druckt ein Brief des Gregoras an Andronikos Zaridas über diese Heise. 



Stephan Uros III. (1322—1331). 3C1 

die Grenze zum Serbenkönig, doch er ließ sich nicht zur Offensive 
bewegen, sondern Wieb auf Rat des Hrelja in der Stellung eines 
Beobachters. Da geschah es, daß der Feldherr Michael Asan aus 
Furcht vor Verrat in das feste Prosek eine serbische Besatzung 
aufnahm; das Felsennest kam nimmermehr in den Besitz der 
Byzantiner zurück ^). Zuletzt wurde Konstantinopel in einer Voll- 
mondnacht (Mai 1328) vom jungen Andronikos und seinem Feld- 
herrn Kantakuzenos durch Verrat erobert. Der siebzigjährige 
Andronikos II. wurde gezwungen, das Mönchsgewand anzulegen 
(t 1332). 

Mit Andronikos III. als Alleinherrscher stand Uro.s III., der 
Bundesgenosse der unterlegenen Gegenpartei, von Anfang an 
schlecht. Ein serbisches Heer belagerte (ungefähr 1329) Ochrid, 
zog sich aber zurück, als der junge Kaiser, nach einer schweren 
Krankheit genesen, in Eilmärschen heranrückte. Er vertrieb die 
Serben aus einigen benachbarten Burgen und kehrte wieder nach 
Thrakien zurück -). Einen Bundesgenossen gegen die Serben fand 
er an dem bulgarischen Zaren Michael, dem Sohn des Fürsten 
Sisman von Vidin. Michael hatte nämlich Anna, die Schwester 
Uros' III., verstoßen und Theodora, eine Schwester Andronikos' III., 
geheiratet, welche als Gattin des Zaren Svetislav bereits einmal 
in Bulgarien gewesen w^ar. Auf zwei persönlichen Zusammen- 
künften in Adrianopel und bei Sozopolis wurden alle Fragen 
zwischen beiden Nachbarn ausgeglichen. Der Krieg war unver- 
meidhch. Michael trat nach serbischen Berichten sehr selbstbewußt 
auf und prahlte, er werde in Serbien „seinen Thron aufstellen". 
Uros III. warb spanische und vielleicht auch deutsche Söldner; 
Michael sammelte Osseten (Jasi) und Tataren, und erhielt außer- 
dem Hilfstruppen von Bassarab, dem Fürsten der neu entstandenen 
Walachei, wenige Monate vor dessen Sieg über Köm'g Karl Robert 
in den Wäldern der Karpathen (November 1330). 

Die Bulgaren und Byzantiner ergriffen die Offensive, aber 
ohne sich zu vereinigen ^). Andronikos kam zu spät nach Westen. 



1) Kantakuzenos III cap. 42. Gregoras IX cap. 5, § 3. 

2) Kantakuzenos II cap. 21. 

3) Über die Schlacht von Velbuzd 1330: König Uros III. in der Urk. 



363 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

Die Serben erwarteten den Anmarsch der Bulgaren zuerst auf der 
Ebene Dobric am Zusammenfluß der Toplica und Morava. Zar 
Michael schlug aber einen anderen Weg ein, von Vidin über Sofia 
nach Makedonien. \ Den serbischen Boden betrat er bei der Burg 
Zemlen, deren Ruine (jetzt Zemen) in einem Felsenamphitheater 
am unteren Ende des großartigen, an vier Stunden langen Durch- 
bruches der Struma steht, den die unlängst eröffnete Eisenbahn 
von Sofia nach Küstendil belebt, und näherte sich Velbuzd (jetzt 
Küstendil). Die beiden Serbenkönige lagerten nördlich von dieser 
Stadt am Flusse Kamenca (jetzt Sovolstica). Jedes der beiden 
Heere war ungefähr 15 000 Mann stark. Da die Serben noch 
einige ihrer Edelleute erwarteten, wurde ein kurzer Wafi'enstill- 
stand geschlossen. Die Bulgaren waren noch beim Plündern zer- 
streut, als die Serben plötzlich am Samstag den 28. Juli 1330 zu 
Mittag unter der Führung beider Könige mit Trompetenschall 
den Angriff begannen. Nach Gregoras stürmten die fremden 
Söldner, hochgewachsene, kriegsgeübte Reiter in glänzenden Rü- 
stungen, geradeswegs gegen das Banner des bulgarischen Zaren. 
Sehr ausgezeichnet hat sich dabei nach dem Bericht des Fort- 
setzers Daniels der junge Stephan Dusan. Die Bulgaren ver- 
mochten sich nicht mehr in Schlachtordnung aufzustellen und er- 
litten eine furchtbare Niederlage. Zar Michael wurde getötet, 
als er auf der Flucht vom Pferde stürzte und vom Feinde eingeholt 
wurde. Die Leiche brachte man zum Sieger, der den gefallenen 
Gegner im Kloster des heiligen Georg in Nagoricin (bei Kumanovo) 
bestatten ließ. An der Stelle, wo König Uros III. in seinem Zelte 
die Nacht vor der Schlacht im eifrigen Gebete zugebracht hatte, 
wurde eine Kirche der Himmelfahrt des Herrn erbaut, heute noch 
in den Ruinen ein schöner kleiner Bau aus wechselnden Lagen 
von Quadern und Ziegeln mit eingestürzter Kuppel, von weitem 



von Decani 65, 13G; Stephan Dusan in der Vorrede zum Gesetzbuch, 
Zakonik ed. Novakovic S. 3 — 1; ausführlich Daniel 177—198. Kirche 
auf dem Schlachtfelde: Rodoslov (Genealogie) im Glasnik 53, S. 38. 
Griechische Berichte: Gregoras IX cap. 12, Kantakuzenos II cap. 21. 
Glückwünsche der Ragusaner zum Sieg „de domino imperatore Bulgarie" 
durch eine Gesandtschaft 14. Aug. 1330: Mon. Rag. 5, 293. Die Örtlich- 
keiten beschrieben in meinem Fürstentum Bulgarien 468 f., 473. 



Stephan Uros III. (1322-1331). 363 

sichtbar auf einem isolierten, glockenförmigen Hügel zwischen 
Weingärten über dem Dorfe Nikolicevci bei Küstendil, im 
Mündungswinkel der Struma und Sovolstica. König Uros rückte 
dem fliehenden bulgarischen Heere nach, welches sich unter dem 
Befehl von Michaels Bruder Belaur (bedeutet rumänisch einen 
Drachen) in die heute noch bekannte Landschaft Mraka an der 
oberen Struma im Becken von Radomir zurückzog. Im Dorfe 
Izvor („die Quelle") bei Radomir beeilten sich die Bulgaren, 
Frieden zu schHeßen. Die verstoßene und verbannte erste Frau 
Michaels, Uros' HI. Schwester Anna, wurde mit ihrem unmündigen 
Sohn Johannes Stephan als Herrscherin Bulgariens anerkannt und 
von einigen serbischen Edelleuten mit Truppen nach der bulga- 
rischen Hauptstadt geleitet. Alle Boljaren wurden in ihren Amtern 
bestätigt ^). 

Der siegreiche Serbenkönig zog nun gegen Andronikos HI. 
Der Kaiser hatte an der serbischen Südgrenze persönlich einige 
Schlösser besetzt, wie Debrec bei Ochrid, Siderokastron (slaw. 
Zeleznec) bei Kicevo u. a. Als in seinem Lager die Nachricht 
von dem Untergang des Michael eintraf, beschloß der Kriegsrat 
den Zug nach Serbien aufzugeben und dafür die Wirren in Bul- 
garien auszunutzen. Andronikos ließ an der Grenze den Feld- 
herrn Syrgiannes zurück und eilte über Adrianopel zum Golf von 
Burgas, wo er die bulgarischen Grenzstädte rasch besetzte, be- 
sonders Mesembria und Diampolis (j. Jambol). Die Serben hielten 
seinen eiligen Abzug, wie der Fortsetzer Daniels erzählt, für eine 
„Flucht des griechischen Kaisers". Uros HL vertrieb die Grie- 
chen aus einigen Grenzstädten und kehrte auch aus dem Süden 
siegreich in die Heimat zurück. Es besteht noch ein Andenken 
an diese Zeit, das während dieses Krieges gebaute große 
Kloster von Deöani südlich von Pec. König Stephan Uros HL 
heißt schon in älteren serbischen Schriften der „König von De- 



1) Zar „Joann Stepan" im bulg. Pomenik , Kodex des Drinov, bei 
Vasil Zlatarski, Die Fi-agc über den Ursprung des bulg. Zaren Johannes 
Alexander, russ. in „Statji po slavjanovedeniju" 2 (Petersburg 1906) 171. 
Bei Daniels Fortsetzer als Stephan. Kantakuzenos nennt zwei Söhne 
des Zaren Michael, Johannes (den Nachfolger) und §isman. 



364 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

cani" (kralj Decanski), ein Name, der beute noch in der Volks- 
tradition fortlebt. 

Während der großen Erfolge gegen Bulgaren und Griechen 
gab es gegen die Bosnier wieder nur Verluste. Sie erweiterten 
ihr Gebiet von der Narenta bis zur Grenze des Stadtgebietes von 
Ragusa an der Bucht von Malfi (slaw. Zaton). Ihre Feldherren 
waren ein italienischer Söldnerführer Ruggiero (Ruzir) und Milten 
Drazivojevic ^). Einflußreich wurden im Süden Zachlumiens die 
Nikolici, zuerst die seit 1342 erwähnten Brüder Vladislav und 
Bogisa, Neffen des bosnischen Bans, deren Geschlecht sich hier 
bis zur türkischen Eroberung behauptete ; nach Orbini waren diese 
Brüder mütterlicherseits Söhne einer Schwester des Bans Stephan, 
der Katharina, väterlicherseits Nachkommen des Comes Andreas 
und somit Verwandte des serbischen Königshauses -'). Ragusa lag 
fortan bis 1378 an der bosnisch -serbischen Grenze; Zachluraien 
mit Slano und Popovo war bosnisch, Trebinje und Canali serbisch. 
Den Serben blieb nördlich von Ragusa nur Stagno mit seiner 
Halbinsel und die Hoheit über die Insel Meleda, auf die Dauer 
ein unhaltbarer Besitz. 

Den Schutz der nordwestlichen Grenze vereitelte ein neuer 
Kampf zwischen Vater und Sohn, wie man ihn in Serbien in den 
letzten Generationen wiederholt gesehen hat. üros III. hatte von 
der zweiten Gattin einen Sohn Symeon, den er, obwohl er noch 
ein Kind war, gegen den durch die letzten Feldzüge populären 
Mitkönig Stephan Dusan begünstigte. Der Fortsetzer Daniels be- 
schuldigt den alten König, er habe den Zwist begonnen, aus Haß 
gegen seinen Sohn, den er sogar „mit einem grausamen Tode be- 
strafen " wollte. Auch Stephan Dasan sagt in der Urkunde für 
das Kloster von Prizren, die Dämonen (besi) hätten ihn nicht zur 
Nachfolge zulassen wollen, doch Gott habe ihn „aus der tiefsten 
Grube" gerettet; ebenso schreibt er in der Einleitung zu seinem 
Gesetzbuch, böse Leute hätten seinen Vater gegen ihn aufgehetzt, 



1) Rugerius erscheint larkundh'ch 1330 — 1340; seine Frau, wohl eine 
Bosuierin, hieß Boljoslava, sein Sohn Radoslav (f 1369). Über Miltens Familie 
und Verwandtschaft vgl. meine Abh. Die Edelleute von Ilum auf der Inschrift 
von Velicani: Glasnik bos. 4 (1892) 279 f. = Wiss. Mitt. 3 (1895) 474 f. 

2) Div. Rag. 1342 flP. Orbini 2G5. 



Stephan Uros III. (1322—1331). 305 

,, damit mein Name und mein Leben ganz verschwinde". Von 
den Ragusanern verlangte der alte König (November 1330) einige 
Kriegsschiffe, der junge König Rat und Hilfe; beides Avurde ab- 
gewiesen und die Könige aufgefordert, untereinander Frieden zu 
machen. Uros III. zog vor Skutari, zerstörte das Schloß des 
Dusan auf den Ufern des Drimac, ging aber nicht über die Bo- 
jana hinüber (Frühhng 1331). Es war dieselbe Landschaft, in 
welcher einst Uros III. selbst gegen seinen Vater Krieg geführt 
hatte. Nach vielen Verhandlungen folgte eine unaufrichtige Ver- 
söhnung unter großen Eidschwüren. Als dann der junge König 
(im Mai) nach Trebinje kam, wurde er nach Ragusa eingeladen, 
beschenkt und bewirtet. Bald brach der Streit von neuem aus, 
nach Daniels Fortsetzer wieder durch den maßlosen Zorn des 
alten Königs. Der junge König, abermals vor den Vater vor- 
geladen, fürchtete um sein Leben und wollte schon in fremde 
Länder fliehen, aber seine Getreuen bewogen ihn zum Krieg. 
Nach Gregoras, der die ganze Bewegung als eine Adelsrevolution 
schildert, waren die Großen der Regierung des alten Königs über- 
drüssig und forderten den Sohn heimlich zum Aufstand auf ^). 
Stephan Dusan verließ plötzlich Skutari mit einem kleinen Heere 
und überraschte seinen Vater im Schlosse Nerodimlja. Uros III. 
vermochte kaum zu Pferde zu steigen und auf die nahe Burg 
Petric zu fliehen, wurde aber dort eingeschlossen und mußte sich 
ergeben. Der Sohn ließ ihn auf Rat seiner Anhänger in die 
feste Burg Zvecan bringen, wo er bewacht bleiben sollte, „bis 
eine Versöhnung zwischen ihnen zustande käme " (August). Stephan 
Dusan wurde sodann auf einem Reichstag im Schlosse Svrcin vom 
Erzbischof Daniel zum zweiten Male feierlich gekrönt (8. Sep- 
tember 1331) -)• 

König Stephan Uros III. ist schon zwei Monate nach seiner 
Entthronung aus dem Leben geschieden (11. November 1331). 
Sein Biograph in der Danielschen Sammlung schreibt, er sei nach 



1) Orbini 259 nennt als Getreue Dusans den Gjuras Ilijic und den 
Karavida (Schwiegervater des mächtigen Oliver, Spomenik 11, 26), dem 
Namen nach einen Griechen. 

2) Mon. Eag. 5, 301—321. Daniel 207—214. Gregoras IX cap. 12 
§ 4. Zur Chronologie: Ilarion Ruvarac im Rad 19 (1872) 180. 



366 Viertes Buch. Zweites Kapitel. 

kurzer Zeit gestorben, wider Erwarten, wie denn niemand dem 
Tode entrinnen kann und niemand seine Todesstunde weiß, 
und sei von seinem Sohne feierlich im Kloster von Decani be- 
stattet worden. Doch ist dieser serbische Schriftsteller ein höfischer 
Lobredner Dusans, der die Wahrheit nicht frei sagen wollte oder 
konnte. Alle anderen Zeugen sprechen von einem gewaltsamen 
Tod. Guillaume Adam (schrieb 1332) ist beiden Serbenkönigen 
feind. Der alte sei ein Bastard, Tyrann und Brudermörder ge- 
wesen, der junge übertreffe sogar seine Vorfahren durch „das 
Gift unerhörter Bosheit"; er habe seinen Vater gefangen, einge- 
kerkert und in mehr als grausamer Weise umgebracht ^). Der gut- 
unterrichtete Nikephoros Gregoras stellt den jungen König ganz 
als ein Spielzeug der Edelleute und Feldherren dar : „ Sie brachten 
ohne Mühe auch den Vater gefesselt vor den Sohn. Dann setzten 
sie ihn in den Kerker, wahrscheinlich wider Willen des Sohnes 
und zu seiner Betrübnis. Er schwieg gleichwohl und vermochte dem 
Begehren der Menge nicht zu widersprechen, denn er fürchtete, 
er könnte selbst etwas Unvermutetes erleiden. Es vergingen nicht 
viele Tage und da erdrosselten sie jenen (den Vater) im Gefäng- 
nis und bereiteten ihm derart im Gegensatz zu jenen süßen Glücks- 
fällen (dem Sieg 1330) ein bitteres Lebensende, dem Sohne aber 
machten sie die Regierung fester und sicherer." Ungünstig für 
Dusan lauten die Erzählungen der jüngeren Generationen 2) ; um 
1400 heißt es im Rodoslo v (Genealogie) und bei Camblak, der 
Gründer des Klosters Decani habe von seinem Sohne den Märtyrer- 
tod erlitten, worauf man ihn auch bald unter die Nationalheiligen 
rechnete. 



1) „Cepit, vinculavit, carceri maucipavit et plus quam erudeliter inter- 
fecit"; ,,proditor et eaptor patris propra et occisor". G. Adam p. 438, 446. 

2) Vgl. auch Johann von Ravenna, Notar von Kagusa 1384 bis 
1387, bei Racki, Rad 74 (188G) 174. 



Drittes Kapitel. 

Serbien unter Stephan Dusan (1551—1355) als König, 
seit 1546 als Kaiser, die größte Macht der Halbinsel. 
Eroberung von Makedonien, Albanien, Thessalien und 

Epirus 1). 

Die Glanzperiode der mittelalterlichen serbischen Geschichte 
ist die Regierung des Königs, später Kaisers Stephan ; so heißt er 
in seinen Urkunden und auf seinen Münzen, wähi-end der Haus- 
name Dusan bloß in einigen nicht amtlichen Denkmälern ei'- 
scheint -). Die Zeitgenossen schildern ihn als einen Mann von 



1) Die Urkunden Stephan Dusans bei Florinskij, Pamjatniky 
(Denkmäler der gesetzgeberischen Tätigkeit des Dusan , Zaren der Serben 
und Griechen, russ.), Kiew 1888 S. 26 — 168. Über die Beziehungen zu Ve- 
nedig und Ragusa: Acta archivi Veneti, Bd. 1 = Glasnik 11 (1859), Ljubic 
und Mon. Rag. Die Biographie von einem Fortsetzer D a n i e 1 s umfaßt nur 
die ersten Kegierungsjahre 1331 — 1335. Johannes Kantakuzenos und 
Nikephoros Gr egoras, die einander gegenseitig ergänzen. — Haupt- 
werk: Timofej Florinskij, Die Südslawen und Byzanz im zweiten 
Viertel des 14. Jahrhunderts, russ., Petersburg 1882, 2 Bde. Emile de 
Borchgrave, L'empereur Etienne Douchan et la peainsule balcanique au 
XIV. siecle, Bruxelles 1884. Zahlreiche Monographien (serbisch) von No- 
vakovic. Vgl. auch die Werke über die gleichzeitige byz. Geschichte: 
Parisot, Cantacuzene, Paris 1845; Finlay, History of Greece 3 (Oxford 
1877) 431 f.; Diehl, Figures byzautines 2, 245 — 270 (die Kaiserin Anna); 
Dino Muratore, Una principessa sabauda sul trono di Bisanzio, Gio- 
vanna di Savoia, imperatrice Anna Paleologina, Chambery 1906 (Memoires 
de l'Academie de Savoie, 4. serie, t. XI, 1909). 

2) In seinen Urkunden nur ,, Stefan kralj" (später „car"), ebenso 
griech. ^Tf(f(ivog, in ragusanischen , venezianischen, päpstlichen Urkunden 
Stephanus rex, sp. imperator. Der Name Dusan neben Stephan bei Daniel 



\ 



368 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

hoher, ebeDmäßiger und kräftiger Gestalt, schönem Antlitz, aus- 
gestattet mit einem milden, geduldigen Temperament und mit 
großer persönlicher Tapferkeit ^). Auf den Münzen ist er mit 
einem Vollbart abgebildet, auf dem Thron oder zu Pferde sitzend. 
Geboren um 1308, hatte er in seiner Jugend viel mitgemacht. 
Als Knabe lebte er mit seinem geblendeten Vater und mit seiner 
Mutter Theodora, der Tochter des bulgarischen Zaren Smilec, in 
der Verbannung in Konstantinopel. Ungefähr 13 Jahre alt (1321) 
wurde er Mitregent seines Vaters und bewies, zum Jüngling her- 
angewachsen, seine Tüchtigkeit in den Schlachten gegen die Bosnier 
und Bulgaren. Er war nach Nikephoros Gregoras erst 22 Jahre 
alt, als ihn eine Revolution zum alleinigen König machte. Es 
fehlte ihm nicht an Energie, Umsicht und Glück. Er verfügte 
über bedeutende Geldmittel und unterhielt ein starkes Heer. Den 
Verfall des byzantinischen Reiches beutete er energisch aus, setzte 
sich die Kaiserkrone aufs Haupt und entriß dem griechischen 
Kaisertum für immer den ganzen Westen. Dabei besaß er die 
Kunst, Leute zu gewinnen und sich behebt zu machen. Sein Hof 
mit Serben, Bulgaren, Griechen, Albanesen, Sachsen aus den Berg- 
städten, deutschen Rittern, Finanzbeamten aus dem Stadtadel von 
Cattaro und Ragusa, sowie venezianischen und floreutinischen Kauf- 
leuten hatte einen internationalen Charakter. Neben den Feld- 
zügen sorgte er um die Gesetze des Landes, um Einführung einer 
geordneten Administration und Rechtspflege und um die Sicherheit 
der Straßen für den Handel. Kleinhche Konflikte, wie früher mit 
Ragusa, gab es nicht mehr. Es bheb ihm lange das Andenken 
eines weisen und mächtigen Fürsten -). In den folgenden trüben 



163 und in einigen Inschriften und Epilogen von Handschriften bei Sto- 
janoviö, Zapisi. Einmal als Stephan IV".: ib. 1 nro. 89 (um 1346). 

1) Es gibt vier Beschreibungen seiner Persönlichkeit: a) bei dem 
Fortsetzer des Daniel 215, 380; b) im Epilog eines Evangelienkodex von 
Chilandar (um 1346) im Glasnik 56, 100 und bei Stojanovic a. a. 0. 
1 nro. 89; c) bei Philippe de Mezi^res, Kanzler von Zypern, abge- 
druckt auch im Glasnik 21, 282; d) bei Orbini 260 f. aus einer vielleicht 
aus Cattaro stammenden Quelle, die viel von der dortigen Familie Buchia 
sprach. 

2) „Lo imperator Stefano, el quäl fo savio segnor et possente": In- 
struktion der ragus. Gesandten zum König von Bosnien, 10. Juni 1403 Lett. Rag. 



Stephan Dusan (1331—1355). 369 

Zeiten erinnerte man sich in Serbien gerne an die „große Ruhe 
und Wohlfahrt " in den Tagen dieses Herrschers, welcher Serbien 
so sehr erweitert und zu Ruhm und Ehren gebracht hatte und 
welcher seine Edelleute so freigebig mit glänzenden Gewändern 
und goldenen Gürteln beschenkte ^). Doch bei allen Erfolgen ver- 
mochte er die Übermacht des Adels nicht zu vermindern. Anfangs 
war er ziemlich einflußlos und mußte manche Widerwärtigkeiten 
überwinden, bis die glückhchen Feldzüge seine persönliche Auto- 
rität hoben. Die gewaltige Ausdehnung des Reiches führte zu 
einer größeren Selbständigkeit der Statthalter, und als nach Dusans 
Tod ein talentloser Jüngling sein Nachfolger wurde, verwandelte 
sich das große Reich sehr bald in eine Oligarchie ohne inneren 
Halt. Bald kamen Zeiten, wo man in Serbien, wie aus einer Ur- 
kunde des Despoten Ugljesa und aus der Fortsetzung der Bio- 
graphien Daniels zu sehen ist, dem verstorbenen Zaren Stephan 
bittere Vorwürfe machte, er habe die von den Vorvätern geerbte 
Königswürde verlassen und das Kaisertum angestrebt, ebenso das 
von dem heiligen Sava gestiftete Erzbistum eigenmächtig zum 
Patriarchat erhoben -). 

Die rasche Erwerbung von Makedonien, Albanien, Epirus 
und Thessalien durch die Serben ist eine bewunderungswürdige 
Tatsache. Man darf aber nicht vergessen, daß die Besetzung dieser 
Länder während des damaligen langen Bürgerkrieges im byzan- 
tinischen Reiche leicht war und daß sie durchgeführt wurde, ohne 
eine einzige große Feldschlacht zu schlagen, nur durch Blockaden 
der Burgen und Städte. Bei dem Parteihader in den Provinzen 
gab es überall eine Partei für den Serbenköni^, aber wir wissen 
von Kantakuzenos, daß man auch unter der serbischen Herrschaft 
überall geheime Anhänger der Byzantiner antraf. Alle Aufmerk- 
samkeit war gegen Süden gerichtet. Der Norden wurde vernach- 
lässigt. Gegen König Ludwig I. von Ungarn konnte man die 
Grenze nicht immer behaupten, und die gelegentlichen Versuche, 
die Bosnier aus Zachlumien wieder zu verdrängen, sind mißlungen. 



1) Der ältere Rodoslov: Glasnik 53, S. 11. 

2) Daniel 380f. Konstantin PhU.: Glasnik 42, 257. 
Jirecek, Geschichte der Serben. I. 24 



370 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Die politische Lage war beherrscht von zwei Ereignissen, von dem 
Niedergang von Bjzanz nach dem letzten kurzen Aufschwung 
unter Andronikos III. und von dem Wettstreit zwischen Venedig 
und Ungarn um den Besitz der dalmatinischen Küste, als Lud- 
wig I. auch König von Neapel wurde und daranging, eine Groß- 
macht auf beiden Seiten des Adriatischen Meeres zu gründen. Mit 
Venedig blieb Stephan stets in bester Freundschaft, als natürlicher 
Bundesgenosse der Lagunenrepublik gegen die Anjous. Mit den 
Bulgaren war er in guten Beziehungen, auch infolge von verwandt- 
schaftlichen Verbindungen. Daß die Ausbeutung des Verfalles von 
Byzanz durch einen östlichen Nachbarn der Griechen, durch die 
kleinasiatischen Türken, eine große Gefahr für die Zukunft mit 
sich bringe, sah Stephan klar voraus. Er betonte dies in seinen 
Verhandlungen mit dem Papst in Avignon, in einer Zeit, als man 
im Abendlande für diese fernen Verhältnisse wenig Verständnis 
hatte. Es ist merkwürdig, wie die römische Kurie den damaligen 
Bruch zwischen der griechischen und serbischen Kirche nicht für 
sich auszunutzen verstand. 

Die letzte Umwälzung in Serbien hatte einen Widerhall in 
Bulgarien gefunden. Die Boljaren vertrieben die Zariza Anna mit 
ihren Söhnen und erhoben auf den Thron einen Neffen des Zaren 
Michael, den Johannes Alexander, Sohn des Despoten Sracimir 
und einer Schwester Michaels ^). Der neue Herrscher hat gleich 
anfangs den Kaiser Andronikos III. bei Rosokastron besiegt und 
in seinen guten Jahren die Südgrenze seines Reiches bedeutend 
erweitert, war ein Gönner der Literatur, wie an den für ihn ge- 
machten Übersetzungen griechischer Werke und den noch erhal- 
tenen, prachtvoll ausgestatteten Handschriften zu sehen ist, besaß 
aber kein hervorragendes politisches oder militärisches Talent. Er 
hatte nur das zweifelhafte Glück, alle Nachbarn zu überleben, bis 
in die bitteren Zeiten der Türkennot, deren baldigen Anbruch 
damals die wenigsten ahnten. Mit Stephan Dusan schloß er feste 
Freundschaft und vermählte ihn (Ostern 1332) mit seiner Schwester 
Helena -). Anna, Dusans Tante, begab sich nach Ragusa und 



1) Vgl. Zlatarski a. a. 0. 

2) Am 7. März 1332 wurde in Ragusa eine Gesandtschaft gewählt zur 



Stephan Dusan (1331—1355). 371 

verlebte in diesem Asyl vertriebener Fürsten viele Jahre (1337 
bis 1346), befreundet mit den Anjous von Neapel ^). Ihr jüngerer 
Sohn Sisman weilte einmal bei den Tataren, später in Konstantinopel, 
wo man ihn als Prätendenten auf den bulgarischen Thron freund- 
lich aufnahm; er soll nach Luccari in Ragusa gestorben sein, be- 
graben in der Benediktinerabtei von Lacroma. Der ältere Sohn, 
der Zar Johannes Stephan, ist aller Wahrscheinlichkeit nach iden- 
tisch mit dem „Imperator Bulgarie" Ludwig, welcher 1338 den 
König Robert von Neapel besuchte und seit 1361 in Apulien er- 
wähnt wird. Er beteiligte sich im Heere des Grafen Nikolaus 
von Urbino an den Kämpfen, welche die Päpste zur Wiederher- 
stellung des Kirchenstaates führten, wurde dabei in der Schlacht 
von Guardavalle (1363) von den Bürgern von Siena gefangen 
und starb (1373) in Neapel ^). 

Stephan Dusan hatte gleich anfangs (April 1332) mit einem 
Aufstand der Adligen der Zeta zu tun, geführt vom Vojvoden 
Bogoje und dem Albanesen Demetrius Suma. Vielleicht glaubten 
sie für ihre Verdienste im Kampfe gegen Uros III. nicht genügend 
belohnt zu sein. Diese Bewegung mag den Erzbischof Guillaurae 
Adam von Antivari, einen fanatischen Feind aller Schismatiker, 
bewogen haben, in seinem 1332 dem König Philipp VI. von Frank- 
reich gewidmeten Plan eines neuen Kreuzzugs eine Aufforderung 
zur Eroberung des „regnum Rassie" einzuschalten. Ein franzö- 
sischer Fürst könnte dieses Reich mit 1000 Reitern und 5 — 6000 
Fußgängern leicht erobern, mit Hilfe der bedrückten Lateiner der 



Hochzeit Stephans mit der „soror Alexandri, imperatoris Bulgarie": Mon. 
Eag. 5. 341, 343. Helena als Alexanders Schwester auch bei Kantakuzenos 
III cap. 56. Merkwürdig ist die Feindschaft der Quelle des Orbini 261, 
265, 270, 355 gegen Helena, angeblich eine Feindin der Katholiken, „ donna 
perversa", „veramente disposta a fare ogni male". 

1) „Domina Anna, imperatrix Bulgarorum" und ihre Söhne, Urk. aus 
Neapel 1337—1343: Rad 18 (1872), 229. 

2) Kantakuzenos III cap. 2. Imperator Ludovicus: Rad 1. c, 
Mon. Rag. 3, 133, 156 f., Annales Senenses in den Mon. Germ. SS. 19, 283; 
Todesjahr bei Du Cange. Bei Luccari die romanhafte Geschichte eines 
Ragusaners Nie. Sapina, der sich für den verstorbenen Sisman ausgab und 
als Prätendent in Bulgarien herumtrieb. 

24* 



073 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Küstenstädte und der katholischen Albanesen, die allein 15 000 
Reiter aufstellen können i). 

Die Ragusaner bemühten sich, einen Frieden zwischen Serbien 
und Bosnien herbeizuführen, und boten durch ihre zur Hochzeit 
des Königs entsendete Gesandtschaft eine Vermittlung an. Es 
scheint, daß sie kaum einen Waffenstillstand zuwege brachten, 
aber dafür erreichten sie ein Ziel, das die Politiker der kleinen 
Seestadt seit dem Aufstand der Branivojevi(5i nicht aus den Augen 
gelassen hatten: die Erwerbung der Halbinsel von Stagno für 
Ragusa. Verholfen haben ihnen dazu besonders der Finanzminister 
des Königs, Nikolaus Buchia, ein Patrizier von Cattaro, und der 
kroatische Graf Gregor Kurjakovic, der sich eben am serbischen 
Hofe befand. Dagegen waren ihre Bemühungen um das Küsten- 
land zwischen Stagno und Malfi vergeblich, das Primorje von Slano. 
Sie erklärten sich bereit, beiden Rivalen einen Tribut zu zahlen, 
dem Serbenkönig als wirklichem Besitzer von Stagno überdies 8000 
Perper in Bargeld. König Stephan trat ihnen durch eine in der 
Landschaft Polog am oberen Vardar am 22. Jänner 1333 datierte 
Urkunde Stagno samt der Halbinsel ab, außerdem auch Gebiete, 
die schon bosnisch waren, nämlich die Insel Posrednica (wo jetzt 
das Fort Opus steht) im Delta der Narenta und das erwähnte 
Küstengebiet von Stagno bis Ragusa 2). Der Ban von Bosnien 
bestätigte ihnen unter der Burg Srebrnik am 15. März 1333 nur 
Stagno mit der Halbinsel; die übrigen Gebiete wollten die Bosnier 
nicht herausgeben. Das Primorje von Slano und damit die Ver- 
bindung mit Stagno auf dem Landweg erlangten die Ragusaner 
erst 1399, denn auch König Ludwig L von Ungarn hat es ihnen 
(1358) vergeblich zugesprochen. Die Narentamündung ist nie in 
den Besitz der Ragusaner gelangt. Die Halbinsel von Stagno 
(S. 118), ein enges und langes, nur stellenweise fruchtbares Ge- 
biet (355 Quadratkilometer) mit hohen Bergen, wurde sofort den 



1) Mon. Eag. 5, 346, 848. Ljubic 1, 410, 424. G. Adam ed. cit 
477—485. 

2) Urk. in zweifacher Avisstellung, lateinisch bei Ljubic 1, 398 in 
einem schlechten Regest mit Weglassung der Zeugen, serbisch in den Mon. 
serb. 103 — 105, neu bestätigt in Dobrusta bei Prizren im Mai 1334 ib. 
107—109. Urk. des Ban Stephan ib. 105-107. 



Stephan Dusan (1331-1355). 373 

Ragusanern übergeben. An die Stelle des serbischen Zupans kam 
ein ragusanischer Comes. Das alte Schloß Stagno wurde von den 
neuen Landesherren aufgegeben und unmittelbar am südlichen Ein- 
gang in den Einschnitt der Prevlaka ein neues Stagno gegründet, 
ein Dreieck mit hohen Mauern, Türmen und regelmäßigen Straßen, 
besiedelt durch 150 ragusanische Familien. Am Nordende der 
Schlucht am „anderen Meere'' entstand das gleichfalls befestigte 
Klein-Stagno. Zwischen beiden Städteanlageu erbauten die Ragu- 
saner auf den Felsen über der Westseite der Schlucht der Prevlaka 
mit gewaltigem Aufwand eine Art „chinesischer Mauer" mit Türmen 
und der an der höchsten Stelle gelegenen kleinen Burg Pozvizd, 
um die Halbinsel gegen das Festland ganz abzusperren. 

Die Beziehungen der Serben zu den Byzantinern blieben auch 
nach dem Sturz Uros' III. gespannt, ohne Verträge. Andronikos III., 
ein rastlos tätiger Herrscher, zog in Begleitung seines Reichsfeld- 
herrn Kantakuzenos jahraus jahrein ins Feld, erneuerte die Flotte 
und begann energisch die Restauration der byzantinischen Herr- 
schaft im alten Hellas. In Kleinasien verlor er zu gleicher Zeit 
allerdings die letzten großen Städte Bithyniens an die osmanischen 
Türken, Nikaia und Nikomedia. Befreundet mit Venedig, vertrieb 
er die Genuesen aus Chios und Lesbos und zwang sie auch in 
Galata vor Konstantinopel durch eine kurze Belagerung zum Frieden. 
Gegen Serbien waren seine Grenzfestungen Serrai, Melnik, Stru- 
mica, Prilep, Ochrid, Kroja, Berat und Valona; sie deckten ein 
Gebiet, dessen Bewohner, sowohl die Archonten in den Städten 
und auf den Landgütern, als die Albanesen, Slawen und Wlachen 
des Gebirges sehr wankelmütig und oft unberechenbar waren. Die 
serbische Grenze begann an der Adria südlich von Alessio, um- 
faßte die Landschaften Pilot, Debra und Polog, die Städte Kicava, 
Veles, Prosek, Stip und schloß südlich von Velbuzd (Küstendil). 
Eines Tages (1334) erschien am serbischen Hofe ein vornehmer 
byzantinischer Flüchtling. Es war Syrgiannes, Sohn eines kuma- 
nischen Fürsten Sytzigan und einer edlen Griechin, ein begabter, 
aber launenhafter Feldherr, früher während der Kämpfe des 
lungeren Andronikos gegen seinen Großvater eine wichtige Persön- 
lichkeit. Als Statthalter im Westen hatte er sich bei Griechen 
und Albanesen sehr beliebt gemacht. Einer Verschwörung be- 



374 Viertes Buch. Drittes Kapitel, 

schuldigt entfloh er aus Konstantinopel heimlich nach Negroponte 
und von dort nach Serbien i). Leicht bewog er den jungen König 
zu einem Angriff auf das byzantinische Reich. Durch geheime 
Briefe agitierte er bis nach Konstautinopel , wo eine Panik aus- 
brach und die Mauern schleunigst ausgebessert wurden. Die Serben 
besetzten Ochrid, Strumica und andere Städte. Syrgiannes rückte 
mit einem Heere von Serben und Albanesen in Kastoria ein. Im 
Hochsommer lagerte der Serbenkönig mit dem abtrünnigen kaiser- 
lichen Feldherrn vor Thessalonich. Eine Partei unter den Bürgern 
war schon bereit, die Tore zu öffnen. Andronikos eilte persönlich 
hin, um die Hauptstadt des byzantinischen Westens zu verteidigen. 
Da fand Syrgiannes ein unerwartetes Ende. Der Statthalter von 
Chlerin (jetzt Lerin, türk, Florina) Sphrantzes Palaiologos hatte 
sich dem Feind mit Wissen des Kaisers angeschlossen. Bei einem 
Rekognoszierungsritt an den Ufern des Flusses Galiko hieb er den 
Rebellen nieder und sprengte sofort zu den Toren von Thessalonich. 
Syrgiannes wurde sterbend in das serbische Lager gebracht und 
von Stephan Dusan als Freund beweint und feierlich bestattet -). 
Nach dem Tode des Urhebers war eine Fortsetzung des Krieges 
nicht möglich. Die Anhänger des abgefallenen Feldherrn gingen 
zum Kaiser über, wobei es den Serben mitunter schlecht ging ^). 
Nach wenigen Tagen folgte in der Nähe der Stelle, wo Syrgiannes 
gefallen war, eine Zusammenkunft zwischen Andronikos HL und 
dem ungefähr um 12 Jahre jüngeren Stephan Dusan, bei welcher 
nach Gastmählern ein Friede und, wie es scheint, auch ein Bünd- 
nis geschlossen wurde (26. August 1334). Die Freundschaft der 
Serben war Andronikos erwünscht zur Durchführung seiner Pläne 
in Nordgriechenland. Dem Serbenkönig blieben von den besetzten 



1) Kantakuzenos II cap. 24-25. Gregoras X cap. 7. Vgl. 
Daniel 222f. 

2) Sphrantzes, zur Belohnung zum uf'yag aTQcnon^äciQxrjg befördert, 
starb bei der Belagerung von Arta. 

3) Wegen eines großen Mißgeschickes damals in Kastoria übte Stephan 
Dusan nach vielen Jahren Rache. Nach der Erstürmung von Voden (1851) 
ließ er dem verwundeten Feldherrn Georgios Lyzikos den Bart ausx'aufen, 
"worauf der gefangene Byzantiner auf dem Transport nach Skopje starb. 
Kantakuzenos IV cap. 22. 



Stephan Dusan (1331—1355). 375 

Städten wahrscheinlich nur Strumica und Prilep, in dessen Um- 
gebung er die Besitzungen des Muttergottesklosters von Treskavec 
durch einige Urkunden bestätigte ^). Aber trotz der neuen Freund- 
schaft ließ der Kaiser die Grenze gegen die Serben sorgfältig be- 
festigen. Einen Ersatz für das verlorene Prosek bot in der Ebene 
von Thessalonich das neu gegründete üynaikokastron mit einem 
gewaltigen Turm, angebhch so fest, daß es auch eine weibliche 
Besatzung behaupten könnte, noch jetzt die „Frauenburg" genannt, 
slaw. Zensko, türk. Awrethissar -). 

Die Abwesenheit des Serbenkönigs im Süden benutzte der 
ungarische König Karl Robert (1335) zu einem Zug über die 
Donau in das einstige Gebiet des Stephan Dragutin. Stephan 
Dusan eilte in das Kloster Zica, nach den Berichten des Kanta- 
kuzecos unterstützt durch Truppen des Kaisers Andronikos III. 
Karl zog sich eilends über die Save zurück, angeblich wegen der 
byzantinischen Hilfstruppen, welche deshalb vom Serbenkönig reich 
beschenkt wurden. Aber der Grenzkrieg hörte gar nicht auf ^). 
An diesen Kämpfen beteihgte sich auf ungarischer Seite auch der 
Ban von Bosnien, jedoch gingen einmal seine Grenzfeldherren Rug- 
giero und Muten zur Gegenpartei über und blieben eine Zeitlang 
bei den Serben ^j. Der Serbenkönig war damals mit wichtigen 
häuslichen Angelegenheiten beschäftigt. Am 12. April 1336 reisten 
über Ragusa nach Serbien Gesandte des österreichischen Herzogs 
Otto, begleitet von dem deutschen Ritter Palmann, einem Söldner- 
führer in serbischen Diensten. Die Ragusaner sendeten eben eine 
Gesandtschaft zu König Stephan und nahmen die österreichischen 
Gesandten gerne auf ihrer Galeere in das Küstengebiet von Cattaro 
mit. Aus einer Nachricht in der Chronik des Abtes Johann von 
Viktring in Kärnten sieht man, daß es sich um eine Heirat des 



1) Über Prilep und Treskavec nach den Urkunden (1335f.) Nova- 
kovic im Glas 80 (1909) S. 5 f. 

2) Plan: Izvestija arch. inst. 4, 1 (1899) 31. 

3) Daniel 227 f. Kantakuzeno s II cap. 25. Über die Beziehungen 
zwischen Serbien und Ungarn 1331 — 1355 eine Abb. von Peter Markovic 
im Letopis, Heft 221 f. (1903). 

4) „Eugerius et Miltenus, homines nunc domini regis" Juli 1336 Div. 
Eag. Vgl. Pucic 2, S. 15 nro. 16. 



376 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Königs von Serbien mit einer Nichte Ottos, mit Elisabeth (geb. 
1317), einer Tochter des verstorbenen deutschen Königs Friedrich 
des Schönen und der EHsabeth von Aragonien handelte, deren 
Vermählung mit König Johann von Böhmen kurz zuvor durch 
den Widerspruch des Papstes verhindert worden war. Die fromme 
junge Prinzessin war ganz entsetzt über den Plan, sie mit einem 
schismatischen König zu verheiraten, und verfiel in eine schwere 
Krankheit, in weicher sie der Tod ereilte (23. Oktober 1336), 
worauf sie in der Abtei Mauerbach bei Wien begraben wurde i). 
Diese Heiratsverhandkmgen setzen einen Bruch zwischen Stephan 
und Helena voraus, ohne Zweifel aus dem Grunde, weil die Ehe 
nach fünf Jahren noch immer keinen Thronerben gebracht hatte. 
Helena gebar jedoch bald darauf ihrem Gatten einen Sohn Uros 
(1337), was den Ehebund wieder befestigte -). 

Zu dieser Zeit erwarb Kaiser Andronikos III. Thessalien, 
nachdem der letzte Fürst des Landes, der Sevastokrator Stephan 
Gabrielopulos, wohl der Nachkomme einer Bastardhnie der Angeli, 
gestorben war. Eben änderte sich die Besiedelung dieses durch 
die zahlreichen Kriege sehr entvölkerten Landes durch das Vor- 
dringen der Wlachen aus den Bergen in die Ebene und durch 
den Beginn der großen albanesischen Wanderung nach Süden ^). 
Der Kaiser besetzte (1336) das ganze Gebiet bis zur Grenze der 
Katalonier im Herzogtum Athen ^). Auf der Rückkehr hatte er 
sieben Tage lang eine neue Zusammenkunft mit Stephan Dusan 
in Radovist bei Strumica; Kantakuzenos gewann dort die Freund- 



1) Protokolle der Eatskollegien von Ragusa (erhalten nur in den Ex- 
zerpten des Mattel aus dem 18. Jahrh.) 133G: Mon. Rag. 2, 365 (amba- 
xatores magnifici domini ducis Austrie , voran filius clarissimi comitis Ma- 
nardi). Pez, Scr. rer. aust. 1, 948. Zeißberg, Elisabeth von Aragon: 
S.B. W. Akad. Bd. 137 (1897) S. 119f. 

2) Uros war geboren im Jahre 6845 = 1. Sept. 1336 — 31. Aug. 1337. 
Serb. Annaleu ed. Stojanovic im Glasnik 53, 64; Spomeuik 3, 131, 149. 

3) Urk. 1295 Acta graeca 5, 260; Brief des Sanudo 1325 bei Tafel 
und Thomas 1, 500. Die von Kantakuzenos genannten Stämme der 
„Albaner", die Malakasier , Mesariten und Bujer, waren aber Rumänen. 
Über die heutigen Malakasi und Boji: Weigand, Aromunen 1, 276, 285. 

4) Zur Chronologie die Urk. des Kaisers an das Bistum von Stagoi, 
März 1336: Acta graeca 5, 270 f. 



Stephan Dusan (1331—1355). 377 

Schaft des Serbenkönigs und seiner Feldherren, welche ihm nach 
wenigen Jahren so wertvoll wurde. Wahrscheinlich suchte sich 
Andronikos die Zustimmung der Serben für den vorbereiteten 
epirotischen Feldzug zu sichern. Vielleicht kamen auch die Ver- 
hältnisse im Gebiet der Anjous zur Sprache, wo die Albanesen 
zwischen Franken, Serben und Griechen je nach der augenblick- 
lichen Lage hin und her schwankten. In Durazzo vertrat ein 
Kapitän die Landesherren, die nie nach Albanien kamen, den Herzog 
Johann von Gravina, Bruder des lateinischen Titularkaisers Philipp 
von Tarent, und Johanns Sohn Karl von Durazzo. Die Bürger 
der Stadt standen schlecht mit den Serben, die einen großen Teil 
des Herzogtums von Durazzo im Besitz hatten i). Als einige 
albanesische Edelleute dem König Robert von Neapel versprachen, 
vom Serbenkönig abzufallen, wenn ein königliches Heer in Alba- 
nien erscheinen würde, sendete er (1337) den jungen Ludwig von 
Tarent nach Durazzo, doch von seinen Erfolgen wissen wir nur, 
daß er die Rechte der Edelleute, besonders der Musachi an der 
Küste zwischen Durazzo und Valona bestätigte -). Mit diesen Be- 
mühungen der Anjous stand wohl im Zusammenhang eine Be- 
wegung auf dem benachbarten byzantinischen Gebiet bei Berat 
und Valona. Die albanesischen Berghirteu verwüsteten die Um- 
gebung der griechischen Städte und Burgen. Bald änderte sich 
aber die Situation vollständig. Der Kapitän von Durazzo, 
Guglielmo de Sanseverino, wurde noch im selben Jahre (1337) von 
einem Nachbarn, dem Com es Tanusius Topia, dem Herrn des 
Gebietes zwischen den Flüssen Mat und Skumbi, gefangen und 
erst nach längerer Zeit freigelassen. Kaiser Andronikos HL hatte 
nämlich indessen einen Feldzug in seine westlichsten Grenzpro- 
vinzen bis in die Nähe von Durazzo unternommen, die Albanesen 
der Gebirge empfindlich gezüchtigt und ihnen zur Strafe ihre 
Herden weggenommen, die größtenteils den Städten als Schaden- 
ersatz zugewiesen wurden. Die Griechen begrüßten überall den 



1) Vertrag von Durazzo mit Ragusa vom März 1335: Mon. Rag. 
5, 384 f. 

2) Die einzige Erwähnung des Stephan Dusan in neap. Urkunden, nach 
Makusev, russ. , Die ital. Archive 2, 34 und Slawen in Albanien 40 f. 
Vgl. Hopf a. a. 0. 442. 



378 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Kaiser mit Jubel ; die trotzigen Albanesen sannen grollend auf 
Rache. 

Da erschien im kaiserlichen Lager in Berat eine Gesandt- 
schaft, welche die Unterwerfung von Epirus anbot. Nicht lange 
vorher war (1335) der Despot Johannes aus der gräzisierten Linie 
der Orsini, der Pfalzgrafen von KephaUenia, aus dem Leben ge- 
schieden, in gewaltsamer Weise, wie alle Männer seines Geschlechtes, 
angeblich vergiftet auf Anstiften seiner Gattin Anna Palaiologina, 
der Tochter eines byzantinischen Statthalters von Berat, welche 
dann das Land für ihren unmündigen Sohn Nikephoros verwaltete. 
Unter den Epiroten bildeten sich zwei Parteien; die Anhänger 
eines Anschlusses an das Konstantinopler Kaisertum waren stärker 
als die Verfechter eines frSien Epirus. Die Despina mußte ab- 
danken und das Despotat wurde nach einer Sonderexistenz von 
ungefähr 133 Jahren ohne Schwertstreich mit dem byzantinischen 
Reich wieder vereinigt ^). Nach dem Abzug des Kaisers begann 
aber die epirotische Partei einen Aufstand, unterstützt von den 
Franken Griechenlands, besonders der lateinischen Kaiserin Katha- 
rina II., der zweiten Frau des Philipp von Tarent, nachdem sich 
der kleine Thronerbe Nikephoros zu ihr geflüchtet hatte. Die 
Epiroten eroberten wieder die Hauptstadt Arta und der Kaiser 
mußte (1340) zum zweitenmal in dieses Land ziehen. Arta fiel 
erst nach einer langen Belagerung, während welcher Fieber und 
Dysenterie im kaiserlichen Lager wüteten. Der epirotische Prinz 
Nikephoros wurde Schwiegersohn des Kantakuzenos. Der Kaiser 
brachte den Winter krank in Thessalonich zu und kehrte schwer 
leidend erst im Frühjahr (1341) als Sieger in die Hauptstadt 
zurück. 

Nicht viel besser als dem kranken Andronikos ging es in 
derselben Zeit dem Stephan Dusan, der von den Ärzten fast auf- 
gegeben war. Nach seiner Genesung suchte er voll Besorgnis vor 
inneren und äußeren Feinden Anschluß an Venedig. Durch eine 
Gesandtschaft versprach er (Juni 1340) für den Kriegsfall auch 
Hilfstruppen, 500 Reiter gegen Rebellen oder Nachbarn der Re- 



1) Ausführlich bei Kantakuzenos, sehr kurz bei G-regoras. Die 
Chronologie bei dem Mangel an Urkunden unsicher, 1337 oder 1838. 



Stephan Dusan (1331—1355). 379 

publik, selbst nach Oberitalien (ad partes Lombardie); er erklärte 
sich sogar bereit, persönlich mit einem Heere Venedig zu Hilfe 
zu kommen. Dafür erwartete er als Freund und Nachbar seiner- 
seits Unterstützung von den Venezianern. Für den Notfall sicherte 
er für sich, seine Kinder und seine Habe eine Zuflucht auf vene- 
zianischem Gebiet. Die Botschaft fand bei dem Dogen Bartolomeo 
Gradonigo, der in seinen jungen Jahren dreimal Comes von Ragusa 
gewesen war (zuletzt 1320 — 1322), und seinen Ratsherren die 
beste Aufnahme. „Serenissimus dominus Stefanus, dei gratia rex 
Servie" wurde mit Kindern und Erben durch eine Bulle des 
Dogen mit hängendem Goldsiegel zum Bürger von Venedig er- 
nannt ^). 

Während der schweren Krankheit des Serbenkönigs und der 
großen Erfolge des byzantinischen Kaisers in Albanien und Epirus 
fiel einer der einflußreichsten serbischen Feldherren an der Süd- 
grenze zu den Griechen ab, aus Beweggründen, die uns nicht be- 
kannt sind : Hrelja (X^06'Aijg), der schon drei Königen gedient hatte. 
Er führte den byzantinischen Hoftitel eines Protosebastos, den ihm 
wahrscheinlich Andronikos H. verliehen hatte, als er dessen Partei 
gegen den Enkel im Auftrag Uros' IH. unterstützte. Als frommer 
Mann hatte er manche Stiftung errichtet. In Stip gründete er eine 
Erzengelkirche, mit Ländereien reich ausgestattet und bestätigt 
von Stephan Dusan (1332). Er erbaute auch den Turm des 
Klosters von Rila in Bulgarien (1335), auf dessen grauem Ge- 
mäuer gegenwärtig noch eine Inschrift den Namen des Hrelja 
meldet Nun schloß er sich den Griechen an mit drei Städten, 
darunter Strumica. Die Byzantiner verliehen ihm bald den hohen 
Titel eines Kaisar "-). 

Als Kaiser Andronikos III. im besten Mannesalter vom Tode 
ereilt wurde (15. Juni 1341), brach im griechischen Kaisertum 
ein erbitterter Bürgerkrieg aus, der mit einigen Unterbrechungen 
14 Jahre dauerte. Des Andronikos Sohn und Nachfolger Johannes 



1) Ljubic 2, 75-79 uro. 144, 145, 148. 

2) Urk. : Spomenik 3, 25—26; Stojanovic, Zapisi 1 nro. 62. Kan- 
takuzenos III cap. 31 und Gregoras XII cap. 16, § 4. Hrelja als 
„Kjesar" auf seinem Grabstein und bei Vladislav Grammatik: Glasnik 22 
(1867) 288. 



380 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

war ein kleiner Knabe. Die Regentschaft fiel natürlich dem lang- 
jährigen Freund und fast Mitregenten des verstorbenen Kaisers, 
zu, dem Feldherrn Johannes Kantakuzenos , der es nach dem 
byzantinischen Staatsrecht wohl verdient hätte Mitkaiser zu werden^ 
wie einst Nikephoros Phokas und Johannes Tzimiskes neben dem 
kleinen Basilios IL Er hatte aber mächtige Feinde, vor allem 
die Kaiserinwitwe Anna (ursprünglich Giovanna) von Savoyen und 
den Kammerherrn Alexios Apokaukos, einen Kleinasiaten aus 
Bithynien. Die Nachricht von dem Thronwechsel in Konstanti- 
nopel brachte alle Nachbarn in Bewegung. König Stephan Dusau, 
ohnehin mißmutig über den Abfall des Hrelja, erschien vor Thessa- 
lonich, doch der Gesandte der Regentschaft, der Großdrungarios 
(Admiral) Johannes Gavalas bewog ihn wieder zum Frieden ^). 
Zar Johannes Alexander lagerte bei Sliven an der bulo-arischen 
Südgrenze und verlangte die Auslieferung des Prätendenten Sisman ; 
er blieb nachher stets Parteigänger des kleinen Johannes Palaio- 
logos, mit dessen Schwester sein Sohn Michael Äsen vermählt 
war. Die Aibanesen beunruhigten wieder die griechischen Städte,, 
diesmal auch Pogoniani im nördlichen Epirus, und die Bootsflotten 
der türkischen Emire brandschatzten die Küsten Thrakiens. Vier 
Monate nach dem Tode des Andronikos kam es zwischen den 
Parteien zum vollständigen Bruch. Kantakuzenos wurde als Ver- 
räter aller seiner Würden verlustig erklärt, sein Palast geplündert 
und sein gewaltiges Vermögen mit Beschlag belegt. Zur Revolution 
gezwungen, ließ er sich in der festen Doppelburg Dimotika, welche 
in den griechischen Werken der Zeit noch immer in der alten 
Form Didyraoteichos (die „Zwillingsmauer") genannt wird, an der 
unteren Marica zum Kaiser proklamieren (26. Oktober 1341). 
Seine Anhänger waren zumeist die Archonten, die reichen und 
gebildeten Klassen, die des Apokaukos der „Demos", die Stadt- 
bürger und Inselbewohner. 

Bei früheren Bürgerkriegen war Konstantinopel das Haupt- 
ziel. Diesmal löste sich der Krieg in Kreuz- und Quermärsche 
durch die Provinzen auf, ohne Feldschlachten, unter fortwährendem 
Rauben und Plündern. Die Truppen beider Parteien bestanden 



1) Kantakuzenos III cap. 12, 19. 



Stephan Dusan (1331-1355). 381 

meist aus Türken, welche derart den Boden Europas zuerst unter 
"byzantinischen Fahnen kennen lernten. Die schon in den Zeiten 
<les lateinischen Kaisertums, der älteren Bulgarenkriege, der Ein- 
fälle der Tataren aus Südrußland und des Kampfes mit den Kata- 
lanen begonnene Entvölkerung Thrakiens wurde vollendet. Die 
ihrer Herden und Ackertiere beraubten, von den griechischen 
Parteitruppen , türkischen Emiren , bulgarischen Scharen und 
tatarischen Reitern abwechselnd geplünderten Bauern flüchteten 
sich als arme Bettler in die Städte. Konstantinopel hielt sich nur 
durch die von den Genuesen vermittelte Getreidezufuhr aus der 
Krim. Die Verwüstungen der Türken reichten bald über die 
Grenze in den Süden Bulgariens hinein. Kurz zuvor hatte der 
berühmte Eremit Gregorios Sinaites, gebürtig aus Klazomenai bei 
Smyrna, in der öden Grenzzone zwischen Bulgarien und Rumänien, 
der nur von Einsiedlern und Räubern bewohnten Paroria ein 
Mönchsdorf gegründet, reich beschenkt vom Zaren Alexander, der 
den Klausnern auch einen Turm zur Verteidigung erbaute. Die 
Ruinen dieser Eremitenkolonie sind in den jetzigen Dörfern Groß- 
und Klein -Monastir zwischen Adrianopel und Jambol sichtbar. 
Nach dem Tode des Gregorios verödete seine Gründung; die 
Mönche, deren Oberhaupt Romil aus Vidin war, mußten sich 
vor den Türken über den Hämus in das nördUche Bulgarien 
flüchten ^). 

Kantakuzenos ließ seine Gattin Irene aus der FamiUe Asan 
in Dimotika zurück und zog nach Westen (Frühjahr 1342). Die 
Besetzung von Thessalonich gelang ihm ebensowenig, wie früher 
die von Adrianopel. Stephan Dusan hatte damals die Einschließung 
von Voden, dem wichtigen Schlüssel der Straße von Thessalonich 
nach Ochrid, begonnen, doch vertrieb die Reiterei des Apokaukos 



1) Vita des Gregorios Sinaites, verfaßt vom Patriarchen Kallistos, 
herausg. von Pomjalovskij , Petersburg 1894. Vita des Romil (Romiilus), 
aus dem Griech. ins Kirchenslawische übersetzt, herausg. von Daniele im 
Glasuik 9 (1857) 252 f. Über die Altertümer von Monastir vgl. mein 
Fürstentum Bulgarien 508. Die Gebeine des Gregorios Sinaites sollen später 
in das serbische Kloster Gornjak, eine Gründung des Fürsten Lazar gebracht 
worden sein: Ilarion Ruvarac im Starinar 6 (1889) 36 f. 



382 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

seine Serben von dort ^). Kantakuzenos wurde bei Gynaikokastron 
durch die Operationen der Gegner und den Abfall der Seinigen 
derart in die Enge getrieben, daß ihm nur der Ausweg nach 
Norden übrig blieb. Begleitet von seinen Söhnen Matthaios und 
Manuel und dem katalanischen Söldnerführer Juan de Peralta, der 
ihm bis zu seinem Sturz stets treu blieb, zog er mit 2000 Mann 
längs des Vardar aufwärts -). In Prosek empfing ihn ganz freund- 
lich der serbische Befehlshaber, ein byzantinischer Überläufer 
Michael. In Veles traf er einen alten Freund, den serbischen 
Großvojvoden Oliver. König Stephan Dusan, welcher eben seine 
Gattin zu ihrem Bruder, dem Zaren Alexander begleitete, kehrte 
im Quellgebiet der östlichen Morava sofort um und ließ den 
Kantakuzenos durch den Vojvoden Bogdan, einen Bruder des Oliver, 
willkommen heißen. Ein byzantinischer Kaiser als Flüchtling war 
doch etwas ganz anderes, als vor acht Jahren der Feldherr Syr- 
giannes. In Pristina auf dem Amselfelde wurde Kantakuzenos 
vom König und der Königin feierlich empfangen (Juli 1342). Er 
blieb bei den Serben zehn Monate. Es wurde ein Bundesvertrag 
geschlossen, dessen Inhalt nicht bekannt ist. Stephan wollte alle 
byzantinischen Städte westlich von Christopolis (Kavala), welches 
damals bei den Serben Morunac hieß^), oder wenigstens westlich 
von Thessalonich erhalten. Kantakuzenos sagt in seinen Memoiren 
nicht die Wahrheit, wenn er schreibt, daß die eroberten Städte 
nur ihm allein hätten zufallen sollen. Nach Nikephoros Gregoras 
sollten die Städte sich ergeben, wem sie wollten; das war beiden 
Bundesgenossen bequem, da es überall je eine griechische und eine 
serbische Partei gab ^). König Stephan reklamierte den Hrelja 
für sich, der kurz zuvor den Kantakuzenos bei sich aufgenommen 



1) Voden bezeichnet Kantakuzenos mit dem antiken Namen Edessa. 
An vielen Stellen werden aber bei ihm die Ortsnamen des Altertums ganz 
unrichtig verwendet; Serrai (Seres) wird mit dem Namen des thessalischen 
Pherai bezeichnet, die Küstenebene der Rhodope Chalkidike genannt usw. 

2) Kantakuzenos IV cap. 41. Über das in Sizilien und Athen an- 
gesehene Haus der Peralta: Gregorovius, Geschichte der Stadt Athen 
im Mittelalter 2, 59 f. 

3) Stojanovic, Zapisi 1, nro. 89. 

4) Gregoras XIII cap. 5, § 7. 



Stephan Dusan (1331—1355). 383 

hatte. Doch der schlaue Alte kehrte freiwillig zu seinen Lands- 
leuten zurück und übergab dem Serbenkönig überdies noch das 
feste Meinik, nachdem er die aus Leuten des Kantakuzenos be- 
stehende Besatzung durch Absperrung der Zufuhr zum Abzug be- 
wogen hatte. 

Die Operationen der Verbündeten eröffnete ein Zug des Kan- 
takuzenos mit einem serbischen, von Oliver und Vratko geführten 
Heere gegen Serrai (Herbst 1342). Die Serräer wollten von einer 
Kapitulation nichts wissen. Im serbischen Lager brach infolge des 
maßlosen Genusses von frisch gepreßtem Weinmost eine furchtbare 
Dysenterie aus, welche einige Anführer und an 1500 Mann hinweg- 
raffte. Anstatt gegen den durch eine Mauer befestigten Paß von 
Christopolis oder weiter nach Dimotika vorzurücken, mußte man 
den Rückzug antreten. Der Mißerfolg machte auf die Begleiter 
des Kantakuzenos einen so ungünstigen Eindruck, daß die meisten 
seiner Leute ihn verließen; nur ungefähr 500 Mann blieben ihm 
treu. König Stephan gewann indessen das neuerdings belagerte 
Voden durch Geld und zog, als Kantakuzenos bei ihm eintraf, 
mit seinem Gast ins Winterlager ab. Ihm hatte der Feldzug die 
Herrschaft über drei Städte gebracht: Voden, Strumica und Meinik. 
Auch Kantakuzenos ging nicht leer aus, da sich ihm Thessalien 
anschloß, welches er von seinem Neffen Johannes Angelos als 
Statthalter verwalten ließ. In Epirus zog während dieser Wirren 
wieder die alte Landesfürstin Despina Anna ungehindert ein. Zwei 
Gesandtschaften der Konstantinopler Partei boten dem Serbenkönig 
für die Auslieferung des Kantakuzenos oder die Übersendung seines 
abgeschnittenen Kopfes alle byzantinischen Städte westlich von 
Christopolis und Phihppi, mit Ausnahme von Thessalonich. Min- 
destens solle er den Gegenkaiser ins Gefängnis setzen. Auch Zar 
Alexander unterstützte diese Forderungen, aber König Stephan Heß 
sich nicht gewinnen. 

Im Frühjahr (1343) erschienen König Stephan und Kaiser 
Kantakuzenos wieder vor Serrai. Apokaukos ankerte mit einer 
Flotte von 70 Schiffen an der Mündung des Strymon und wollte 
durch Vermittlung des Hrelja eine Unterredung mit dem König 
haben. Zu dieser Entrevue, bei welcher die Serben den Apokaukos 
gefangen nehmen wollten, kam es aber nicht. Bald darauf starb 



384 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Hrelja, vor dem Tod als Mönch Chariton eingekleidet, und wurde 
von seiner Gattin im Kloster des heiligen Johannes von Rila be- 
graben, wo die Trümmer seines Grabsteines noch vor der Kirchen- 
mauer liegen. Sein Gebiet wurde von König Stephan sofort be- 
setzt. Das Andenken des „geflügelten Relja^' lebt heute noch in 
den serbischen Sagen und Liedern fort. Inzwischen verteidigten 
sich die Serräer mit maßlosem Fanatismus, Ein Gesandter des 
Kantakuzenos, der sie zur Übergabe aufforderte, wurde nicht nur 
getötet, sondern auch gevierteilt und die Viertel auf den Mauern 
aufgehängt. Zu einem Vormarsch weiter ostwärts nach Thrakien 
ließen sich die Serben nicht bewegen, und Kantakuzenos mußte 
wieder zum König nach Strumica zurückkehren. Im Sommer traf 
am serbischen Hofe der venezianische Gesandte Marino Venier 
ein. Die Kaiserin Anna hatte Venedig um Hilfe gegen die Türken 
und um Vermittlung beim serbischen König gebeten, damit er den 
rebellischen Reicbsfeldherrn (mega domesticura, rebellem imperii) 
nicht mehr unterstütze, der mit ihm täglich über die Zertrümmerung 
des griechischen Reiches verhandle i). Indessen trennten sich 
Stephan und Kantakuzenos von selbst. Dem Serben war der 
griechische Thronprätendent lästig geworden. Der wichtigste 
Platz auf dem Wege von Thessalonich nach Thessahen, das von 
den Serben durch Verwüstung der Umgebung sehr bedrängte 
Berrhöa unterwarf sich dem Kantakuzenos. Feierlich ritt er 
unter dem Jubel der Bürger in die Stadt ein, an der Spitze einer 
Schar deutscher Reiter in serbischen Diensten. Stephan Dusan 
lud ihn nochmals zu sich ein, zu einer Beratung über den bevor- 
stehenden ungarischen Krieg, Kantakuzenos wagte es aber nimmer- 
mehr, an den serbischen Hof zurückzukehren. Der Serbenkönig 
erfüllte inzwischen den Wunsch der Venezianer und verständigte 
sich mit der Kaiserin Anna ; dabei wurde sein kleiner Sohn Uros mit 
einer Schwester des Kaisers Johannes Palaiologos verlobt, wozu 
ihm Venedig seine Glückwünsche melden ließ '^). Die Situation 
des Kantakuzenos war ganz verzweifelt geworden. Es rettete ihn 

1) Mai 1343: Ljubic 2, 174, 178. 

2) Der Senat 4. September 1343, „congaudendo de nuptiis, quas fecit 
de filio suo cum sorore domini imperatoris Constantinopolis "• Bei Ljubic 
2, 192 — 193 durch ein Versehen zweimal gedruckt. 



Stephan Dusan (1331—1355). 385 

ein treuer türkischer Freund, Omar von Smyrna, damals der 
mächtigste unter den türkischen Emiren Kleinasiens, welcher schon 
im letzten Winter die Gattin des Gegenkaisers durch einen Zug 
an die Mündung der Marica energisch unterstützt hatte. Omar 
erschien mit einer großen Bootsflotte an der Mündung des Vardar 
und geleitete den Kantakuzenos zur See wieder nach Thrakien 
zurück. 

Der Westen stand fortan den Serben offen. Trotz ihrer ge- 
ringen Erfahrung im ßelagerungskriege nahmen sie eine Stadt nach 
der anderen. Schon 1343 bestätigte Stephan Dusan die Privilegien 
von Kroja, der wichtigsten Burg Nordalbaniens ^). Zähe verteidigte 
sich das alljährlich bedrängte Serrai. Als der König (1344) in 
der Nachbarschaft in Zichna lagerte, zerstörte eine Flotte der kurz 
zuvor in Avignon geschlossenen Liga der Venezianer, der Ritter 
von Rhodos, des Königs von Zypern und des Papstes eine Boots- 
flotte des Emirs von Smyrna bei der Halbinsel Longos, dem mitt- 
leren der drei Ausläufer der Chalkidike. Die türkischen Seeleute, 
über 3000 Mann, entkamen aufs Land und wollten über den 
Hellespont nach Hause ziehen. Der Serbenkönig sendete ihnen 
seinen Vojvoden _Pre]jub mit schwerer Reiterei entgegen. Bei 
Stefanianä zwischen Thessalonich und Serrai zogen sich die tür- 
kischen Fußgänger auf einen steilen Hügel zurück. Als die Serben 
absaßen und in ihren schweren Rüstungen zu Fuß den Abhang 
hinaufstürmten, liefen die leichtbewaffneten Türken eiligst auf der 
anderen Seite hinunter, setzten sich auf die Pferde der Serben, 
brachten den abgesessenen Reitern des Preljub schwere Verluste 
bei und gelangten ungehindert zu Kantakuzenos nach Thrakien '^). 

In Albanien besetzten die Serben (Herbst 1345) Berat und 
Valona, in Makedonien Kastoria^). Bald wurde Berrhöa dem 
jungen Manuel Kantakuzenos durch Bestechung der Archonten 
abgewonnen. Schon früher war Ochrid serbisch geworden, wobei 
dem dortigen autokephalen Erzbischof seine Rechte bestätigt wur- 



1) Lat. Text: Arch. slaw. Phil. 21 (1899) 84, 96. 

2) Kantakuzenos III cap. 69. 

3) Stojanovic, Zapisi 1 nro. 84: im Jahre 6854 (1. September 1345 
bis 31. Aug. 1346), vor der ProklamieruDg Stephans zum Kaiser. 

Jirecek, GescMclite der Serben. I. 25 



386 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

den. Endlich, als jede Hoffnung auf einen Entsatz verloren war, 
ergab sich Serrai (serb. Ser, bulg. Sjar), der Schlüssel zum Weg 
von Thessalonich nach Konstantinopel, im Oktober 1345 dem 
Serbenkönig. Östlich davon wurde Drama und Philippi besetzt, 
ebenso an der Küste Chrysopolis (j. Orfano) mit seinen Seesalz- 
siedereien. Christopolis (Kavala) blieb dagegen stets Grenzfestung 
der Byzantiner, welche auch westlich davon Eleutheropolis am 
Meere behaupteten ^). Die alten Stadtprivilegien des besetzten Ge- 
bietes wurden durch Goldbullen des Königs bestätigt, die Mauern 
verstärkt und die Verwaltung serbischen Befehlshabern anvertraut, 
mit Garnisonen serbischer Truppen. Griechen waren unter den 
Beamten Stephan Dusans eine seltene Ausnahme-). Die neue 
Herrschaft war überall verbunden mit der Vertreibung der grie- 
chischen Partei aus den Städten. 

Die Leichtigkeit der Eroberungen ließ bei Stephan Dusan 
den Entschluß reifen, das ganze byzantinische Reich zu erobern. 
Die Einnahme der großen Residenzstadt am Bosporus, die ihm 
aus den trüben Knabenjahren wohlbekannt war, blieb ihm zeitlebens 
ein Traum, dem er nicht mehr entsagen konnte. Gleich nach der 
Eroberung von Serrai unterschrieb er sich auf einer griechischen 
Urkunde für das nahe Kloster des heiligen Johannes des Täufers auf 
dem Berge Menoikeion als König von Serbien und „Romanien", 
in einem Schreiben an den Dogen als „Herr fast des ganzen 
Kaisertums von Rom anien "•''). Noch im Winter erfolgte mit 
Zustimmung des serbischen Reichstages die Proklamierung des 
Stephan zum Kaiser. Der Titel lautete serbisch „Kaiser (car) der 
Serben und Griechen'', in lateinischen und griechischen Akten 
„Kaiser (imperator) von Serbien (Rascien) und Romanien". 



1) Über die Grenzen des Reiches Stephan Dusans im Südosten vgl. 
meine Bemerkungen im Arch. slaw. Phil. 17 (1895) 266 f. 

2) Die Urkunden von Menoikeion, in denen man eine Reihe byz. Be- 
amten in serb. Diensten zu finden glaubte, stammen meist von Andro- 
nikos II. und III., nicht von Stephan Dusan. Vgl. Arch. slaw. Phil, 
a. a. 0. 

3) Stephan, xodkrig y.al uvTOXQtxTWQ 2^fQßiag y.ctl 'Pwuuvi'ug , Okt. 6854 
(1345): Sathas, Bibl. graeca 1, 234 — 239. Stephanus rex etc., „fere totius 
imperii Romanie dominus", „in Sero" 15. Okt. 1345: Ljubic 2, 278. 



Kaiserkrönung Stephan Dusans (1346). 387 

In der Form schloß er sich dem seit Symeons Zeit üblichen bul- 
garischen Titel an : „ Zar der Bulgaren und Griechen ". Der alte 
serbische Königstitel wurde dem Sohne, dem damals neun Jahre 
alten Uros überlassen^). Schon am 22. Jänner 1346 reiste über 
Ragusa eine Gesandtschaft Stephans nach Venedig, meldete dort 
die bevorstehende Kaiserkrönung (coronatio sua in imperio Con- 
stantinopolitano) und forderte zu einem Bund (unio) zur Eroberung 
dieses Kaisertums auf. Der Senat antwortete (3. März) mit herz- 
lichen Glückwünschen, lehnte aber die Liga ab, wegen des da- 
maligen Krieges mit Ungarn und der beschworenen Verträge mit 
Byzanz. Die Ragusaner wählten zur Krönungsfeier eine feierliche 
Gesandtschaft (24. März)-). Nach den Begriffen des orthodoxen 
Orients mußte der Kaiser einen Patriarchen zur Seite haben. Der 
serbische Erzbischof Joannikij , früher Kanzler (Logothet) des 
Stephan, wurde zum „Patriarchen der Serben und Griechen" er- 
hoben, mit Billigung des bulgarischen Patriarchen von Trnov und 
des Erzbischofs von Ochrid. Eine Zustimmung der Griechen war 
natürlich nicht zu erwarten, mit Ausnahme der reich beschenkten 
Athosmönche und der Halbgriechen der Kirche von Ochrid. 
Ebenso fehlte das Einverständnis mit den Patriarchaten des fernen 
Ostens. Die Metropoliten des Konstantinopler Patriarchats wur^ 
den überall vertrieben und durch serbische Bischöfe ersetzt. 

Zum Kaiser wurde Stephan am Ostersonntag, den 16. April 
1346 auf einem Reichstag in Skopje gekrönt, vom serbischen Pa- 
triarchen Joannikij und dem bulgarischen Patriarchen Symeon von 
Trnov, in Anwesenheit des Adels, des Klerus und der Mönche 
des Athos. Die Königin Helena wurde zur Kaiserin gekrönt, der 



1) Nach Gregoras herrschte Uros zwischem dem Ionischen Meer, der 
Donau und Skopje, sein Vater von Skopje bis zum Paß von Christopolis. 
Die einzige urkundliche Notiz über ein Territorium des Sohnes im Privile- 
gium für Ragusa 1349, mit Gewährung freien Handels im Lande sowohl des 
Kaisers, als des Königs: Mon. serb. 146. Die Schenkung der Kirche des 
hl. Nikolaus an der Psinja im nordöstl. Makedonien an den Metropoliten Jakob 
von Seres 1353 bestätigen zuerst Zar Stephan und Zariza Elena, nach ihnen 
durch eine zweite Urkunde „Stefan Uros, König aller Serben" (kralj vsem 
Srbljem): Glasuik 24 (1868) 247—248. 

2) Mon. Rag. 1, 221, 226. Ljubic 2, 326—327. 

25* 



388 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Sohn Uros zum König i). Den neuen Kaiserhof umgab ein glänzen- 
der Hofstaat mit byzantinischen Titeln und prunkvollen Parade- 
gewändern, bestehend aus den Häuptern des serbischen Adels, die 
zugleich Statthalterschaften auf ehemals griechischem Gebiet bekamen. 
Den höchsten Rang des Despoten erhielten Verwandte des Kaisers, 
Dusans Halbbruder Symeon und der Helena Bruder Johannes, 
neben ihnen auch der einflußreiche Großvojvode Johannes Oliver, 
Herr der Landschaften von Ovcepolje und Lesnovo^). Sevasto- 
kratoren wurden der Vojvode Dejan, der Gatte von Dusans 
Schwester Theodora, Besitzer des Gebietes von Kumanovo^), und 
Branko, des Feldherrn Mladen Sohn und Statthalter in Ochrid. 
Als Kaisares erscheinen zwei Feldherren von der Südgrenze, Preljub, 
durch seine Frau Irene auch ein Verwandter des Hauses der 
Nemanjiden '^) , und Vojihna, sowie Gregor Golubic. Die Pro- 
klamierung zum Kaisertum war eingeleitet durch großartige 
Schenkungen an Klöster und Kirchen, besonders an die Athos- 
klöster, die seit dem Falle von Serrai unter serbischer Hoheit 
standen, während der Westen der Chalkidike mit Thessalonich 
den Byzantinern geblieben war. Ende 1347 besuchte der neue 
Kaiser mit der Kaiserin persönlich sämtliche Klöster des Heiligen 
Berges, verteilte mit vollen Händen goldene und silberne Kirchen- 
gefäße, kostbare Kircheugewänder , Dörfer und Landgüter und 
bestätigte ihre Rechte durch feierliche Urkunden in slawischer oder 
griechischer Sprache. Am freigebigsten bedacht wurde die alte 

1) Einleitung des Gesetzbuches des Zaren Stephan ed. Novakovic 
S. 4. KantakuzenosIII cap. 89 (Schluß). Gregoras XV cap. 1, § 2. 
Daniel 378, 380. 

2) „Oliver Gherchinich, baro domini regis Raxie et Qener Charavide' 
erhielt im Juni 133G in Ragusa das Deposit seines verstorbenen Schwieger- 
vaters Karavida zurück: Spomenik 11, 26. Auf einer griechischen Inschrift 
des Klosters von Lesnovo vom Jahre 1348/49 erscheint Ollvers wohl zweite 
Gattin Maria als navtvTvxtaTcirrj ßaaiXCaau MuQia /} ^Ivßeoiaacc Glasnik 
13 (1861) 293. Es war vielleicht eine Halbschwester Du§ans, aus der zweiten 
Ehe Uros' III. 

3) Dejan Manjak 1333, Mon. serb. 105. Ib. 61 unter Uros II. ein 
Sevast Obrad Manijak. Über Dejans Familie siehe das folgende Kapitel. 

4) Wie mir Novakovic mitteilt, nennt Zar Uros 1357 in einer un- 
gedruckten Urkunde des Athosklosters des hl. Athauasios die Witwe Preljubs 
Irene seine Schwester. 



Stephan Du§an (1331—1355). 389 

Familienstiftung der Neraanjiden, das Kloster Chilandar^). Das 
serbische Erzengelkloster in Jerusalem, eine Stiftung Uros' IL, er- 
hielt als Geschenk den ragusanischen Tribut von Stagno. Auch 
die St. Nikolauskirche von Bari im katholischen Italien lernte die 
Freigebigkeit des neuen serbischen Kaisers kennen. Nach dem 
Muster seiner Vorgänger begann Zar Stephan den Bau einer per- 
sönlichen Stiftung, eines neuen Klosters bei Prizren, geweiht den 
Erzengeln Michael und Gabriel. Die innere Organisation des 
Reiches förderte das Gesetzbuch des Zaren, ein merkwürdiges, 
originelles Buch, verkündet auf einem neuen Reichstag in Skopje 
im Mai 1349. 

Die Byzantiner waren zu sehr untereinander beschäftigt, um 
gegen die Usurpierung des byzantinischen Kaisertitels durch den 
Herrscher der Serben Protest zu erheben. Es vergingen einige 
Jahre, bis der Patriarch Kallistos gegen den neuen Kaiser und 
den unkanonischen neuen Patriarchen den Bannfluch aussprach 2). 
Der Schauplatz des Bürgerkrieges befand sich, seitdem sich der 
Gegenkaiser von den Serben getrennt hatte, in Thrakien. Als sich 
dem Kantakuzenos das Innere der Rhodope unterwarf, ernannte 
er dort zum Befehlshaber den Momöilo, den berühmtesten Räuber- 
hauptmann dieser Zeiten. Dieser Momcilo stammte nach Gregoras 
aus dem Grenzgebiet zwischen den Serben und Bulgaren, lebte 
seit seinen Knabenjahren als Räuber in den Einöden an der 
byzantinisch -bulgarischen Grenze, diente dann als Söldner im 
byzantinischen und serbischen Heere und kam zuletzt zu Kan- 
takuzenos als Überläufer aus den Diensten des Stephan Dusan. 
Nun saß er in den Bergen der Rhodope, umgeben von einem treu 
ergebenen Räuberheer, das aus Bulgaren, Serben und anderen 
Völkern bestand und an 300 Reiter und 5000 Fußgänger zählte. 
Damit die Provinz von Philippopel mit den Burgen am Nordrand 
der Rhodope nicht in den Besitz des Kantakuzenos und seiner 



1) Urkunden bei Florinskij, Pamjatniky. Vita des Mönches 
Isaias, herausg. von Nikephor Ducic: Glasnik 56 (1884) 72. Stojanovic, 
Zapisi 3 nro. 4939. 

2) Biographien der serb. Erzbischöfe und Patriarchen: Daniel 381. 
Die Briefe des Ugljesa an das byz. Patriarchat 1368—1371 (s. unten). 
Kallistos war zweimal Patriarch, 1350-1354 und 1355 — 1364. 



390 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Schützlinge falle, trat sie die Kaiserin Anna (1344) dem Zaren 
Alexander von Bulgarien ab, der aber dafür der Partei der Pa- 
laiologen nur wenig Hilfe leistete. Die Landschaft von Philippopel 
erhielten die Byzantiner nimmermehr zurück. Als die Flotte der 
lateinischen Liga Smyrna eroberte (Oktober 1344), verlor Kanta- 
kuzenos die wertvolle Unterstützung des Omar auf dem Meere. 
Da fiel Momcilo von ihm ab und machte sich zu einem unabhän- 
gigen Fürsten, obwohl ihn Kantakuzeuos zum Sevastokrator, die 
Kaiserin Anna zum Despoten ernannt hatte. Er schlug seine 
Residenz in Xanthia am Südfuß der Rhodope auf und herrschte 
mit großer Strenge; auf Großes und Kleines folgte bei ihm gleich 
die Todesstrafe. Aber bald verlor er vor den Mauern der Küsten- 
stadt Peritheorion gegen Kantakuzenos und dessen Freund Omarbeg 
im tapferen Kampfe Schlacht und Leben ^). Vier Tage nach dem 
Tode des Momcilo, der fortan eine Gestalt des südslawischen 
Volksepos blieb, wurde Apokaukos (11. Juni 1345) in Konstan- 
tinopel ermordet, als er den Bau eines neuen Kerkers für poli- 
tische Gefangene besichtigte. Damit war der Bürgerkrieg aber 
noch immer nicht zu Ende. Es war ohne Zweifel die Krönung 
des Stephan Dusan, welche den Kantakuzenos veranlaßte, sich einen 
Monat später in Adrian opel (21. Mai 1346) vom Patriarchen von 
Jerusalem feierlich krönen zu lassen, denn bisher war er ein un- 
gekrönter Kaiser. Omarbeg fiel bei einem Versuch, Smyrna den 
Lateinern zu entreißen. Die Vormacht unter den türkischen 
Emiren wurden die Osmanen, schon wegen der Lage ihrer Wohn- 
sitze in der Nähe der Meerengen. Kantakuzenos verbündete sich 
mit Orchan, dem Sohn Osmans, und gab ihm sogar seine Tochter 
Theodora, die Christin blieb, zur Frau. 

Endlich zog Kantakuzenos als Sieger in Konstantinopel ein 
(3. Februar 1347). Rasch wurde ein Vertrag geschlossen, nach 
welchem Johannes Palaiologos und Johannes Kantakuzenos neben- 



1) Momcilo: Kantakuzeaos III cap. 65, 68, 70—71, 75, 86; Gre- 
goras XIV cap. 4, 9. Die serb. Annalen (Glasuik 53, S. 65) verzeichueu 
den Tod des Momcilo im Kampfe gegen die Türken (Kantakuzenos wird 
nicht genannt) bei „Peritor" erst zum Jahre 1361 — 1362. Die Sage über- 
trug Peritor nach Pirdop am Balkan , nach Pirot , nach Pirlitor in Monte- 
negro, mit neuen Lokalisierungen unter dem Einfluß der Namensähnlichkeit. 



Stephan Dusan (1331—1355). S9l 

einander beide Kaiser sein sollten, der junge Palaiologe als 
Schwiegersohn seines bisherigen Gegners. Das Reich war ganz 
erschöpft, der Staatsschatz leer. Kantakuzenos besaß als Kaiser 
nur ein Zehntel der Einkünfte, die er einst als Reichsfeldherr be- 
zogen hatte. Bei dem Festmahl nach der neuerlichen Krönung 
des Kantakuzenos in der Sophienkirche waren, wie Nikephoros 
Gregoras nicht ohne Bosheit bemerkt, die Schüsseln und Becher 
nicht mehr aus Gold und Silber, sondern aus Zinn und Ton, die 
scheinbar goldenen Diademe und die kaiserlichen Gewänder mit 
den funkelnden Steinen nur aus vergoldetem Leder mit Stücken 
von farbigem Glas. Und dies in einer Zeit, wo Stephan Dusan 
die Klöster mit Scheffeln Gold beschenkte, durch große Geld- 
geschenke viele Gegner für sich gewann und seine Getreuen mit 
einträglichen Würden und Gütern belohnte. Konstantinopel selbst 
war ganz herabgekommen, wirtschaftlich vollständig abhängig von 
der blühenden Genuesenstadt Galata jenseits des Goldenen Hornes. 
Die Parteihäupter wurden durch Verwaltung der byzantinischen 
Landschaften entschädigt. So erhielt der Despot Nikephoros von 
Epirus Enos und die Städte am Hellespont. Dem Matthaios 
Kantakuzenos, des Mitkaisers Sohn, wurde die reiche Küstenebene 
unter der Rhodope von Dimotika bis Christopolis (Kavala) als 
„Grenzmauer" gegen die Serben zugewiesen i). Johannes Angelos, 
der Statthalter von Thessalien, hatte Epirus besetzt und die Des- 
pina Anna gefangen genommen -'). Des Matthaios Bruder Manuel 
Kantakuzenos begann mit Glück die Verwaltung des byzantinischen 
Anteiles des Peloponnesos. An Stephan Dusan sendete Kantaku- 
zenos zwei Gesandtschaften mit Dank für die in schweren Zeiten 
gewährte Hilfe, aber auch mit der Forderung, die byzantinischen 
Städte zurückzugeben. Stephan antwortete mit leeren Worten. Nun 
zog Älatthaios Kantakuzenos mit den Söhnen des Emirs Orchan, 
mit Suleiman und dessen Brüdern (auch Murad war dabei) und 
10 000 Türken durch die Quermauer von Christopolis gegen die 
Serben. Trotz aller Vorstellungen der byzantinischen Feldherren 
begannen die Türken sofort zu plündern und zu morden und 



1) Gregoras XVI cap. 4. 

2) Derselbe XIII cap. 6. 



393 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

kehrten mit reicher Beute nach Asien zurück. Das war gegen 
die Absicht des Kaisers Kantakuzenos gewesen , welcher die Be- 
völkerung der ehemals byzantinischen Provinzen durch Schonung 
gewinnen wollte ^). 

Die Lage der Dinge ermöglichte es dem Stephan Dusan, sich 
auch mit dem Norden zu beschäftigen. Der neue ungarische König 
Ludwig I. (seit Juli 1342) beunruhigte die Serben und besaß 
wieder die Macva, Belgrad und Golubac-j. Zugleich rüstete er 
sich zur Vertreibung der Venezianer aus den Städten Dalmatiens. 
Zwischen dem venezianischen und dem königlichen Gebiet gab 
es dort an der Küste eine Zone mit Territorien kroatischer Edel- 
leute, vor allem der Subiöi, die von Venedig unterstützt wurden. 
Mißtrauisch gegen König Ludwig war auch Ban Stephan IL von Bos- 
nien. Im Juli 1343 verhandelte er mit Venedig wegen eines Defensiv- 
bundes zwischen Bosnien, den kroatischen Edelleuten und den unter 
venezianischer Schutzherrschaft stehenden dalmatinischen Städten ; 
man dachte auch den Serbenkönig dafür zu gewinnen. Venedig sollte 
aber aus Vorsicht im Vertrage nicht genannt werden •^). Doch bald 
fand es der Bosnier für vorteilhafter, auf der Seite des ungarischen 
Königs zu bleiben. Darauf eroberte Ludwig, begleitet vom Ban 
von Bosnien, Knin, das wieder Sitz des königlichen Bans des 
Küstenlandes wurde (Juli 1345). Unerwartet schloß sich Zara 
dem siegreichen König an. Die Venezianer mußten die Haupt- 
stadt ihrer dalmatinischen Besitzungen durch 16 Monate belagern 
und nach Zurückweisung von zwei Entsatzheeren, von denen eines 
von Ludwig persönlich geführt war, durch Hunger zur Erge- 
bung zwingen (Dezember 1346). Stephan Dusan, der eben den 
Kaisertitel angenommen hatte, bot den Venezianern Hilfstruppen 
gegen Zara an und war bereit, auch die Kapitulation der Stadt 
durch seine Gesandten zu vermitteln; doch die Republik wies das 
Anerbieten mit Dank ab, weil die Zaratiner bereits die Vermitt- 
lung des Bans von Bosnien und des Humbert IL von Vienne, 
des letzten Landesherrn der Dauphine und damals Befehlshabers 
der Flotte der Liga im Archipel, abgewiesen hatten. Indessen 

1) Kantakuzenos IV cap. 4. 

2) Theiner, Mon. Slav. 1, 216 (Jänner 1346). 

3) Ljubic 2, 181—182. 



Stephan Dusan (1331—1355). 39B 

wurde zwischen Zar Stephan und König Ludwig ein Frieden 
geschlossen (Sommer 1346). Stephans Erhebung zum Kaiser war 
nicht ohne Eindruck geblieben; andererseits wollte Ludwig freie 
Hand zu einem Zuge nach Neapel haben. Als man eine persön- 
liche Zusammenkunft des Zaren mit dem ungarischen König er- 
wartete, hofften die Venezianer, daß er dabei als Freund der 
RepubUk ihre Gesandten bei den Friedensverhandlungen durch 
Rat und Tat unterstützen werde i). Doch die Abwesenheit Lud- 
wigs in Neapel zog den Abschluß eines Friedens zwischen Ungarn 
und Venedig sehr in die Länge. Die Venezianer nahmen ein 
neues Anerbieten des Zaren, den Frieden zu vermitteln, mit großem 
Dank an (April 1348) -). Kurz zuvor hatte Stephan Dusan im 
nördlichen Dalraatien Familienverbindungen angeknüpft. Ein Neffe 
des einst mächtigen Bans Mladen, Mladen (HI.) Subid, Herr von 
Almissa, Clissa und Scardona, ein Anhänger der Venezianer, heira- 
tete (Oktober 1347) Helena, eine Schwester des serbischen Zaren 3), 
starb aber schon im folgenden Jahre an der Pest. Endlich wurde 
zwischen Venedig und König Ludwig (August 1348) nur ein 
Waffenstillstand auf acht Jahre vereinbart, in welchem auf vene- 
zianischer Seite wohl mit Rücksicht auf den serbischen Zaren auch 
Mladens Witwe mit ihrem unmündigen Sohne (Mladen IV.) auf- 
genommen war. 

Der ßan von Bosnien hörte ungern von dem Friedensschluß 
zwischen Zar Stephan und König Ludwig, denn er fürchtete 
isoliert zu bleiben. Dem Frieden zwischen den Bosniern und 
Serben stand die Weigerung, Zachlumien herauszugeben, im 
Wege, so sehr auch die Venezianer eine Versöhnung herbeizuführen 
sich bemühten. Noch während der Belagerung von Zara bat der 
Ban, der sich dort im ungarischen Heere befand, durch seinen 
Gesandten, den Domherrn Elias von Trau, Venedig um Vermitt- 
lung. Zar Stephan antwortete den venezianischen Gesandten, er 
sei zu Frieden und Freundschaft bereit, wenn die Bosnier die 
strittige Landschaft zurückstellten, im entgegengesetzten Falle 



1) Ljubic 2, 365. Sagenhaft ist Orbini 262 f. 

2) Ljubic 3, 75. 

3) Datum bei Lucius, Starine 13, 233. 



394: Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

wenigstens zu einem Waffenstillstand auf zwei oder drei Jahre i). 
Zur selben Zeit (seit 1340) suchte Ban Stephan persönlich einen 
engeren Anschluß an die römische Kirche, in der Hoffnung, sich 
die Unterstützung der kathoHschen Nachbarn zu sichern. Der 
Bischof von Bosnien kehrte nach sehr langer Zeit aus Djakovo 
wieder ins Land zurück, ebenso der Bischof von Makarska, wäh- 
rend in Dlmno, dem antiken Delminium, ein neues, dem Erzbistum 
von Spalato untergeordnetes Bistum errichtet wurde. 

Ein furchtbares Unheil brachte die Pest des Jahres 1348, 
der „schwarze Tod", der sich aus dem Tatarenreich über ganz 
Europa verbreitete. Auf der Balkanhalbinsel hinterließ diese 
Plage große Verheerungen in allen Städten. Aber die Raubzüge 
der Türken aus den verschiedenen Emiraten, welche zu Pferd und 
zu Fuß alljährlich vom Hellespont aus ganz Thrakien bis ins bul- 
garische Gebiet durchstreiften, wurden durch die Seuche nicht 
eingestellt. Auch die Serben benutzten die Verwirrung für sich, als 
Johannes Angelos, der byzantinische Statthalter von Thessalien und 
Epirus, der Krankheit zum Opfer fiel. Zar Stephan brach mit 
einem großen Heere in Epirus ein und besetzte Janina, Arta 
und die anderen Städte bis zu den Grenzen der „Franken", der 
Anjous, damals Herren von Butriuto und Lepanto, der Brienne, 
der einstigen Herzöge von Athen, die noch Vonitza mit der Insel 
Leukas besaßen und der dem König von Sizilien aus dem Hause 
von Aragon untergeordneten Katalonier im Herzogtum von Athen -'). 
Die Albanesen, den Griechen seit der Zeit Andronikos' HI. feindlich 
gesinnt, dienten mit Freude unter den Fahnen der Serben. Nach 
der Chronik von Janiua gingen die Ländereien der flüchtigen 
griechischen Archonten und Stratioten meist in den Besitz der 
albanesischen Häuptlinge und ihrer Krieger über. Der Feld- 
herr Preljub besetzte ganz Thessalien, worauf Zar Stephan die 
Besitzungen der Klöster bei Trikala durch griechische Chrysobulle 
bestätigte 3). Ende 1348 gelangte Preljub bis in die Umgebung 



1) Ljubic 2, 381 f., 408 (Sept., Nov. 134«). 

2) Kantakuzenos IV cap. 20. 

3) Zwei Urk. des Zaren Stephan vom Nov. 1348 für die Klöster Zab- 
lantia und Lykusada: Archimandrit Antonin, Spomenik 10, 28. 



Stephan Dusan (1331—1355). 395 

der venezianischen Hafenstadt Pteleon (Feteleo der Italiener) auf 
der Westseite des Einganges in den Golf von Volo, welche ins 
Gedränge zwischen den raublustigen Albanesen des serbischen 
Heeres und den Kataloniern kam. Schon am 3. Jänner 1349 
wurde in Venedig der Beschluß gefaßt, den Zaren zu seinen Er- 
folgen zu beglückwünschen und ihm Pteleon und andere Besit- 
zungen Venedigs zu empfehlen. Stephan schrieb sich nun „Impe- 
rator Raxie et Romanie, dispotus Larte et Blachie comes" {BXayJa 
als Thessalien), aber der Besitz des Despotates schien ihm unsicher ; 
bald nachher wird dieses Land als ein eventuell an Venedig 
abzugebendes Tauschobjekt erwähnt ^). Die Verwaltung des Südens 
wurde drei Männern anvertraut. In Thessalien befehhgte der 
„Kaisar" Preljub. Mittelalbanien mit Valona und Berat verwaltete 
der „Despot"^ Johannes Komnenos Aseu, wie er sich schrieb, ein 
Bruder der Zariza Helena und des bulgarischen Zaren Alexan- 
der (ungefähr 1350 — 1363). Dieser eitle Bulgare heiratete die 
aus der Gefangenschaft befreite, nicht mehr junge epirotische 
Despina Anna, näherte sich den Griechen und unterschrieb sich 
sogar auf slawischen Urkunden in griechischer Sprache. Auf 
seine Bitte wurde ihm (1353) das Bürgerrecht von Venedig ver- 
liehen. Epirus erhielt der junge Symeon, des Zaren Stephan Halb- 
bruder, auch als „ Despot ". Er heiratete Thomais, eine Tochter der 
Despina Anna, und schrieb sich nach seiner mütterlichen Abkunft 
auch Palaiologos ■-). Durazzo blieb den Anjous; als der Herzog 
Karl von Durazzo auf Befehl des Königs Ludwig hingerichtet 
wurde, wollte sich die Stadt Venedig unterwerfen, wurde aber 
abgewiesen^). Von den Byzantinern hatten die Serben nichts zu 
befürchten. Kantakuzenos lag ein Jahr lang nierenkrank in Di- 
motika und war dann (1348 — 1349) vollauf beschäftigt mit den 
Genuesen von Galata, welche die neuerbaute byzantinische Flotte 
zweimal vollständig schlugen. 

Indessen bemühte sich Venedig neuerdings Frieden zu schaffen, 
um der Unterstützung des Zaren Stephan in dem erwarteten neuen 

1) Ljubic 3, 110, 169, 174. 

2) Urkunden des Despoten Johannes von Yalona , herausg. von m i r im 
Spomeuik 11, S. 11, 29, 30. Chronik von Janina: Glasnik 14 (1862) 286. 

3) Ljubic 3, 179 (April 1350). 



Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Kriege gegen Ungarn und Genua sicher zu sein (1349). Eine 
große venezianische und ragusanische Gesandtschaft reiste nach 
Serbien ^). An der Spitze stand der Markgraf Niccolo Giorgi von 
Bodonitza, aus einer Nebenlinie der venezianischen Erbgrafen von 
Curzola. Er hatte die Erbin des kleinen fränkischen Fürstentums 
an den Therraopylen geheiratet, die Älarkgräfin Guglielma Palla- 
vicini, beging aber die Unvorsichtigkeit, einen ihrer Verwandten 
hinrichten zu lassen; die Gattin vertrieb ihn aus dem Miniatur- 
staat von Bodonitza, und er mußte sein Leben in den Diensten 
von Venedig fristen. Dem Markgrafen wurden drei Aufgaben 
auferlegt : eine Regelung der Handels- und Zollfragen zwischen 
Serbien, Venedig und Ragusa, die Herbeiführung eines Friedens 
zwischen Serbien und Byzanz und die Wiederherstellung fried- 
licher Beziehungen zwischen Serbien und Bosnien. Nur die erste 
Aufgabe wurde gelöst. Die Friedensvermittlungen sind mißlungen, 
obwohl der Ban von Bosnien selbst inzwischen durch seinen Ge- 
sandten, den Comes Ninoje, den Dogen um Intervention gebeten 
hatte. Als der Ban in Chelmo eine neue Burg bauen wollte, rieten 
es ihm die Venezianer ab, da der Zar diese Landschaft für sich 
beanspruche; es war wohl die „neue Burg", Novi in der Zupa 
Luka an der Narentamündung , auf der Nordseite des Flusses-). 
Bald brach der Krieg von neuem aus; kurz vor Weihnachten 
1349 unternahmen die Bosnier einen Einfall in die Landschaft 
von Canali und plünderten bei Ragusa vecchia ^). 

Zar Stephan wollte keinen Frieden mit den Griechen ; im 
Gegenteil, er bemühte sich abermals um einen Bund mit Venedig 
gegen Byzanz. Sein Gesandter Michael de Buchia aus Cattaro 
legte (April 1350) den Venezianern dar, sein Herr habe den größten 
Teil des griechischen Kaisertums erobert; nur die Hauptstadt Kon- 
stantinopel könne er ohne Unterstützung durch eine venezianische 



1) Urkunden: Ljubid 3, 115, 119, 143, IGO; Mon. serb. 153 nro. 135; 
Glasnik 27 (1870) 286. 

2) Ljubic 3, 143 (Juli 1349). „Novi moj grad" (meine neue Burg) 
in der Urk. des Bans Stephan und seines Bruders Vladislav an Knez Vlk 
Vlkoslavic, herausg. von Thalloczy, Glasnik bos. 18 (1906) 408 = Wiss. 
Mitt. 11 (1909) 245. Über die Lage: meine Handelsstraßen 79. 

3) Liber de maleficiis 1348—1350 Arch. Rag. 



Stephan Dusau (1331—1355). 397 

Flotte nicht einnehmen. Es sei seine Absicht, den Johannes Palaio- 
logos aus den Händen des „ungetreuen Kantakuzenos" zu befreien, 
der ihn angeblich in ungehöriger und ungerechter Weise gefangen 
halte. Für die Hilfe war er bereit, den Venezianern das Despotat 
von Epirus oder nach der Eroberung von Konstantinopel das 
genuesische Pera (Galata) zu überlassen. Bei den Verhandlungen 
in Venedig hat man sich gegenseitige Hilfe bald zugestanden, aber 
der Bund gegen Byzanz wurde zu wiederholten Malen abgelehnt, 
da sich die Republik durch die beeideten Verträge mit beiden 
Kaisern als gebunden betrachtete. Dafür wurde das venezianische 
Bürgerrecht des „Serenissimus dominus Stephanus, Grecorum Im- 
perator semper augustus et Raxie rex illustris^', ebenso der „im- 
peratrix et regina" Helena und des Sohnes Uros feierlich erneuert. 
Buchia hatte einen besonderen Wunsch des Zaren vorgebracht. 
Stephan wollte mit dem Dogen Andreas Dandolo, demselben, der 
auch in der Literatur als Historiker bekannt ist, eine persönliche 
Unterredung über einige schwierige Fragen haben, und zwar in 
Ragusa oder an der Narentamündung, also auf damals bosnischem 
Boden. Den Venezianern war es leicht zu erwidern, daß der Doge 
nach den Satzungen der Republik selbst in sehr wichtigen An- 
gelegenheiten nicht aus der Stadt hinausgehen dürfe ^). Venedig, 
das eben wegen des Handels auf dem Schwarzen Meere in einen 
Krieg mit Genua verwickelt war, bemühte sich, den Frieden 
zwischen Serbien und Bosnien mit allen Mitteln herbeizuführen, 
doch die neuen Gesandten beim Zaren, Thomas Gradenigo und 
Niccolo Falieri, meldeten (im September), eine friedliche Erledigung 
dieser Fragen sei ganz aussichtslos -). 

Zar Stephan zog (Oktober 1350) persönlich mit einem großen 
Heere gegen Bosnien. Er besaß auch eine Flotte von vier neuen 
Galeeren, die er zwei Jahre zuvor als eine ganz außerordentliche 
Freundschaftbezeigung in Venedig ankaufen durfte. Der Feld- 
zugsplan ist aus der projektierten Zusammenkunft mit dem Dogen 
klar. Stephan wollte längs der Küste in Zachlumien eindringen 



1) Acta archivi Veneti 1, 128—141 = Glasnik 11 (1859) 446 f. Ljubic 
3, 174—179, 181, 185. 

2) Ljubic 3, 146, 189—190, 197, 199. 



398 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

und von der Narenta bis in das Gebiet seiner Schwester in der 
Umgebung von Spalato vorrücken. Die Ragusaner, deren Stadt 
durch die Pest stark entvölkert war, hatten Befürchtungen wegen 
der Halbinsel von Stagno. Der Zar erreichte die Narenta, eroberte 
die Burg Novi und zog weiter zur Cetina. Ära 11. Oktober be- 
schlossen die Städte Trau und Sebenico, Gesandtschaften mit Ge- 
schenken zum „Imperator Raxie" zu senden, wenn er an der 
Cetina eintreffe i). Da kam aus dem Süden die Nachricht, daß die 
Byzantiner die Offensive begonnen hätten. Rasch mußte der Rück- 
marsch angetreten werden Eine feierliche Gesandtschaft von sechs 
Patriziern lud den „dominus imperator" unterwegs zu einem Be- 
such in Ragusa ein, mit der Kaiserin und dem Soha, sowie einem 
Gefolge von hundert Personen. Zwei ragusanische Kriegsschiffe 
unter Savinus de Bonda holten den hohen Gast in Ragusa vecchia 
ab und brachten ihn in den Hafen, worauf er seinen P^inzug durch 
das Seetor hielt (um den 13. November 1350). Die Kosten der 
Bewirtung wurden durch eine Auflage auf der Halbinsel von 
Stagno gedeckt. Der Versuch, bei dieser Gelegenheit dem Zaren 
eine Grenzregulierung auf den Abhängen oberhalb der ragusa- 
nischen Weinberge von Breno abzubitten, ist mißglückt. Der Zar 
eilte über Cattaro sofort weiter nach Makedonien 2). Die Bosnier 
besetzten rasch wieder die Burgen von Zachlumien. Novi entriß 
den Serben der bosnische Knez Vlk VIkoslavic, der Vetter des 
später berühmten Hrvoje. An der Narentamündung erscheinen 
abermals die bosnischen Zollbeamten. Ban Stephan IL erlebte 

1) Besorgnisse wegen Stagno 6. Okt. 1350: Ljubic 3, 199. Beschlüsse 
von Trau und Sebenico: Lucius, Memorie di Trau 246, Starine 13, 233. 
Der „car raski" hat meine Burg Novi erobert: Urk. des Bans Stephan, 
s. oben; das von einer jüngeren Hand dazugesetzte Datum 1331 (s. Fak- 
simile) ist unrichtig, statt 1351. Orbini 264f. und nach ihm teilweise auch 
Luc car i lassen den Zaren mit 80000 Mann von der Drina in Bosnien bis 
Bobovac und Dumno einbrechen, worauf er bis zur Cetina und Krka 
(Dacherca) vordringt. 

2) Mon. Rag. 2, Ulf. Im Sept. 1455 wurde Vlatko Hercegovic nach 
Ragusa eingeladen; man werde ihn mit einer Galeere in Obod in Canali 
abholen und er werde die Stadt durch dasselbe Tor betreten, wie andere Herren, 
„come e la bona memoria imperador Stefano", König Tvrtko u.a. (Lett 
Rag. 1455). 



Stephan Dusan (1331—1355). 399 

bald nachher die Freude, daß König Ludwig von Ungarn sein 
Schwiegersohn wurde, Gemahl seiner Tochter Elisabeth (Juli 1353). 
Nicht lange darauf ereilte ihn der Tod i). Sein Nachfolger war 
sein Neflfe Tvrtko, Sohn seines Bruders Vladislav, kaum 15 Jahre 
alt, unter der Vormundschaft seines Vaters und nach dessen 
baldigem Tode seiner Mutter Helena, der Schwester des Mladen 
(III.) Subic. 

Zum Zuge nach Makedonien hat die Byzantiner sowohl die 
Abwesenheit des Zaren Stephan im Norden bewogen, als die trost- 
lose Lage von Thessalonich -). Die Führer der lokalen Parteien 
gehorchten nominell nur dem Kaiser Johannes Palaiologos allein, 
in Wirklichkeit aber waren sie ganz unabhängig. Dem Kanta- 
kuzenos drohten sie, daß sie den Serben, welche die Umgebung 
von Gynaikokastron aus beobachteten, die Tore öflfnen würden. 
Dem Zaren Stephan meldeten sie dagegen, er solle sie nicht be- 
kriegen, denn sie seien vom Kaiser abgefallen. Schließlich kam 
es zum Zwiespalt zwischen den Anführern. Alexios Metochites 
rief den Kantakuzenos zu Hilfe, Andreas Palaiologos floh zu den 
Serben. Seine Partei, die „Zeloten", behaupteten offen, es sei 
besser, sich dem Zaren Stephan zu unterwerfen, der alles 
Land bis zu den Toren der Stadt beherrsche und der über- 
dies den Führern Geld und Güter versprach. Im Herbst 1350 
segelten beide Kaiser aus Konstantinopel nach Thessalonich. Ur- 
sprünglich sollte Matthaios Kantakuzenos, begleitet von Orchans 
Sohn Suleiman mit 20 000 Reitern, aus der Küstenebene unter 
der Rhodope auf dem Landweg nach Thessalonich ziehen. Doch 
Suleiman beschränkte sich auf einen Beutezug nach Südbulgarien 
und kehrte heim, w^il sein Vater mit den benachbarten Emiren 
Krieg führte. Die kaiserliche Flotte hatte hinter Christopolis 
(Kavala) ein seltsames, für die byzantinischen Zustände charak- 
teristisches Mißgeschick. Der trotzige Besitzer der Burg von 
Eleutheropolis (Anaktoropolis), Alexios aus Belokoma in Bithynien, 



1) Über die Chronologie Ilarion Ruvarac, Glasnik bos. 6 (1894) 
225 f. = Wiss. Mitt. 4 (1896) 324 f. 

2) Hauptzeuge Kantakuzenos IV cap. 15—22. Er meint, Stephan 
sei gegen die Ungarn {Iluiovtg) gezogen. Ganz kurz Gregoras XVIII 
cap. 2. 



400 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

ein ehemaliger Seeoffizier des Apokaukos und nun ein kleiner See- 
räuber, schlug die Kaiser zurück, die nur seine Schifi'e in Brand 
zu stecken vermochten. An der Mündung des Strymon hatte 
Kantakuzenos ein nächtliches Gespräch mit dem Befehlshaber von 
Chrysopolis (jetzt Orfano), dem Serben Brajan, einem seiner alten 
Freunde ^). In Thessalonich wurden die Kaiser mit Jubel begrüßt, 
die Häupter der „Zeloten" gefangen nach Konstantinopel gesendet 
oder aus der Stadt verbannt, die Serben aus der Umgebung ver- 
trieben. 

Kantakuzenos rückte mit einem kleinen Heere griechischer 
Seesoldaten und türkischer Söldner in das serbische Gebiet ein. 
Stephan hatte im Süden keine Feldarmee unter einem bewährten 
Anführer hinterlassen, sondern nur einzelne Garnisonen. Alle 
Schwächen der neuen serbischen Herrschaft wurden mit einem 
Male offenbar. Der erste Angriff galt Berrhöa. Die dortigen 
Emigranten, griechische Archonten und Stratioten, befanden sich 
im Heere des Kantakuzenos. Die Mauern, die von den Serben 
eben umgebaut wurden und mit Gerüsten verkleidet waren, erstieg 
man nachts mit Leitern. Die Besatzung, 1500 serbische Reiter 
und eine Schar deutscher Söldner, mußte sich ergeben. Die Deut- 
schen, dieselben, welche einst den Kantakuzenos als Verbündeten 
des Stephau Dusan nach Berrhöa begleitet hatten, zogen in voller 
Rüstung reich beschenkt ab, die Serben ohne Waffen und Pferde; 
die Anführer, 30 serbische Edelleute, blieben aus Furcht vor ihrem 
Herrn freiwillig in Gefangenschaft, flüchteten sich aber bald einer 
nach dem anderen zu ihren Landsleuten. Kantakuzenos zog sofort 
gegen Voden, das alte Edessa der makedonischen Königszeit, am 
Rande der Küstenebene gelegen, damals zwischen einem hoch- 
gelegenen See und dem steilen Felsabhang gut befestigt, mit einer 
inneren Burg ^). Die Mauern wurden von den griechischen Matrosen 
erstürmt und die serbische Besatzung ergab sich, wie in Berrhöa. 
Die Bürger der serbischen Partei wurden aus der Stadt vertrieben. 



1) Kantakuzenos identifiziert Chrysopolis irrig mit dem antiken 
Amphipolis, das gar nicht am Meere lag. 

2) Jetzt ist der See verschwunden; dafür gibt es große Wasserfälle in 
der Stadt selbst. Vgl. A. Grisebach, Reise durch Rumelien, Bd. 2 
(Göttingen 1841) 101. 



Stephan Dusan (1331—1355). 401 

Ohne Kampf ergaben sich die kleinen Burgen der Umgebung, 
besonders Ostrov auf dem Wege gegen Ochrid und Notia im Tale 
von Moglen. Kantakuzenos eilte nach Servia, am Zugang zum 
Wege nach Thessalien. Der Platz bestand aus drei wenig zugäng- 
lichen Burgen zwischen tiefen Schluchten und einer großen, offenen 
Unterstadt. Die Griechen der Unterstadt schlössen sich sofort ihren 
Landsleuten an, aber die festen Burgen hat Preljub mit 500 Mann 
gut behauptet und dadurch seinem Herrn die Herrschaft über 
Thessalien erhalten. Der Anbruch des Winterregens bewog Kanta- 
kuzenos zur Rückkehr nach Thessalonich. Insgeheim wurden 
Verbindungen mit den Freunden der Byzantiner tief landeinwärts 
angeknüpft. Sogar eine Gesandtschaft der Bürger von Skopje, 
einer der Residenzen des Zaren, die schon fast 70 Jahre im Be- 
sitz der Serben war, versprach die Unterwerfung, wenn Kanta- 
kuzenos persönlich so weit komme. 

Plötzlich erschien vor Thessalonich Zar Stephan, in Eil- 
märschen aus dem adriatischen Gebiet herangerückt, mit einem 
kleinen Heere, das aber stärker war, als das der Griechen. Sofort 
wurden vor den Toren der Stadt an zwei Tagen nacheinander 
Be^prechungen abgehalten, zu welchen sich Stephan und die beiden 
griechischen Kaiser mit bewaffnetem Gefolge einfanden. Am ersten 
Tage machte Stephan dem Kantakuzenos ganz Öffentlich Vorwürfe 
wegen seines Undankes. Als einen Flüchthng habe er ihn unter- 
stützt und sich durch keine Versprechungen der Gegenpartei be- 
wegen lassen, ihn gefangen zu setzen oder auszuliefern. Jetzt sei 
Kantakuzenos mit Barbaren (Türken) gekommen und nehme des 
Zaren Städte mit Waffengewalt, List und Einschüchterung. Dem 
Kantakuzenos tue es leid, daß Stephan einen Teil des „römischen" 
Reiches beherrsche, doch Kantakuzenos besitze auch einen Teil 
und den habe er einem anderen weggenommen. Dies war eine 
offene Parteinahme für Johannes Palaiologos als den alleinigen 
legitimen Kaiser. Als Friedensbedingung verlangte Stephan die 
Wiederherstellung der Grenzen, wie vor dem Kriege. Kantakuzenos 
erwiderte mit Lob der Großmut und der Gerechtigkeit Stephans, 
dem er zu Dank verpflichtet sei; doch habe Stephan gegen den 
beeideten Bundesvertrag so viele römische Städte an sich gerissen. 
Am zweiten Tage, der mit einem Gastmahl schloß, wurde über 

Jirecek, GtescMchte der Serben. I. 26 



403 Viertes Bucb. Drittes Kapitel. 

die Grenze verhandelt. Kantakuzenos verlangte die Abtretung 
von Epirus und Thessalien, sowie des Küstenlandes von Make- 
donien. Das Innere Makedoniens wollte er dem Stephan lassen, 
mit Zichna, Serrai, Melnik, Strumica und Kastoria als Grenz- 
städten im Süden. Was Kantakuzenos weiter erzählt, entspricht 
kaum der Wahrheit. Stephan sei einverstanden gewesen, und am 
dritten Tage hätten sowohl die Serben als die Griechen je fünf 
Männer zur Übergabe der Städte ernennen sollen. Aber in der 
Nacht seien griechische Archonten der Palaiologenpartei ins ser- 
bische Lager gegangen und hätten den Zaren überredet, lieber 
Krieg zu führen und den Palaiologen gegen Kantakuzenos zu 
unterstützen. Da seien bei Tagesanbruch ins griechische Lager 
Boten des Stephan gekommen, mit der Absage des Friedens und 
der Aufforderung zu einer Schlacht. Es ist unwahrscheinlich, daß 
Zar Stephan so ausgedehnte Länder ohne Schwertsti-eich abtreten 
wollte, um so mehr, als er den Wiederausbruch des Kampfes 
zwischen den byzantinischen Parteien klar voraussah. Am dritten 
Morgen standen Serben und Griechen vor den Mauern von Thessa- 
lonich in Schlachtordnung unbeweglich einander gegenüber, doch 
zur Schlacht kam es nicht. Stephan wollte dem Palaiologen nicht 
schaden und hatte Erfolg auch ohne Schlacht. Kantakuzenos 
kehrte nach Konstantinopel zurück, während der Palaiologe in 
Thessalonich blieb. Zar Stephan zog sofort über den Vardar und 
erstürmte Voden mit Leitern und Durchbruch der Mauern (Anfang 
Jänner 1351). Die Stadt wurde geplündert und die Bürger der 
griechischen Partei nach Berrhöa vertrieben. Zugleich begannen 
überall Untersuchungen gegen die griechischen Parteigänger wegen 
Hochverrates; in Skopje retteten sich die Angeklagten nur durch 
die Fürsprache des serbischen Erzbischofs. Das Datum der Wieder- 
eroberung von Berrhöa ist nicht bekannt; es war der Feldherr 
Hlapen, der sich dieser Tat rühmte und nach des Zaren Stephan 
Tod Statthalter in dieser Stadt war i). 

Die osmanischen Türken, welche ganz regelmäßig über die 
Meerengen hinüberkamen, entweder als Truppen der Byzantiner 

1) Xhinfvog als Eroberer von Berrhöa: Chronik von Janina cap. 6 
(Glasnik 14, 240). 



Stephan Dusan (1331—1355). 403 

oder als Freibeuter auf eigene Faust, waren damals schon ein 
wichtiger Faktor geworden, mit dem auch fernere Nachbarn rech- 
nen mußten. Am Hofe des Emirs von Brussa sah man Gesandte 
der byzantinischen Kaiser und der Genuesen. Bald kamen auch 
Vertreter der Serben. Zar Stephan wollte dem Kantakuzenos diese 
Bundesgenossen entziehen und brachte dem Orchan sogar eine Heirat 
in Vorschlag, zwischen einem der Söhne des Emirs und einer 
Tochter Stephans. Die serbischen Gesandten wurden gut auf- 
genommen und kehrten mit einer türkischen Gesandtschaft und 
Geschenken zurück, wohl zu Schiff. Bei Rodosto wurden sie aber 
von Leuten des ehemaligen epirotischen Despoten Nikephoros über- 
fallen, ausgeplündert und teils gefangen , teils getötet ^). Orchan 
war deshalb gegen Kantakuzenos sehr erbittert und blieb im fol- 
genden Kriege sein Gegner, als Freund der Genuesen, welche die 
Türken über beide Meerengen zu Raubzügen auf byzantinischen 
Boden hinüberbrachten. Zu gleicher Zeit beschwerte sich Zar 
Alexander bei Kantakuzenos über den fortwährenden Durchzug 
türkischer Raubscharen durch byzantinisches Gebiet nach Bulgarien. 
Kantakuzenos entschuldigte sich, nur der Widerstand des Zaren 
Stephan, der die byzantinischen Städte nicht zurückgeben wollte, 
habe ihn bewogen, sich mit diesen Barbaren zu verbünden. Dabei 
versuchte er die Bulgaren gegen die Serben aufzubringen und 
verlangte von Alexander regelmäßige Beiträge zur Ausrüstung 
einer Flotte, die den Hellespont ständig bewachen sollte. Zar 
Stephan soll seinem Schwager davon abgeredet haben, er möge 
den Griechen keinen Tribut zahlen -). Die Sache hätte den Bul- 
garen auch nichts genützt, denn Kantakuzenos hätte die Flotte 
vor allem gegen die Genuesen verwendet, welche damals ohnehin 
den Türken den Weg über die Meerengen erleichterten. 

Indessen lagerte Zar Stephan mit der Zariza Helena vor den 
Toren von Thessalonich und versuchte den Kaiser Johannes Palaio- 
logos durch Versprechung von Subsidien und Hilfstruppen wieder 



1) Gregoras XXVI cap. 15, 27. 

2) Kantakuzenos IV cap. 22. Eine legendär gefärbte Erzählung 
darüber auch in der bulg. Chronik, herausg. von Bogdan im Archiv slaw. 
Phil. 13 (1891) 527, 536. 

26* 



404 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

zum Krieg gegen Kantakuzenos zu bewegen. Zugleich sollte sich 
der Palaiologe von Helena Kantakuzena scheiden, sie den Serben 
ausliefern und eine jüngere Schwester der serbischen Kaiserin 
heiraten. Als Kantakuzenos davon erfuhr, bewog er die Kaiserin 
Anna, nach Thessalonich zu reisen und durch persönliches Ein- 
greifen diese Pläne zu vereiteln ^), Das byzantinische Reich wurde 
zur selben Zeit durch Subsidien von Seite Venedigs in den See- 
krieg zwischen beiden Republiken verwickelt. Vor Konstantinopel 
spielte sich eine der größten Seeschlachten des Mittelalters ab, an 
der 130 — 140 große Kriegsschiffe beteiligt waren (13. Februar 
1352). Die eine Partei bildeten die Venezianer und ihre Ver- 
bündeten, die Ai-agonier und die Griechen, die andere die Genuesen 
allein. Auf dem asiatischen Ufer des Bosporus standen als Zu- 
schauer die Reiter und Fußgänger Orchans, Freunde Genuas. Die 
gewaltige Schlacht bheb unentschieden. Nach der Abfahrt der 
Venezianer fürchtete Kantakuzenos von den Genuesen und Türken 
belagert zu werden und schloß (im Mai) rasch einen Separatfrieden 
mit Genua. Die Fortsetzung des Seekrieges hatte ihren Schau- 
platz im Westen, an den Gestaden von Sardinien, Istrien und 
Morea, bis zum Abschluß des Friedens, der, wie immer, nur eine 
Erneuerung der früheren Verhältnisse zwischen beiden Seerepu- 
bliken brachte (1355). 

Den Wiederausbruch des Bürgerkrieges beschleunigte eine neue 
Einteilung der Provinzen. Kaiser Johannes Palaiologos erhielt das 
bisherige Gebiet des Matthaios Kantakuzenos in der Rhodope, dazu 
auch Dimotika und Enos, während dem Matthaios Adrianopel mit 
Umgebung zugewiesen wurde. Die persönliche Feindschaft zwischen 
beiden Rivalen führte zum Krieg (Sommer 1352). Sein Ausbruch 
steht mit einem weltgeschichtlichen Ereignis in Verbindung, mit 
der ersten Festsetzung der Türken in Europa. Orchans Sohn 
Suleiman, der in Pegai (jetzt Bigha) östHch vom Hellespont wohnte, 
besetzte die kleine Burg Tzympe auf der Halbinsel von Kallipohs. 
Der Palaiologe belagerte den Matthaios auf der Akropolis von 
Adrianopel, wurde aber vom alten Kantakuzenos mit einem kleinen 



1) Kantakuzenos IV c^p. 27, Gregoras XXVII cap. 16. Die 
Schwester der Helena hieß Theodora: Spomenik 29, 9. 



Stephan Dusan (1331—1355). 405 

Heere von Griechen, Kataloniern und Türken vertrieben. Darauf 
suchte und fand er Hilfe bei den beiden slawischen Zaren, Stephan 
und Alexander ; seinen jüngeren Bruder Michael Palaiologos sendete 
er als Geisel zu den Serben. Bald erschienen einige tausend 
serbische und bulgarische Reiter bei Dimotika, die Serben geführt 
vom Schatzmeister (kaznac) Borilovid ^). Kaiser Johannes eilte 
nach Enos, wo eben eine venezianische Flotte unter Marino Falieri 
(dem späteren Dogen) und Niccolo Pisani vor Anker gegangen 
war, und schloß mit den Venezianern eine Anleihe von 20 000 
Dukaten ab, gegen Abtretung der wichtigen Insel Tenedos, des 
Schlüssels zur Einfahrt in den Hellespont -). Rasch eilte er nach 
Dimotika zurück, erhielt aber unterwegs die Nachricht von einer 
schweren Katastrophe. Seine Griechen, Serben und Bulgaren 
rüsteten sich zum Angriflf auf die kleine Burg Empythion. Plötz- 
lich erschien vor ihnen ein großes Reiterheer. Es war der Prinz 
Suleiman, auf dem Marsch vom Hellespont nach Adrianopel zur 
Unterstützung des Kantakuzenos. Die Schlacht war ganz improvi- 
siert, denn keine der beiden Parteien hatte von der Nähe der 
anderen eine Kenntnis. Die Türken waren auf ihren schnellen, 
ausdauernden Pferden besser beritten als die Slawen und Griechen. 
Alle vornehmen Byzantiner wurden gefangen. Die Bulgaren ent- 
kamen rechtzeitig nach Dimotika. Die schwersten Verluste erlitten 
die Serben, müde vom Marsche, schlecht beritten und mit der 
Landschaft nicht vertraut. Nur ihr Feldherr konnte sich mit 
wenigen Begleitern durchschlagen; die übrigen wvu'den meist ge- 
tötet oder gefangen. Im Triumph kam Suleiman mit Gefangenen, 
Pferden und Zelten nach Adrianopel zu Kantakuzenos. Kaiser 
Johannes Palaiologos wurde aus Thrakien ganz verdrängt. Es 
blieb ihm nur Thessalonich, wo seine Mutter residierte, und die 
nördlichen Inseln des Agäischen Meeres, mit der Hauptfestung auf 



1) Die Serben zählten nach Kantakuzenos 7000, nach Gregoras 
4000 Mann. KaGrirlog 6 Mnon;Xoßixr]g des Kantakuzenos IV cap. 33 
ist vielleicht „Gradislavus Borilli vexillifer", einer der Zeugen in der (uned.) 
lat. Abtretungsurkunde von Stagno 1333. 

2) Vertrag vom 10. Oktober 1352 „in burgo Eni": Diplomatarium 
veneto-levantinum, Bd. 2 (Venedig 1899) nro. 8 p. 17 (Monumenti storici 
pubbl. dalla R. Deputazione Veneta, vol. IX). 



406 Viertes Buch. Drittes Kapitel. 

Tenedos. Er gab aber den Kampf nicht auf und erwies sich als 
unerschrockener Seefahrer. 

Kaiser Johannes Kantakuzenos erklärte nun seinen Kollegen 
Johannes Palaiologos für abgesetzt und proklamierte den Matthaios 
zum Mitkaiser (1353). Doch verringerte sich der Anhang der 
Kantakuzenen von Tag zu Tag, denn die Griechen sahen in ihnen 
die Urheber der wachsenden Türkengefahr. Vergeblich waren 
die Versuche, den Suleiman durch eine Geldsumme aus Tzympe 
wegzubringen. Da kam ein neues Unglück. Seit dem Herbst 
1 344 litt die Küste von Konstantinopel bis Kallipolis durch perio- 
dische Erdstöße. Am Vorabend des ersten Fastensonntages, des 
2. März 1354, folgte bei Einbruch der Nacht ein neues Erdbeben i). 
Die Mauern von KallipoHs stürzten ganz ein und die Einwohner 
flohen in der kalten Winternacht im Schnee und Regen sofort auf 
die zahlreichen im Hafen ankernden Schiffe. Am Morgen kamen 
die Türken aus Asien eilends hinüber. Suleiman besetzte das ver- 
lassene Kallipolis und die ganze Umgebung. Türkische Familien 
besiedelten die leeren Ortschaften, die Mauern wurden besser auf- 
gebaut, als sie früher waren, und starke türkische Heere plünderten 
ungehindert in Thrakien bis über die byzantinische Grenze hinaus. 
Mit Schrecken hörte man in den südslawischen Ländern, die Meer- 
enge mit der Überfuhr oder, wie die serbischen und bulgarischen 
Annalen naiv schreiben, die „Furt" (brod) von Kallipolis sei in 
die Hände der Türken gefallen. Auf die Proteste des Kanta- 
kuzenos antwortete Suleiman, er habe die Städte keineswegs ero- 
bert, sondern vom Erdbeben zerstört und menschenleer gefunden. 
Von den Slawen der Halbinsel bekamen zuerst die Bulgaren die 
Nachbarschaft der Türken von Kallipolis zu fühlen. Zwei Söhne 
des Zaren Alexander fanden den Tod in Schlachten gegen die 
Leute Suleimans, zuerst der dritte Sohn Johannes Äsen bei Sredec 
(Sofia), dann der älteste Sohn und Mitregent, der Zar Michael 
Äsen, ein Schwager der Kaisers Johannes Palaiologos -). 

1) Genaues Datum in den byz. Annalen bei Jos. Müller, S.B. der 
W. Akad. 9 (1852) 392. Zur Chronologie vgl. meine Bemerkungen in 
Arch. slaw. Phil. 14 (1892) 259. Vgl. Jorga, Latins et Grecs d'Orient et 
r<5tablissement des Turcs en Europe: Byz. Z. 15 (1906) 214 f. 

2) Bulg. Chronik: Arch. slaw. Phil. 13, 527; über die Chronologie 



Stephan Dusan (1331—1355). 407 

Die Türkengefahr beschäftigte seit der Niederlage der ser- 
bischen Hilfstruppen bei Dimotika ernstlich auch den Zaren Stephan 
Dusan. Nach dem Falle von Kallipolis wünschte er als ein vom 
Papste autorisierter Oberfeldherr der Christenheit gegen die Türken 
zu Felde zu ziehen. Sein Verhältnis zu den französischen Päpsten 
in Avignon war nicht immer gut. Einmal berichtete der Bischof 
Markus von Skutari, der Zar sei bereit, sich der Union der Kirchen 
anzuschheßen. Papst Klemens VI. schrieb (März 1347) voll Freude 
dem serbischen Herrscher und sendete auch Briefe an den mäch- 
tigen Protovestiar Nikolaus de Buchia, einen katholischen Catta- 
renser und Freund des Zaren, an den „Kaisar" Gregor Golubic 
und die Comites von Cattaro, Antivari und Skutari, mit der Auf- 
forderung, dieses lobenswerte Bestreben ihres Herrn zu unterstüt- 
zen ^). Die Beziehungen wurden aber bald gespannt, wahrschein- 
lich infolge der Agitationen der Anjous unter den Lateinern der 
Küstenstädte bei Antivari und den zwischen beiden Kirchen oft 
schwankenden Albanesen. Deshalb setzte Stephan in seinem Gesetz- 
buche strenge Bestimmungen gegen den Abfall zur lateinischen Kirche 
ein. Schon 1350 klagte man, Stephan habe Lateiner gewaltsam 
zum Beitritt zur orientalischen Kirche gezwungen und gegen die 
kirchlichen Bestimmungen nochmals taufen lassen -). Es gab auch 
Beschwerden über Wegnahme von Kirchen und Klöstern. Bald 
wurde wieder eine Annäherung versucht, wobei die Initiative von 
Stephan ausgingt). Eine feierliche Gesandtschaft des Zaren reiste 



(die Witwe Michael Aseas kehrte 1355 nach Konstantinopel zurück) eb. 14 
(1892) 261. Auch Orbini 472 weiß vom Tode des „Assegno" in einer 
Schlacht gegen die Türken. Dieser Johannes Äsen ist nicht zu verwechseln 
mit dem viel jüngeren gleichnamigen fünften Sohn des Zaren Alexander, aus 
zweiter Ehe. 

1) Theiner, Mon. Hung. 1, 734 — 735. An Buchia: „tu, qui eidem 
(dem Stephan) assistis familiariter ". 

2) „Stephanus, qui se cesarem seu regem Raxie facit comuniter no- 
minari", ließ Lateiner „contra formam ecclesie baptizari". Schreiben des 
päpstlichen Legaten Kardinal Guido aus Padua an den König von Ungarn 
und die Venezianer, Mai 1350: Ljubic 3, 186. 

3) Orbini 266 schreibt, Stephan habe den Nie. Buchia nach Frank- 
reich gesendet, um die Heirat seines Sohnes Uros mit einer Tochter des 



408 Viertes Buch. Drittes Kapitel 

(1354) über Venedig zu Papst Innozenz VI. nach Avignon, der Hof- 
richter Bozidar, der Statthalter von Serrai Nestegus und Damian 
von CattarO; ausgerüstet mit mündhchen Aufträgen und einem feier- 
lichen Schreiben ihres Herrn mit Goldsiegel ^). Stephan Du§an 
erklärte, er sei bereit, den Papst als Vater der Christenheit, wahren 
Stellvertreter Christi und Nachfolger des heiligen Petrus anzuer- 
kennen, was ihm bei dem Bruch mit der Konstantinopler Kirche 
nicht schwer fallen konnte. Ferner brachte er zur Kenntnis, er 
habe in seinem Reiche jede Wiedertaufe der Lateiner strenge ver- 
boten, die ihnen weggenommenen Kirchen und Klöster zurück- 
gegeben und den abgesetzten lateinischen Bischöfen, Äbten und 
Priestern die freie Rückkehr erlaubt. Er wünschte auch eine 
päpstliche Gesandtschaft bei sich zu sehen. Seine Gesandten über- 
reichten das Schreiben dem Papste mit geziemender Rede in einer 
feierlichen Audienz in Anwesenheit der Kardinäle und bestätigten 
die Wahrheit ihrer Mitteilungen eidlich durch Berührung der 
Evangelien. Das Schreiben Stephans wurde vom Papste in Villa 
Nova, dessen Rundtürme sich am westlichen Ufer der Rhone 
gegenüber Avignon erheben, freundlich beantwortet (29. August 
1354); merkwürdigerweise ist in dieser Korrespondenz der Kaiser- 
titel gar nicht berücksichtigt und der Adressat nur als „rex Rassie" 
bezeichnet. Indessen war als päpstlicher Vertreter ein dalmati- 
nischer Bischof bei Stephan gewesen, Bartholomäus, zuerst Bischof 
von Cattaro, seit 1349 von Trau, welcher vielleicht schon von 
Cattaro aus die persönliche Freundschaft des serbischen Herrschers 
gewonnen hatte 2). Zar Stephan beglaubigte diesen Bischof als Über- 
bringer seiner Wünsche, welche die Rettung der Christen von den 
Bedrückungen der Türken zum Gegenstand hatten. Vor allem 



franz. Königs (also Philipp VI. oder Johanns des Guten) vorzubereiten. Ur- 
kundlich ist nichts darüber bekannt. 

1) Empfehlung der serb. Gesandten von Venedig an den Papst im 
Juni 1354: Ljubic 8, 264. Päpstl. Urkunden: Th einer, Mon. Hung. 2, 
8—17; vgl. Raynald, Ann. eccl. Bd. 16 (zu 135i). 

2) Der Papst an Zar Stephan über Bischof Bartholomäus , „ cum sit 
tibi familiariter notus", einst „apostolice .sedis nunc jus" im Lande: T h ei- 
ner a. a. 0. 2, 12. Die Zeitfolge der Reisen des Bartholomäus ist aus 
Eaynalds Annalen und aus Theiners Sammlungen nicht klar. 



Stephan Dusan (1331—1355). 40» 

wollte er von der Kirche zum „Kapitän" gegen die Türken er- 
nannt werden ^). Die versprochene große päpstliche Gesandtschaft 
nach Serbien wurde aber erst zu Ende des Jahres ernannt und 
ihr Beglaubigungsschreiben in Avignon am Weihnachtsabend 
(24. Dezember 1354) ausgefertigt. Es war der Bischof Bartholo- 
mäus von Trau und als sein Begleiter der gelehrte Franzose 
Peter Thomas aus Perigord, damals Bischof von Patti und Lipari 
in Sizilien, später Erzbischof von Kreta und lateinischer Titular- 
patriarch von Konstantinopel, nach seinem Tode als Heiliger ver- 
ehrt. Das Anerbieten Stephans, die Türken zu bekämpfen, be- 
grüßte der Papst mit großer Freude. Der Papst werde ihn nicht 
nur in dem Amte des Kapitäns (in huiusmodi capitaneatus officio), 
sondern auch bei anderen ähnlichen Wünschen mit der aposto- 
lischen Gunst begleiten und wünsche ihm nach Vollendung der 
im Dienste des Herrn geführten Kriege lange Jahre glücklichen 
Friedens. Die päpstlichen Gesandten wurden durch eigene Schrei- 
ben auch der Helena und dem Uros, dem Patriarchen Johannicius, 
der indessen schon gestorben war, und allen Erzbischöfen und 
Bischöfen von Serbien und Albanien, ferner dem Sevastokrator 
Dejan, dem Despoten Oliver, dem „Cäsar" Preljub, dem Groß- 
logotheten Gojko, dem deutschen Feldherrn Palmann und anderen 
Edelleuten anempfohlen. Sie reisten über Italien, wo sie in Pisa 
Karl IV. auf der Fahrt von der Krönung mit der lombardischen 
Krone in Mailand zur Kaiserkrönung in Rom antrafen. Der Kaiser 
und zugleich König von Böhmen gab ihnen (19. Februar 1355) 
ein Empfehlungsschreiben mit, in welchem er Stephans Absicht, 
sich der Einheit der Kirche anzuschließen, lobte und ihn als „teuer- 
sten Bruder" begrüßte, der mit ihm durch Gemeinsamkeit nicht 
nur des Herrscherberufes, sondern auch der „edlen slawischen 
Sprache" verbunden sei 2). 

An die Stelle des geplanten großen Feldzuges gegen die 
Türken trat aber inzwischen ein neuer Krieg zwischen Stephan 



1) „ Desiderabas ab eadem ecclesia, matre tua , contra Turchos ipsos 
capitaneus ordinari", eb. 2, 12. 

2) „Eiusdem nobilis slavici idiomatis participatio", „eiusdem generosae 
linguae sublimitas". Bei Palaeky, Gesch. von Böhmen (böhm.) 2, 2 
(Prag 1876) 107. 



410 Viertes Buch. Drittes Kapitel, 

von Serbien und Ludwig von Ungarn. Die Details sind wenig 
bekannt. Wir wissen nur, daß Ludwig Mitte Juni 1354 in Belgrad 
war und daß Stephan Mitte August am Flusse Brusnica unterhalb 
Rudnik lagerte ^). Im Kloster Zica hatte der Zar eine Bespre- 
chung mit dem Patriarchen Joannikij, den er eigens in sein Lager 
berufen hatte, wahrscbeinUch wegen der gleichzeitigen Verhand- 
langen mit der päpstlichen Kurie. Doch der Patriarch verfiel dort 
nach wenigen Tagen in eine schwere Krankheit, wurde nach Pec 
zurückgetragen, starb aber unterwegs schon im Dorfe Polumir 
am Ibar (3. September 1354). Das Heer Ludwigs litt durch die 
sumpfige Luft an der Donau und Save und mußte sich zurück- 
ziehen; ein Opfer der Seuche wurde auch der jüngere Bruder des 
Königs, der Herzog Stephan von Slawonien (9. August) -). Zar 
Stephan zog ab in den Süden seines Reiches, wo er fortan ver- 
blieb. Im Herbst wurde in Serrai auf einem Reichstag Sava, 
bisher Igumen von Chilandar, zum Patriarchen eingesetzt, worauf 
der Hof in derselben Stadt überwinterte ^'). Aus Konstantinopel 
trafen wichtige Nachrichten ein. Die Situation war dort ganz 
verzweifelt; viele Griechen waren mit beiden Parteien, den Palaio- 
logen und Kantakuzenen, unzufrieden und hätten sich gern Venedig, 
Ungarn oder Serbien unterworfen, nur um Schutz gegen die Türken 
zu finden ^). Vor Jahresschluß (Ende 1354) nahm Kaiser Johannes 
Palaiologos Konstantinopel mit Hilfe der Genuesen durch einen 
nächtlichen Überfall. Kaiser Johannes Kantakuzenos mußte als 
Mönch Joasaph ins Kloster gehen, wo er sein Memoirenwerk und 
zwei Schriften gegen den Islam verfaßte ^). Sein Sohn, Kaiser 
Matthaios Kantakuzenos, behauptete sich mit Hilfe der Türken im 

1) Urk. Kg. Ludwigs vom 16. Juni 1354 aus Belgrad: Dr. M. Wert- 
uer, Itinerar des Königs Ludwig I. im Vjesuik zem. ark. 5 (1903) 126. 
Urk. des Zaren Stephan vom 14. August 1354, „na Brusuice pod Rud- 
nikom": Spomenik 3, 56: Florinskij, Pamjatniky 46. 

2) Vgl. P. Markovic, Letopis 223 (1904) 166. 

3) Daniel 379—380. Urk. Stephans aus Serrai vom Febr. 1355: 
Pucic 2, 22 nro. 26. 

4) Schreiben des veuez. Bailo aus Konstantinopel 6. Aug. 1354: 
Ljubic 3, 266. 

5) Beide Schriften wurden von den Serben übersetzt; vgl. Miklosich, 
Chrestomathia palaeoslovenica (Wien 1854) 59—63. 



Stephan Dusan (1331—1335). 411 

Rhodopegebiete. Stephan Dusan, der diese Vorgänge mit Auf- 
merksamkeit verfolgte, hielt (wohl im Frühjahr 1355) wieder einen 
Reichstag im Süden ab, in Krupista (jetzt Chrupista) bei Kastoria ^). 
Um diese Zeit trafen die päpstlichen Gesandten ein. Am ser- 
bischen Hofe fanden sie, kühl und stolz empfangen, eine durch 
den ungarischen Krieg vollständig veränderte Situation -). Die 
Verhandlungen zerschlugen sich, da Bischof Peter gar zu sehr im 
Interesse Ungarns auftrat; er reiste aus Serbien sofort zu König 
Ludwig, um ihn zum Krieg gegen Stephan auzueifern 3). Ludwig 
hatte schon im März wieder ein Heer gegen die Serben gesammelt. 
Die Venezianer fürchteten, er werde sich in Wirklichkeit nach 
Dalmatien wenden. Im Mai (1355) wurde ein Friede oder Waffen- 
stillstand zwischen Ludwig und Stephan erwartet, doch haben sich 
darüber keine Nachrichten erhalten ^). Aus den Berichten des 
Florentiners Villani ist klar zu ersehen, daß Ludwig in der näch- 
sten Zeit nichts jenseits der Donau und Save besaß; Zar Stephan 
hatte also die gewünschte Grenzlinie behauptet. 

Seit September 1355 unterhandelten die Venezianer mit der 
Schwester des Zaren, der Comitissa Helena, Witwe des Mladen 
Subic, wegen des Ankaufes von Clissa und Scardona '^). Anderer- 
seits bemühte sich um diese Plätze König Ludwig, unterstützt 
vom jungen bosnischen Ban Tvrtko und von Tvrtkos Mutter 
Helena. Bald traf in Venedig die Nachricht ein, Zar Stephan 
wolle die Festungen seiner Schwester mit seinen Leuten besetzen. 



1) Florinskij, Pamjatniky 47. Krupista: vgl. Arch. slaw. Phil. 22 
(1900) 170. 

2) Legendenhafte Vita des Peter Thomas, verfaßt bald nach seinem 
Tode (t in Famagusta auf Zypern 1366) in Avignon von Philipp de 
Me zier es, Kanzler des Königs von Zypern; erwähnt den zweiten Gesandten 
Bischof Bartholomäus gar nicht. Acta S.S. zum 29. Jänner; das Stück 
über Serbien abgednickt von Daniele im Glasnik 21 (1867) 277 f. Vgl. 
N. Jorga, Philippe de Mezieres 1327—1405 (Paris 1896) p. 135 f., 344. 

3) Bischof Peter kehrte erst kurz vor dem 1. Mai 1356 nach Avignon 
zurück; an diesem Tage forderte der Papst den Bischof Bartholomäus auf, 
so bald' als möglich mündlich zu berichten. T h e i n e r , Mon. Slav. 1 , 234. 

4) Vgl. Hub er im Archiv f. österr. Gesch. 66 (1885) S. 26. Briefe 
des venez. Comes von Ragusa: Ljubie 3, 270, 272, 273. 

5) Korrespondenz darüber: Ljubie 3, 271 if. 



412 Viertes Bucb. Drittes Kapitel. 

In der Tat trafen zwei serbische Feldherren ein, wahrscheinlich 
zur See, in Clissa der deutsche Söldnerführer Palmann, in Scardona 
der alte Gjuras, Sohn des Ilija, begleitet von Brüdern, Söhnen 
und Neffen. Aber ihre Lage wurde bald bedenklich. Die Vene- 
zianer sendeten Giacomo Delfino zum Zaren Stephan, um sich 
mit ihm wegen des Kaufpreises für die Burgen zu verständigen. 
Clissa war schon im Dezember vom königlichen Ban des küsten- 
ländischen Kroatiens derart eingeschlossen, daß der Verkehr 
mit der Burg nur nachts möglich war. In der Stadt Scardona, 
wo die Besatzung auch durch venezianische Soldaten verstärkt 
wurde, sträubten sich die Bürger gegen eine Herrschaft des „impe- 
rator Raxie", so daß Gjuras den Platz (10. Jänner 135G) den 
Venezianern übergeben mußte; dies hatte ihm Zar Stephan aus- 
drücklich für den Fall aufgetragen, wenn er sich nicht behaupten 
könnte. In CUssa kam Venedig zu spät; die Burg fiel in den 
Besitz des ungarischen Königs (März 1356). 

Zar Stephan Dusan erlebte den Ausgang der Sache nicht 
mehr. Er war im fernen Süden geblieben und urkundete am 
5. Dezember „unterhalb Ben'höa" (slaw. Ber) ^). Zwei Wochen 
nachher starb er, wir wissen nicht wo, Sonntag den 20. Dezember 
1355, erst ungefähr 48 Jahre alt, und wurde in seiner Stiftung, 
dem Erzengelkloster bei Prizren, begraben ^). 



1) Urk. datiert „pod Berom" (so Orig.): Pucic 2, S. 24 nro. 28; 
vgl. meine Kollation im Spomenik 11, 101. Nicht „unterhalb Ser" (Serrai), 
wie Daniele und Florinskij verbessern wollten. 

2) Orbini 268 schreibt, Stephan sei an Fieber gestorben, nach den 
einen in „Diavolopota in ßomania" (Devol südlich von Ochrid?), nach 
anderen aber in Nerodimlje. 



Viertes Kapitel. 

Verfall des serbischen Reiches unter dem Kaiser Uros 
(1555-1371). Kaiser Symeon in Thessalien (1356 bis 
1570 ?). König Vlkasin (1566—1571) und die Türken- 
schlacht an der Marica (1571) ^). 

Nach dem Tode des Zaren Stephan war das Haus des Nemanja 
auf zwei männliche Personen beschränkt, die einander als Neben- 



1) A) Quellen. Die Katsbücher von Ragusa haben eine Lücke 1368 
bis 1378. Die Biographie des Patriarchen Sava I. (Daniel ed. Daniele 381). 
Der serb. Rodoslov (Genealogie) in der ältesten Redaktion, verfaßt um 1371 
bb 1410: ed. Stojanovic im Glasnik 53 (1883) 1 — 13, der Kodex von Pec 
von demselben im Spomenik 3, 93 f. Wichtig für die Sagengeschichte ist 
das „Leben des Zaren Uros" vom serb. Patriarchen Paysij (aus dem 
17. Jahrb.), herausg. von Ilarion Ruvarac im Glasnik 22 (1867) 209—232. 
Nikephoros Gregoras (bis 1358) und Kantakuzenos (einzelne Nach- 
richten bis 1364). Die griech. Chronik von Janina (1355 — 1400), verfaßt von 
den Mönchen Komnenos und Proklos, herausg. von Gabriel Destunis 
(Petersburg 1858) und von Jefta Avramovic im Glasnik 14 (1862) 233 bis 
275. — B) Literatur. Über das Ende der Nemanjiden: Ilarion Ruvarac, 
Chronologische Fragen über die Zeit der Schlacht an der Marica, des Todes 
des Königs Vukasin und des Todes des Zaren Uros: Godisnjica 3 (1879) 
214—226. Ljubomir Kovacevic, König Vukasin ist nicht der Mörder 
des Zaren Uros, eb. 404 — 416. Dagegen P. Sreckovic, Der König Vu- 
kasin hat den Zaren Uros getötet, serb., Belgrad 1881. Const. Jirecek, 
Der serb. Zar Uros, König Vlkasin und die Ragusaner: Gas. ces. musea 60 
(1886) 1—26, 241—276; dasselbe deutsch im Auszug in den S.B. der 
kgl. böhm. Gesellsch. d. Wiss. in Prag 1885, 114 — 141. Über die Balsici: 
C. Mijatovie im Glasnik 49 (1881) und 66 (1886); Georg von Strati- 
mirovic in der Godisnjica 15 (1895); Giuseppe Gelcich, La Zedda e 
la dinastia dei Bal§idi, Spalato 1899. Novakovic, Die Serben und Tür- 
ken im 14. und 15. Jahrb., serb., Belgrad 1893, 119f. 



414 Viertes Buch. Viertes Kapitel. 

buhler entgegentraten. Es waren Stephans Sohn Uros und Stephans 
Halbbruder Symeon. Diese beiden jungen Männer besaßen nicht 
die Eigenschaften, um ein großes, neu erweitertes Reich in be- 
wegten Zeiten mit starker Hand zu leiten. Bald gab es Stürme im 
ganzen Lande ^). Die Kaiserin Helena besaß im Osten Serrai, im 
Westen Dulcigno. Sie legte bald den Schleier an, mit dem 
Klosternamen Elisabeth, und erlebte nach kurzer Zeit den völligen 
Zusammenbruch alles dessen, was ihr verstorbener Gatte aufgebaut 
hatte -). Thronfolger war unzweifelhaft Uros, der sich nun „Stephan 
Uros, Kaiser der Serben und Griechen" schrieb. Er war un- 
gefähr 1 9 Jahre alt, hatte sich aber durch keine glänzenden Taten 
bemerkbar gemacht, wie einst sein Vater in demselben Alter. Der 
Verfasser der älteren Genealogie (des „ Rodoslo v") der serbischen 
Herrscher schildert ihn als einen Jüngling von schöner Gestalt, 
jugendlich in seiner Sinnesart, allzu gnädig und sanft; die Rat- 
schläge der Alten wies er zurück und hielt sich an den Rat der 
Jüngeren und kam endlich zum Schaden durch seine eigenen 
Höflinge, von denen er viele Kränkungen erdulden mußte 3). Bald 
heiratete er (1360) Anna, eine Tochter des Alexander, Fürsten 
der Walachei; eine Schwester dieser neuen serbischen Kaiserin 
war Gattin des bulgarischen Thronfolgers, des Zaren Johannes 
Sracimir, wie denn die Heirat wohl von der Mutter des Uros ver- 
mittelt war, die dadurch einen neuen Anschluß an ihre bulgarische 
Verwandtschaft suchte^). Stephans Halbbruder Despot Symeon, 

1) KantakuzenosIVcap. 43;Gregoras XXXVII cap. 13 (betrachtet 
Symeon irrig als den Sohn des Zaren Stephan) ; Chronik von Janina cap. 3 f. 

2) Als Elisabeth schon im Jahre 6868 = 1. Sept. 1359 — 31. Aug. 
1360: Stojanovic, Zapisi 1 nro. 116. 

3) Rodoslov: ed. Safafik, Pamätky 54, ed. Stojanovic im Glasnik 53 
(1883) 12. 

4) Glückwünsche der Ragusaner „domino imperatori Sclavorum" zur 
Hochzeit im Juli 1360: Mon. Rag, 2, 293. Anna, Carica des Uros im 
Pomenik ed. Novakovic, Glasnik 42 (1875) 29. „Ancha, regina Servie", der 
Orient. Kirche treu: Th einer, Mon. Hung. 2, 95 (Jänner 1370). Orbini 
269 hält sie für die erste Frau, die Uros verstoßen habe, um eine Tochter 
des serb. Magnaten Vojislav zu heiraten. Doch war Vojislav eher Schwager 
des Uros, Gatte seiner Schwester, von Uros in einer Urkunde (Mon. serb. 
169) als „brat" (Bruder) bezeichnet, ebenso wie Stephans Schwager Dejan 
als dieses Zaren „brat" (ib. 143) erscheint. 



Die Zaren Uros und Symeon (1356). 415 

damals Statthalter in Epirus, war etwas älter, ungefähr 28 Jahre, 
besaß aber auch kein militärisches oder politisches Talent. Den 
Serben war er überdies nicht genehm als Halbgrieche, von Seite 
seiner Mutter und seiner Frau. Es ist charakteristisch, daß er 
meist mit einem verkleinernden Spitznamen erscheint, als „Sy- 
meonchen " (Sym^e , Simsa oder Semsa) ; noch jetzt kennt die 
Volkstradition den Bruder Dusans als Sinisa ^). 

Symeon wollte Nachfolger seines Bruders werden, vielleicht 
nur als Mitregent seines Neffen. Er hat ja während der Kindheit 
des Uros als eventueller Nachfolger gegolten -). Nun versammelte 
er bei Kastoria ein Heer von ungefähr 5000 Serben, Albanesen 
und Griechen, ließ sich zum „Kaiser der Griechen, Serben und 
von ganz Albanien" proklamieren und schrieb sich, um serbische 
und griechische Ansprüche zu vereinigen, Symeon Uros Palaio- 
logos 2). Zahlreiche Adlige schlössen sich ihm an, besonders sein 
Schwiegervater, der Despot Johannes Komuenos in Valona. Durch 
die Angriffe der Serben und Wlachen litt während des Krieges 
(Juli 1356) besonders die Stadt Berat, damals Besitz des Des- 
poten Johannes^). Zur Gewinnung von Anhängern wurden Hof- 
titel nach byzantinischer Art von beiden Parteien freigebig ver- 
schenkt, auch an kleinere Herren; so finden wir im Küstenlande 
zwischen Valona und Durazzo einen Albanesen Blasius Matarango 
als „Sevastokrator", am See von Prespa einen Serben Novak 
als „Kaisar". Doch die Anhänger des Uros waren zahh'eicher. 
Der Statthalter von Thessalien, der „Kaisar'' Preljub, starb bald 
nach dem Zaren Stephan. Seine Witwe heiratete Hlapen, der 
Statthalter von Berrhöa und Voden, ein Gegner Symeons. Dem 
Uros treu blieb auch der Sevastokrator Branko Mladenoviö in 



1) Symce (so im Orig.) Mon. Rag. 2, 193; Simsa, Spomenik 11, 32 — 33; 
Semsa im Pomeuik, Glasnik a. a. 0. Bei Orbini 270 Sinissa, „debile e di 
poco valore". 

2) Mon. serb. 116 (1342). 

3) Alle erhaltenen Urk. des Symeon sind griechisch. Faksimile bei 
Heuzey, Revue archeolog. 1861, wiederholt im Glasnik 18 (1865). Vgl. 
Spomenik 9, 28. 

4) Gleichzeitige Notiz im JtXTi'ov der hist. Ges. 4 (1892) 276 f. 



416 Viertes Buch. Viertes Kapitel. 

Ochrid mit seinen drei Söhnen: dem „Kaisar" Gregor, dem nachher 
berühmten Vlk und dem Mönch von Chilandar Roman ^). 

Das ganze Unternehmen Symeons wurde lahmgelegt durch 
eine Bewegung unter den Griechen des Südens. Auf die Nach- 
richt von den Wirren in Serbien erschien (im Frühjahr 1356) an 
der thessalischen Küste mit Kriegsschiffen aus Enos der Despot 
Nikephoros und gewann mühelos Thessalien und Epirus. Die 
Griechen waren überall für den Nachkommen der alten Landes- 
fürsten, die Albanesen gegen ihn. Nikephoros wollte nämlich durch 
eine gewaltsame Restauration den Grundbesitz auf die Zustände 
vor acht Jahren zurückbringen, die Albanesen vertreiben und die 
Griechen in ihr Erbe einsetzen. Dabei suchte er eine Annäherung 
an die Serben und unterhandelte sowohl mit Symeon, seinem 
Schwager, als mit der Kaiserin Helena. Er war bereit, seine Frau, 
die Tochter des gestürzten Johannes Kantakuzenos, den Serben 
auszuHefern und eine Schwester der Helena zu heiraten, wohl 
<lieselbe, die vor wenigen Jahren dem Kaiser Johannes Palaiologos 
zugedacht war. Die Frau des Nikephoros floh jedoch rechtzeitig 
aus Arta zu ihrem Bruder Manuel Kantakuzenos nach Morea. 
Aber bald folgte ein Aufstand der Albanesen. Nikephoros wurde 
mit seineu griechischen Stratioten und türkischen Söldnern am 
Acheloos (jetzt Aspropotamo) von den albanesischen Edelleuten 
mit ihrem leicht beweglichen Kriegsvolk vollständig geschlagen 
und fiel im Kampfe (1358)-). Symeon erneuerte von Kastoria 
aus wieder die serbische Herrschaft im Süden. In Arta und Janina 
wurde er als Kaiser begrüßt, schlug aber seine Residenz in Thes- 
salien in der Stadt Trikala auf In Epirus blieb sein Einfluß ein- 
geschränkt durch die Sieger über Nikephoros, die Albanesen, 
welche am Acheloos und in Arta die wirklichen Landesherren 
waren. 

Zu gleicher Zeit war der erwartete neue Krieg zwischen 
Venedig und Ungarn ausgebrochen. Die Venezianer ließen nach 



1) Griechische Inschrift des Kaisar Gregor vom August 1361 ia 
Zaum bei Ochrid: Miljukov, Izvestija arch. inst. 4, 1 (1899) 84; Jordan 
Ivanov, Bulgarische Denkmäler aus Makedonien, bulg., Sofia 1908 S. 218. 

2) Kantakuzenos IV cap. 43, Das Jahr 6866 = 1. Sept. 1357 
bis 31. Aug. 1358 in der Chronik von Janina. 



Zar Uros (1355—1371). 417 

des Zaren Stephan Tod den Bund mit Serbien als wertlos ganz 
fallen; es war ein verspäteter Verweis, wenn ihnen der Papst 
wegen der Liga mit den ketzerischen Serben einen Tadel zu- 
kommen ließ ^). Als Ludwig vom Papste zum Feldherrn der 
Kirche gegen die serbischen Schismatiker ernannt worden war 
und ein ungarisches Heer (im Frühjahr 1356) in Agram angeblich 
gegen Uros zusammengezogen wurde, ließ sich Venedig überraschen. 
Die Ungarn wendeten sich unerwartet nach Friaul und bestürmten 
das venezianische Treviso. 

Durch diese unruhigen Zeiten erklärt es sich, daß die Ragu- 
saner nach des Zaren Stephan Tod lange mit den üblichen 
Schritten um Wiederbestätigung ihrer Privilegien zögerten. End- 
lich im April 1357 versammelte sich der serbische Reichstag in 
Skopje, in Anwesenheit des Zaren Uros, des Patriarchen, der 
alten Kaiserin , des Adels und Klerus ^). Die ragusanischen Ge- 
sandten trafen den Uros in demselben Monat in Prizren und er- 
hielten von ihm die Bestätigung ihrer Rechte durch eine Reihe 
von Urkunden. Der größte Gewinn war die Schenkung der Ab- 
hänge über den Weingärten der Stadt, von Breno bis Kurilo 
(jetzt Petrovo selo). Als im Herbst ein albanesischer Adliger 
aus Valona als Gesandter Symeons nach Ragusa kam, sprachen 
die Ragusaner ihre Bereitwilligkeit aus, bei dem Abschluß eines 
Friedens zwischen Symeon und seinem Neffen mitzuwirken ^j. 

Zu einer Ordnung aller Verhältnisse wäre eben die beste 
Zeit gewesen, denn die Ungarn, Bosnier, Byzantiner und Türken 
waren alle anderswo beschäftigt. König Ludwig zwang (1357) 
den jungen Ban Tvrtko, ihm den Norden Zachlumiens von der 
Cetina bis zur Narenta abzutreten, als Mitgift der Elisabeth, 
Tochter des Bans Stephan IL Tvrtko wurde verpflichtet, abwech- 
selnd mit seinem Bruder Stephan Vlk am ungarischen Hofe zu 
verweilen und daheim die Patarener zu verfolgen, was zu einer 



1) Ljubic 3, 327 (Juli 1356). Urk. über den beabsichtigten Zug 
Ludwigs gegen Orosius, rex Rassiae: Raynaldi Ann. eccl. Bd. 16, 1356 
cap. 24 f. 

2) Urkunden: Mon. serb. 155 f. 

3) Mon. Rag. 2, 193 (5. Sept. 1357). 

Jirecek, Geschichte der Serben. I. 27 



418 Viertes Buch. Viertes Kapitel. 

großen Bewegung unter dem bosnischen Adel führte ^). Den 
Venezianern ging es in Dalmatien schlecht. An demselben Tage 
wurden die venezianischen Besatzungen von den Bürgern von 
Spalato und Trau plötzhch vertrieben (Juli 1357). Im Dezember 
besetzten die Truppen des Königs Ludwig Zara durch einen 
nächtlichen Überfall, im Einverständnis mit den Einwohnern. 
Bei den Türken hat der älteste Sohn Orchans, der Thronfolger 
Suleiman durch einen Sturz vom Pferde unerwartet den Tod 
gefunden (1356). Von den andern Söhnen wurde ChaUl von 
griechischen Seeräubern gefangen und von dem byzantinischen 
Statthalter von Phokaia bei Smyrna Johannes Kalothetos zwei 
Jahre lang (1356 — 1358) gefangen gehalten. Orchan bat den 
Kaiser um Vermittlung, Kalothetos verweigerte jedoch den Ge- 
horsam, mußte von Johannes Palaiologos belagert werden und 
gab den kostbaren Gefangenen erst gegen hohe Würden und eine 
große Geldsumme heraus. Während der Gefangenschaft Chahls 
hatte Thrakien, wie Gregoras berichtet, endHch einmal Ruhe; die 
türkischen Raubzüge hörten auf, das Land wurde wieder gangbar 
und erfreute sich an einer reichen Weinlese, 

Damals fand auch das Kaisertum des Matthaios Kantakuzenos 
im Rhodopegebiet ein jähes Ende (Sommer 1357)-). Er ver- 
suchte einen Angriff auf die Serben, wahrscheinlich um aus dem 
Kampfe zwischen Uros und Symeon Vorteil zu ziehen. Geheime 
Verbindungen mit einigen serbischen Adligen lockten ihn in eine 
Falle. Mit 5000 Türken aus verschiedenen Emiraten, die ihm 
sein Freund Orchan gesendet hatte, ritt der jüngere Kantakuzenos 
durch den Paß von Christopolis. Vor Serrai, wo sich die Kaiserin 
Helena befand, stieß er unerwartet auf ein starkes, vom Zaren 
Uros gesendetes Heer unter dem „Kaisar" Vojihna {Botxvag), dem 
Befehlshaber von Drama, und wurde vollständig geschlagen. Im 
Abenddunkel verbarg er sich zu Pferde in dem Schilf eines 
Sumpfes bei dem aus dem Altertum berühmten Philippi, welches 
damals noch eine bewohnte Stadt war. Die Phihpper fanden den 



1) Ilarion Ruvarac, Glasnik bos. 6 (1894) 231, 611 = Wiss. Mitt. 
4 (1896) 828, 335. 

2) Kantakuzenos IV cap. 44—45. Gregoras XXXVII cap. 16. 



Zar Uros (1355—1371). 419 

Matthaios mit Hilfe von Jagdhunden und brachten ihn zum ser- 
bischen Feldherrn. Vojihna lieferte ihn mit Erlaubnis der Kaiserin 
Helena um große Geschenke dem Kaiser Johannes aus, welcher 
inzwischen des Rhodopegebiet besetzt hatte und dadurch Nachbar 
der Serben wurde. Für die Serben des Uros war der Sieg über 
Matthaios ein ebenso großer Erfolg, wie der Untergang des Nike- 
phoros für die Partei des Symeon. 

Der Krieg zwischen Ungarn und Venedig schloß mit dem 
Frieden von Zara (18. Februar 1358). Die Venezianer wurden 
für ein halbes Jahrhundert von der Ostküste des Adriatischen 
Meeres vollständig verdrängt, nach dem Wortlaut der Urkunde 
von der Mitte des Quarnero bis zu den Grenzen von Durazzo. 
Die ganze dalmatinische Küste bis zur Narenta kam mit allen 
Inseln unter ungarische Herrschaft, ebenso Ragusa, welches nun 
eine Republik wurde, mit monathch gewählten Rektoren aus dem 
Stadtadel. Der ungarische König bezog von den Ragusanem 
nur ein Jahrgeld und hatte in der Stadt keine Beamten und 
keine Besatzung. Nach den ungarischen Privilegien blieb Ragusa 
das Recht gewahrt, mit Serbien oder Venedig Handel zu treiben, 
auch wenn der König von Ungarn mit einem dieser beiden Staaten 
in Feindschaft wäre ^). 

Der Krieg zwischen Uros und Symeon war damals neuer- 
dings in Gang gekommen. Bis zur Donau gab es (Sommer 1358) 
in den kaufmännischen Kolonien eine Panik auf die Nachricht 
über einen Vorstoß Symeons nach Serbien, in die Landschaft von 
Skutari 2). Doch war dies der letzte Versuch. Der Süden des 
Reiches des Stephan Dusan blieb fortan getrennt vom Norden. 
Symeon hatte sich zu Hause in Thessalien gegen Hlapen zu ver- 
teidigen, der für seine Stiefkinder, die Kinder des Preljub, An- 
sprüche erhob. Als Hlapen die Burg Damasis ^) eroberte, schloß 



1) Starine 1, 144 — 145. Gelcich et Thalldczy, Diplomatarium 
relationum reipublicae RagusaDae cum regno Hungariae (Budapest 1887) 1 f. 

2) Brief eines Ragusaners aus Zeljeznik in Kucevo 3. Febr. 1359: 
Spomenik 11, 33. Nach Orbini 270 wurde Symeon von der Burg von 
Skutari zurückgeschlagen. 

3) Jetzt Dorf Dhamasi am Xerias, nw. von Larissa, auf türkischem 
Boden nahe bei der Grenze des Königreichs Griechenland. 

27* 



430 Viertes Bucli. Viertes Kapitel. 

Symeon mit ihm Frieden und gab seine Tochter Maria Hlapeus 
Stiefsohn, dem Thomas Preljubovic zur Frau. Am kaiserlichen 
Hofe zu Trikala gewannen griechische Familien großen Einfluß, 
besonders die Angeli, Verwandte von Symeons Frau. Unter ihnen 
waren auch Nachkommen des byzantinischen Mundschenks [itiy- 
vJgvrig), einst Statthalters des Kaisers Kantakuzenos in Thessalien, 
des Johannes Angelos, Das sind die „Epikernäer", wie sie Chal- 
kondyles nennt ^). Es gibt in Thessalien heute noch ein merk- 
würdiges Denkmal aus der Zeit Symeons: die zahlreichen Meteor- 
klöster, auf unzugänglichen Felsen bei der bischöflichen Stadt 
Stagoi gegründet von griechischen Eremiten. In Epirus setzte 
Symeon seinen Schwiegersohn Thomas als Despoten ein (1366 bis 
13^5). Unter dem Jubel der Einwohner zog der junge Serbe mit 
einem starken Heere in Janina ein, welches seit der Besetzung 
von Arta durch die Albanesen die Hauptstadt des Landes geworden 
war. Aber seine Macht war beschränkt durch den albanesischen 
Adel im Gebirge und im Süden des Landes, unter fortwährenden 
Fehden. Populär war seine Gattin, die „Kaiserin" {ßaailiaoa) 
Maria, die sich als Nachkomme der alten Landesfürsten „Angelina, 
Dukaina, Palaiologina" schrieb. Thomas selbst fand als gewalt- 
tätiger Dynast bei den Griechen wenig Freunde, wie dies die von 
den Mönchen Komnenos und Proklos verfaßte Stadtchronik von 
Janina ausführlich darlegt. Seine Hauptsorge war die Erhaltung 
seiner serbischen Truppen, durch Okkupation von Gütern der 
Archonten und der Kirche, durch Verheiratung der griechischen 
Witwen nach einer Seuche an die Serben und durch drückende 
Steuern und Monopole. Der mächtigste Mann im Süden wurde 
der zweite Despot des Landes, der energische Albanese Johannes 
Spata, der Herr von Arta. Seine Heirat mit des Thomas Schwester 
Helena verhinderte nicht den Ausbruch neuer Kämpfe zwischen 
den Herren von Janina und Arta. Der nächste fränkische Nachbar 
wurde der neue, von dem lateinischen Titularkaiser (1357) ein- 
gesetzte Pfalzgraf von Kephallenia und Zante, Leonardo Tocco, 



1) 'EnixiQvaToi: vgl meine Zusammenstellung in der Byz. Z. 18 
(1909) 585 (zur Form vgl. in Bulgarien im 14. Jahrh. „epikernij" für 
Ttiyx^QVTis). 



Zar Uros (1355-1371). 421 

ein neapolitanischer Ritter aus Benevent, der Stammvater der letzten 
epirotischen Dynastie, 

König Ludwig wendete sich nach der Gewinnung Dalmatiens 
gegen die Serben. Im Donaugebiet wurde während der inneren 
Wirren ein serbischer Edelmann von einem mächtigen Nachbarn 
arg bedrängt. Als er bei Uros kein Recht finden konnte, bat er 
Ludwig um Hilfe und besiegte mit ungarischen Truppen seinen 
Nebenbuhler, der in der Schlacht fiel ^). Dadurch gewann der 
König einen guten Übergang über die Donau. Im Frühjahr 1359 
kam ein starkes ungarisches Heer, in welchem sich auch deutsche 
Ritter, wie Graf Ulrich von Cilli befanden, über den Fluß, schlug 
am Fuß der großen Gebirge (grandi montagne di Rascia) das 
serbische Heer nach hartem Kampfe und drang acht Tagemärsche 
weit in das Land ein, wohl in die Berge von Rudnik. Beute gab 
es wenig, da die Serben alles in die Wälder fortgeschaflft hatten. 
Zar Uros, der „chayser von Syrvey'* des Suchen wirt, zog sich in 
die unzugänglichen Waldgebiete zurück, wohin ihm niemand ohne 
großen Schaden folgen konnte. Die serbischen Bauern beunruhigten 
das ungarische Heer ohne Unterlaß. Im Hochsommer kam König 
Ludwig persönlich mit einem zweiten Heer, lagerte bei den Berg- 
werken von Rudnik, aber seine Großen erlaubten ihm nicht weiter 
in die Gebirge zu ziehen. Nach einem Monat kehrte er wieder 
zurück -). 

Ragusa, nunmehr unter ungarischer Hoheit, bekam die Ver- 
änderung zu fühlen. Nachbar der Stadt war einer der einfluß- 
reichsten Männer des serbischen Hofes, der Knez Vojislav, Sohn 
des Vojno, Statthalter von Canali, Trebinje, Gacko, Drina, Sjenica 
usw. Uros hat ihm auch den Titel eines „Knezen" von Zachlumien 
verliehen. Als König Ludwig in Serbien einbrach, verlangte Vojis- 



1) Berichte des Matteo Villani IX cap. 22, 32. Suchenwirts 
Lobrede in deutscheu Versen auf Ulrich von Cilli bei Huber, Archiv f. 
Ost. Gesch. 66 (1885) 28. Vgl. Huber, Geschichte Österreichs 2, 226. 

2) König Ludwig urkundet 31. Mai in Slankamen, 25. Juni in Rudnik, 
6. Juli „in Servia", 22. Juli 1359 wieder in Visegrad bei Ofen. Vgl. 
D. Grub er über die Zeit Ludwigs I. in Dalmatien, im Rad 168 (1907) 
186 A. 1 und M. Wertner, Itinerar Ludwigs L, im Vjesnik zem. ark. 5 
(1903) 129. 



433 Viertes Buch. Viertes Kapitel. 

lav von den Ragusanern unter Drohungen die Abtretung von 
Stagno ; es gehöre ihm als Residenz des „comes Chelmi", eine 
Zumutung, die nur Abweisung finden konnte. Nun wurde die 
Umgebung von Ragusa von den Serben verheert, zum Schluß 
aber der Friede um 4000 Perper erkauft (1359). Im folgenden 
Jahre erlangten die Ragusaner vom Zaren Uros in Sjenica ein 
neues Chrysobull über Handelsfragen (September 1360). Doch 
als König Ludwig wieder ein Heer gegen Serbien rüstete, begann 
Vojislav den Krieg von neuem, diesmal im Bund mit Cattaro 
(1361). Auf Befehl des Zaren wurden alle ragusanischen Kauf- 
leute in Serbien gefangengesetzt. Die Ragusaner beantworteten 
dies mit der Festnahme aller Handelsleute aus Cattaro und Prizren 
in ihrer Stadt und mit der Konfiskation der großen Deposite der 
serbischen Adligen. Sie fanden Freunde unter den Edelleuten der 
Zeta und blockierten mit ihren Kriegsschiffen die Küste, besonders 
den Golf von Cattaro. Auf die Tötung des Vojislav schrieb der 
Große Rat einen Preis von 10 000 Perper aus, dazu noch ein 
steinernes Haus in Ragusa, auf den Kopf eines jeden der Söhne 
Vojislavs einen Preis von 2000 Perper i). Um die Einstellung 
des Krieges bemühten sich lange vergeblich der Ban von Kroatien, 
welcher den Ragusanern Hilfstruppen nach Stagno gesendet hatte, 
der Ban von Bosnien durch seinen benachbarten Statthalter Zupan 
Sanko, des Milten Sohn, und die von den Cattarensern um Ver- 
mittlung ersuchten Venezianer. Erst am 22. August 1362 wurde 
der Friede zwischen Ragusa und Serbien in der Burg OnogoSt 
(jetzt Niksidi) unterzeichnet, mit Freigebung aller Deposite, Ent- 
lassung der Gefangenen, gegenseitiger Verzeihung aller Untaten 
und Wiederherstellung der alten Rechte, besonders des freien 
Handels. In der Urkunde erscheint der Krieg nur als eine Fehde 
der Ragusaner mit Vojislav und der kaiserlichen Stadt Cattaro, 
Zar Uros bloß als Friedensvermittler -). 

Man sieht, die Autorität des jungen Zaren war ganz im 
Rückgang, zurückgedrängt durch die Übermacht der Magnaten. 
Die kleinen Beamten, die Kefalijas (Gouverneure), Vojvoden und 



1) Mon. Rag. 3, 87. 

2) Mon. serb. 1G9— 171. 



Zar Uroä (1355—1371). 423 

Kastellane erscheinen nicht mehr als Vertreter des Zaren, sondern 
als Organe der einzelnen Großen. Der mächtigste Mann, Knez 
Vojislav Vojnovid, wurde damals als Freund der Venezianer durch 
eine Goldbulle des Dogen zum Bürger von Venedig ernannt ^). 
Er starb aber schon bald (1363) bei dem Wiederauftreten der 
Bubonenpest. Sein Gebiet verwaltete seine Witwe, die „domina 
romitissa", mit ihren wahrscheinlich unmündigen Söhnen, welche 
mit den Ragusanern in Frieden lebte. Noch bei Lebzeiten des 
Vojislav erscheint bei den Friedensverhandlungen mit Ragusa (1361) 
als eine zweite einflußreiche Persönlichkeit des Hofes Vlkasin (Vol- 
cassinus). Unter Zar Stephan wird er (1350) als Zupan von Prilep 
erwähnt, in einer Landschaft, in welcher er sich langsam eine 
Hausmacht gründete -). Zar Uros ernannte ihn zum Despoten. Sein 
Bruder Ugljesa war unter Zar Stephan (1346) eine kurze Zeit 
Statthalter in der Nachbarschaft von Ragusa ^). Nach Chalkon- 
dyles war von den beiden Brüdern der eine Mundschenk (olvoxöog), 
der andere Stallmeister {i7t7to7.6iuog) des Zaren Stephan *). Sagen- 
haft sind die Berichte der ragusanischen Chronisten um 1600. Nach 
Orbini soll der Vater der Brüder ein armer Edelmann Margnava 
aus Livno gewesen sein, der dann bei Blagaj an der Narenta lebte 
und vom Zaren Stephan an den Hof berufen wurde ^). Der Name 
erinnert an den um 1280 in Trebinje urkundlich erwähnten Mrnjan 
(Mergnanus), Kaznac oder Schatzmeister (camerarius) der Königin 
Helena, Mutter Uros' H. 

Eine große Veränderung vollzog sich damals in der Zeta. 
Der angesehenste Mann im Innern, Gjuras Ilijid, einer der Feld- 
herren des Zaren Stephan, wird seit 1362 nicht mehr genannt; sein 



1) Ljubic 4, 48 (Juli 1362) : Voyslaus comes, „inagnus procer Sere- 
nissimi domini imperatoris Sclavonie". 

2) Stojanovic, Zapisi 1 nro. 97. Die Form Vakasin ist jünger, 
nach den seit 1400 eintretenden Lautveränderungen. 

3) Geschenke Uglesse barono: Mon. Rag. 1, 235. 

4) Chalkondyles ed. Bonn. p. 28. 

5) Orbini 274; vgl. Luccari (1. Ausg.) 58. An diese herzegowi- 
nischen Sagen schließt sich eine späte Chronik des Klosters Zographu auf 
dem Athos an, nach welcher Vukaäin aus dem Dorfe Opanci (bei Almissa) 
stammte: Jordan Ivanov a. a. O. 171. 



424 Viertes Buch. Viertes Kapitel. 

Grabstein ist noch bei der St. Michaelskirche von Prevlaka am 
Golf von Cattaro zu sehen ^). Die Landschaft an der Bojana ver- 
waltete unter Uros zuerst der hervorragende Edelmann Zarko 
(1356 — 1357), den die Venezianer auch mit ihrem Bürgerrecht 
auszeichneten '^). Seit 1360 treten an seine Stelle mit einem Male 
die drei Brüder Balsidi: Stracimir, Georg (Jura) und Balsa. Ira 
Chrysobull von Sjenica gewährt Zar Uros den Ragusanern freien 
Handel in seinem Reich, besonders „in der Zeta bei den Balsidi" 
und im Gebiet des Vojislav; durch diese zwei Territorien führten 
nämlich die wichtigsten Wege in das Innere. Die Einsetzung 
dieser Brüder steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem 
letzten Kriege gegen Symeon bei Skutari. Sie besaßen damals 
Antivari, Budua, vielleicht auch Skutari; Dulcigno blieb anfangs 
noch Besitz der Kaiserinmutter. Schon im zweiten Kriege der 
Ragusaner mit ihren Nachbarn waren die Balsici verbündet mit 
Ragusa gegen Cattaro und gegen Vojislav, der Budua für sich 
haben wollte. Bald wurden sie Bürger von Ragusa (1361) und 
von Venedig (l 362). In päpstlichen Urkunden erscheinen die 
Brüder als „Zupane der Zeta" '^). Den Krieg gegen Vojislav 
setzten sie auch nach dem Frieden von Onogost fort; als Vojislav 
sich von den Ragusanern eine Galeere gegen die Balsici ausleihen 
wollte, wurde er abgewiesen, „weil ihr beide unter einem Herrn 
stehet" *). Der Name Balsa kommt nur in Serbien und in der 
Moldau vor; er hat zwar eine slawische Ableitungssilbe, ist aber 
nicht slawischen Ursprungs und wird schon früher bei den Rumänen 
Serbiens erwähnt '•'). Daß die Brüder Emporkömmlinge waren, 



1) lurax (so im Orig.) zuletzt Aug. 1362: Mon. Rag. 3, 222. Grab- 
inschrift: Stojanovic, Zapisi 1 nro. 120. 

2) Sarchus, baro domini regis Raxie : Spomenik 11, S. 13. Chal- 
kondyles a. a. 0. verwechselt ZuQy.og mit Dejan. 

3) Zupani Zente 1368, 1370: The in er, Mon. Hung. 2, 86, 103. 

4) Mon. Rag. 3, 256 (März 1363). 

5) Zuerst ein Barbat Balsic in dem Wlachendorf der Gjurasevci oder 
Sremljane um 1330: Urk. von Decaui 53, 125. Neben Balsa, im 15. Jahrb. 
Baosa (-sa wie in Jaksa, Niksa aus Jacobus, Nicolaus), in Serbien die ver- 
wandten Personennamen Bai, Bala , Balica , Balija , Baleta , Baloje , Balosin, 
Baloslav (ein Dmitr Baloslalic: Urk. Decani 50), in der Moldau Balomir. 
Vgl. den illyrischen König Ballaios. 



Zar Uros (1355-1371). 43* 

sagt ein Nachricht bei Orbini: ihr Vater, namens Balsa, sei ein 
armer Edelmann gewesen, der unter Zar Stephan nur ein Dorf 
besaß ^). Als Verwandter erscheint ein Albanese, der Vojvode 
Nikola Zacharia, Herr von Budua, der auch Bürger von Ragusa 
(1365) und Venedig (1366) wurde ^j. Die Beziehungen zu den 
katholischen Albanesen erklären es, warum die Balsici öfters mit 
den Päpsten Verbindungen anknüpften, zuerst 1368. Einige 
Historiker der Neuzeit brachten die serbische Dynastie der Balsas 
in Zusammenhang mit dem mächtigen französischen Adelsgeschlechte 
der Baux (Baucii, de Baucio, spanisch de ßauza) in der Provence 
und unter den Anjous in Neapel, welches seinen Namen von der 
auf einem isolierten Felsen der Mündungsebene der Rhone nahe 
bei Arles erbauten Burg Les Baux (lies Bauz, lat. Baucium) 
führte. Doch ist dies eine bloß auf dem Anklang der Namen 
beruhende Hypothese ^). 

Südlich von dem Gebiet der Balsici werden die Flußmün- 
dungen Albaniens noch 1363 als das Land des „imperador de 
Sclavonia" bezeichnet. In der Nachbarschaft von Durazzo war 
der mächtigste Mann ein albanesischer Graf, der kriegerische Karl 
Topia (1359 — 1388), dessen Taufname an die altern Anjous er- 
innert. Bald schrieb er sich „Fürst von Albanien". In der drei- 
sprachigen, lateinischen, griechischen und slawischen Inschrift über 
die Erneuerung der Kirche des heiligen Johannes bei Elbassan 
(1381) rühmt er sich der Abstammung aus dem Hause der Könige 
von Frankreich ^). Den Balsici war er Feind, nahm einmal (1364) 



1) Balsa, „gentilhuomo di Zenta assai povero, e in vita dell' impera- 
dore Stefano teneva solamente una villa". Orbini 286. 

2) Die Nachrichten über Nie. Zacharia, einen ,,consanguineus" der 
Baliici, und über seine vier Brüder (einer führt den albanesischen Namen 
Progon) habe ich mitgeteilt im Arch. slaw. Phil. 19 (1897) 589. Vor 
diesem Albanesen war 1361 — 1364 der Serbe Povrsko Kastellan von Budua, 
ein Freund der Ragusaner. 

3) Die Verwandtschaft der Balsici mit den Baux wurde angenommen 
von Du Gange, Farlati, Buchon, Lenormant, Mijatovic, Mas- 
latrie, abgewiesen vou Hahn, Hopf und Barthelemy. 

4) Inschrift 1381: Novakovic, Die ersten Grundlagen der slaw. 
Literatur usw. (Belgrad 1893) 226 f. (/| ccY/uaros ()Tjyug Tt]g 4^Qayyiugj de domo 
Franciae). 



436 Viertes Buch. Viertes Kapitel. 

den Georg gefangen, schloß durch Vermittlung der Ragusaner einen 
Frieden, aber im Jänner 1368 urkundeten alle drei Brüder im 
Lager am Flusse Mat wieder auf einem Feldzuge gegen Karl ^). 
Die Neapolitaner in Durazzo bedrängte und belagerte Topia so 
lange, bis er diese wichtige Stadt im März 1368 in seinen Besitz 
bekam -). Weiter südlich folgte in Valona auf den Despoten 
Johannes, der wahrscheinlich auch ein Opfer der Pest des Jahres 
1363 wurde, Alexander, „Herr von Kanina und Valona" (1363 
bis 1368), vielleicht sein Sohn, Bürger von Ragusa, mit einem 
Gefolge von serbischen, albanesischen und griechischen Edelleuten ^). 
Im Innern galt Zar Stephan Uros noch 1365 als Landesherr in 
Ochrid. 

Die letzte bisher bekannte Urkunde des Zaren Uros ist datiert 
im März 1365 in Pristina. Er bestätigt darin eine Schenkung 
der drei Söhne des verstorbenen Sevastokrators Branko an das 
Kloster Chilandar, dem altererbte Besitzungen der Familie im 
Lande zwischen Pristina und Prizren zugewiesen werden; das 
Gebiet von Ochrid scheinen die Brankovidi damals nicht mehr 
besessen zu haben ^). Die Kaiserinmutter, nunmehr die Nonne 
Elisabeth, residierte noch immer in Serrai, umgeben von einem 
Hofstaat von serbischen und griechischen Adligen und Klerikern. 
In einer Urkunde über die Besitzungen des Klosters Esphigmenu 
auf dem Athos erscheinen im August 1365 an ihrem Hofe ihr 
Schwiegersohn oder Schwager {yaj.tßQ6g), der Kefalija (Gouverneur) 
von Serrai Radoslav 5), und ihr Vetter (i^dd£l(fog) Alexios Asan, 



1) Mon. serb. 177. 

2) „Dominus Karollus Topie, princeps Albaniae, qui, ut dicitur, modo 
cepit Dirachium": Misti vol. 32 f. 116 v im Arcbiv von Venedig. 

3) Despot Jobannes zuletzt Sept. 1363: Ljubic 4, 58. Alexander: Mon. 
Bag. 3, 263; Mon. serb. 178—179; vgl. Spomenik 11, S. 11. Aus Gjurica (dem 
kleinen Georg), dem Logofeten (Kanzler) des Alexander (Mon. serb. 1. c.), wurde 
bei Hopf durch ein Mifsverständnis der Fürst „Alexander Gioritsch". 

4) Mon. serb. 171 — 173. Spomenik 3, 31. Geographisch erläutert von 
Lj. Kovacevic: Godisnjica 10 (1888) 217 f. 

5) Viz. Vremennik 12 (1906) Beilage nro. 18 S. 37—40. Die Unter- 
schriften teils serbisch, teils griechisch. Radoslav, im Text vielleicht infolge 
einer Heirat mit dem Namen der byz. Archontenfamilie Tornikes bezeichnet, 
am Schluß aber serbisch unterschi'ieben, ist vielleicht identisch mit Radoslar 



Zar Uros (1355—1371). 437 

wohl derselbe, welcher durch eine Schenkung des Kaisers Johannes 
Palaiologos auf byzantinischem Boden die Insel Thasos, Christo- 
poHs und einige andere Burgen an der Küste besaß ^). 

Die Türken erweiterten inzwischen ihr Gebiet von Kallipolis 
aus. Nach Villani besetzten sie im November 1361 die große 
Burg von Dimotika. Große Aufregung verursachte in ganz Ost- 
europa der Wiederausbruch der Bubonenpest, die 1362 in Trape- 
zunt sehr stark auftrat, 1363 Albanien und Dalmatien verheerte. 
Damals starb (März 1362) der Emir Orchan; sein Nachfolger 
wurde nicht Chalil, Schwiegersohn des Kaisers Johannes, wie die 
Byzantiner wünschten, sondern Murad I. (1362 — 1389), der Grün- 
der der osmanischen Macht in Europa. Die Pestjahre benutzten 
die Türken zur raschen Besetzung der übrigen Städte Thrakiens, 
vor allem von Adrianopel (ungefähr 1363)-). Die Reste des 
Kaisertums von Konstantinopel begannen den territorialen Zu- 
sammenhang mit den christlichen Staaten zu verlieren. Kaiser 
Johannes suchte einen Anschluß an die Serben und sendete den 
Patriarchen Kallistos zur serbischen Kaiserin nach Serrai, um end- 
lich Frieden zu schließen und eine gemeinsame Offensive gegen 
die Türken zu verabreden. Das Oberhaupt der Konstantinopler 
Kirche fand bei der Witwe des Zaren Stephan den besten Emp- 
fang, verfiel jedoch in eine schwere Krankheit und wurde bald 
in Anwesenheit der Athosmönche feierlich in der Kathedrale von 
Serrai begraben (Sommer 1364). Mit den Bulgaren verhandelte 
Kaiser Johannes nicht, sondern führte zur selben Zeit persönlich 
einen Krieg mit ihnen, wieder um die Küstenstädte am Golf von 
Burgas. Er eroberte sofort Anchialos, belagerte aber vergeblich 
Mesembria ; Zar Alexander vermochte ihn mit seinen Bulgaren und 
türkischen Söldnern nicht von dort zu vertreiben und bewog ihn 
durch Geld zum Abzug ^). 



Povica, einem Bruder des Lop;ofeten Georg, der im Mai 1368 „in domo sua 
in civitate Serrarum" urkundete (Spomenik 11, 85). 

1) ChrysobuU des Kaisers Johannes an die Brüder Alexios und Jo- 
hannes, März 1356: Diplomatarium reneto-levantinum 2, 166. 

2) Zur Chronologie vgl. meine Ausführungen in Arch. slaw. Phil. 14 
(1892) 260 und Byz. Z. 18 (1909) 582. 

3) Kantakuzenos IV cap. 50 (Schluß des Werkes). Die Chrono- 



428 Viertes Buch. Viertes Kapitel. 

In Bulgarien gab es in der Herrscherfarailie unerfreuliche 
Verhältnisse. Alexander hatte seine erste Gattin ins Kloster ge- 
sperrt, um eine schöne Jüdin zu heiraten, die „neugetaufte" 
Theodora. Der älteste lebende Sohn aus der ersten Ehe, Johannes 
Sracirair, wurde von der Nachfolge ausgeschlossen und mit dem 
Kaisertitel in Vidin belassen ; der größere Teil Bulgariens mit 
dem Thron sollte dem jungen Johannes Sisraan zufallen, dem 
Sohn der Jüdin. Dies kam dem König Ludwig von Ungarn ge- 
legen, der kurz zuvor (1363) auf einem Zug nach Bosnien kein 
Glück gehabt hatte, bei der Belagerung der Burg Sokol an der 
Pliva von Vlkac Hrvatinid, Hrvojes Vater, zurückgeschlagen. In 
Bulgarien gab es keinen solchen Widerstand. Ludwig erstürmte 
(Mai 1365) Vidin, führte den Zaren Sracimir weg und hielt ihn 
vier Jahre lang gefangen auf einer Burg in Kroatien. Indessen 
wurde Vidin (1365 — 1369) von einem ungarischen „Ban von 
Bulgarien" verwaltet i). Es war der Höhepunkt der Unterneh- 
mungen Ludwigs in den Balkanländern. 

Ein anschauliches Bild der damaligen Lage von Byzanz bietet 
eine Rede des Demetrios Kydones (1366) 2). Die Türken sind 
Herren von Kallipolis und einem Teil von Thrakien mit der Rho- 
dop